Die Graphic Novel erzählt die Geschichte von Josef Mengeles Entkommen nach dem Krieg, nach dem gleichnamigen Roman von Olivier Guez. Cover Knesebeck-Verlag, Bild mit Canva erstellt.
Manchmal sieht man sie noch, die Landmaschinen aus dem Hause Mengele. Einen Schnappschuss konnte ich vor einigen Jahren während eines Spaziergangs machen, der Namenszug prangt auf dem Anhänger: Mengele. Ich habe ihn während meines Lebens häufig gesehen, schließlich habe ich einige Jahre auf dem Land leben müssen; nie aber habe ich Mengele mit Josef Mengele in Verbindung gebracht.
Aufgenommen bei einem Spaziergang im Raum Göttingen.
Das hat der Roman Das Verschwinden des Josef Mengele von Olivier Guez geändert, den ich vor einigen Jahren gelesen habe. Vorstellen möchte ich hier aber die gleichnamige Grafic Novel, die genauso lesenswert ist, wie ihre Vorlage. Sie erzählt eine Geschichte, wie sie gar nicht so selten vorgekommen ist, die Flucht eines verbrecherischen Nazis nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges.
Mit Josef Mengele verbinden sich schauderhafte Verbrechen, begangen im Konzentrationslager Auschwitz. Die werden in der Graphic Novel in wenigen eingestreuten Rückblenden angedeutet, jedoch nicht im Detail ausgeführt. Ebenfalls wird nur am Rande erwähnt, dass Mengele an der Ostfront einige Zeit in der Waffen-SS-Division „Wiking“ kämpfte und es bis zum SS-Hauptsturmführer brachte.
Der Fokus liegt auf dem Verschwinden von Kriegsverbrechern nach dem Krieg. Mit Hilfe verschiedener Netzwerke konnten Nazis aus Deutschland und Europa verschwinden, die so genannte „Rattenlinie“ ist ein geläufiger Begriff. In Argentinien fand Mengele dank des nazifreundlichen Diktator Peron wie viele andere namhafte NS-Größen Aufnahme. Verblüffend, mit welcher Offenheit das geschehen ist.
Man kennt sich, man trifft sich. Auch der Ranghöchste unter ihnen, Adolf Eichmann, tritt dort ganz offen auf, hält Hof wie ein Star und vergibt Autogramme. Mengele ist von dem Leichtsinn entsetzt, hält Eichmann für gefährlich und die ihn umgebenden Männer für Idioten.
Denn das „Verschwinden“ erweist sich nicht als Spaziergang. Statt eines neuerlichen Anlaufs zur Errichtung eines Nazi-Reiches festigt sich die Demokratie in Deutschland, in Argentinien wird der Diktator Peron gestürzt, Fritz Bauer und der israelischen Mossad heften sich auf die Spuren der geflohenen Nazis und erwischen Eichmann. Mengele jedoch nicht.
Die Graphic Novel ist nach dem gleichnamigen Roman von Olivier Guez gestaltet. Beide Bücher sind Bibliotheks-Funde, die Bedeutung von Bibliotheken für mein Leseleben ist unschätzbar.
Er kann sich über viele Jahre hinweg auf die finanzielle Unterstützung aus der Heimat verlassen, die Firma Mengele macht nach dem Krieg glänzende Geschäfte. Trotz vieler Unbilden, der stets wachen und wachsenden Angst vor Verfolgung, die in paranoider, aber durchaus berechtigter Furcht vor seinen Häschern bleibt Mengele letztlich unbehelligt.
In seinem Versteck sieht er mit Verbitterung, wie viele ehemalige Nazi-Täter in der Bundesrepublik Karriere machen, während er in einem abgelegenen Kaff in Uruguay leben muss; seine akademischen Titel wurden aberkannt, sein Mentor macht Karriere als Professor in Münster. An Auschwitz verdienten viel Personen, Firmen und Institutionen und blieben unbehelligt.
Mengele versinkt in seinem Versteck in selbstgerechte Verbitterung, doch wirft sie auch einen langen Schatten auf das Nachkriegsdeutschland, das es sich der Frage von Schuld und Verantwortung recht leichtfertig entledigte. Es weist auf den moralischen Kern von Das Verschwinden des Josef Mengele, der selbst ernannte »Exportweltmeister in Vergangenheitsbewältigung« recht dunkle Flecken auf seiner Weste.
