Alexander Preuße

Schriftsteller - Buchblogger

Frank Verstraete, Cèline Broeckaert: Warum niemand die Quantentheorie versteht, aber jeder etwas darüber wissen sollte

Buchcover von ‚Warum niemand die Quantentheorie versteht‘ mit dem Zitat ‚Symmetrie ist das wichtigste Konzept in der Physik.‘ im Hintergrund einer abstrakten, goldfarbenen Lichtspiral-Visualisierung. Das Cover zeigt die Autoren Frank Verstraete und Céline Broeckaert sowie den Verlag C.H.Beck.
Es ist nicht leicht, in die Welt der Quantenphysik und ihrer Schöpfer einzutauchen. Doch es lohnt sich, denn tatsächlich sollte jeder etwas darüber wissen. Sachbücher sind nicht nur dazu da, das Wissen zu vergrößern, sondern auch das Unwissen vor Augen zu führen. Coverrechte beim Verlag, Bild mit Canva erstellt.

[…] ergab sich, dass die Erde etwa 4,5 Milliarden Jahre alt sein muss (der Urknall liegt 13,8 Milliarden Jahre zurück). Daran wird nicht mehr ernsthaft gezweifelt. Außer vielleicht in den Lehrplänen von Wisconsin.

Frank Verstraete, Cèline Broeckaert: Warum niemand die Quantentheorie versteht, aber jeder etwas darüber wissen sollte

Gleich zwei Vorworte empfangen den Leser, ergänzt durch eine Art Kurzanleitung für das Lesen. Das unterstreicht, welch’ schwergewichtigem Thema sich das Buch widmet: Quantentheorie. Der Begriff allein dürfte die Mehrzahl der Leser in die Flucht schlagen, keineswegs nur die Konsumenten schluckgerecht pürierter Trivialliteratur. Dabei sind nun schon  mehr als einhundert Jahre vergangen, seit die Welt »unscharf« wurde, was eigentlich dramatische Folgen für sämtliche Wissenschaften und selbst den Alltag hat.

Wie sollte Quantentheorie interessieren, wenn schon vergleichsweise zugängliche Zusammenhänge wie Elektromotoren, Wärmepumpen oder Impfungen in Abgründe an Missverständnissen führen, zufälligen wie auch gezielt herbeigeführten? Nichtwissen ist nicht schlimm, der falsche Umgang damit kann verheerend sein. Ich bin weit entfernt davon, Quantenphysik zu verstehen, obwohl ich bereits mehrere Bücher über das Thema gelesen habe, die auf möglichst schonende, weil oft biographischanekdotische Weise versuchen, die Leser  heranzuführen. Irgendwann steige ich immer aus.

Entpsrechend gefällt mir der sperrige Titel des Buches von Frank Verstraete und Cèline Broeckhaert ganz wunderbar: Warum niemand die Quantentheorie versteht, aber jeder etwas darüber wissen sollte. Man darf also beruhigt kapitulieren, man ist in allerbester Gesellschaft, man darf, man sollte sogar das eigene Unverständnis eingestehen; das alles ist wohltuend weit von Schule entfernt. Ein wichtiger Grund, das Buch zu lesen, besteht darin, mein eigenes Unwissen zu vergrößern; nach der Lektüre ist mir wieder etwas klarer, was ich alles nicht weiß, verstehe, ja nicht einmal ahne.

Die Schrödingergleichung gehört ebenso zum Kanon unserer Kultur wie Beethovens 9. Sinfonie.

Frank Verstraete, Cèline Broeckaert: Warum niemand die Quantentheorie versteht, aber jeder etwas darüber wissen sollte

Wer nun die Augenbrauen hebt und ein wenig brüsk denkt, wie man denn meinen könnte, jeder würde mit dem Wort Schrödingergleichung etwas anfangen können, dabei vielleicht die Ode an die Freude summt, um die Distanz zwischen dem schnöden Begriff »Gleichung« und dem genialisch-eingängigen Motiv zu unterstreichen: Wer die paar Takte summen und die Musik genießen kann, hat von dem Werk genauso viel oder wenig verstanden, wie von Schrödinger und seiner berühmten Gleichung.

