Schreibgewitter

Schreiben - Lektorieren

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Leonardo Padura: Labyrinth der Masken

Ist es ein gutes Zeichen, wenn man das Nachwort eines Romans als brillant empfindet? Ja, wenn es ihn leuchten lässt, wie im Falle von „Labyrinth der Masken“ des cubanischen Schriftstellers Leonardo Padura. Oberflächlich betrachtet handelt es sich um einen Kriminalroman, so kann man ihn in gewissem Grade auch lesen. Doch die Jagd des Ermittlers Mario Conde gerät immer wieder in den Hintergrund.

Conde ist Teniente der cubanischen Polizei und als solcher eigentlich Teil der Staatsmacht. Zum Charme der Romane Paduras gehört, dass sich dieser Polizist in einem schattigen Grenzbereich bewegt – ganz unabhängig davon, ob sich so eine Figur in der sozialistischen Realität Havannas überhaupt würde halten können. Er ist passionierter Schürzenjäger, die Machismo-Ideologie schlägt sich in sprachlich offenen Bildern nieder. Darin sehe ich kein Problem, denn meiner Meinung nach, kann über die Dinge nur reden, wenn man sie benennt, nicht maskiert.

Paduras Ermitteler ist ein verkappter Schriftsteller, der immer wieder von der unstillbaren Sehnsucht nach dem Schreiben befallen wird. Etwas Untergründiges und Berührendes möchte er verfassen. Auch wenn er sich längst mit seinem Job abgefunden hat, treibt es ihn in regelmäßigen Abständen wieder an den Schreibtisch; es bleibt bei diesen Episoden, während die Lebenszeit unerbittlich verrinnt.

»Achtundzwanzig Jahre«, rechnete El Conde. Er sagte es laut, um es selbst zu glauben, nahm die Finge zu Hilfe und machte noch einmal die gnadenlose Rechnung auf, bei der so viele, viele Jahre herauskamen. Schließlich akzeptierte er das Resultat, und Panik ergriff ihn angesichts des unwiederbringlich Verlorenen.

Leonardo Padura: Labyrinth der Masken

Schreiben ist in einem sozialistischen System kompliziert. Die Freiheit des Kreativen wird gegängelt, es gibt Zensur und Strafe, wenn die Werke aus dem staatlich vorgegebenen Rahmen fallen oder zumindest dessen bezichtigt werden. Erniedrigende Prozesse sind die Folge, der Konformitätsdruck zwingt Kollegen sich dem Kesseltreiben gegenüber den Aussätzigen anzuschließen.

Ganz früh in seiner Sozialisation ist Conde im Dornwald des sozialistischen Kulturbetriebes hängengeblieben. Statt seiner Berufung zu folgen, bleibt ihm nicht viel anderes übrig, als nolens volens seinen Job zu erfüllen. Der führt ihn zu einem ungewöhnlichen Mordfall: ein Mann, gekleidet in ein auffälliges rotes Kleid, mitten in einem öffentlichen Park. Ein Transvestit, der sich gegen die Tötung nicht gewehrt hat und dem zwei Münzen im After stecken.

Die Suche nach dem Mörder führt Conde zu einem exzentrischen Theaterregisseur, der wegen seiner Homosexualität einst geächtet wurde. Die Figur des Alberto Marqués konfrontiert den Polizisten mit einer Welt, gegenüber der er starke Vorurteile und eine tiefgreifende Abneigung hegt. Conde weiß das, gibt es offen zu und beginnt zu lernen, einerseits, um den Fall zu lösen; andererseits, weil ihn Marqués fasziniert.

Der Transvestismus war demnach mehr als der bloße Akt eines Schwulen, der in Frauenkleidern auf die Straße geht, so wie er, der Macho aus der Vorstadt, immer geglaubt hatte.

Leonardo Padura: Labyrinth der Masken

Recht erwartbar ist, dass der Theaterregisseur den Polizisten in die Nachtwelt der Homosexuellen einführt, ein Streifzug, aus dem Conde verwertbare Informationen zu erhalten hofft; und ein Nebenspiel mit einer Frau, die für den Polizisten zu einem sexuellen und emotionalen Abenteuer wird, das ihn aus seiner Depression reißt.