Die Geschichte, die Guez in seinem Roman sowie Matz und Maillet in ihrer Graphic Novel erzählen ist ein schwarz leuchtendes Beispiel für eine himmelschreiende Ungerechtigkeit gegenüber den Opfern jener Nazis, die aberwitzige Verbrechen begingen und davonkamen, unterstützt und geschützt wurden. Für die Bestrafung aktuell begangener Kriegsverbrechen verheißt das nichts Gutes.
Matz, Jorz Maillet: Das Verschwinden des Josef Mengele Nach Olivier Guez Knesebeck 2022 Hardcover 192 Seiten ISBN: 978- 3-95728 -756-4
Über Israel wird hierzulande viel zu viel geredet und zu wenig anderen zugehört. Ein Streifzug durch Abgründe einer immer grotesker werdenden Debatte, die der Lösung des Konfliktes zwischen Israelis und Palästinensern in keiner Weise verpflichtet ist. Cover Kiepenheuer&Witsch, Bild mit Canva erstellt.
Am 07. Oktober 2023 verübte die Hamas einen umfassenden Terrorangriff auf Israel. Meron Mendels Buch Über Israel reden erschien gut ein halbes Jahr vor dieser unmenschlichen, grausamen und propagandistisch umfassend orchestrierten Attacke. Was im Gefolge dieser mitleidlosen Schlächterei an Zivilisten geschah, hat mich persönlich fassungslos gemacht.
Offener und versteckter Antisemitismus, Israelfeindlichkeit (was nicht dasselbe ist, wie Mendel darlegt) verbunden mit Äußerungen, die frei von Empathie waren, dafür voller ideologischer Formeln, menschenfeindlicher Phrasen und Versuchen der Instrumentalisierung. Es erschien allein wichtig, sich zu positionieren, Haltung zu zeigen, sich von der eigenen Anhängerschaft beklatschen zu lassen und anders Denkende als »Feinde« zu diffamieren und zu behandeln.
Aktuell gib es kaum noch einen Raum, in dem man die Situation in Israel und den palästinensischen Gebieten offen analysieren könnte – jenseits von ideologischen Festlegungen und Vorurteilen. Derzeit scheint der einzige Zweck einer Debatte darin zu bestehen, die jeweils eigene Position zu verkünden, von Fans bestätigen zu lassen und die Ansichten des Gegners zu delegitimieren.
Meron Mendel: Über Israel reden
Mittlerweile hat sich mein Bild etwas geklärt, was vor allem an dem Buch von Mendel liegt. Der Autor unternimmt eine weite Reise in den Abgrund, er beschreibt und analaysiert eine ganze Reihe von Dingen, wie sie im Gefolge des Terrors zu erleben waren. Der Untertitel Eine deutsche Debatte verrät seinen Schwerpunkt, dennoch ist es auch dann hilfreich, wenn man auf Äußerungen von Greta Thunberg, linken US-Demokraten, Promis aller Genres usw. stößt.
In Deutschland geschieht der Umgang mit Israel wegen des Holocaust sehr speziell. Mendel geht auf den historischen Umgang mit der Judenverfolgung und -vernichtung ein, er befasst sich mit dem Wandel, der sich in den zurückliegenden siebzig Jahren vollzogen hat. Es ist bemerkenswert, wie sehr sich linke Positionen teilweise soe veränderten, dass sie konsensfähig mit dem wurden, was auf ultrarechter Seite postuliert wurde.
Atemberaubend sind manche Bemerkungen, von denen der Autor berichtet. Seien es deutsche Lehrer, Weltautoren wie Günter Grass, Journalisten der Springer-Presse, Terroristen der RAF, FDP-Politiker, Altgrüne, aber auch auf den ersten Blick harmlos wirkende Bemerkungen, wie Angela Merkels Wort von der »Staatraison« Deutschlands, Israel zu schützen. (Was heißt in dem Zusammenhang eigentlich »Staatsraison«?)
