Schriftsteller - Buchblogger

Autor: Alexander Preuße (Seite 19 von 60)

Émilie Aubry, Frank Tétart: Die Welt der Gegenwart.

Grundsätzlich ein sehr lobenswerter Ansatz, die für alle Menschen bedeutsame Geopolitik in einem kurzen, informativen und durch viele gute Karten anschaulichen Buch darzustellen. Leider gibt es einige problematische Passagen. Cover C.H. Beck Verlag, Bild mit Canva erstellt.

So bestimmt die Geopolitik mehr und mehr unser tägliches Leben, von der Pandemie über den Krieg in der Ukraine bis hin zum beschleunigten Klimawandel, und eine Serie von Krisen führt zu der Feststellung, dass im 21. Jahrhundert niemand die übrige Welt ausblenden kann.

Émilie Aubry, Frank Tétart: Die Welt der Gegenwart.

Angesichts der dramatischen Umwälzungen in den frühen 2020er Jahren, allein in Europa in Form von Covid-19, dem genozidalen russischen Angriffs- und Vernichtungskrieg gegen die Ukraine und dem Terrorangriff der Hamas auf Israel direkt spürbar, ist ein Atlas mit geopolitischem Schwerpunkt grundsätzlich ein sehr begrüßenswertes Vorhaben. Das gilt noch mehr, wenn ein globaler Ansatz verfolgt wird, denn die genannten Disruptionen sind nur ein Teil weltweiter Veränderungen, die fortschreitende Erderhitzung allen anderen vorangehend. Ausblenden lässt sich das alles nur noch mit einiger Mühe.

Die Welt der Gegenwart von Émilie Aubry und Frank Tétart nimmt sich dankenswerterweise vieler Perspektiven an, die auch Leser von großen, überregionalen Tageszeitungen nicht immerverfolgen können. Alle fünf Erdteile werden in den Blick genommen, es ist tatsächlich positiv, dass zum Beispiel Schweden und Polen in Europa oder nicht ganz so oft im Fokus stehende Länder wie Äthiopien oder Australien mit ihren sehr spezifischen Problemen und Sichtweisen ins Bild rücken.

Ein wenig erinnert der Atlas dem »Weltspiegel« in schriftlicher Form. Die vielen übersichtlichen und multiperspektivisch, d.h. nicht nur aus der Sicht Europas gezeichneten Karten, werden von zusammenfassenden Info-Texten begleitet. Selbstverständlich führt diese Herangehensweise zu Verkürzungen und Verzerrungen, die unvermeidbar Analysetiefe vermissen lassen.

Es ist völlig unmöglich, einen Atlas in seiner Fülle an Informationen in einem Beitrag zu würdigen, ohne sich in Plattitüden und Leerformeln zu verlieren. Ausführlich widme ich mich in diesem Beitrag dem Kapitel über Russlands Krieg gegen die Ukraine, und zwar mit einem kritischen Tonfall. Viele dort genannte Aspekte sind in ihrer Darstellung fragwürdig, sie atmen an einigen Stellen das Propaganda-Gedröhn des Kreml, was bei etwas mehr (sprachlicher) Sorgfalt hätte vermieden werden können.

Sprache ist ein gutes Stichwort, denn Die Welt der Gegenwart setzt mittelbar »russischsprachig« mit »prorussisch« gleich. Die Trennung der Sprachen und politischen Ausrichtung in einen westlichen, ukrainischsprachigen und prowestlichen und einen östlichen, russischsprachigen und prorussischen Teil entspricht  dem Propaganda-Narrativ des Kreml und dem Bedürfnis nach einfachen Zuschreibungen, ist aber falsch.

Die russische Sprache gehört uns, wir geben sie Putin nicht her.
(Oleksiy Radynski)

»Alles ist teurer als ukrainisches Leben«

Man könnte es sich einfach machen und auf die vielen Millionen russischen Muttersprachler in der Ukraine verweisen, die gegen Russlands Invasion kämpfen oder Opfer von dessen Aggression werden. Aber auch in klugen Beiträgen ukrainischer Autoren (Alles ist teurer, als ukrainisches LebenAus dem Nebel des Krieges), russischprachiger ukrainischer Schriftsteller (Andrej KurkowTagebuch einer Invasion) oder den Büchern von westlichen Historikerinnen wie Gwendoly Sasse, die von »kontextabhängiger Bilingualität« sprechen, wird ein differenzierteres und wirklichkeitsnäheres Bild gezeichnet.