Wer ein Buch über Musiktheorie liest (und versteht), wird die 9. Sinfonie Beethovens mit anderen Ohren hören und vielleicht sogar anders verstehen. Das ist auch eine Begleiterscheinung eines Buches über Quantenphysik: der Weltsicht des Lesers eine neue Perspektive hinzufügen, eben der »frischen Quantenperspektive«. Das ist rundherum gelungen, auch wenn ich schon im ersten Kapitel das weiße Verständnis-Fähnlein schwingen musste.

Sie heißen »imaginäre« oder »komplexe« Zahlen und stehen in einem mir nur schemenhaft begreiflichen Zusammenhang mit Matrizen. Von denen wusste ich immerhin noch, dass sie in Göttingen in den 1920er Jahren Rahmen der quantenphysikalischen Forschung Verwendung fanden (und moderne Informatik-Studenten behelligen). Auch die Anwendungsbeispiele, Smartphones, VR, Suchmaschinen oder ChatBots á la ChatGPT lassen nur erahnen, wie Matrizen eine zentrale Rolle in der Datenverarbeitung spielen.

Symmetrie ist das mächtigste Konzept in der Physik.

Frank Verstraete, Cèline Broeckaert: Warum niemand die Quantentheorie versteht, aber jeder etwas darüber wissen sollte

Besonders zu loben ist die Struktur des Buches. Jedes Kapitel wird mit einigen Stichworten eingeleitet, eine  Art motivischer Leitfaden für die nachfolgenden Seiten. Das vorherige Zitat steht am Beginn des zweiten Abschnitts, der sich mit der Symmetrie befasst. Man sollte ihn nach Beendigung des Kapitels ruhig noch einmal lesen, um zu rekapitulieren, womit man sich auseinandergesetzt hat.

Der Fließtext wird durch eingeschobene Abschnitte unterbrochen, die – wie andere Bücher über Quantenphysik – biographisch-zeitgeschichtlich-anekdotische Informationen über die Protagonisten der Forschung bieten. Das verknüpft die fachlichen Erkenntnisse mit historischen Personen und dabei treten gelegentlich auch Unbekannte aus dem Schatten des Vergessens.

Emmy Noether etwa, eine geniale Mathematikerin, die nicht mehr und nicht weniger als einen »Generalschlüssel« für die physikalische Forschung bereitstellte. Sie hat die Symmetrie als Ordnungsprinzip hinter den Entdeckungen und physikalischen Gesetzen ausgemacht. Wie so oft in Kreisen von Wissenschaft, Kunst und Kultur, ist auch ihre Biographie von der Machtübertragung an Adolf Hitler 1933 überschattet, sie emigrierte in die USA und verstarb bereits zwei Jahre später.

Frank Verstraete, Cèline Broeckaert: Warum niemand die Quantentheorie versteht, aber jeder etwas darüber wissen sollte

Immer wieder wird der Text durch Skizzen bereichert, was nicht nur das Lesen erleichtert, sondern den  Leser mit bemerkenswerten Erkenntnissen konfrontiert. So ist der recht abtstrakt wirkende Begriff »kontraintuitiv« auf einmal sehr konkret. Gefragt, welches der drei Bilder die größte Symmetrie darstellt, hätte ich intuitiv auf das rechte obere getippt und damit falschgelegen. Ich werde hier nicht den Versuch unternehmen, zu erklären, warum Intuition und Wirklichkeit so deutlich auseinanderklaffen.

Stattdessen möchte ich noch auf das letzte Kapitel des Buches verweisen, das sich der zweiten Quantenrevolution widmet, die seit rund dreißig Jahren im Gange ist. Die Schilderungen verlangen dem Leser einiges an Gedankenakrobatik ab. Auch wenn man nicht versteht, warum Energie und Information das Gleiche sein könnten und die Unterschiede zwischen einem herkömmlichen und einem Quantencomputer unbegreiflich bleiben, spürt man, wie sehr unser „Wissen“, insbesondere das intuitive, den neuen Erkenntnissen nicht standhält. Ein schmerzlicher Prozess, der nie an sein Ende kommt.

