Schreibgewitter

Alexander Preuße

Das Titelbild des Auftaktbandes zu meiner siebenteiligen Abenteuerreihe. Das Taschenbuch ist überall erhältlich, wo es gute Bücher gibt; das E-Book gibt es exklusiv bei Amazon und kann gekauft oder über Kindle Unlimited gelesen werden.

Auf meiner Autorenwebseite blogge ich regelmäßig über meine aktuellen Projekte, allgemeine Themen rund um meine Arbeit als Schriftsteller sowie über das Schreiben allgemein.

Eine Rubrik heißt Piratenbrüder. Dort erfahren Sie mehr über meine siebenteilige Abenteuerreihe, deren erster Band am 03. Oktober 2022 veröffentlicht worden ist. Der nächste Teil der historischen Reihe erscheint am 12. März 2023.

Das Lesen soll natürlich nicht zu kurz kommen und so gibt es in der entsprechenden Rubrik immer wieder Rezensionen und Beiträge zu Büchern, die ich lesenswert finde. Es handelt sich in der Regel um selbst erworbene Bücher, Rezensionsexemplare nehme ich selten an; wenn, dann sind sie in der Buchvorstellung explizit als solche gekennzeichnet.

Ich wünsche Ihnen eine anregende Zeit auf meiner Webseite.

Alexander Preuße

Lesemonat November

Ein paar schöne Lese- und Hörerlebnisse gab es im November, zwei weitere habe ich nicht ganz bis Monatsende ausgelesen bzw. -gehört. Von denen wird dann im Dezember die Rede sein. Bild mit Canva erstellt, Cover vom jeweiligen Verlag.

Kann man eine Romanreihe mit mehr als zwanzig Teilen lesen? Ja, das geht, auch wenn der Stoff eher im Bereich der trivialen Unterhaltung anzusiedeln ist. In meinem Fall ist das die Eagle-Reihe von Simon Scarrow, von der ich im November den einundzwanzigsten Teil gelesen habe. Ab und zu fange ich mir in meinem Umfeld ein wenig Spott dafür ein, weil ich gewöhnlich etwas andere Literatur bevorzuge.

Wieso also ein derart lang gezogenes (Mach-)Werk? Die Bücher des Eagle of the Empire spielen im Römischen Reich des ersten Jahrhunderts nach Christus. Der erste Roman setzt zu einer Zeit ein, als ein gewisser Claudius Princeps ist und sein Heer gen Britannien schickt. Auf dem Eiland ist bekanntlich Julius Caesar schon einmal probehalber gelandet – Unfinished-business-of-the-Empire gewissermaßen.

Der Leser folgt einem Duo: Macro und Cato. Die Götter haben die Fähigkeiten des Buddy-Gespanns klar verteilt, couragierte Kampfkraft hie, nicht minder couragierter Intellekt dort. Beide lernen voneinander, bleiben sich im Kern  treu, während sie auf unterschiedlichsten Schlachtfeldern des riesigen Reichs fechten. Das ist eine der großen Stärken der Reihe – von Britannien geht es nach Spanien, in die Adria, in den Osten, Syrien, Ägypten, aber auch nach Sardinien usw. Man kommt im Gefolge der Legionen herum.

Die Reihe fängt die ungeheure Größe und Vielfalt des Imperiums gut ein, sie ist trotz der vielen unvermeidlichen strukturellen, inhaltlichen und charakterlichen Redundanzen abwechslungsreich genug, um die Lust am Lesen zu erhalten. Dabei gehören die anfänglichen Romane nicht unbedingt zu den stärksten, wäre es nicht ab Band fünf zu einem deutlichen (Orts-)Wechsel gekommen, hätte ich abgebrochen.

So bleibe ich also dabei – und freue mich auf Band XXII, der im Frühjahr 2023 erscheint.

Leseecke

Apropos unerledigt: Ich habe noch nie etwas von Tschechow gelesen und das im November nachgeholt. Der Kirschgarten hat mit allerdings nicht wirklich erreicht, ein munteres Bühnenstück, das ich als einigermaßen belanglos empfunden habe. Warum also so ein Stück überhaupt lesen? Zum einen gibt es Interpretationen, die mir im Nachhinein einige interessante Bedeutungsebenen eröffnen, zum anderen wird Tschechow relativ häufig in anderen Romanen genannt, zitiert oder von den Handelnden gelesen. Ich freue mich immer, wenn ich in solchen Fällen vom Autor etwas gelesen habe.

