Schriftsteller - Buchblogger

Schlagwort: Antisemitismus (Seite 1 von 2)

Tanja Maljartschuk: Gleich geht die Geschichte weiter, wir atmen nur aus

Essays aus den Jahren 2014 bis 2022, die dem Leser die Ukraine unter dem Eindruck der russischen Aggression näherbringen. Cover Kiwi, Bild mit Canva erstellt.

Essays gehören nicht zu meinen Lieblingstexten. Könnte ich behaupten, denn in meinem Bücherregal steht kein einziges Buch mit Essays. Dennoch ist das die Unwahrheit oder sagen wir: die halbe, denn ich lese seit Jahrzehnten mit einiger Regelmäßigkeit Versuche über irgendetwas. Überregionale Tageszeitungen und Wochenblätter haben im Feuilleton, manchmal auch im Wirtschaftsteil essayistische Texte, die ich wirklich gern und oft mit Gewinn lese.

Aber als Buch?

Der Angriffs- und Vernichtungskrieg von Putins Russland gegen die Ukraine hat dieses Land in den Fokus gerückt. Da ich schon seit zwei Jahrzehnten der Meinung bin, dieser Staat gehöre – anders als Russland – zu Europa, in die EU und Nato, und die politische Entwicklung verfolgt habe, lag es nahe, zum Jahrestag des Großangriffs etwas zu lesen. Romane aus der Ukraine kenne ich ein paar, um etwas anderes kennenzulernen, habe ich zu diesem Essay-Band (und einem Kriegs- und Fluchttagebuch) gegriffen.

Frieden ist eine Vorahnung der Katastrophe, nichts mehr.

Tanja Maljartschuk: Gleich geht die Geschichte weiter, wir atmen nur aus

Der Essayband versammelt eine Reihe recht kurzer Beiträge aus den Jahren 2014 bis 2022. Sie sind sehr persönlich gehalten und bringen dem Leser die Ukraine und ihre Menschen nahe. Das ist keine besonders angenehme Lektüre, sie ist von Tragik umwittert. Mich erinnert das etwas an Irland und vor allem an Kurdistan, ein Volk, das einfach negiert und umgedeutet wird, um ihm die Berechtigung einer Nation zu nehmen.

Die Essays reichen oft in das zwanzigste Jahrhundert und weiter zurück; Russland hat seit jeher blutige Kriege und Vernichtungsfeldzüge geführt, den unendlichen Grausamkeiten des Holodomor folgte der deutsche Vernichtungskrieg, ein langer Partisanen-Kampf nach 1945 gegen die Sowjets und schließlich eine Republik, die formal unabhängig, strukturell und mental sowjetische war. Wen wundert es, dass die Essays wenig Sonnenlicht bieten?

»Das Schlimmste am Kommunismus war ebendieser Zwang (oder die besten Bedingungen dafür) gewissenlos, ehrlos zu sein. Wer das nicht konnte, büßte schwer.«

Tanja Maljartschuk: Gleich geht die Geschichte weiter, wir atmen nur aus

Interessant ist, dass Nahebringen in diesem Fall eine verstärkte Fremdheit bedeutet. Die Lebenswelt und -wirklichkeit, die Maljartschuk in ihren Texten zum Leben erweckt, unterscheidet sich krass von dem, was man im gemütlich-demokratisch-freien Westen erlebt hat. Manche Sätze sind wie ein Beilschlag für antikapitalistische Träumer und (un-)heimliche Schwenker des Sowjetbanners.

Danach geht es weiter – man atmet aus.

Tanja Maljartschuk: Gleich geht die Geschichte weiter, wir atmen nur aus
Kiwi 2022
HC 176 Seiten
ISBN: 978-3-462-00462-5

Volker Kutscher: Die Akte Vaterland

Ein schönes, stimmungsvolles Cover, mit dem Haus Vaterland, gelungen wie der ganze Roman. Cover Kiepenheuer und Witsch, Bild mit Canva erstellt.

