Schriftsteller - Buchblogger

Kategorie: Buchvorstellung (Seite 18 von 34)

Tobias Rüther: Herrndorf

Der Komet kommt, man weiß es von Anbeginn an; trotzdem breiten sich nach seinem Einschlag Schockwellen aus, durch Buch und Leser; ein Echo bloß jener Erschütterung, die Wolfgang Herrndorf angesichts seiner Diagnose erfasst haben muss. Bestürzend der Gedanke, dass es vielleicht dieses fürchterlichen Schicksalsschlages bedurfte, um Tschick und Sand und Arbeit und Struktur und Bilder deiner großen Liebe überhaupt zu schreiben.

Vorher, über viele Jahre hinweg, die irgendwie ins Ungefähre verliefen, waren es sehr wenige, wenn auch aus meiner Sicht sehr lesenswerte Bücher: In Plüschgewittern etwa, das in vielerlei Hinsicht typisch für Herrndorf ist; aber auch Diesseits des Van-Allen-Gürtels und Die Rosenbaum-Doktrin. Aber als Herrndorf die Diagnose erhalten hat und nach Hause geht, fasst er Entschlüsse, darunter den fundamentalen, zunächst seinen Jugendroman zu vollenden, der – bittere Ironie – zu einem durchschlagenden Erfolg auf dem Buchmarkt werden sollte.

Selbstverständlich ist das nicht, wenn man gerade erfahren hat, dass sich in seinem Kopf eine unheilbare, tödliche Krankheit eingenistet hat; ebensowenig selbstverständlich, dass es mit dem Schreiben wirklich geklappt hat; wie fragil die Situation in den ersten Tagen nach der Diagnose gewesen ist, schildert auch Daniel Rüther in Herrndorf auf beklemmende Weise; die entsprechenden Passagen in Arbeit und Struktur sind für mich bei der Lektüre kaum erträglich und zugleich von atemberaubender Intensität gewesen. Diese Seiten »ziehen einem den Stecker«.

Die Arbeit, sagt Carola Wimmer, »war der Abwehrzauber gegen die Todesangst«

Tobias Rüther: Herrndorf

Doch alles wäre nichts gewesen, hätte Wolfgang Herrndorf nicht jene Kraft aufgebracht, sich erfolgreich gegen die Todesangst zu wehren. Man sollte diese Teile des Buches mit weichen Augen lesen, um zu verstehen, was dem Autor in dieser fürchterlichen Situation gelungen ist: in größter Todesnot einen Roman wie Tschick zu schreiben, leicht, lebensbejahend, gut lesbar.

Und danach Sand, mein Lieblingsroman von Herrndorf, überhaupt einer der besten Romane, die ich gelesen habe. Natürlich waren die Zeitgenossen verblüfft über die tiefe Kluft, die sich zwischen dem Jugend- und Wüstenroman auftut. Beide flossen aus einer Feder und gehören doch ganz verschiedenen Welten an; leicht lesbar sind beide, fesselnd auch, doch ist Sand auf seine kompromisslose Weise für den Leser ein Marsch durch einen Dornwald.

Wie unterschiedlich man den Roman lesen kann, zeigt Rüther anhand von einigen Beispielen auf; hier ist das letzte Wort noch nicht gesprochen, die sehr spezielle, komplizierte Erzählstruktur, die verwundene Rätselshaftigkeit und das Versteckspiel des Textes, in den Herrndorf Fäden aus dem Nichts in die Handlung eingewirkt hat, um diese lose flatternd zurückzulassen, erlauben vielfältige Zugänge. 

Aber was nützen schon Pläne: Was der Mensch wird in der Welt – das ist eine Erkenntnis, die Herrndorf wieder und wieder wiederholt, auch später – , das wird er sowieso nicht dank seiner Planung oder seines Willens.

Tobias Rüther: Herrndorf

Der Weg zu dem Kometen-Moment ist verblüffend. Herrndorf war als Kind erkennbar hochbegabt, vielfältig talentiert hat er sich der Malerei zugewandt und das Fach nach Abitur und Zivildienst in Nürnberg studiert. In der dortigen Atmosphäre hat er Schiffbruch erlitten, sein Stil hatte für die gewöhnlichen Studenten und Lehrkräfte etwas Anachronistisches, sein Auftreten galt machem als (zu) wenig »künstlerisch«.

