Alexander Preuße

Schriftsteller - Buchblogger

Mircea Cărtărescu: Theodoros

Buchcover von 'Theo Doros' von Mircea Cartărescu mit einer Illustration einer düsteren, felsenreichen Landschaft und einem Zitat: 'Dann würde es eher kein Buch geben, denn für die glücklichen Schicksale genügte ein Blatt.’
Das Bild zeigt die Belagerung der Festung von Magdala in Äthiopien, den die Briten gegen den »Kaiser« Theodoros führten. Der Roman schildert auf sehr eigenwillige, in mehrfacher Hinsicht fantastische Weise dessen Lebenweg, von der Walachei und Bukarest über die griechischen Inseln bis nach Äthiopien und in den Abgrund eines blutsaufenden Tyrannen. Große Literatur, schwer, abenteuerlich und fabelhaft. Coverrechte beim Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Es gibt Bücher, die schlage ich nach der Lektüre zu und denke: »Was war das denn?« Überwältigt, irritiert und auf eine seltsame Weise zufrieden. Es sind Werke, die inhaltlich und sprachlich fern vom pürierten Allerlei für ein zahnloses Lesepublikum sind. Ulysses von James Joyce wäre ein Beispiel, Dein Gesicht morgen von Javier Marias ein anderes, aus der Riege der Klassiker beispielsweise Goethes Faust II (nicht I).  Das Lesen unterscheidet sich grundsätzlich von der anderer Bücher, denn hier bin ich vor allem staunender Zaungast.

Theodoros von Mircea Cărtărescu gehört in diese Kategorie. Als ich den Roman aufschlug, wurde ich sogleich überrollt. Die Erzählhaltung ist ungewöhnlich, in der zweiten Person Singular, gelegentlich auch Plural. Gleiches gilt für den Tonfall, der eingangs einer Strafpredigt gleicht. Kein Wunder, denn es sind himmlische Kreaturen, Erz-Engel, die über das Leben der Hauptfigur Zeugnis ablegen und in bester biblischer Manier donnerhallend urteilen. Für einen Roman mit im weiteren Sinne historischen Inhalt eine originelle »Erzählerfigur«.  

Das Leben der Hauptfigur ist wild bewegt. Motive aus der so genannten Heiligen Schrift, ob real, erfunden oder entlehnt, begegnen dem Leser oft, während er den verschlungenen Pfaden jenes Theodoros folgt, der aus der tiefsten Provinz der Walachei auf den Kaiserthron Äthiopiens gelangt und nach Jahren als tyrannischer Blutsäufer aus dem Leben scheidet. Als wäre das nicht haarsträubend genug, nimmt der Lebensweg ungewöhnliche Zwischenstationen, etwa Piraterie in der griechischen Inselwelt.

Was hier so harmlos klingt, ist bisweilen brutal. Gelegentlich fallen Cărtărescus Schilderungen düsterer menschlicher Abgründe drastisch aus, ohne dass der Roman ins Voyeuristische abgleitet. Dabei gelingen dem Autor wundervolle Bilder, besonders atmosphärisch ist etwa der schauerlich-schöne Einzug nach Bukarest. Doch sind es die verharmlosenden Briefe, die Theodoros an sein Mütterchen schreibt, die wie ein weichzeichnender Zerr-Spiegel seine Untaten zeigen, ein toller Erzähl-Kniff.

Manchmal, wenn dich die Melancholie erfasst hatte, dachtest auch du daran, dich gründlicher in dem Leben niederzulassen, das gelebt wird, und nicht in dem, das man sich erträumt […]

Mircea Cărtărescu: Theodoros

Der Autor erzählt seine Geschichte mit vielen Zeitsprüngen und Ortswechseln, auf eine unbekümmerte Weise ausschweifend und wortgewaltig. Einer der eingeflochtenen Handlungsstränge führt den Leser beispielsweise zu der Königin von Saba und König Salomon, was erst spät einen Bezug zur Haupthandlung erhält. In gewisser Hinsicht ist das gegenüber der Leserschaft unbarmherzig und konfrontativ, es läuft literarischen Entwicklungen der Buchbranche entgegen und ist allein deswegen ein großer Gewinn.

