Alexander Preuße

Schriftsteller - Buchblogger

Stephan Schmidt: Die Spiele

Ein Machtspiel entfaltet sich vor der Kulisse Shanghais, wo über die Vergabe der Olympischen Spiele für das Jahr 2032 entschieden wird. Ein Toter bringt polizeiliche Ermittungen in Gang, die Aufklärung des Falles, das Whodunit, ist zweitrangig gegenüber dem, was hinter den Kulissen geschieht. Coverrechte beim Dumont-Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Vordergründig geht es in Shanghai der 2020er Jahre um die Vergabe der Olympischen Spiele 2032, hinter den Kulissen wird im Roman Die Spiele von Stephan Schmidt auf vielen Ebenen gespielt. Es geht um Macht, um Chinas Streben nach globaler Vorherrschaft, um Einfluss im vor Reichtum überquellenden Afrika, um geheimdienstliche und polizeiliche Ermittlungen, einschließlich einiger Doppelspiele und nicht zuletzt um persönliche Rache.

Worauf es Stephan Schmidt, der unter dem Namen Stephan Thome einige hervorragende Romane veröffentlicht hat, nicht ankommt, ist Action. Wer einen Polit-Thriller mit Feuerwerk erwartet, wird ebenso enttäuscht wie jene, die sich auf einen WhoDunIt-Kriminal-Roman freuen: Einen Mord gibt es zwar, auch einen ermittelnden Kommissar, doch geht es bei der Klärung des Falles eben nicht um dessen Aufklärung, sondern Instrumentierung im Kampf um Einfluss und Macht. Fast beiläufig erfährt der Leser, wer getötet hat; es zählt das Warum.

Um den Reiz des Ganzen zu verstehen, muss man nah dran gewesen sein – am einzigen Spiel der Welt, das keinen Sieger kennt, weil die Regeln erst feststehen, wenn die Partie vorbei ist. Mit anderen Worten: nie.

Stephan Schmidt: Die Spiele

Die Spannung der Handlung entfaltet sich durch die klassische Struktur eines Enthüllungs-Romans, der erst nach und nach preisgibt, wen was warum antreibt. Famos sind einige Figuren, etwa die Madgermanes, eine Gruppe von Afrikanern aus Mosambik, die in der DDR als Vertragsarbeiter  tätig waren, um ihren Lohn geprellt wurden und sich als Erste den Schattenseiten der Wende (brutalem Rassismus) ausgesetzt sahen.

Schmidt lässt einen von ihnen aus der Opferrolle entkommen, als aktiver Akteur mit Einfluss und ehrgeiziger Agenda versucht er sich im Machtspiel. Überhaupt verfolgen alle Personen ihre ganz eigenen Absichten, ihre Persönlichkeiten sind reicher an Schattierungen, als es der erste Eindruck auf den Leser vermuten lässt. Eine Ausnahme sind die Journalisten, die vierte Säule der Gewaltenteilung entleibt sich selbst auf der Jagd nach der Story.

Lustig wird es an einigen Stellen, wenn etwa die Kanzlerin das „Lächeln der deutsch-bayerischen Freundschaft“ auflegt und den Innenminister geschickt aus dem Raum komplimentiert. Die Persönlichkeitsskizzen von real existierenden Zumutungen wie dem ehemaligen IOC-Präsidenten Thomas Bach sind ganz wunderbar gelungen. Urkomisch ist eines der letzten Kapitel, wenn eine Rollenspiel-Sex-Szene gewürzt wird mit beißendem Spott auf Chinas Partei – um jäh in eine abgründige Bedrohung umzuschlagen.

Nicht nur deshalb bleibt der Leser mit einem diffusen Gefühl des Unbehagens zurück, das in seiner Tiefe der Ohnmacht gegenüber dem nie endenden Spiel ohne feste Regeln geschuldet ist. Da viele Fragen offen bleiben oder die Antworten merkwürdig unscharf und vieldeutig sind, ist die Welt am Ende des Romans so wenig in Ordnung wie am Anfang. Comme il faut in einem guten Noir-Kriminalroman.