Mit seiner Professorin liegt er über Kreuz und doch schafft es Herrndorf nicht, sich zu lösen; ein Wesensmerkmal, das sich auch auf anderen Feldern wiederfindet, etwa der nicht enden wollenden, unerfüllten und schmerzhaften Liebe zu einer Mitschülerin, die auch Jahre nach dem Abitur nicht erlischt und in Herrndorfs Kunst Spuren hinterlässt. Umgekehrt verweigert sich Herrndorf beharrlich dem gewöhnlichen Gang der Dinge, etwa Ausstellungen seiner Bilder; dieses Muster durchbricht er bei seiner Schreiberei glücklicherweise.

Pläne sind das Papier nicht wert, auf dem sie gedruckt sind. Nach dem bitter erkämpften Abschluss stößt Herrndorfs Arbeit plötzlich auf begeisterte Zustimmung, er illustriert, karikiert für Titanic und Eulenspiegel und gestaltet Umschläge von Büchern, kreiert brillante Bilder für einen Kalender zu Helmut Kohl und schafft Illustrationen für ein Buch über den ewig phrasendreschenden Fußballmoderator Heribert Fassbender.

Malen ist für mich, wie Zahnarzt ohne Betäubung. Ich KANN das nicht mehr.

Tobias Rüther: Herrndorf

Irgendwann lässt Wolfang Herrndorf das Malen sein. Warum er das so lange betrieben hat, obwohl das Zitat eine tiefgreifender Abneigung gegen diese Tätigkeit offenbart, bleibt letztlich rätselhaft; immerhin ist es ein Muster, es fällt ihm schwer, Dinge aufzugeben; wie bitter das später gewesen sein muss, wenn er krankheitsbedingt Dinge aufgeben muss, etwa nicht mehr Fußball- oder Eishockeyspielen kann.

Zu den vielfältigen Facetten des Lebens von Wolfgang Herrndorf gehört seine Tätigkeit als Schöffe und seine kurze Zugehörigkeit zur Autorennationalmannschaft, vor allem aber sein Daueraufenthalt im Internet – noch vor Facebook, Twitter und Instagram. Ein Forum bzw. auserlesenes Unterforum ist seine Welt, bis zum Ende; Arbeit und Struktur war dementsprechend zunächst auch kein Buchprojekt, sondern ein – leicht zeitversetztes – Echtzeit-Tagebuch im Netz.

Trotz des tragischen Schicksals, des Kometen, ist die Biographie von Tobias Rüther keine Trauerveranstaltung, dafür sorgen schon die vielen Zitate aus dem Werk Herrndorfs. Man lacht. Oft. Laut. Herrndorf hatte ein Händchen für Witz, nicht nur bei seinen Beiträgen für einschlägige Magazine, Kalender und Bücher, sondern auch in E-Mails und Forumsbeiträgen. Jene zweieinhalb Seiten »Arbeitstitel« für seinen Wüstenroman etwa, sortiert nach Kategorien: »Supermarktkassenbestseller«, »Hochkultur« oder »Seventies«, sind teilweise unglaublich komisch.

Es gehört zu den großen Stärken der Biographie, die solitäre Leistung Herrndorfs ohne falsche Bescheidenheit und in einer dem Autor zugewandten Weise, aber nüchtern herauszustellen; dazu gehört auch, die gekünstelt-mäkelige Bedenkenträgerei von Denis Scheck  bzw. effektheischend-aasige Bimmelei Juli Zehs nicht zu verschweigen. Selbstverständlich hat Herrndorf alle Preise verdient, denn man kann wie Rüther die Meinung vertreten: Herrndorf war »der größte deutschsprachige Schriftsteller seiner Generation.«

[Rezensionsexemplar]

Tobias Rüther: Herrndorf
Rowohlt Berlin 2023
Gebunden 384 Seiten
ISBN: 978-3-7371-0082-3

Herrmann Stresau: Als lebe man nur unter Vorbehalt

Die Hellsichtigkeit des Tagebuchschreibers Stresau ist frappierend, besonders, weil er seine Rückschlüsse auf der Basis von propagandatriefenden Presseberichten gezogen hat. Seine Äußerungen stellen einen Kontrapunkt zu dem dar, was an propagandistischem Getöse bis heute das Bild der Zeit prägt – etwa zur berühmt-berüchtigten Sportpalast-Rede von Joseph Goebbels im Februar 1943. Cover Klett-Cotta, Bild mit Canva erstellt.

