Schriftsteller - Buchblogger

Kategorie: Buchvorstellung (Seite 14 von 35)

Jasmin Lörchner / Frank Patalong (Hrsg.): Die Sklaverei und die Deutschen

Der Band skizziert die vielfältigen Verstrickungen Deutscher in die Versklavung von Menschen aus Afrika. Das stiefmütterlich behandelte Thema wird facettenreich angerissen und erlaubt ein besseres Verständnis des komplexen Sujets. Cover DVA, Bild mit Canva erstellt.

Die Zeit des Nationalsozialismus und der einhergehende Zivilisationsbruch einschließlich der historisch völlig einmaligen industriellen Vernichtung von Millionen Menschen steht zwischen der Gegenwart und der deutschen Geschichte vor 1933 wie eine dicke, schwarze Rauchwand. Dahinter bleiben viele wichtige Aspekte und Entwicklungen, positiv wie negativ, oftmals verborgen. Kolonialismus und Sklaverei gehören dazu.

Das Buch Die Sklaverei und die Deutschen, herausgegeben von Jasmin Lörchner und Frank Patalong, bietet einen Zugang zu einer ganzen Reihe von Facetten der Sklaverei und der direkten und indirekten Beteiligung Deutscher an dem finsteren Kapitel. Die Sammlung von knappen, journalistischen Beiträgen hat selbstverständlich ihre Grenzen, wer eine historiographische Monographie erwartet, kann nur enttäuscht werden.

Umgekehrt eröffnet die Herangehensweise einige Vorteile. Ein breites Publikum kann durch das Buch angesprochen und erreicht werden, was angesichts der Bedeutung des Themas für die Gegenwart nur wünschenswert ist. Immer wieder gibt es Debatten um Straßennamen oder Denkmäler, die bisweilen auf Unverständnis treffen und von interessierten Kreisen für schamlose Agitation ausgenutzt werden.

Zeuske: Sklaverei ist die gewaltsame Kontrolle und die Kapitalisierung von Körpern. Da spielen Aspekte wie Geschlecht und Status, extrem viel Arbeit, Ausbeutung, Unterdrückung und körperliche Dienstleistungen mit rein.
Mallinckrodt: Ich fasse Sklaverei enger. […] [Ich] stütze mich auf eine rechtliche Definition, angelehnt an das römische Recht: Ein versklavter Mensch gilt nicht als Person. Er oder sie wurde als bewegliche Habe angesehen, konnte verkauft, vererbt oder verschenkt werden, war selbst nicht rechtsfähig, konnte also nicht als Zeuge aussagen oder klagen.

Jasmin Lörchner / Frank Patalong (Hrsg.): Die Sklaverei und die Deutschen

Nach der Lektüre wird deutlich, wie sehr das Geschäft mit dem Menschenhandel auch in Deutschland gewirkt hat. Völlig in Vergessenheit geraten ist hierzulande, dass ein deutscher Staat einen Anlauf unternommen hat, Macht und Größe durch das Geschäft mit versklavten Afrikanern zu mehren: Brandenburg-Preußen gründete zu diesem Zweck eine kleine Kolonie (Groß-Friedrichsburg) an der so genannten Goldküste und pachtete in Karibik eine Insel, um dort die in Afrika erworbenen Sklaven zu verkaufen. Das blieb Episode, Piraten, andere Kolonialmächte und hauseigenes Desinteresse beendeten das Unternehmen rasch.

Dennoch haben hunderttausende Deutsche beim lukrativen Menschenhandel mitgewirkt. Da waren Kaufleute wie Friedrich Romberg, der als Reeder auf Sklavenschiffe setzte und große Reichtümer anhäufte, ehe ihn Napoleons Kriege ruinierten. Da waren die deutschen Fürsten und Bürger, die ihr Haus mit einem »Hofmohren« schmückten oder einen Afrikaner als Diener »hielten«, die offiziell keine Sklaven waren, aber von Freiheit weit entfernt.

Überraschend ist, wie viele Deutsche etwa in Diensten der Vereinigten Ostindischen Compagnie (VOC) der Niederlande tätig waren und sich auf diesem Weg direkt an Kolonisation und dem Menschenhandel beteiligten. Das waren nicht ein paar hundert oder tausend, sondern hunderttausende Menschen aus deutschen Landen. Städte wie Hamburg und Bremen haben auch direkt von dem Geschäft mit dem Menschenhandel profitiert.

»Deutsche stellten Kapital, Schiffe, Plantagenausrüstung und Kleidung bereit, produzierten Waren für den Tauschhandel und verarbeiteten durch Sklavenarbeit gewonnene Güter wie zum Beispiel Zucker weiter.«

Jasmin Lörchner / Frank Patalong (Hrsg.): Die Sklaverei und die Deutschen

Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts gab es kein einiges Deutschland und eigene Kolonien kamen deutlich später, was es erleichterte, die Position zu vertreten, man habe mit dem Sklavenhandel nichts zu tun gehabt. Nach der Lektüre von Die Sklaverei und die Deutschen ist diese bequeme Haltung im Grunde passé. Damit wird die Tür aufgestoßen für ein angemessenes Verständnis aktueller Themen, etwa die Frage von Entschädigungen und Reparationen.

Wirklich gut ist die Vielfalt der Themen, die in dem Buch angerissen werden: sexueller Missbrauch und Ausbeutung weiblicher Sklaven, die Aufstände auf Hispaniola (hier sei auf den älteren Roman von Alejo Carpentier, Explosion in der Kathedrale verwiesen, der sehr schön die Grenzen von Aufklärung und Befreiung zeigt). Aber auch der Vergleich zu der Leibeigenschaft wird ebenso geführt, wie zu der Unfreiheit in den deutschen Kolonien. Nicht zuletzt wird die Versklavung mit Vernichtungsabsicht durch die Nationalsozialisten angerissen.