Stephan Schmidt ist der bürgerliche Name des bekannten Autors Stephan Thome, dessen historische Romane Gott der Barbaren und Pflaumenregen mich als Leser begeistert haben.

Stephan Schmidt: Die Spiele
Kriminalroman
Dumont 2024
Gebunden 418 Seiten
ISBN: 978-3-8321-6807-0

Andreas Fulda: Wenn China angreift

Das Bild zeigt eine Flotte von chinesischen Fischerbooten, die im Angriffs-Szenario eine wichtige militärische (!) Rolle spielen. Hybride Kriegsführung auf eine etwas andere Art. Coverrechte C.H.Beck, Bild mit Canva erstellt.

Was passiert, wenn sich totalitär regierte Staaten zusammentun und versuchen, die Welt untereinander aufzuteilen? Wir leben in Zeiten, in denen das gerade wieder geschieht.

Andreas Fulda: Wenn China angreift

Bei der Lektüre von Wenn China angreift unternimmt der Leser einen Ausflug in die politische Zoologie und lernt den Schwarzen Elefanten kennen. Damit ist ein Sachverhalt gemeint, von dem Verantwortliche wissen, dessen Gefährlichkeit offenkundig ist und der ganz bewusst übersehen wird. Man tut, als wäre der Elefant nicht da; wenn das Drama seinen Verlauf nimmt, kann behauptet werden, niemand habe das kommen sehen.

Zu beobachten war derlei vor und nach der vollumfänglichen Invasion der russischen Streitkräfte in der Ukraine 2022. Frappierend ist, dass quer durch alle Parteien und Strömungen die Augen geschlossen wurden; eine der wenigen Ausnahmen war Robert Habeck, der sich – gegen seine eigene Partei und die Linie der amtierenden Bundeskanzlerin Angela Merkel – für Waffenlieferungen an die Ukraine ausgesprochen hat. Monate vor dem Angriff, wohlgemerkt.

Schwarze Elefanten gab es zu allen Zeiten. Ein Beispiel wären die antiken Millionenstädte Rom und Konstantinopel. Um die Bevölkerung zu ernähren, brauchten das Römische Imperium und später Ostrom (»Byzanz«) Weizenimporte aus Nordafrika, insbesondere aus dem fruchtbaren Ägypten. Der Praefectus Aegypti war nicht umsonst das höchste Amt der Ritterlaufbahn im Römischen Reich.

Die Bedeutung Nordafrikas und Ägyptens war bekannt, ebenso dürfte die Gefährdung der Lebensmittelversorgung und die verheerenden Folgen in Kreisen der Eliten klar gewesen sein. Trotzdem wurde faktisch nichts daran geändert, es wären weitreichende Veränderungen gewesen, etwa die Dezentralisierung der Versorgung zu organisieren. So konnte man gleich zweimal verfolgen, was mit einer Metropole im Krisenfall (Vandalen, Araber) geschieht.

Es gibt zu viele beunruhigende Anzeichen einer bevorstehenden geopolitischen Katastrophe. Sehr viel steht auf dem Spiel. Und ein furchterregendes Szenario verschwindet nicht, indem man die Augen davor verschließt, im Gegenteil.

Andreas Fulda: Wenn China angreift

Wer das Buch Wenn China angreift von Andreas Fulda liest, macht die Augen auf und schaut den Schwarzen Elefanten an. Dieser trägt den Namen China. Der Begriff bezieht sich auf aggressiven Imperialismus, der nicht nur die gewaltsame Assimilierung Tibets, Xingjiangs usw. betreibt, sondern sein begehrliches Auge seit Jahrzehnten auf Taiwan richtet. Ein Eroberungskrieg zur Durchsetzung der Ansprüche wurde in der Vergangenheit oft genug offen kommuniziert.

