Mit Schreibratgebern weiß ich nicht viel anzufangen, sofern sie sich auf die Techniken, das viel beschworene »Handwerk« oder gar irgendwelche obskuren Erfolgsaussichten am Buchmarkt beziehen. Derartige Schreib- und Erfolgstipps findet man auf Instagram zuhauf, sie gehen meist Hand in Hand mit dem Wort »Regel«. Nach »Regeln« zu schreiben ist aber wie Malen nach Zahlen.
Ratschläge anderer Art nehme ich gern an. So habe ich Hilary Mantel den Hinweis auf Dorothea Brande zu verdanken, die vor rund einhundert Jahren ein Buch mit dem Titel Becoming a Writer (deutsch Schriftsteller werden) verfasst hat. Auch da gibt es Vorschläge, aber mit einem etwas anderen Charakter. Im Gegensatz zu gängigen Schreibratgebern schlagen solche Bücher einen sehr langen Weg vor, bei dem man eben nicht Regeln und Tipps befolgt.
Lesen – Lesen – Lesen – Nachdenken
Brande rät, man solle Bücher lesen und jene Titel mehrfach wiederlesen, deren Schreibweise einem gefällt, um zu erforschen, was die Autoren eigentlich machen bzw. womit sie erreichen, dass es uns als Leser gefällt. Im Gegensatz zu Regeln, die befolgt werden, sollen die Mittel des Autors keinesfalls kopiert werden. Der Nachwuchsautor soll sich vielmehr darum bemühen, auf der Basis des Gelesenen eine eigene Schreib-Weise zu finden. Brande legt den Fokus auf das Individuelle, nicht auf das Kopierbare. Das liegt quer zum Trend, der mit dem Aufkommen von KI verstärkt wird, denn die kann bestenfalls Malen nach Zahlen.
Ohne umfangreiche Lektüre (bzw. Filme) geht es nicht. Das zeigt auch Anatomy of Storyvon John Truby, aus dem ich bereits viel Wissenswertes schöpfen konnte. Ohne Kenntnis der dort genannten Bücher und Filme hätte das Gesagte nicht in dem Maße weiterhelfen können, wie es in meinem Fall gewesen ist. Aber auch bei Truby habe ich nicht als Quelle von Tipps und Regeln zum Befolgen oder nachmachen gelesen.
Mehrere Jahre habe ich zum Beispiel darüber nachgedacht, ob es für meine Buchserie Piratenbrüder sinnvoll sein könnte, dem Antagonisten eine Stimme zu geben, um sein Weltbild zu erklären, wie Truby anregt. John Black alias Eisenkralle bekommt in Opfergang – Piratenbrüder Band 7 tatsächlich die Möglichkeit, sich zu äußern, nachdem er wie ein schwarzer Schatten durch sechs Bücher geisterte.
Drei neue Bücher zum Thema Schreiben
Nun also drei weitere Bücher, die sich mit dem Thema Schreiben und (untrennbar damit verbunden) Lesen befassen. Die Briefe an einen jungen Schriftsteller von Mario Vargas Llosa sind für mich vor allem wegen ihrer Fremdheit von großem Wert. Mit gängigen Unterscheidungen, wie zwischen personaler und auktorialer Erzählhaltung, bricht Vargas Llosa, dabei wird gerade um die »Einhaltung« der Perspektive in manchen Kreisen ein immenses Gewese gemacht.
Anders liegt die Sache bei Martin Maar und seiner Schlange im Wolfspelz. Der Titel mit seiner schrägen Metapher wird im Buch auch erklärt, wie so viele andere Besonderheiten, Glanzstücke und Schattenplätze der Literatur. Maar schreibt ausgezeichnet und ist oft richtig witzig. Dabei verhält es sich wie mit »Spuren von Nüssen« in Nahrungsmitteln – das kann zu allergischen Reaktionen führen.
Daniel Kehlmann ist mir als Autor hervorragender Romane (Tyll, Lichtspiel) bekannt, außerdem hat er ein sehr lesenswertes Buch über Leo Perutz geschrieben. Für Die Kunst des Erzählens von James Wood hat Kehlmann das Vorwort verfasst, was mehr als eine Buchempfehlung ist.
Wie alle anderen genannten Bücher wird auch Wood den Nachteil haben, meine Leseliste zu verlängern. Moby Dick steht schon im Regal, Don Quichote in den Startlöchern, außerdem wären da noch die Briefe von Rahel Varnhagen und so viele mehr, dass sich dieser Text mal eben verdoppeln und verdreifachen würde. Belasse ich es also bei den Beispielen.
Was die Lektüre dieser Bücher so besonders macht: Ich lese nicht allein, kann mich jeden Tag darüber austauschen. Die Schlange im Wolfspelz wird abends vorgelesen (anstrengend!), die Briefe an einen jungen Schriftsteller haben wir Brief für Brief abwechselnd gelesen und besprochen. Parallel läuft die Arbeit am Lektorat von Opfergang – Piratenbrüder Band 7, natürlich beeinflusst das Eine das Andere.
Der Schlussstein im weitläufigen Gebäude der Romane um den Berliner Polizisten Gereon Rath. Volker Kutscher wählt eine gelungene Form, Kat Menschik liefert stimmungsvolle Illustrationen. Cover Galiani, Bild mit Canva erstellt.