Ist es mutig oder töricht, Adolf Hitler in einem Tagebuch als »Oberidioten« zu bezeichnen? Hermann Stresau hat das getan, am 31.01.1944, dem Jahrestag der so genannten »Machtergreifung«. Als ich diese Passage las, war ich froh, dass niemand die Aufzeichnungen vorzeitig in die Finger bekommen hat, das hätte fatale Folgen für Stresau gehabt. Uns Nachgeborenen wäre ein kleiner Schatz entgangen, denn nicht anderes sich die Tagebücher Als lebe man nur unter Vorbehalt.

Der Autor Hermann Stresau eignet sich nicht als Heldenfigur des Widerstands, wie etwa Sophie Scholl oder Claus Graf Schenk von Stauffenberg. Er ist konservativ, wenn die Rede auf die Rolle der Frau (»Weiber«) kommt, muss der moderne Leser tapfer sein; seine Haltung zur Weimarer Republik ist bestenfalls kühl, mit der Parteiendemokratie kann er so wenig anfangen wie mit linken Schriftstellern und dem Vertrag von Versailles.

Und doch hat er 1933 den Kotau gegenüber dem Regime verweigert, erhebliche wirtschaftliche Einbußen inkauf genommen, um sich eine innere Distanz zu wahren gegenüber dem Nazi-Regime. Das ist die Voraussetzung für seinen scharfen, analytischen und oft hellsichtigen Blick auf die Dinge, die schon seine Tagebücher 1933 – 1939 Von den Nazis trennt mich eine Welt auszeichnen. Den Kriegsausbruch 1939 hat er wenigstens befürchtet und doch ist er wie ein Hammerschlag auf ihn niedergegangen.

Morgens müssen wir uns eine Zentnerlast vom Herzen schieben, um aufstehen zu können. Wir erheben uns sonst immer frisch und munter um 6 Uhr, selten später, aber jetzt ist’s das Gegenteil: ein furchtbares Gefühl nach dem Erwachen, ein unbeschreibliches Grauen, ein Alpdruck, man möchte die Welt verfluchen. 05.09.1939

Herrmann Stresau: Als lebe man nur unter Vorbehalt

Das bleibt der Grundtenor während der kommenden fünfeinhalb Jahre, bis das so genannte »Dritte Reich« im Mai 1945 in Schutt und Asche gesunken war und Millionen elendig verreckt, vertrieben oder versehrt waren. Selbst während der Phase, in der die Wehrmacht Sieg an Sieg reihte und auch Stresau mit einer militärischen Eroberung Englands oder der Niederwerfung der UdSSR rechnete, hat er sich von der Siegespropaganda nie anstecken lassen.

Das gehört zu den – ja – Ungeheuerlichkeiten der Tagebucheinträgen. Stresau hat von Anfang an gewusst, dass die USA (»Amerika«) den Ausschlag geben würde und ihm war klar, dass die Entscheidung nicht auf dem Schlachtfeld, sondern danach fallen würde. Frieden gibt es durch Verhandlungen – wohlgemerkt nach der militärischen Entscheidung – und er hat der Reichsführung um Adolf Hitler schlicht und ergreifend die Fähigkeit dazu abgesprochen.

Stresau hat sich von den militärischen Erfolgen beeindrucken, aber nicht blenden lassen; seine Erwartungen an die Wehrmacht waren zu hoch, aber selbst die höchsten Regierungsstellen in England (und den USA) haben es den deutschen Truppen zugetraut, die UdSSR niederzuwerfen und auch deshalb massive Unterstützung geliefert, ohne die die Rote Armee in noch größere Schwierigkeiten geraten wäre. Stresau befand sich also in guter Gesellschaft.