Ganz und gar nicht belanglos sind die anderen Bücher, die ich im November gelesen habe. Höhenrausch von Harald Jähner ist ein tolles Sachbuch über die Zeit der Weimarer Republik, Café Berlin ein Roman, der zumindest teilweise in dieser Zeit spielt; es war ein schönes Leseerlebnis, beides parallel zu lesen / hören. Die Vielfalt dieser Zeit ist und bleibt überwältigend, die Erkenntnis, dass das alles nichts genutzt, den Zivilisationsbruch nicht hat abwenden können, zutiefst beunruhigend.

Nach dem Zivilisationsbruch ist es ausgerechnet ein Fußballspiel gewesen, das Deutschland mental ein Stück wiederhergestellt hat. Das als »Wunder von Bern« verklärte Endspiel um die Fußballweltmeisterschaft 1954 ist von Friedrich Christian Delius in seiner Erzählung Der Tag, an dem ich Weltmeister wurde verarbeitet worden. Um Fußball geht es auch, aber vor allem um Emanzipation. Ein gutes Stichwort, wenn man sich vor Augen führt, was aus dem Sport in der Gegenwart geworden ist.

Ein gutes Stück weiter ist der Roman Monschau von Steffen Kopetzky, in dem zwar eine Epidemie die Hauptrolle spielt, aber der Schatten des Zweiten Weltkrieges liegt noch über den beginnenden 1960er Jahren. An Propaganda kommt Monschau nicht heran, lesenswert ist es allemale.

Bloggestöber

Zwei Bücher habe ich mir im zurückliegenden Monat angeregt durch Blogbeiträge gekauft. Einmal Athos 2643 von Nils Westerboer, das auf Horatio-Bücher vorgestellt wird; zum zweiten Schatten über dem Hudson, auf das Sören Heim auf seinem Blog aufmerksam macht. Eine nette literarische Schnitzeljagd um den Prix Goncourt Gewinner 2021 Mohamed Mbougar Sarr nimmt ihren Anfang auf dem Blog von Kaffeehaussitzer.  Gute Jagd, allen, die teilnehmen.

Harold Nebenzahl: Café Berlin

Ein leicht lesbarer, niemals langweiliger, ungeheuer farbiger und unterhaltsamer Roman. Cover: Kein & Aber Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Ja, der Titel: Wie konnte ich daran vorbeigehen? Gar nicht, zum Glück, denn der Roman Café Berlin von Harold Nebenzahl ist ein wunderbar leicht zu lesender, äußerst unterhaltsamer, dabei keineswegs flacher Ausflug in eine Zeit, die so modern gewesen ist und es nicht blieb, sondern in die Finsternis einer unfassbaren Barbarei mündete.

Von der ersten Seite an wird die Erzählung an diesen beiden Enden aufgespannt, denn der Erzähler sitzt Ende 1943 in Berlin im Versteck in einer Dachkammer und wird durch eine treue Seele namens Lohmann am Leben gehalten. Aus dieser Lage berichtet er von seiner Vergangenheit – die es in sich hat. Denn Nebenzahl spannt seine Erzählung noch weiter auf.

Ich bin es leid, bin alles Leid. Mir tun die Knochen und auch die Seele weh.

Harold Nebenzahl: Café Berlin

Die Hauptfigur stammt aus Syrien. Ein Jude aus Syrien? Heute undenkbar. Wie wir aber im Roman erfahren, hatten jüdische Bewohner der Region unter den Briten und Franzosen nach dem Ersten Weltkrieg dank ihrer höheren Bildung wichtige Posten in der Verwaltung inne, was zum Hass durch die Araber beitrug. Sie galten als Handlanger der Ausländer.

Eine bemerkenswerte Parallele zu der Judenfeindlichkeit in Osteuropa, denen dort im Vorfeld des Zweiten Weltkrieges Kooperation mit den Unterdrückern aus der Sowjetunion vorgeworfen wurde. Im Nahen Osten endetet das Dasein als Minderheit jüdischen Glaubens in diesen Regionen, jene, die gern vom Apartheidsstaat Israel schwadronieren, sollte sich das vor Augen führen.

In Berlin ist er im Showgeschäft tätig. Er betreibt einen Club namens Kaukasus, der seinen Gästen exotisch-erotische Shows bietet, bis weit in den Krieg hinein. Zu diesem Zeitpunkt hat sich aber das Programm geändert, wie auch das Publikum, es ist ein Spiegel der gesellschaftlichen Entwicklung, in der Vielfalt zunächst begrüßt und dann abgelehnt wurde.

Nebenbei bekommt der Erzähler Kontakt zur SS, die nicht weiß, dass er Jude ist. Seine Tarnung als Spanier hält vergleichsweise lange, sie ermöglicht – oder sagen wir besser: zwingt ihn, sich nolens volens in Widerstandsaktionen verwicken zu lassen.

