Alexander Preuße

Schriftsteller - Buchblogger

Richard Hallas: Wer verliert gewinnt

Zwischen der Bergarbeitersiedlung in Oklahoma und Kalifornien liegen nicht nur viele Meilen, sondern Welten, wie die Hauptfigur des Romans von Richard Hallas feststellen muss. Von der harschen Wirklichkeit entrückt taumelt Richard Dempsey seiner persönlichen Katastrophe entgegen. Coverrechte liegen beim Verlag, das Bild wurde mit Canva erstellt.

USA, Mittlerer Westen, 1930er Jahre. Die Gefängnisse sind überfüllt von Tramps, nicht die tragisch-komische Version Charlie Chaplins, sondern asoziales Gelichter und Gesindel. Die Staatsmacht weiß sich zu helfen: Deportation in einen anderen Bundesstaat, genauer gesagt nach Kalifornien. Raus aus dem Knast, rein in die Eisenbahn, bis die Transportwagons mit Menschen vollgestopft sind.

Wer denkt da nicht unwillkürlich an die Züge, die wenige Jahre später durch Europa rollten?

Der Noir-Thriller aus dem Jahr 1938 deutet an dieser Stelle etwas an, was Autor Richard Hallas zu diesem Zeitpunkt selbstverständlich nicht einmal ahnen konnte. Die Lage in den überfüllten Waggons des Romans ist düster genug. Das Recht des Stärkeren regiert, brutale Gewalt an Hilflosen und Schwachen wird verübt, Rassismus ist fast nur eine Randerscheinung. Beißende Kälte in den Bergen, brütende Hitze in den Wüsten, keine Verpflegung, kein Wasser, keine Körperpflege.

In diese kleine Hölle gerät der Ich-Erzähler Dick, eigentlich Richard Dempsey. Ein Mann aus der Unterschicht, er lebt in einem BergbauDrecksloch« in Oklahoma, verlassen von Frau und Kind, bricht er auf der Suche nach ihnen gen Kalifornien auf. Geld hat er keines, daher die Reise auf den Schienen im Waggon der Mittellosen. Nach wenigen Seiten dieses alptraumartigen Trips fragt man sich, wie das bis zum Ende des Buches eigentlich weitergehen soll, so drastisch ist die Schilderung. Wer verliert gewinnt hält jedoch für den Leser mehrere verblüffene Wendungen bereit.

Ich hörte, wie sie auf ihn losschlugen, bis er still war.

Richard Hallas: Wer verliert gewinnt

Richard Hallas, das Pseudonym des britischen Autors Eric Knight, hat ein Händchen dafür, seinen Ich-Erzähler in groteske Situationen stolpern zu lassen. Diese sind nicht komisch, sondern wie ein irrwitziger, anstrengender Traum, aus dem man gern aufwachen möchte. Der abgerissene, heruntergekommene Erzähler wird mit Menschen konfrontiert, die ein schräges Verhalten an den Tag legen. Auf das Entgegenkommen dieser Zeitgenossen ist er wegen seiner Lage angewiesen, er würde andernfalls einfach verhungern.

Dick lässt sich zur Teilnahme an einem fingierten Verbrechen überreden, das selbstverständlich einen ungeplanten Verlauf nimmt. Die Schuld schwebt danach wie das berüchtigte DamoklesSchwert über dem Erzähler. Diese latente Bedrohung sorgt für eine nicht abreißende Spannung, auf einem kurvenreichen Weg mündet der Fehltritt in einer Katastrophe. Die Inszenierung des Desasters ist einfach großartig, weil sie die schon damals wirksamen, bis heute bekannten Abgründe des US-Gesellschafts- und Politsystems auslotet.

Wie der ganze Roman ist das wunderbar unterhaltsam, weil Hallas seine Figuren immer unerwartet und schwer begreiflich handeln lässt. Es wirkt wie ein Spiel, bei dem kein allmächtiger Gott die Fäden lenkend in der Hand hält, sondern eine Art Zufallsgenerator, ein Würfelspiel oder Roulette, wie es auf dem sehr schönen Cover abgebildet ist. Vielleicht hatte Einstein aber auch unrecht, und Gott würfelt doch?

