Michel Houllebecq lenkt in seinem Roman Unterwerfung den Blick des Lesers bewusst auf das Genital seiner Hauptfigur. Es muss ihm klargewesen sein, dass dieser Umstand zu heftigen Reaktionen führen würde. Und tatsächlich sind viele ablehnende Rückmeldungen gleichfalls darauf gerichtet und entsprechend in empörtem, ablehendem Tonfall vorgetragen.

Und dann sind da noch jene Zeitgenossen, die das Buch zwar nicht gelesen haben, vorauseilend jedoch Rassismus und Islamophobie wittern. „Ist dieses Buch rassistisch? Ich habe es nicht gelesen, aber die Beschreibung erscheint mir sehr islamophob.“ (Im Deutschen bisweilen auch mit islamfeindlich synonym gebraucht.)

„Est-ce livre raciste? Je l’ai pas lu, mais la description se sent très islamophobe!“

Goodreads


Wenn noch etwas darüber hinaus mokiert wird, dann die philosophischen „Abschweifungen„, die als Sumpf empfunden werden, in denen der Leser stecken bliebe und vor Langeweile umkäme. Diese Empfindung lässt sich nachvollziehen. Allerdings wirkt dieser Umstand vom Autor bewusst konstruiert, denn der Protagonist äußert sich maniriert und selbstgefällig, mit der intellektuelle Spitzmündigkeit des Hochschullehrers.

Unter diesen inhaltlichen Schichten (und noch einigen anderen) liegen die Bomben versteckt, die im Laufe der – sich nicht gerade überstürzenden – Handlung peu á peu hochgehen. Tatsächlich nimmt Houellebecq so viele Ziele aufs Korn, dass es wundert, wie oberflächlich die Kritik an dem Buch bisweilen bleibt. Und nein: der von vielen beschworene kulturelle Clash zwischen Islam und Christentum steht eigentlich nicht im Zentrum.

Ostentative Frauenfeindlichkeit

Die Frauenfeindlichkeit der Hauptperson, des Professors François, ist derart offensiv dargestellt, dass man sie eher für ein provokatives Aushängeschild halten kann, dessen grelle Lichter das eigentliche Thema bei flüchtiger oder wutentbrannter Lektüre überstrahlen. Ohne Frage ist der Protagonist eine fürchterliche Figur, dessen emotionales und soziales Scheitern durch seinen bequemen Posten und Sex wattiert ist.

Houellebecqs Held weiß um die eigene Bedeutungslosigkeit, auch die seines Faches bzw. des gesamten geisteswissenschaftlichen Apparates, der – im Gegensatz zu anderen Fachtrichtungen – nach Ansicht François´ nur zum Selbsterhalt existiere. Starke Worte, die in diesem Segment bestimmt außerordentlich gern gehört bzw. gelesen werden.

Gutbezahlt bei geringem Arbeitsaufwand, den Job wie ein degenerierter Adeliger vor allem als Jagdgrund auf Studentinnen nutzend, die sich nach einem Semester turnusmäßig verabschieden: Die Geisteswissenschaften, die sich gern als Schild von Kultur, demokratischen Errungenschaften und Hort aufgeklärten Fortschritts empfinden, treten dem Leser in einer heruntergekommenen, sich selbst karikierenden Figur entgegen.

Der aber äußerst in seinem selbstgefälligen Tonfall ebenso scharfäugige wie unangenehme Beobachtungen:

Sehr viele Intellektuelle hatten im Laufe des 20. Jahrhunderst Stalin, Mao oder Pol Pot unterstützt, ohne dass ihnen das jemals ernsthaft zum Vorwurf gemacht worden war. Der Intellektuelle in Frankreich musste nie verantwortlich sein; das lag nicht in seinem Wesen.

Michel Houellebecq: Unterwerfung


Das eigentlich Thema von Unterwerfung ist aber der extrem dünne Firnis der westlichen, säkularen, aufgeklärten, demokratischen Kultur, die so vielen so selbstverständlich erscheint und während weniger Monate wie ein Kartenhaus in sich zusammenstürzt und sich regelrecht auflöst. Angesichts der schonungslos vorgeführten Schwäche ihrer selbsternannten Verteidiger erscheint das nicht abwegig.

Für einige Augenblicke glaubt der Leser, der Roman könnte in ein wildes, umstürzlerisches Chaos abgleiten, doch diese Dystopie bleibt seltsam still. Und stürzt doch alles um. Wirklich alles, einschließlich des Selbstverständnisses vieler Leser.