Mendel stellt vieles infrage und stellt manches auch bloß. Wenn der Schleier verschwindet, blickt man in die Fratze allzu vertraut wirkender Vorurteile, Plattitüden, antijüdischer Zuschreibungen und Verschwörungsgeraune. Um Israel bzw. den Konflikt zwischen Juden und Palästinensern geht es in den Äußerungen dabei selten genug, eher um Schuldzuschreibungen und Entlastung von historischer Verantwortung.
Breiten Raum bekommt das Phänomen namens BDS, was für Boycott, Divestment and Sanctions steht. Bewusst ist hier von »Phänomen« die Rede, das scheint doch eher eine geisterhafte Erscheinung zu sein, vielfältig, schillernd, amorph, vernetzt und totalitär, aber trotzdem keine zentrale Organisation. Das erschwert den korrekten Umgang mit klar israelfeindlichen und antisemitischen Äußerungen und Aktionen des BDS.
Für jemanden, der in Israel geboren und sozialisiert wurde, und sich selbst als links empfindet, ist es schwer erträglich, wie linke Gruppierungen mit dem Thema umgehen. Ein beliebter Ansatz Linker ist die Unterteilung der Welt in Opfer und Täter, da Juden und Palästinenser zwei Opfergruppen sind, werden dramatische Verbiegungen unternommen, um Juden zu Tätern umzudichten und in die antiamerikanische Weltsicht einzuhegen.
Die Debatte ist emotional aufgeladen, von einem ganzen, immer größer und komplizierter werdenden Strauß an Interessen geprägt, deren Wortführer jede Gelegenheit wahrnehmen, das Thema Israel zu instrumentalisieren. Über Israel reden zeigt dem Leser auf eine bemerkenswert sachliche und differenzierte, nachdenkliche Weise, wie seit Jahrzehnten von wem in Deutschland geredet wird.
Recht oft musste ich während des Hörens an das Buch von Die Verlockung des Totalitären von Anne Applebaum denken. Die dort genannte Diagnose, dass viele Menschen mit totalitären Neigungen weder Widersprüche noch den sich daraus ergebenden Streit bzw. Lärm noch die fehlenden einfachen Lösungen aushalten können, trifft wohl auch auf viele Äußerungen zum Thema Israel zu.
Das wäre vielleicht auch eine Antwort auf die Frage, warum sich so viele sich in unerbittlicher, ja totaler Weise zum Thema äußern, obwohl sie weder betroffen noch von Kenntnis geküsst sind.
Meron Mendel: Über Israel reden Eine deutsche Debatte Kiepenheuer&Witsch 2023 Gebunden 224 Seiten ISBN: 978-3-462-00351-2
Ein Siebzehnjähriger erlebt 1940 in den Niederlanden den Beginn der Krieges. Das Niemandsland zwischen Krieg und Frieden wird in dieser Novelle brillant erzählt. Cover C.H. Beck, Bild mit Canva erstellt
Zwischen Frieden und Krieg gibt es eine Art Niemandsland, wenn der eine zwar gegangen, der andere aber noch nicht richtig angekommen ist. Eine Zeit der Unwirklichkeit, was vieles ganz normal erscheinen lässt, so, als würde das Leben weitergehen wie gewohnt, während doch alles gerade umstürzt. Gerrit Kouwenaar ist in Fall, Bombe, Fall das Kunststück geglückt, die Atmosphäre dieses Niemandslands auf fabelhafte Weise umzusetzen.
Die Novelle erzählt die Ereignisse, die sich in den Niederlanden im Mai 1940 zutragen, aus der Perspektive des siebzehnjährigen Karel, der mit ebenso pubertären wie gewalttätigen Phantasien dem Leser entgegentritt. Ein Auslöser ist die sexuelle Verlockung beim Anblick eines – wirklich wie im übertragenen Sinne – unerreichbaren Dienstmädchens, das Karel beobachtet.
Seine Auflehnung gegen die bürgerliche Welt und die elterliche Autorität zeigt sich in der gedanklichen Verweigerung, Beethovens »Ode an die Freude« zu mögen. Karel malt sich aus, wie er seine Ablehnung nicht etwa hinausposaunt, sondern im Gegenteil heuchelt, er fände die Musik herrlich. Er würde lügen, den Schein wahren. Eine Form, die elterliche Kontrolle auszusperren, die sich auf Äußerlichkeiten wie Pickel beschränkt, »den Rest kann niemand kontrollieren«.