Besonders beeindruckt haben mich zwei Dinge. Natürlich gab es auch Widerstand, in Form autonomer Territorien entlaufener Sklaven etwa, aber auch durch den Suizid: Versklavte versuchten, über Bord zu springen oder sich zu Tode zu hungern. Nichts verdeutlicht die Verzweiflung, aber auch die Klarsicht der Versklavten über ihr Schicksal deutlicher. Bemerkenswert ist auch, dass Forscher für den Menschenhandel in Afrika, etwa ins Osmanische Reich, wesentlich mehr Betroffene errechnet haben als für den Atlantik-Handel.

Das Thema wird nicht aus der Gegenwart verschwinden, wie nicht zuletzt das Kapitel Mitten unter uns zeigt. Da Zeit das kostbarste Gut ist und viele Leser zwischen einer Unzahl an Publikationen geradezu zerrieben werden, sind Kompendien wie Die Sklaverei und die Deutschen geradezu prädestiniert dazu, einen schnellen, vielfältigen und zur vertiefenden Lektüre und Beschäftigung mit dem Thema anregenden Zugang.

Rezensionsexemplar

Jasmin Lörchner / Frank Patalong (Hrsg.): Die Sklaverei und die Deutschen
Eine Geschichte von Ausbeutung, Profit und Verdrängung
Deutsche Verlags-Anstalt 2024
Hardcover 240 Seiten
ISBN: 978-3-421-07024-1

Richter / Kretschmer: Die Sieben Leben des Stefan Heym

Ein bewegtes Leben voller radikaler Wendungen und Brüche, immer politisch und historisch sowie literarisch hochproduktiv. Cover C.Bertelsmann, Bild mit Canva erstellt.

Es dürfte nicht allzu oft vorkommen, dass ein Gedicht Gegenstand einer Debatte im Landtag wird. Stefan Heym alias Helmut Flieg ist dieses Kunststück gelungen, es hat ihm allerdings weder Ruhm noch Ehre eingetragen. 1931 hat er ein Poem unter dem Titel Exportgeschäft veröffentlicht, das in der »Chemnitzer Volksstimme« abgedruckt wurde. Dafür hat er ein Honorar von dreißig Reichsmark erhalten und ist von der Schule geflogen.

Die »Sektion Chemnitz Mitte der NSDAP« forderte den Verweis des Schülers, die bedrückenden Illustrationen unterstreichen, wie sehr die Gedicht-Zeilen Empörung und Wut in bestimmten Kreisen hervorriefen: Aufgestachelte Leser, Schulpersonal und Schüler, die den »Schmierfink« körperlich traktierten, wobei es wenig hilfreich war, dass Helmut Flieg als Jude galt.

Ich benutze diese leicht gewundene Formulierung, um deutlich zu machen, dass »Jude« in den 1930er Jahren auch eine Zuschreibung von außen auf Menschen war, die gar keine Juden sein wollten bzw. im Leben nicht darauf gekommen wären, »jüdischer Abstammung« zu sein oder als »Jude« zu gelten. Die Nationalsozialisten haben viele Menschen erst zu Juden gemacht und – ganz wichtig – darauf reduziert. Helmut Fliegs Judentum ist eher weltlicher Natur gewesen.

Die Eltern bzw. der Familienrat, dem der Betroffene selbst gar nicht angehörte, beschlossen, dass der junge Dichter nicht auf der Schule und nicht in Chemnitz bleiben könne; das bildete den Auftakt zur ersten Flucht Fliegs / Heyms, diesmal noch innerhalb Deutschlands: Er zog nach Berlin. Mit dabei eine Schreibmaschine, die er für das Honorar gekauft hatte, und die ihm über viele Jahrzehnte während aller folgenden Fluchten treu blieb.

Wir exportieren! Wir exportieren!
Wir machen Export in Offizieren!
Wir machen Export! Wir machen Export!
Das Kriegsspiel ist ein gesunder Sport!

Der Anfang von Helmut Fliegs Gedicht: Exportgeschäft

Der Auslöser für das Spektakel, das Gedicht Exportgeschäft, ist in Die Sieben leben des Stefan Heym abgedruckt, wie viele andere auch. Sie sind für sich genommen nicht unbedingt Gipfelstürmer der Poesie, beeindrucken aber dennoch, weil sie großartig zu den Illustrationen passen und diese zu ihnen. Wenn Flieg einige Dutzende Seiten später Deutschland verlassen und nach Prag fliehen muss, sind die gedichteten Zeilen ganz wunderbare Spiegel seines Inneren.

Flieg / Heym ist immer politisch gewesen, so auch bei seiner literarischen Feuertaufe: Exportgeschäft befasst sich mit der militärischen Zusammenarbeit des Deutschen Reichs und Chinas, das neben Waffen, Ausrüstung und Ausbildung auch den »Export« von Offizieren vorsah. Das ist übrigens der Grund dafür, warum chinesische Soldaten auf Bilder aus dieser Zeit oder in Filmen wie John Rabe irritierenderweise Wehrmachtsstahlhelme tragen. In den 1930er Jahren hat Hitler entschieden, statt auf China lieber auf Japan zu setzen.

Chinesische Soldaten mit deutschen Stahlhelmen.

Kurz nach der Machtübertragung an Adolf Hitler floh Helmut Flieg nach Prag, unter dramatischen und prekären Umständen. Dort wird er zu Stefan Heym, ein Deckname zunächst, dann ein Pseudonym und wohl auch eine neue Identität. Es ist erstaunlich, wie sehr das Leben von Flieg / Heym mit den politisch-historischen Ereignissen des zwanzigsten Jahrhunderts verknüpft ist und genau darin liegt ein ganz großer Vorzug dieser wunderbaren Graphic Novel.

