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Schlagwort: Nationalsozialismus (Seite 13 von 13)

Literarische Begegnung mit F.C. Delius

Ende Mai 2022 ist der Schriftsteller Friedrich Christian Delius verstorben. Im Netz gibt es so viele Nachrufe, dass ich keinen hinzufügen möchte, stattdessen will ich meine Begegnungen mit seiner Literatur schildern. Der Grund ist: Delius hat einige sehr interessante, unterhaltsame und vor allem inhaltlich gewinnbringende Romane und Erzählungen verfasst, die »Birnen von Ribbeck« einmal ausgenommen.

Ich war selbst ein wenig überrascht, wie viele Bücher ich von ihm gelesen habe. In meinem Regal nehmen sie nur einen vergleichsweise geringen Raum ein, denn ich besitze nur Taschenbücher, außerdem fallen die Werke zum Teil recht schmal aus. Das ist aber kein Nachteil, denn Delius hat etwas zu sagen, wofür er eben nicht episch ausholen muss.

Das gilt für mein Lieblingsbuch von ihm: »Die linke Hand des Papstes«. Es ist ein perfekter Reisebegleiter für einen Trip nach Rom. Dort habe ich es mit großen Vergnügen ein weiteres Mal gelesen, abends, wenn es frisch geworden war und ich davor in meiner kleinen Unterkunft Schutz gefunden hatte. Tagsüber habe ich die üblichen Stätten der Stadt besucht und bin immer wieder auf einen caffé al banco irgendwo eingekehrt. Merke: Ein mürrischer Barista zaubert bisweilen tollen caffé.

Es geht um die Hand dieses Papstes namens Benedikt.

Das Buch über die linke Hand des Papstes reicht weit über Rom hinaus. Delius, der in dieser Stadt 1943 das Licht der Welt erblickte, hat mit Italien einige Rechnungen zu begleichen, die sich als Gegenpart der unerträglichen Schwärmerei gegenüber diesem Land lesen. Gesellschaftlich, politisch und religiös herrschen unappetitliche Zustände, die der Autor wunderbar boshaft und mit sehr spitzer Feder zu Papier bringt.

Besonders beeindruckt hat mich »Die Frau, für die ich den Computer erfand«. Was für ein Titel! Und was für eine Form! Delius nutzt die Szenerie eines Interviews bzw. Gesprächs, bei der nur der Befragte zu Wort kommt. Ja, so kann man einen ganzen Roman erzählen. Und was für einen. Konrad Zuse hat während des Zweiten Weltkrieges einen Computer gebaut, der tatsächlich funktionierte – 1945, in Göttingen, meiner Wahlheimat. Hier können Sie lange nach einem Hinweis darauf suchen, was sehr viel mehr über diese Stadt, die angeblich »Wissen schafft«, sagt als alle hübschen Fachwerkbauten.

Zuse hat auch gemalt. Seit Protrait von Bill Gates hat er diesem in den 1990er Jahren selbst übergeben.

Richtig gern gelesen habe ich auch »Die Flatterzunge«. Ein Musiker tourt mit seinem Orchester in Israel und unterzeichnet einen Getränkebeleg mit »Adolf Hitler«. Was nach dieser Entgleisung folgt, kann man sich denken, auch wenn die dem fiktionalen Text zugrundeliegende Handlung 1997, also lange vor den so genannten digitalen Scheiterhaufen namens Soziale Medien geschah. Was treibt jemanden zu so einer Tat? Delius gibt eine Art von Antwort.

Das erste Buch des Autors, was mir in die Hände fiel, war »Bildnis der Mutter als junge Frau«. Ein langer Innerer Monolog einer Einundzwanzigjährigen, die im Januar 1943 durch Rom geht, hochschwanger (Delius kam im Februar 1943 in Rom zur Welt), während ihr Mann in Afrika soldatiert. Es ist jene Zeit, als in Stalingrad eine ganze Armee verreckt und das große Sterben auch auf deutscher Seite beginnt; der befremdete Blick auf die scheinfriedliche Umwelt Roms aus einer Frau »in anderen Umständen« heraus ist berührend.

Im Januar 1943 waren Italien und das Deutsche Reich noch verbündet; in Rom war es ruhig. Ein dreiviertel Jahr später hatte sich alles gewandelt.

