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Schlagwort: Schreiben (Seite 8 von 8)

Max Frisch: Stiller

Einer der berühmtesten Buchanfänge überhaupt. Sollte man Roman trotz seines Alters noch lesen oder hat sich sein Inhalt im Gestrüpp der Zeit verirrt? Cover Suhrkamp, Bild mit Canva erstellt.

Für gewöhnlich stelle ich nur Bücher vor, die ich aus irgendwelchen Gründen für lesenswert halte. In diesem Fall weiche ich davon etwas ab, denn das Buch, um das es hier geht, ist nur bedingt lesenwert.

Der Roman „Stiller“ des Schweizer Schriftstellers Max Frisch gehört zur Weltliteratur. Dieses Wort steht für eine Art literarische Maginot-Linie, einen Festungsgürtel, durch den der Leser hindurch muss, wenn er es sich selbst auferlegt hat, ein Werk auf diesem Niveau zu lesen.

Das ist nicht ungewöhnlich. Viele große Bücher sind für den Leser des 21. Jahrhunderts nichts anderes als eine anstrengende  Zumutung. Wer sich einmal durch Dantes Göttliche Komödie oder den Simplicissimus von Grimmelshausen hindurchgekämpft hat, weiß darum. In diesen beiden Fällen gibt es noch Abstufungen der Mühe, denn – glücklicherweise – kann man auf vereinfachte, sprachlich modernisierte bzw. inhaltlich aufbereitete Versionen zurückgreifen.

Puristen mag das entsetzen, ich halte es für eine gute Möglichkeit, diese Literatur vor dem Vergessen und der Bedeutungslosigkeit zu bewahren. Denn im Kern haben die Erzählungen immer noch viel zu sagen, wenn dem Leser eine Möglichkeit geboten wird, sie zu verstehen. Ein wunderbares Beispiel ist Gilgamesh, den ich 2021 als Hörbuch kennengelernt habe.

Vorgelesen und eingebettet in Erläuterungen zur Entstehung bzw. Rekonstruktion ist Gilgamesh eine ganz besondere literarische Reise, bei der gerade das Fremdartige fasziniert. Ganz nebenbei habe ich als literarischer Wegelagerer noch ein großartiges Motiv für meinen Fantasy-Roman mitnehmen können – am Ende war ich hochzufrieden.

Noch nicht zu sehr von der Zeit gefressen

Bei Stiller ist es noch nicht so weit. Man kann der Handlung im Wesentlichen ohne Schwierigkeiten folgen, denn die meisten wirklich unbegreiflichen Sachen sind leicht zu klären oder einfach zu ignorieren. Problematischer sind jene Dinge, die von der Zeit und der gesellschaftlichen Entwicklung gefressen wurden.

Zwangslagen und Probleme der handelnden Figuren sind heute oft genug keine mehr; kurioserweise würde der technische Fortschritt einen Teil des Romans mehr oder weniger unmöglich machen – wer könnte heute schon so einfach „verschwinden“?

Und doch beginnt auch Stiller um- und überwuchert zu werden. Ich habe das Buch zweimal gelesen, zwischen beiden Lektüren liegen fast fünfundreißig Jahre. Was beim ersten Durchgang noch wie ein Leuchtfeuer wirkte, etwas mehr als dreißig Jahre nach dem Erscheinen, ist heute zumindest teilweise von den Rauchschleiern der Zeit verschluckt worden.

Lesen und sezieren

Der Kern des Romans ist und bleibt aktuell. Frisch hat diesen Kern in eine gewundene, vielfach zeitlich gebrochene und von langen Rückblicken geprägte Struktur gegossen, sie mehr oder weniger darin verborgen, umrankt von wuchernden Betrachtungen, Gesprächen und Berichten. Als Leser fühlt man sich oft wie ein Pathologe, der sezieren muss, um zum Wesentlichen vorzudringen. Schafft man das, entfaltet das Buch auch 2022 eine immense Wucht.

Vor allem der erste Satz, der in der Literatur ohnehin von fast einmaliger Wirkung ist, wird am Ende der Aufzeichnungen jener Person, die nicht Stiller sein will, so stark aufgeladen, dass er fast zu ächzen scheint wie ein überfrachteter Ochsenkarren. Fast.

Frisch wäre nicht Frisch, wenn er den Leser entkommen lassen würde, ohne einen langen, erklärenden Nachtrag, der die bis dahin bestimmende Form und Struktur bricht. Und selbstverständlich allem eine tragische Note gibt. Der Autor ist sich treu geblieben.

Lesen? Ja, aber…

Lohnt es sich also, den Irrungen Stillers nachzugehen? Wer reines Komfort- und Unterhaltungslesen anstrebt, sollte die Finger davon lassen. Der Roman ist kein literarischer Diwan zum Ausspannen, sondern eine Bergtour für das Gehirn, bei dem Fleiß und Durchhalten eine ebenso große Rolle spielen, wie die Begeisterung über viele absolut großartige Passagen. Man kann, muss aber nicht.