Lesen oder doch lieber nicht? Die Frage war für mich nicht so einfach zu klären, schließlich handelt es sich um einen knappen Folgeband einer umfangreichen und in mancher Hinsicht auch glanzvollen Buchreihe. Die Gefahr einer Enttäuschung oder Entzauberung ließ sich nicht ausschließen. Volker Kutscher hat mit Westend jedoch einen Joker ausgespielt, der über das schnöde Was-ist-mit-diesem-und-jener-passiert hinausgeht. Wer sich für die Schicksale interessiert, bekommt überraschende Antworten, auf eine spezifische Weise, denn am Ende ist eben nichts beendet und keineswegs alles geklärt. Und doch ist Westend tatschächlich Schlussstein der Gereon-Rath-Romane.
Rath, der Schlussband der zehnteiligen Buchreihe um Gereon Rath, hat einige Erzählfäden offengelassen. Mehr noch: Die letzten Seiten des Romans deuten ein außerordentliches Schicksal des Adoptivkindes von Gereon und Charlotte Rath, Friedrich Thormann, an, der in der schwarzen Uniform der SS eine riskante Form der Rache verfolgt. Dabei könnte man es belassen, eine Sequel-Reihe schreiben oder im Rahmen eines illustrierten Nachzöglings eben einige Schicksale im Mahlstrom der Apokalypse des Zweiten Weltkrieges skizzieren.
Volker Kutscher hat sich für letztere Variante entschieden und nach Moabit und Mitte mit Kat Meschik einen dritten Band ergänzend zu seiner Buchreihe verfasst. Westend führt in das Jahr 1973 und wählt eine überraschende Form des Erzählens: ein Interview, das auf Kassetten gespeichert wird. Ein Historiker befragt Rath, der – wie gewohnt nolens volens – Auskunft gibt; auf den ersten beiden Seiten erfährt der Leser von einer weiteren Person, die sich später hinzugesellt – Charlotte Böhm. Damit ist schon eine Menge verraten und ich werde an dieser Stelle nicht noch mehr vom Inhalt offenbaren.
Das waren die amerikanischen und britischen Bomber.
Volker Kutscher: Westend
Das bisher Gesagte ist keine große Hilfe bei der Beantwortung der Frage, ob man zu dem Buch greifen sollte oder nicht. Es gibt sehr gute Gründe, warum in Romanen nicht alles auserzählt wird. Im Falle Gereon Raths habe ich dennoch nach recht kurzer Bedenkzeit die Entscheidung getroffen, das Buch zu lesen. Neben der Neugier, was einige Protagonisten nach dem Ende des Romans Rath erlebten, lag der wichtigste Grund darin, dass eine meine anfängliche Hauptfrage, wie Rath sich im Vernichtungskrieg verhielte, ohnehin offenbleiben würde.
Gereon Rath ist 1899 geboren, Kriegsteilnehmer ohne Fronteinsatz und Polizist in den Jahren der Weimarer Republik. In den Romanen Kutschers tritt er als politisch ahnungsloser Zeitgenosse auf, ist korrupt und ein Meister des Lavierens. Als ich die ersten Romane der Reihe las, ist mir aufgegangen, hier dem Lebensweg eines jener „ganz normalen Männer“ (Browning) zu folgen, die ab 1941 in den berüchtigten Polizeibataillonen hinter der vorrückenden Wehrmacht auf dem Gebiet der “Bloodlands“ (Snyder) Millionen Juden erschossen. Ich war gespannt, wie der begnadete Lavierer in dieser totalen Situation reagieren würde.
Volker Kutscher hat seiner Romanfigur dieses Schicksal erspart. 1936 sollte die Buchreihe eigentlich enden, nach Olympia folgten noch zwei weitere Teile. Bis heute bin ich mir nicht sicher, ob das eine gute Idee war; Brüche waren schwer vermeidlich. Der Ausweg, den Berliner Teil der Erzählung auf die Schultern von Charlotte Rath zu legen, funktioniert, hatte aber den Nachteil, dass der Fokus von der ursprünglichen Hauptfigur abrückt. Das gilt nicht umsonst als schwierig, aus guten Gründen, wie die Romane Transatlantik und Rath zeigen. Die größte Stärke der Reihe, die Atmosphäre, prägt auch die beiden Schlussbände.
Das sollte nicht als verkappte Kritik verstanden werden, die beiden Schlussteile der Buchreihe sind und bleiben sehr gute Romane; sie erzählen mehr, als ursprünglich gedacht war, zugleich bleibt das, was mich ganz besonders interessierte, offen. Das war letztlich ausschlaggebend, mich für die Lektüre von Westend zu entscheiden. Hinzu kommt noch die Verfilmung der ersten Bände der Buchreihe, Babylon Berlinscheitert auf grelle Weise beim Versuch, die Romane zu übertrumpfen, indem es überzieht und in schwurbelndes Raunen abdriftet. Zugleich verweigert die Film-Serie den Schritt in die Nazizeit, lässt also noch mehr offen als die Buchvorlage. Die Geschichte von Gereon Rath ist also in meiner Rezeption auch noch multimedial verzerrt. Was kann da schon bei einem Epilog aus der Feder des Autors schiefgehen?
Ich weiß nicht, was du willst, Gereon Rath. Das, was du willst, und das, was du anrichtest, das waren schon immer zwei paar Schuhe.