Ein ganz besonderer Reise-Roman ist »Spaziergang von Rostock nach Syrakus«, bei der Delius seinen Protagonisten auf den Spuren von Johann Gottfried Seume (»Spaziergang nach Syrakus«) nachvollziehen lässt. Aber: Die Hauptfigur lebt in der DDR, die sie illegal verlassen muss, um den Lebenstraum einer Reise nach Italien zu verwirklichen.

Besonders schön ist auch »Der Tag, an dem ich Weltmeister wurde«. Es verknüpft einen der Gründungsmythen der Bundesrepublik Deutschland, den WM-Sieg 1954, mit dem Befreiungsschlag eines Kindes, das sich aus dem erstickenden Überbau des heimischen Pastorvaters herauskämpft. Ein Fußballbuch? Nein.

Ein Gründungsmythos der Bundesrepublik; bei Delius Anlass für eine Lossagung.

Der Roman »Mein Jahr als Mörder« dreht sich um die mörderische Wut, die ein ungerechtes Urteil entflammen kann. Der Nazi-Richter Hans-Joachim Rehse, der während des so genannten Dritten Reichs unter anderem Widerstandskämpfer zum Tode verurteilt hatte, wird in der Bundesrepublik freigesprochen. Die Empörung lodert hell, ein Student entschließt sich zur Tat. Delius nimmt hier die Nachkriegsjustiz aufs Korn und berührt die uralte Frage nach »Gut« und »Böse«.

Éric Vuillard: Die Tagesordnung

Preisgekrönt und umstritten: Éric Vuillards literarische Annäherung an den Aufgalopp zu Hitlers Rasse- und Vernichtungskrieg triggert im besten Sinne. Cover Matthes & Seitz, Bild mit Canva erstellt.

Es ist nur ein schmales Büchlein, das man in wenigen Stunden lesen kann. Und doch ist Éric Vuillard mit seinem Buch Die Tagesordnung ein Streich gelungen, für den er mit dem Prix Goncourt, dem wichtigsten französischen Literaturpreis, ausgezeichnet worden ist. Ein Roman ist es nicht, jedenfalls nicht im überkommenen Sinne der Literaturbürokratie.

Der Autor hat einen scharfen Blick für Szenen und ein Talent, diese mit anderen zu kombinieren, woraus sich ein Zugang zur Vergangenheit ergibt, der in gewöhnlichen Geschichtsbüchern fehlt. Mängel werden so gnadenlos ans Tageslicht gefördert, bloßgestellt und von Vuillard mit einer bemerkenswerten Boshaftigkeit vor dem Leser ausgebreitet.

Den Anfang der Tagesordnung bildet eine Zusammenkunft von einflussreichen Industriellen und Finanzleuten mit Göring und Hitler kurz nach der Machtübergabe an den selbsternannten Führer im Februar 1933. Vuillard schildert das Eintreffen mächtiger Männer, um sie etwas später in Geister zu verwandeln, hinter denen die überdauernden Firmen stehen: Allianz, Opel, Siemens, BASF, Bayer. Die Botschaft: Es geht um die Gegenwart, die aus der Geschichte entstanden ist.

Die Herren zahlen ordentlich in die Kasse der Nazipartei, die im März 1933 einen Wahlkampf zu gewinnen hat, um Wahlen für die nächsten Jahre, Jahrzehnte zu unterbinden. Diese Ankündigung trifft auf Wohlwollen, man zahlt und – der Nachgeborene weiß es – bereitet damit auch den Weg in den Untergang von Millionen Menschen, Städten und Landstrichen. Die Firmen, die sie vertreten, überdauern. Man mag die Art der Darstellung mögen oder auch nicht. Legitim ist es.

Man musste nur ein paar belanglose Millimeter, ein kleines Stückchen Wahrheit, abschneiden, um den österreichischen Bundeskanzler seriöser und nicht so verdattert wie auf der ursprünglichen Aufnahme dreinschauen zu lassen; ganz so als verleihe die Tatsache, dass man das Bildfeld etwas eingeengt, ein paar überflüssige Elemente getilgt und die Aufmerksamkeit auf ihn konzentriert hatte, Schuschnigg mehr Substanz. Nichts ist unschuldig in der Kunst des Erzählens.