Richtig ist, dass der Kreml die angebliche Kombination aus russischsprachig und prorussisch nutzt, um Einfluss auf ehemalige Sowjetstaaten auszuüben, und zwar als vorgeschobene Rechtfertigung für eine aggressive Politik der Einmischung bis hin zur Annexion. Der folgen Deportationen, Filtrations- bzw. Folterlagern, in denen jene, die keine Russen sein wollen, mit Gewalt zu solchen gemacht werden, sowie die Ansiedlung von ethnischen Russen – alles in wohlbekannt stalinistischer Tradition.

Das alles verschwindet hinter der Begrifflichkeit, die in Die Welt der Gegenwart verwendet wird. Das gilt auch für den sorglosen Gebrauch von Begriffen wie »Ukrainekonflikt« bei gleichzeitiger Vermeidung der zutreffenden Begriffe wie Vernichtungskrieg und Angriffskrieg. Mit nebulösen Formulierungen wie der nachfolgenden wird der Eindruck erweckt, beide Seiten begingen im gleichen Maße Kriegsverbrechen.

In den Augen der Europäer ist dies die Rückkehr eines Territorialkrieges, eines »schmutzigen Krieges« samt Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Émilie Aubry, Frank Tétart: Die Welt der Gegenwart.

Russland ist der einzige Aggressor in diesem Krieg, es allein zielt mit Terrorangriffen auf Zivilisten, zivile Infrastruktur und Energieversorgung, außerdem gehen gezielte Massentötungen, Folter, Deportationen von Zivilisten allein auf das Konto russischer Streitkräfte. Der Ukraine wird durch die fehlende Nennung von Ross und Reiter ein ähnliches Maß an Kriegsverbrechen unterstellt.

An anderer Stelle wird ein unzulässiger Zusammenhang zwischen den so genannten Minsker Abkommen und dem im Budapester Abkommen vom Westen und Russland (!) anlässlich der freiwilligen Abgabe der ukrainischen Atomwaffen garantierten Staatsgebiet der Ukraine und der »schwierigen Umsetzung« der des »Vertrages« hergestellt. Die »Kontrolle  ihrer Grenzen« wäre für den »ukrainischen Präsidenten Selinskyi (sic!) eine nicht verhandelbare Vorbedingung für eine Einigung«. Die Rolle von Täter (Russland hat ein ganzes Bündel bestehender Verträge gebrochen) und Opfer wird so vertauscht.

Leider wärmen die Autoren das längst widerlegte Motiv der Nato-Osterweiterung abermals auf. Mit der Aufnahme der baltischen Staaten stünde »von nun an die Nato an den russischen Grenzen und [ließ] das Gefühl der Einkreisung wiederaufleben«. Allein der Begriff der »Einkreisung« (vom »wieder« gar nicht zu reden) ist angesichts der Grenzen mit Kasachstan, der Mongolei und China unangebracht, ebenso, da Russland im Zuge der verheerenden Niederlagen in der Ukraine sämtliche Grenzen mit der Nato militärisch entblößt hat.

Ímmerhin verweisen die Autoren auf die verhängnisvollen Aktivitäten Russlands im Nahen Osten und Afrika, auch wird die Allianz unter Ungleichen mit China beleuchtet und es werden auch die zunehmend dramatischen Folgen für die wirtschaftliche und soziale Lage in Russland erwähnt. Gemeinsam mit den sehr informativen Karten entspricht das dem, was von einem modernen Atlas mit geopolitischem Schwerpunkt zu erwarten wäre, umso bedauerlicher erscheinen die problematischen Darstellungen im Zusammenhang mit der Ukraine.

Wie wichtig sprachliche Genauigkeit ist, zeigt sich auch am Beispiel des sogenannten »Sechstagekrieges«. Die im Buch gewählte Formulierung erweckt den Eindruck, Israel habe einen Angriffskrieg unternommen und dabei »seine heutige territoriale und geopolitische Stellung« erobert. Die vom ägyptischen Präsidenten vorher unternommenen Schritte, Sperrung einer wichtigen Seestraße für israelische Schiffe und Aufmarsch einer mächtigen Angriffsarmee an der Grenze Israels, bleiben unerwähnt.

Letztlich zeigt sich an diesem Beispiel auch, wo die generellen Erkenntnisgrenzen eines Buches wie Die Welt der Gegenwart sind. Wichtig wäre, diese explizit zu nennen und auf weiterführende Literatur oder Webseiten zu verweisen, die umfassender informieren.