Andreas Fulda ist mit der Thematik vertraut, was bedauerlicherweise nicht für alle in den Medien auftretenden »Experten« gilt; auch eine Lehre, die aus dem Ukraine-Debakel bezeichnenderweise nicht gezogen wurde. Er wählt ein Szenario, um einen möglichen Verlauf eines Angriffs Chinas auf Taiwan zu skizzieren und vor allem die Grenzen der Handlungsmöglichkeiten der USA, Japans, Europas und auch Deutschlands aufzuzeigen.

China wird hierzulande und im Westen insbesondere von wohlmeinenden Zeitgenossen und Organisationen als netter Dritt-Welt-Panda verklärt, was ein Beleg für die Wirksamkeit der chinesischen Propaganda gelten darf. Denn das Land hat die wohl größte Kriegsflotte der Welt, setzt auf hybride Marine-Einheiten (Fischerboote) und eine atemlose Aufrüstung, finanziert durch westliche, besonders deutsche Wirtschaftsbeziehungen. »Handel durch Wandel« hat tatsächlich gewirkt, allerdings in einem anderen Sinne, als von den hiesigen Apologeten behauptet. China ist kriegsfähig und reslient geworden.

Umgekehrt hat laut Fulda Deutschland seine außenpolitische Handlungsfähigkeit eingebüßt. Angela Merkels Unfähigkeit / Unwilligkeit, außenpolitische Notwendigkeiten gegen die Lobbyarbeit der deutschen (Auto-)Industrie durchzusetzen, war wenig hilfreich. Bedenklich nehmen sich Entscheidungen in der Vergangenheit aus, haarsträubend erscheint die Verweigerungshaltung in der Gegenwart, trotz Ukraine, trotz Trump, trotz Tibet und chinesischer Neo-Gulags.

Das alles macht Wenn China angreift zur wenig angenehmen Lektüre. Im Sturm der Entwicklungen seit Donald Trumps zweitem Amtsantritt macht es wenig Laune, sich dem fernen Taiwan zu widmen. Doch gehören die Dinge zusammen, ein Sieg Russlands über die Ukraine und die Spaltung der Nato könnte das Signal zum Angriff sein. Für Deutschland wären die Folgen verheerend. Der Schwarze Elefant verschwindet nämlich nicht, wenn man die Augen schließt.

Andreas Fulda: Wenn China angreift
Ein Szenario
C.H.Beck 2026
Klappenbroschur 156 Seiten
ISBN: 978-3-406-84618-2

Francesca Melandri: Kalte Füße

Am Feldzug gegen die Sowjetunion nahmen mehrere Millionen Europäer nicht-deutscher Herkunft teil, darunter hunderttausende Italiener. Wie das Zitat zeigt, ist die Auseinandersetzung mit dem italienischen Anteil am „Russland-Feldzug“, der in Wahrheit vor allem in der Ukraine geführt wurde, kein Anlass zu besonderem Eifer. Coverrechte Wagenbach, Bild mit Canva erstellt.

Als ich diesen Artikel las, hatte ich das Gefühl, vom Rand unserer Gegenwart in die moralischen Abgründe des 20. Jahrhunderts zu blicken. Ich sah den Widerschein eines schwarzen Lichts, von dem ich niemals gedacht hätte, dass es jemals wieder aufblitzen würde – hier und jetzt.

Francesca Melandri: Kalte Füße

Ein langes Zwiegespräch zwischen Tochter und (verstorbenem) Vater, eng verwoben mit der Gegenwart, insbesondere dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine, führt in die Abgründe des 20. Jahrhunderts, die in der pax europaea längst überwunden zu sein schienen. Irrtum. Das „schwarze Licht“ der millionenfachen Gräuel leuchtet wieder im Europa des 21. Jahrhunderts.

Die italienische Autorin Francesca Melandri wählt einen Tonfall, der sich vom »unnützen Lärm« Italiens wie vom inquisitorischen Verdammen vieler 68er gegenüber ihrer Väter-Generation wohltuend abhebt. Sie schwingt sich weder zum Richter noch Anwalt auf, sondern führt einen kritischen, nachdenklichen Dialog mit ihrem Vater. Er war Alpini-Soldat und Teil der Angriffskriege des faschistischen Italiens, das an der Seite Hitlerdeutschlands gegen die Sowjetunion Krieg führte.