Der eigentliche, tiefere Grund für Condes Interesse liegt in einer gemeinsamen Erfahrung mit den mahlenden Kulturmühlen der sozialistischen Gesellschaft. Marqués eröffnet peu á peu, was ihm angetan wurde. Vom Olymp des gefeierten Theatermannes in das Nichts einer Regionalbibliothek – das Pendant der Verbannung nach Sibirien auf Cuba. Der fluchtartige Abfall von Freunden und Bekannten, die ihn kurz zuvor noch aus eigennütigen Gründen umschwärmten. Abtötende Ödnis statt kreativer Tätigkeit.

Conde kennt die Mechanismen aus seiner eigenen Vergangenheit. Und Gegenwart, denn parallel zu den Ermittlungen ist der Polizist selbst Gegenstand von Nachforschungen der cubanischen Sicherheitsbehörden. Und nicht nur er. Polizisten werden suspendiert und sitzen (wie Marqués) plötzlich von ihrem Lebensinhalt abgeschnitten zu Hause, die Leere frisst an ihnen wie eine Schar hungriger Ratten an einem geschwächten Körper.

»Aber sie wissen alles, ist dir das klar? Das ist ja der Mist, Conde, plötzlich merkt man, dass man wie in einem Schaufenster lebt oder wie in einem Reagenzglas oder was weiß ich.«

Leonardo Padura: Labyrinth der Masken

Kollegen werden verhört und ausgehorcht. Der Leser erfährt den Vorgang in einem für das Genre eher untypischen Format: In die Erzählung sind lange, mehrseitige Monologe eingeflochten, wenn die Figuren zu Wort kommen und etwas aus der näheren oder ferneren Vergangenheit berichten. So wie Manolo anlässlich des Verhörs durch die Sicherheitsorgane, so wie Marqués über seine Kaltstellung.

Das bricht den Erzählfluss – für Krimi-Fans vielleicht ein Ärgernis, doch lenkt es die Aufmerksamkeit auf die wesentlichen Dinge: wichtige Wurzeln der Gegenwart, in der sich die handelnden Figuren behaupten müssen. Es führt zum Kern des Ganzen, auch in Condes Sozialisation, die von einer jähen Konfrontation mit der Staatsmacht geprägt war – eine Erfahrung, die ihn mit dem Schicksal von Marqués verbindet.

Letztlich sind wir alle Kinder der Zeit und des Staubes, und die Poesie kann uns davor nicht bewahren.

Leonardo Padura: Labyrinth der Masken

Am Ende schließlich wird der Fall auf eine konventionelle Weise aufgelöst. Es fallen weitere Masken, einige davon schmerzhaft, wenn geschätzte Mitmenschen und Freunde plötzlich mit anderem Antlitz vor einem stehen. Zurück bleibt, was die Zeit übriglässt: Asche und Staub. Schließlich das Nachwort. Man muss es lesen – vor, während oder nach der Lektüre von „Labyrinth der Masken“. Denn wie dort zu lesen steht: Der Krimi ist sehr kubanisch – und global.

Trivia: Barfly!

Es gibt eine Stelle im Roman, die wie eine kleine Homage an einen Spielfilm wirkt: Barfly. Das Drehbuch stammt aus der Feder von Charles Bukowski, die männliche Hauptrolle hat Mickey Rourke übernommen. Ich habe den wüsten Film aus dem Jahr 1987 irgendwann in den 1990er Jahren gesehen, er ist mir wegen der schauspielerischen Leistung in Erinnerung geblieben und wegen einer Gegenfrage: „Wie kann man in Ruhe etwas schreiben?“

Literarische Begegnung mit F.C. Delius

Ende Mai 2022 ist der Schriftsteller Friedrich Christian Delius verstorben. Im Netz gibt es so viele Nachrufe, dass ich keinen hinzufügen möchte, stattdessen will ich meine Begegnungen mit seiner Literatur schildern. Der Grund ist: Delius hat einige sehr interessante, unterhaltsame und vor allem inhaltlich gewinnbringende Romane und Erzählungen verfasst, die »Birnen von Ribbeck« einmal ausgenommen.