Volker Kutscher: Westend
Die Lektüre von Westend macht großen Spaß, was nicht zuletzt an den stimmungsvollen und den Geist der 1970er Jahre atmenden Illustrationen von Kat Meschik liegt. Es gibt einige Kostbarkeiten zu entdecken, eine Reminiszenz für die Zeitgenossen, ein Museums-Oha für die Nachgeborenen. Es ist begrüßenswert, dass Kutscher die Form des Interviews bzw. Dialogs gewählt hat, auch in der Form ist der Bruch mit den Romanen vollzogen – aber eben nur in der Form. Gereon Rath jedenfalls handelt so, wie man ihn in den Romanen kennengelernt hat, mit den bekannten Folgen.
Inhaltlich hat es Westend in sich, es geht nicht zuletzt um das Erinnern, den verlogenen Mythos der Stunde Null, Lügen privater und staatlicher Natur, zwischen denen der Einzelne zerrieben wird oder aber trotz aller Schuld davonkommt. Das Leben ist nicht gerecht. Es scheint nur vorgezeichnet, insbesondere in Zeiten dramatischer Umbrüche geraten die Lebenswege rasch zu Achterbahnen, auf deren Lauf der Einzelne nur wenig oder gar keinen Einfluss hat. Für die Gegenwart des Lesers ist das wie eine Art Spiegel, denn die Brüche haben seit 2014 epochalen Charakter. Es ist daher vielleicht auch mehr als ein Zufall, dass die zehn Romanbände Volker Kutschers von einem anderen fundamentalen Bruch erzählen. Westend bildet in diesem Sinne tatsächlich einen gelungenen Schlussstein.
Rezensionsexemplar, für das ich mich gern beim Galiani Verlag bedanke.
Volker Kutscher: Westend Illustriert von Kat Meschik Galiani Berlin 2025 Gebunden 112 Seiten ISBN: 978-3-86971-323-6
Sie galten als die Barbaren schlechthin, haben ganze Lanstriche mit ihren aggressiven Raub- und Mordzügen verwüstet und Imperien ins Wanken gebracht: die Hunnen. Cover C.H. Beck, Bild mit Canva erstellt.
Der Untergang des weströmischen Kaisertums war nicht zuletzt auch eine Folge des Zusammenbruchs des hunnischen Machtgebildes gut eine Generation zuvor und des dadurch ausgelösten Westdrifts zahlreicher Krieger.
Mischa Meier: Die Hunnen
Wer waren denn nun eigentlich Die Hunnen? Nach der Lektüre des Buches über die »Geschichte der geheimnisvollen Reiterkrieger« lässt sich diese Frage noch weniger als zuvor mit einem kurzen Satz beantworten. Der Begriff »Hunne« bezeichnet (wie etwa auch »Skythe«) ganz unterschiedliche Gruppierungen, deren wesentliche Kennzeichen eine hohe Fluktuation oder Fluidität, eine nomadische Lebensweise, geprägt durch die Steppe, und große Mobilität waren.
In diesen nebeltrüben Annäherungen kann man schon Geheimnisse wittern, was in der Rezeption der Hunnen von den Römern bis Fritz Lang weidlich ausgenutzt wurde. Leichter fällt die Eingrenzung, wenn man sich vergegenwärtigt, was die Hunnen nicht waren. Als Volk, Stamm oder gar »Rasse« kann man die Hunnen nicht bezeichnen, für sie lässt sich auch kein eindeutiger Herkunftsort nennen. So kann man beispielsweise für einen Nordhessen einen Landstrich verorten, ein »Hunnien« wird man jedoch vergeblich suchen.
Große Vorsicht ist auch mit dem Begriff »Barbaren« geboten. Die Römer haben beherzt alles, was nicht-römisch war, als »barbarisch« abgegrenzt. Das Wort sagt wenig über die kulturellen Errungenschaften der jeweiligen »Barbaren« aus. Wer damit zottelige Geschöpfe in Pelzen, die kaum ein klares Wort über die Lippen bekamen, verbindet, denke bitte an die Karthager, die Parther (Sassaniden, Perser), Chinesen und alle anderen im Schatten europäischer Nabelschau verborgenen Hochkulturen.
Die Hunnen gelten als die Barbaren schlechthin.
Mischa Meier: Die Hunnen
Auch mit dem Begriff »Reiterkrieger« oder »Steppennomade« verlässt man das Niemandsland des Unpräzisen nicht, denn – wie etwa auch die Wikinger – haben die Hunnen keineswegs nur (Raub-)Kriege geführt und kein reines Nomadenleben geführt, sondern auch Handel betrieben und in geringem Maße auch Elemente einer sesshaften Lebensweise gezeigt. Autor Mischa Meier betont die hochkomplexe Herausforderung, die eine mobile Existenzform (Pferdezucht, Viehweidewirtschaft) darstellt, nicht umsonst sollen Steppennomaden nicht etwa der Sesshaftigkeit vorangegangen, sondern erst danach aufgetreten sein.
Vor allem aber verbirgt sich hinter diesen Begriffen der gescheiterte Versuch Attilas, das hunnische Fundament der Machtausübung grundsätzlich zu wandeln, was letztlich zum Verschwinden der Hunnen führte. Was Meier in seinem Buch über das Ende der Hunnen unter Attila darstellt, berührt aus meiner Sicht mehrere der ganz grundlegenden Fragen an die Vergangenheit. Etwa: Warum scheitern Gesellschaften?
Gleich mehrere Staaten und sich in Ansätzen verstaatlichende, also in den römischen Kosmos integrierende Gruppierungen, sowie die Reiterverbände selbst scheiterten bzw. gerieten unter existenziellen Druck.Die Hunnen zeigt gleich mehrere grundverschiedene Beispiele für die Handlungsweisen von (staatlichen) Eliten in Extremsituationen. West- und Ostrom, Sassaniden, Goten, Burgunder, Franken, Hunnen usw. versuchten sich an ganz unterschiedlichen taktischen und strategischen Wegen, um zu überleben.