Wenig verwunderlich nimmt Theodoros ein schreckliches Ende. Im Angesicht einer vernichtenden Niederlage seiner Streitkräfte gegen die Briten wählt er den Freitod. Da dieses recht früh im Roman geschildert wird, geht es dem Autor um die Enthüllung des verschlungenen Weges dahin. Der ist übrigens neben den himmlischen Erzählern gesäumt von phantastischen und übersinnlichen Gestalten und Begebenheiten. Historisch verbürgten Personen wie der englischen Königin Victoria stehen irreale Erscheinungen zur Seite.

Wenn ein ganzer Heerzug plötzlich über dem Boden schwebt, als wäre die Schwerkraft aufgehoben, bricht die erzählte Realität – aber in so sanfter Dosierung und ausgesprochen geschickt motiviert, dass es im Rahmen bleibt. Zur Einordnung dieser Erzählweise wird gelegentlich der berühmte »magische Realismus« südamerikanischer Autoren bemüht. Ich frage mich allerdings, ob das wirklich passt und nicht zu kurz greift. Theodoros erscheint mir etwas ganz Eigenes, in einem eigenen, osteuropäischen Rahmen und der dazugehörigen Weltsicht.

Mircea Cărtărescu: Theodoros
Übersetzt aus dem Rumänischen von Ernest Wichner
Zsolnay 2025
Gebunden 672 Seiten
ISBN 978-3-552-07509-2

Opfergang – Piratenbrüder Band 7

Kämpfen, wenn der Gegner unbesiegbar ist? Die Lüge ist so ein Gegner, einmal in die Welt gesetzt, kommt man nicht mehr dagegen an. J.R.R. Tolkien wusste um die Macht der Lüge und auch um ihre Unsterblichkeit, denn sie lässt sich nicht ausrotten. In seinem Silmarillion hat Tolkien das in einen treffenden Satz gefasst, den ich als Zitat dem Schlussband meiner Buchserie um die Piratenbrüder vorangestellt habe.

Dabei ist die Herausforderung, der sich die Piratenbrüder und ihre Freunde gegenübersehen, groß genug. Von Patrick Vandenbergh, einem Verräter in den Reihen John Blacks, haben sie erfahren, wo ihr Erzfeind seinen Stützpunkt hat. Der Schock hätte kaum größer sein können: Ausgerechnet in Maracaibo, mitten in den spanischen Kolonien, liegt der Unterschlupf Blacks.

Das alles hier war John Blacks Spiel. Henry würde mitspielen, denn er hatte das bessere Blatt, dank einer Karte, die alle anderen stach: ein schwarzer Joker.

Alexander Preusse: Opfergang – Piratenbrüder Band 7

Ohne militärische Unterstützung durch Linienschiffe und Seesoldaten ist an einen Angriff auf Maracaibo nicht zu denken. Das aber würde einen Krieg zwischen Spanien und England auslösen, etwas, das Henry und seine Getreuen bis dahin unbedingt verhindern wollten. Jetzt erscheint ihnen ein Krieg als einziger Weg zum Sieg über John Black. Voraussetzung ist, dass der englische König George II. die nötige Unterstützung gewährt.

In London aber ist die Saat der Lügen Warringtons aufgegangen, Henry gilt als Pirat und Verräter, ihm drohen Verhaftung und Tod durch Hinrichtung. Bald zeigt sich, dass ohne große persönliche Opfer kein Erfolg möglich ist. Nicht nur Henry zieht daraus dramatische Konsequenzen, auch Joshua hat keine andere Wahl, als ein Opfer zu bringen. Widerstand und Unterstützung kommen von überraschender Seite. So entfaltet sich das dramatische Ende der Abenteuer von Joshua und Jeremiah in London und Maracaibo.

Eine Leseprobe gibt es hier: Opfergang

Das Taschenbuch (508 Seiten) ist bei Autorenwelt, Buch 7, geniallokal, Amazon & anderen Online-Buchhändlern sowie im lokalen Buchhandel erhältlich.
eBook exklusiv bei Amazon (Kindle und Kindle unlimited).