Ich vertiefte mich in das Gewirr feindseliger Frakturschriftzeichen.

Harold Nebenzahl: Café Berlin

Nebenzahl lässt seinen Helden in einer Episode eine geheime Unternehmung nach Bosnien ausführen, die nicht nur geographisch aus dem Rahmen fällt. Hier kommt tatsächlich einmal actionnahe Spannung auf, denn es geht um ein Widerstandsunternehmen in Bosnien gegen die Nazi-Pläne, eine muslimische SS-Division namens Handschar (die gab es wirklich) aufzustellen.

Es ist nur ein Nebenschauplatz in diesem weltumspannenden Gemetzel, der Protagonist ist alles mögliche, nur kein Untergrundkämpfer im eigentlichen Sinne; seine Sichtweise macht die Episode aber sehr wertvoll, denn sie unterstreicht noch einmal den blutdurchtränkten Boden, auf dem der Hass im zerfallenden Jugoslawien Anfang der 1990er Jahre blühen konnte.

Café Berlin ist vom ersten Augenblick an spannend, auch wenn die meisten Passagen des Buches fern von augenscheinlicher Action sind. Die fortlaufende Todesdrohung, der sich die Hauptperson in seinem Versteck ausgesetzt sieht, reicht völlig aus.

Lohmann hatte der Weltschmerz gepackt, eine Sonderform von teutonischer Schwermut.

Harold Nebenzahl: Café Berlin

Zwei Dinge haben mich besonders berührt. Zum einen eine Textstelle, bei der es heißt, man habe ich auf »neutralem Boden« getroffen, nämlich: »bei den Sechstagerennen, den Boxkämpfen und Fußballspielen.« Klingt gewöhnlich, ist es aber nicht – wenn man das wunderbare Buch Höhenrausch von Harald Jähner gelesen hat.

Dort erfährt man nämlich über die zarten Anfänge des Fußballs, der gesellschaftlichen Bedeutung der Sechstagerennen (und was eigentlich dahintersteckt) und vor allem die in mehrfacher Hinsicht für die gesamte Weimarer Republik bedeutsamen Boxkämpfe. Berthold Brecht hatte nicht umsonst einen Punching-Ball neben dem Schreibtisch, und er war nicht der Einzige.

Das zweite betrifft das Ende des Buches. Der Protagonist erlebt die letzte Aprilwoche 1945 in Berlin – die Rote Armee malmt durch die Stadt Richtung Reichskanzlei. Ich kenne Erzählungen über diese Tage aus einer anderen Perspektive, meinem Großvater, der in Berlin im Mai in sowjetische Kriegsgefangenschaft geriet ist. Es war sehr eindrücklich, das Gehörte abermals zu erfahren, gespiegelt in einer ganz anderen Sichtweise.

Wie bei allen Romanen dieser Art steht der Verlust im Zentrum. Als Leser habe ich ihn empfunden, den Verlust, den die Nazizeit für Deutschland und seine Einwohner, Europa und die Zukunft, die meine Vergangenheit und Gegenwart gewesen ist.

Harold Nebenzahl: Café Berlin
Aus dem Amerikanischen von Gertraude Krueger
Kein&Aber Taschenbuch
2019
Original 1992
415 Seiten

Harald Jähner: Höhenrausch

Was für ein tolles Sachbuch über die Weimarer Republik! Sprachlich ein Genuss, inhaltlich bereichernd und alles in allem eine Warnung. Cover Rowohlt. Bild mit Canva erstellt.

Geschichtsbücher müssen nicht dröge sein, ganz im Gegenteil: Höhenrausch von Harald Jähner erzählt von der Weimarer Republik in einer Weise, die gerade für Nicht-Historiker einen verständlichen und vor allem perspektivisch ebenso interessanten wie neuen Zugang bietet. Statt Zahlgewitter, detaillierte Schilderungen von machtpolitischen Winkelzügen und Strategien, bietet Jähner seinen Lesern vor allem gesellschaftliche Entwicklungen.

Ich habe das Buch genossen, auch aus boshaften Motiven. Als ehemaliger Beinahe-Lehrer mit Fach Geschichte malte ich mir beim Hören aus, wie die Magensäfte meines mit ganz besonderer Hochachtung geschätzten Fachleiters die Speiseröhre hinaufsteigen würden, eine Art Fieberthermometer der Abneigung, bestünde eine realistische Möglichkeit, dass diese Person je einen Blick in dieses Buch würfe.