Auch in der Spätantike […] hingen große Teile der (römischen A.P.) Eliten an den überkommenen Vorstellungen eines permanent expandierenden Reiches an, dessen Grenzen letztlich mit den Rändern der bewohnten Welt identisch waren […] und dessen militärische Überlegenheit über jeden Zweifel erhaben sei.
Mischa Meier: Die Hunnen
Freunde schlichter Wahrheiten und Erklärungen werden es mit Die Hunnen schwer haben. Die Schilderung, was man aus wissenschaftlicher Sicht sagen kann, ist bei einer seriösen Herangehensweise immer mit der Diskussion darüber verbunden, worauf das Gesagte fußt. Meier stellte auführlich dar, wie weit die Thesen im Falle der Hunnen auseinandergehen, wo die jeweiligen Vorzüge und Nachteile des Erklärungsansatzes liegen und welche er für stichhaltig hält. Daran zeigt sich, wie »Wissen« und »Fakten« auf Konsens bei gleichzeitigem Dissens beruhen und eben nicht auf Eindeutigkeit oder gar Wahrheit.
Das reicht direkt in aktuelle Diskussionen hinein, etwa bei der Frage, ob man der hunnischen Machtbildung den Charakter eines Imperiums zuschreiben kann oder nicht. Zwangsläufig wird man mit Überlegungen konfrontiert, was eigentlich ein Imperium ist oder – wie Meier es im Zusammenhang mit den Hunnen vorzieht – ein Reich. Die dynamische Aggressivität der »Kriegskonföderation« aus Reiterkriegerverbänden beruhte nicht zuletzt auf dem Herrschaftsmodell eines charismatischen Anführers, der unter großem Erfolgsdruck durch seine Gefolgschaft stand und zur Expansion faktisch gezwungen wurde.
Es ist extrem spannend zu verfolgen, wie sämtliche Kontrahenten unter inneren Zwängen litten. Bei den Hunnen setzte der Machtzerfall ein, wenn der Erfolg ausblieb, aber eben auch, wenn der Erfolg zu groß wurde. Ganz praktisch enden die Möglichkeiten räuberischer Kriegszüge, wenn ein blühender Landstrich vernichtet wurde. Daher durfte das Römische Reich als lohnendes Ziel von Raubzügen nicht zerstört werden. Es blieb der Strategiewechsel, nämlich auf den Spuren anderer multiethnischer Gruppen Teil der Römischen Welt zu werden. Das heißt nicht, sich römisches Territorium zu unterwerfen, sondern eher den Versuch der Einbindung beispielsweise durch einen funktionalen Titel, wie magister militum für den Anführer etwa.
Attila wurde allmählich zum Opfer seines eigenen Erfolges.
Mischa Meier: Die Hunnen
Attila versuchte und verhob sich daran. Die Ereignisse um 450 n. Chr. sind in jeder Hinsicht spektakulär. Ausgerechnet auf weströmischem Territorium gelang militärischer Widerstand, der in der dramatischen Schlacht auf den Katalaunischen Feldern mündete. Der schauerliche Blut-Tag endete unentschieden, doch war der »Hunnen-Sturm« gestoppt. Das erinnert an die Schlacht bei Lützen 1632 und Wallensteins Diktum, was nach einer Schlacht geschehe, sei wichtiger als die Schlacht selbst.
Attila zog nach der Demütigung in Gallien im Folgejahr gen Italien und wurde dort nach Anfangserfolgen von Hunger, Krankheiten und logistischen Problemen abermals gestoppt. Das war der Anfang vom Ende seiner Herrschaft, die »Kriegerkonföderation« brach nach seinem überraschenden Tod rasch zusammen. Der »Sieg« über Attila und dem Zerfall seines Kriegsvolks war laut Meier allerdings ein wichtiger Grund für den Zusammenbruch des Weströmischen Reiches. Was kurios anmutet, klingt folgerichtig.
Statt eines großen Verbandes standen plötzlich zahllose kleinere Gruppen bereit, ein riesiger Pool an Kriegern, die bereit waren, sich für Beute und Land (!) in den Kampf zu stürzen. Jeder Warlord im zerrütteten römischen Westen konnte problemlos Kriegshaufen zusammenstellen, während die Zentralmacht um Kaiser Valentian III. ausgerechnet Flavius Aëtius (wie Wallenstein durch Ferdinand II.) beseitigen ließ, den Architekten eines halbwegs geordneten Galliens und der Allianz gegen Attila. Wenige Jahre später war Westrom nicht nur faktisch, sondern auch nominell Geschichte.
Anders als im Fall der gegenwärtigen russischen Aggression gegen die europäischen Demokratien muss aber keineswegs davon ausgegangen werden, dass sich im Fall eines hunnischen Erfolges «ein Leichentuch über das occidentalische Leben» gebreitet hätte.
Mischa Meier: Die Hunnen
Das Zitat ist eine ausgesprochen interessante Antwort auf die Frage, was geschehen wäre, wenn Attila sich militärisch durchgesetzt hätte. Dreimal nimmt Meier Bezug auf den allumfassenden Krieg des Moskauer Diktators gegen die Ukraine und Westeuropa. An einer anderen Stelle heißt es, dass wertvolle kulturelle Güter durch die Taliban aus der Hunnen-Zeit zerstört wurden, wie andere Kulturschätze aktuell in der Ukraine durch »russische Angriffshorden« für immer vernichtet werden.