Bisher erschienen (auf das Cover klicken)

Neue Lektüre: Verschlossene Türen

Auch im Jahr 2026 beschäftigt mich das Thema Flucht (und Vertreibung). Abseits populistischen Gedröhns und bestenfalls naiver Rhetorik ist und bleibt unfreiwillige Migration ein wesentlicher Aspekt mit vielschichtigen Wirkungen auf die Gesellschaften. Meine neue Lektüre befasst sich mit der historischen Seite von Flucht, genauer gesagt mit dem oftmals gescheiterten Versuch jüdischer und von den Nazis als Juden klassifizierter Deutscher nach 1933 ihre Heimat zu verlassen.

Viele Romane und Sachbücher, Tagebücher und Essays, die ich in den letzten Jahren gelesen habe, behandeln oder berühren das Thema Flucht. Das Bild zeigt eine nur Auswahl an Titeln.

Gleich drei Bücher werde ich in der kommenden Zeit lesen, die sich sich mit dem Thema befassen: eine neue Graphic Novel von Sara Dellabella und Alessio lo Manto, ein neues Sachbuch von Susanne Heim und ein etwas älterer Roman von Leonardo Padura.

Was hat einen kubanischen Autor dazu bewogen, sich mit der Flucht von Juden aus Deutschland nach der Machtübertragung an Hitler zu befassen? Einige dieser Fliehenden standen in Kuba vor verschlossenen Türen, was Padura im ersten Teil seines Romans Ketzer verarbeitet. Andere hatten mehr Glück, wie etwa die Hauptfigur in Landgericht von Ursula Krechel. Ketzer habe ich vor vielen Jahren schon einmal gelesen, im Rahmen meines Lesevorhabens Wiedergelesen 4für2026 werde ich es mir noch einmal vornehmen.

Padura nimmt die Perspektive eines Juden ein, der bereits auf Kuba lebt, während sich Dellabella und Lo Manto in Die Irrfahrt der St. Louis* der Sichtweise der jüdischen Flüchtlinge bedienen. Der Dampfer lag nämlich im Hafen von Havanna, die Insassen hatten eigentlich die nötigen Papier, um an Land zu gehen, doch wurde ihnen das verweigert. Das berührt Paduras Roman direkt, die Irrfahrt ging jedoch noch weiter. Zwar konnten die Juden schließlich nach langem Hick-Hack tatsächlich in europäischen Staaten unterkommen, da jedoch die Wehrmacht Europa unterwarf, dräute vielen ein grausiges Schicksal.

Die St. Louis war eine Art Niemandsland, in dem sich auch in unserer Gegenwart zahlreiche Flüchtlinge wiederfinden, die unwillkommen sind. Ein Schicksal, das viele Juden auf ihrem Leidensweg teilten, wenn die Grenzen verschlossen blieben. Die Monographie Die Abschottung der Welt* von Susanne Heim widmet sich diesem Phänomen. Das Buch bereichert meine kleine Sammlung von Bänden der Historischen Bibliothek der Gerda Henkel Stiftung

Beim Verlag C.H.Beck und dem Knesebeck Verlag bedanke ich mich für die Besprechungsexemplare*.

Richard Hallas: Wer verliert gewinnt

Zwischen der Bergarbeitersiedlung in Oklahoma und Kalifornien liegen nicht nur viele Meilen, sondern Welten, wie die Hauptfigur des Romans von Richard Hallas feststellen muss. Von der harschen Wirklichkeit entrückt taumelt Richard Dempsey seiner persönlichen Katastrophe entgegen. Coverrechte liegen beim Verlag, das Bild wurde mit Canva erstellt.

USA, Mittlerer Westen, 1930er Jahre. Die Gefängnisse sind überfüllt von Tramps, nicht die tragisch-komische Version Charlie Chaplins, sondern asoziales Gelichter und Gesindel. Die Staatsmacht weiß sich zu helfen: Deportation in einen anderen Bundesstaat, genauer gesagt nach Kalifornien. Raus aus dem Knast, rein in die Eisenbahn, bis die Transportwagons mit Menschen vollgestopft sind.

