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Schlagwort: Abenteuerroman

Totenschiff – Probedruck

Es ist immer wieder ein großer Augenblick, das neueste Buch erstmals gedruckt in den Händen zu halten, auch wenn es das fünfte innerhalb eines Jahres ist.

Da ist es! »Totenschiff«.

Der Probedruck des fünften Bandes meiner »Piratenbrüder« ist eingetroffen. Gut zwei Monate vor dem Veröffentlichungstermin.

Es ist wieder einmal ein Augenblick purer Freude.

Nun lese ich das Buch laut vor, jeden Tag ein paar Kapitel, und mache mich an die Korrekturen. Da findet sich so einiges – der Name eines spanischen Schiffes ist mal mit, mal ohne „ñ“ geschrieben; das ist bisher niemandem aufgefallen.

Hier und da fehlt ein Komma, ab und zu findet sich ein Artefakt oder eine hakelige Formulierung … es gibt also noch ein wenig zu tun, bis das Buch am 20. September 2024 veröffentlicht werden kann.

Die ersten drei Kapitel sind sehr stimmungsvoll. Wenn ein „Schatten im Nebel“ auftaucht, meine Helden vom „Reich der Lebenden in das Reich der Toten“ übersetzen und „Das Totenschiff“ ansteuern.

Und das ist erst der Auftakt zu dramatischen Ereignissen.

Der Roman kann als eBook bereits vorbestellt werden. Ein paar Infos habe ich auf der A+-Seite bei Amazon hinterlegt, einfach auf das Bild klicken.

James Clavell: Shōgun

Ein großes Epos hat James Clavell geschrieben. Cover Knaur, Bild mit Canva erstellt.

Endlich bin ich einmal dazu gekommen, Shōgun von James Clavell zu lesen. Das hatte ich mir bereits in den frühen 1980er Jahren anlässlich der schönen Verfilmung mit Richard Chamberlain vorgenommen, einige Jahrzehnte später hat mir die erneute Umsetzung im Rahmen einer Serie den nötigen Motivationsschub gegeben, zu Buch / Hörbuch zu greifen. Dieser wunderbare historische Schmöker hat mich in den Bann geschlagen.

Karma, hatte er sich gesagt, ohne dass es schmerzte.

James Clavell: Shōgun

Das Wort »Karma« wird im Verlauf der Handlung oft benutzt, reicht aber weit über eine bloße (achselzuckende) Phrase hinaus. Wie der englische Pilot / Navigator (Anjin) Blackthorne nähert sich der Leser der anfangs fremden Welt peu á peu an. Worte, die auch als hohle Hülsen im Stile von »Gott sei mit dir!« gebraucht werden könnten, entpuppen sich als Teil einer spezifischen Lebenshaltung. Es ist ein weiter Weg, bis die Hauptfigur nicht nur „Karma“ sagt, sondern auch meint, weil er dessen Bedeutung verinnerlicht hat und fühlt.

Die Fremdheit und der sich langsam, aber unvollständig lüftende Schleier über der Kultur des Inselreiches Japan wird durch die epische Geschichte sehr schön eingefangen, die gegenseitigen Missverständnisse sind lustig, lebensgefährlich, grotesk und tatsächlich auch lehrreich. Die Handlung bleibt auch deswegen so spannend, weil der Umgang mit den Verständnisgräben immer wieder für Überraschungen sorgt.

Der Umgang mit den Sprachen hat mir besonders gut gefallen. Blackthorne ist ein hochgebildeter Mann, er spricht neben Englisch auch Niederländisch, Portugiesisch, ein paar Brocken Spanisch (»¡cabron!«) und Latein. Für die meisten Japaner ist Latein „die Geheimsprache der Priester“, die sie nicht verstehen. Clavell nutzt das, um ausgerechnet Latein zur Sprache der Liebe zu machen, die der Anjin und Mariko benutzen, um sich heimlich zu verständigen. Für Schul-Lateiner ist es äußerst faszinierend, dass etwas so Dröges, Totes sehr lebendig sein kann.

Die inhaltlichen Wendungen sind eine der ganz großen Stärken von Shōgun. Clavell hat ein dichtes Netz an Antagonismen, geheimen und offenen Bündnissen, Interessen, Verrat und individuellen Strategien und Taktiken geschaffen, das weit über das hinausgeht, was die beiden Serien zu bieten haben. Alles ist in die geopolitische Lage des Jahres 1600 eingebettet, die Gegensätze zwischen Katholiken und Protestanten sowie der ewige Krieg zwischen Spaniern / Portugiesen und Engländern / Niederländern bilden eine aktive Kulisse der Handlung.