Die Generation Schülerquäler, die so viel Wert auf gehrocksteife Historiographie legt, wird dieses Buch hassen. Es dreht sich um schockierende Dinge wie Sex, Frauen, Drogen, Mentalitäten, gesellschaftliche Entwicklungen, das Nebeneinander bzw. die Gleichzeitigkeit von einander ausschließenden Strömungen, Architektur, Kunst, Gleichberechtigung – ja, eine Moderne, die in mancher Form ein unscharfer, grobkörniger Spiegel der Gegenwart ist.

Kleinanzeigenmärkte sind ein guter Spiegel gesellschaftlicher Chancen und Nöte.

Harald Jähner: Höhenrausch

Jähners Buch liefert ein paar Antworten auf Fragen, die ich mir bereits gestellt habe oder hätte stellen müssen. Ein ganz wichtiges, immer nur randständig betrachtetes Kapitel sind die Freikorps. Jähner widmet diesen mindestens 365 Gewalthaufen (»für jeden Tag des Jahres eines«), die einen unheimlichen und dramatisch negativen Einfluss auf die Geschichte der Weimarer Republik hatten, den nötigen Raum.

Wann immer man mit Linken zu tun hat, die etwas auf ihre literarische Bildung setzen, wird Erich Maria Remarques Im Westen nichts Neues hervorgekramt, meist ein kleines Zitat vorgetragen und dem Weltkriegsroman In Stahlgewittern von Ernst Jünger entgegengestellt. Hüben ein Antikriegsroman, drüben der Kriegsverherrlicher. Selbstverständlich zitiert auch Jähner aus beiden Werken und nennt nicht nur das Trennende, sondern auch das Gemeinsame, das im Schwarz-Weiß schnell verloren geht.

Neben der großen Zahl an deutschen Soldaten, die froh waren, als der Krieg zuende ging, gab es eben auch jene Minderheit, die mit dem abrupten Ende der Kampfhandlungen nicht einverstanden war. Die Freikorps haben nicht nur in den bürgerkriegsartigen Kämpfen im Reich selbst gefochten, sondern auch im Osten – gegen die Rote Armee, Polen, Tschechen und wer ihnen sonst noch in den Weg kam.

Niemand hat sie dazu gezwungen. Vielleicht ist das Unbehagen darüber, dass eben nicht alle den Krieg als Schrecken erlebten und Zeitgenossen wie Ernst Jünger keineswegs nur Verspinnerte waren, ein Grund dafür, warum die Freikorps oft übersehen werden. Dabei waren sie in vielfacher Hinsicht verhängnisvoll für die Weimarer Republik, wie Jähner ausführt, politisch und gesellschaftlich, etwa durch ihre groteske Frauenfeindlichkeit.

Die Maschinensäle der Bürokratie waren die modernen Galeeren des Warenverkehrs.

Harald Jähner: Höhenrausch

Ganz groß ist das Kapitel über die Inflation. Mit Sicherheit ist vielen Lesern überhaupt nicht klar, was eine Inflation überhaupt ist, woher sie kommt, wie sie befeuert wird und wie sie wieder enden kann. Das war 1923 auch der Fall. Jähner lässt sich die Gelegenheit nicht entgehen, schildert die unheimliche Zunahme der Geldmenge während des Ersten Weltkrieges, als jede kämpfende Macht riesige Schulden anhäufte und davon ausging, dass der (unterlegene) Kriegsgegner die Rechnung begleichen werde.

Er spart den allzu üppigen Fortgang der Gelddruckerei nicht aus, verknüpft geschickt diese naive Geldpolitik mit politischen Entscheidungen (Verschleppung der Reparationszahlungen – Ruhrbesetzung – Generalstreik) und politischen Morden (Rathenau) und ihren verheerenden Auswirkungen auf das Ausland, und führt dem Leser vor, wie aus diesen Zutaten ein Schierlingsbecher gemixt wurde, der das Reich Richtung Abgrund steuerte.

Den Deutschen mochte dabei Hören und Sehen vergehen, nicht aber das Rechnen. Nie wieder wurde das Rechnen im Zahlenraum mit zwölf Nullen so virtuos beherrscht wie im Herbst 1923.

Harald Jähner: Höhenrausch

Nicht die Arbeiter, nicht die Arbeitslosen haben Hitler gewählt, sondern die Angehörigen der Mittelschicht; die haben die Hyperinflation 1923 als doppeltes Armageddon erlebt: Die Sparguthaben lösten sich in Luft auf, während die Mieteinnahmen (Mietpreisbremse) als zweite Einnahmequelle wegfielen und Wohlstand in wenigen Monaten in Verelendung mündete.  Für die gesamte Schuld, die der deutsche Staat bei seinen Bürgern in der Kreide stand (98 Mrd. Mark), bekam man 1923 noch einen Sack Kartoffeln.