Eric Vuillard: Die Tagesordnung

Ein grundsätzliches Problem von Geschichte besteht darin, dass sie mit Geschichtsschreibung und – überlieferung gleichgesetzt wird. Wer also von historischer »Wahrheit« in welcher Form auch immer fabuliert, hat die Grenze zur Lüge bereits überschritten. Das Zitat macht das schön deutlich, Vuillard bringt weitere Beispiele sanft, aber wirkungsmächtig manipulierter »Quellen«.

Denn Historiographie ist naturgemäß rückblickend, selbst wenn man über etwas berichtet, was man selbst erlebt hat. Es schiebt sich immer etwas zwischen Erleben und Berichten, Niederschreiben und Weitergeben, erst recht, wenn es um die Darstellung vergangener Begebenheiten durch Historiker geht. 

Der Rückblickende schaut durch andere Ereignisse hindurch. Wer heute zum Beispiel etwas über das Jahr 1938 schreibt, hat immer den Verlauf des Zweiten Weltkrieges im Kopf. Es ist unmöglich, sich naiv zu stellen und so zu tun, als wüsste man nichts davon, wie zum Beispiel die Wehrmacht im Jahr 1940 Frankreich zermalmt hat, mit einem Feldzug, der »Blitzkrieg« genannt wird.

Am Vormittag des 12. März erwarten die Österreicher fieberhaft und mit unanständigem Frohlocken das Eintreffen der Nazis. […] Doch die Deutschen lassen auf sich warten.

Eric Vuillard: Die Tagesordnung

Das hat eine kuriose Vorgeschichte, die schlaglichtartig beleuchtet, wie problematisch solche Begriffe á la »Blitzkrieg« sind. Wenn es um die Kriegsdrohung des Reiches gegenüber Österreich vor dem so genannten »Anschluss« geht, wird diese Begrifflichkeit ernstgenommen. Vuillard aber zeigt, dass der Einmarsch der Wehrmacht in Österreich ein Panzerstau gewesen ist – das Gegenteil von »Blitzkrieg«.

Der »Bluff«, die mafiöse Drohung und die Skrupel der Gegner haben den Weg bereitet, nicht unbesiegbare Kampfpanzer – die zu diesem Zeitpunkt eher anfälligen Dosen als gefürchteten Panther, Tiger und Königstiger ähnelten. Von einem richtigen »Blitzkrieg« wie 1940 gegen Frankreich, Belgien, die Niederlande und Luxemburg konnte also gar keine Rede sein.

Was an diesem Krieg verblüfft, ist der unerhörte Erfolg der Frechheit, der uns eines lehren sollte: Die Welt gehorcht dem Bluff.

Eric Vuillard: Die Tagesordnung

Die Aktualität ist niederschmetternd! Wer denkt nicht an die Ukraine und Putins Spielchen? Wer denkt nicht an das unglaubliche Versagen der Westmächte, England und Frankreich, die von Vuillard genauso erbarmungslos vorgeführt werden?

Sein englischer Schriftstellerkollege Robert Harris geht mit Chamberlain sehr viel zurückhaltender um, in seinem Roman Munich wird aber das Prinzip des Bluffs ebenfalls wunderbar in Szene gesetzt, wenn eine deutsche Panzerdivision durch die Straßen rollt, allein zum Zwecke der Einschüchterung; es funktionierte abermals!

Vor allem anderen aber überdauern die verlogenen Bilder vom Krieg. Vuillard findet dafür starke Worte, doch sie sind mehr als berechtigt. Denn die Filme über den Westfeldzug 1940 zeigten gar keine Bilder von der Front – das war schlechterdings nicht möglich, denn zwischen Filmen und Zeigen (in der Wochenschau im Kino) verging einige Zeit. Was also sollte man zeigen, als es losging? Aufnahmen von Manövern! Inszeniertes Kriegstheater.

Die Geschichte entrollt sich vor unseren Augen wie ein Film von Josef Goebbels.

Eric Vuillard

Goebbels Wochenschauen haben eine Illusion erzeugt, die bis heute prägend gewesen ist. Die Pannenarmee auf dem Weg nach Wien 1938 sah auf den Leinwänden aus wie eine nicht aufzuhaltende Maschine, während in Wirklichkeit die Schwächen immens waren; auch ein halbes Jahr später, anlässlich der Konferenz von München. Doch das mag keiner mehr sehen, weil die Filme eine andere Wirklichkeit in die Köpfe implantiert haben. 1940 ist die Wehrmacht selbstverständlich aufhaltbar gewesen, nur ihre Gegner haben sich maximal blamiert.

