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Schlagwort: Sowjetunion (Seite 5 von 5)

Wolfgang Herrndorf: Sand

Ein wilder, brutal-ehrlicher und zielstrebiger »Wüstenroman«, der bar aller Romantisierung den Zufall zum Herrn über Leben und Tod macht. Cover Rowohlt-Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Alle Menschen müssen sterben. In der Regel liegt der Zeitpunkt des Todes in einer unbestimmten Zukunft. Es gibt Ausnahmen: Freitod; Hinrichtung; Strafbataillon der Roten Armee oder Wehrmacht; Vernichtungslager; eine tödliche, nicht therapierbare Krankheit, wie ein Glioblastom, an dem der Autor Wolfgang Herrndorf litt; Folter. In diesen Fällen nimmt der gewöhnlich nebulöse Tod eine sehr konkrete Gestalt an.

Es handelt sich um unerbittliche, erbarmungslose Situationen. Sie verheeren denjenigen, der ihnen ausgesetzt ist. Es gibt Literatur, verfasst von jenen, die eine Ausnahme dieser Ausnahmen waren und überlebten, was niemand überleben kann; und es gibt Arbeit und Struktur, einen Blog, der als Buch herausgegeben wurde, in dem Herrndorf die Zeit von der Diagnose bis kurz vor seinem Freitod niederlegt.

Der Roman Sand, den der Schriftsteller seinen »Wüstenroman« nennt, ist zumindest in Teilen während dieser Phase verwirklicht worden. Er stellt in gewisser Hinsicht ein Echo dessen dar, was in Arbeit und Struktur dem Leser entgegentritt. Herrndorf ist sprachmächtig gewesen und hat dort die richtigen Worte und Sätze gefunden, um dem, was ihn bewegte, auf eine Weise Ausdruck zu verleihen, die oft genug wie ein durchdringender Speerstoß wirkt. Und genau so ist auch Sand.

Von jeder Romantik, was »die Wüste« anbelangt, allem Märchenhaften ist das Werk weit entfernt. Diestelig wäre ein schönes Attribut, denn es geht zur Sache, bisweilen blutig und brutal, vor allem aber fern aller Heimeligkeit. Dabei hat Herrndorf wunderbar originelle Einfälle und auf eine messerscharfe Weise offen. Der Mensch und das angeblich unteilbare Menschenrecht werden zu einer Zahl degradiert.

Wichtiger als ein Menschenleben? […] Nichts ist wichtiger als ein Menschenleben. […] Auch wenn es das Leben eines Lügners ist, das Leben eines Schmugglers, eines Idioten und Berufsverbrechers. Jedes Leben ist unbezahlbar, einzigartig und schützenswert – sagt der Jurist. Das Problem ist, wir sind keine Juristen. Wir stehen nicht auf dem Standpunkt, dass man das Leben nicht gegen andere Güter oder andere Leben abwägen kann. Wir sind eher so die Statistikabteilung und Statistikabteilung bedeutet, es besteht eine einprozentige Wahrscheinlichkeit, dass es so ist, wie du sagst. […] Es besteht aber auch eine neunundneunzigprozentige Wahrscheinlichkeit, dass das nicht der Fall ist. […] Neunundneunzig Prozent, dass wir hier den Weltfrieden sichern. […] Und nur ein Prozent, dass unser peinliches Verhör einen Rückfall ins Mittelalter darstellt.

Wolfgang Herrndorf: Sand

Nur ein Zitat in der Buchvorstellung diesmal, dafür eines mit Wucht. Ein anachronistisches Echo auf 9/11 und was sich die USA herausgenommen haben, als sich die Menschenrechte doch als teilbar erwiesen. Willkommen in der Wirklichkeit. Denn die wiedergegebenen Worte stammen aus der Romanzeit im Jahr 1972 und könnten eben auch begründen, warum die USA den Weg in die Dunkelheit eingeschlagen haben.