Das erscheint mir ein sehr passender Gegenwartsbezug, der die menschenverachtende russländische Landnahme in eine lange, unselige Tradition stellt. Denn bei allem anderen haben die Raub- und Kriegszüge der Hunnen unendliches Leid über die Bevölkerung gebracht, ganze Landstriche verwüstet, zerstört und entvölkert. So geschieht es heute. Man kann derlei hinter einem Wort wie »Transformation« verstecken, ich bevorzuge allerdings zur Beschreibung von Vergangenheit und Gegenwart »Vernichtung« und »Untergang«.
Ich bedanke mich beim Verlag C.H. Beck für das Rezensionsexemplar.
Mischa Meier: Die Hunnen Geschichte der geheimnisvollen Reiterkrieger C.H. Beck 2025 Gebunden, 534 Seiten Mit 22 Abbildungen und 11 Karten ISBN: 978-3-406-82915-4
Was für eine Drohung. Sie kommt für den Ich-Erzähler ebenso überraschend wie für den Leser. Sie erscheint im ersten Moment seltsam, gemessen am Anlass und dem Erzählstil, doch ist Erinnern und Erinnertwerden nicht immer erwünscht. Cover Unionsverlag, Bild mit Canva erstellt.
Ich verstoße dich, hörst du.
Sylvain Prudhomme: Der Junge im Taxi
Wenn diese Worte gesagt werden, ist die Handlung des Romans Der Junge im Taxi schon so weit vorangeschritten, dass sie eine ganz besondere Wucht entfalten. Jemanden zu verstoßen ist keine leichtfertige Drohung. Ob im familiären oder gesellschaftlichen Kontext beinhaltet sie eine gefährliche Implikation: Wer sein soziales Netz verliert, könnte daran zugrunde gehen. Es liegt etwas Archaisches in diesen Worten.
Imma, die Großmutter des Ich-Erzählers Simon, schleudert diese Worte ihrem Enkel direkt ins Gesicht. Eiskalt ist die Stimme der über neunzig Jahre alten Frau, die erst vor einem Monat zur Witwe wurde und seit dem Tode ihres Mannes Malusci wieder auflebt. In dieser Situation aber brüllt sie ihn an, empört sich, überschüttet ihn mit Zorn und schließt diese Zusammenkunft mit einer Drohung ab, um Simon zu einem Versprechen zu zwingen.
Die geradezu brutale Wucht hebt sich von allem ab, was bis dahin erzählt wird. Im ersten Moment wirkt es geradezu deplatziert, es will weder zu der Person Imma passen noch zu dem Erzählstil des Romans. Sylvain Prudhomme lässt seinen Erzähler sehr genau hinsehen, Details schildern und assoziativ auslegen. In dieses feine Erzählgespinst haut dieser Satz wie ein Kriegshammer.
Perplex ist nicht nur Simon, der sich – zunächst – fügt. Doch passt der Ausbruch zu dem, was sich zeitlich Jahrzehnte vor diesem Moment abgespielt hat, ein wahrhaftiges Verstoßen, das Imma nicht wieder aufrühren, sondern im Vergessen beerdigen will. Da zwicken vermutlich ein schambehaftetes Schuldgefühl und persönliche Verletzungen, es gibt eine Leerstelle für die unwissenden Nachgeborenen, die leer bleiben soll.
In der Leerstelle ruht nämlich M., Sohn Maluscis mit einer Deutschen, mit der er ein Verhältnis hatte, während er als französischer Besatzungssoldat in der Nähe des Bodensees stationiert war. Simon weiß davon nichts, er erfährt es von (»nennen wir ihn«) Franz, dem Mann Julies, ein Onkel also, ausgerechnet auf der Beerdigungsfeier Maluscis. Franz spielt mit dem Gedanken, es öffentlich zu machen, am Sarg den unehelichen Sohn des Verstorbenen aus dem Schatten des Verschweigens zu holen. Er erzählt es stattdessen Simon.
M. der deutsche Sohn von Malusci du weißt doch dass dein Großvater in Deutschland einen Sohn gezeugt hat damals als er am Bodensee Besatzungssoldat war einen Sohn mit einer Deutschen die ein paar Wochen lang gekannt hat das wusstest du doch oder
Sylvain Prudhomme: Der Junge im Taxi
Dieses Kapitel ist dicht erzählt, dabei reflektierend, schonend in einer fast schon skrupulösen Zurückhaltung gefasst, nur an manchen Stellen wird zugespitzt formuliert. Die innere Auflösung Simons durch Franz’ Eröffnung spiegelt sich in der Auflösung der Zeichensetzung. Das Zitat zeigt das sehr schön, die Worte stehen in einem von allen ordnenden Zeichen freien Raum. Simons Welt gerät im Kleinen aus den Fugen.
Natürlich ist seine Neugier geweckt. Warum wurde M. so beharrlich verschwiegen? Prudhomme lässt seinen Erzähler über das Schweigen nachdenken, die Überlegungen gehören für mich zu den Glanzstücken des Romans. Eine Art »Faulheit« und Bequemlichkeit verhindert, die unangenehmen Dinge anzureißen, um den äußerlichen Familienfrieden bei gemeinsamen Essen oder anderen Begegnungen zu wahren.
