
Vor mehreren Jahrzehnten habe ich erstmals den dystopischen Science-Fiction Blade Runner von Ridley Scott gesehen. Ein paar Jahre später griff ich zur Buchvorlage aus der Feder von Philip K. Dick, die den originalen Buchtitel hinter dem des Films verbarg. Wen wundert es: Schon Scotts Werk brauchte einige Zeit, um zum Kultfilm zu werden. Mittlerweile dürfen die Zuschauer sogar die ungeschönte, unkommentierte und am Ende auch nicht verschnulzte Version sehen. Aber mit dem originalen Buchtitel wäre der Film wohl zum Flop geworden.
Ich gehe mal davon aus, dass Leser dieser Zeiten den Film und seine Handlung kennen. Dann wird sie der originale Buchtitel sicher auch irritieren: Träumen Androiden von elektrischen Schafen? klingt nicht nach der Filmhandlung. Tatsächlich geht das Buch weit über den Blade Runner hinaus. Die Hauptfigur, Rick Deckard, ist zwar auch Kopfgeldjäger, der entflohene Androiden aufspürt und tötet, doch steht im Buch das im Mittelpunkt, was im Film nur angedeutet wird: Die Grenzen zwischen Androide und Mensch sind fließend, die Methoden, um jemanden der einen oder anderen Seite zuzuordnen, sind umstritten.
Was gehört zum Leben? Die Firma, die Androiden erschafft, versucht diese, immer menschlicher zu gestalten. Dieser Prozess ist so weit fortgeschritten, dass komplizierte (und zweifelhafte) Tests nötig sind, um die beiden »Spezies« auseinanderzuhalten. Grenzüberschreitungen, etwa durch sexuelle Kontakte zwischen Mensch und Androide, sind trotz Verboten an der Tagesordnung und führen bei Kopfgeldjägern zu Schwierigkeiten, ihren Job auszuführen.
Ohnehin sind diese keineswegs so coole Einzelgänger, wie im Film. Deckard ist verheiratet, seine Motivation ist der Kauf eines echten, spricht lebenden Tieres. Er muss bislang mit einem künstlichen vorlieb nehmen. Die dystopische Welt nach einer atomaren Katastrophe ist der Grund für dieses seltsam anmutende Motiv, aber das Leben hat in der von giftigem Staub umwallten, sonnenlosen Welt, die weitgehend leer ist, einen hohen Stellenwert.
Philip K. Dicks Parallelwelt ist übrigens auch eine Absage an monströse Träume, die Erde zu verlassen, um auf anderen Planeten zu siedeln. Die Siedler in Blade Runner wollen wieder zur Erde zurück, trotz allem; die Androiden wollen das auch, sie fliehen und nehmen dabei inkauf, Menschen zu töten. Die fehlende Empathie im Verhalten der Androiden ist zugleich eine weiterer Warnung – vor dem allzu blinden Vertrauen in die Segnungen durch Künstliche Intelligenz. Die kann nur nachahmen und nachgeahmt führt zu Verheerungen.
Der Roman ist auf eine nicht actionlastige, tiefgehende Weise spannend und absolut lesenswert. Ein schönes Detail: fliegende Autos in einer zerstörten Welt. Wer denkt da nicht an die Gegenwart.
Philip K. Dick: Blade Runner
Fischer TO
RTaschenbuch 272 Seiten
ISBN: 9783596297702





Ich bin mir gar nicht so sicher, wie dystopisch dieser Roman ist. Dicks „Helden“ sind einfache Menschen, die weitermachen und nicht verzweifeln, die das Kinn hochnehmen.
Klar, der Roman (und mehr noch der Film) spielt vor dem Hintergrund einer „untergehenden Erde“ – ökologische Probleme wie die Verwüstung werden 1968 schon bennannt – und das ist wohl dystopisch, aber Protagonist
Deckard beschäftigen seine Eheprobleme und sein Statussymbol „Haustier“ mehr als Androiden, die ihn töten wollen. Seine „sexuelle Grenzüberschreitung“ ist weniger ein grundsätzlich philosophisches Problem als vielmehr ein Seitensprung der ausser Kontrolle gerät (und sich aufs allerkomischste rächt). Dieser Roman ist weniger eine dystopische Gesellschaftsbetrachtung auf die man eine Abenteuerstory gemalt hat (damit man sie als Roman verkaufen kann), sondern die Schilderung einer Beziehungs- oder vielleicht Lebenskrise, die man auf eine Dystopie gemalt hat, damit man sie als Science Fiction verkaufen kann. Und das macht sie nicht schlecht (oder schlechter), sondern das ist eben Philip K. Dick in seiner besten Form. Finde ich.
Erwähnenswert: Das Buch ist eine Neuübersetzung von Manfred Allié.
Danke für deine Einschätzung. Ich freue mich immer über andere Sichtweisen. Wenn ein Roman vor der Kulisse einer untergehenden Erde spielt, dann ist das schon dystopisch, denn sie beeinflusst alles Denken und Handeln der Personen, einschließlich Androiden. Viele Grüße! Alexander Preuße