Ich war selbst ein wenig überrascht, wie viele Bücher ich von ihm gelesen habe. In meinem Regal nehmen sie nur einen vergleichsweise geringen Raum ein, denn ich besitze nur Taschenbücher, außerdem fallen die Werke zum Teil recht schmal aus. Das ist aber kein Nachteil, denn Delius hat etwas zu sagen, wofür er eben nicht episch ausholen muss.

Das gilt für mein Lieblingsbuch von ihm: »Die linke Hand des Papstes«. Es ist ein perfekter Reisebegleiter für einen Trip nach Rom. Dort habe ich es mit großen Vergnügen ein weiteres Mal gelesen, abends, wenn es frisch geworden war und ich davor in meiner kleinen Unterkunft Schutz gefunden hatte. Tagsüber habe ich die üblichen Stätten der Stadt besucht und bin immer wieder auf einen caffé al banco irgendwo eingekehrt. Merke: Ein mürrischer Barista zaubert bisweilen tollen caffé.

Es geht um die Hand dieses Papstes namens Benedikt.

Das Buch über die linke Hand des Papstes reicht weit über Rom hinaus. Delius, der in dieser Stadt 1943 das Licht der Welt erblickte, hat mit Italien einige Rechnungen zu begleichen, die sich als Gegenpart der unerträglichen Schwärmerei gegenüber diesem Land lesen. Gesellschaftlich, politisch und religiös herrschen unappetitliche Zustände, die der Autor wunderbar boshaft und mit sehr spitzer Feder zu Papier bringt.

Besonders beeindruckt hat mich »Die Frau, für die ich den Computer erfand«. Was für ein Titel! Und was für eine Form! Delius nutzt die Szenerie eines Interviews bzw. Gesprächs, bei der nur der Befragte zu Wort kommt. Ja, so kann man einen ganzen Roman erzählen. Und was für einen. Konrad Zuse hat während des Zweiten Weltkrieges einen Computer gebaut, der tatsächlich funktionierte – 1945, in Göttingen, meiner Wahlheimat. Hier können Sie lange nach einem Hinweis darauf suchen, was sehr viel mehr über diese Stadt, die angeblich »Wissen schafft«, sagt als alle hübschen Fachwerkbauten.

Zuse hat auch gemalt. Seit Protrait von Bill Gates hat er diesem in den 1990er Jahren selbst übergeben.

Richtig gern gelesen habe ich auch »Die Flatterzunge«. Ein Musiker tourt mit seinem Orchester in Israel und unterzeichnet einen Getränkebeleg mit »Adolf Hitler«. Was nach dieser Entgleisung folgt, kann man sich denken, auch wenn die dem fiktionalen Text zugrundeliegende Handlung 1997, also lange vor den so genannten digitalen Scheiterhaufen namens Soziale Medien geschah. Was treibt jemanden zu so einer Tat? Delius gibt eine Art von Antwort.

Das erste Buch des Autors, was mir in die Hände fiel, war »Bildnis der Mutter als junge Frau«. Ein langer Innerer Monolog einer Einundzwanzigjährigen, die im Januar 1943 durch Rom geht, hochschwanger (Delius kam im Februar 1943 in Rom zur Welt), während ihr Mann in Afrika soldatiert. Es ist jene Zeit, als in Stalingrad eine ganze Armee verreckt und das große Sterben auch auf deutscher Seite beginnt; der befremdete Blick auf die scheinfriedliche Umwelt Roms aus einer Frau »in anderen Umständen« heraus ist berührend.

Im Januar 1943 waren Italien und das Deutsche Reich noch verbündet; in Rom war es ruhig. Ein dreiviertel Jahr später hatte sich alles gewandelt.

Ein ganz besonderer Reise-Roman ist »Spaziergang von Rostock nach Syrakus«, bei der Delius seinen Protagonisten auf den Spuren von Johann Gottfried Seume (»Spaziergang nach Syrakus«) nachvollziehen lässt. Aber: Die Hauptfigur lebt in der DDR, die sie illegal verlassen muss, um den Lebenstraum einer Reise nach Italien zu verwirklichen.