Das ist ein weiterer Grund, für mich vielleicht der wichtigste, warum jeder etwas über die Quantentheorie wissen sollte: Man versteht die Vergangenheit besser. Vierhundert Jahre vor den Erkenntnisstürmen der neuen Physik zerbrach schon einmal ein festgefügtes Weltbild. Der Vorgang mutet heute wie eine Veränderung in Zeitlupe an, aber die Parallelen sind unübersehbar. Es dauerte lange, ehe die grundsätzlichen Erkenntnisse allgemein anerkannt waren, Allgemeinwissen wurden, wenn man so will; wobei ich Zweifel hege, wer heute wirklich die klassische Physik in ihren Grundlagen versteht.

Hundert Jahre nach dem Beginn der Quantenrevolution ist unsere Wirklichkeit weit davon entfernt, dass die Erkenntnisse in Alltags- oder Allgemeinwissen auch nur in Spurenelementen einfließen. Man könnte sogar meinen, beide Welten, die der Wissenschaft und der Allgemeinheit, entfernen sich. Wie vor einhundert, wie vor fünfhundert Jahren wächst nicht nur das Wissen, sondern auch die Dummheit (Wisconsin!). Und das ist noch eine Antwort auf die Frage, warum man etwas über Quantenphysik wissen sollte; zum Beispiel durch die Lektüre dieses herausfordernden Buches.

Beim Verlag C.H.Beck bedanke ich mich für das Besprechungsexemplar.

Frank Verstraete, Cèline Broeckaert: Warum niemand die Quantentheorie versteht, aber jeder etwas darüber wissen sollte
Aus dem Niederlänischen von Bärbel Jänicke.
C.H. Beck Verlag 2025
Gebunden 351 Seiten
ISBN: 978-3-406-83622-0

Neue Lektüre: Versager oder ein König seiner Zeit

Buchcover von 'Aethelred II: King of the English' von Ryan Lavelle, das vor einem Bücherregal steht. Das Cover zeigt eine mittelalterliche Illustration von gekrönten Personen in traditioneller Kleidung.
Der König Æthelred II. kommt nicht gut weg in der Wertung späterer Autoren. Kein Wunder, hat er doch kein Mittel gegen die endlosen Wikinger-Raids gefunden und ist im Kampf gegen den dänischen Erobererkönig Sven Gabelbart unterlegen.

Mehr als 35 Jahre lenkte der angelsächsische König Æthelred II. die Geschicke Englands. Dieser Satz ist in verschiedener Hinsicht problematisch, weil es eine Machtausübung suggeriert, die kein Herrscher dieser Zeit realisieren konnte. Das oströmische Reich, »Byzanz«, war in seiner Staatlichkeit wohl am weitesten fortgeschritten, weil der Zivilisationsbruch des westlichen Teils ab dem fünften Jahrhundert nicht stattfand.

Die Monarchen in den Herrschaftsgebilden, die alles Mögliche waren, aber kein Staat, mussten sich mit den regionalen Herren arrangieren. Schriftlichkeit, Recht, Verwaltung spielte um 1000 n. Chr. eine marginale Rolle. Es verbietet sich, diese Vergangenheit an der Moderne zu messen, was manche Historiker nicht davon abhält, Fürsten als Verräter und »Quislinge« zu bezeichnen: eine Anspielung auf den norwegischen Nazi-Kollaborateur gleichen Namens.

Das ist vielfacher Hinsicht absurd. Alle Fürsten zu der damaligen Zeit verfolgten ihre eigenen Interessen. Im Ostfrankenreich war es üblich, Dienste für den König mit Gegenleistungen zu begleichen; eine moderne Pflicht, dem Herrscher zu helfen, wäre damals ein abwegiger Gedanke gewesen. Heute klingt das wie Korruption, aber für das Geschehen um die erste Jahrtausendwende hilft dieser Begriff nicht weiter.