[Rezensionsexemplar]

Émilie Aubry, Frank Tétart: Die Welt der Gegenwart.
Ein geopolitischer Atlas
Aus dem Französischen von Anna Leube und Wolf Heinrich Leube
C.H.Beck / arteEDITIONS 2024
Klappenbroschur 224 Seiten
ISBN: 978-3-406-81404-4

Andreas Pflüger: Ritchie Girl

Ein intensiv erzählter Roman über die Nachwehen des Zweiten Weltkrieges. Cover Suhrkamp, Bild mit Canva erstellt.

Bei der Lektüre des Roman Ritchie Girl von Andreas Pflüger hat mich manchmal erstaunt, wie sehr dieser Roman von der Gegenwart zu erzählen scheint. Seit Russland seinen genozidalem Vernichtungskrieg gegen die Ukraine begonnen hat, gehen sie doch wieder um, die »Geister der Vergangenheit«, die gar nicht mehr so geisterhaft ihr blutiges Handwerk betreiben.

Im Gegensatz zum Vernichtungskrieg der Wehrmacht findet dieser vor aller Augen statt, für jeden unübersehbar. Umso bitterer, dass »Wegschauen, Schulterzucken« wieder in Mode sind, ebenso die larmoyante Kriegsmüdigkeit, das Folgen von Lügen und Propaganda – aus vielerlei Gründen. Wer sich fragt, die »das« damals geschehen konnte, bekommt Antworten präsentiert, die sehr unbequem und ernüchternd sind.

Das wirkt zurück auf die Betrachtung der Nazi-Zeit und auch zu dem, was Pflüger in seinem Roman vor dem Leser mit hoher Erzählintensität ausbreitet. Die Geschichte entfaltet sich aus der Sicht einer US-Amerikanerin namens Paula Bloom, die gegen Kriegsende nach ihrer Zeit im Camp Ritchie nach Europa zurückkehrt. Sehr intensiv erfährt der Leser das Grauen des Krieges auf den ersten Seiten, der gruseligen Überfahrt folgen grausame Eindrücke hinter der nach Norden vorrückenden Front in Italien.

Paula hat eine ungewöhnliche Biographie. Sie ist die Tochter eines Amerikaners, der in Berlin während 1930er Jahre lebte und arbeitete. Für US-Firmen, die mit deutschen Unternehmen gute Geschäfte machten, auch mit den später berüchtigten IG Farben. Moral stand hinten an, wie heute, wenn Sanktionen gegenüber Russland umgangen werden und Hochtechnologie aus dem Westen dem Aggressor ermöglicht, Krieg zu führen.

In Italien macht Paula als Übersetzerin Bekanntschaft mit einem SS-Offizier und begegnet Georg wieder, einem deutschen Offizier, an den sie ihr Herz verloren hat. Eine wildbewegte Geschichte entspannt sich, denn noch vor der Kapitulation der Deutschen wetterleuchtet der Kalte Krieg am Horizont, neue Bündnisse entstehen, Feinde, auch hochbelastete Täter aus dem Vernichtungskrieg werden wieder interessant.

Die Widersprüchlichkeit gleichzeitiger Entwicklungen, der Nürnberger Prozess und der Rückgriff auf deutsches Personal, die oft zynisch erscheint, durchzieht den gesamten Roman wie ein Bittermandelaroma. Paula wird auf einen aus Österreich stammenden Juden angesetzt, der als Top-Spion der Nazis galt. Sie soll ihm auf den Zahn fühlen, herausfinden, ob dieser Johann Kupfer lügt oder ein wertvoller Geheimdienstmann sein könnte.

Die Geschichte ist in mehrfacher Hinsicht verwickelt, eine einfache Haltung einzunehmen ist für die handelnden Personen unmöglich, wie Paula zu spüren bekommt. Ihre eigene Vergangenheit, das erstickende Gefühl von Schuld wegen ihres Vaters und einer jüdischen Freundin, aber auch ihre noch immer glimmenden Gefühle gegenüber Georg holen sie ein. Ganz nebenbei erzählt Ritchie Girl auch von dem starken Gefälle zwischen Männern und Frauen in dieser Zeit, der latente und strukturelle Rassismus der US-Streitkräfte wird auch nicht verschwiegen.

Der Roman ist sehr unterhaltsam und spannend zu lesen, man fliegt durch die Seiten, vor allem, wenn die Zeitgeschichte und die handelnden Personen bekannt sind. Denn das Personentableau ist üppig geraten, der Erzählstil wirkt manchmal etwas flüchtig und ruppig, was allerdings der Handlungsdynamik sehr zugute kommt.