Der ehemalige Soldat sprach immer vom „Russlandfeldzug“, doch waren die meisten Orte, von denen er berichtete, ukrainische. Immer wieder verweist sie auf diese Ungenauigkeit: Der „Rückzug aus Russland“ war in Wahrheit ein „Rückzug aus der Ukraine“, die „Russinnen“, die ihren Vater vor dem Tod bewahrten, waren Ukrainerinnen. Durch die sprachliche Korrektur schlägt Melandri eine Brücke in die Gegenwart, in der bei vielen die Ungenauigkeiten fortgeschrieben werden: Angreifer und Angegriffene werden vertauscht, exzessive Gewalt wird verharmlost und ideologisch überkommene Weltbilder werden wider die Wirklichkeit verteidigt.

Doch was bringt es, uns als stolze Antifaschisten zu fühlen und Bella Ciao zu singen, aber dann einen lupenreinen Faschisten wie Putin nicht zu erkennen, wenn er direkt vor uns steht?

Francesca Melandri: Kalte Füße

„Kalte Füße“ ist ein wunderbar kluges Buch, wegen des Tonfalls, der trotz aller bemerkenswerten Klarheit und Deutlichkeit der Schilderung die Tür zum Denken, Zweifeln und dem Gespräch offenlässt. Es geht Melandri nicht um Schuld, sondern um Verantwortung. Ihre Gedanken zu der Eitelkeit von Schuldgefühlen, die nach ihrer Ansicht in ein Gefühl „omnipotenter Größe“ umschlagen können, sind gerade für deutsche Leser interessant: Hierzulande hat man es sich mit größtmöglicher Eitelkeit einer angeblichen „Vergangenheitsbewältigung“ bequem gemacht.

Italien und seine Rolle im blutigen zwanzigsten Jahrhundert treten dank Melandri aus dem Schatten der Selbstverleugnung hervor. Wer bei einer Italienreise monströsen Denkmälern oder „Gärten des Widerstands“ begegnet, weiß nach der Lektüre von Kalte Füße auch um das, was sich in deren Schatten verbirgt. Was „Rückzug aus Russland“ genannt wird, war Teil des Eroberungs- und Kolonialkrieges gegen die Ukraine. Italien wollte sich am Korn der fruchtbaren Schwarzerde bedienen. Daraus erwächst nicht etwa Schuld für die Nachgeborenen, sondern Verantwortung, nicht  nur in Italien.

Das Gegenteil von Verantwortung sind „Kalte Füße“, was im Deutschen wie im Englischen bedeutet, dass sich „jemand aus Angst seiner Aufgabe nicht stellen möchte“. Sich abwenden, verharmlosen und das Opfer des Angriffskrieges, die Ukraine, im Stich lassen: Auch dem ebenso verbreiteten wie erbärmlichen Verhalten im Westen geht Melandri nach. Das ist nicht schmeichelhaft und wird sicher vielfach brüsk zurückgewiesen von jenen, die ihrem Selbstbild (pazifistisch, antiimperialistisch, antiamerikanisch) gnadenlos treu sind. Doch vermutlich nehmen diese Zeitgenossen Melandris vorzügliches Buch gar nicht erst zur Hand. Ein Grund mehr, es zu lesen.

Francesca Melandri: Kalte Füße
Aus dem Italienischen von Esther Hansen
Klaus Wagenbach Verlag 2024
Gebunden,  288 Seiten
ISBN: 978-3-803133670

Neue Lektüre: Wal und Wiedergeburt

Zwei dicke Schinken lese ich gerade: ein Sachbuch über die Renaissance und einen berühmten Roman-Klassiker.

Wer kennt den Titel Moby Dick und wer hat den Roman gelesen? Vermutlich lehne ich mich nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich von einem riesigen Missverhältnis zwischen beiden Gruppen ausgehe. Der Begriff Moby Dick ist sicher weithin bekannt, Zitate, Anspielungen und kreative Verarbeitungen gibt es zuhauf.