Dahinter verbergen sich grundsätzliche Fragen. Ist Erinnern per se gut, auch wenn es Unfrieden stiftet? Ist Verschweigen, um Frieden zu wahren, nichts anderes als (feige) Verleugnung. Die Formulierungen erinnern an die Verweigerung hierzulande, sich den Gräueltaten während des Zweiten Weltkrieges zu stellen. Als deutscher Leser kann man gar nicht anders, als an die (zu) viel gerühmte »Erinnerungskultur« zu denken.
Der Junge im Taxi widmet sich einem prekären Thema. Mehr als 400.000 Kinder wurden von alliierten Soldaten mit deutschen Frauen gezeugt, heißt es an einer Stelle im Roman. Ich weiß nicht, ob diese Zahl auch die Massenvergewaltigungen deutscher Frauen durch die Rote Armee einschließt, unabhängig davon ist die Stigmatisierung als »Bastard« eines fremden Soldaten in jedem einzelnen Schicksal vorgezeichnet.
Trotz seines Versprechens gegenüber Imma begibt sich Simon auf die Suche nach Spuren. Da der Roman weder Detektiv- noch Ermittlungserzählung sein will, mäandert diese Suche durch einen Alltag, der von Simons Trennung von A. und den damit verbundenen Widrigkeiten geprägt ist. An manchen Stellen scheint das Thema regelrecht hinter dem Gewöhnlichen zu verschwinden. Doch das ist ebenso nahe an der Wirklichkeit, wie der Umstand, dass eben nicht alles aufgedeckt werden kann (und muss).
Danke an den Unionsverlag für das Rezensionsexemplar.
Sylvain Prudhomme: Der Junge im Taxi Aus dem Französischen von Claudia Kalscheuer Unionsverlag 2025 Gebunden 192 Seiten ISBN: 9783293006324
Ein letztes Mal der Blogmonat, ein Format, das ich nicht fortführen werde. Ein Glanzlicht im Juli war der historische Roman von Steffen Thome. Außerdem gab es eine sehr gute Graphic Novel zu Fritz Lang, zwei vorzügliche historische Werke und einen ausgezeichneten biographischen Roman.
Seit Jahresanfang baue ich meine Arbeit als Schriftsteller und Buchblogger um. Der Prozess ist noch im Gange, er begann schon 2024 und wird noch einige Zeit andauern. Mehr als drei Jahre habe ich in beiden Bereichen viele Erfahrungen gesammelt und einiges ausprobiert, natürlich immer wieder Veränderungen vorgenommen, Formate angepasst und erweitert oder zusammengestrichen.
Ein Umbau reicht weiter als eine Veränderung. So habe ich mich in den vergangenen zwölf Monaten von Facebook und Zombie-Twitter (aka »X«) auf Nimmerwiedersehen verabschiedet, das hochgehandelte Threads ist der nächste Kandidat. Dort habe ich alle Postings, Antworten und Likes gelöscht, da nicht alle interessanten Leute dort auch auf BlueSky aktiv sind, bleibe ich passiv einstweilen dort. Meine Accounts bei Goodreads und Lovelybooks habe ich ebenfalls gelöscht.
Aktiv bleibe ich nur bei BlueSky und mit Abstrichen Mastodon, hinzu kommt ein drastisch verringertes Engagement auf Instagram. Dort schreibe ich gelegentlich eine Kleinigkeit auf meinem Schriftsteller-Account, außerdem kurze Versionen zu Büchern für meinen Blog-Account. Die hektische Jagd nach Reichweite, zu der Metas Algorithmen antreiben, ignoriere ich einfach.
Die Arbeit füllt die Kassen eines höchst fragwürdigen Unternehmens mit abstoßenden Methoden, die Vorteile für mich sind minimal bis nicht messbar. Ich freue mich über das Interesse an Büchern, deren Lektüre mir gut gefallen hat oder die mir wichtig sind. Aber wie misst man eigentlich? Aufrufe und Likes sind kein Interesse, ein höchst flüchtiges Medium wie Instagram und Text schließen sich im Grunde genommen aus.
Für meine Schriftstellerei sind die Internet-Plattformen defacto bedeutungslos. Auch wenn Marketing-Profis etwas anderes behaupten, in meinem Fall gibt es nur marginale Buchverkäufe via SoMe. Zur so genannten »Buchbubble« gehöre ich glücklicherweise nicht, neben brauchbaren Tipps und Anregungen gerade zu Beginn meines Weges als notgedrungener Selbstpublizierer stößt man dort auf viel gedankenlosen Unsinn und die überall anzutreffenden menschlichen Abgründe.
Das Internet wandelt sich durch so genannte Künstliche Intelligenz massiv. Wenn Suchergebnisse, die auch jetzt schon problematisch genug sind, durch KI-Antworten ersetzt oder verwandelt werden, wird sich die virtuelle Realität noch weiter von der Wirklichkeit entfernen, Manipulation und weitere Konzentration werden voranschreiten. Wer ein wenig mit KI herumspielt, macht irgendwann die Erfahrung, wie grotesk vieles ist, was die Software ausspuckt.
Ein schönes Beispiel, das KI zwar künstlich ist, aber nicht wirklich „intelligent“. Die viel beschworenen Halluzinationen der Nachahmer-Software, die sich an Wahrscheinlchkeiten entlanghangelt, sind abstrus, werden aber wohl irgendwann als Wirklichkeit gelten.