Beindruckend und erschütternd sind und bleiben die fürchterlichen Wechselfälle des Lebens unter der Knute von SS, Wehrmacht und Kollaborateuren während des Krieges; ebenso das, was Entnazifizierung genannt wurde, aber in vielerlei Hinsicht nicht war. Mit dem Ende konnte ich hingegen nur wenig anfangen, einige Dinge, wie das Schicksal Georgs und Kupfers, wirken inkonsequent. Das ist gemessen am gesamten Roman letztlich eine Petitesse.

Andreas Pflüger: Ritchie Girl
Suhrkamp 2022
Taschenbuch, 464 Seiten
ISBN: 978-3-518-47267-5

Ehrentitel

Das sind nur einige der Ehrentitel, mit denen sich Joshua ein wenig über sich selbst lustig macht. Im Verlauf der Reihe kommen noch einige hinzu, ein kleines Spielchen am Rand des Erzählpfades.

Joshua, die Hauptfigur meiner Abenteuerreihe, macht sich mit dieser Aufzählung von »Ehrentiteln« über sich selbst lustig. Der Ton ist ein wenig larmoyant, vor allem aber ironisch. Es stehen schließlich einige schmeichelhafte und weniger schmeichelhafte Attribute nebeneinander.

Das Zitat entstammt Doppelspiel, dem dritten Teil der Buchreihe um die »Piratenbrüder«. Zu diesem Zeitpunkt hat Joshua schon einiges hinter sich, er hat Dinge erlebt, Gefahren überstanden und Begegnungen gemacht, die er nie für möglich gehalten hätte.

Dabei hat er sich nicht nur mit Ruhm bekleckert. Vor allem sein Verhalten in höchster Not macht ihm zu schaffen. Im zweiten Teil der Reihe, Chatou, zögert er in einer dramatischen Lage, auf einen Piraten zu schießen.

Mir war es von Anfang an wichtig, dass Joshua auf ihrem Weg straucheln, stürzen darf, wieder aufstehen muss und vor schwierigen Entscheidungen steht. Er muss sich weiterentwickeln, erwachsen werden, so oder so. Ich wollte keinen geleckten Helden ins Abenteuer schicken, auch niemanden, der sich allzu schnell entwickelt.

Das gefällt nicht jedem Leser; soll es auch nicht, meine »Piratenbrüder« sind keine Gefälligkeitsliteratur. Eine Testleserin fand Joshua zu passiv, allerdings kennt sie nur den ersten Teil. Aus meiner Sicht wäre alles andere für ihn in der erbarmungslosen und gewalttätigen Welt, in die er wohlbehüteter Vierzehnjähriger hineingerät, unangemessen gewesen.

So gibt es eine Menge Spielraum für die persönliche Weiterentwicklung, aber natürlich auch Grenzen, die Joshua nicht überwinden kann. Dafür gibt es ja noch Jeremiah, der unter ganz anderen Umständen aufgewachsen ist und viele Dinge selbstverständlich bewältigt, die für seinen Piratenbruder undenkbar sind und bleiben.

Was Joshua kann, ist sich selbst mit neuen »Ehrentiteln« ein wenig bespötteln. »Krähennesthocker«, »Kartenenträtsler«, »Feuergetaufter« oder »Zeremonienmeister« etwa, allzu heldenhaft klingt das nicht, aber wer weiß …

Bisher erschienen (auf das Cover klicken)

Manu Larcenet: Die Strasse

Die Umsetzung des genialen Romans von Cormac McCarthy in einer Graphic Novel ist sehr gelungen. Cover Reprodukt-Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Es lohnt sich, das Titelbild der Graphic Novel Die Strasse von Manu Larcenet eine Weile zu betrachten. Vor dem Weiß des stürzenden Wassers heben sich zwei graue Gestalten ab. Eine kleiner, jünger, die andere größer, älter, hinter einem Gefährt, das mit allerlei Undefinierbarem beladen ist. Die beiden sind in Lumpen dick vermummt, vor dem Gesicht des Jüngeren ist ein Mundschutz gezogen. Markant ragen die beiden Spiegel von dem Gefährt ab.

Die beiden wirken durch die  rechts und links aufragenden, weit über ihren Köpfen sich wieder fast schließenden massiven Felsen regelrecht verloren. Es ist, als durchschritten sie gemächlich eine Art Pforte. Ein völlig zertrümmerter PKW auf der linken Seite und eine zerfetzte Leitplanke auf der rechten zeigen an, was dem Betrachter durch die Perspektive verborgen bliebe: Sie befinden sich auf einer Straße.