Besonders schön ist auch »Der Tag, an dem ich Weltmeister wurde«. Es verknüpft einen der Gründungsmythen der Bundesrepublik Deutschland, den WM-Sieg 1954, mit dem Befreiungsschlag eines Kindes, das sich aus dem erstickenden Überbau des heimischen Pastorvaters herauskämpft. Ein Fußballbuch? Nein.

Ein Gründungsmythos der Bundesrepublik; bei Delius Anlass für eine Lossagung.

Der Roman »Mein Jahr als Mörder« dreht sich um die mörderische Wut, die ein ungerechtes Urteil entflammen kann. Der Nazi-Richter Hans-Joachim Rehse, der während des so genannten Dritten Reichs unter anderem Widerstandskämpfer zum Tode verurteilt hatte, wird in der Bundesrepublik freigesprochen. Die Empörung lodert hell, ein Student entschließt sich zur Tat. Delius nimmt hier die Nachkriegsjustiz aufs Korn und berührt die uralte Frage nach »Gut« und »Böse«.

Lesemonat Mai 2022

Wer zu Lebzeit faul auf Erden“ – hat eine stattliche Schlange an unveröffentlichten Buchvorstellungen im Backend seines Blogs. Vier der hier kurz angerissenen Bücher werden bald mit einer ausführlichen Präsentation gewürdigt, denn mein Lesemonat Mai war tatsächlich großartig und vielfältig. Zu Kohlhaas kann man unendlich viel sagen, ich belasse es lieber bei dem kurzen Stück unten, verbunden mit einer heftigen Leseempfehlung. Dem literarischen Schmuckstück kann, sollte man sich durchaus ab und zu aussetzen.

Auch der Roman von Daniel Mellem wäre eine eigene Buchvorstellung wert, seine Hauptfigur ist enervierend, unangenehm, faszinierend, genial, ein Sternengreifer, dessen vielschichtige Existenz die gewaltigen Umwälzungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts abbildet und eben auch das Schicksal eines Einzelnen, der seiner Zeit weit voraus ist und ihren sozialen und politischen Mechanismen zugleich hilflos (und eselig stur) gegenübersteht.

Mit Leonardo Paduras drittem Teil seines Havanna-Quartetts nehme ich meine Reise nach Cuba wieder auf. Bei diesem Werk lohnt es sich, das Nachwort vorher, nebenher oder nachher zu lesen. Ich habe es selten erlebt, wie ein paar Seiten einem Roman einen ungeheuren Glanz verleihen. Mit Petersons Vakuum geht es mal wieder in die Zukunft, wie schon Universum sehr unterhaltsam, originell strukturiert und Stoff zum Nachdenken gibt es auch. Danke noch mal an rezensionsnerdista für ihren Hinweis auf den Autor – Blogs lesen lohnt sich eben doch!

Wo ich schon einmal dabei bin: Dank des wunderbaren Buchblogs horatio-buecher bin ich auf Alida Bremers tolles Buch aufmerksam geworden – sie reiht sich ein in die Schar jener, die Wurzeln außerhalb Deutschlands haben und die deutsche Literatur mit ganz anderen Geschichten reicher machen, wie Stanišić, Haratischwili, Marinić, Ohde, Rávik-Strubel und viele mehr. Und Dubois? Prix-Goncourt!

Daniel Mellem: Die Erfindung des Countdown

Der Roman holt weit aus, führt den Leser zunächst in die Kindheit des Protagonisten, schildert ein wohlbekanntes Motiv, nämlich des unangepassten, aneckenden Kindes, das sich den engen Grenzen des Daseins nicht fügen will. Die Generation, der Hermann Oberth angehört, erfährt die Urkatastrophe des Ersten Weltkrieges am eigenen Leib. Der Bruder stirbt an der Front, und die Idee wird geboren, Kriege mit Hilfe einer Super-Raketen-Waffe unmöglich zu machen. Die Naivität ist ein Grund dafür, warum Oberth an den charismatischen Wernher von Braun gerät, und beide den Weg in die Finsternis beschreiten, an deren Ende eine Vergeltungswaffe steht. Während Millionen während des Gemetzels in den Tod gehen, endet Oberths Leben nicht, im Nachkriegsdeutschland und den Sieger-USA hinterlässt er Spuren.