Das Motiv  des Spiels ist im deutschen Titel, vor allem aber im englischen Original enthalten: You Play the Black and the Red Comes Up. In der Romanhandlung findet sich Ich-Erzähler Dick einmal tatsächlich am Roulette-Spieltisch wieder. Das ist eine ganz großartige Szene, denn der Versuch, gefährliches Geld zu verlieren, geht schief. Die Hauptfigur hat am Ende viel mehr Geld als zu Beginn, Dick findet sich inmitten einer aufgeheizten Situation wieder, steht im Zentrum der Aufmerksamkeit, die Polizei rückt an – alles, was er unbedingt vermeiden wollte.

Das alte Sprichwort heißt: Du setzt auf Schwarz – und Rot gewinnt.

Richard Hallas: Wer verliert gewinnt

Von der harschen Lebenswirklichkeit der Großen Depression in den 1930er Jahren, die Wer verliert gewinnt in den ersten Kapiteln drastisch vorführt, ist in Kalifornien nichts zu spüren. Dicks Leben ist dort regelrecht entrückt, alles erscheint geradezu unwirklich, wie die Filmindustrie mit ihren verlogenen Traum- und Scheinwelten. Der Regisseur Quentin Genter, ein hintertriebener, arglistiger und rücksichtsloser Mensch, formuliert das im branchenüblichen Überschwang, wenn er meint, die ganze Welt wäre ein Kino und das Leben ein Film.

Das treibt Autor Hallas auf die Spitze, als der Ich-Erzähler am Meer sitzt und eine splitternackte Schwimmerin namens Sheila aus dem Wasser steigt, wie eine der mystischen Meerjungfrauen. Dick gibt sich ritterlich (ganz im Gegensatz zu der Meute aus den ersten Kapiteln, die schon bei der Erwähnung zweier »Mädels« ihren Trieben freien Lauf lässt). Irritierend ist eine euphemistische Formulierung für Sheilas Verhalten in der Folgezeit, für den handfest denkenden und agierenden Dick bleibt sie rätselhaft. Die Distanz zwischen beiden dürfte der Kluft zwischen der woken Awareness-Kultur und den Trump-Wählern entsprechen. Dennoch verliebt Dick sich in Sheila und nimmt prompt Kurs auf die Katastrophe.

Besonders gelungen finde ich die Gestaltung des Ich-Erzählers. Schon auf dem Höllentrip gen Kalifornien zeigt er Ansätze moralischen Verhaltens, das sein Handeln auch danach immer wieder bestimmt. Geradezu skrupulös versucht er, einem unschuldig Inhaftierten zu helfen, er bleibt seiner Geliebten verbunden, einer älteren Frau namens Mamie mit einem übergriffig-eifersüchtigen Verhalten.

Trotzdem bleibt der Verdacht bestehen, seine Frau könnte  ihn aus gutem Grund verlassen haben, häusliche Gewalt liegt nahe, auch weil der Ich-Erzähler eine wenig glaubhafte Ausrede vorbringt. Er ist  bereit, das Gesetz zu brechen, und er scheut auch nicht den Gedanken an ein Kapitalverbrechen, leitet es sogar in die Wege, was in einer Tragödie endet. Diese Figur des Richard Dempsey ist nicht glattgeschliffen, das Nebeneinander von persönlichen Abgründen und moralischen Grundsätzen ist nicht bloß behauptet, sondern glaubwürdig motiviert.

Das nimmt den Leser für die Hauptfigur ein, die Spannung in diesem Roman entwickelt sich auch aus dem Wunsch, alles möge inmitten des Wahnwitz doch irgendwie gut ausgehen, und dem Wissen um dessen Unerfüllbarkeit. Wie könnte es auch, denn die harsche, oft irrsinnige Wirklichkeit bleibt neben den abgehobenen Traumwelten Hollywoods und totalitär-verzückter Weltverbesserer bestehen. Darum liest man das Ende des Romans mit einigem Misstrauen, es passt besser zum Wunsch als zur Wirklichkeit. Es wirkt wie eine Phantasmagorie.

Gern bedanke ich mich beim Elsinor-Verlag für das Besprechungsexemplar. Wie in den anderen Bänden der Reihe um die Noir-Klassiker rundet auch bei Wer verliert gewinnt ein vorzügliches Nachwort von Herausgeber Martin Compart das Buch ab. Eric Knights Lebensweg ist selbst ein Roman, in dem es reichlich Noir-Phasen gab, einschließlich seines tragischen Endes im Jahr 1943.