Es gab natürlich keinen Automatismus Richtung Hitler. Der hätte auch Ende 1932 nicht Reichskanzler werden müssen, eine Alternative war da. Auch die Inflation von 1923 hat nur den Boden bereitet, die Sparpolitik danach trotz Wachstum auch, denn die hat die Kommunisten beflügelt, deren stalinhörige Verbohrtheit den Widerstand gegen Hitler massiv erschwerte.

Ganz besonders bringen aber noch andere Dinge Saiten beim Leser in Schwingen, wie etwa die ideologische Spaltung. Wenn Jähner sich – glücklicherweise – recht lange über die Streitfrage der Hausdächer (!) auslässt, die von den Zeitgenossen ohne Scham als jüdisch, afrikanisch, indianisch (flach) oder völkisch-nazistisch (spitz) diffamiert oder überhöht wurden, wird klar, dass die Gesellschaft in Teilen eine Grenze überschritten hatte, die einen Ausgleich zwischen den verfeindeten Rändern unmöglich machte.

Ebert, den im Amt Anerkennung nur als Notration gewährt worden war, erhielt sie posthum im Überschuss.

Harald Jähner: Höhenrausch

Besonders deprimierend ist der Schlussteil des Buches, das den Untergang der Weimarer Republik beschreibt. Jähner zeigt den Stimmungswandel, der den verheerenden politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fehlentscheidungen nach dem Zusammenbruch der Börsen Ende 1929 einherging. Es geht nahe, wie sich die Ansichten wandelten, Dinge, die zunächst positiv wahrgenommen wurden, plötzlich als Teufelswerk galten.

Wunderbar, wie Jähner versucht, die Gleichzeitigkeit von beeindruckenden positiven Dingen darzulegen – Nobelpreise, Erfindungen, Erfolgswellen wie das Jojo, wirtschaftliche Trendbrecher, die jedoch nicht reichten, den Ozean der Dunkelheit aufzuhellen.

Ganz kalt wird es etwa mit Blick auf George Grosz, der sich im Ersten Weltkrieg einen englisch klingenden Namen zulegte, die Nazis hasste, die Kommunisten dank einschlägiger Erfahrungen gleichermaßen und dennoch Anfang der 1930er plötzlich völkisch-deutschtümelnde Töne spuckte.

Es bleibt ein großes Fazit: Nichts ist sicher. Nichts. Nie.

Harald Jähner: Höhenrausch
Rowohlt 1922
Gebunden 560 Seiten
ISBN: 978-3-7371-0081-6

Anachronistisches Echo

Es ist ein stilistisches Mittel, um einen inhaltlichen Apsekt massiv zu verstärken, eine Art literarischer Katalysator. Bild mit Canva erstellt.

Der Roman Sand von Wolfgang Herrndorf enthält eine Passage, die auf mich wie ein Echo auf den Mehrfach-Terroranschlag vom 11. September 2001 und die folgenden Jahre wirkt, in denen die USA in ihrem »Krieg gegen den Terror« einen sehr dunklen Pfad beschritten haben: Abu Ghraib, Guantanamo, Geheimgefängnisse etc. Im Roman schlägt sich das nieder – allerdings 1972. Zu dieser Zeit spielt der Roman, fast dreißig Jahre vor 9/11. 

Ein Echo ist normalerweise Folge von etwas. Das muss keineswegs im wörtlichen Sinne sein, nämlich dem Wiederhall eines Lautes an einem bestimmten Ort, zum Beispiel in den Bergen. Der Begriff des Echos wird im übertragenen Sinne verwandt, wenn zum Beispiel in einem Raum jemand spricht und gleichzeitig ein anderer leise dazwischen- oder gegenredet. »Haben wir ein Echo hier im Raum?« Der Bezug ist die zeitliche Folge und der Charakter des sich abschwächenden Tons. Durch die beißend ironische Frage wundervoll herabsetzend und verletzend eingesetzt.

Immer wenn ich Wagner höre, spüre ich den inneren Drang, in Polen einmarschieren zu müssen.

Woody Allen

Das Zitat von Woody Allen ist auch eine Art Echo, das bereits ein anachronistisches Element enthält. Zunächst echot es die Vorliebe der Nationalsozialisten für eine dumpf-deutsche germanisch-tümelnde Auslegung des Ring-Zyklus. Herfried Münkler hat in Die Deutschen und ihre Mythen völlig zurecht darauf hingewiesen, dass die Deutschen sich ausgerechnet einen Nationalmythos angeschafft haben, der im Untergang endet. 1945 wurde aus Mythos Realität.