Didaktisch ist das Buch sehr gut aufgebaut, der Leser ist (dank erklärender Kästchen, einem Zeitstrahl mit Ortsangabe) gut orientiert. Das Buch wirkt dabei sehr ausgewogen, erfreulicherweise wird der nämliche Anteil rechtsradikaler Serben an dem Weg in den Ersten Weltkrieg, wie ihn Christopher Clark in Die Schlafwandler herausgearbeitet hat, genannt, statt nur von deutscher Kriegsschuld zu schwadronieren.

Auch die fürchterlichen Abgründe in Stalins Reich bleiben nicht unerwähnt. Das ist in vielfacher Hinsicht wichtig, weil linke Intellektuelle in Westeuropa lange an einem Phantombild der Sowjetunion festhielten, Arbeitslager (Gulag), Massentötung, Erschießungen und gezielte Hungernöte mit Millionen Toten (Holodomor, Ascharschylyq) sowie die aggressive, militärische Expansion einfach ignorierten.

Die Nase rümpfen muss ich allerdings bei der Erwähnung des späteren Korea-Krieges, hier wird der Eindruck vermittelt, der ginge allein auf die USA zurück, denen auch noch die Brutalität des Krieges und die zivilen Kriegsopfer zugeschrieben werden – was tatsächlich Unfug ist. Die Autoren haben ihren Band so gestaltet, dass sie vor allem Heyms Texte sprechen lassen – möglicherweise hätte hier deutlicher werden müssen, dass es sich um die spezifische Sicht des Autors handelt.

Nachdem die USA in Korea einen für Stefan Heym unerträglichen und brutalen Krieg mit Millionen ziviler Opfer geführt hatten […], [gab] er sein Reserveoffizierspatent und seinen  Orden mit der Begründung zurück, dass dieser durch den ungerechten Krieg gegen das koreanisch Volk entehrt worden sei.

Richter / Kretschmer: Die Sieben Leben des Stefan Heym

Konsequent ist allerdings, dass Heym trotz seiner US-Staatsbürgerschaft, der Ablehnung, die ihm in Europa, namentlich Prag, Warschau und Moskau entgegengeschlagen ist, seine militärische Auszeichnung zurückgab. Diese Unangepasstheit setzte ihn zwischen alle Stühle, mit einer bemerkenswerten Beharrlichkeit hat der Autor an jedem Ort der Welt gegen das aufbegehrt, was ihm an den Lebensverhältnissen misshagte, sei es in den USA, sei es in der DDR.

So entstand ein Lebensweg, der bereits 1945 mit derart vielen dramatischen Wendungen versehen war, dass der Titel Die sieben Leben des Stefan Heym mehr als berechtigt erscheint. Es handelt sich tatsächlich um eine Novel, denn oft kommen Teile seines Werkes zu Wort, was in Kombination mit den wirklich großartigen Illustrationen einen Einblick in das Denken des Autors erlaubt.

Mir hat das Bild auf dem Cover besonders gut gefallen. Es wirkt, als stellte es den Einzelnen im (Mahl)Strom der Geschichte dar. Das mag etwas arg pathetisch klingen, doch trifft es das Leben des Schriftstellers recht gut, denn bei allem Engagement, bei allem Aufbegehren und Kämpfen, waren die Umstände immer mächtiger.

[Rezensionsexemplar]

Richter / Kretschmer: Die Sieben Leben des Stefan Heym
C.Bertelsmann 2024
Graphic Novel
Hardcover, 280 Seiten
ISBN: 978-3-570-10471-2

Derek Marlowe: Ein Dandy in Aspik

Ins geteilte Berlin mitten im Kalten Krieg führt dieser ungewöhnliche Spionageroman mit einem Helden, der für Furore sorgte. Cover Elsinor-Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Welches Bild auch immer der Begriff „Aspik“ in den Kopf zaubern mag, ein darin eingelegter – kann man sagen: eingelegt? – Dandy (ausgerechnet) wirkt mindestens schräg, in jedem Fall schillernd und ein wenig unappetitlich. Man assoziiert am ehesten jenen sprichwörtlich im Beton eines Bauwerks entsorgten Ermordeten, der aber dadurch aus dem Blickfeld verschwindet. Was in Aspik verwahrt wird, bleibt verzerrt sichtbar.

Mit dem Titel des Spionage-Klassikers von Derek Marlowe sind die Seltsamkeiten dieses Romans nicht beendet. Die Hauptfigur von Ein Dandy in Aspik tritt dem Leser reichlich dubios entgegen. Zurückgezogen, geradezu isoliert führt Alexander Eberlin sein Leben, ein schweigsamer Hausangestellter ist die einzige Person, die regelmäßig in seinem Haushalt auftritt.

Eberlin ist 36 Jahre alt und findet das Alter missvergnüglich. Zu alt für Übermut und Tatkraft der Jugend, zu jung für die Respektabilität des gesetzten Alters – eine schnoddrig-kauzige Haltung, die zum Dandy recht gut passt, wie seine gute Kleidung. Aber dieses stimmige Bild bekommt früh in der Handlung Risse, denn der billige Wein, der laut Eberlin wie Abwasser schmecke, gehört in eine andere, unkultivierte Welt.

In einer Ecke saßen drei arbeitslose Schauspieler und sprachen von sich selber.

Derek Marlowe: Ein Dandy in Aspik

Während der gesamten Romanhandlung wird der Leser immer wieder mit derartigen Brüchen konfrontiert. Dabei handelt es sich nicht etwa um „Fehler“ des Autors, sondern ein gezielt eingesetztes Stilmittel. Der Leser soll stutzen, verwirrt blinzeln und aufmerksam weiterlesen, ob und wie sich derlei Seltsames irgendwann aufklärt.