Heinrich von Kleist: Michael Kohlhaas

Die Erzählung gehört zu den Texten, die ich am häufigsten (wieder-)gelesen habe. Je älter ich werde, desto besser gefällt sie mir. Erzählerisch ist es ein großes Werk, die Wechsel in der Dynamik, durch die Kleist die Aufmerksamkeit seiner Leser auf bestimmte Dinge richtet und von anderen fernhält, gehört für mich zu ganz großer Kunst. Früher habe ich mehr den Zorn verspürt und – Kohlhaas zwischenzeitliche Demut – nicht recht nachvollziehen können. Jetzt finde ich gerade diese Passagen, in denen Kleinigkeiten oder Zufälle (im Sinne von Max Frisch) dafür sorgen, dass alles in einem gewaltigen Desaster endet, zu den spannendsten. Der Einzelne im Mahlstrom der Macht. Zermalmt.

Leonardo Padura: Labyrinth der Masken

Ich mag keine Krimis, aber Bücher, die so tun als wären sie Krimis und in dieser populären Kulisse ganz andere Dinge erzählen. So ist das in den meisten Werken des cubanischen Autors Leonardo Padura, ganz besonders auch in diesem. Der Leser kann dem Abgründigen nicht entkommen, denn Padura zerbricht mit stilistischen Mitteln den Lesefluss. Er lässt ganz gezielt die Gesprächspartner des Ermittlers ungewöhnlich ausführlich erzählen, wo in diesem Genre gewöhnlich Dialoge die Last der Handlung tragen. Bei der Suche nach einem Mörder wird das sozialistische System bloßgestellt, seine menschenverachtende Homophobie und die Folgen für die Betroffenen, die zum Schweigen gebracht und gebrochen werden.

Ausführliche Buchvorstellung: Labyrinth der Masken

Phillip P. Peterson: Vakuum

Ein Roman über das Nichts? Schlimmer noch, doch das wird jetzt nicht verraten. Zwar ist von Beginn an klar, dass etwas äußerst Gefährliches droht, eine totale Katastrophe, aber was und wie entfaltet sich auf eine schön konzipierte und spannende Weise, die ich nicht spoilern möchte. Ungewöhnlich ist der Roman wegen der Grenzüberschreitungen im Genre. Ja, Science Fiction, aber eben auch eine Art Dystopie, angereichert mit einer zweiten, im Umfang kleineren, aber für die gesamte Geschichte hochwichtigen und interessanten Erzähllinie auf eine anderen Zeitebene. Etwas verdruckst ausgedrückt, man möge es mir verzeihen – aber ich möchte das wirklich nicht verraten. Die Ereignisse sieht Peterson teilweise etwas optimistischer als ich es für den Fall tun würde; wunderbar, denn das gibt Stoff, über die reine Unterhaltung hinaus etwas nachzudenken. Wer sich nur unterhalten möchte – das kann auch das „Nichts“.

Ausführliche Buchvorstellung: Vakuum

Alida Bremer: Träume und Kulissen

Man könnte den Roman für einen Krimi in wundervoller Mittelmeer-Atmosphäre halten. Ja, es gibt einen Toten, die blaue Adria, Mahlzeiten, die von den Zutaten definitiv das Attribut „mediterran“ verdienen, einen Polizisten, der sich auf die Spur begibt und mit allerlei Menschen dieser Stadt namens Split in einem Landstrich namens Dalmatien spricht, die tatsächlich ein wunderliches Durcheinander an Herkommen und Dasein bildet. Doch 1936 tobt bereits der Abessinienkrieg (wetten, Sie wissen davon nichts!), Deutschland rüstet und bricht den Versailler Vertrag, in der Ukraine sind Millionen verhungert (auch damals gab es Verharmloser), Juden werden im Nazi-Reich gepeinigt, politische Flüchtlinge sind in der Stadt, Schlepper machen mit ihnen Geld und Nationalisten, Faschisten und andere Extremisten laufen sich warm. Ja, das Unheil, von dem wir Nachgeborene wissen, lässt Idyll und Leser frösteln.