Ein Alptraum, dem der Leser nicht entkommt. Wann immer es scheint, als würde sich endlich etwas zum Guten wenden, dreht und wendet und windet sich alles wieder und die wilde, nicht enden wollende Jagd geht weiter. Erschöpft wie die Hauptfigur, die übrigens keineswegs am Anfang eingeführt wird – ätsch, ihr Schreibratgeber! – taumelt man Seite für Seite voran, die Glieder schwer, der Kopf erschöpft und das Gemüt von schwindender Hoffnung auf ein Happy-End getrübt.

Schon der Weg ins Buch ist verworren. Wer gewöhnlich durch sauber geflieste, geputzte und barrierefreie literarische Flure schreitet, behütet von Triggerwarnungen und austarierter Diversität, und alles darüber hinaus als unerträgliche Zumutung betrachtet, sollte diesen Roman besser meiden. Sand schmerzt. Wer einmal einen Sandsturm erlebt hat, weiß, wie schräg ins Gesicht gefegter Sand sticht. Man muss dazu keine Wüste aufsuchen, ein stürmischer Nachmittag an der dänischen Nordsee reicht. Und so ist dieser Roman.

Langsam und auf verschlungenen Wegen entblättern sich die Hinter- und Abgründe der Figuren in diesem Drama. Herrndorf inszeniert das als wildes, brutales Puzzle scheinbar sinnloser Schnipsel, Fetzen einer gemarterten Erinnerung. Dabei kommt es zu grotesken Begegnungen, etwa mit potenziellen Informanten, mehr oder weniger organisierten Verbrechern, der Staatsmacht und Geheimdiensten.

Wer schon eine Weile lebt und seine Zeit mit Büchern und Filmen gefüllt hat, wird unweigerlich einmal, wahrscheinlich recht oft mit der Situation konfrontiert worden sein, die für die meisten Menschen großen Horror beinhaltet. Jemand will etwas von einer anderen Person und setzt diese unter Druck indem er die Angehörigen bedroht, sei es direkt oder indirekt, durch das Ankündigen von Gewalttaten.

Eine brillante Idee findet sich im fortgeschrittenen Teil des Buches, wenn Herrndorf diese geradezu klassische Szenerie durch die Beigabe einer Zutat namens Amnesie zu etwas Neuem, beunruhigend Spannendem und Verstörendem aufwertet. Was, wenn derjenige, der durch Drohungen gegenüber seinen Verwandten gebeugt werden soll, sich nicht mehr an sie erinnert? Was, wenn die Befrager das nicht wissen können und das Verhalten falsch einschätzen?

Herrndorf hat in seinem »Wüstenroman« das Szenario integriert und gekonnt bis zum Äußersten exekutiert. Es verbietet sich, es hier aufzulösen, ja wie an meinen windigen Formulierungen zu sehen, auch jede Kleinigkeit, die darauf hindeutet, wem es widerfahren wird und was sich daraus entwickelt. Und doch zeigt diese Neuerung, was der leider früh verstorbene Autor für ein literarisches Potenzial mitgebracht hat.

Sand ist ein spektakuläres Buch, voller Verwicklungen, Knoten, die sich nicht lösen lassen, Fäden, die im Nichts zu beginnen scheinen und sich mit anderen verschlingen und wieder in der Luft flattern. Und im Hintergrund schimmert die Zeitgeschichte, wenn etwa abends die Nachrichten im TV gesehen werden und man hört: Olympia. München. Jüdische Sportler. Palästinensisches Volk. 50 Jahre sind vergangen und was hat sich eigentlich geändert?

Wolfgang Herrndorf: Sand
Rowohlt 2013
Taschenbuch 480 Seiten
ISBN: 978-3-499-25864-0

Steffen Mensching: Schermanns Augen

Was für ein epischer Roman! Cover Wallstein, Bild mit Canva erstellt.