Schon jetzt ist es so, dass Internet gleichbedeutend mit Internet-Plattformen (aka »Soziale Medien«) gebraucht wird. Der Surfer hält sich vorwiegend dort auf. Was ist aber mit dem Rest? Konkret: Was ist mit meinem Blog? Kann das alles weg? Möglicherweise. In meinem Fall bleibt es allerdings dabei, dass das Bloggen über Bücher zum Teil meines Lesens geworden ist. Ausgelesen habe ich ein Buch oft erst dann, wenn ich mich damit schriftlich auseinandergesetzt habe. Die Blog-Beiträge sind immer auch Ausdruck meines Zugangs zum Buch. Ich betreibe keine Literaturkritik.
Da es absurd wäre, jedes Buch auf diese Weise zu verarbeiten (wozu auch?), fokussiere ich mich auf wenige, die es wert sind, dass ich mich mit einem ausführlichen Blogbeitrag damit auseinandersetze. Parallel will ich mehr Ressourcen ins Schreiben stecken, phasenweise auch sämtliche mir zur Verfügung stehende Zeit. Dem wird nun der Blogmonat zum Opfer fallen, der in dieser Form hier das letzte Mal erscheint. Ob und wie ich das Format, das beliebteste auf meinem Blog, ersetze, weiß ich noch nicht.
Die Juli-Bücher kurz vorgestellt
Was für ein herausragender Historischer Roman! Stephan Thome hat mit Gott der Barbaren von einem »War on Drugs» ganz anderer Art erzählt. Statt mit Gewalt den Strom von Drogen in das eigene Land zu stoppen, versuchten die Briten im 18. Jahrhundert China zu zwingen, Opium ins Land zu lassen. Während der US-Krieg gegen die Drogen ein Fiasko ist, hatten die Briten letztlich Erfolg. Thomes Roman schildert aus mehreren Perspektiven den Gang der Dinge, es ist beeindruckend, wie er die drei miteinander kämpfenden Fraktionen und ihre Weltsicht darlegt, die alle anderen faktisch ausschließt, dennoch von Zweifeln, offenen Fragen und zum Teil grotesken Widersprüchen geprägt ist. Neben dem offiziellen China und den Briten gibt es noch die Aufständischen, die versuchen, ein Paradies auf Erden zu errichten. Mit sattsam bekannten Nebenwirkungen, wie die Hauptfigur zu spüren bekommt. Ein deutscher Missionar, ehemals 1848er Demokrat auf der Flucht, wird in den Strudel hineingezogen, der Millionen das Leben kostet. Der Gott der Barbaren, der Christengott, ist Teil des Desasters. Einer der besten historischen Romane, die ich je gelesen habe.
Militärgeschichte ist keineswegs nur ein Thema für »Waffennarren und Lehnstuhlfeldherren«. Sie ist ein wesentlicher Teil der allgemeinen Geschichte und gemessen an ihrem Einfluss auf den Gang der Dinge hierzulande eher stiefmütterlich behandelt und wahrgenommen. Stig Förster nimmt sich in seiner voluminösen Darstellung einem halben Jahrtausend deutscher Militärgeschichte an. Explizit stellt er sie in den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang, nimmt Bezug auf andere Segmente der Geschichte, wenn sie etwas beizutragen haben. Deutsche Militärgeschichte* soll dabei kein Handbuch und erst recht kein Lexikon sein, sondern einem breiten Publikum einen Zugang zum Sujet verschaffen. Wie man sich denken kann, muss es naturgemäß Verkürzungen und Fokussierungen geben, doch das kann man getrost inkauf nehmen. Die längsschnittartige Behandlung der Militärgeschichte fördert interessante Erkenntnisse und manchmal auch regelrechte Glanzpunkte zutage. Parallelen und Unterschiede werden sichtbar, langfristige Trends und ihre Brüche. Mit Blick auf die Gegenwart ist Deutsche Militärgeschichte ein wichtiges Rüstzeug für die Auseinandersetzung mit einem überlebenswichtigen Thema. Das Buch ist Teil der von mir sehr geschätzten Historischen Reihe der Gerda-Henkel-Stiftung.
Große Geister, und doch auch kleinkarierte Kreaturen. Überspitzt formuliert, aber der Jenaer Freundeskreis, der sich vor der Jahrhundertwende in der kleinen Universitätsstadt zusammenfand und daranging, das »Ich« in die Welt zu entlassen, gebärdete sich auch reichlich bodennah gemessen an ihren hochfliegenden Worten, Ideen und Gedankengebilden. Andrea Wulf lässt in ihrem Buch Fabelhafte Rebellen auch diese eher profanen, zänkischen, von Eifersucht und Eitelkeit getriebenen Seiten nicht aus. Auf einem Sockel finden sich die Schlegels, Novalis, Fichte und wie sie alle heißen nicht wieder, was die Herrschaften umso lebendiger macht. Ohnehin muss man sagen, dass trotz einiger Ausnahmen mit den Frauen quasi die Hälfte der Menschheit von allem »Ich«- und Freiheitsgedröhn ausgeschlossen war, die Nöte des gewöhnlichen Volks schienen in diese Sphären gar nicht zu gehören. Für mich war die Lektüre hochspannend, die Schaffensweise und gegenseitige Stimulanz etwa von Schiller und Goethe ist ganz wunderbar geschildert, auch die politische Großwetterlage (Napoleon) rumpelt und grollt lange im Hintergrund. Am Ende weckt der Blick in die Zeit und Lebensumstände das Bedürfnis, zu den Klassikern zu greifen und zu lesen.