Buchreihen sollten sich steigern. Volker Kutscher ist das mit seiner Reihe um Gereon Rath gelungen. Der vierte Band, Die Akte Vaterland, in der Reihe um den in Berlin tätigen Kommissar hat mir deutlich besser gefallen als die ohnehin guten Vorgänger. Das liegt an der größeren Vielschichtigkeit, sowohl der Handlungsstränge als auch der Themen. Die Handlung setzt im Sommer 1932 ein, die Weimarer Republik lauscht dem Lied vom Tod.

Rath, der Unpolitische, wird Zeuge von tiefgreifenden Veränderungen. Die Regierung Brüning ist gestürzt und ersetzt durch eine unter der Leitung von Papens. Die SA, Hitlers braungewandete Schlägerbande, terrorisiert wieder die Straßen, die Gewalt, die durch das zeitweilige Verbot unter Brüning eingedämmt wurde, schwillt wieder an. Für die Polizei eine zusätzliche Belastung – doch ist schon spürbar, wie die braune Gülle auch in deren Reihen eindringt.

Kutscher verknüpft auf ganz wunderbare Weise die veränderte Stimmungslage mit dem Fall, der Rath beschäftigt. Dieser wehrt sich nach Kräften, sich mit den politischen Verhältnissen auch nur zu beschäftigen, doch die Morde, denen er nachzugehen hat, sind mit Nationalismus, Rassismus und völkischem Gepöbel eng verwoben. Die Wurzeln und Motive der Tat, die nach und nach aufgedeckt werden, reichen in die Vergangenheit, in die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, den blutigen Wirren im Osten.

Ganz nebenbei erfährt der Leser einiges über die – in der Rückschau – kaum fassbaren Verhältnisse dieser Zeit. Rath muss Berlin verlassen und seine Ermittlungen in Ostpreußen durchführen, genauer gesagt im Grenzbereich zu Polen. Vor Ort wird er mit der heiklen Wirklichkeit konfrontiert, die in einer unerschütterlichen Treue zu Preußen und dem Reich etwa der masurischen Bevölkerung besteht – die trotz ihrer eher dem Polnischen zuneigenden Sprache klar pro-deutsch eingestellt sind.

Sie glauben nicht, wer sich alles in diesem Land unter Preußens Krone eingefunden hat im Laufe der Jahrhunderte: Deutsche, Franzosen, Holländer, Schlesier, Litauer, Juden und natürlich Polen. Und alle verstehen sie sich als Preußen.

Volker Kutscher: Die Akte Vaterland

Politische Agitatoren nutzen dies aus, schüren den Hass auf die polnischen Nachbarn, gestützt auf braun-uniformierte Schlägertrupps wird jedem Andersdenkenden zugesetzt. Ein Verhalten, das bereits Tradition besitzt, verändert haben sich die Äußerlichkeiten und der verschärfte Revanchismus. Kutscher hat diese Dinge geschickt in die Aufdeckung des Falles eingeflochten, der Leser wird – wie Rath – damit konfrontiert, ohne das Gefühl zu haben, im Geschichtsunterricht zu sitzen.

Was mir besonders gefällt, ist die Figur des Kommissars Gereon Rath, der neben Ecken und Kanten eben auch ganz unverkennbare Schatten in seiner Persönlichkeit hat. Er mag die Braunhemden nicht, ist aber nicht unbedingt ein erklärter oder gar aktiver Demokrat; er liebt seine Charlotte Ritter, bricht jedoch sein Wort und verhält sich in einer Weise, zeitgemäß mit viel Patina bedeckt ist, etwa in seiner ritterlichen Attitüde. Kein einfach gestrickter Held, mir umso lieber. Und so freue ich mich auf den fünften Teil.

Ein kleiner Lese-Tipp noch: Harald Jähners Höhenrausch ist ein perfekter Begleiter für die ersten Teile der Krimireihe von Volker Kutscher. Das Haus Vaterland spielt dort – wie vieles andere – auch eine Rolle, vor allem aber erfährt der Leser eine Menge über Stimmungen, Mentalitäten, Rollen und deren Entwicklung während der Weimarer Republik.