Obwohl mir die Grundhandlung durch die beiden Serien bekannt war, fesselte das Buch bis zur letzten Seite. Einige Stellen sind sehr brutal, die mögliche Anwendung von Gewalt liegt stets in der Luft. Und doch sind es die Gedanken und vor allem Gespräche der Handelnden, die Shōgun so interessant machen. Schlachten werden nur im Kopf geschlagen, als Pläne, Optionen oder Erinnerungen, bemerkenswert bei so einem dicken Schinken.

Schwerter und Bögen kommen bei Scharmützeln und Handstreichen, Überfällen und Verrat zum Einsatz. Sie sind aber immer das Mittel zu einem anderen Zweck, oft einem mehrfachen Doppelspiel, mit dem sich die Kontrahenten auszuspielen versuchen. Das wirkt alles sehr durchdacht und hervorragend erdacht. Für mich war die klassische auktorialen Erzählhaltung zudem äußerst angenehm, Clavell hat erzählt, was er zu erzählen hat, und die ihm passende Form gewählt.

James Clavell: Shōgun
Aus dem Englischen von Werner Peterich
Knaur 2024
Taschenbuch 1.280 Seiten
ISBN: 978-3-426-29351-5

B. Traven: Das Totenschiff

Ein Abenteuerroman mit Tiefgang. Cover Diogenes Verlag, Bild mit Canva erstellt.

»Seelenverkäufer« ist so ein schönes Wort. Es meint ein nicht vollständig seetaugliches Schiff, das im übertragenen Sinne die »Seelen« der Mannschaft »verkauft«. Die Yorikke gehört zu dieser Kategorie. Als »der Eimer« vor den Augen des Erzählers erscheint, findet dieser weit stärkere Formulierungen, um den heruntergewirtschafteten Zustand des Dampfers zu beschreiben. Ein »Seelenverkäufer« ersten Ranges. Oder, wie es der Augenzeuge dann selbst formuliert:

Da war ein Geheimnis verborgen. Sie war doch nicht etwa gar ein -?
Aber vielleicht doch. Vielleicht war sie doch ein Totenschiff. Da! Da ist es endlich heraus. Ein Totenschiff. Verflucht noch mal, o Sperlingsschwänze und Fischflossen! Jawohl, sie ist ein Totenschiff.

B. Traven: Das Totenschiff

Zu diesem Zeitpunkt ist der Roman Das Totenschiff von B. Traven bereits recht weit gediehen, ganz ohne Schiff. Das erste Drittel der Handlung spielt an Land, erzählt wird eine hanebüchene Irrfahrt durch Westeuropa, voll kurioser Wendungen. Nachdem der Seemann Gales die Tuscaloosa durch missliche Umstände verpasst hat und seine Papiere mit dem Schiff auf und davon sind, steht er vor einer unüberwindlichen Hürde: Wie beweisen, dass er Amerikaner ist?

Es folgt ein irrwitziges Spiel. Gales wird von den belgischen Behörden gezwungen, die Grenze zum Nachbarland illegal zu überschreiten. Ihm drohen drastische Strafen, sollte er noch einmal zurückkehren. In den Niederlanden wird er aufgegriffen, auch hier greifen die offiziellen Stellen zum gleichen Mittel wie in Belgien. Absehbar, dass die Hauptfigur gar keine andere Wahl hat, als trotz Strafandrohung eines der ihm verbotenen Länder erneut aufzusuchen.

Das Hin&Her spitzt sich immer mehr zu und erreicht in einem amerikanischen Konsulat seinen vorläufigen Höhepunkt. Während eine reiche Amerikanerin allzu leicht ihren verlorengegangenen Pass ersetzt bekommt, muss sich Gales anhören, dass er ohne seine Papiere im Grunde gar nicht existiere. Der Beamte erklärt ihm entgegenkommend, er persönlich wolle ja dem Identitätslosen gern Glauben schenken, doch damit könne er die Vergabe eines Passes gegenüber seinen Vorgesetzen nicht verantworten.

Denn was ich glaube, will die Regierung daheim nicht wissen. Sie will nur wissen, was ich bestimmt weiß. Und was ich bestimmt weiß, muss ich beweisen können. Ihre Staatsbürgerschaft und Ihre Geburt kann ich nicht beweisen.