Im Hintergrund donnert das Wasser von den Felsen herunter, die Überreste von kahlem, toten Geäst ist zu erkennen, auf der anderen Seite eine Art halbzerstörter Leiter, die irgendwohin nach oben führt. Eine überwältigende Leere und Trostlosigkeit gehen von der Umgebung aus, die Mühsal des Gehens auf dieser Straße ist fühlbar. In dieser Welt ist nichts in Ordnung, in dieser Welt ist das, was wir als Gegenwart kennen, nur noch eine ferne, fahle Vergangenheit.

Die Rückseite der Graphic Novel ist drastischer: zwei Kräne, einer zerbrochen, der andere noch intakt, doch von dessen Ausleger hängen drei Tote herab, die dort aufgeknüpft sind. Die Welt ist nicht nur materiell zerstört, sondern auch moralisch und gesellschaftlich. Gewalt prägt den Alltag, über allem liegt die stete Drohung für Leib und Leben. Es ist eine totale Welt, in die der Leser eintritt.

Grau, krisselig wie das grobkörnige Bild eines alten Schwarz-Weiß-Fernsehers sind die Zeichnungen, quellende, unförmige Wolken, wie über schweren Bränden, Dunkelheit, alles ein schreckliches Nichts. Ein Mann liegt unter einem behelfsmäßigen Wetterschutz, dick vermummt, bärtig, abgerissen und zerlumpt. Das Gesicht eines Fliehenden, in das sich die Entbehrungen und Erschöpfung eingefressen haben. Neben dem Mann ein Junge, schwarze Ränder unter den Augen.

Schweigen über Seiten hinweg. Der Mann erhebt sich und beobachtet durch einen Feldstecher die Gegend. Was er sieht, ist eine Trümmerlandschaft nach einer vernichtenden Katastrophe, verkrüppelte Bäume, Ruinen, Reste der Zivilisation im Verfall begriffen. Leblose Stille überall, nichts rührt sich, was kein schlechtes Zeichen ist, wie man später erfährt. In dieser reglosen, toten Landschaft verschwinden die beiden Menschen regelrecht, die Umgebung ist überwältigend.

Die ersten Worte sind die einer kurzen Begrüßung, der Aufbruch geschieht wortlos, eine Routine, entstanden durch eine lange Zeit der Wanderung. Das Duo muss den Ort verlassen, man werde keinen weiteren Winter überstehen. Wenn gesprochen wird, dann nur kurz und knapp. Die Themen sind situationsbezogen oder drehen sich um Tod, Töten, Gut und Böse, manchmal in Form einer Selbstvergewisserung.

Wir würden nie jemanden essen, oder?
Aber nein, natürlich nicht.
Auch wenn wir verhungern?
Das tun wir doch schon!
Aber wir werden nie jemanden essen?
Nein, niemanden.
Egal, was passiert?
Niemals. Egal, was passiert.
Weil wir die Guten sind …
Genau.

Manu Larcenet: Die Strasse

Mit der Zivilisation ist alles zerbrochen. Kannibalismus, wie diese Textstelle andeutet, ist verbreitet. Spuren davon begegnen den beiden immer wieder, manchmal auch mehr. Wie hält ein Junge das aus? Gewöhnlich versuchen Erwachsene ihre Kinder davor zu behüten, derart grausame Dinge zu sehen, doch in der Welt, die Vater und Sohn durchziehen, geht das nicht. Tote liegen überall, grausam zugerichtet von katastrophalen Ereignissen oder anderen Menschen, den »Bösen«, von denen es »ganz schön viele« gibt.

Schutz für die Seele gibt es nur, in dem man sich gegenüber den Unholden abhebt. Lügen funktionieren nicht, denn die Wirklichkeit entlarvt diese allzu rasch und schmerzlich konsequent. Wenn der Junge fragt, ob sie sterben würden, wenn die Bösen sie fingen, kann der Vater nicht mit »Nein« antworten. Er kann ihm nur mit der Wahrheit Mut machen, dass sie Glück haben und irgendwann Nahrung finden und bis dahin lange am Leben bleiben würden, wenn ihnen Wasser zur Verfügung stehe.

Auf der Suche nach Nahrung und brauchbaren Gegenständen sind sie gezwungen, Gebäude zu betreten. Dort treffen sie auf entsetzliche Überreste menschlicher Wahnsinnstaten, manchmal entkommen sie selbst nur äußerst knapp dem sicheren, grausamen Tod. Auch auf der Straße, auf der kleine und größere Gruppen umherziehen, bewaffnet, fürchterlich ausstaffiert, wie man es aus Endzeitfilmen kennt, aber ohne jede Spur Coolness. Larcenet hat die neuen Herren der Straße als Höllenkreaturen gestaltet und derartige Szenen in einem passend rötlichen Ton gehalten, von dem Schmerz auszugehen scheint.