Das Leben des Alexander Eberlin ist jedenfalls nicht das, was es zu sein vorgibt. Da wäre der Masarati Mistrale, ein schnittiger Sportwagen im Stile eines James Bond-Autos, mit dem man wunderbar durch das kurvenreiche Südfrankreich brausen kann. Er steht in einer Werkstatt bei Lyon – was Eberlin zur Nutzung von Taxis und Öffentlichen Verkehrsmitteln zwingt.

Martin Compart verweist in seinem vorzüglichen Nachwort zurecht auf die geradezu groteske Vorstellung, James Bond, die Ikone des Kalten-Krieg-Spions, würde mit Bus oder Taxi fahren müssen. Dieser tiefgreifende Bruch mit dem monolithischen Bild des souverän agierenden Agenten-Helden ist Ausdruck eines viel weiter reichenden Risses: Eberlin ist Doppelagent.

Sein eigentlicher Name ist Krasnevin, seine Tätigkeit für die Briten nur Tarnung, eine ziemlich gute, um seinem Job nachzugehen: Töten. Eberlin / Kransnevins Aufgabe besteht darin, gefährliche Agenten auf Seiten der Briten auszuschalten. Er agiert in dieser Hinsicht durchaus erfolgreich.

Er hatte sie unterschätzt. Alles, was jahrelang sorgfältig geplant worden war, begann zusammenzustürzen.

Derek Marlowe: Ein Dandy in Aspik

Damit bekommt das zunächst obskur wirkende Verhalten Eberlins zumindest einen Sinn. Den Agenten ohne Auto plagt Heimweh nach Russland, er möchte zurück, was seine Vorgesetzten ablehnen. Das Motiv prägt die Verhaltensweise der Hauptfigur während des Romans und erklärt vielleicht auch, warum es diesem bisweilen an Professionalität mangelt.

Mehrfach wird er von anderen Agenten, insbesondere seiner Nemesis namens Gatiss, für sein unvorsichtiges, laienhaft dilettantisches Verhalten gerügt. Wieder liegt der Vergleich zu James Bond nahe – man stelle sich das einmal vor … Recht früh zeig sich, wie sehr Eberlin seinen Kontrahenten Gatiss fürchtet, er fürchtet eine Enttarnung.

Ein Dandy in Aspik spielt in den 1960er Jahren, mitten im Kalten Krieg, kurz nach dem Mauerbau – also in einer untergegangenen Welt. Die entlang klarer Linien verlaufende Konfrontation von West und Ost, Demokratie und Autokratie ging mit einer Dämonisierung des Gegners einher, der Typus des kommunistischen Ostagenten weicht von Eberlin / Krasnevin beträchtlich ab.

Derek Marlowe spielt in seinem Roman ein wenig mit diesem holzschnittartigen Gut-Böse-Schema, Heimweh will nämlich nicht recht zum Bild des ideologisch motivierten Agenten aus der Sowjetunion passen. Sicher ist es kein Zufall, dass ausgerechnet Gatiss den hochprofessionellen, kalten, emotionslos-unmenschlich handelnden Agenten verkörpert, der für den Westen arbeitet.

Jetzt hatte er glücklich drei Namen. Eberlin, die Dreifaltigkeit.

Derek Marlowe: Ein Dandy in Aspik

Eberlin wird auf eine Mission nach Berlin entsandt, der symbolgeladenen Frontstadt des Kalten Krieges. Inter dem Decknamen George Dancer soll er nach Krasnevin suchen. Er jagt also sich selber, eine wunderbare Quelle für haarsträubende Situationen, die Marlowe weidlich ausnutzt. Besonders groteske Umstände ergeben sich anlässlich eines Versuchs, die Grenze nach Ostberlin zu überschreiten.

Eberlin / Krasnevin / Dancer versucht, nach Osten zu entkommen, um sich der persönlichen Gefährdung zu entziehen und seinem Heimweh gegen den Willen seiner Vorgesetzten den Stachel zu nehmen. Wer einmal selbst einen Grenzübertritt in die DDR unternommen hat, wird die Umstände von Eberlins Versuch als schauerliche Reminiszenz empfinden, jene uniformiert-abweisende Unhöflichkeit, kaum verborgen vom Schleier bürokratischer Worthülsen und Ausflüchte.

Die Zwangslage, in der sich Eberlin befindet, spitzt sich stets zu, die Handlung ist zunehmend von Rasanz und abrupten Wendungen geprägt. Fast unnötig zu erwähnen, wie spannend das ist, obwohl Marlowe es versteht, auch das mit einem ironischen, sarkastischen Unterton zu erzählen.

Viele Dialoge von Ein Dandy in Aspik sind von befremdlicher Krautigkeit. Wo professionell-kühle Gesprächsführung zu erwarten wäre, sind die Wortbeiträge oft ein sprunghaftes, von Assoziationen getriebenes Mäandern. Vielleicht ist das auch ein Echo eines spezifischen Lebensgefühls, das möglicherweise viele Zeitgenossen befallen hatte, sei es im mauerdurchschnittenen Berlin, sei es auf den britischen Inseln: der Eindruck, in einer unwirklichen Welt zu leben.

Wie bei den anderen Bänden der Klassiker-Reihe aus dem Elsinor-Verlag ist auch bei Ein Dandy in Aspik das Nachwort von Martin Compart absolut lesenswert, denn es erhellt den Entstehungsprozess des Buches und gibt dem Leser einen Einblick in das Leben des Autors. Hinzu kommt noch ein sehr interessanter Beitrag Rolf Giesen über die kuriosen Umstände der Verfilmung des Buches.