Ausführliche Buchvorstellung: Träume und Kulissen

Jean-Paul Dubois: Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise

Dieser Roman hat den Prix Goncourt erhalten, ein Literaturpreis, der mich bislang nur ein einziges Mal enttäuscht hat (Leïla Slimani: Dann schlaf auch du). Es sagt eine Menge, dass auch dieser Roman trotz der Enttäuschung absolut lesenswert ist. Wie bei – fast – allen Preisträgern ist die Sprache herausragend! So viele wunderbare Sprachbilder, ein Fest treffender Ausdrücke. Und der Inhalt? Paul, der Ich-Erzähler, sitzt im Gefängnis, anders als bei Grass´ Blechtrommel kann er nicht in Ruhe schreiben, sein Zellgenosse ist ein mörderischer Rocker, die Zustände in der winzigen Zelle und dem Gefängnis sind erbärmlich. In langen Schleifen wird der Werdegang Pauls, seine ungewöhnliche Herkunft und sein Leben geschildert, auf eine spektakuläre Weise unscheinbar und dennoch mit einiger Wucht auf üble soziale Schieflagen zielend. Und das ist eine der zentralen Zielrichtungen des Romans – eine beißende Kritik an den unmenschlichen Auswüchsen des Kapitalismus.

Ausführliche Buchvorstellung: Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise.

Wovor ein Lektorat nicht schützen kann

Eigentlich mag das niemand hören. Wer ein Buch veröffentlicht, hat einen langen, harten Weg hinter sich, viel Arbeit, Frust und Höhenflüge, dazu im Falle des Selfpublishings auch eine Menge Geld investiert.

Dann ist das Buch endlich auf dem Markt – und es gibt Dresche!

Ein paar Mitleidskäufe, dazu noch eine Handvoll aus dem eng begrenzten Kreis derjenigen, die man über die Sozialen Medien erreicht. Das eigene, mühevoll verfasste Werk ist ein Ladenhüter. Statt Ruhm und Geld zu ernten, sitzt man auf einem Defizit, monetär und emotional.

Misserfolg ist die Regel, nicht die Ausnahme, nicht nur bei den Selbstpublizierern. In der Wahrnehmung ist es umgekehrt, denn nur die Erfolgreichen stehen im Rampenlicht. Menschen sind Meister der Illusion und lassen sich nur zu gern davon blenden.

Nur einmal in mehreren Jahrzehnten (!) habe ich in einer überregionalen Zeitung im Feuilleton einen Beitrag gelesen, der sich mit einem unveröffentlichten Schreiberling befasste. Vier Manuskripte, vier Anläufe, einen Roman bei einer Agentur bzw. einem Verlag unterzubringen – am Ende ein Satz mit „x“.

Das ist die Regel!

Hat man Erfolg, gibt es Dresche. Neid. Missgunst. Rachebewertungen. Trollerei. Die Zahl der apokalyptischen Reiter lässt die Bibel alt aussehen. Die Angriffe können aus verschiedenen Richtungen kommen, sie können gehaltvoll sein oder auch schlicht aus der Lust am Draufhauen.

Ganz besonders hübsch: Verachtung anderer Autoren. (ja, das ist die Regel!) Autoren verachten andere Autoren, selbst in allerhöchsten Kreisen. Thomas Mann über Lion Feuchtwanger – nichts, was man als Autor gern hören möchte.

Allen gemein ist, dass ein Lektorat nicht davor schützen kann. Es ist kein Schild, mit dem man in die Schlacht ziehen und gefeit ist vor Zudringlichkeiten. Autoren müssen sich selbst rüsten.

Lesemonat April

Im Lesemonat April gab es wieder mehrere tolle Leseerlebnisse. Ganz besonders gefallen haben mir die Bücher von Karen Duve, Graham Swift, Nino Haratischwili und vor allem Wolfgang Herrndorf.

Wie immer mäandere ich durch Genres, Zeiten und Themen, mit Kleist ist wieder etwas Klassisches dabei, was einigermaßen selten gelesen werden dürfte. Mich hat interessiert, wie sich bei dem Dichter der nationalistisch verbrämte Germanenkult des 19. Jahrhunderts niederschlägt.