Es ist absolut faszinierend zu lesen, dass jemand derart unabhängig und zutreffende Einschätzungen treffen kann, wenn ihm nur das Propaganda-Geklingel der gleichgeschalteten Presse zur Verfügung steht. Der Schlüssel liegt im Nachdenken über das Geschriebene und Verschwiegene. Wenn berichtet wurde, dass sechzig feindliche Flieger abgeschossen wurden, hat Stresau daraus geschlossen, dass die Zahl der angreifenden Flugzeuge entsprechend hoch sein musste und auf dieser Basis auf die immense, ja übermächtige Leistungsfähigkeit der gegnerischen Wirtschaft rückgeschlossen. Hieß es im Wehrmachtsbericht »planmäßig«, übersetzte er das mit Verlangsamung, Stockung oder Stillstand der Vormarsches.

Lesen allein macht nicht klug, Nachdenken macht klug. Das zeigt sich auch an einer anderen Bemerkung, anlässlich der Feststellung Stresaus, die Zeitungsberichte und Haltung der Zeitgenossen wären unangemessen oberflächlich und unbekümmert. Der Tagebuchschreiber zeigt sich bestürzt darüber, wie Zivilisten begeistert über versenkte Schiffe nach Bombentreffern reden.

Aber wenn man sich da so in Norwegen vorstellt: ein Truppentransporter auf hoher See von schwersten Bombenkalibern getroffen, in Brand geraten, und man denkt an die Scenen, die sich dabei abspielen, und sieht dazu die vergnügten Gesichter auf der Straße – dann merkt man, in welcher Unwirklichkeit der Durchschnittsmensch lebt […], ohne zu spüren, daß dies alles des Teufels ist und vielleicht in einem allgemeinen Grauen enden wird. 30.04.1940

Herrmann Stresau: Als lebe man nur unter Vorbehalt

Der alltäglichen Propaganda begegnet Stresau mit beißendem Spott, insbesondere den wissenschaftlich haarsträubenden, von den Nationalsozialisten zusammenphantasierten Germanenkult nimmt er genüsslich aufs Korn. Er würde gern wissen, warum alle kurze Haare trügen, denn als »alte Germanen müßten wir freien deutschen Männer nicht nur den Hut abnehmen, sondern auch die entsprechenden Locken ums arische Antlitz flattern lassen.«

Doch gibt es noch eine andere Ebene, die Stresaus Tagebücher wertvoll machen. Am 18. Februar 1943 hielt Joseph Goebbels im Sportpalast zu Berlin jene berühmte Rede, in der er die Frage in den Saal rief: »Wollt ihr den totalen Krieg?« Der Saal echote stürmische Begeisterung, man kann es sich auf Youtube heute noch ansehen – die Propaganda (!), die bis heute unser Bild prägt.

Stresau charakterisiert ähnliche Reden als »fiebrig« und konstatiert nüchtern: »Im Volk doch starke Beunruhigung zu bemerken.« Dieser kühle Kontrapunkt ist gar nicht zu überschätzen. Éric Vuillard hat in seiner mit dem Prix Goncourt ausgezeichneten Schrift Die Tagesordnung nachdrücklich darauf verwiesen, wie sehr die Gegenwart von Propaganda-Bildern aus der NS-Zeit geprägt ist – ein giftiger Nachhall der Vergangenheit. Stresaus klärende Worte bilden eine Art Gegengift dazu.

Ich wünsche nicht, daß wir den Krieg verlieren. Ich wünsche eher, daß wir ihn gewinnen, uns jedenfalls behaupten, und uns unsere verrückt gewordenen Führerbande entledigen. 29.5.43

Herrmann Stresau: Als lebe man nur unter Vorbehalt

Natürlich ist Stresau auch Kind seiner Zeit. Dem Rassenwahn der »Nasolisten« steht er ablehnend gegenüber, die »Rasse« ist für ihn aber eine gewöhnliche Denkkategorie. Man stehe mit Artverwandten (England und Amerika) im Krieg, während die Verbündeten (Italiener, Japaner) einem so fremd wären. Wenn sich Stresau über Juden abfällig äußert, dann nicht wegen der »Rasse«, sondern weil ihm an einer Einzelperson etwas Konkretes missfällt, etwa Stefan Zweigs Essay über Hölderlin.