[Rezensionsexemplar]

Weitere Besprechungen der Klassiker-Reihe:
Fearing, Kenneth: Die große Uhr.
Buchan, John: Der Übermensch.
A.D.G.: Die Nacht der kranken Hunde.
John Mair: Es gibt keine Wiederkehr.
Richard Hallas: Wer verliert gewinnt.

Derek Marlowe: Ein Dandy in Aspik
Aus dem Englischen von Erika Nosbüsch
Ein Klassiker des Spionageromans
Hrsg. von Martin Compart
Elsinor Verlag 2024
Klappenbroschur 256 Seiten
ISBN: 978-3-942788-74-8

Uwe Wittstock: Marseille 1940

Die Wehrmacht zermalmte im Frühjahr 1940 ihre Gegner, was viele in Frankreich lebenden Exilanten in eine lebensbedrohliche Lage brachte und zur oft verzweifelten Flucht zwang. Cover C.H. Beck, Bild mit Canva erstellt.

Die südfranzösische Stadt Marseille platzte im Sommer 1940 aus allen Nähten. Zu den 900.000 Bewohnern aus der Vorkriegszeit kam noch eine halbe Million Menschen hinzu, die man etwas despektierlich als Treibgut des Krieges bezeichnen könnte: Flüchtlinge aus vielen europäischen Ländern, britische Soldaten, Fremdenlegionäre, Angehörige der französischen Kolonialtruppen (Algerien, Indochina, Marokko), demobilisierte Franzosen.

Es war ein buntes Gewirr des Schreckens, denn das exotische Gemenge der Kleidung überdeckte nicht die pure Not der Gestrandeten, von denen die überwältigende Mehrheit vor allem eines wollte: raus aus Frankreich, weg vom Krieg. Die Wehrmacht hatte Frankreich, die Niederlande, Belgien und Luxemburg innerhalb weniger Wochen überrollt und Millionen fliehende Menschen wie eine Bugwelle vor sich hergetrieben. Aus französischer Sicht hat Pierre Lemaitre diese Zeit in seinem brillanten Roman Der Spiegel unseres Schmerzes beschrieben.

Zu den Flüchtlingen gehörte eine recht kleine Schar deutschsprachiger Literaten, die nach 1933 aus Deutschland (später auch Österreich und der Tschechoslowakei) fliehen mussten, also schon die zweite oder dritte Flucht durchlitten. Ihnen widmet sich Uwe Wittstock in seinem Buch Marseille 1940, ohne dabei zu unterschlagen, dass es sich nur um die sprichwörtliche sichtbare Spitze des Eisbergs handelt: Die prominenten Literaten ließen Spuren in Form schriftlicher Zeugnisse, die überwältigende Mehrheit der vor dem Nazi-Terror Fliehenden nicht.

Vor den Augen Amerikas bricht eine Nation zusammen, die als Inbegriff der Zivilisation, Aufklärung, Eleganz und Lebensfreude gilt.

Uwe Wittstock: Marseille 1940

Es ist gut, dass Wittstock gleich zu Beginn deutlich macht, wem er sich – mangels überlieferter Materialien – zwangsläufig nicht widmen kann (hier sei auf den Roman Die Nacht von Lissabon von Erich Maria Remarque verwiesen). Der Fokus auf literarische Prominenz kann das Bild durchaus verzerren, denn einige Literaten konnten immerhin auf ihre Bekanntheit, eine gewisse Vernetzung und Hilfe von außen hoffen. Die gewöhnliche Zeitgenossen hatten wenig Aussicht, die Aufmerksamkeit der First Lady in den USA, Eleanor Roosevelts, zu erhalten, wie etwa Lion Feuchtwanger.

Genutzt hat es ihm im gewissen Rahmen, doch die restriktiven Rahmenbedingungen für Fliehende ließen sich selbst in diesem Fall nicht außer Kraft setzten – in allen anderen Fällen auch nicht. Es sind Motive, die auch in der Gegenwart die so genannte Flüchtlingsdebatte beherrschen und schwer erträglich machen. Ganz vorn dabei: Bürokratie. Aber auch einander widersprechende Aktivitäten vor Ort, wenn Botschafts- und Konsulatsangehörige Anträge verschleppen, blockieren, während gleichzeitig andere als hilfreiche Wegbereiter auftreten.

Die Lage im Marseille 1940 war politisch und rechtlich kompliziert. Der größte Teil Frankreichs war von der Wehrmacht okkupiert, bis Ende 1942 blieb ein gewisses Gebiet unter der Kontrolle eines ultrakonservativen, rechten Regimes unter Petain. Von diesen hatten Fliehende, vor allem Kommunisten und Juden, wenig Gegenliebe zu erwarten, dank deutschen Drucks galt das für alle, die in Hitlers Deutschland als Staatsfeinde angesehen wurden. Vichy-Frankreich war bis Ende 1942 eine seltsame Zwischenwelt, nicht frei, aber eben auch noch nicht unter der direkten Zuchtrute des „Dritten Reichs“.

Da Italien an der Seite Deutschlands in den Krieg eingetreten war und Spanien zwar neutral, aber durch das rechte Franco-Regime nur bedingt eine Fluchtoption, blieb vor allem Portugal als Ziel, das nur unter großen Schwierigkeiten und Gefahren zu erreichen war. Welche haarsträubenden, dramatischen und durchaus tragischen Schicksale diese geopolitische Zwangslage der in Südfrankreichs Metropole angespülten Flüchtlinge heraufbeschwor, schildert Marseille 1940 in einer mitreißenden Weise, die den Leser rasch gefangen nimmt.

Eine ganze Generation europäischer Kulturgrößen droht innerhalb der nächsten Wochen ermordet zu werden.