Ich weiß, dass es verwerflich ist, zu wünschen, dass es Krieg gibt, aber ich fände es herrlich.
Gerrit Kouwenaar: Fall, Bombe, Fall
Dieser »Rest« besteht unter anderem aus dem Wunsch, dass er allmächtig wäre, verwoben mit den für ihn unerfüllbaren sexuellen Phantasien, aber auch mit handfesten Gewaltvorstellungen: Die gesamte Straße ginge in Flammen auf oder ein zufällig vorübergehender Junge stürbe. Über allem steht aber das eher unbestimmte Bedürfnis danach, dass etwas geschehe und die unerträgliche Stille verginge.
Ein Krieg würde die Stille vertreiben; eine fallende Bombe, wodurch sich der Titel der Novelle erklärt. Dabei ist zu diesem Zeitpunkt schon Krieg, Deutschland hat Polen angegriffen, England und Frankreich dem Aggressor den Krieg erklärt, ohne dass bis zu diesem Zeitpunkt im Westen Europas große Kämpfe ausgebrochen wären. Im Osten hat die Sowjetunion Polen und Finnland kriegerisch heimgesucht, quasi im Sichtschatten der Kriege Hitlerdeutschlands.
In den Niederlanden starrt man vorahnungsvoll nach Osten, die Erwartung lautet, dass man anders als 1914 angegriffen werde. Anspannung liegt in der Luft, in verschiedenen Maßnahmen, wie etwa eine Urlaubssperre, schlägt sich die Nervosität nieder. Karel aber erlebt zunächst einen Verwandtenbesuch, der die Handlung in Gang bringt: Sein Onkel Robert bittet ihn um die diskrete Überbringung eines Briefes an eine Frau mit dem exotischen Namen Mexocos.
Ich warte, und ich bin immer noch ein dicker, fröhlicher Mann, doch mein Glück ist in Gefahr.
Gerrit Kouwenaar: Fall, Bombe, Fall
Karels Onkel Robert kommt nicht mehr dazu, seinem Neffen zu erklären, was sein »Glück« ist und wodurch es in Gefahr gerät; die Auflösung lässt noch etwas auf sich warten, denn der Krieg kommt nun doch. Ein gleichmäßiges Brummen liegt in der Luft, »breite Streifen weißen Lichts« zucken »ungelenk« über den dunklen Himmel. Bald ist in der Ferne auch ein Grollen zu hören, »als gäbe es Gewitter«.
Die Nachrichten bringen die Bestätigung: Die »Deutschen haben uns überfallen«. Doch außer der Geräuschkulisse, die eben noch nicht mehr ist, macht sich der Krieg kaum bemerkbar. Karel streift durch die Stadt, die namenlos bleibt; er scheint auf der Suche zu sein, auf der Suche nach dem Krieg. Vor dem Leser entfaltet sich nun auf eine beeindruckende Weise jenes Niemandsland zwischen Frieden und Krieg.
Auf seinem Weg nimmt Karel Details wahr, die in einem seltsamen Spannungsverhältnis stehen. Sandsäcke werden aufgestapelt, eine Bürgerwehr ist durch Patrouillen präsent, es gibt Gerede über die Franzosen und Engländer, die bald kämen; am Himmel kann man Flugzeuge in perfekter Formation ausmachen, ungerührt von den sie umgebenden weißen Wölkchen (Flakfeuer); aber die Cafés sind voll, die Menschen genießen die Sonne, deren Leuchten zu der Nachricht des Überfalls nicht passen will. An einem Haus werden verschnörkelte Buchstaben neu lackiert. Das Gefühl macht sich breit, einer Illusion aufzusitzen.
Es passiert alles Mögliche, und es passiert nichts.
Gerrit Kouwenaar: Fall, Bombe, Fall
Bis der Krieg sein blutiges Haupt erhebt.
Dank des Briefes und des Auftrags, mit dem Karel durch seinen Onkel Robert beauftragt worden ist, lernt er zwei Rias kennen, Mutter und Tochter gleichen Namens, die eine gänzlich andere Existenz führen, als die Eltern der Hauptfigur. Es sind Künstler, Bohème, Jüdinnen, während die Familie Karels durch und durch bürgerlich, leistungsaffin und auf eine formelhafte Weise korrekt auftritt.
