Am Feldzug gegen die Sowjetunion nahmen mehrere Millionen Europäer nicht-deutscher Herkunft teil, darunter hunderttausende Italiener. Wie das Zitat zeigt, ist die Auseinandersetzung mit dem italienischen Anteil am „Russland-Feldzug“, der in Wahrheit vor allem in der Ukraine geführt wurde, kein Anlass zu besonderem Eifer. Coverrechte Wagenbach, Bild mit Canva erstellt.

Als ich diesen Artikel las, hatte ich das Gefühl, vom Rand unserer Gegenwart in die moralischen Abgründe des 20. Jahrhunderts zu blicken. Ich sah den Widerschein eines schwarzen Lichts, von dem ich niemals gedacht hätte, dass es jemals wieder aufblitzen würde – hier und jetzt.

Francesca Melandri: Kalte Füße

Ein langes Zwiegespräch zwischen Tochter und (verstorbenem) Vater, eng verwoben mit der Gegenwart, insbesondere dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine, führt in die Abgründe des 20. Jahrhunderts, die in der pax europaea längst überwunden zu sein schienen. Irrtum. Das „schwarze Licht“ der millionenfachen Gräuel leuchtet wieder im Europa des 21. Jahrhunderts.

Die italienische Autorin Francesca Melandri wählt einen Tonfall, der sich vom »unnützen Lärm« Italiens wie vom inquisitorischen Verdammen vieler 68er gegenüber ihrer Väter-Generation wohltuend abhebt. Sie schwingt sich weder zum Richter noch Anwalt auf, sondern führt einen kritischen, nachdenklichen Dialog mit ihrem Vater. Er war Alpini-Soldat und Teil der Angriffskriege des faschistischen Italiens, das an der Seite Hitlerdeutschlands gegen die Sowjetunion Krieg führte.

Der ehemalige Soldat sprach immer vom „Russlandfeldzug“, doch waren die meisten Orte, von denen er berichtete, ukrainische. Immer wieder verweist sie auf diese Ungenauigkeit: Der „Rückzug aus Russland“ war in Wahrheit ein „Rückzug aus der Ukraine“, die „Russinnen“, die ihren Vater vor dem Tod bewahrten, waren Ukrainerinnen. Durch die sprachliche Korrektur schlägt Melandri eine Brücke in die Gegenwart, in der bei vielen die Ungenauigkeiten fortgeschrieben werden: Angreifer und Angegriffene werden vertauscht, exzessive Gewalt wird verharmlost und ideologisch überkommene Weltbilder werden wider die Wirklichkeit verteidigt.

Doch was bringt es, uns als stolze Antifaschisten zu fühlen und Bella Ciao zu singen, aber dann einen lupenreinen Faschisten wie Putin nicht zu erkennen, wenn er direkt vor uns steht?

Francesca Melandri: Kalte Füße

„Kalte Füße“ ist ein wunderbar kluges Buch, wegen des Tonfalls, der trotz aller bemerkenswerten Klarheit und Deutlichkeit der Schilderung die Tür zum Denken, Zweifeln und dem Gespräch offenlässt. Es geht Melandri nicht um Schuld, sondern um Verantwortung. Ihre Gedanken zu der Eitelkeit von Schuldgefühlen, die nach ihrer Ansicht in ein Gefühl „omnipotenter Größe“ umschlagen können, sind gerade für deutsche Leser interessant: Hierzulande hat man es sich mit größtmöglicher Eitelkeit einer angeblichen „Vergangenheitsbewältigung“ bequem gemacht.

Italien und seine Rolle im blutigen zwanzigsten Jahrhundert treten dank Melandri aus dem Schatten der Selbstverleugnung hervor. Wer bei einer Italienreise monströsen Denkmälern oder „Gärten des Widerstands“ begegnet, weiß nach der Lektüre von Kalte Füße auch um das, was sich in deren Schatten verbirgt. Was „Rückzug aus Russland“ genannt wird, war Teil des Eroberungs- und Kolonialkrieges gegen die Ukraine. Italien wollte sich am Korn der fruchtbaren Schwarzerde bedienen. Daraus erwächst nicht etwa Schuld für die Nachgeborenen, sondern Verantwortung, nicht  nur in Italien.

Das Gegenteil von Verantwortung sind „Kalte Füße“, was im Deutschen wie im Englischen bedeutet, dass sich „jemand aus Angst seiner Aufgabe nicht stellen möchte“. Sich abwenden, verharmlosen und das Opfer des Angriffskrieges, die Ukraine, im Stich lassen: Auch dem ebenso verbreiteten wie erbärmlichen Verhalten im Westen geht Melandri nach. Das ist nicht schmeichelhaft und wird sicher vielfach brüsk zurückgewiesen von jenen, die ihrem Selbstbild (pazifistisch, antiimperialistisch, antiamerikanisch) gnadenlos treu sind. Doch vermutlich nehmen diese Zeitgenossen Melandris vorzügliches Buch gar nicht erst zur Hand. Ein Grund mehr, es zu lesen.

Francesca Melandri: Kalte Füße
Aus dem Italienischen von Esther Hansen
Klaus Wagenbach Verlag 2024
Gebunden,  288 Seiten
ISBN: 978-3-803133670