Wer denkt da nicht unwillkürlich an die Züge, die wenige Jahre später durch Europa rollten?

Der Noir-Thriller aus dem Jahr 1938 deutet an dieser Stelle etwas an, was Autor Richard Hallas zu diesem Zeitpunkt selbstverständlich nicht einmal ahnen konnte. Die Lage in den überfüllten Waggons des Romans ist düster genug. Das Recht des Stärkeren regiert, brutale Gewalt an Hilflosen und Schwachen wird verübt, Rassismus ist fast nur eine Randerscheinung. Beißende Kälte in den Bergen, brütende Hitze in den Wüsten, keine Verpflegung, kein Wasser, keine Körperpflege.

In diese kleine Hölle gerät der Ich-Erzähler Dick, eigentlich Richard Dempsey. Ein Mann aus der Unterschicht, er lebt in einem BergbauDrecksloch« in Oklahoma, verlassen von Frau und Kind, bricht er auf der Suche nach ihnen gen Kalifornien auf. Geld hat er keines, daher die Reise auf den Schienen im Waggon der Mittellosen. Nach wenigen Seiten dieses alptraumartigen Trips fragt man sich, wie das bis zum Ende des Buches eigentlich weitergehen soll, so drastisch ist die Schilderung. Wer verliert gewinnt hält jedoch für den Leser mehrere verblüffene Wendungen bereit.

Ich hörte, wie sie auf ihn losschlugen, bis er still war.

Richard Hallas: Wer verliert gewinnt

Richard Hallas, das Pseudonym des britischen Autors Eric Knight, hat ein Händchen dafür, seinen Ich-Erzähler in groteske Situationen stolpern zu lassen. Diese sind nicht komisch, sondern wie ein irrwitziger, anstrengender Traum, aus dem man gern aufwachen möchte. Der abgerissene, heruntergekommene Erzähler wird mit Menschen konfrontiert, die ein schräges Verhalten an den Tag legen. Auf das Entgegenkommen dieser Zeitgenossen ist er wegen seiner Lage angewiesen, er würde andernfalls einfach verhungern.

Dick lässt sich zur Teilnahme an einem fingierten Verbrechen überreden, das selbstverständlich einen ungeplanten Verlauf nimmt. Die Schuld schwebt danach wie das berüchtigte DamoklesSchwert über dem Erzähler. Diese latente Bedrohung sorgt für eine nicht abreißende Spannung, auf einem kurvenreichen Weg mündet der Fehltritt in einer Katastrophe. Die Inszenierung des Desasters ist einfach großartig, weil sie die schon damals wirksamen, bis heute bekannten Abgründe des US-Gesellschafts- und Politsystems auslotet.

Wie der ganze Roman ist das wunderbar unterhaltsam, weil Hallas seine Figuren immer unerwartet und schwer begreiflich handeln lässt. Es wirkt wie ein Spiel, bei dem kein allmächtiger Gott die Fäden lenkend in der Hand hält, sondern eine Art Zufallsgenerator, ein Würfelspiel oder Roulette, wie es auf dem sehr schönen Cover abgebildet ist. Vielleicht hatte Einstein aber auch unrecht, und Gott würfelt doch?

Das Motiv  des Spiels ist im deutschen Titel, vor allem aber im englischen Original enthalten: You Play the Black and the Red Comes Up. In der Romanhandlung findet sich Ich-Erzähler Dick einmal tatsächlich am Roulette-Spieltisch wieder. Das ist eine ganz großartige Szene, denn der Versuch, gefährliches Geld zu verlieren, geht schief. Die Hauptfigur hat am Ende viel mehr Geld als zu Beginn, Dick findet sich inmitten einer aufgeheizten Situation wieder, steht im Zentrum der Aufmerksamkeit, die Polizei rückt an – alles, was er unbedingt vermeiden wollte.

Das alte Sprichwort heißt: Du setzt auf Schwarz – und Rot gewinnt.