B. Traven: Das Totenschiff

Traven nutzt die Irrfahrt seines Helden, um gesellschaftliche Kritik zu üben – in einem schnoddrigen Ton, gewürzt mit Spott, Sarkasmus und boshaftem Witz. Oft lässt der Autor die Situation an sich sprechen, die Dialoge und Handlungsweisen der Figuren, die Zufallsbegegnungen. Manchmal rückt Gales das Gesagte durch bissige Kommentare ins rechte Licht; in das Licht der frühen 1920er Jahre, das gedämpft wird durch den Schatten des Ersten Weltkrieges.

Gales ist Amerikaner und verheimlicht das zumeist. Er gibt sich oft als Deutscher aus, eine auf den ersten Blick seltsame Maßnahme, könnte man doch annehmen, die Verlierer des Großen Krieges wären unbeliebter als die Yankees, die letztlich dank ihrer wirtschaftlichen und militärischen Stärke den Waffengang für die Alliierten entschieden haben. Doch stehen die USA im Ruf, ihre Hilfe vor allem aus Eigennutz angeboten zu haben, ein recht typisches Motiv des Antiamerikanismus, wie er in manchen Kreisen bis heute gern gepflegt wird.

Präsident Wilsons Politik war tatsächlich darauf ausgerichtet, den Mittelmächten keinen Sieg zu erlauben, vor allem aber, die USA zur globalen Führungsmacht aufsteigen zu lassen. Europa war jenseits des Atlantiks hoch verschuldet und selten liegt die Macht beim Schuldner, sondern beim Gläubiger. Die hehren amerikanische Werte, mit denen die USA in den Krieg zogen, bespöttelt Gales.

Als er wiederholt von Polizisten durchsucht wird, fragt er sich, was diese so dringend suchten – etwa die verlorengegangen 14 Punkte von Präsident Wilson? Dieses Programm fasste die Ziele des US-Präsidenten für eine Friedensordnung zusammen, es diente als politische und moralische Grundlage für die Kriegführung der USA. Die tatsächliche Nachkriegsordnung hatte mit dem Geist der 14 Punkte recht wenig zu tun, was Traven auf seine Weise karikiert.

Doch bekommt auch Deutschland, namentlich Preußen, bissige Kritik ab. Die Behörden eines jeden Landes bemühen sich, den Mann ohne Papiere nach Deutschland abzuschieben, worüber dieser sich wundert. Er verweigert sich rundheraus, verkündet, er würde sich lieber erschießen lassen, als nach Deutschland zu gehen. Denn:

Wenn man in Amerika und vielen andern Ländern das Wort ›Preußen‹ hört, ist es nie mit dem Lande Preußen oder mit seinen Bewohnern verknüpft, sondern es ist ein Synonym für eine Abwürgung der Freiheit und für polizeiliche Bevormundung.

B. Traven: Das Totenschiff

Der freiheitsliebende und nicht sonderlich arbeitswütige Gales, der in Spanien eine Art Dasein gefunden hat, landet schließlich auf der Yorikke. Wie kann das sein, wo er in dem Kahn gar ein Totenschiff sieht und angesichts seiner äußeren Erscheinung auf verheerende Zustände an Bord rückschließt? Nolens volens, könnte man sagen. Das Schiff selbst scheint es auf ihn abgesehen zu haben. Gales verweigert sich dem Anwerbeversuch und findet sich dennoch unversehens an Deck wieder. Die Yorikke nimmt Fahrt auf und steuert geschwind aufs weite Meer. 

Auf dem Schiff sind die Verhältnisse noch viel furchtbarer, als Gales befürchtete. Er wurde betrogen, geschickt mit Worten in die Irre geführt und sitzt abermals in der Falle. Die Yorikke ist ein Totenschiff, doch geht es hier nicht um Untote, wie jene halb verwesten Gestalten in Fluch der Karibik. Es sind die Arbeiter an Bord, die unter unmenschlichen Bedingungen knechten müssen. Vieles ist im Wortsinne kaum vorstellbar.

Travens Totenschiff ist ein Sinnbild für die Ausbeutung in einem ungeregelten Kapitalismus, in dem sich die Arbeiter nicht wehren können und zu Verdammten und Verlorenen, zu Toten werden. Aber der Autor lotet bei seiner mitreißenden Schilderung des Schicksals von Gales auch die allgemeinen menschlichen Untiefen aus: Der Drang der Unterdrückten, sich gegenüber Schwächeren oder Niedrigergestellten zu erheben und diese ihrerseits zu unterdrücken.

