Zu Beginn des Romans blickt der Leser in eine Art zerbrochenen Spiegel: Die Scherben zeigen den schmalen Ausschnitt eines Lebens, zunächst einer Person, die ihren Weg als professioneller Killer geht. Das überrascht, klingt dieser Auftritt doch mehr nach einem Thriller als nach dem Werk eines Prix Goncourt Preisträgers.

Es bleibt nicht bei einer Scherbe, eine ganze Reihe von menschlichen Daseinsformen wird ausgebreitet. Naturgemäß ist dieser Romanabschnitt eine nahezu plotfreie Zone, was manchen Leser erschöpft, einige zum Aufgeben zwingt. Und doch ist es nötig für das Vorhaben von Hervé Le Tellier, der mit diesem bunten Strauß eine erzählerische Reise antritt, die eine enorme Flughöhe erreicht.

Man muss dem Roman „Die Anomalie“ entsprechend Zeit geben.

Die Spiegel-Scherben-Personen haben nämlich eine Gemeinsamkeit: Sie fliegen mit einem Air France Flieger von Europa in die USA. Unterwegs gerät die Maschine in ein dramatisches Unwetter und dadurch geschieht etwas absolut Unglaubliches, worüber die Käufer des Buches schon durch den Klappentext informiert werden: Der Flieger erreicht die USA zweimal mit einem Zeitabstand von mehrere Monaten.

Klappentext verringert Schockwirkung

Voilà! Die Kulisse für eine atemberaubende Geschichte ist aufgestellt. Durch die geschickte Strukturierung seiner Erzählung gelingt es dem Autor, den Leser einige Zeit an der Nase herumzuführen, trotz des stark spoilernden Klappentextes. Es ist fast ein wenig schade, dass dieser so gefasst wurde – die Wirkung ohne diese Vorabinformation würde eine gewaltige Wucht entfalten.

Doch auch so lässt Le Tellier sein Publikum erschaudern. Die lakonische, detailreiche, dabei zu keinem Zeitpunkt barock-überladen wirkende Erzählweise lässt niemanden entkommen, der sich durch das fast stehende Gewässer am Anfang hindurchgekämpft hat. Die Personen des zerbrochenen Spiegels verbindet nämlich, dass sie in diesem Flugzeug saßen und nun fast alle zweimal auf Erden weilen.

Platzierte Hiebe in alle Richtungen

Was auf den ersten Blick wie Science Fiction wirkt und durchaus mit Action hätte ausgeführt werden können, ist vielmehr ein multiperspektivisches Kammerspiel mit Niveau. Le Tellier lässt es sich nicht nehmen, Hiebe auszuteilen, die einen zeitkritischen Charakter haben: Trump, Frankreich, Nachrichtendienste, nerdige Wissenschaftler, Soziale Medien, US-TV-Show, fanatische Christen werden mit einer feinsinnigen Gnadenlosigkeit seziert.

Und im Herzen dieses endlosen Brandes, der Amerika seit jeher verzehrt, in diesem Krieg, den die Finsternis gegen den Verstand führt, in dem die Vernunft Schritt für Schritt vor der Ignoranz und dem Irrationalen zurückweicht, legt Jacob Adams die dunkle Rüstung seiner primitiven wie absoluten Hoffnung an.

Hervé Le Tellier: Anomalie

Vor diesem Hintergrund erleben die Protagonisten ihr Schicksal, der Leser folgt ihren Versuchen, mit dem Undenkbaren fertigzuwerden. An manchen Stellen ist der Roman ungeheuer komisch, an anderen von bitterböser Klarheit und das Echo eines Pessimismus, das die Überlebensfähigkeit der Menschheit infrage stellt.

Eine Warnung

Und ja. Insofern ist es ein Science Fiction. Immer schon waren Autoren des Genres darauf bedacht, Warnungen zu verbreiten. Diese Fingerzeige kamen oft in düsterem Gewand der Dystopie daher. Die „Anomalie“ ist überwiegend heiter, grotesk, witzig, aber auch brutal, grausam und niederschmetternd. Und sie trifft tief, wenn dem Leser klar wird, dass er tatsächlich in einen Spiegel schaut, den seiner eigenen Existenz.

Ein wundervolles, großartiges Buch. Es passt sehr gut zu den bisherigen Erfahrungen, die ich mit Prix Goncourt-Preisträgern gemacht habe. Dabei enthält es Bestandteile, die ich überhaupt nicht mag. Bücher mit einem Titel, der im Buch selbst als Buchtitel vorkommt, schrecken mich gewöhnlich ab. In diesem Fall habe ich das sehr gern inkauf genommen.

Auf den Roman bin ich zuerst durch einen Blog-Beitrag auf rezensionsnerdista.de aufmerksam geworden. Eine weitere Buchvorstellung mit einem etwas anderen Blick auf das Buch gibt es auf dem sehr schönen Blog Horatio-Bücher.