Der nächste große Schock ist der Überfall auf die Sowjetunion, in mehrfacher Hinsicht. Der »Alpdruck« der sich anbahnenden Niederlage, weil Deutschland »alles über den Kopf wachsen« werde, weicht bis Kriegsende nicht, allen zwischenzeitlichen Erfolgen zum Trotz. Wie betäubt sei man, angesichts des ins Endlose sich dehnenden, den ganzen Erdball umspannenden Krieges, der nicht – wie von Hitler behauptet – 1941 enden werde, sondern »nach 10 Jahren vielleicht.«

Von den Kriegsverbrechen, dem Genozid, dem sich anbahnenden Holocaust und dem drakonischen Gebahren in den besetzen Gebieten weiß Stresau recht früh. Interessant sind seine Quellen. Ein Arzt berichtet ihm von einem Offizier, der wegen »Kopfschmerzen« behandelt werden will. Es stellt sich heraus: Dieser Offizier hat mehr als 800 Zivilisten, Frauen und Kinder erschossen – das halte er nicht mehr aus. Stresau weiß obendrein um den Hunger der ausgeplünderten Gebiete (auch im Westen), um die »renitente« Bevölkerung und die »Widerspenstigkeit der Besiegten« überall.

Die ›Freiheit‹, die wir bringen, wäre ihnen alles andere als erwünscht.« 6.7.41

Herrmann Stresau: Als lebe man nur unter Vorbehalt

Spektakulär sind die Schlussfolgerungen, die Stresau daraus zieht, die wichtigste: Der Krieg ist nicht zu gewinnen. Anders als jene Zeitgenossen, die sich von den militärischen Erfolgen in dieser Zeit haben blenden lassen, wusste der Tagebuchschreiber ganz genau, dass selbst bei einem umfassenden Sieg der Wehrmacht der Krieg noch lange nicht siegreich beendet werden könnte – ein Frieden erschien ihm völlig unmöglich.

Doch selbst die militärischen Aussichten beurteilt er nüchtern. Angesichts der größten Kesselschlacht an der Ostfront mit gewaltigen Verlusten für den Gegner macht er eine einfache Rechnung auf: Die Rote Armee habe vier Millionen Mann verloren, blieben noch sechszehn Millionen, die Industrie wäre hinter dem Ural, und die Versenkung alliierter Handelsschiffe im Nordmeer bedeute eine auf massive materielle Unterstützung für die UdSSR. Mit einem Wort: militärisch sei noch lange nichts gewonnen.

Es ist angesichts der Traumtänzerei in den hohen Stäben von Militär und Verwaltung, der braunen Partei und ihren Organisationen, der Presse und Wirtschaft geradezu bestürzend, wie ein Einzelner auf der Basis kümmerlicher, propagandatriefender Informationen durch kluges Nachdenken realitätsnahe Schlussfolgerungen zieht. Vor allem ist ihm klar, dass ein »Sieg« keineswegs glanzvoll ausfallen würde, im Gegenteil.

Grete und ich waren heute zwei Juden begegnet, mit ›Sternchen‹, und hatten uns schämen müssen. Darauf die Frage: wozu das alles, Kriege, Staaten usw., dieser ganze furchtbare Unsinn, wenn das zu nichts führt als solchen Lumpereien. 19.10.41

Was diesem Krieg zur Zeit eine besondere Note gibt, sind die systematischen Judendeportationen mit dem ausgesprochenen Zweck der Vernichtung der Unglücklichen. 18.11.41

Herrmann Stresau: Als lebe man nur unter Vorbehalt

Nach der Niederlage bei Stalingrad verändert sich alles. Die Stimmung in der Bevölkerung sinkt drastisch, die Versorgungslage wird schlechter, die Vernichtung der deutschen Städte durch den Bombenkrieg schreitet immer schneller voran, während die gesamte Bevölkerung begleitet von fanatischen Worten in den Dienst des längst verlorenen Krieges gepresst wird.