Da das nationalsozialistische Deutschland tatsächlich in Polen einmarschiert ist, was nicht nur den Beginn des Zweiten Weltkrieges sondern auch eines beispiellosen Vernichtungskrieges markiert, ist das Echo verständlich. Auf eine wunderbar boshafte und zugleich komische Weise nimmt Allen nicht nur die Nazis und ihre verquere Wagner-Vorliebe aufs Korn, sondern weist Wagner-Liebhaber in der Gegenwart auf die dunklen Flecken hin, die an der Rezeption der Musik haften.

Wichtig ist, dass es um die Rezeption der Musik geht, nicht um Wagner selbst. Der war zweifellos Antisemit, umstritten ist, ob sich das in seinem Werk widerspiegelt. Zumindest den Nazis dürfte es nicht schwergefallen sein, das für sie Wünschenswerte herausgehört zu haben. Allerdings kann man dem Schöpfer des Nibelungen-Ring-Zyklus nicht vorwerfen, er hätte in Polen einmarschieren wollen. Polen gab es zu seiner Lebenszeit als Nation nicht, entsprechend war ein Einmarsch im Sinne von 1939 unmöglich.

Wir sind die Good Guys!

Wolfgang Herrndorf: Sand

Der Autor Wolfgang Herrndorf geht einen Schritt weiter. Mir ist es wichtig, darauf hinzuweisen, das es sich um meine Rezeption des Buches Sand handelt, nicht um eine Intention des Schriftstellers. Diese ist mir unbekannt. Im einer sehr langen, erbarmungslosen Passage wird eine Person von US-Amerikanern und ihren Helfern gefoltert. Herrndorf ist bei dieser Schilderung absolut gnadenlos.

Er spielt mit den Facetten der Folter, lässt die Ausführenden ihrem Opfer sogar darlegen, welche wissenschaftlichen Arbeiten belegen, dass sie sehr wirksam ist. Sie nennen ihr Ziel, Millionen Menschen vor dem Tod (durch Weiterverbreitung von Nuklearwaffen) zu bewahren, also sind sie die »good guys«, ausgestattet mit Werkzeug und moralischer Berechtigung zur Folter.

Erbarmungslos lässt Herrndorf den Leser mit seiner Figur in dieser völlig aussichtslosen Lage leiden – ich will nicht zu viel spoilern, aber die Brutalität wird durch die Unschuld des Gefolterten ins Grenzenlose verstärkt. Die Folterer führen Statistik zu ihrer Rechtfertigung an: In 99 von Hundert Fällen wäre der Gefolterte schuldig, in einem Fall unschuldig, also wäre ihr Handeln auch mathematisch gerechtfertigt.

»Es ist eher hinzunehmen, dass ein Schuldiger freigesprochen, als dass ein Unschuldiger verurteilt wird.«

Voltaire

Das hebelt sämtliche Grundlagen eines Rechtsstaats aus und verkehrt auf zynische Weise Voltaires berühmtes Zitat ins Gegenteil: »Es ist eher hinzunehmen, dass ein Schuldiger freigesprochen, als dass ein Unschuldiger verurteilt wird.« Für die Rettung des Weltfriedens ist jedes Mittel recht, eine Linie, die mich sehr an die Zeit nach 9/11 erinnert hat.

Die Wirkung des »anachronistischen Echos« besteht darin, etwas aus dem gegenwärtigen, gewohnten und leicht als selbstverständlich wahrgenommenen Kontextes in einen anderen zu pressen und die Konturen zu schärfen. Es spielt dabei eine untergeordnete Rolle, ob dieser andere Kontext erfunden oder wirklich ist, wichtig ist die massiv vertärkende Wirkung durch das Echo. Es ist eine Art literarischer Katalysator.

Friedrich Christian Delius: Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde

Das ist keine Erzählung über den Fußball, obwohl ihm eine große Rolle zukommt. Mein Lesetipp anlässlich der der schwer erträglichen WM unserer Tage. Titel Rowohlt, Bild mit Canva erstellt.

Spät erst, auf Seite 88 von knapp 120 dieser Erzählung, rollt der Ball. In Bern, Schweiz, den Nachgeborenen vielleicht nicht geläufig als jener Ort der Wiederauferstehung des durch verheerenden Vernichtungskrieg und schulderdrückte Niederlage zermalmten Deutschland. Dort ereignet sich etwas, das als Wunder von Bern in die Geschichte eingehen wird, ein banales Fußballspiel, zwar um die Weltmeisterkrone, aber eben doch ein Spiel, das überhöht wurde zu einem befreienden Akt eines ganzen Landes.