Volker Kutscher: Die Akte Vaterland
Kiwi-TB 2014
576 Seiten
ISBN: 978-3-462-04646-5

Harold Nebenzahl: Café Berlin

Ein leicht lesbarer, niemals langweiliger, ungeheuer farbiger und unterhaltsamer Roman. Cover: Kein & Aber Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Ja, der Titel: Wie konnte ich daran vorbeigehen? Gar nicht, zum Glück, denn der Roman Café Berlin von Harold Nebenzahl ist ein wunderbar leicht zu lesender, äußerst unterhaltsamer, dabei keineswegs flacher Ausflug in eine Zeit, die so modern gewesen ist und es nicht blieb, sondern in die Finsternis einer unfassbaren Barbarei mündete.

Von der ersten Seite an wird die Erzählung an diesen beiden Enden aufgespannt, denn der Erzähler sitzt Ende 1943 in Berlin im Versteck in einer Dachkammer und wird durch eine treue Seele namens Lohmann am Leben gehalten. Aus dieser Lage berichtet er von seiner Vergangenheit – die es in sich hat. Denn Nebenzahl spannt seine Erzählung noch weiter auf.

Ich bin es leid, bin alles Leid. Mir tun die Knochen und auch die Seele weh.

Harold Nebenzahl: Café Berlin

Die Hauptfigur stammt aus Syrien. Ein Jude aus Syrien? Heute undenkbar. Wie wir aber im Roman erfahren, hatten jüdische Bewohner der Region unter den Briten und Franzosen nach dem Ersten Weltkrieg dank ihrer höheren Bildung wichtige Posten in der Verwaltung inne, was zum Hass durch die Araber beitrug. Sie galten als Handlanger der Ausländer.

Eine bemerkenswerte Parallele zu der Judenfeindlichkeit in Osteuropa, denen dort im Vorfeld des Zweiten Weltkrieges Kooperation mit den Unterdrückern aus der Sowjetunion vorgeworfen wurde. Im Nahen Osten endetet das Dasein als Minderheit jüdischen Glaubens in diesen Regionen, jene, die gern vom Apartheidsstaat Israel schwadronieren, sollte sich das vor Augen führen.

In Berlin ist er im Showgeschäft tätig. Er betreibt einen Club namens Kaukasus, der seinen Gästen exotisch-erotische Shows bietet, bis weit in den Krieg hinein. Zu diesem Zeitpunkt hat sich aber das Programm geändert, wie auch das Publikum, es ist ein Spiegel der gesellschaftlichen Entwicklung, in der Vielfalt zunächst begrüßt und dann abgelehnt wurde.

Nebenbei bekommt der Erzähler Kontakt zur SS, die nicht weiß, dass er Jude ist. Seine Tarnung als Spanier hält vergleichsweise lange, sie ermöglicht – oder sagen wir besser: zwingt ihn, sich nolens volens in Widerstandsaktionen verwicken zu lassen.

Ich vertiefte mich in das Gewirr feindseliger Frakturschriftzeichen.

Harold Nebenzahl: Café Berlin

Nebenzahl lässt seinen Helden in einer Episode eine geheime Unternehmung nach Bosnien ausführen, die nicht nur geographisch aus dem Rahmen fällt. Hier kommt tatsächlich einmal actionnahe Spannung auf, denn es geht um ein Widerstandsunternehmen in Bosnien gegen die Nazi-Pläne, eine muslimische SS-Division namens Handschar (die gab es wirklich) aufzustellen.

Es ist nur ein Nebenschauplatz in diesem weltumspannenden Gemetzel, der Protagonist ist alles mögliche, nur kein Untergrundkämpfer im eigentlichen Sinne; seine Sichtweise macht die Episode aber sehr wertvoll, denn sie unterstreicht noch einmal den blutdurchtränkten Boden, auf dem der Hass im zerfallenden Jugoslawien Anfang der 1990er Jahre blühen konnte.

Café Berlin ist vom ersten Augenblick an spannend, auch wenn die meisten Passagen des Buches fern von augenscheinlicher Action sind. Die fortlaufende Todesdrohung, der sich die Hauptperson in seinem Versteck ausgesetzt sieht, reicht völlig aus.