Richard Hallas: Wer verliert gewinnt

Von der harschen Lebenswirklichkeit der Großen Depression in den 1930er Jahren, die Wer verliert gewinnt in den ersten Kapiteln drastisch vorführt, ist in Kalifornien nichts zu spüren. Dicks Leben ist dort regelrecht entrückt, alles erscheint geradezu unwirklich, wie die Filmindustrie mit ihren verlogenen Traum- und Scheinwelten. Der Regisseur Quentin Genter, ein hintertriebener, arglistiger und rücksichtsloser Mensch, formuliert das im branchenüblichen Überschwang, wenn er meint, die ganze Welt wäre ein Kino und das Leben ein Film.

Das treibt Autor Hallas auf die Spitze, als der Ich-Erzähler am Meer sitzt und eine splitternackte Schwimmerin namens Sheila aus dem Wasser steigt, wie eine der mystischen Meerjungfrauen. Dick gibt sich ritterlich (ganz im Gegensatz zu der Meute aus den ersten Kapiteln, die schon bei der Erwähnung zweier »Mädels« ihren Trieben freien Lauf lässt). Irritierend ist eine euphemistische Formulierung für Sheilas Verhalten in der Folgezeit, für den handfest denkenden und agierenden Dick bleibt sie rätselhaft. Die Distanz zwischen beiden dürfte der Kluft zwischen der woken Awareness-Kultur und den Trump-Wählern entsprechen. Dennoch verliebt Dick sich in Sheila und nimmt prompt Kurs auf die Katastrophe.

Besonders gelungen finde ich die Gestaltung des Ich-Erzählers. Schon auf dem Höllentrip gen Kalifornien zeigt er Ansätze moralischen Verhaltens, das sein Handeln auch danach immer wieder bestimmt. Geradezu skrupulös versucht er, einem unschuldig Inhaftierten zu helfen, er bleibt seiner Geliebten verbunden, einer älteren Frau namens Mamie mit einem übergriffig-eifersüchtigen Verhalten.

Trotzdem bleibt der Verdacht bestehen, seine Frau könnte  ihn aus gutem Grund verlassen haben, häusliche Gewalt liegt nahe, auch weil der Ich-Erzähler eine wenig glaubhafte Ausrede vorbringt. Er ist  bereit, das Gesetz zu brechen, und er scheut auch nicht den Gedanken an ein Kapitalverbrechen, leitet es sogar in die Wege, was in einer Tragödie endet. Diese Figur des Richard Dempsey ist nicht glattgeschliffen, das Nebeneinander von persönlichen Abgründen und moralischen Grundsätzen ist nicht bloß behauptet, sondern glaubwürdig motiviert.

Das nimmt den Leser für die Hauptfigur ein, die Spannung in diesem Roman entwickelt sich auch aus dem Wunsch, alles möge inmitten des Wahnwitz doch irgendwie gut ausgehen, und dem Wissen um dessen Unerfüllbarkeit. Wie könnte es auch, denn die harsche, oft irrsinnige Wirklichkeit bleibt neben den abgehobenen Traumwelten Hollywoods und totalitär-verzückter Weltverbesserer bestehen. Darum liest man das Ende des Romans mit einigem Misstrauen, es passt besser zum Wunsch als zur Wirklichkeit. Es wirkt wie eine Phantasmagorie.

Gern bedanke ich mich beim Elsinor-Verlag für das Besprechungsexemplar. Wie in den anderen Bänden der Reihe um die Noir-Klassiker rundet auch bei Wer verliert gewinnt ein vorzügliches Nachwort von Herausgeber Martin Compart das Buch ab. Eric Knights Lebensweg ist selbst ein Roman, in dem es reichlich Noir-Phasen gab, einschließlich seines tragischen Endes im Jahr 1943.

Weitere Besprechungen der Noir-Thriller-Klassiker-Reihe:
Fearing, Kenneth: Die große Uhr.
Buchan, John: Der Übermensch.
A.D.G.: Die Nacht der kranken Hunde.
John Mair: Es gibt keine Wiederkehr.
Derek Marlow: Ein Dandy in Aspik.