Weitere Besprechungen der Noir-Thriller-Klassiker-Reihe:
Fearing, Kenneth: Die große Uhr.
Buchan, John: Der Übermensch.
A.D.G.: Die Nacht der kranken Hunde.
John Mair: Es gibt keine Wiederkehr.
Derek Marlow: Ein Dandy in Aspik.

Richard Hallas: Wer verliert gewinnt
Aus dem Englischen von Anna Katharina Rehmann-Salten
Hrsg. und mit einem Nachwort von Martin Compart
Elsinor 2026
Klappenbroschur 224 Seiten
ISBN: 978-3-942788-94-6

Louise Dupin: Wir sind alle gleich, Monsieur!

Eine essayistische Streitschrift mit erstaunlich modernen Ansichten und rhetorischen Kniffen. Mit der editorischen Umsetzung, die (wie der Begriff »Feministin«) einer Stilisierung Vorschub leistet, hadere ich. Coverrechte beim Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Erstaunlich modern wirkt die Schrift Louise Dupins, in der sich die Autorin gegen die Vorurteile gegenüber Frauen stemmt. Auf rund 86 Seiten wendet sie sich gegen überkommene Ansichten, widerlegt diese rhetorische geschickt, sachlich und gelegentlich mit einer Prise boshaftem Spott gewürzt. Erstaunlich ist auch, wie manche der Ansichten auf mehr als zwei Jahrhunderte nach ihrem Tod noch kursieren. Allein deswegen ist diese Schrift noch immer lesenswert, auch wenn man sich aufgrund des sozialen Standes der Autorin fragen muss, wen genau sie mit »Wir« eigentlich meint? 

Dupin starb hochbetagt wenige Wochen vor der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert in Chenonceau, einem sehenswerten Schloss an der Cher. Bei meinem Besuch im Sommer 2025 betrachtete ich das bekannte Portrait der als betörend schön und intelligent geltenden Salonière. Entsprechend erfreut war ich, als ich das Buch in der Reihe Frauenstimmen im Verlag Wagenbach entdeckte. Hilfreich sind die einordnenden Passagen von George Sand, das Nachwort und die beiden Texte Rousseaus und Voltaires.

Das Chateau de Chenonceau an der Cher.
Schloss Chenonceau an der Cher ist auch an grauen Tagen einen Besuch wert.

Zu fragen ist, ob die Bezeichnung »Feministin« passend ist, ein Begriff, der erst einige Jahrzehnte nach Dupins Tod gebraucht wurde. Die Gefahr einer nachträglichen Stilisierung besteht, der auch editorisch Vorschub geleistet wird. So wurden ausführliche Ansichten Dupins zur Antike, »europäischer Länder, Chinas, Japans und Afrikas sowie zu wissenschaftlichen Erkenntnissen jener Zeit, die aber überholt sind«, weggelassen. Gekürzt wurde auch in den Abschnitten, in denen es um die Schulbildung und rechtliche Gleichstellung geht.

Das fördert die Lesbarkeit des Textes, leistet aber einem Idealbild der historischen Person Louise Dupins Vorschub. Gerade das Nebeneinander von fortschrittlichen und rückwärts gewandten Gedanken ist prägend für alle Zeiten und Denker, man denke nur an den blinden Fleck der Aufklärer bezüglich der Sklaverei oder eben der Frauen. Zur Weltsicht Dupins gehören eben auch Dinge, die überholt sind. 

Dann gibt es noch den Sohn, Jacques-Armande Dupin de Chenonceaux, für den der Begriff »schwierig« ein Euphemismus darstellt. Rousseaus Worte über ihn, vor allem aber die immensen Spielschulden, mit ihren beinahe desaströsen Folgen für die Familie, erzwingen fast die Frage nach Wollen und Wirklichkeit, den Absichten und ihrer (missglückten) Umsetzung. Auch für eine Louise Dupin gab es Grenzen.

Eine weitere Frage, die unabhängig von der historischen Person der Autorin ist, drängt sich auf. Viele der Türen in schulischer Hinsicht, die zur Zeit Louise Dupins noch fest verschlossen waren, stehen heute weit offen. Gehen die Mädchen hindurch oder geschieht in unserer Gegenwart gerade das Gegenteil?