Der 2022 verstorbene Schriftsteller Friedrich Christian Delius hat mit seiner Erzählung Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde, dieses kollektive Wunder für eine einzelne Person in Anspruch genommen und eine ganz wunderbare Geschichte um eine ganz besondere Form der Emanzipation gestrickt. Denn an diesem Tag ereignet sich in einem Pastoren-Arbeitszimmer auch ein Wunder – ganz anderer Art, versteht sich.

Der Ich-Erzähler, ein Junge im dumpf-drückenden Nachkriegsdeutschland, geplagt vom Pastoren-Elternhaus, persönlichen Maleschen á la Stottern und Hautkrankheit, notorischen Schul- und Sportversagens im Stile des Hochbegabten, eingesperrt im »Vaterkäfig« und leidend unter der Gefühlskälte des Großvaters, eines ehemaligen U-Boot-Kapitäns, konvertiert von »Kaisertum zu Christentum«, vor allem aber unter der Zuchtrute des »Foltergottes«, erlebt knapp zwei Stunden der Befreiung.

Früh um sieben wurde der Sonntag eingeläutet, fünfzehn lange Minuten war ich den Glocken ausgeliefert.

Friedrich Christian Delius: Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde

Der Sonntag beginnt übergriffig. Das Gefühl, ausgeliefert zu sein, begleitet den Ich-Erzähler täglich, sonntags jedoch ganz besonders. Dem »alles überragenden, allgegenwärtigen Auge Gottes« kann er nicht entkommen. Es ist eine hoffnungslose Lage, Glaube und Kirche des frömmelnden Konvertiten-Opas, des Pastoren-Vaters und der gutmütigen Mutter lassen ihn von Lebensmitteln träumen, die »nicht von Gottes Gnade vergiftet waren«.

Delius hält für seinen Leser jedoch eine Überraschung bereit. Anders als in vielen anderen Büchern mit ähnlichem Grundansatz geht es dem Ich-Erzähler im Dorf, also außerhalb des Elternhauses, durchaus gut. Er mag die Leute, die einfachen Bauern mit ihrem derb-freundlichen Humor, hat schöne Erlebnisse und Freunde.

Als Sohn und Enkel im eigenen Haus musste ich stottern und bangen, als Kind des Dorfes litt ich nicht.

Friedrich Christian Delius: Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde

Geradezu brillant wird der Kirchgang geschildert. Hier darf ich selbst einmal einmischen, denn das Gefühl zwischen den dicken Kirchenmauern dem Schauspiel des Gottesdienstes mit gedankenfliegendem Interesse und einer gewissen inneren Wärme zu folgen, ohne selbst auch nur im Entferntesten an einen Gott zu glauben, ist mir aus meiner eigenen Kindheit vertraut. Genauso die alberne Fremdheit der Erzählungen, mit denen man im Schul- und Konfirmandenunterricht behelligt wurden.

Diese Bibelgeschichten erscheinen als eine elende, billige, schwer erträgliche und vor allem sterbenslangweilige Ausgeburt von mythengeschwängerter Einfalt, denn »anders als in Märchen siegte das Gute sofort«. Der Ich-Erzähler durchschaut die Masche, die den Religionsunterricht in jeder Form zur Tortur macht, denn man kann sich tatsächlich »nicht in den biblischen Geschichten und Deutungen verlieren wie in einem Buch, sie waren nur der sprachkräftige Ausschmuck einer Vorschrift«.

[…] wenn er das belebende Glück des Lesenden fühlte: im Text eines anderen so viel Eigenes zu finden, sogar auf der Sportseite.

Friedrich Christian Delius: Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde

Es geht auch anders, selbst in einer Zeitung – im Grunde genommen ein vernichtendes Urteil über die Bibel und ihre textauslegenden Apologeten. In diesem Motiv fängt Delius jeden Leser, möchte ich jedenfalls behaupten, denn diese Erzählung bietet mit ziemlicher Sicherheit jedem eine Möglichkeit zur Identifikation. Dieser kleine Satz reicht weit über die konkrete Situation hinaus ins Allgemeingültige.

Der Ich-Erzähler pöbelt dabei nicht gegen den »Foltergott«, sondern stellt ihn bloß, seine frommen Eltern und den frömmelnden Großvater gleich mit. Er attestiert Gott eine »Quällust« und fußt dieses dramatische Urteil auf der Geschichte von Abraham, dem dumpf-gehorsamen Erfüllungsgehilfen göttlichen Willens, und seines Sohnes Isaak, der geopfert werden soll – ein blutiges Treue-Spektakel des angeblich gütigen Gottes.