Es fällt nicht leicht, eine passende Begrifflichkeit für diesen Roman zu finden. Epos ist treffend, aber auch etwas abgeschmackt. Monster erscheint zu negativ, obwohl das Monströse des Lebens zwischen faschistischem Amboss und stalinistischem Hammer eine wesentliche Rolle spielt.

Außerdem fiele dabei unter den Tisch, wie die beiden Protagonisten aus ihrer eigenen, zum Teil lichteren Vergangenheit berichten, während sie in einem der unzähligen sowjetischen Gulags ihr Dasein fristen. Denn „Schermanns Augen“ von Steffen Mensching ist nur zu einem (großen) Teil Lagerliteratur und spielt in der menschenverachtend brutalen, absurden Welt der Zwangsarbeitscamps.

„Vor dem Tod kriegt man immer schlecht Luft. Die Russen besaßen für die ungemütlichsten Augenblicke trostreiche Sprichwörter.“

Steffen Mensching: Schermanns Augen

Bergwerk nannte es die Süddeutsche Zeitung – eine Notlösung, die immerhin den Vorzug hat, Dimension und Unerbittlichkeit des Inhalts anzudeuten. Viele andere Reaktionen nutzen ein feuilletonistisches Vokabular, das viel zu meinen scheint, in diesem Fall eher hilft, eine gewisse sprachliche Hilflosigkeit zu überdecken.

Der Roman hat mich in seinem Ausmaß überwältigt und gefesselt, zum Weiterlesen getrieben, wie es nur außergewöhnliches Erzählen schafft. Während des Lesens habe ich das Bedürfnis gespürt, „Schermanns Augen“ gleich nach dem Ende noch einmal von vorn zu beginnen. Eine Seltenheit.

„Wäre das die Wahrheit, müsste am Ende alles falsch sein. Das ganze Land. Nur Theater.“

Steffen Mensching: Schermanns Augen

Der Klappentext von Schermanns Augen hat mich dabei gar nicht so sehr angesprochen. Rafael Schermann, titelgebender Protagonist, ist Psychographologe, der – boshaft formuliert – Handlesen aus der Schrift betreibt. Wahrsagerei aller Art, Spintisieren sind mir zuwider, ich mag keine Clowns, auch nicht jene, die mit Glaskugel, Kaffeesatz oder Handlinien hantieren. Und auch Schermanns Ansatz, aus der Schrift Dinge herauszulesen, die Auskunft über die Persönlichkeit ihres Urhebers zulassen, ist mir nicht geheuer.

Doch hat der Autor Steffen Mensching einen gestalterischen Geniestreich vollbracht und Schermann den in Stalins Schattenreich geflohenen deutschen Kommunisten Otto Haferkorn als zweiten Protagonisten zur Seite gesellt. Im Paradies der Arbeiter und Bauern macht dieser bald einschlägige Erfahrungen mit dessen real existierendem Unterdrückungs- und Vernichtungsregime.

„Du, Otto Haferkorn, bist dagegen nur ein Stück Scheiße.“

Steffen Mensching: Schermanns Augen

Eine Buddy-Geschichte entfaltet sich, ein gläubiger Materialist und ein von allem naiven Glauben längst abgefallener Schriftdeuter werden von den Umständen, dem Zufall und dem Kommandanten des Lagers Artek zusammengezwungen und müssen sich in der lebensfeindlichen Umwelt behaupten.

Ein wundervolles Setup für unendlich viele Erzählungen innerhalb der Geschichte, kurze und weite Schleifen in die Vergangenheit und Fingerzeige auf die hanebüchene Zeit und ihre fürchterlichen Folgen für die Menschen, die das Unheil erdulden mussten.

Mit ungeheurer Eindringlichkeit erlebt der Leser den Beginn des Vernichtungskrieg Deutschlands gegen Polen im September 1939. Mensching schildert die Ereignisse in den Tagen vor und nach Kriegsbeginn aus der Sicht Schermanns, der versucht, sich und seine Schwester in Sicherheit zu bringen. Doch wo gäbe es so etwas wie Sicherheit in einem Land, das nur noch wenige Wochen existieren sollte?