Wer also über König Æthelred II. urteilt, muss das mit großer Vorsicht tun. Ich bin sehr gespannt, wie der Autor meiner aktuellen Lektüre die historische Persönlichkeit wertet. Unbestreitbar steht am Ende des Lebens von Æthelred II. eine Niederlage gegen den dänischen Erobererkönig Sven Gabelbart; auch nach dessen Tod konnte er sich gegen Knut (später »der Große«) nicht durchsetzen.

Das Land war in den Jahren zuvor von schweren Raub- und -plünderzügen der Wikinger geplagt worden, Æthelreds Gegenmaßnahmen halfen nicht. Ein Grund, der immer wieder genannt wird, ist eine Person namens Eadric Streona, ein Adeliger, der mehrfach die Seiten wechselte. Ein »Verräter« oder vielleicht doch ein ganz gewöhnlicher lokaler Großer seiner Zeit? Die Quellenlage ist mäßig, die Autoren (oft Kirchenleute) verfolgten ihre eigenen Absichten.

In meinem Roman »Sessrumnir«, der in dieser Zeit spielt, wird Æthelred II. persönlich wohl nicht auftreten, aber natürlich wird er Teil der Handlung sein. Die Frage ist, wie ich ihn als historische Person gestalte? Was denken meine Protagonisten, ihre Verbündeten und Gegner über ihn? Ich stehe dabei vor einem Dilemma, denn die Leser meines Romans denken und werten modern; ein zu stark historisierender Ansatz könnte als zu fremd, ja falsch empfunden werden und die Grundlage jeden Romans brechen: die Glaubwürdigkeit.

Thomas Williams: Viking Britain

Buchcover von ‚Viking Britain‘ (Sachbuch) von Thomas Williams: Das Cover zeigt einen stilvollen Ausschnitt eines Wikingerschiffsbugs mit typischen Schnitzereien und Ornamenten. Im linken Bereich des Bildes steht in weißer Schrift auf schwarzem Hintergrund ‚THOMAS WILLIAMS‘, ‚VIKING BRITAIN‘ und ‚Sachbuch‘.
Ein vorzügliches Buch über die Geschichte Britanniens, vor allem des späteren Englands, mit dem Fokus auf die Wikinger und ihren Einfluss auf den Gang der Dinge. Coverrechte beim Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Zu den Vorzügen des Buches Viking Britain von Thomas Williams gehört der Fokus auf die britischen Inseln, insbesondere auf den Teil, den man heute England nennt. Allzu leicht verirrt man sich in der Welt der Wikinger, die »groß und weit« war (Neil Price), von Vinland bis zum Schwarzen Meer reichte. Es gab kein »Reich« diesen Ausmaßes, die Worte beschreiben den Horizont der Nordleute, ihre Handelsfahrten, Landnahmen und bewaffneten Raubzüge.

Viking Britain erzählt, wie sich die Angelsachsen, Keltische Bewohner der Inseln und die Wikinger im Laufe von gut zweihundert Jahren gegenseitig beeinflusst und verändert haben. England entstand als politisches Gebilde auf den Trümmern der kleinen, kriegerischen, angelsächsischen Königreichen. Diese Einheit dürfte eine schnelle Eroberung durch William von der Normandie 1066 beflügelt haben; allerdings auch die durch Knut den Großen fünfzig Jahre vorher.

Warum die Wikinger ihre anfänglichen Raubzüge zu Eroberungszügen wandelten, wird nach der Lektüre nicht recht klar. Man könnte mit Blick auf die Reiterkriegerverbände, wie die Hunnen, spekulieren, dass die maritime Version der Steppenreiter vor einem ähnlichen Problem stand, nämlich die Gefolgschaft zufriedenzustellen. Das funktionierte einige Zeit mit Beute (insbesonderes Sklaven), dann liegt der Schritt zur Landnahme nahe, so könnte man spekulieren.

Williams gibt seinen Lesern eine Reihe von bemerkenswerten Denkanstößen: Maritimer Handel und Kriegführung bildeten die Kernkompetenz der Nordleute. Liegt hier bereits die Wurzel für das spätere britische Empire, in Gestalt einer Mind-Map? Und wer waren diese Wikinger eigentlich? Zeitgenössisch wurde der Begriff selten verwendet, einmal für Sklaven, die ihren Herren davonlaufen; oder für Männer (und wenige Frauen), die ein (blutiges) Unternehmen wagten, das ihnen den Tod oder Reichtum und Ruhm bringen konnte.