Max Frisch: Stiller
Suhrkamp Verlag 2021
Ersterscheinungstermin 1973
Broschur, 448 Seiten
ISBN: 978-3-518-36605-9

John Truby: The Anatomy of Story

Ich hätte es ungern früher in die Hände bekommen. Es ist das richtige Buch zum richtigen Zeitpunkt. Anatomy of Story von John Truby hat meine Sicht auf Texte und mein Schreiben beeinflusst und verbessert. Es gibt eine Zeit vor und nach Truby, das merke ich an meinen eigenen Texten, aber auch an denen, die ich seitdem testgelesen, redigiert und lektoriert habe.

Zu den kuriosen Umständen gehört, wie ich auf Truby gestoßen bin: Ein Youtube-Video zum Thema Game of Thrones, in dem die Charakterentwicklung von John Snow in der letzten Staffel kritisch beleuchtet wurde. Der Ersteller hat Truby zitiert – und dessen Aussage hat den Nagel auf den Kopf getroffen. Und mich dazu verleitet, seine Anatomy sofort zu kaufen.

Komplexität statt Schlichtheit

Zum Glück habe ich noch gut ein Jahr gewartet, ehe ich mich wirklich darangesetzt habe, es zu lesen, denn zu diesem Zeitpunkt waren die Voraussetzungen erheblich günstiger, um den vollen Nutzen aus der Lektüre zu ziehen und seinen Nachteilen zu entgehen. Es ist einer jener Momente gewesen, in dem ich mich von Schillers Götterfunken berührt fühlte: von einem Aha-Erlebnis zum nächsten!

Machwerke zum Thema Schreiben gibt es zahlreiche. Die englische Schriftstellerin Hilary Mantel hat einmal – verhalten spöttisch, nehme ich an – gesagt, dass es nie verkehrt wäre, ein Buch darüber zu lesen, wie man etwas macht. Es schade selten. Ihre geniale Cromwell-Trilogie wäre aber niemals entstanden und erst recht nicht in der Form, die sie gewählt hat, wäre sie manchem wohlmeinenden Rat aus Schreibratgebern gefolgt.

But ironically, this intense spotlight on the hero, instead of defending him more clearly, only makes him seem like a one-note marketing tool.

John Truby: Anatomy of Story

Anatomy of Story von John Truby steht für das Gegenteil: Eine extrem dicht gewobene Darstellung von Bestandteilen einer guten Geschichte, die tatsächlich etwas vom analytischen und abstrakten Charakter eines medizinischen Werkes über die menschliche Anatomie hat. An dessen überbordende Komplexität reicht Trubys Buch – glücklicherweise – nicht heran.

Lesen und Schauen

Um wirklich etwas daraus mitnehmen zu können, sollte man sehr viele Bücher gelesen, viele (z.T. sehr alte) Filme gesehen und einige tausend Seiten geschrieben haben. Wer „Tootsie“ nicht kennt, wird aus diesem Buch signifikant weniger herausziehen können, als jemand, der diese brillante, vierzig Jahre alte Komödie kennt. „Casablanca„? „L.A. Confidential„? Anschauen! Dann lesen und nochmals anschauen.

Gilgamesch und Enkidu? Ein einziger, kleiner Hinweis in der Anatomy, aber wer das Epos kennengelernt, also sich durch seine sperrige Form hindurchgefochten und es für sich erschlossen hat, wird diesen kleinen Hinweis nicht einfach überlesen, sondern als Gewinn empfinden: das erste Buddy-Duo der literarischen Weltgeschichte!

The strategy of using the buddy relationship as the foundation of the character web is as old as the story of Gilgamesh and his great friend Enkidu.

John Truby: Anatomy of Story

Eine Gefahr droht: Der Kreative wird zum Erfüllungsgehilfen

Es liegt in der Natur der Herangehensweise, dass eine Anatomie sehr strukturell, abstrakt und formal angelegt ist. Die Gefahr, die sich daraus für den Kreativen ergibt, liegt auf der Hand: Die einzelnen Schritte, die Truby für gutes Erzählen als essentiell hält, abarbeiten und ausfüllen wie eine Formular. Der Urheber als Erfüllungsgehilfe.

Truby selbst weist an vielen Stellen darauf hin, dass man das bitte zu unterlassen habe – doch die verlockende Sogwirkung struktureller Muster ist enorm. Ich war daher sehr froh, dass ich bereits 3.000 und mehr Seiten geschrieben hatte, bevor ich dieses Buch zu Lesen bekam. Das ist eine Art Schutz gewesen, ein dicker Panzer, der es erlaubte, die hilfreiche Wirkung der Anatomy zuzulassen, ohne in formales Schreiben abzugleiten.

Es gibt so viele Bücher, Filme und Serien, die an formalen Erfüllungswahn leiden, ja von ihm zerstört werden. Er bleibt eine vorhersehbare, für den Leser oder Zuschauer erschöpfende Abfolge von einander ähnelnden Erzähllinien angereichert mit absurden Twists. Wer sich an die von Truby vorgeschlagenen Schritte sklavisch hält, kann ebenfalls in diese Falle tappen und sollte sich besser wappnen.

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