Lohmann hatte der Weltschmerz gepackt, eine Sonderform von teutonischer Schwermut.

Harold Nebenzahl: Café Berlin

Zwei Dinge haben mich besonders berührt. Zum einen eine Textstelle, bei der es heißt, man habe ich auf »neutralem Boden« getroffen, nämlich: »bei den Sechstagerennen, den Boxkämpfen und Fußballspielen.« Klingt gewöhnlich, ist es aber nicht – wenn man das wunderbare Buch Höhenrausch von Harald Jähner gelesen hat.

Dort erfährt man nämlich über die zarten Anfänge des Fußballs, der gesellschaftlichen Bedeutung der Sechstagerennen (und was eigentlich dahintersteckt) und vor allem die in mehrfacher Hinsicht für die gesamte Weimarer Republik bedeutsamen Boxkämpfe. Berthold Brecht hatte nicht umsonst einen Punching-Ball neben dem Schreibtisch, und er war nicht der Einzige.

Das zweite betrifft das Ende des Buches. Der Protagonist erlebt die letzte Aprilwoche 1945 in Berlin – die Rote Armee malmt durch die Stadt Richtung Reichskanzlei. Ich kenne Erzählungen über diese Tage aus einer anderen Perspektive, meinem Großvater, der in Berlin im Mai in sowjetische Kriegsgefangenschaft geriet ist. Es war sehr eindrücklich, das Gehörte abermals zu erfahren, gespiegelt in einer ganz anderen Sichtweise.

Wie bei allen Romanen dieser Art steht der Verlust im Zentrum. Als Leser habe ich ihn empfunden, den Verlust, den die Nazizeit für Deutschland und seine Einwohner, Europa und die Zukunft, die meine Vergangenheit und Gegenwart gewesen ist.

Harold Nebenzahl: Café Berlin
Aus dem Amerikanischen von Gertraude Krueger
Kein&Aber Taschenbuch
2019
Original 1992
415 Seiten

Harald Jähner: Höhenrausch

Was für ein tolles Sachbuch über die Weimarer Republik! Sprachlich ein Genuss, inhaltlich bereichernd und alles in allem eine Warnung. Cover Rowohlt. Bild mit Canva erstellt.

Geschichtsbücher müssen nicht dröge sein, ganz im Gegenteil: Höhenrausch von Harald Jähner erzählt von der Weimarer Republik in einer Weise, die gerade für Nicht-Historiker einen verständlichen und vor allem perspektivisch ebenso interessanten wie neuen Zugang bietet. Statt Zahlgewitter, detaillierte Schilderungen von machtpolitischen Winkelzügen und Strategien, bietet Jähner seinen Lesern vor allem gesellschaftliche Entwicklungen.

Ich habe das Buch genossen, auch aus boshaften Motiven. Als ehemaliger Beinahe-Lehrer mit Fach Geschichte malte ich mir beim Hören aus, wie die Magensäfte meines mit ganz besonderer Hochachtung geschätzten Fachleiters die Speiseröhre hinaufsteigen würden, eine Art Fieberthermometer der Abneigung, bestünde eine realistische Möglichkeit, dass diese Person je einen Blick in dieses Buch würfe.

Die Generation Schülerquäler, die so viel Wert auf gehrocksteife Historiographie legt, wird dieses Buch hassen. Es dreht sich um schockierende Dinge wie Sex, Frauen, Drogen, Mentalitäten, gesellschaftliche Entwicklungen, das Nebeneinander bzw. die Gleichzeitigkeit von einander ausschließenden Strömungen, Architektur, Kunst, Gleichberechtigung – ja, eine Moderne, die in mancher Form ein unscharfer, grobkörniger Spiegel der Gegenwart ist.

Kleinanzeigenmärkte sind ein guter Spiegel gesellschaftlicher Chancen und Nöte.