Die beiden Frauen sind sich der Gefahr durch die Deutschen bewusst und wollen darauf reagieren; Karel soll einen Antwortbrief an seinen Onkel überbringen. Mehr soll an dieser Stelle nicht verraten werden. Die Novelle ist von einer auf- und abschwellenden Dynamik geprägt, wie der Krieg selbst, der sich immer wieder nähert und in seinen Auswirkungen eskaliert. Das Leben Karels wandelt sich jäh, nicht nur in der Phantasie, denn er wird abrupt von der Kindheit in die Erwachsenenwelt gestoßen.
Die Novelle ist voller wunderbarer Formulierungen, atmosphärischer Passagen, Beobachtungen, Tempo- und Dynamikwechseln; ganz besonders gefallen hat mit Karels Gedankenflug, in dem er sich mit der Floskel, deutsche Truppen hätten die Grenze überschritten beschäftigt. Er fragt sich: Wie überschreitet man eigentlich eine Grenze? Und füllt diese hohle Formulierung mit erzähltem Leben.
[Rezensionsexemplar]
Gerrit Kouwenaar: Fall, Bombe, Fall Aus dem Niederländischen von Gregor Seferens Mit einem Nachwort von Wiel Kusters C.H. Beck 2024 Hardcover 124 Seiten ISBN: 978-3-406-81390-0
Ein schlichtes Cover eines Buches, das sich einem dramatischen Thema widmet. Cover Penguin-Verlag, Bild mit Canva erstellt.
Das Sachbuch Die Verlockung des Autoritären von Anne Applebaum ist ein Augenöffner. Jahrzehnte habe ich eine überregionale Tageszeitung mit hohem eigenen Anspruch gelesen und durch die Lektüre historisch-politischer Bücher ergänzt, das Zeitgeschehen aufmerksam verfolgt und darüber hinaus mit Analysen vertieft. Trotzdem sind einige Entwicklungen an mir vorübergegangen.
Spätestens mit dem Brexit, der für mich völlig überraschend kam, und der Wahl Donald Trumps war klar, dass etwas nicht stimmte, etwas, das von den mir zugänglichen Informationen und Analysen nicht ausreichend durchleuchtet wurde. Es gab schon vorher Warnsignale: Die Erwartungen an das Wahlverhalten wichen von den tatsächlichen Ergebnissen auch in Deutschland immer weiter ab, offenkundig verhielten sich viele Wähler unvorhersehbar.
Warum war das so? Wie konnte eine Entscheidung von derart gewaltiger Tragweite (Brexit) verloren gehen? Wie konnte in den USA eine Gestalt á la Donald Trump gewählt werden? Woher kam der scheinbar plötzlich anschwellende Rechtpopulismus, woher Parteien wie Vox in Spanien? Eine Wirtschaftskrise á la 1929 stand als Erklärung nicht zur Verfügung, anders als etwa Reichskanzler Brüning hatten die Staaten auf die schwere Finanz- und Eurokrise angemessen reagiert, zudem waren die Sozialsysteme nicht dysfunktional.
Unter den passenden Bedingungen kann sich jede Gesellschaft von der Demokratie abwenden. Und wenn man überhaupt etwas aus der Geschichte lernen kann, dann vielleicht, dass alle unsere Gesellschaften dies früher oder später einmal tun werden.
Anne Applebaum: Die Verlockung des Autoritären
Die Antworten, die mir präsentiert wurden, griffen zu kurz, sie berührten die Ursachen nur und waren fragmentiert. Ja, es wurde darauf hingewiesen, dass die Brexiteers auf unlautere Mittel zurückgegriffen hatten, vor und insbesondere nach der Wahl ein politische Klima geschürt, gelogen, aufgehetzt und auch Gesetze gebrochen. Aber wie weit das ging und welche konkreten Mittel verwendet wurden, ist mir erst durch Die Verlockung des Autoritären begreiflich geworden.
Ein Punkt ist sicherlich, dass ich erst 2020 mit der Nutzung der so genannten Sozialen Medien begonnen habe und seitdem aus eigener Erfahrung einige bekannte Mechanismen der Manipulation selbst kennengelernt habe und richtig begreifen konnte. Vielleicht ging das den Journalisten meiner überregionalen Zeitung ja auch so, vielleicht haben sie die Tragweite auch unterschätzt – Mutmaßungen, die bei der Lektüre von Die Verlockung des Autoritären unweigerlich aufkommen.