Sogar in Star Trek wurde einmal etwas aus dem Roman zitiert, ein Satz über den Knurre-Grummel Ahab. Auch ich habe mich bedient und ein Zitat aus dem Roman von Herman Melville Vinland – Piratenbrüder Band 4 vorangestellt.

Sie ist auf keiner Karte verzeichnet. Die wahren Orte sind das nie.

Vinland – Piratenbrüder Band 4 aus Moby Dick von Herman Melville

Wer aber liest einen Roman, der bereits 150 Jahre auf dem Buckel hat und seine rund 800 Seiten mit einer beachtlichen Sammlung an Zitaten über Wale beginnt? Melville lässt sich Zeit, erst um Seite 200 sticht das Schiff in See, mit dem Ismael zu seiner abenteuerlichen Fahrt aufbricht.

Stilistisch und perspektivisch bietet der Roman einige Überraschungen, die kein modernes Lektorat überstehen würden. Da hülfen auch Melvilles Spott und ironische Bissigkeit nicht, die eine wahre Wonne sind.

Für mich macht auch diese Andersartigkeit gegenüber dem, was aus Verlagen und Selbstverlegern in den Buchmarkt strömt, einen Klassiker wie Moby Dick zu einem wahrhaftigen Lesevergnügen. Der Roman ist Teil meines Lesevorhabens 12 für 2026.

Die Bücher aus der Historischen Bibliothek der Gerda Henkel Stiftung waren bislang ausnahmslos ein großer Gewinn. Das gilt auch für den aktuellen Band, den ich lese, in der Gerd Roeck die Geschichte der Renaissance erzählt. Der Morgen der Welt hält schon auf den ersten Seiten eine Feststellung bereit, die auf einige provozierend wirken könnte.

Galileis »Dialogo« steht für einen Stil gelehrter Diskussion, wie ihn in dieser Form zuerst und für lange Zeit ausschließlich Europa mit seiner Wissenskultur pflegte: Geprägt von den Tugenden neugierigen Fragens und gelassenen Bezweifelns, scheut er Streit, ja donnernde Polemik nicht.

Gerd Roeck: Der morgen der Welt

Das Gespräch kombiniert mit der schriftlichen Verbreitung nach der Revolution des Druckens und der Beschränkung der religiösen Einflüsse als Triebfeder für den gewaltigen Modernisierungssprung Europas, der den Kontinent zum Hegemon der Welt machte. Ein – hier arg verkürzt skizzierter – Denkansatz, der eine Antwort auf die Frage wagt, warum die Entwicklung hier stattfand und nicht anderswo.

Martin Zimmermann: Versunkene Welten

Nach der Lektüre dieses herausfordernden Buches betrachtet der Leser Ruinen mit einem anderen Blick. Neben allem anderen ist Versunkene Welten auch eine faszinierende Entdeckungsreise, denn die Zahl der ruinierten Städte ist überwältigend. Darunter sind einige in Vergessenheit geratene Metropolen. Cover C.H. Beck, Bild mit Canva erstellt.

Es kommt nicht oft vor, dass ein Autor seinen Lesern rät, einen Abschnitt seines Buches zu überspringen. Martin Zimmermann unterbreitet an einer Stelle seines Buches Versunkene Welten diese Möglichkeit. Wer das Kapitel trotz der originellen Trigger-Warnung das Kapitel liest, wird belohnt. Die schiere Fülle an Ruinenstädten in der Antike ist überwältigend, man blickt gewissermaßen in einen apokalyptischen Abgrund des Untergangs, aber eben auch auf eine mehrere Jahrhunderte währende Geschichte des Überlebens, Wiederauf- oder Neubaus von Städten. Dieses untrennbare Nebeneinander ist ein Kern von Versunkene Welten, denn Entstehen und Vergehen schreiten Hand in Hand durch die Zeit.