Uwe Wittstock: Marseille 1940

Dazu trägt auch der besondere Montage-Stil bei, den Wittstock bereits in Februar 33 verwendet hat. Neben den stets wechselnden Perspektiven, die insgesamt aber die alles umstürzende Gewalt des „Blitzkrieges“ abbilden, werden einzelne Passagen eingestreut, die schlaglichtartig erhellen, welche Art Krieg von den deutschen bewaffneten Verbänden auch im Westen geführt wurde. Die Erschießung von dunkelhäutigen Soldaten der französischen Streitkräfte nach deren Kapitulation etwa, ein Kriegsverbrechen, das historisch im Schatten der millionenfachen Verbrechen im Osten steht. Durch diese Passagen wird die Lebensgefahr für die vielen Flüchtlinge unterstrichen – das “Dritte Reich“ exekutierte seine Ideologie gnadenlos.

„Blitzkrieg“ ist ein wichtiges Stichwort: Wenn wir Bilder vom Krieg sehen, ist es allzu oft Propaganda aus Goebbels Filmschmieden des “Dritten Reichs“. Éric Vuillard hat in seinem Buch Die Tagesordnung darauf hingewiesen, auch gibt es Dokumentationen, die offenbaren, dass in den deutschen Wochenschauen Aufnahmen gezeigt wurden, die vor den Ereignissen (wie dem Angriff auf Frankreich) gedreht wurden. Um Aktualität vorzuschützen, wurden diese in den Kinos mit den entsprechenden Worten umgedeutet; bis heute prägen sie aber unser Bild vom „Blitzkrieg“ im Westen, der mit dem tatsächlichen Krieg wenig zu tun hat.

Bücher wie Marseille 1940 sind auch deswegen so wertvoll, weil sie die sauberen Propaganda-Bilder Lügen strafen und den Blick auf eine ganz andere, brutalere, grausamere Wirklichkeit voller Verzweiflung, Todesnot und tiefer Abgründe freigeben. Das gilt auch für die Behandlung von Flüchtlingen in Frankreich, die dort interniert wurden. Der Zweite Weltkrieg war auch ein Krieg der Lager, in fast jedem Land (selbst den USA, wie David Gutersons Roman Schnee, der auf Zedern fällt am Beispiel japanischstämmiger Amerikaner zeigt) gab es sie.

Zwar sind sie in Frankreich keine Konzentrations- oder gar Vernichtungslager gewesen, doch die haarsträubenden hygienischen Verhältnisse, die unzureichende Versorgung und die bedrückende Unsicherheit machten aus ihnen kleine Höllen für die Insassen. Doch viele Verhaltensweisen der Gefangenen, aber auch des Wachpersonals sind seltsam vertraut aus der vielfältigen Lagerliteratur. Besonders musste ich an Hannah Arendt denken und ihren recht eigenmächtigen Umgang mit der Lage, aber auch an die Franzosen, die sich unter bestimmten Umständen ebenfalls in Internierungslagern wiederfanden.

Ihre Zusammenkünfte wirken dann wie bittere Parodien auf jene Künstlertreffs, die seinerzeit in Pariser Café du Dôme oder in Romanischen Café in Berlin stattfanden.

Uwe Wittstock: Marseille 1940

Bemerkenswert ist ein Umstand, den man getrost als Grundkonstante des Fliehens und des Engagements für Flüchtlinge bezeichnen könnte: Illegalität. Man kennt dieses Wort aus zahllosen Politiker-Reden der Gegenwart. Eine der wichtigsten Personen in Marseille 1940, die ich bislang noch gar nicht erwähnt habe, hat im Kern eine Organisation initiiert und vor Ort geführt, die man getrost als illegale Fassadenfirma einer Fluchthilfe-Gesellschaft bezeichnen könnte. Historisch ist diese Form des Gesetzesbruch heroisch, doch wie würde Varian Fry wohl in der Gegenwart gesehen werden?

[Rezensionsexemplar]

Uwe Wittstock: Marseille 1940
Die große Flucht der Literatur
C.H. Beck-Verlag 2024
Hardcover 351 Seiten
mit 28 Abbildungen und 2 Karten
ISBN: 978-3-406-81490-7

J.R.R. Tolkien: The Lord of the Rings

Es ist und bleibt für mich der einzige wirklich gute Fantasy-Roman, den ich kenne. Zu Weihnachten 2023 gab es diese wunderschöne Prachtausgabe des englischen Originals. Die Lektüre ist für mich mittlerweile mehrstimmig – Deutsch, Englisch, Film und Computer-Spiel überlagern sich.

Unter dem Weihnachtsbaum lag sie: die Prachtausgabe des The Lord of the Rings von J.R.R. Tolkien. Sie ist wunderschön, allein die Haptik der gebundenen Bücher, das Papier, die Motive auf den Schutzumschlägen wie auch die Illustrationen innen. Eine wahre Pracht. The Hobbit ist als viertes Buch im Schuber auch mit dabei, den habe ich aber schon einmal auf Englisch gelesen. Also konnte ich gleich mit der Lektüre von The Lord of the Rings beginnen.

Mittlerweile lese ich Tolkien Opus Magnum »mehrstimmig«, es überlagern sich Bilder und Stimmen aus ganz verschiedenen Medien, die ich im Laufe der vergangenen vierzig Jahre zu Der Herr der Ringe gelesen, gesehen, gehört und gespielt habe. Alle begleiteten meine Lektüre von The Lord of the Rings und sorgten manchmal für ein kurioses Durcheinander in meiner Vorstellungswelt.

Am Anfang meines Lese-Weges mit dem einzigen Fantasy-Abenteuer, das ich wirklich mag, bildete Der Herr der Ringe in der Übersetzung von Margaret Carroux. Mit elf oder zwölf Jahren habe ich den Dreiteiler erstmals gelesen, danach immer wieder, sogar einmal laut vorgelesen (eines der schönsten Weihnachtgeschenke überhaupt). Jede Lektüre dieser deutschen Version des Ringkrieges ist so etwas wie eine Heimkehr gewesen.