Louise Dupin: Wir sind alle gleich, Monsieur!
Eine Feministin erhebt Einspruch
Aus dem Französischen von Rudolf Bitter
Wagenbach 2025
Gebunden 144 Seiten
ISBN 978-3-8031-1387-0

Frank Verstraete, Cèline Broeckaert: Warum niemand die Quantentheorie versteht, aber jeder etwas darüber wissen sollte

Buchcover von ‚Warum niemand die Quantentheorie versteht‘ mit dem Zitat ‚Symmetrie ist das wichtigste Konzept in der Physik.‘ im Hintergrund einer abstrakten, goldfarbenen Lichtspiral-Visualisierung. Das Cover zeigt die Autoren Frank Verstraete und Céline Broeckaert sowie den Verlag C.H.Beck.
Es ist nicht leicht, in die Welt der Quantenphysik und ihrer Schöpfer einzutauchen. Doch es lohnt sich, denn tatsächlich sollte jeder etwas darüber wissen. Sachbücher sind nicht nur dazu da, das Wissen zu vergrößern, sondern auch das Unwissen vor Augen zu führen. Coverrechte beim Verlag, Bild mit Canva erstellt.

[…] ergab sich, dass die Erde etwa 4,5 Milliarden Jahre alt sein muss (der Urknall liegt 13,8 Milliarden Jahre zurück). Daran wird nicht mehr ernsthaft gezweifelt. Außer vielleicht in den Lehrplänen von Wisconsin.

Frank Verstraete, Cèline Broeckaert: Warum niemand die Quantentheorie versteht, aber jeder etwas darüber wissen sollte

Gleich zwei Vorworte empfangen den Leser, ergänzt durch eine Art Kurzanleitung für das Lesen. Das unterstreicht, welch’ schwergewichtigem Thema sich das Buch widmet: Quantentheorie. Der Begriff allein dürfte die Mehrzahl der Leser in die Flucht schlagen, keineswegs nur die Konsumenten schluckgerecht pürierter Trivialliteratur. Dabei sind nun schon  mehr als einhundert Jahre vergangen, seit die Welt »unscharf« wurde, was eigentlich dramatische Folgen für sämtliche Wissenschaften und selbst den Alltag hat.

Wie sollte Quantentheorie interessieren, wenn schon vergleichsweise zugängliche Zusammenhänge wie Elektromotoren, Wärmepumpen oder Impfungen in Abgründe an Missverständnissen führen, zufälligen wie auch gezielt herbeigeführten? Nichtwissen ist nicht schlimm, der falsche Umgang damit kann verheerend sein. Ich bin weit entfernt davon, Quantenphysik zu verstehen, obwohl ich bereits mehrere Bücher über das Thema gelesen habe, die auf möglichst schonende, weil oft biographischanekdotische Weise versuchen, die Leser  heranzuführen. Irgendwann steige ich immer aus.

Entpsrechend gefällt mir der sperrige Titel des Buches von Frank Verstraete und Cèline Broeckhaert ganz wunderbar: Warum niemand die Quantentheorie versteht, aber jeder etwas darüber wissen sollte. Man darf also beruhigt kapitulieren, man ist in allerbester Gesellschaft, man darf, man sollte sogar das eigene Unverständnis eingestehen; das alles ist wohltuend weit von Schule entfernt. Ein wichtiger Grund, das Buch zu lesen, besteht darin, mein eigenes Unwissen zu vergrößern; nach der Lektüre ist mir wieder etwas klarer, was ich alles nicht weiß, verstehe, ja nicht einmal ahne.

Die Schrödingergleichung gehört ebenso zum Kanon unserer Kultur wie Beethovens 9. Sinfonie.

Frank Verstraete, Cèline Broeckaert: Warum niemand die Quantentheorie versteht, aber jeder etwas darüber wissen sollte

Wer nun die Augenbrauen hebt und ein wenig brüsk denkt, wie man denn meinen könnte, jeder würde mit dem Wort Schrödingergleichung etwas anfangen können, dabei vielleicht die Ode an die Freude summt, um die Distanz zwischen dem schnöden Begriff »Gleichung« und dem genialisch-eingängigen Motiv zu unterstreichen: Wer die paar Takte summen und die Musik genießen kann, hat von dem Werk genauso viel oder wenig verstanden, wie von Schrödinger und seiner berühmten Gleichung.