Ausgesprochen lesenswert, gedankenreich, anregend und gut geschrieben, dabei übersichtlich und klar strukturiert. Die Lektüre ist Teil meines Lesevorhabens Zwölf für 2026.

Thomas Williams: Viking Britain
William Collins 2017
Taschenbuch 410 Seiten
ISBN: 978-0-00-817195-7

Neue Lektüre: Ferne Welten – Quantentheorie und Frauenleben

Im Spätsommer 2025 besuchte ich das Schloss Chenonceau an der Cher, das in Reiseführern recht großzügig zu den »Loire-Schlössern« gezählt wird. Das Flüsschen war ab 1940 für gut zweieinhalb  Jahre die Grenze zwischen dem besetzten Frankreich und dem von der Petain-Regierung kontrollierten Restgebiet der gedemütigten Grande Nation. Direkt am Schloss führt eine Brücke über die Cher, darauf wurde eine zweistöckige Galerie gesetzt. Auf diesem Weg konnten einige Juden der Deportations-Gefahr durch die Nazis vorerst entkommen.

Es ist keineswegs das einzige interessante Detail, auf das der Besucher aufmerksam wird. Beim Schlendern durch das schöne Gebäude stieß ich auf ein Gemälde, das eine Frau zeigt, die von ihren Zeitgenossen als bildschön und außerordentlich intelligent beschrieben wird. Eine Saloniére mit Kontakten zu vielen großen Geistern der Zeit – also der des 18. Jahrhunderts, der Aufklärung und der hartnäckigen Vorurteile gegenüber Frauen. 1848/49 noch war die Zurücksetzung der Frauen das beharrlichste gesellschaftliche Element.

Louise Dupin de Chenonceaux war von dieser Zurücksetzung selbst betroffen. Sie hat gemeinsam mit ihrem Mann an diversen Werken gearbeitet, darunter eines über die »Verdienste der Frauen«, was nicht fertiggestellt oder gar veröffentlicht wurde. Ein wenig erinnert das an den Roman Aufklärung von Angela Steidele, auch Michael Maar hat in Die Schlange im Wolfspelz am Beispiel Rahel Varnhagens darauf verwiesen, dass Frauen oft auf Briefe als literarischen Ersatz auswichen.

Mit dem schmalen Bändchen Wir sind alle gleich, Monsieur! kann man ein wenig hineinschnuppern in die Denkwelt der Louise Dupin. Der Untertitel bezeichnet sie als »eine Feministin«, was  zu hinterfragen wäre. Avant la lettre, vielleicht, aber Zuschreibungen moderner  Lebensformen auf Vergangenes sind selten hilfreich. On va voir.

Das Schloss Chenonceau an der Cher.
Ein nebelgrauer Tag in Chenonceau an der Cher. Schön zu sehen ist die Brücke über den Fluss, mit den beiden Galerien darüber. Bild Privatbesitz.

Selten drückt ein Buchtitel mein Leseinteresse so perfekt aus: Warum niemand die Quantentheorie versteht – Aber jeder etwas darüber wissen sollte*. Es ist immens entlastend bei diesem Thema, dass die Aufforderung zur Kapitulation im Buchtitel schon enthalten ist. Wenn es eh niemand versteht, dann kann ich getrost hineinschnuppern. Mehrfach habe ich in den vergangenen Jahren Bücher über das Thema gelesen, ich weiß also, was auf mich zukommt. Und ich weiß, dass ich Quantenphysik nicht verstehen werde. Das ist wichtig. 

Sachbücher lese ich keineswegs nur, um mein Wissen zu erweitern. Ich will auch mein Unwissen erweitern. Unabhängig  von der Fachrichtung macht jedes Buch deutlich, wovon ich keine Ahnung habe und auch nie haben werde. Das ist wunderbar weit weg von Schule und dem albernen Unsinn, man könnte etwas als richtig oder falsch bewerten. Für das Sortierinstrument Schule sind die Kategorien richtig / falsch notwendig,  dabei geht eine wichtige menschliche Fähigkeite verloren, nämlich, die eigene Unwissenheit auszuhalten. 