»Fly, you fools!«

J.R.R. Tolkien: The Lord of the Rings

Die Filmtrilogie von Peter Jackson habe ich auch mehrfach gesehen, auf Deutsch und Englisch. Sie hat die stärksten Bilder hinterlassen, aber auch den meisten Ärger verursacht. Wann immer ich das Buch lese, wundere ich mich über die Veränderungen im Film, die dem Werk Tolkiens einen beträchtlichen Teil seiner Wirkung rauben. Warum? Um Arwen eine kleine, sinnfreie Nebenrolle zu gewähren? Für ein paar billige Show-Effekte? Ein schönes Beispiel dafür sind die Wurfmaschinen des Ork-Heeres: Bei Tage werden Steine, nachts Brandgeschosse auf Minas Tirith gefeuert.

Die schönsten Bilder Mittelerdes kenne ich aber aus einem Computerspiel: Der Herr der Ringe online. Mit meinem Hauptmann habe ich ein paar Jahre die Gegenden von Bree bis Bruchtal, von Forochel bis Pelagir unsicher gemacht. Lange ein großes Spektakel, bis das MMOG schließlich seinen Reiz verlor, ein Schicksal, das bislang noch jedes Spiel dieses Genres ereilte.

Aber die Landschaft! Unglaublich schön gestaltet. Auf der Wetterspitze habe ich mit meinem Avatar manchmal einfach nur so gestanden und in die Gegend geschaut und »mein« erster Ritt nach Minas Tirith bleibt unvergessen. Durch das Spiel habe ich während der Lektüre immer wieder das Gefühl gehabt, schon einmal selbst vor Ort gewesen zu sein. Das gilt vor allem für die wunderbaren Städte, aber auch Moria, Lothlorien, weniger für Fangorn, dessen uralt-boshafte Düsternis nicht einmal im Ansatz spürbar war.

Beim Lesen immer dabei: Historischer Atlas von Mittelerde von Karen Wynn Fonstad. Man kann auf den Karten die Wege der Gefährten, die Orte, die Schlachten usw. wunderbar verfolgen, für mich ein gesteigertes Vergnügen, nicht nur, weil ich generell gern einen Atlas hinzunehme, wenn ich einen Roman mit historischem Inhalt lese, sondern weil sich hier aus meiner Sicht eine der großen Stärken von The Lord of the Rings offenbart – das führte hier aber zu weit.

Don´t use it!

J.R.R. Tolkien: The Lord of the Rings

Meine erstmalige Lektüre der englischen Version fühlte sich insgesamt eher wie ein Erstlesen an, denn wie ein erneutes Lesen. Durch die englische Sprache wirkt das so vertraute Geschehen überraschend fremd, die Namen der Personen und Orte hingegen direkter und gleichzeitig in gewisser Hinsicht poetischer. Das mag Einbildung sein, hervorgerufen durch die häufigen Lektüren der deutschen Version.

Kurioserweise habe ich wieder einige inhaltliche Aspekte zum ersten Mal wahrgenommen. Das kann aber auch ein Irrtum sein, nicht ausgeschlossen, dass ich diese einfach vergessen habe. Da wäre die Anweisung Gandalfs an Frodo, den Ring unter keinen Umständen zu benutzen. Frodo kann dem drängenden Rat erstaunlich häufig trotzdem nicht widerstehen, als er auf dem Weg von Hobbingen nach Bruchtal ist.

Das bereitet natürlich das Ende am Schicksalsberg vor, dessen Gestaltung nach wie vor meine Begeisterung weckt, wie beim allerersten Lesen. Auch der Hobbit scheitert und ausgerechnet das Mitleid, die barmherzige Tat gegenüber Smeagol, dem verlogenen, niederträchtigen Gollum schafft die Voraussetzung, dass dieser gegen seinen Willen alles rettet. Dieser Kniff nötigt mir noch Jahrzehnte nach der Erstlektüre höchsten Respekt ab.

Aber das Scheitern des Helden auf seinem ersten Weg ist Teil des Lernprozesses, der überhaupt zum Erfolg der Gemeinschaft des Ringes oder der gerade noch abgewendeten Katastrophe bei den Rauros-Fällen beiträgt: Nur weil Frodo selbst erlebt hat, wie der Ring einen Hobbit seinen Willen aufzwingen kann, kann dieser – im Gegensatz zu Boromir – wirklich verstehen, dass Elrond recht hat. Nur darum kann er die Gefahr, die von dem Sohn Denethors, aber auch allen anderen der Gemeinschaft ausgeht, richtig einschätzen und die entsprechende Konsequenz daraus ziehen.

»Lord Smeagol? Gollum the Great? The Gollum!«

J.R.R. Tolkien: The Lord of the Rings

Die Charakterentwicklung nicht nur Frodos und Sams ist Teil des Spiels, das Tolkien mit seinen Lesern spielt. Es geht um Annahmen, Vorurteile, Grenzen des Einschätzungsvermögens, das Fallenstellen, gewollt und ungewollte (Ab-)Lenken der Aufmerksamkeit, Sichtlinien, hinter denen sich für den Gegner im Verborgenen liegende Dinge abspielen.

„Sicht“ bezieht sich keineswegs nur auf das physischer Sehen,  sondern  das Vorstellungsvermögen, die Auslegung dessen, was man sieht. Sauron kann sich nicht einmal in seinen dunkelsten Träumen vorstellen, dass jemand den Ring vernichten wollte und ihn mit dem schwächsten denkbaren Wesen direkt in das Herz  der Dunkelheit ziehen lässt. Auch für Saruman ist das undenkbar.