Richard Hallas: Wer verliert gewinnt
Aus dem Englischen von Anna Katharina Rehmann-Salten
Hrsg. und mit einem Nachwort von Martin Compart
Elsinor 2026
Klappenbroschur 224 Seiten
ISBN: 978-3-942788-94-6

Louise Dupin: Wir sind alle gleich, Monsieur!

Eine essayistische Streitschrift mit erstaunlich modernen Ansichten und rhetorischen Kniffen. Mit der editorischen Umsetzung, die (wie der Begriff »Feministin«) einer Stilisierung Vorschub leistet, hadere ich. Coverrechte beim Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Erstaunlich modern wirkt die Schrift Louise Dupins, in der sich die Autorin gegen die Vorurteile gegenüber Frauen stemmt. Auf rund 86 Seiten wendet sie sich gegen überkommene Ansichten, widerlegt diese rhetorische geschickt, sachlich und gelegentlich mit einer Prise boshaftem Spott gewürzt. Erstaunlich ist auch, wie manche der Ansichten auf mehr als zwei Jahrhunderte nach ihrem Tod noch kursieren. Allein deswegen ist diese Schrift noch immer lesenswert, auch wenn man sich aufgrund des sozialen Standes der Autorin fragen muss, wen genau sie mit »Wir« eigentlich meint? 

Dupin starb hochbetagt wenige Wochen vor der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert in Chenonceau, einem sehenswerten Schloss an der Cher. Bei meinem Besuch im Sommer 2025 betrachtete ich das bekannte Portrait der als betörend schön und intelligent geltenden Salonière. Entsprechend erfreut war ich, als ich das Buch in der Reihe Frauenstimmen im Verlag Wagenbach entdeckte. Hilfreich sind die einordnenden Passagen von George Sand, das Nachwort und die beiden Texte Rousseaus und Voltaires.

Das Chateau de Chenonceau an der Cher.
Schloss Chenonceau an der Cher ist auch an grauen Tagen einen Besuch wert.

Zu fragen ist, ob die Bezeichnung »Feministin« passend ist, ein Begriff, der erst einige Jahrzehnte nach Dupins Tod gebraucht wurde. Die Gefahr einer nachträglichen Stilisierung besteht, der auch editorisch Vorschub geleistet wird. So wurden ausführliche Ansichten Dupins zur Antike, »europäischer Länder, Chinas, Japans und Afrikas sowie zu wissenschaftlichen Erkenntnissen jener Zeit, die aber überholt sind«, weggelassen. Gekürzt wurde auch in den Abschnitten, in denen es um die Schulbildung und rechtliche Gleichstellung geht.

Das fördert die Lesbarkeit des Textes, leistet aber einem Idealbild der historischen Person Louise Dupins Vorschub. Gerade das Nebeneinander von fortschrittlichen und rückwärts gewandten Gedanken ist prägend für alle Zeiten und Denker, man denke nur an den blinden Fleck der Aufklärer bezüglich der Sklaverei oder eben der Frauen. Zur Weltsicht Dupins gehören eben auch Dinge, die überholt sind. 

Dann gibt es noch den Sohn, Jacques-Armande Dupin de Chenonceaux, für den der Begriff »schwierig« ein Euphemismus darstellt. Rousseaus Worte über ihn, vor allem aber die immensen Spielschulden, mit ihren beinahe desaströsen Folgen für die Familie, erzwingen fast die Frage nach Wollen und Wirklichkeit, den Absichten und ihrer (missglückten) Umsetzung. Auch für eine Louise Dupin gab es Grenzen.

Eine weitere Frage, die unabhängig von der historischen Person der Autorin ist, drängt sich auf. Viele der Türen in schulischer Hinsicht, die zur Zeit Louise Dupins noch fest verschlossen waren, stehen heute weit offen. Gehen die Mädchen hindurch oder geschieht in unserer Gegenwart gerade das Gegenteil?

Louise Dupin: Wir sind alle gleich, Monsieur!
Eine Feministin erhebt Einspruch
Aus dem Französischen von Rudolf Bitter
Wagenbach 2025
Gebunden 144 Seiten
ISBN 978-3-8031-1387-0

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