Eine der wesentlichen Ursachen der menschlichen Misere sieht Gales im Drang zur Nachahmung, dem Herdentrieb, der eine echte Weiter-Entwicklung des Menschen verhindere. So bleibe man ein Barbar, wie vor sechstausend Jahren, und lasse sich knechten. An der Reling der Yorikke stehend fragt sich Gales, warum er sich nicht selbst erlöse, seinem Leben durch einen beherzten Sprung ins Meer ein Ende setze. Die Antwort lautet, weil er sich Hoffnung mache.

Aber der Mensch? Der Herr der Schöpfung? Er liebt es, Sklave zu sein, er ist stolz, Soldat sein zu dürfen und niederkartätscht zu werden, Er liebt es, gepeitscht und gemartert zu werden. Warum? Weil er denken kann. Weil er sich Hoffnung denken kann. 

B. Traven: Das Totenschiff

Manche Sentenzen in diesem Buch sind so stark, dass sie mir auch Wochen nach der Lektüre noch im Kopf herumgehen. Die Afrikaner, die mit den Sklavenschiffen über den Atlantik geschifft wurden, haben sich bisweilen gewehrt, indem sie Selbstmord beginnen. Sie verweigerten das Essen oder versuchten, über Bord zu springen. Folgt man den Ansichten von B. Travens Seemann, dann wussten sie genau, was ihnen blühte, und hatten alle Hoffnung dahingegeben.

Immer wieder kommt Traven in seinem Roman auf das Motiv des bürokratischen Todes zurück. Menschen, die keine ordentlichen Papiere besitzen und auch keine bekommen können, was keineswegs an ihnen, sondern den Umständen und einer kalten, herzlosen und völlig mechanisch agierenden Bürokratie liegt. Lebende Tote also, die ein Totenschiff brauchen, um irgendwie aus dem Niemandsland fortzukommen.

Gales alias Pippip erfährt vom Schicksal einiger Seemänner, die auf der Yorikke ein tragisches Ende fanden. In der Koje über seiner eigenen soll einer gelegen haben, der nach langer Irrfahrt, unter anderem auch der Fremdenlegion, an Bord kam und dort verendete. Von ihm blieb nicht einmal ein Eintrag im Journal, dem Bordbuch, das mehr einem vom Kapitän frisierten Märchenbuch gleicht. Der Tote war nur „Luft, verwehte Luft“.

Wie endet ein Roman, der vorgibt, ein Abenteuer zu erzählen, das sich als verhängnisvolles Schicksal entpuppt und – im übertragenen Sinne – weit über die eigentliche Geschichte hinausreicht? Mehrfach sagt der Erzähler, von einem Totenschiff könne man nur auf einem Riff entkommen, also durch den Tod. B. Traven hat seinem Helden auf dessen Totenschiff ein sehr gelungenes, passendes und eben doch unvermutetes Ende beschert.

Und die Düsternis an Bord der Totenschiffe, die alptraumhafte Ausweglosigkeit haben mir eine Vorstellung davon gegeben, was kafkaesk bedeutet, noch bevor ich Kafka gelesen hatte.

Volker Kutscher, Ein persönliches Nachwort, in B. Traven, Das Totenschiff

Das Buch Das Totenschiff ist dann aber noch nicht vorbei, denn Volker Kutscher hat ein sehr lesenswertes Nachwort beigesteuert. Das beschäftigt sich mit der eigenen Leseerfahrung, stellt fest, dass der Roman – leider – zeitlos ist, weil die Zahl der Verlorenen einhundert Jahre nach dem Erscheinen von B. Travens Erstling keineswegs geringer geworden ist.

[Rezensionsexemplar]

B. Traven: Das Totenschiff
Mit einem Nachwort von Volker Kutscher
Diogenes 2023
Hardcover, 416 Seiten
ISBN: 978-3-257-07269-3

Tom Hillenbrand: Der Kaffeedieb

Ein ganz wunderbarer Schmöker mit einer sehr gelungenen Mischung aus Abenteuer und Raubzug, wie er auch in modernen Filmen á la Ocean’s Eleven umgesetzt wird. Cover Kiepenheuer&Witsch-Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Als passionierter Kaffeetrinker hat mich der Titel natürlich sofort angesprochen und selbstverständlich furchte sich meine Stirn bei der Frage: Wie kann man Kaffee stehlen? Besser gesagt: Warum sollte man Kaffee stehlen, wenn man ihn doch mehr oder weniger überall erstehen kann bzw. in der Welt, in der Hillenbrands Roman Der Kaffeedieb leicht erwerben konnte? Gut, das Angebot war geringer, es handelte sich um ein Luxusgut, aber wer würde ohne Not für einen Diebstahl die grausamen Strafen dieser Zeit in Kauf nehmen?