Zu den großen Stärken des Romans Blue Skies von T.C. Boyle gehört sein konsequent umgesetzter, kommentarloser Stil, in dem er seine Figuren in einer Welt handeln lässt, die von der Erderhitzung heimgesucht wird. Nur wenige Personen agieren an wenigen Orten. Die Personen sind sämtlich bemerkenswert makelbehaftet, was identifikatorisches Lesen fast unmöglich macht. Boyle lotet einen beträchtlichen Teil der menschlichen Abgründe aus. Als europäischer Leser muss man mit direkten Übertragungen vorsichtig sein. Gesellschaftliche Konventionen, der Umgang und das Life-Style der US-Gesellschaft stehen im Fokus, die Klima-Katastrophe ist eher eine aktive Kulisse. Kurios, dass alle einfach weitermachen, sich in Teilen anpassen, ohne eine grundsätzliche Änderung der Lebensweise vorzunehmen. Manche Dinge sind seltsam: Inmitten harscher Wasserknappheit ist der Pool noch gefüllt, die Spülmaschine läuft ununterbrochen, trotz langer Stromausfälle. Ungereimtheiten, die übertroffen werden vom Romanende, mit dem ich hadere. Ein Natur-Elysium (als Hoffnungsschimmer?). Ausgerechnet ein Milliardär sorgt für Abhilfe, was mich schweratmend zurücklässt.
Der Tanz hatte für die Zeit der Weimarer Republik eine ganz besondere Bedeutung, wie Thomas Medicus in seiner vorzüglichen Biographie über Klaus Manndargelegt hat. Dessen Erstling hieß nicht umsonst Der fromme Tanz. Mit diesem Wissen habe ich den Roman Der ewige Tanz von Steffen Schroeder gehört, dessen Planck oder als das Licht seine Leichtigkeit verlor mir ausgesprochen gut gefallen hat. Mit dem neuen Roman nähert sich Schroeder der berühmten und tragisch früh verstorbenen Tänzerin und Schauspielerin Anita Berber an. Die Handlung folgt ihrem Lebensweg, dessen Ende durch die geschickte Struktur der Erzählung vorweggenommen ist. Früh wird klar, wie verhängnisvoll die Mutter Anita Berbers ihrer Tochter gegenübergestanden hat, ein kleines Postkärtchen ans Sterbebett lässt in einen schwarzen Abgrund aus egozentrischer Missgunst blicken. Angenehm ist der Stil Schroeders, der Distanz hält und keine Nähe vorgaukelt, dabei aber einen unverstellten Blick hinter die Kulissen wirft. Ebenso wunderbar sind die vielen Begegnungen, die Anita Berber macht, wie immer bleibt das Bedauern, dass alles für die Katz war, als die Nazis kamen.
Gleich zwei Bücher aus der von mir sehr geschätzten Historischen Bibliothek der Gerda Henkel-Stiftung habe ich im Juli ausgelesen. Der Historiker Pedro Barceló beschäftigt sich mit Spanien oder Hispania in der Antike, er spannt einen weiten Bogen von den Ursprüngen bis zum Beginn des Kalifats. Geschichte Spaniens in der Antike* bietet eine neue Perspektive auf bereits Bekanntes aus der Römischen Geschichte, mit überraschenden Einsichten. So wird der dramatische wie für den Aufstieg Roms zur Weltmacht entscheidende Krieg gegen Karthago nicht auf den italischen Boden fokussiert, sondern auf Hispania. Hannibals Scheitern in Italien hing einmal mit den Erfolgen Roms auf der iberischen Halbinsel zusammen, zum zweiten wurde dort die Grundlage für den Sieg gelegt und zwar auf wirtschaftlicher Basis. Die nachfolgende, schier endlose Eroberung der Halbinsel wirkte sich wiederum direkt auf die römische Innenpolitik aus, mit tiefgreifenden Folgen. Insgesamt ist der Band sehr gut lesbar, von einzelnen Passagen abgesehen, wie dem Anfang, wenn die in Hispania lebenden Stammesgruppen aufgelistet werden. Darüber sieht man jedoch gern hinweg.
Die Handlung des wohl berühmtesten Films von Fritz Lang, Metropolis, spielt 2026, also kommendes Jahr. Was für eine perfekte Gelegenheit, sich diesen Film (und vielleicht noch andere) einmal anzuschauen. WerFritz Lang eigentlich war, wie sein Lebensweg von der Malerei zur Regie führte, wie sich sein Schaffen in der Zeit der Weimarer Republik parallel zum Aufstieg des Nationalsozialismus entwickelte, erfährt man in der Graphic Novel von Arnaud Delalande / Éric Liberge. Die Bilder sind grandios und ausdrucksstark. Die Rolle, die Thea von Harbou für Fritz Lang gespielt hat, wird ebenfalls deutliche, sie hat die Drehbücher für die großen Filme geschrieben und war einige Jahre Langs Geliebte und Ehefrau. In der Graphic-Novel leben sich beide unter anderem durch ihr unterschiedliches Verhältnis zum Nationalsozialismus auseinander, folgerichtig verlässt Land 1934 das Reich, während Thea dort bleibt. Thema ist auch der Tod von Langs erster Frau, offiziell ein Unfall, inoffiziell Mord. Die Graphic Novel lässt das letztlich offen, während die Hauptperson in Steffen Schroeders Der ewige Tanz, Anita Berber, von Mord ausgeht.
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Bücher begleiten mich schon mein ganzes Leben, auf dem Leseweg habe ich sehr viele großartige Romane und Sachbücher lesen dürfen, von denen ich gern erzählen möchte. Das ist ein Grund, warum ich blogge.