Die Anregung habe ich aus Karen Duves Roman über Annette von Droste-Hülshoff erhalten, deren Heldin Zeitgenossin von Kleist gewesen wäre, wenn dieser nicht so zeitig den Freitod gewählt hätte. Ein tolles Buch, das anregt, „Die Judenbuche“ wieder zu lesen.

Während in der Ukraine weiter der Vernichtungskrieg von Putins Russland tobt und – ganz typisch für den Menschen – immer weiter zur Gewohnheit zu werden droht, habe ich durch den Wälzer aus der Feder von Nino Haratischwili eine Reise zu den Wurzeln des Alptraums unternommen: Tschetschenien. Putins Kriegsverbrechen in der Ukraine haben eine lange Vorgeschichte – man könnte sagen: Tradition.

Eine Enttäuschung war auch dabei, es dürfte mein letzter Anlauf gewesen sein, ein Werk von Robert Seethaler zu lesen.

Karen Duve: Fräulein Nettes kurzer Sommer

Meine dritte Begegnung mit Karen Duves Literatur, Wolfgang Herrndorf sei dank, der sie in „Arbeit und Struktur“ einmal erwähnt hat und mein Interesse weckte. Warum? Herrndorf hat auch andere erwähnt, auf andere Weise, sagen wir einmal so. Und ja, man schaut in eine sehr interessante Zeit, ist dabei, wenn altdeutsch überspannte Studenten poetisieren und lamentieren, berühmte Persönlichkeiten in Erscheinung treten und Frauen nicht einmal die zweite Geige, sondern nur Bratsche spielen dürfen. Nette, die keineswegs nette Annette von Droste-Hülshoff, fällt aus diesem Rahmen und erfreut den Leser mit kleinen und größeren Gemeinheiten gegenüber ihrer Umwelt, nicht war, Herr Grimhelm Wimm?  Und doch: Auch starke Frauen können scheitern. Im Falle der Annette von Droste-Hülshoff ist es ein „Wunder“, dass sie noch zum Schreiben kam.

Heinrich von Kleist: Die Herrmannsschlacht

Der jung verstorbene. Dichter Heinrich von Kleist ist vor allem durch seine Novelle „Michael Kohlhaas“ und die Komödie „Der zerbrochene Krug“ bekannt, sein Werk „Die Hermannsschlacht“ gehört zu den eher unbekannten und ignorierten Stücken. Kein Wunder. Für Zeitgenossen des 21. Jahrhunderts eine Zumutung. Germanien und seine Völker sind die Deutschen, die von entstellenden Clichés gezeichneten Römer ihre Unterdrücker. Aber – es gibt Herrmann, deutsche Tugenden, Verrat und Rache. Gottlob. Für von Kleist und die meisten seiner Zeitgenossen ein Wunschtraum, hatte Napoleons Frankreich gerade Preußen vernichtet und dem Heiligen Römischen Reich den Todesstoß versetzt. Und doch: Haben die wirklich gern gelesen, dass eine von den Römern Vergewaltigte zuerst vom eigenen Vater getötet, dann in Teile geschickt und als aufrüttelndes Symbol an die germanischen Stämme verschickt wurde? Wenn ja, dann hätten die Franzosen vielleicht besser länger östlich des Rheins ausgeharrt.

Nino Haratischwili: Die Katze und der General

Die Zutaten dieses Romans sind wie für mich gemacht. Ich lese so gern Geschichten, die sich auf mehreren Zeitebenen entfalten und ihre Erzähllinien langsam ineinander verwickeln. Sind diese noch mit historisch-politischen Aspekten verknüpft, umso besser. Dafür nehme ich gern etwas Info-Dump inkauf, der in dem Roman „Die Katze und der General“ absolut im Rahmen bleibt bzw. sehr geschickt eingeflochten wurde. Dafür hätte Nino Hartischwili gern an der einen oder anderen Stelle kürzen können, insbesondere bei den Kapiteln, die nahe der Gegenwart spielen. Die Vergangenheit ist aber mitreißend, denn sie führt den Leser in hierzulande gern ignorierte Kriege und entlarvt das „Frieden in Europa seit 1945“ als hohles Geschwätz. Schließlich hält der Roman dem deutschen Leser manchmal einen Spiegel vor. Es besteht durchaus die Gefahr, dass man sich schämt.