Harald Jähner: Höhenrausch

Jähners Buch liefert ein paar Antworten auf Fragen, die ich mir bereits gestellt habe oder hätte stellen müssen. Ein ganz wichtiges, immer nur randständig betrachtetes Kapitel sind die Freikorps. Jähner widmet diesen mindestens 365 Gewalthaufen (»für jeden Tag des Jahres eines«), die einen unheimlichen und dramatisch negativen Einfluss auf die Geschichte der Weimarer Republik hatten, den nötigen Raum.

Wann immer man mit Linken zu tun hat, die etwas auf ihre literarische Bildung setzen, wird Erich Maria Remarques Im Westen nichts Neues hervorgekramt, meist ein kleines Zitat vorgetragen und dem Weltkriegsroman In Stahlgewittern von Ernst Jünger entgegengestellt. Hüben ein Antikriegsroman, drüben der Kriegsverherrlicher. Selbstverständlich zitiert auch Jähner aus beiden Werken und nennt nicht nur das Trennende, sondern auch das Gemeinsame, das im Schwarz-Weiß schnell verloren geht.

Neben der großen Zahl an deutschen Soldaten, die froh waren, als der Krieg zuende ging, gab es eben auch jene Minderheit, die mit dem abrupten Ende der Kampfhandlungen nicht einverstanden war. Die Freikorps haben nicht nur in den bürgerkriegsartigen Kämpfen im Reich selbst gefochten, sondern auch im Osten – gegen die Rote Armee, Polen, Tschechen und wer ihnen sonst noch in den Weg kam.

Niemand hat sie dazu gezwungen. Vielleicht ist das Unbehagen darüber, dass eben nicht alle den Krieg als Schrecken erlebten und Zeitgenossen wie Ernst Jünger keineswegs nur Verspinnerte waren, ein Grund dafür, warum die Freikorps oft übersehen werden. Dabei waren sie in vielfacher Hinsicht verhängnisvoll für die Weimarer Republik, wie Jähner ausführt, politisch und gesellschaftlich, etwa durch ihre groteske Frauenfeindlichkeit.

Die Maschinensäle der Bürokratie waren die modernen Galeeren des Warenverkehrs.

Harald Jähner: Höhenrausch

Ganz groß ist das Kapitel über die Inflation. Mit Sicherheit ist vielen Lesern überhaupt nicht klar, was eine Inflation überhaupt ist, woher sie kommt, wie sie befeuert wird und wie sie wieder enden kann. Das war 1923 auch der Fall. Jähner lässt sich die Gelegenheit nicht entgehen, schildert die unheimliche Zunahme der Geldmenge während des Ersten Weltkrieges, als jede kämpfende Macht riesige Schulden anhäufte und davon ausging, dass der (unterlegene) Kriegsgegner die Rechnung begleichen werde.

Er spart den allzu üppigen Fortgang der Gelddruckerei nicht aus, verknüpft geschickt diese naive Geldpolitik mit politischen Entscheidungen (Verschleppung der Reparationszahlungen – Ruhrbesetzung – Generalstreik) und politischen Morden (Rathenau) und ihren verheerenden Auswirkungen auf das Ausland, und führt dem Leser vor, wie aus diesen Zutaten ein Schierlingsbecher gemixt wurde, der das Reich Richtung Abgrund steuerte.

Den Deutschen mochte dabei Hören und Sehen vergehen, nicht aber das Rechnen. Nie wieder wurde das Rechnen im Zahlenraum mit zwölf Nullen so virtuos beherrscht wie im Herbst 1923.

Harald Jähner: Höhenrausch

Nicht die Arbeiter, nicht die Arbeitslosen haben Hitler gewählt, sondern die Angehörigen der Mittelschicht; die haben die Hyperinflation 1923 als doppeltes Armageddon erlebt: Die Sparguthaben lösten sich in Luft auf, während die Mieteinnahmen (Mietpreisbremse) als zweite Einnahmequelle wegfielen und Wohlstand in wenigen Monaten in Verelendung mündete.  Für die gesamte Schuld, die der deutsche Staat bei seinen Bürgern in der Kreide stand (98 Mrd. Mark), bekam man 1923 noch einen Sack Kartoffeln.