Manu Larcenet hat sich gegenüber dem Roman eine Reihe von Freiheiten herausgenommen. So verlegt er die Handlung, die in der Vorlage in einem hochherrschaftlichen Haus spielt, in ein Farmgebäude; etwa später finden die beiden Wanderer ein sehr ähnlich aussehendes Gebäude – die Erlebnisse in beiden Behausungen könnten unterschiedlicher nicht sein. Nichts ist kalkulierbar oder vorhersagbar, alles ist ein Vabanque-Spiel mit ungewissem, manchmal lebensbedrohlichem Ausgang. Es gibt kein Ausweichen vor dieser totalen Welt.

Zu meinen Lieblingsstellen in Roman und Graphic Novel gehört jene in einer verlassenen Tankstelle. Der Vater nimmt den Hörer eines öffentlichen Münztelefons ab und hält diesen sich ans Ohr. Der Junge fragt, was er da mache. Die Antwort ist erschüttertes und erschütterndes Schweigen. In der neuen Welt ist Kommunikations-Technik sinnlos, die Reste in den daneben liegenden Öl-Kanistern sind dagegen kostbar, denn die wenigen Tropfen ergeben zusammen ein wenig Brennstoff für eine Lampe. Alles ist auf den Kopf gestellt, an die alte Welt erinnernden Gesten sind noch nicht ganz vergessen, aber sinnentleert.

An einer Stelle gibt es eine kleine Hommage an den 2022 verstorbenen französischen Zeichner und Karikaturisten Sempé, bekannt vor allem durch die Figur des Petit Nicolas. Der Junge findet in einer Zuflucht, die Vater und Sohn für kurze Zeit eine Atempause schenkt, das Buch Enfances (auf Deutsch Kindheiten) von Sempé und schmökert darin. Das Titelbild in Die Strasse und der Realität zeigt einen Schwarm Vögel, einen Anblick, den es nach der Katastrophe nicht mehr gibt.

Der krasse Gegensatz zwischen dem relativen Frieden und der Welt, die geprägt ist von dem Krieg aller gegen alle, macht die Rückkehr auf die Straße umso düsterer und deprimierender. Das Meer, ihr Zielort, eine weitere Enttäuschung, die Gefahren nehmen nicht ab, immer wieder färben sich die Bilder rot – tiefrot, sogar. Der Tod ist nah und das Ende dieser überwältigenden Graphic Novel wie das des Romans Die Straße von Cormac McCarthy nur ein Funken im Abgrund.

[Rezensionsexemplar]

Manu Larcenet: Die Strasse
Nach dem Roman von Cormac McCarthy
Aus dem Französischen von Maria Berthold und Heike Drescher
Lettering: Tim Gaedke
Reprodukt 2024
ISBN: 978-3-95640-423-8

Cormac McCarthy: Die Straße

Die zweite Lektüre dieses großen Romans war genauso intensiv wie die erste, aus der mir unauslöschliche Bilder in Erinnerung geblieben sind. Cover Rowohlt, Bild mit Canva erstellt.

So viele Jahre trage ich nun schon Szenen, Eindrücke und Stimmungen aus diesem Roman mit mir herum, die sich bei der ersten, überwältigenden Lektüre eingebrannt haben. Einige davon werde ich nicht wieder vergessen, bis alles in Vergessenheit gerät. Vor allem wird die erstaunliche Erfahrung bleiben, wie sehr mich als Leser die Atmosphäre eines Romans einhüllen und im Wortsinne wie auch übertragen mitnehmen kann.

Die Straße von Cormac McCarthy ist eine Dystopie. Aus diesem Genre habe ich wenige Romane gelesen und auch einige Filme geschaut. Das Buch ragt heraus, es ist ein literarischer Leuchtturm, der mit seinem schwarzen Licht weit in die Bücherlandschaft leuchtet, auch über das Genre hinaus. Die konsequente Reduktion des Erzählens auf das karge Notwendige sorgt dafür, dass beim Leser ein Strom an Bildern, Empfindungen und ein nicht endender Schauder erzeugt werden. Das Grauen ist stets präsent, die Gefahr wie ein nicht abreißender, ferner Donner am Horizont, bis sie plötzlich ganz nahe ist.

Auf der Straße, auf der ein schwerkranker Vater und sein Sohn ziehen, ist nichts albern, nichts unglaubhaft, nichts vorgeschützt, nichts heldenhaft, aber alles in einer kaum erträglichen Weise unerbittlich. Die kleinen Wortwechsel zwischen beiden verstärken die überwältigende Dunkelheit, die sie umgibt, die bittere Kälte, das erstickend Aschige am Boden und in der Luft, eine lebensfeindliche Umwelt, als wären sie auf einem fremden, unwirtlichen Planeten gestrandet.