Sie haben ja auch nicht unrecht, wie sich am Beispiel Boromirs zeigt. Vielleicht hätte der Ring am Ende auch andere überwältigt, ganz sicher Denethor, der im Buch zwar nicht ein Zehntel so närrisch und einfältig auftritt, wie im Film, aber wie Sauron und Saruman auf dem Pfad der Macht wandelt.

But the only measure that he knows is desire, desire for power; and so he judges all hearts.

J.R.R. Tolkien: The Lord of the Rings

Als ich das Fantasy-Epos Der Herr der Ringe 1981/82 das erste Mal gelesen habe, war ich überwältigt. Das giftgrün gefasste Buch im gleichfarbigen Schuber war wie ein literarischer Komet, ein mächtiger Einschlag, der ein Beben auslöste, wie es kein einziger Roman des Genres danach auch nur ansatzweise vermochte. Allein der geniale Showdown, dem so wunderbar der Weg bereitet wird, macht Der Herr der Ringe zu etwas Besonderem.

Doch ist es eine Nebensächlichkeit, die seinerzeit ein Gefühl auslöste, an das ich mich beim x-ten Wiederlesen erinnere, genauer gesagt: nachempfinde. Eine Art Kaminfeuer-Wärme, wohlig und angenehm, als ich die entsprechende Stelle gelesen habe: Frodo im Gespräch mit Gloin in Bruchtal, beide sind freundlich, deuten an, verweigern zugleich, alles zu offenbaren, was den anderen interessiert, vertrösten einander auf später. 

Das hat seinerzeit eine mächtige Welle an spannungsgeladener Vorfreude ausgelöst, denn natürlich wollte ich wissen, was hinter diesen kargen Worten steckte, hinter dem Vertrösten auf später; und ebenso natürlich galoppierte die Phantasie davon, ins Ungefähre, eine erwartungsvolle Jagd hinein in eine Welt voller Abenteuer. Und so ist es auch heute, auch wenn ich selbstverständlich im Detail weiß, was folgt, erzählt und verschwiegen wird.

Ich bin sicher, dass viele Leser des Der Herr der Ringe solche Stellen kennen, die zweifelsfrei nicht für andere in der individuellen Weise nachvollziehbar sind. Das gehört für mich zu den großen Qualitäten des Romans. Tolkien hat sein Werk auf einem derart gewaltigen Gedanken-Fundament errichtet, dessen Macht und  Wirkung auf jeder Seite des Buchs spürbar ist. Das verleiht dem Geschehen Tiefe, während andere Bücher das bestenfalls vorschützen, was The Lord of the Rings tatsächlich verkörpert.

A Ring of Power looks after itself.

J.R.R. Tolkien: The Lord of the Rings

Es gibt Leser, die es nicht schaffen, das Buch durchzulesen. Sie verheddern sich in den kruden Erzählungen der ersten Seiten, in denen es um ein Fest geht – wenn bei Gegenwartsliteratur gewöhnlich die Leser durch irgendeine Actionszene gefangen werden, wird in The Lord of the Rings erst einmal Abseitiges verhandelt: ein Geburtstag. Ein besonderer Geburtstag eines absonderlichen Auenlandbewohners, aber eben nur ein Geburtstag.

Ganz gemächlich träufelt Tolkien in homöopathischen Dosen Gefahr in seine Geschichte, die sich immer wieder Auszeiten nimmt, Landschaften beschreibt, Gedichte und Lieder rezitiert, während gegessen, getrunken oder viel hobbitscher Unsinn geredet wird. In dem Rhythmus geht es weiter, dabei steigern sich die Gefahrendosen peu á peu; als die Hauptfigur erstmals wirklich bedroht ist, geschieht dies indirekt – über eine seltsam zischende Stimme.

Fast unbemerkt entfaltet die Erzählung das Geflecht paralleler Handlungen, von denen die Personen bestenfalls etwas ahnen oder einfach nichts wissen, aber die Auswirkungen dieser Taten zu spüren bekommen. Der Leser ahnt schon beim ersten Lesen, dass hinter den unverständlichen Dingen mehr steckt. Aber was? Statt die Spannung dann endlich in die Höhe zu treiben und aufzulösen, geht es zu der wohl seltsamsten Figur im ganzen Buch, Tom Bombadil, bei dem man sich immer fragt, was der wohl dort überhaupt zu suchen hat.

Tolkien nimmt sich in seinem Der Herr der Ringe erzählerische Freiheiten heraus, die im Verlagsbetrieb der Gegenwart schwerlich denkbar sind und mit ziemlicher Sicherheit abgeschliffen würden. Vielleicht würde der Roman damit »leichter« oder »angenehmer« zu lesen sein, aber ist das eigentlich ein Qualitätsmerkmal? Brei ist schließlich auch leichter essbar als ein Mehrgängemenü.

»And those who have no swords can still die upon them.«

J.R.R. Tolkien: The Lord of the Rings

Frappierend fand ich aber, wie viel in dem Buch über meine eigene Gegenwart erzählt wird. Das Zitat ist nur ein Beispiel von vielen, das eine brandaktuelle Frage berühren. Die allgemeine Lage, ein immer stärker drohender Krieg, das Verleugnen, die machtgesteuerten Doppelspiele, der Wille oder Unwille, den Kampf aufzunehmen, Verrat und Treue, das alles ist im The Lord of The Rings elementarer Bestandteil der Handlung und zugleich der Gegenwart Europas. Vielleicht auch seiner Zukunft.

J.R.R. Tolkien: The Hobbit & The Lord of the Rings Boxed Set: Illustrated edition
Illustrations by Alan Lee
Harper Collins 2020
Gebunden im Schuber 1601 Seiten
ISBN: 978-0008376109

« Ältere Beiträge Neuere Beiträge »

© 2026 Alexander Preuße

Theme von Anders Norén — Hoch ↑