Ihren Anteil an der historischen Balkenbiegerei haben auch amerikanische Filmstudios. Vuillard überhäuft Hollywood mit schwerwiegenden Vorwürfen. Das ist etwas ungerecht, denn wer sich im Genre des Kriegsfilms umschaut, wird selten wirklich gute Streifen sehen, die dem Prinzip des Heldentums nicht huldigen und zwar unabhängig vom Entstehungsland.

Die große amerikanische Maschine schien sich bereits seines ungeheuren Aufruhrs bemächtigt zu haben. Sie sollte den Krieg ausschließlich als Heldentat darstellen.

Eric Vuillard: Die TAgesordnung

Natürlich stehen Filmemacher vor einem gewissen Dilemma. Wer mag schon die Realität abbilden, wenn die filmische Magerkost verheißt? Der amerikanische General Patton hat einmal die Artillerie als kriegsentscheidend bezeichnet. Sie wollen einen Spielfilm darüber drehen? Dann viel Vergnügen beim Finanzieren!

Zu den ohnehin nicht wenigen Treppenwitzen der Weltgeschichte gehört, dass ausgerechnet deutsche Kriegsfilme das Heldentum-Narrativ oft brechen und ein brutales Kriegserlebnis zeigen. Goebbels’ Epigonen haben sich von seiner Schilderung des Krieges gelöst und sind – noch – nicht auf das global wirkmächtige Erzählen eingeschwenkt.

Es ist schon erstaunlich, amerikanisches Filmpublikum beim Betrachten von Das Boot zu beobachten, die betroffene Stille, die sich senkt, wenn die Kamera am Ende über die Gesichter der Toten fährt. Die Erwartungen, eingepflanzt durch die schier endlose Kette an Helden-Kriegsfilmen, wird bei diesem Finale enttäuscht und erwischt den Zuschauer auf dem ungewohnten Fuß.

Ein Roman ist „Die Tagesordnung“ nicht, ein historiographisches Werk auch nicht. Es ist eine fiktionalisierte historische Montage, widerborstig in Anordnung und boshaft direkt in der Sprache, was den Leser zum Nachdenken über bequeme, falsche Gewissheiten zwingt. Die Kenntnis der historischen Vorgänge erleichtert das Lesen und das Nachvollziehen der Gedanken ungemein, ist aber keine unabdingbare Voraussetzung.

Eine sehr schöne Buchbesprechung, die einen anderen Schwerpunkt wählt, findet sich bei Literaturreich. Den Begriff »kondensierte Geschichte« finde ich sehr passend!

Éric Vuillard: Die Tagesordnung
Aus dem Französischen von Nicola Denis
Matthes & Seitz 2018
Gebunden 128 Seiten
ISBN: 978-3-95757-576-0

Pierre Lemaitre: Die Farben des Feuers

Der zweite Teil der Trilogie ist wie der erste von bisweilen urkomischer Boshaftigkeit, sprachlich hervorragend bietet das Buch tolle Unterhaltung. Cover Klett-Cotta, Bild mit Canva erstellt.

Les Enfants du désastre Teil 2

Dem Folgeband des Buches, für das der französische Autor Pierre Lemaitre mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet wurde, ist auf den ersten Blick weniger bitter als der Auftakt der Trilogie. In vielen Dingen bleibt sich der Autor bei Die Farben des Feuers treu, zum Glück, denn der Roman ist wie der Auftaktband ein wahres Lesevergnügen.

Der Erste Weltkrieg liegt einige Jahre zurück und wirkt nicht mehr so unmittelbar auf die handelnden Personen, über deren Köpfen sich jedoch bereits die düsteren Wolken von Wirtschaftskrise und Faschismus bzw. Nationalsozialismus zusammenziehen. Sie bilden den Rahmen für offene und lange Zeit verdeckte persönliche, famliäre Katastrophen.

Wurden die Trauerfeierlichkeiten von Marcel Péricourt auch durcheinandergebracht und endeten sie sogar auf eindeutig chaotische Weise, so begannen sie doch pünktlich.