Es ist ein richtig guter Buchtitel, das machen meine einleitenden Worte schon deutlich, denn die offenen Fragen erzeugen Neugier und damit die Motivation, ein Buch lesen zu wollen. Die Erzählung, die Der Kaffeedieb zu bieten hat, konnte alle Erwartungen deutlich übertreffen. Das beginnt schon mit der Notlage, in die sich der Held Obediah Chalon bringt. Als alter Börsianer weiß ich es sehr zu schätzen, wie er sich verspekuliert und auch noch mit gefälschten Wechseln. Herrlich!

Auch die Strafe, die er erdulden muss, ist sehr originell – sie dient als klassische Mausefalle für einen Gestrauchelten, der so vor eine Wahl gestellt wird, die gar keine ist: Obediah muss einen Auftrag annehmen, der einem Himmelfahrtskommando ohne sonderliche Aussichten auf Erfolg gleicht. Sein Auftraggeber ist zudem für seine brutale, gewissenlose Grausamkeit bekannt: die Niederländische Ostindienkompanie. Kompanie meint hier: Gesellschaft.

Obediah nimmt nolens volens an. Eine haarsträubende Geschichte voller abenteuerlicher Wendungen, Begegnungen, beinahen und tatsächlichen Katastrophen, Rückschlägen und überraschenden Fortschritten, Verfolgungen, Schleichwegen, ausufernden Plänen und Absichten, Zufällen und Gefahren in mehr oder weniger fremden, immer gefährlichen Ländern entwickelt sich. Alles, um Kaffee zu stehlen – da ich nicht gern spoilere, belasse ich es bei einer nichtssagenden Angabe: Es geht um mehr als eine Schale voll lauwarmer Kaffee-Plörre.

Der Kaffeedieb besticht durch die Gestaltung seiner Hauptfigur. Ein Virtuoso, weitreichend vernetzt mit anderen Gelehrten dieser Zeit, in der Newton, Leibnitz und wie sie alle hießen das Wissen der Menschheit von den Tumbheiten religöser Eiferei befreiten und auf eine rationale Grundlage stellten. Briefe wurden verfasst und empfangen, man könnte meinen, es hätte so etwas wie einen Gelehrtenstaat gegeben, basierend auf dem Wort, der Schrift und dem Gedanken.

Das gibt dem Roman die gewisse Würze und bewahrt Leser wie mich vor dem bloßen Action-Gedöns – das ich nur selten zu schätzen weiß. Manche mögen das vielleicht als geschwätzig, weitschweifig und langatmig empfinden, weil nicht alle zwei Seiten die Säbel gekreuzt werden und die Kanonen donnern, sondern nachgedacht, gestritten, debattiert und aufgeklärt wird.

Und, ja – da wäre noch der Höhepunkt der Erzählung, wenn der gewagte, gewundene Plan in die Tat umgesetzt wird und Hillenbrand einfach die Perspektive wechselt. Das Spektakel wird in der Rückschau von einem alt gewordenen Augenzeugen berichtet, der seinen Zuhörern, einer Schar Kinder, eine recht eigenwillige Auslegung der Ereignisse darbietet. Der Leser weiß genug, um das alles auf die Pläne Obediahs übertragen zu können – den Rest muss er sich halt selbst ausmalen. Chapeau!

Es gibt Motive in Romanen (und Filmen), die eine Kaminfeuerwärme bei mir erzeugen. Die Zusammenstellung einer Gefährtengruppe gehört dazu. Obediah kann das Unternehmen nicht allein bewältigen, er braucht Unterstützer, die bei so einem Unternehmen nicht gerade zu der sozialverträglichsten Sorte gehören. Der Kaffeedieb schart seinen Trupp eigenwilliger Persönlichkeiten um sich und muss mit ihnen klarkommen – bis zum bitteren Ende. Auch das ist übrigens in jeder Hinsicht sehr gelungen.

Tom Hillenbrand: Der Kaffeedieb
Kiepenheuer&Witsch 2016
Gebunden 480 Seiten
ISBN: 978-3-462-04851-3

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