Wie aber haben die Zeitgenossen und Nachgeborenen, die in der »Antike« und den vorangegangenen Jahrhunderten lebten, auf die Hinterlassenschaften des Untergangs, auf Ruinen, Trümmer und Relikte geblickt? Das ist die zentrale Frage, der Zimmermann nachgeht, ein Unterfangen, bei dem der Autor Neuland betritt. Versunkene Welten widmet sich der »Kehrseite antiker Urbanisierung, die eine Erfolgsgeschichte war«, aber eben auch »von Beginn an eine Geschichte des Scheiterns und Untergangs.«

Wer wissen will, wie dieses Nebeneinander aus Erfolg und Scheitern in alter Zeit wahrgenommen wurde, muss sich von modernen Maßstäben lösen und dazu diese zunächst einmal festlegen. Begriffe wie »Scheitern« und »Niedergang« sind negativ konnotiert, mit der Folge, dass sie ausschließlich als »Störfall« wahrgenommen und schlimmstenfalls mit »melancholischer Nostalgie« verarbeitet werden. Das verstellt und verzerrt den Blick auf Phänomene, die für moderne Städte undenkbar sind:

Eine Stadt konnte aber auch, sobald sich eine attraktivere Alternative bot oder die politische Großwetterlage es nahelegte, wie ein unpassendes oder schadhaftes Kleidungsstück abgelegt werden.

Martin Zimmermann: Versunkene Welten

Man stelle sich das Prozedere einmal für Berlin vor, ein gegenwärtiges Musterbeispiel für »schadhaft«. Besonders wichtig erscheint mir die Erkenntnis, dass Städte aus freiem Willen ohne äußeren Druck aufgegeben wurden, wenn etwas Besseres gefunden wurde. Melancholische Rückschau verbietet sich daher beim Blick auf Ruinen, die nicht nur als »Störfall einer großen Erfolgsgeschichte« betrachtet werden sollten. Um die Suche nach einer neuen, angemessenen Perspektive geht es eben auch in Versunkene Welten.

Zwei Aspekte in der Rezeption von städtischer Vergangenheit betrachtet Martin Zimmermann als hinderlich, um einen angemessenen Zugang zu ruinierten Städten zu bekommen. Erstens liegt der Fokus auf der Darstellung der Stadt als funktionstüchtige und intakte Ansammlung von Gebäuden zu betrachten, einschließlich der Vorstellung eines »pulsierenden Lebens« – nicht umsonst ein wiederkehrendes Motiv in Reiseführern. Zweitens beschränkt man sich auf einzelne Monumente, die das moderne Verständnis von Ruinen unterstützen, weil sich als passende Erinnerungsorte für blühende Urbanität erweisen.

Im ersten Fall wird der Verfall ausgeblendet, im zweiten werden der Antike identifizierte und inszenierte Trümmer mit modernen Wahrnehmungsmustern gedeutet.

Martin Zimmermann: Versunkene Welten

Die Lektüre wird also herausfordernd. Der Leser von Versunkene Welten muss sich einiger Gewohnheiten entledigen und wird sich beim nächsten Betrachten eines Stadtmodells fragen, ob das, was ihm präsentiert wird, nicht eher Fantasy ist als historische Rekonstruktion. Stadtmodelle sind nach Zimmermanns Ansicht wirklichkeitsferne Phantasiegebilde.

Neben plastischen Modellen und Zeichnungen, wie das Foto zeigt, wäre hier die Flut an KI-generierten Filmchen auf Instagram, Youtube zu ergänzen, die den Zuschauer in eine vergangene Zeit reisen lassen sollen, dabei reine Fiktion bieten. Dem von Zimmermann attestierten Hang zur Makellosigkeit begegnet man in diesen Visualisierungen in perfektionierter Form.

Was neben dem Straßendreck fehlt, sind Baustellen, Ruinen, Brachflächen, die Teil der städtischen Dynamik sind. Außerdem sind sie leer und geradezu aseptisch. Visualisierungen der Vergangenheit zeichnet eine statische Stille aus, die von der Realität weit entfernt ist, denn Städte haben zu allen Zeiten gleichzeitig Verfall und Erneuerung erfahren. Innerstädtische und zwischenstädtische Dynamik gingen dabei Hand in Hand. Wurde eine Stadt verlassen, verfiel sie; eine andere blühte aber auf. Ein vielfältig anzutreffendes Wechselspiel, wie einige namhafte Beispiele zeigen.