Stresau muss zwangsweise in einer Fabrik arbeiten. Seine Beobachtungen und Betrachtungen sind erhellend, denn auch hier klaffen Propaganda und Wirklichkeit weit auseinander. Die Produktion leidet unter vielerlei Dingen, Chaos, Materialmangel, unqualifizierten Arbeitern, dem Auftreten des Sicherheitspersonals, das die ausländischen Arbeiter drangsaliert, und den ständigen Alarmen, die jede Nachtruhe über Monate und Jahre unmöglich machen.

Man müsse gar keine Sabotage üben, konzediert der Tagebuchautor, das erledige sich ganz von allein. Doch ist Stresau keineswegs zum Spott zumute, er ist innerlich zerrissen zwischen dem Wunsch, das Desaster möge sich noch abwenden lassen und der Einsicht, dass Deutschland und Europa immer weiter in den Abgrund rutschen. Für eine Zukunft nach dem Kriegsende sieht er schwarz, rechnet mit Jahrzehnten bitterer Lebensverhältnisse.

Ein besonderer Wert der Tagebücher liegt darin, dass sie zeigen, wie sehr sich der Krieg in den Alltag hineindrängt, während sich die Menschen bemühen, ihn zu verdrängen. Die Fluchten sind vielfältig, Literatur, Musik, Gespräche, abendliche Runden mit kulturellen Gesprächen, Affären, Alkohol bieten immer wieder eine Möglichkeit, dem alltäglichen Grauen zu entfliehen, ohne ihm zu entkommen.

Manche Schilderung aus den letzten Kriegsmonaten ist haarsträubend, etwa von Göttingen aus den Rauchturm der im März 1945 zerstörten Stadt Hildesheim zu beobachten: eine »riesige Rauchwolke, wie von einem Vulkan«. Nach der Befreiung Tage später folgen peu á peu die Nachrichten von den NS-Gräueltaten, noch nicht von der Massenvernichtung im Osten, sondern aus dem KZ Sachsenhausen. Diese sind so schauerlich, dass selbst ein kluger, aufmerksamer Beobachter wie Hermann Stresau notiert: »Kaum glaublich, aber es muß wahr sein.«

[Rezensionsexemplar]

Die Tagebücher 1933 – 1939 habe ich auch besprochen:
Von den Nazis trennt mich eine Welt

Herrmann Stresau: Als lebe man nur unter Vorbehalt
Klett-Cotta 2021
Gebunden 594 Seiten
ISBN 978-3-608-98472-9

Daniel Schulz: Ich höre keine Sirenen mehr

Bewegende und erhellende Impressionen aus der Zivilgesellschaft im Krieg. Cover Siedler-Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Krieg ist Chaos. Geordnete Bahnen zerbrechen, das Leben gerät im Wortsinne aus den Fugen, Menschen werden in die Flucht getrieben, verlieren die Orientierung und irren auf der Suche nach einer neuen im sprichwörtlichen Nebel des Krieges. Vor den Fenstern ein Feuerpanorama statt des gewohnten Anblicks – nicht nur in Charkiw, der Frontstadt, die medial oft im Schatten Kyjivs steht.

Am Ende des bewegenden Buches von Daniel Schulz fühlt der Leser das Chaos. Ich höre keine Sirenen mehr ich wie ein Echo aus der Ferne, das jenes ungeheuerliche Durcheinander des Krieges wiederklingen lässt, den Russland gegen die Ukraine entfesselt hat – wie die berühmten Hunde des Krieges Shakespeares. Schulz liefert keine Analysen, einordnende Hintergrundinformationen, strukturiert und selbstverständlich immens hilfreich, wie es andere Bücher über den Krieg gegen die Ukraine tun; er lässt die Menschen vor Ort ausführlich zu Wort kommen, während er sie begleitet.

Ich höre keine Sirenen mehr bietet vor allem Impressionen, Nachklänge, wie nach einem Konzert- oder Kinobesuch; Stil und Inhalt, Perspektive und Erzählhaltung wechseln, dankenswerterweise scheut sich Schulz auch nicht, seine vielfältigen, sehr persönlichen Erfahrungen einfließen zu lassen und zu offenbaren, dass seine Reise in die Ukraine, in den russländischen Angriffs- und Vernichtungskriegs auch ein Versuch ist, eine persönliche unspezifische Angst loszuwerden.