„Treffen sich zwei Juden auf der Brücke nach Przemysl, in der Mitte des Flusses, der eine läuft nach Osten, der andere nach Westen, rufen sich beide im Chor zu: Meschuggener, spring doch gleich ins Wasser, du rennst in dein Unglück.“

steffen Mensching: Schermanns Augen

Auch die Flucht in den Osten Polens, in den Stalins Rote Armee einmarschiert ist, bietet keinen Schutz. Im Gegenteil: Hüben wie drüben beginnt für die Menschen in dem ausgelöschten Staat, nicht nur für die Juden, jahrelanges Leid. Für Schermann und seine Frau war es zu spät für eine Flucht und und sie landen im sowjetischen Lagersystem, werden getrennt und Schermann spült es in das Lager Artek.

Die Erzählung wirft ein Schlaglicht auf Erfahrungen, die gegenwärtig so viele Menschen rund um die Welt machen – die Ablehnung und völlige Ignoranz ihrem Leid gegenüber eingeschlossen. Die Stimmung, das Chaos, Verzweiflung und jener unendlich gestufte Strauß an einander ausschließenden Hoffnungen entfalten eine gehörige Wucht. Wie schnell eine Welt zerbrechen kann, die eben noch unzerstörbar schien!

An einigen Stellen gibt es zu viel Schlagsahne. Eine zu große Masse an Namen, ein etwas zu ausschweifender Rückblick, der zu weit vom Geschehen fortlenkt und den Leser aus dem Erzählstrom wirft. Es wäre nicht nötig gewesen, so weit ins Detail zu gehen, um die Welt, die schon zwischen 1914 und 1918, aber endgültig nach 1939 untergegangen war, mit dem Dasein in der sowjetischen Lügenwelt zu kontrastieren.

„Der Feldscher würde, ohne mit der Wimper zu zucken, den Totenschein ausfüllen. Exitus durch Schwächung der Herzmuskulatur. Das Standardbulletin. Passte bei Typhus, Ruhr, Pellagra, Wundbrand, Schädelfrakturen, Quetschungen, inneren Blutungen, Schussverletzungen, auch bei Würgemalen am Hals.“

Steffen Mensching: Schermanns Augen

Im Lager geht es zu, wie es in allen Lagern rund um den Erdball zugeht, mit einer unverkennbar landestypischen Note, in diesem Fall der stalinistischen. Häftling Otto steht oft ohne Erklärungen oder bestenfalls mit einem bunten Strauß von Vermutungen und Zweifeln im Angesicht von Entwicklungen in- und außerhalb der Stacheldrahtzäune.

Gerüchte, Vermutungen und Geschwätz ersetzen Wissen oder gaukeln es vor, hilflose Machtspielchen der Ohnmächtigen. So erfahren die Häftlinge erst zwei Wochen nach dem Angriff der Wehrmacht auf die Sowjetunion von dem Überfall.

Inmitten dieser menschenverachtenden Welt hat Mensching jene kostbaren zwischenmenschlichen Ausnahmen eingestreut, von denen die Erinnerungen vieler Lagerinsassen zeugen. Auch das macht „Schermanns Augen“ zu einem ganz wunderbaren Leseerlebnis.

„Schermanns Augen“ ist ein wundervolles Spiel mit dem Begriff der Lüge. Das gesamte stalinischte Sowjetreich basierte auf ideologischen „Wahrheiten“, die in einer Flut von verlogenen Begriffen über die Menschen niederging und ihre Lebensrealität in einem erbarmungslosen Unterdrückungs-, Vernichtungs- und Zwangsarbeitssystem verhöhnten. Schermann ist eigentlich ein „Lügner“, ein Gaukler, der jedoch so oft die Wahrheit und nichts als die Wahrheit sagt.

Steffen Mensching: Schermanns Augen
Wallstein-Verlag 2018
Gebunden 820 Seiten
ISBN 978-3-8353-3338-3

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