Eine ausführliche Buchvorstellung: hier entlang.

Wolfgang Herrndorf: In Plüschgewittern

Zwanzig Jahre sind eine lange Zeit, vor allem, wenn in der verstrichenen etwas lebensumstürzendes wie das iPhone auf den Markt gebracht wird. Ja, so betrachtet, wirkt der Roman alt. Und doch zeitlos. Wolfgang Herrndorf hat als Titel eine Anspielung auf Ernst Jüngers „In Stahlgewittern“ gewählt, inhaltlich spiegelt sich das nicht unbedingt wider. Allerdings ist der Stil schon sehr prägnant, wuchtig, zielstrebig und dynamisch und ohne moralische bzw. politisch-gesellschaftliche Intention. Weniger leicht und komisch als bei Tschick, weniger erbarmungslos als bei Sand und von der tiefen Hoffnungslosigkeit in Arbeit und Struktur ist nichts zu spüren. Und doch singt ein Ton mit, der in gewisser Hinsicht desillusionierend wirkt. Und das ist Herrndorf bei allem eben doch: ein Desillusionator.

Eine ausführliche Buchvorstellung: hier entlang.

Robert Seethaler: Der letzte Satz

Kein musikalisches Werk habe ich so oft gehört, wie die zweite Sinfonie von Gustav Mahler. Insofern bestand eine gewisse Verpflichtung, in das schmale Büchlein von Robert Seethaler einmal hineinzuhören, denn da geht es um die letzten Monate des Komponisten. Zwei Stunden waren gerade so in Ordnung, ohne die Gehässigkeiten über das Wiener Publikum wäre es unerträglich langweilig gewesen. Man könne über Musik nicht reden bzw. schreiben, heißt es einmal sinngemäß im Buch. Dann lasst es doch, bitte. Danke.

Graham Swift: Ein Festtag

Eine Geschichte, wie ein Alptraum für Anhänger des „Show, don´t tell“-Axioms. Graham Swift erzählt hingebungsvoll. Aus der schwebenden Gegenwart, einem frühsommerlichen Märztag, lässt er seine Protagonistin das Schlafzimmer mit ihrem Geliebten und ihren späteren Streifzug durch das Haus, in weiten Schleifen durch die Vergangenheit ziehen. Aus der fernen Zukunft kommt die Schriftstellerin zu Wort, denn dieser Tag ist nicht nur das (tragische) Ende einer verbotenen sexuellen Leidenschaft, sondern die Geburtsstunde der Idee, zu schreiben. „Es ging darum, eine Sprache zu finden; und es ging darum – und das folgte aus dem Vorherigen  – der Tatsache treu zu sein, dass viele Dinge im Leben, oh, so viele mehr als wir uns vorstellen, nie erklärt werden können.“

Ó Cadhain Maírtín: Die Asche des Tages

Sehr passend erscheint mir das Motiv auf dem Cover des kleinen Büchleins: eine Flasche. Die Assoziationen sind eindeutig, Alkoholismus, eine gewisse Verlorenheit und Tragik und Flaschenpost! Wirft man eine Flasche in ein stehendes oder fließendes Gewässer, liefert man sie aus. Aus eigener Kraft kann sie sich nicht fortbewegen, keinen eigenen Willen entwickeln und in die Tat umsetzen. Strömungen und Hindernisse entscheiden darüber, in welche Richtung es geht, wenn die Flasche nicht irgendwo hängenbleibt. Daran musste ich bei der Lektüre dieses geradezu grotesk wirkenden Buches von Ó Cadhain Maírtín denken, deren Hauptfigur N. ähnlich durch einen Tag, eine Nacht und noch einen Tag irrlichtert.
Man muss das Rad nicht neu erfinden! Eine ausführliche und sehr treffende Rezension zu „Die Asche des Tages“ gibt es auf dem schönen Literatur-Blog Horatio-Bücher.

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