Schreiben - Lektorieren

Schlagwort: Dystopie

Phillip P. Peterson: Vakuum

Ich werde einen Teufel tun, und spoilern. Nichts werde ich verraten, auch wenn das eine Rezension ungemein erschwert. Stattdessen ergehe ich mich in Andeutungen, die boshaft als „Herumeiern“ ausgelegt werden könnten. Die Stimmung, die sich ab der ersten Seite des Romans entfaltet, möchte ich nicht durch Vorgriffe abschwächen. Auf zum Eiertanz!

Science Fiction lese ich zur Unterhaltung. Zuvörderst jedenfalls. Ganz sicher lese ich das Genre nicht mit Blick auf die sachliche Richtigkeit der dargestellten Phänomene, dafür verstehe ich selbst viel zu wenig von der Materie. Info-Dump ist mir ein Gräuel, Passagen, in denen der Leser mit ellenlangen Erklärungen und Lösungsansätzen traktiert wird, verderben mir die Laune. »Der Marsianer« von Andy Weir hat mich passagenweise ordentlich gequält, obwohl die eigentliche Geschichte wirklich toll war – und ist.

»Auf die Mayflower! Möge sie von Flauten, Ratten und Klabautermännern verschont bleiben!«

Phillip P. Peterson: Vakuum

Phillip P. Peterson macht es mit seinem Roman „Vakuum“ besser. Es ist der zweite, den ich von dem Autor lese, und sicher nicht der letzte. Schon »Universum« hat mir gut gefallen, ein kleines Kammerspiel in den Unendlichkeiten von Zeit und Raum. Beiden Büchern ist gemein, dass sie den Leser bezüglich der physikalischen Phänomene mitnehmen, ohne allzu viel ermüdenden Infodump zu betreiben.

Peterson schafft es, die Figuren auf eine verständliche und sinnvolle Weise untereinander über die Hintergründe sprechen zu lassen und so den (unwissenden) Leser zu informieren. Das klingt einfacher als es oft ist, sonst würden nicht so viele Schriftsteller die so genannte Vierte Wand zum Publikum durchbrechen: Das geschieht, wenn zum Beispiel ein Physiker einem anderen etwas erklärt, was dieser berufsbedingt ganz sicher weiß – die Info ist auch nicht für ihn, sondern für den Leser bestimmt.

In „Vakuum“ erläutern die Experten in handlichen Häppchen den Laien, worum es geht: Wissenschaftler, Militärs, Astronauten usw. Der Leser kann relativ leicht folgen, was für die Handlung natürlich vorteilhaft ist, weil man nicht nur weiß, dass die Erde und seiner Einwohner bedroht sind, sondern auch wie und welche Dinge daraus folgen. Der Spannung hilft das auf die Sprünge.

»Was wäre in der Zukunft alles möglich gewesen, wenn die Erde eine Zukunft gehabt hätte!«

Phillip P. Peterson: Vakuum

Wirklich lesenswert finde ich den Roman nicht nur wegen der Handlungsspannung, sondern weil einige grundlegende Fragen aufgeworfen werden und die Figuren, insbesondere Astronaut Colin Curtis, sich mit moralischen Entscheidungen konfrontiert sehen, auf die sie Antworten finden müssen, die nicht Büchern zu entnehmen sind. Denn die Lage auf der Erde ist eine nahezu undenkbare Ausnahme.

Schon in den ersten Kapiteln wird klar, dass etwas heranrauscht. Peterson hat seinen Roman konsequent multiperspektivisch angelegt, zwischen den hin- und herspringenden Sichten entwickelt sich um das Kernthema eine immense Dynamik, die keineswegs auf das Problem beschränkt ist, sondern politische, soziale und durchaus aktuelle Fragen (z.B. Sterbehilfe, künstliche Ernährung) streift.