Quantenphysik ist von zentraler Bedeutung und spielt in der alltäglichen Wahrnehmung keine Rolle. Diese Diskrepanz liegt zweifellos an der Anstrengung, die damit verbunden ist, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Dabei schildern die meisten Bücher über Quantenphysik die zeitgeschichtlichen Umstände, erzählen von den Physikern und in Maßen von deren  Erkenntnissen. Irgendwann bin ich immer »ausgestiegen«, konnte dem physikalischen Thema nicht mehr folgen.

Macht nichts. Interessant ist es trotzdem. Und auch jetzt freue ich mich auf die Unschärfe Heisenbergs und viele andere quantenphysikalische Aspekte, die mir auch nach der Lektüre dieses Buches rätselhaft bleiben werden.

*Für das Rezensionsexemplar bedanke ich mich beim Verlag C.H. Beck.

Undine Gruenter: Sommergäste in Trouville

Buchcover von 'Undine Gruenter: Sommergäste in Trouville' mit dem Untertitel 'Erzählungen'. Das Bild zeigt eine Person, die am Strand von Trouville entlanggeht, mit Blick auf das Meer und eine markante Klippe. Der Himmel ist leicht bewölkt.
Die meisten Erzählungen in diesem Band gefallen mir sehr gut, insbesondere wegen des zurückgenommenen, präzisen Stils der Autorin. Sommerschnulzig-leicht geht es in den Geschichten nicht zu, im Gegenteil. Coverrechte beim Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Fünfzehn Erzählungen versammelt das schmale Bändchen mit dem Titel Sommergäste in Trouville von Undine Gruenter. Ohne die Empfehlung Michael Maars in seinem Band Die Schlange im Wolfspelz wäre ich im Leben nicht auf die Idee gekommen, die Sommergäste zur Hand zu nehmen. Da wäre mir aber etwas entgangen, denn von zwei, drei Ausnahmen abgesehen mochte ich alle kurzen Erzählungen.

Trotz des Titels ist der Erzählungsband kein luftig-leichtes oder gar romantisch-verklärtes Lektürevergnügen. Zwar durchwirkt Erotik einige Erzählungen, aber auf eine diskrete Weise; Gruenter schreibt um den Kern herum, beendet die Erzählung oft, ehe es zur Sache geht. Nicht nur beim Kopulieren, auch in den Texten, die fürchterlich düster sind, in denen die Verlassenheit des Ferienortes, die Einsamkeit des Alters oder toxische Ehe- und Erziehungsverhältnisse geschildert werden.

Trouville ist ein Ferienort in der Normandie, es liegt direkt am Meer, unweit der Seine-Mündung und gegenüber von Le Havre. Das vielleicht noch bekanntere Deauville ist nur durch einen schmalen Kanal getrennt, umgangssprachlich wird es auch »La plage des Parisiens« genannt, weil dort viele Angehörige der Oberklasse der französischen Hauptstadt ihre Zweit-Domizile haben. Diese Kreise erkundet Gruenter in einigen ihrer Erzählungen.

Gruenters Stil ist zurückgenommen, sehr präzise und treffend, ohne in Sprachbildern zu schwelgen. Auslassungen gibt es viele, bisweilen wird es auch handfest, wenn es beispielsweise um das Verhalten einiger Feriengäste von den britischen Inseln geht. Es gibt jedoch nicht die Spur Belehrendes in diesem Buch, vom marktschreierischen Ton der Sozialen Medien unserer Tage gar nicht zu reden. Sommergäste in Trouville haftet etwas Analoges im besten Sinne an, was die Lektüre trotz aller melancholischen Abgründe entspannend macht.

Undine Gruenter: Sommergäste in Trouville
Erzählungen
Hanser 2003
Gebunden 212 Seiten
ISBN: 9783446202702

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