
Erstaunlich modern wirkt die Schrift Louise Dupins, in der sich die Autorin gegen die Vorurteile gegenüber Frauen stemmt. Auf rund 86 Seiten wendet sie sich gegen überkommene Ansichten, widerlegt diese rhetorische geschickt, sachlich und gelegentlich mit einer Prise boshaftem Spott gewürzt. Erstaunlich ist auch, wie manche der Ansichten auf mehr als zwei Jahrhunderte nach ihrem Tod noch kursieren. Allein deswegen ist diese Schrift noch immer lesenswert, auch wenn man sich aufgrund des sozialen Standes der Autorin fragen muss, wen genau sie mit »Wir« eigentlich meint?
Dupin starb hochbetagt wenige Wochen vor der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert in Chenonceau, einem sehenswerten Schloss an der Cher. Bei meinem Besuch im Sommer 2025 betrachtete ich das bekannte Portrait der als betörend schön und intelligent geltenden Salonière. Entsprechend erfreut war ich, als ich das Buch in der Reihe Frauenstimmen im Verlag Wagenbach entdeckte. Hilfreich sind die einordnenden Passagen von George Sand, das Nachwort und die beiden Texte Rousseaus und Voltaires.

Zu fragen ist, ob die Bezeichnung »Feministin« passend ist, ein Begriff, der erst einige Jahrzehnte nach Dupins Tod gebraucht wurde. Die Gefahr einer nachträglichen Stilisierung besteht, der auch editorisch Vorschub geleistet wird. So wurden ausführliche Ansichten Dupins zur Antike, »europäischer Länder, Chinas, Japans und Afrikas sowie zu wissenschaftlichen Erkenntnissen jener Zeit, die aber überholt sind«, weggelassen. Gekürzt wurde auch in den Abschnitten, in denen es um die Schulbildung und rechtliche Gleichstellung geht.
Das fördert die Lesbarkeit des Textes, leistet aber einem Idealbild der historischen Person Louise Dupins Vorschub. Gerade das Nebeneinander von fortschrittlichen und rückwärts gewandten Gedanken ist prägend für alle Zeiten und Denker, man denke nur an den blinden Fleck der Aufklärer bezüglich der Sklaverei oder eben der Frauen. Zur Weltsicht Dupins gehören eben auch Dinge, die überholt sind.
Dann gibt es noch den Sohn, Jacques-Armande Dupin de Chenonceaux, für den der Begriff »schwierig« ein Euphemismus darstellt. Rousseaus Worte über ihn, vor allem aber die immensen Spielschulden, mit ihren beinahe desaströsen Folgen für die Familie, erzwingen fast die Frage nach Wollen und Wirklichkeit, den Absichten und ihrer (missglückten) Umsetzung. Auch für eine Louise Dupin gab es Grenzen.
Eine weitere Frage, die unabhängig von der historischen Person der Autorin ist, drängt sich auf. Viele der Türen in schulischer Hinsicht, die zur Zeit Louise Dupins noch fest verschlossen waren, stehen heute weit offen. Gehen die Mädchen hindurch oder geschieht in unserer Gegenwart gerade das Gegenteil?
Louise Dupin: Wir sind alle gleich, Monsieur!
Eine Feministin erhebt Einspruch
Aus dem Französischen von Rudolf Bitter
Wagenbach 2025
Gebunden 144 Seiten
ISBN 978-3-8031-1387-0