Manche dieser Fragen werden etwas holzschnittartig abgehandelt, was in diesem Rahmen leicht verträglich ist, handelt es sich bei »Vakuum« nicht um eine verkappte Sozialstudie. Aber der Roman verlässt die gewöhnlichen Pfade – ohne zu spoilern belasse ich es inhaltlich bei diesem Hinweis.

»Heute ist der Tag, an dem die Zivilisation endet.«

Phillip P. Peterson: Vakuum

Strukturell bricht er mit einem Handlungsstrang nicht nur Zeit und Raum auf, sondern auch das Genre. Der Leser sieht sich mit einer Perspektive konfrontiert, die lange Zeit nichts mit den anderen zu tun zu haben scheint, ehe irgendwann klar wird, dass beide doch miteinander zusammenhängen. Aus diesem Kniff entsteht eine weitere, über den ganzen Roman hinweg tragende Grundspannung, wie ein Generalbass, denn diese zweite Erzählebene wirkt dystopisch.

Im ersten Moment glaubt man sich zu einem Naturvolk verschlagen, ehe sich peu á peu der Eindruck einer postapokalyptischen Welt herausschält. Etwas scheint schiefgegangen und die Frage, was das gewesen sein könnte, hängt mit den Lösungsansätzen auf der ersten, hauptsächlichen Erzählebene zusammen. Verwirrung komplett? Prima. Denn um das wirklich zu begreifen, muss man den Roman lesen oder hören.

Dann bieten sich eine Reihe von Möglichkeiten, darüber nachzudenken, ob man die Darstellung menschlichen Verhaltens durch die Autor glaubwürdig oder zu optimistisch (vielleicht auch zu pessimistisch?) hält. Wenn Menschen in Extremsituationen gezwungen werden, Entscheidungen zu treffen, die unter gewöhnlichen Umständen moralisch untragbar wären, sind sie durch die Umstände gerechtfertigt?

Die endgültige Frage lautet: Gibt es eine Hoffnung? Ist sie berechtigt? Durch die beiden Handlungsebenen wird sie noch tiefgreifender gestellt, als es möglich gewesen wäre, wenn Peterson sein »Vakuum« nur auf einer angesiedelt hätte. Famose Unterhaltung mit der Möglichkeit des Tiefgangs in den Grenzen von Science Fiction.

Hervé Le Tellier: Die Anomalie

Zu Beginn des Romans blickt der Leser in eine Art zerbrochenen Spiegel: Die Scherben zeigen den schmalen Ausschnitt eines Lebens, zunächst einer Person, die ihren Weg als professioneller Killer geht. Das überrascht, klingt dieser Auftritt doch mehr nach einem Thriller als nach dem Werk eines Prix Goncourt Preisträgers.

Es bleibt nicht bei einer Scherbe, eine ganze Reihe von menschlichen Daseinsformen wird ausgebreitet. Naturgemäß ist dieser Romanabschnitt eine nahezu plotfreie Zone, was manchen Leser erschöpft, einige zum Aufgeben zwingt. Und doch ist es nötig für das Vorhaben von Hervé Le Tellier, der mit diesem bunten Strauß eine erzählerische Reise antritt, die eine enorme Flughöhe erreicht.

Man muss dem Roman „Die Anomalie“ entsprechend Zeit geben.

Die Spiegel-Scherben-Personen haben nämlich eine Gemeinsamkeit: Sie fliegen mit einem Air France Flieger von Europa in die USA. Unterwegs gerät die Maschine in ein dramatisches Unwetter und dadurch geschieht etwas absolut Unglaubliches, worüber die Käufer des Buches schon durch den Klappentext informiert werden: Der Flieger erreicht die USA zweimal mit einem Zeitabstand von mehrere Monaten.

Klappentext verringert Schockwirkung

Voilà! Die Kulisse für eine atemberaubende Geschichte ist aufgestellt. Durch die geschickte Strukturierung seiner Erzählung gelingt es dem Autor, den Leser einige Zeit an der Nase herumzuführen, trotz des stark spoilernden Klappentextes. Es ist fast ein wenig schade, dass dieser so gefasst wurde – die Wirkung ohne diese Vorabinformation würde eine gewaltige Wucht entfalten.