Wer ein Buch über Musiktheorie liest (und versteht), wird die 9. Sinfonie Beethovens mit anderen Ohren hören und vielleicht sogar anders verstehen. Das ist auch eine Begleiterscheinung eines Buches über Quantenphysik: der Weltsicht des Lesers eine neue Perspektive hinzufügen, eben der »frischen Quantenperspektive«. Das ist rundherum gelungen, auch wenn ich schon im ersten Kapitel das weiße Verständnis-Fähnlein schwingen musste.

Sie heißen »imaginäre« oder »komplexe« Zahlen und stehen in einem mir nur schemenhaft begreiflichen Zusammenhang mit Matrizen. Von denen wusste ich immerhin noch, dass sie in Göttingen in den 1920er Jahren Rahmen der quantenphysikalischen Forschung Verwendung fanden (und moderne Informatik-Studenten behelligen). Auch die Anwendungsbeispiele, Smartphones, VR, Suchmaschinen oder ChatBots á la ChatGPT lassen nur erahnen, wie Matrizen eine zentrale Rolle in der Datenverarbeitung spielen.

Symmetrie ist das mächtigste Konzept in der Physik.

Frank Verstraete, Cèline Broeckaert: Warum niemand die Quantentheorie versteht, aber jeder etwas darüber wissen sollte

Besonders zu loben ist die Struktur des Buches. Jedes Kapitel wird mit einigen Stichworten eingeleitet, eine  Art motivischer Leitfaden für die nachfolgenden Seiten. Das vorherige Zitat steht am Beginn des zweiten Abschnitts, der sich mit der Symmetrie befasst. Man sollte ihn nach Beendigung des Kapitels ruhig noch einmal lesen, um zu rekapitulieren, womit man sich auseinandergesetzt hat.

Der Fließtext wird durch eingeschobene Abschnitte unterbrochen, die – wie andere Bücher über Quantenphysik – biographisch-zeitgeschichtlich-anekdotische Informationen über die Protagonisten der Forschung bieten. Das verknüpft die fachlichen Erkenntnisse mit historischen Personen und dabei treten gelegentlich auch Unbekannte aus dem Schatten des Vergessens.

Emmy Noether etwa, eine geniale Mathematikerin, die nicht mehr und nicht weniger als einen »Generalschlüssel« für die physikalische Forschung bereitstellte. Sie hat die Symmetrie als Ordnungsprinzip hinter den Entdeckungen und physikalischen Gesetzen ausgemacht. Wie so oft in Kreisen von Wissenschaft, Kunst und Kultur, ist auch ihre Biographie von der Machtübertragung an Adolf Hitler 1933 überschattet, sie emigrierte in die USA und verstarb bereits zwei Jahre später.

Frank Verstraete, Cèline Broeckaert: Warum niemand die Quantentheorie versteht, aber jeder etwas darüber wissen sollte

Immer wieder wird der Text durch Skizzen bereichert, was nicht nur das Lesen erleichtert, sondern den  Leser mit bemerkenswerten Erkenntnissen konfrontiert. So ist der recht abtstrakt wirkende Begriff »kontraintuitiv« auf einmal sehr konkret. Gefragt, welches der drei Bilder die größte Symmetrie darstellt, hätte ich intuitiv auf das rechte obere getippt und damit falschgelegen. Ich werde hier nicht den Versuch unternehmen, zu erklären, warum Intuition und Wirklichkeit so deutlich auseinanderklaffen.

Stattdessen möchte ich noch auf das letzte Kapitel des Buches verweisen, das sich der zweiten Quantenrevolution widmet, die seit rund dreißig Jahren im Gange ist. Die Schilderungen verlangen dem Leser einiges an Gedankenakrobatik ab. Auch wenn man nicht versteht, warum Energie und Information das Gleiche sein könnten und die Unterschiede zwischen einem herkömmlichen und einem Quantencomputer unbegreiflich bleiben, spürt man, wie sehr unser „Wissen“, insbesondere das intuitive, den neuen Erkenntnissen nicht standhält. Ein schmerzlicher Prozess, der nie an sein Ende kommt.