»Verlassen« meinte nicht unbedingt menschenleer. Die Reste einst blühender Großstädte bewohnten nach der Ruinierung kleinere Gemeinschaften oder verzweifelte Rand-Existenzen. Für den modernen Leser wirkt es befremdlich, wenn antike Autoren Städte mit einer noch immer großen Bevölkerung als Ruine oder gar verwüstete Landschaft, Weide für Vieh oder ähnlich bezeichneten. Die Gründe dafür auch nur nachzuvollziehen fordert den Leser heraus; das gilt auch für andere Merkwürdigkeiten. Es gab keine Archäologie, keinen Bedarf an authentischen Ruinen oder Artefakten, Relikten oder Erinnerungsorten; wichtig war die damit verbundene Erzählung.

Ruinen muss man nicht nur haben, man muss sie auch wollen.

Martin Zimmermann: Versunkene Welten

Ein wesentliches Ziel der Beschäftigung mit Ruinen in der Antike lag darin, sie in die mythische Geschichtskonstruktion einzubinden. Troja ist ein, vielleicht das herausragende Beispiel dafür, insbesondere bei den Römern. Es ist im wahrsten Sinne des Wortes nicht wegzudenken. Kaum weniger prominent heute ist Pompeji, vom Namen her bekannt und ideologisch aufgeladen ist Babylon als Brutstätte des Sittenverfalls. Karthago wäre als weiteres Beispiel zu nennen, das für die Römer eine geradezu dramatische Bedeutung auf mehreren Ebenen hatte. Neben den bekannten Orten entdeckt der Leser auch gewaltige Siedlungen, die heute im Schatten stehen, Ninive etwa.

Die Lektüre von Versunkene Welten ist eine faszinierende Entdeckungsreise durch die antike Geschichte, die überraschend weit sie in die Vergangenheit zurückreicht. Dabei bleibt die Beschäftigung mit dem Thema Vernichtungskrieg nicht aus, denn der Krieg war ein wesentlicher Grund für die Ruinierung von Städten. Wie römische Feldherrn mit der Zahl der von ihnen ausgelöschten Orte prahlten, löst beim modernen Leser Befremden aus. Das gilt keineswegs nur für die üblichen Verdächtigen. Neben Caesar, Pompejus war auch einer der beiden Gracchen erpicht darauf, sich als Vernichter darzustellen. Ausgerechnet einer der Brüder, die bisweilen in der Gegenwart als Reformer-Brüder der Antike gehandelt werden, feiert sich als Vernichtungskrieger.

Das ist keineswegs die einzige Überraschung, die als »Ent-Täuschung« auf den Leser von Versunkene Welten wartet. Jenes unausrottbare Vorurteil über »den Orient« als Stätte grausamer, menschenverachtender, zu rationalem Regieren unfähiger und dekadenter Despotien ist sprichwörtlich uralt. Griechen wie Römer haben diese Sicht nach Kräften befeuert. Die letzte ptolemäische Königin Ägyptens, Kleopatra, personifiziert das Klischee-Sammelsurium geradezu, trotz bemühter Aufarbeitung durch die Wissenschaft geistern die Echos der Vorurteile weiter durch die Literatur. In Bezug auf Kleopatra ist mir derlei zuletzt bei Peter Frankopan, Das Licht aus dem Osten begegnet. Nach der Lektüre von Versunkene Welten sind diese zählebigen Geister gebannt.

Gern bedanke ich mich beim Verlag C.H. Beck für das Rezensionsexemplar.

Martin Zimmermann: Versunkene Welten
Ruinenstädte in der Antike von Troja bis Pompeji
C.H. Beck 2026
Gebunden 544 Seiten
Historische Bibliothek der Gerda Henkel Stiftung
ISBN: 978-3-406-83619-0

« Ältere Beiträge

© 2026 Alexander Preuße

Theme von Anders Norén — Hoch ↑