Doch auch so lässt Le Tellier sein Publikum erschaudern. Die lakonische, detailreiche, dabei zu keinem Zeitpunkt barock-überladen wirkende Erzählweise lässt niemanden entkommen, der sich durch das fast stehende Gewässer am Anfang hindurchgekämpft hat. Die Personen des zerbrochenen Spiegels verbindet nämlich, dass sie in diesem Flugzeug saßen und nun fast alle zweimal auf Erden weilen.

Platzierte Hiebe in alle Richtungen

Was auf den ersten Blick wie Science Fiction wirkt und durchaus mit Action hätte ausgeführt werden können, ist vielmehr ein multiperspektivisches Kammerspiel mit Niveau. Le Tellier lässt es sich nicht nehmen, Hiebe auszuteilen, die einen zeitkritischen Charakter haben: Trump, Frankreich, Nachrichtendienste, nerdige Wissenschaftler, Soziale Medien, US-TV-Show, fanatische Christen werden mit einer feinsinnigen Gnadenlosigkeit seziert.

Und im Herzen dieses endlosen Brandes, der Amerika seit jeher verzehrt, in diesem Krieg, den die Finsternis gegen den Verstand führt, in dem die Vernunft Schritt für Schritt vor der Ignoranz und dem Irrationalen zurückweicht, legt Jacob Adams die dunkle Rüstung seiner primitiven wie absoluten Hoffnung an.

Hervé Le Tellier: Anomalie

Vor diesem Hintergrund erleben die Protagonisten ihr Schicksal, der Leser folgt ihren Versuchen, mit dem Undenkbaren fertigzuwerden. An manchen Stellen ist der Roman ungeheuer komisch, an anderen von bitterböser Klarheit und das Echo eines Pessimismus, das die Überlebensfähigkeit der Menschheit infrage stellt.

Eine Warnung

Und ja. Insofern ist es ein Science Fiction. Immer schon waren Autoren des Genres darauf bedacht, Warnungen zu verbreiten. Diese Fingerzeige kamen oft in düsterem Gewand der Dystopie daher. Die „Anomalie“ ist überwiegend heiter, grotesk, witzig, aber auch brutal, grausam und niederschmetternd. Und sie trifft tief, wenn dem Leser klar wird, dass er tatsächlich in einen Spiegel schaut, den seiner eigenen Existenz.

Ein wundervolles, großartiges Buch. Es passt sehr gut zu den bisherigen Erfahrungen, die ich mit Prix Goncourt-Preisträgern gemacht habe. Dabei enthält es Bestandteile, die ich überhaupt nicht mag. Bücher mit einem Titel, der im Buch selbst als Buchtitel vorkommt, schrecken mich gewöhnlich ab. In diesem Fall habe ich das sehr gern inkauf genommen.

Auf den Roman bin ich zuerst durch einen Blog-Beitrag auf rezensionsnerdista.de aufmerksam geworden. Eine weitere Buchvorstellung mit einem etwas anderen Blick auf das Buch gibt es auf dem sehr schönen Blog Horatio-Bücher.

Michel Houellebecq: Unterwerfung

Michel Houllebecq lenkt in seinem Roman Unterwerfung den Blick des Lesers bewusst auf das Genital seiner Hauptfigur. Es muss ihm klargewesen sein, dass dieser Umstand zu heftigen Reaktionen führen würde. Und tatsächlich sind viele ablehnende Rückmeldungen gleichfalls darauf gerichtet und entsprechend in empörtem, ablehendem Tonfall vorgetragen.

Und dann sind da noch jene Zeitgenossen, die das Buch zwar nicht gelesen haben, vorauseilend jedoch Rassismus und Islamophobie wittern. „Ist dieses Buch rassistisch? Ich habe es nicht gelesen, aber die Beschreibung erscheint mir sehr islamophob.“ (Im Deutschen bisweilen auch mit islamfeindlich synonym gebraucht.)