Das ist ein weiterer Grund, für mich vielleicht der wichtigste, warum jeder etwas über die Quantentheorie wissen sollte: Man versteht die Vergangenheit besser. Vierhundert Jahre vor den Erkenntnisstürmen der neuen Physik zerbrach schon einmal ein festgefügtes Weltbild. Der Vorgang mutet heute wie eine Veränderung in Zeitlupe an, aber die Parallelen sind unübersehbar. Es dauerte lange, ehe die grundsätzlichen Erkenntnisse allgemein anerkannt waren, Allgemeinwissen wurden, wenn man so will; wobei ich Zweifel hege, wer heute wirklich die klassische Physik in ihren Grundlagen versteht.

Hundert Jahre nach dem Beginn der Quantenrevolution ist unsere Wirklichkeit weit davon entfernt, dass die Erkenntnisse in Alltags- oder Allgemeinwissen auch nur in Spurenelementen einfließen. Man könnte sogar meinen, beide Welten, die der Wissenschaft und der Allgemeinheit, entfernen sich. Wie vor einhundert, wie vor fünfhundert Jahren wächst nicht nur das Wissen, sondern auch die Dummheit (Wisconsin!). Und das ist noch eine Antwort auf die Frage, warum man etwas über Quantenphysik wissen sollte; zum Beispiel durch die Lektüre dieses herausfordernden Buches.

Beim Verlag C.H.Beck bedanke ich mich für das Besprechungsexemplar.

Frank Verstraete, Cèline Broeckaert: Warum niemand die Quantentheorie versteht, aber jeder etwas darüber wissen sollte
Aus dem Niederlänischen von Bärbel Jänicke.
C.H. Beck Verlag 2025
Gebunden 351 Seiten
ISBN: 978-3-406-83622-0

Neue Lektüre: Versager oder ein König seiner Zeit

Buchcover von 'Aethelred II: King of the English' von Ryan Lavelle, das vor einem Bücherregal steht. Das Cover zeigt eine mittelalterliche Illustration von gekrönten Personen in traditioneller Kleidung.
Der König Æthelred II. kommt nicht gut weg in der Wertung späterer Autoren. Kein Wunder, hat er doch kein Mittel gegen die endlosen Wikinger-Raids gefunden und ist im Kampf gegen den dänischen Erobererkönig Sven Gabelbart unterlegen.

Mehr als 35 Jahre lenkte der angelsächsische König Æthelred II. die Geschicke Englands. Dieser Satz ist in verschiedener Hinsicht problematisch, weil es eine Machtausübung suggeriert, die kein Herrscher dieser Zeit realisieren konnte. Das oströmische Reich, »Byzanz«, war in seiner Staatlichkeit wohl am weitesten fortgeschritten, weil der Zivilisationsbruch des westlichen Teils ab dem fünften Jahrhundert nicht stattfand.

Die Monarchen in den Herrschaftsgebilden, die alles Mögliche waren, aber kein Staat, mussten sich mit den regionalen Herren arrangieren. Schriftlichkeit, Recht, Verwaltung spielte um 1000 n. Chr. eine marginale Rolle. Es verbietet sich, diese Vergangenheit an der Moderne zu messen, was manche Historiker nicht davon abhält, Fürsten als Verräter und »Quislinge« zu bezeichnen: eine Anspielung auf den norwegischen Nazi-Kollaborateur gleichen Namens.

Das ist vielfacher Hinsicht absurd. Alle Fürsten zu der damaligen Zeit verfolgten ihre eigenen Interessen. Im Ostfrankenreich war es üblich, Dienste für den König mit Gegenleistungen zu begleichen; eine moderne Pflicht, dem Herrscher zu helfen, wäre damals ein abwegiger Gedanke gewesen. Heute klingt das wie Korruption, aber für das Geschehen um die erste Jahrtausendwende hilft dieser Begriff nicht weiter.

Wer also über König Æthelred II. urteilt, muss das mit großer Vorsicht tun. Ich bin sehr gespannt, wie der Autor meiner aktuellen Lektüre die historische Persönlichkeit wertet. Unbestreitbar steht am Ende des Lebens von Æthelred II. eine Niederlage gegen den dänischen Erobererkönig Sven Gabelbart; auch nach dessen Tod konnte er sich gegen Knut (später »der Große«) nicht durchsetzen.