War das Phänomen überhaupt in vollem Ausmaß begreiflich? Viele Dinge schienen sich aus dem Nichts zu entwickeln, dabei haben sie einen langen Vorlauf gehabt und sich in einem Maße und Tempo (man könnte fast den »Blitzkrieg« als Begriff exhumieren) entwickelt, das vielleicht auch für kluge Beobachter wirklich unverständlich war.
Die Vernetzung von moderner Technologie, politischem Interesse sowie jener Gefühlslage in manchen gesellschaftlichen Kreisen, ausgeschlossen und zurückgesetzt zu sein, mit dem ruchlosen Gegenangriff autoritärer Regime á la Russland und China auf kommunikativem, technologischem Feld war zumindest für mich in dem Ausmaß überraschend.
Ein gravierender Fehler war sicherlich, 1989 an einen Sieg und einen Automatismus zu glauben, der die Welt demokratischer machen würde, quasi von allein. Es gab auf dem langen Weg in die Finsternis, die nun herandräut, einige Momente des Lichts, etwa das Friedensabkommen um Nordirland, mit dem ein Schlusspunkt, ein vorläufiger Schlusspunkt unter einen Alptraum gesetzt wurde. Dem optimistischen Glauben an ein fortschreitendes Ausgreifen dessen, was ich als »Freien Westen« begreife, habe ich allzu gern nachgegeben.
Anne Applebaum liefert eine Menge Hinweise, die Antworten und weitergehende Fragen liefern. Ist dem Homo Sapiens überhaupt zu trauen? Die klugen Schöpfer der amerikanischen Verfassung, attestierten dem Menschen üble Grundneigungen, aus denen heraus immer wieder die Gefahr entspringen könnte, dass freie Gesellschaften den Weg zur Tyrannei beschreiten. Nach 1990 gab es auch Ansätze, doch haben sie sich als zu schwach erwiesen, um Putin, Orban, Kaczyński, Trump, Bolsonaro, Maduro und viele mehr zu verhindern.
Bei dieser Veränderung ging es nicht darum, den Staatsapparat zu optimieren, sondern ihn auf Parteilinie zu bringen und die Gerichte gefügig zu machen.
Anne Applebaum: Die Verlockung des Autoritären
Warum das so ist und wie sich die Entwicklung vollzogen hat, werde ich hier nicht im Detail aufführen. Dazu lese man dieses vorzügliche Buch einer in Amerika geborenen, seit 1988 in Polen lebenden, polyglotten und scharf analysierenden Autorin. Deutschland kommt in dem Buch nicht vor, es konzentriert sich auf Polen, Ungarn, England und die USA, mit einigen Abstechern nach Spanien (sehr spannend!), Italien und Frankreich.
Für deutsche Leser ist das durchaus ein Glücksfall, sofern man nicht alles in Form von weichgekochtem politischen Haferbrei verköstigen möchte. So kann man selbst überlegen, welche der genannten Faktoren, Entwicklungen, Entscheidungen und Zufälle zu dem Aufstieg der autoritären Rechten und Linken kommen konnte. Tatsächlich lässt sich einiges ablesen, übertragen und den Leser schaudern.
2010 waren weder die Tories noch die US-Republikaner so radikal dem Brexit- und MAGA-Abgrund verfallen, wie in der Gegenwart. Die CDU/CSU und die FDP waren es bis 2021 auch nicht; seitdem gibt es in diesen Parteien Entwicklungen, die Sorgen bereiten. Eines jedenfalls hat den anderen Parteien nicht geholfen, nämlich dass die Mehrheit das so nicht wollte, zum Beispiel einen harten Brexit. Eine Lehre aus Die Verlockung des Autoritären ist, dass es für eine Katastrophe keine Mehrheit, sondern nur eine zu allem entschlossene Minderheit braucht.