An dieser Stelle bleibt der gedankliche Sprung neun Jahre von der Handlungszeit zurück nicht aus, als der blutigste Krieg der Menschheitsgeschichte endete, ausgetragen von Heerscharen treuer Erfüllungsgehilfen, die weite Teile Europa in Bloodlands verwandelten. Delius spart diesen Part keineswegs aus, lässt jedoch bei der Gelegenheit seinen bissigen Humor von der Leine.

In vielen guten Stuben nistete etwas Dunkles und Dumpfes, […] immer stand da ein gefallener Sohn oder Vater oder Bruder in einer peinlich gewordenen Uniform gerahmt auf einem Häkeldeckchen und schaute den Hinterbliebenen, Besuchern vorwurfsvoll auf den Streuselkuchen.

Friedrich Christian Delius: Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde

Und dann – endlich – rollt der Ball. Der Ich-Erzähler verfolgt das Endspiel vor dem Radio. Auch hier erhöht eigenes Erleben den Lesegenuss, denn wer einmal gegen Saisonende, als die Bayern der sterbenslangweiligen Dauermeisterschaft noch fern und letzte Spieltage hochspannend waren, die Konferenzschaltung im Radio verfolgen durfte, in andächtig stiller Gemeinschaft kaffeetrinkender Mitleidender, weiß um die Macht des Wortes ohne Bild.

Es ist ein Sog, der auch den Ich-Erzähler erfasst und mitten in das Spiel hineinzieht, mit ihm verschmelzen lässt. Das Geniale an Delius Erzählung ist die sprachlich-erzählerische Umsetzung, die bei einem im TV erlebten Spiel unmöglich wäre (bei einem Buch aber nicht). Originale Brocken, Sätze aus der Radio-Übertragung montiert der Autor mit dem Erleben des Hörers, seinen Assoziationen, Gedanken, Bildern, Hoffnungen, Ängsten usw.

Aus! Aus! Aus! – Aus! – Das Spiel ist aus! – Deutschland ist Weltmeister

Friedrich Christian Delius: Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde

Die Intensität ist ungeheuerlich, gerade weil man vor dem Radio nichts sieht, sondern die Gedanken unter dem Druck der Ereignisse ihre eigenen Bilder malen müssen.

Man erlebt hautnah mit, wie der Ich-Erzähler aus seiner Situation fortgetragen wird, hinaus aus dem Pfarrer-Arbeitszimmer, in dem die Bibel »schwarz wie ein Kindergrabstein« liegt und alles an den alltäglichen, unentrinnbaren Schrecken gemahnt, aus dem es kein Entkommen zu geben scheint. Bis der Foltergott Konkurrenz bekommt, von einem Götzen, der – sprachlich, rhetorisch – Teufel(-skerl) und (Fußball-)Gott zugleich ist und die Tür weit aufreißt für den großen Schritt der Emanzipation.

Ich fand von Minute zu Minute mehr Gefallen daran, einen heimlichen Gott, einen Fußballgott neben dem Herrgott zu haben. […] In diesen Minuten rückte ich ab von der dreieinigen Besatzungsmacht Gott, Jesus und Heiliger Geist […]

Friedrich Christian Delius: Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde

Die Erzählung spielt mit den christlichen und von der Alltagswelt gnadenlos übertragenen Begriffen. Das Wunder von Bern ist eben auch eine ganz wundervolle Gotteslästerung, in diesem Fall für die Lossagung einer gequälten Seele von seinen Peinigern. Von wegen: nur ein Spiel. Wer in der Gegenwart lebt, kann auf so ein Wunder lange warten, der FIFA-Fußball hat sich nicht erst mit der Vergabe der WM an den Wüstenstaat ins Abseits verdribbelt.

Wer wissen will, wohin das führt, kann Die Göttliche Komödie von Dante, insbesondere den ersten Teil, Inferno, zu Rate ziehen – da findet sich bestimmt ein passendes Plätzchen.

Man kann aber auch Delius Erzählung lesen und den Gedanken freien Lauf lassen, Erinnern oder Erträumen, einen Götterfunken-Moment im Stadion, etwa auf der Südtribüne des Westfalenstadions, wenn ganz am Ende, jenseits aller Hoffnung, wie aus dem Nichts zwei Treffer erzielt werden – und man emporgeschleudert wird inmitten eines gewaltigen Bebens, ein einziger wogender, donnernder, tobender Rausch.  

Friedrich Christian Delius: Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde
Erzählung
Taschenbuch 120 Seiten
rororo 9. Auflage 2011
ISBN 978 3 499 23659 4

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