Das Land war in den Jahren zuvor von schweren Raub- und -plünderzügen der Wikinger geplagt worden, Æthelreds Gegenmaßnahmen halfen nicht. Ein Grund, der immer wieder genannt wird, ist eine Person namens Eadric Streona, ein Adeliger, der mehrfach die Seiten wechselte. Ein »Verräter« oder vielleicht doch ein ganz gewöhnlicher lokaler Großer seiner Zeit? Die Quellenlage ist mäßig, die Autoren (oft Kirchenleute) verfolgten ihre eigenen Absichten.

In meinem Roman »Sessrumnir«, der in dieser Zeit spielt, wird Æthelred II. persönlich wohl nicht auftreten, aber natürlich wird er Teil der Handlung sein. Die Frage ist, wie ich ihn als historische Person gestalte? Was denken meine Protagonisten, ihre Verbündeten und Gegner über ihn? Ich stehe dabei vor einem Dilemma, denn die Leser meines Romans denken und werten modern; ein zu stark historisierender Ansatz könnte als zu fremd, ja falsch empfunden werden und die Grundlage jeden Romans brechen: die Glaubwürdigkeit.

Thomas Williams: Viking Britain

Buchcover von ‚Viking Britain‘ (Sachbuch) von Thomas Williams: Das Cover zeigt einen stilvollen Ausschnitt eines Wikingerschiffsbugs mit typischen Schnitzereien und Ornamenten. Im linken Bereich des Bildes steht in weißer Schrift auf schwarzem Hintergrund ‚THOMAS WILLIAMS‘, ‚VIKING BRITAIN‘ und ‚Sachbuch‘.
Ein vorzügliches Buch über die Geschichte Britanniens, vor allem des späteren Englands, mit dem Fokus auf die Wikinger und ihren Einfluss auf den Gang der Dinge. Coverrechte beim Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Zu den Vorzügen des Buches Viking Britain von Thomas Williams gehört der Fokus auf die britischen Inseln, insbesondere auf den Teil, den man heute England nennt. Allzu leicht verirrt man sich in der Welt der Wikinger, die »groß und weit« war (Neil Price), von Vinland bis zum Schwarzen Meer reichte. Es gab kein »Reich« diesen Ausmaßes, die Worte beschreiben den Horizont der Nordleute, ihre Handelsfahrten, Landnahmen und bewaffneten Raubzüge.

Viking Britain erzählt, wie sich die Angelsachsen, Keltische Bewohner der Inseln und die Wikinger im Laufe von gut zweihundert Jahren gegenseitig beeinflusst und verändert haben. England entstand als politisches Gebilde auf den Trümmern der kleinen, kriegerischen, angelsächsischen Königreichen. Diese Einheit dürfte eine schnelle Eroberung durch William von der Normandie 1066 beflügelt haben; allerdings auch die durch Knut den Großen fünfzig Jahre vorher.

Warum die Wikinger ihre anfänglichen Raubzüge zu Eroberungszügen wandelten, wird nach der Lektüre nicht recht klar. Man könnte mit Blick auf die Reiterkriegerverbände, wie die Hunnen, spekulieren, dass die maritime Version der Steppenreiter vor einem ähnlichen Problem stand, nämlich die Gefolgschaft zufriedenzustellen. Das funktionierte einige Zeit mit Beute (insbesonderes Sklaven), dann liegt der Schritt zur Landnahme nahe, so könnte man spekulieren.

Williams gibt seinen Lesern eine Reihe von bemerkenswerten Denkanstößen: Maritimer Handel und Kriegführung bildeten die Kernkompetenz der Nordleute. Liegt hier bereits die Wurzel für das spätere britische Empire, in Gestalt einer Mind-Map? Und wer waren diese Wikinger eigentlich? Zeitgenössisch wurde der Begriff selten verwendet, einmal für Sklaven, die ihren Herren davonlaufen; oder für Männer (und wenige Frauen), die ein (blutiges) Unternehmen wagten, das ihnen den Tod oder Reichtum und Ruhm bringen konnte.

Ausgesprochen lesenswert, gedankenreich, anregend und gut geschrieben, dabei übersichtlich und klar strukturiert. Die Lektüre ist Teil meines Lesevorhabens Zwölf für 2026.

Thomas Williams: Viking Britain
William Collins 2017
Taschenbuch 410 Seiten
ISBN: 978-0-00-817195-7

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