Pierre Lemaitre: Die Farben Des Feuers

Ein Vorzug des Zeitsprungs liegt darin, dass die üblichen Probleme von Mittelbänden in Dreiteilern vermieden werden, während der Leser durch einige bekannte, aber reifere Gesichter die Vorzüge einer Fortsetzung genießen kann. Diesmal tragen Frauen die Hauptlast der Handlung, die Männer kommen insgesamt nicht allzu gut weg.

Die Erzählung setzt an einem neuralgischen Punkt ein, an dem sich die Leben der Protagonisten dramatisch verändern. Der Tod des mächtigen Bankiers Marcel Péricourt setzt eine rasante Entwicklung in Gang. Schon bei seinem Begräbnis gerät das Leben der Hauptpersonen aus den Fugen, im Nachgang sorgt eine Verschwörung dafür, dass ein völlig abgesichert erscheinendes Leben plötzlich abstürzt.

Hierin spiegelt sich viel des Zeitgefühls der damaligen (und gegenwärtigen) Zeit, eine immense Beschleunigung, eine tiefgreifende Verunsicherung und die immerwährende Neigung des Menschen, dem anderen mit Hauen und Stechen zu begegnen.

Die Menschheit war ganz entschieden keine sonderlich schöne Angelegenheit.

Pierre Lemaitre: Die Farben des Feuers

Eine Schlüsselstelle findet sich im Buch, wenn Madeleine, die Tochter des Verstorbenen begreift, dass die Zeit, in der sie lebt, geprägt ist von Gewalt. Sie zieht daraus ihre Schlüsse und setzt diese mit einer überraschenden Konsequenz um.

Nicht alles, was Lemaitre schreibt, ist ohne Stirnrunzeln hinzunehmen. Wenn es um Aktientransaktionen im Zusammenhang mit dem »Rumänischen Erdöl« geht, kann man getrost abwinken – das wirkt einigermaßen unrealistisch.

Natürlich kann man an der Börse ein Vermögen verlieren, wenn man sich verspekuliert, und Gerüchte haben eine immense Macht, wenn sie den Herdentrieb von Anlegern befeuern. Doch Lemaitre schummelt sich hier ein wenig hindurch.

Dem Desaster schließt sich ein Rachefeldzug an, der gnadenlos bis zu seinem bitteren Ende geführt wird. Hierbei spielen die östlichen Nachbarn Frankreichs auch eine Rolle, die Vertreter Hitlerdeutschlands zeichnen sich nicht eben durch besondere geistige Größe aus, um es einmal vorsichtig zu formulieren.

Niemand wusste so recht, was »Düsenflugzeug« bedeuten sollte. Man merkte sich nur eines: Bislang waren Flugzeuge mithilfe von Propellern geflogen, und ein Düsenflugzeug hatte nicht nur keine Propeller, es würde auch viel schneller fliegen.

Pierre Lemaitre: Die Farben des Feuers

Bei diesem Unterfangen spielt die Idee, ein Düsenflugzeug zu bauen, eine besondere Rolle, daher auch das Motiv des Bildes zu Beginn dieses Beitrages, das den wohl ersten Fiegers ohne Propeller-Antrieb zeigt. Lemaitre hat sich sehr frei an der geschichtlichen Realität bedient und seinen Roman mit einer Art historischem Start-Up bereichert und zugleich die Ahnungslosigkeit sowie die Unbesorgtheit gegenüber Versprechungen aufs Korn genommen.

Lemaitre ist ein großartiger Erzähler. Seine Figuren werden vor den Augen des Lesers lebendig, weil er sie nicht bloß beschreibt, sondern auf zum Teil urkomische Weise durch Details ihrer grotesken Erscheinung charakterisiert. Die Sprache ist wunderbar, dankbar für Leser, die auf hastige, stolpernde und oft hilflose Modernismen verzichten können.

Die beiden anderen Teile der Trilogie heißen Wir sehen uns dort oben und Spiegel unseres Schmerzes.

Pierre Lemaitre: Die Farben des Feuers
Aus dem Französischen von Tobias Scheffel
Klett-Cotta 2021,
Gebunden 480 Seiten
ISBN: 978-3-608-96338-0

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