Doch sind sie auf der Erde, die sich in ein Totenreich verwandelt hat, durch das Menschen wie lebende Tote schlurfen, um einander zu töten und aufzufressen. Der Hunger ist ein steter Begleiter der beiden Wanderer und aller anderen, die übriggeblieben sind. Hunger, nicht Hungrig-Sein, der schmerzt, ermüdet und irgendwann tötet, der die Menschen in einer Weise ausmergelt, wie man es von Horror-Bildern aus »Todeslagern« kennt.

Das Vater-Sohn-Duo ist auf dem Weg nach Süden. Ein weiterer Winter sei an Ort und Stelle nicht zu überleben. Das Meer ist ihr Ziel, ein recht unbestimmtes, wie auch unklar bleibt, was sie dort suchen. Eine bessere Welt? Irgendwann im Verlauf der Handlung ist einmal von »Communities« die Rede, ein ziviles Wort aus einer zertrümmerten, vergangenen Welt. Vielleicht ist es so eine Community, eine schützende Zivilgesellschaft, nach der sie suchen?

Eine Armee in Turnschuhen, mit schwerem Schritt. […] Keine hundert Meter zogen sie vorbei, sodass der Boden bebte.

Cormac McCarthy: Die Straße

Auf ihrem Weg begegnen sie Gruppen, die eine lebensbedrohliche Gefahr darstellen. Vom Marodeur-Duo, das zum Glück schlechter bewaffnet ist und sich einschüchtern lässt, bis hin zu einer kleinen Armee: Viererreihen, jeder Mann mit rotem Halstuch und bewaffnet, mit Kriegsbeute beladene Karren, von Sklaven gezogen, Frauen, einige schwanger, Lustknaben, miteinander an Hundehalsbändern verbunden. Einer der vielen Alpträume in diesem Roman.

Wie Dantes Inferno hat die Hölle Bereiche mit unterschiedlichen Schrecken. Der für mich fürchterlichste Ort liegt in einem »ehemals hochherrschaftlichem Haus«, in dem »einmal Sklaven gegangen [waren], in den Händen silberne Tabletts mit Speisen und Getränken.« Vom Aschewind verweht. Die beiden Wanderer müssen solche Orte durchsuchen, das unbestreitbar damit verbundene Risiko eingehen, stets in der Hoffnung, etwas Brauchbares zu finden.

Mal wird der Wunsch erfüllt, mal nicht; mal ist es ganz und gar ungefährlich, mal lauert ein Abgrund. Es gibt keine Regel, kein Kalkül, bestenfalls Instinkt oder die Hoffnung, Glück zu haben. Der Junge will nicht in das Haus, er fleht seinen Vater an, weiterzugehen. Der sagte, sie würden verhungern. Fünf Tage ohne Essen, der Hungertod ist nicht mehr allzu fern. Sie haben nur die Wahl, Sterben oder Nachsehen.

Es gibt Warnsignale. Eine Schnur ist über die Terrasse gespannt. Beide sind in höchster Alarmbereitschaft; vorsichtig dringen sie in das Haus ein. Es findet sich eine Glocke, die mit der Schnur verbunden ist. Und eine Luke im Boden. Mit einem Schloss gesichert. Dafür gebe es einen Grund, sagt der Mann. Er hofft auf etwas Wertvolles und macht sich auf die Suche nach einem Brecheisen; weitere Zeit in dieser hochgefährlichen Situation verstreicht. Schließlich öffnet er mit einiger Mühe die Luke.

Alles, was er sah, war Entsetzen.

Cormac McCarthy: Die Straße

Eine hochdramatische Situation, die das weitere Lesen stark beeinflusst. Grauen und Gefährdung folgen dem Duo (und dem Leser) wie zwei tiefschwarze Schatten. Die Notwendigkeit, trotz dieses beinahe tödlichen Erlebnisses Häuser zu durchsuchen und Ansiedlungen zu durchstreifen, bleibt. Ebenso müssen die beiden auf der Straße weiterziehen, Bewegung ist zwar gefährlich, das Verbleiben an einem Ort aber noch gefährlicher. Sie haben keine Wahl, sie müssen.

McCarthys Welt ist total, vergleichbar mit dem Erleben im totalen Krieg. Der Handlungsspielraum ist massiv eingeschränkt, auch in anderer Hinsicht. Der Junge kann nicht davor behütet werden, Dinge zu sehen, die ein Kind besser nicht sehen sollte. Die Toten am Straßenrand, in den Autos, den Häusern; das »Entsetzen« hinter der Luke; die Überreste des Kannibalismus; die umherziehenden Banden und die Bedrohung, die von ihnen ausgeht.