Es gab natürlich keinen Automatismus Richtung Hitler. Der hätte auch Ende 1932 nicht Reichskanzler werden müssen, eine Alternative war da. Auch die Inflation von 1923 hat nur den Boden bereitet, die Sparpolitik danach trotz Wachstum auch, denn die hat die Kommunisten beflügelt, deren stalinhörige Verbohrtheit den Widerstand gegen Hitler massiv erschwerte.

Ganz besonders bringen aber noch andere Dinge Saiten beim Leser in Schwingen, wie etwa die ideologische Spaltung. Wenn Jähner sich – glücklicherweise – recht lange über die Streitfrage der Hausdächer (!) auslässt, die von den Zeitgenossen ohne Scham als jüdisch, afrikanisch, indianisch (flach) oder völkisch-nazistisch (spitz) diffamiert oder überhöht wurden, wird klar, dass die Gesellschaft in Teilen eine Grenze überschritten hatte, die einen Ausgleich zwischen den verfeindeten Rändern unmöglich machte.

Ebert, den im Amt Anerkennung nur als Notration gewährt worden war, erhielt sie posthum im Überschuss.

Harald Jähner: Höhenrausch

Besonders deprimierend ist der Schlussteil des Buches, das den Untergang der Weimarer Republik beschreibt. Jähner zeigt den Stimmungswandel, der den verheerenden politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fehlentscheidungen nach dem Zusammenbruch der Börsen Ende 1929 einherging. Es geht nahe, wie sich die Ansichten wandelten, Dinge, die zunächst positiv wahrgenommen wurden, plötzlich als Teufelswerk galten.

Wunderbar, wie Jähner versucht, die Gleichzeitigkeit von beeindruckenden positiven Dingen darzulegen – Nobelpreise, Erfindungen, Erfolgswellen wie das Jojo, wirtschaftliche Trendbrecher, die jedoch nicht reichten, den Ozean der Dunkelheit aufzuhellen.

Ganz kalt wird es etwa mit Blick auf George Grosz, der sich im Ersten Weltkrieg einen englisch klingenden Namen zulegte, die Nazis hasste, die Kommunisten dank einschlägiger Erfahrungen gleichermaßen und dennoch Anfang der 1930er plötzlich völkisch-deutschtümelnde Töne spuckte.

Es bleibt ein großes Fazit: Nichts ist sicher. Nichts. Nie.

Harald Jähner: Höhenrausch
Rowohlt 1922
Gebunden 560 Seiten
ISBN: 978-3-7371-0081-6

Anachronistisches Echo

Es ist ein stilistisches Mittel, um einen inhaltlichen Apsekt massiv zu verstärken, eine Art literarischer Katalysator. Bild mit Canva erstellt.

Der Roman Sand von Wolfgang Herrndorf enthält eine Passage, die auf mich wie ein Echo auf den Mehrfach-Terroranschlag vom 11. September 2001 und die folgenden Jahre wirkt, in denen die USA in ihrem »Krieg gegen den Terror« einen sehr dunklen Pfad beschritten haben: Abu Ghraib, Guantanamo, Geheimgefängnisse etc. Im Roman schlägt sich das nieder – allerdings 1972. Zu dieser Zeit spielt der Roman, fast dreißig Jahre vor 9/11. 

Ein Echo ist normalerweise Folge von etwas. Das muss keineswegs im wörtlichen Sinne sein, nämlich dem Wiederhall eines Lautes an einem bestimmten Ort, zum Beispiel in den Bergen. Der Begriff des Echos wird im übertragenen Sinne verwandt, wenn zum Beispiel in einem Raum jemand spricht und gleichzeitig ein anderer leise dazwischen- oder gegenredet. »Haben wir ein Echo hier im Raum?« Der Bezug ist die zeitliche Folge und der Charakter des sich abschwächenden Tons. Durch die beißend ironische Frage wundervoll herabsetzend und verletzend eingesetzt.

Immer wenn ich Wagner höre, spüre ich den inneren Drang, in Polen einmarschieren zu müssen.