Sehr spannend sind die Erklärungsansätze, derer sich Applebaum bedient. Grundsätzlich verortet sich Autoritarismus unabhängig von politischen Schubladen á la »rechts« und »links«; es handelt sich um Menschen, die »grundsätzlich antipluralistisch« denken, die keine »Komplexität aushalten«. Linke Ideologen des Totalitarismus finden sich nach Applebaum vor allem an Unis, Rechte hingegen in Regierungen. Das mag man mit Blick auf Cuba, Venezuela, Lulas Brasilien, Parteien wie Die Linke und BSW nicht recht unterstützen, zumal die Autorin selbst auf haarsträubende Ansichten linker Totalitärer in der Labour Party verweist.
Das Konzept der »clercs«, intellektueller Ideenspender in totalitären Ideologien, ist hoch spannend, Applebaum beleuchtet das Treiben derartiger Gestalten in der Gegenwart. Ein zentraler Punkt ist auch Lenin und sein 1917 entstandener Mechanismus des Machterhalts, der Links und Rechts verbindet, denn es handelt sich nicht um eine Ideologie, sondern um eine Organisationsform.
Neu im 21. Jahrhundert ist der Wechsel von der großen (Bolschewiki / Nazis) zur mittelgroßen Lüge: Obama wäre nicht in den USA geboren, George Soros wäre ein Verschwörer, der den Austausch der autochthonen Bevölkerung durch eine muslimische betreibe usw. Auf dieser Basis können Menschen ein Bekenntnis abgeben und in den totalitären Kreis eintreten oder werden ausgegrenzt. Einleuchtend ist auch das Konzept des »restaurativen Nostalgikers«, jenes Phänotyps in England, der als Minderheit das ganze Land in das Brexit-Desaster führte.
Ursachen waren auch keine mystischen ›Geister aus der Vergangenheit‹, sondern die konkreten Taten von Menschen, denen die bestehende Demokratie missfiel.
Anne Applebaum: Die Verlockung des Autoritären
Schließlich widmet sich Applebaum auch den Werkzeugen und Mechaniken in einer Weise, die ebenso erhellend wie erschreckend ist. Lügenkaskaden etwa, die ohne Konsequenzen bleiben; oder jene groteske Ablösung von Wirklichkeit und Ideologie, wenn ausgerechnet Putins Russland als »gottgefälliges Land« besungen wird, wenn also die Realität keine Rolle mehr spielt. Wer wüsste nicht aus dem Stand einige Beispiele dafür zu nennen?
Um zum Anfang dieses Textes zurückzukehren: Welche Rolle nimmt die etablierte Presse in diesem Spiel ein, was ist mit dem Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk? Werden sie ihrer Aufgabe als Korrektiv gerecht oder lassen sie sich dank selbstgefälliger Eigensicht instrumentalisieren und am Nasenring durch die Manege ziehen? Zweifel sind erlaubt. Das Konzept der »Neutralität« und »Ausgewogenheit« der ÖRR wird überwiegend rechnerisch befriedigt und gibt antidemokratischen oder sachlich abwegigen Propagandisten eine Plattform.
Eine Grenze ist auch dann überschritten, wenn eine große, überregionale Tageszeitung im Vorfeld einer Bundestagswahl »Werbung« abdruckt, die nichts als politische Hetze darstellt. Dann ist die Zeitung allen Beteuerungen zum Trotz zum Teil jenes antidemokratischen Treibens geworden, an dessen Ende die Dämmerung der Demokratie und der Schritt in den Totalitarismus stehen kann.
[Rezensionsexemplar]
Anne Applebaum: Die Verlockung des Autoritären Warum antidemokratische Herrschaft so populär geworden ist Aus dem Englischen von Jürgen Neubauer Pantheon Verlag 2022 Klappenbroschur 208 Seiten ISBN: 978-3-570-55459-3
Die Graphic Novel zeichnet einige Stationen aus dem bewegten, ja dramatischen Leben Hannah Arendts nach, gibt aber auch Einblicke in ihre Geisteswelt. Cover dtv, Bild mit Canva erstellt.
Berühmte Zitate oder Wendungen sind beliebt, viele kennen sie, manche führen sie im Munde, doch sind sie oft aus dem Zusammenhang gerissen oder werden missverstanden ohne den Kontext. Das ist mit Carl von Clausewitz und seinem Diktum, Krieg sei nichts anderes als die Fortführung von Politik mit anderen Mitteln, nicht anders als mit Hannah Arendts Wort von der »Banalität des Bösen«.