Der Vater muss töten, damit sie nicht getötet werden. Er muss töten, weil er nicht helfen kann, ohne selbst zu sterben. Der Junge sieht zwangsweise zu, es hilft nicht, die Augen zu verschließen, es gibt kein Entkommen vor dem Schrecken. Unweigerlich verstört das Erlebte, sein Vater versucht, mit seinem Sohn im Gespräch zu bleiben, so knapp und karg die Sätze auch sind. Immer wieder sagt er, dass der Junge mit ihm reden müsse, nur durch Reden blieben sie zusammen, nur so überlebten sie. Und nur so kann der Erwachsene versuchen, dem Kind den Leidensdruck zu mildern.

›Waren das die Bösen?‹
›Ja, das waren die Bösen.‹
›Gibt ganz schön viele von den Bösen.‹
›Ja. Aber jetzt sind sie weg.‹

Cormac McCarthy: Die Straße

Immer wieder vergewissert sich der Junge bei seinem Vater, dass sie die »die Guten« seien, die anderen »die Bösen«. Das funktioniert bei den eindeutig bedrohlichen Begegnungen, doch was ist mit jenen, die Hilfe brauchen, harmlos sind und von ihnen im Stich gelassen werden müssen, weil sie selbst sonst sterben würden? Der einfache Dualismus von Gut und Böse hilft dann nicht weiter, McCarthy treibt das in Die Straße auf die Spitze. Niemand kann irgendjemandem helfen.

Letztlich mündet das Inferno in eine abgründige Hoffnungslosigkeit. Der Mann beneidet die Toten. Warum also weitergehen? Was erwarten sie sich vom Meer? Der namenlose Vater überhöht ihre Mission gegenüber seinem Sohn, um ihrer Existenz, ihrer Wanderung einen Sinn zu geben. Sie müssten das »Feuer bewahren«, heißt es mehrfach, am Leben bleiben als Ziel an sich. Sie haben also eine Aufgabe zu erfüllen, eine ideelle Krücke, um sich weiterzuschleppen. 

Das Meer ist eine namenlose Enttäuschung. Es ist nicht blau, sondern grau-schwarz wie die ganze restliche Welt. Statt in einem der verlassenen Häuser am Wegrand versuchen sie ihr Glück auf einem Boot, um etwas zu finden, das ihnen weiterhilft. Doch wohin soll die Beute weiterhelfen? Ihr Ziel ist erreicht, es entpuppt sich als eine Sackgasse. Der Mann spürt, dass ihn seine Krankheit töten wird, sein Sohn muss allein zurückbleiben. Das Ende naht.

Die Uhren blieben um 1 Uhr 17 stehen. Eine lange Lichtklinge, gefolgt von einer Reihe leiser Erschütterungen.

Cormac McCarthy: Die Straße

Über den Anfang des Unheils, die Katastrophe, verliert McCarthy in seinem Roman bemerkenswert wenige Worte. Doch die sind wie schwere Hammerschläge. Noch eine Stelle, die mir im Gedächtnis verhaftet bleibt. Der Mann geht ins Bad und lässt die Wanne voll Wasser laufen. Seine Frau fragt ihn, warum er ein Bad nehme. Die Antwort: »Ich nehme kein Bad.« Mehr braucht es nicht.

Die Katastrophe braucht Zeit, bis die vollständie Verheerung angerichtet ist. Der Junge kommt nach dieser Nacht zur Welt, als die Städte bereits brennen. Er gehört in die Neue Zeit und wächst in ihr heran. Irgendwann stehen Entscheidungen an. Die Frau wählt den Freitod, sie ist sehr rational, realistisch und formuliert bar jeder Illusion, was ihnen blüht. Der Mann macht sich mit seinem Sohn auf den Weg, der am Meer endet.

Das Ende dieses brillanten Romans wird in der vorangegangenen Handlung in jeder Hinsicht vorweggenommen. Aus das ist große Emotion, die in Die Straße oft unausgesprochen bleibt, aber zwischen den Wörtern, Zeilen und in den Räumen zwischen den Absätzen zu finden ist.

2024 ist eine großartige Umsetzung des Roman in einer Graphic Novel erschienen: Manu Larcenet, Die Strasse.

Cormac McCarthy: Die Straße
Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl
Rowohlt 2008
Taschenbuch 256 Seiten
ISBN: 978-3-499-24600-5

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