Woody Allen

Das Zitat von Woody Allen ist auch eine Art Echo, das bereits ein anachronistisches Element enthält. Zunächst echot es die Vorliebe der Nationalsozialisten für eine dumpf-deutsche germanisch-tümelnde Auslegung des Ring-Zyklus. Herfried Münkler hat in Die Deutschen und ihre Mythen völlig zurecht darauf hingewiesen, dass die Deutschen sich ausgerechnet einen Nationalmythos angeschafft haben, der im Untergang endet. 1945 wurde aus Mythos Realität.

Da das nationalsozialistische Deutschland tatsächlich in Polen einmarschiert ist, was nicht nur den Beginn des Zweiten Weltkrieges sondern auch eines beispiellosen Vernichtungskrieges markiert, ist das Echo verständlich. Auf eine wunderbar boshafte und zugleich komische Weise nimmt Allen nicht nur die Nazis und ihre verquere Wagner-Vorliebe aufs Korn, sondern weist Wagner-Liebhaber in der Gegenwart auf die dunklen Flecken hin, die an der Rezeption der Musik haften.

Wichtig ist, dass es um die Rezeption der Musik geht, nicht um Wagner selbst. Der war zweifellos Antisemit, umstritten ist, ob sich das in seinem Werk widerspiegelt. Zumindest den Nazis dürfte es nicht schwergefallen sein, das für sie Wünschenswerte herausgehört zu haben. Allerdings kann man dem Schöpfer des Nibelungen-Ring-Zyklus nicht vorwerfen, er hätte in Polen einmarschieren wollen. Polen gab es zu seiner Lebenszeit als Nation nicht, entsprechend war ein Einmarsch im Sinne von 1939 unmöglich.

Wir sind die Good Guys!

Wolfgang Herrndorf: Sand

Der Autor Wolfgang Herrndorf geht einen Schritt weiter. Mir ist es wichtig, darauf hinzuweisen, das es sich um meine Rezeption des Buches Sand handelt, nicht um eine Intention des Schriftstellers. Diese ist mir unbekannt. Im einer sehr langen, erbarmungslosen Passage wird eine Person von US-Amerikanern und ihren Helfern gefoltert. Herrndorf ist bei dieser Schilderung absolut gnadenlos.

Er spielt mit den Facetten der Folter, lässt die Ausführenden ihrem Opfer sogar darlegen, welche wissenschaftlichen Arbeiten belegen, dass sie sehr wirksam ist. Sie nennen ihr Ziel, Millionen Menschen vor dem Tod (durch Weiterverbreitung von Nuklearwaffen) zu bewahren, also sind sie die »good guys«, ausgestattet mit Werkzeug und moralischer Berechtigung zur Folter.

Erbarmungslos lässt Herrndorf den Leser mit seiner Figur in dieser völlig aussichtslosen Lage leiden – ich will nicht zu viel spoilern, aber die Brutalität wird durch die Unschuld des Gefolterten ins Grenzenlose verstärkt. Die Folterer führen Statistik zu ihrer Rechtfertigung an: In 99 von Hundert Fällen wäre der Gefolterte schuldig, in einem Fall unschuldig, also wäre ihr Handeln auch mathematisch gerechtfertigt.

»Es ist eher hinzunehmen, dass ein Schuldiger freigesprochen, als dass ein Unschuldiger verurteilt wird.«

Voltaire

Das hebelt sämtliche Grundlagen eines Rechtsstaats aus und verkehrt auf zynische Weise Voltaires berühmtes Zitat ins Gegenteil: »Es ist eher hinzunehmen, dass ein Schuldiger freigesprochen, als dass ein Unschuldiger verurteilt wird.« Für die Rettung des Weltfriedens ist jedes Mittel recht, eine Linie, die mich sehr an die Zeit nach 9/11 erinnert hat.

Die Wirkung des »anachronistischen Echos« besteht darin, etwas aus dem gegenwärtigen, gewohnten und leicht als selbstverständlich wahrgenommenen Kontextes in einen anderen zu pressen und die Konturen zu schärfen. Es spielt dabei eine untergeordnete Rolle, ob dieser andere Kontext erfunden oder wirklich ist, wichtig ist die massiv vertärkende Wirkung durch das Echo. Es ist eine Art literarischer Katalysator.

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