Klingt gut, schlau und wertet jene auf, die das Zitat verwenden – auch wenn ihnen völlig unklar ist, was eigentlich »Banalität« in diesem Falle meint, gar nicht zu reden, welche Schlussfolgerungen daraus gezogen werden. Auf diese Fragen gibt auch Die drei Leben der Hannah Arendt keine Antwort, im Gegenteil: Es wirf sie und viele andere Fragen erst auf.
Die Graphic Novel von Ken Krimstein macht den Leser mit einer Reihe von Lebensstationen von Hannah Arendt vertraut, darunter äußerst dramatische, wie die Flucht aus Marseille vor dem Zugriff der mit den Deutschen kollaborierenden französischen Sicherheitskräfte. Die wunderbare, leicht sperrige Art der Illustration macht von der ersten Seite an deutlich, dass es hier um viel mehr geht, als um die Nacherzählung eines bewegten und bewegenden Lebens.
Immer wieder wird der Leser mit philosophischen bzw. politisch-theoretischen Begriffen, Fragen, Betrachtungen und Überlegungen konfrontiert, denn das alles macht das Leben Arendts aus. Sie sucht nach Antworten, bei Kant, in Seminaren, Bibliotheken, Gesprächen mit Gelehrten ihrer Zeit, durch das Schreiben von Essays und die Auseinandersetzung mit Kritikern.
Man macht auch Bekanntschaft mit dem, was jenen widerfahren kann, die Ruhm und Berühmtheit erlangen. Die Erwartungen anderer werden enttäuscht, wenn man nonkonform denkt und sich äußert – man eckt an, wird geschnitten, angefeindet und von Freunden im Stich gelassen. Freiheit und Offenheit hat ihren Preis, immer und überall.
Was heute so gewandt und geläufig klingt, die »Banalität des Bösen« als Beschreibung von Eichmanns Wesen, den viele Zeitgenossen lieber als Monster sehen wollten, hat massive Anfeindungen ausgelöst – kaum vorstellbar in der Rückschau. Damit entsteht eine Leerstelle in der Graphic Novel, die – hoffentlich – viele Leser dazu bringt, vielleicht einmal einen Teil der Lebens- und Lesezeit mit der Auseinandersetzung mit einem Text Hannah Arendts zu verbringen.
Das Schaurigste in dem Buch ist jedoch etwas anderes. Arendt gehörte zu jenen, die von den Franzosen interniert und nach Südfrankreich gebracht wurden, als die Wehrmacht angriff. Das allein ist bedrückend genug, für mich noch unangenehmer ist die Reaktion der Insassen auf den Vorschlag Arendts, die kurze Phase der Unsicherheit, Anarchie nach dem Zusammenbruch des französischen Widerstands zur Flucht zu nutzen – viele blieben und wurden nach Osten deportiert. Sie haben lieber weggesehen, als dem Übel ins Auge zu schauen. Eine Warnung.
Ken Krimstein: Die drei Leben der Hannah Arendt Aus dem Englischen von Hanns Zischler dtv 2018 Klappenbroschur 244 Seiten ISBN: 978-3-423-28208-6
Ein wahres Füllhorn ist dieses Buch über die Renaissance. Autor Bernd Roeck greift weit in die Antike aus, schließlich sollte dem Leser auch etwas vermittelt werden, was eigentlich wiedergeboren wurde. Verwoben mit Skizzen des politischen Geschehens, vor allem in Italien, folgt der Autor den ersten, zarten Silberstreifen am mittelalterlichen Horizont. Was nicht alles gedacht, gemalt, geschrieben und gemeißelt wurde! Wie immer bei der Historischen Bibliothek der Gerda Henkel Stiftung ein kleiner Schatz.
Piratenbrüder
Das dramatische Finale
Alexander Preuße: Opfergang – Piratenbrüder Band 7 Taschenbuch 508 Seiten, 19,99 Euro eBook: Kindle 5,99 Euro oder KindleUnlimited
Bücher begleiten mich schon mein ganzes Leben, auf dem Leseweg habe ich sehr viele großartige Romane und Sachbücher lesen dürfen, von denen ich gern erzählen möchte. Das ist ein Grund, warum ich blogge.