„Est-ce livre raciste? Je l’ai pas lu, mais la description se sent très islamophobe!“

Goodreads


Wenn noch etwas darüber hinaus mokiert wird, dann die philosophischen „Abschweifungen„, die als Sumpf empfunden werden, in denen der Leser stecken bliebe und vor Langeweile umkäme. Diese Empfindung lässt sich nachvollziehen. Allerdings wirkt dieser Umstand vom Autor bewusst konstruiert, denn der Protagonist äußert sich maniriert und selbstgefällig, mit der intellektuelle Spitzmündigkeit des Hochschullehrers.

Unter diesen inhaltlichen Schichten (und noch einigen anderen) liegen die Bomben versteckt, die im Laufe der – sich nicht gerade überstürzenden – Handlung peu á peu hochgehen. Tatsächlich nimmt Houellebecq so viele Ziele aufs Korn, dass es wundert, wie oberflächlich die Kritik an dem Buch bisweilen bleibt. Und nein: der von vielen beschworene kulturelle Clash zwischen Islam und Christentum steht eigentlich nicht im Zentrum.

Ostentative Frauenfeindlichkeit

Die Frauenfeindlichkeit der Hauptperson, des Professors François, ist derart offensiv dargestellt, dass man sie eher für ein provokatives Aushängeschild halten kann, dessen grelle Lichter das eigentliche Thema bei flüchtiger oder wutentbrannter Lektüre überstrahlen. Ohne Frage ist der Protagonist eine fürchterliche Figur, dessen emotionales und soziales Scheitern durch seinen bequemen Posten und Sex wattiert ist.

Houellebecqs Held weiß um die eigene Bedeutungslosigkeit, auch die seines Faches bzw. des gesamten geisteswissenschaftlichen Apparates, der – im Gegensatz zu anderen Fachtrichtungen – nach Ansicht François´ nur zum Selbsterhalt existiere. Starke Worte, die in diesem Segment bestimmt außerordentlich gern gehört bzw. gelesen werden.

Gutbezahlt bei geringem Arbeitsaufwand, den Job wie ein degenerierter Adeliger vor allem als Jagdgrund auf Studentinnen nutzend, die sich nach einem Semester turnusmäßig verabschieden: Die Geisteswissenschaften, die sich gern als Schild von Kultur, demokratischen Errungenschaften und Hort aufgeklärten Fortschritts empfinden, treten dem Leser in einer heruntergekommenen, sich selbst karikierenden Figur entgegen.

Der aber äußerst in seinem selbstgefälligen Tonfall ebenso scharfäugige wie unangenehme Beobachtungen:

Sehr viele Intellektuelle hatten im Laufe des 20. Jahrhunderst Stalin, Mao oder Pol Pot unterstützt, ohne dass ihnen das jemals ernsthaft zum Vorwurf gemacht worden war. Der Intellektuelle in Frankreich musste nie verantwortlich sein; das lag nicht in seinem Wesen.

Michel Houellebecq: Unterwerfung


Das eigentlich Thema von Unterwerfung ist aber der extrem dünne Firnis der westlichen, säkularen, aufgeklärten, demokratischen Kultur, die so vielen so selbstverständlich erscheint und während weniger Monate wie ein Kartenhaus in sich zusammenstürzt und sich regelrecht auflöst. Angesichts der schonungslos vorgeführten Schwäche ihrer selbsternannten Verteidiger erscheint das nicht abwegig.

Für einige Augenblicke glaubt der Leser, der Roman könnte in ein wildes, umstürzlerisches Chaos abgleiten, doch diese Dystopie bleibt seltsam still. Und stürzt doch alles um. Wirklich alles, einschließlich des Selbstverständnisses vieler Leser.

© 2022 Schreibgewitter

Theme von Anders NorénHoch ↑

Cookie Consent mit Real Cookie Banner