Die russischen Raketen, die Sirenen des Luftalarms, das Sterben der ukrainischen Soldat:innen und Zivilist:innen, sie reißen Lücken ins Gewebe der Gewohnheiten.

Daniel Schulz: Ich höre keine Sirenen mehr

Es geht sehr menschlich zu in dem Buch, für das ein sehr treffender Untertitel gewählt worden ist: Krieg und Alltag schließen einander aus, weil Krieg den Alltag zerbricht. Doch schon wenige Monate nach dem Tag, an dem der vollumfängliche Vernichtungskrieg Russlands begonnen hat, ist Alltäglichkeit überlebensnotwendig. Hierzulande ist oft von Kriegsmüdigkeit die Rede, eine fremdschambehaftete Eigendiagnose angesichts der Leistungen und Belastungen der Menschen in der Ukraine.

Ein Alltag mit seinen Routinen ist essentiell, anders wäre die irgendwann einsetzende Erschöpfung nicht zu bewältigen. Wir reden hier nicht von den Soldaten, der regulären Armee, wir reden von Freiwilligen, ungezählten Frauen und jenen Männern, ohne die der Krieg für die Ukraine einen schlechteren Verlauf genommen hätte. Auf mehr als 1.700 Neugründungen nach der vollumfänglichen Invasion im Februar 2022 beziffert Schulz die Zahl solcher Gruppen von Freiwilligen.

So beginnt Schulz’ Reise in Krieg und Alltag mit einem Blick auf das, was man gewöhnliche Zivilgesellschaft nennt. Wie »Alltag« und »Krieg« scheinen sich »Zivil« und »Krieg« auszuschließen, betrachtet man einen Waffengang als Krise, ist es nur folgerichtig, dass dem zivilen Sektor eine wichtige Rolle, ja: die Hauptlast zukommt. Die Ukrainer nennen es „ukrainische Anarchie“, mit der die Hilfen organisiert werden – unter kreativer Zuhilfenahme aller modernen Kommunikationskanäle, was den Leser staunen lässt.

Küchentische, […] sind neben den vom Staat und von Nichtregierungsorganisationen geführten Zentren die anderen wichtigen Orte, an denen ukrainische Freiwillige Nachschub und Hilfe organisieren.

Daniel Schulz: Ich höre keine Sirenen mehr

Das Chaos, von dem ein aus Deutschland stammender freiwilliger Frontsoldat berichtet, mag aus der Sicht des Bundeswehr-Veteranen problematisch sein, beim Umgang mit allzu knappen Ressourcen notwendig und hilfreich. Die spezifisch bundesdeutschen Klagen über die Folgen des Krieges verblassen doch zu Phantomschmerzen, wenn Daniel Schulz ausführlich schildert, wie Kunst- und Kulturschaffende ihre Fähigkeiten in den Dienst der ukrainischen Kriegführung stellen und gleichzeitig versuchen, die fürchterlichen Folgen für die dortige Zivilbevölkerung abzufedern.

Die Helfer sind dabei keineswegs unkritisch gegenüber dem Staat und seinen Makeln, etwa der grassierenden Korruption. Eine Gleichschaltung findet auch im Krieg nicht statt, es wirkt mehr wie ein temporärer Waffenstillstand; spürbar ist, dass nach dem Ende des Krieges die Reformforderungen wieder erhoben werden. Ob und wie weit diese tragen und zu strukturellen Veränderungen führen werden?

Einige Dinge sind von Krieg zu Krieg doch gleich oder zumindest ähnlich. Luftalarm. Autor Schulz muss erstaunt feststellen, wie sehr diese ignoriert werden – ein Motiv, das aus Tagebüchern des Zweiten Weltkrieges oder Augenzeugen bekannt ist. Ein Gesprächspartner aus der Ukraine versucht eine Begründung und zieht Parallelen zum Auto: Es gebe Unfälle, Tote und Verletzte, jeder wisse das und fahre trotzdem.

»Der Krieg ist bei allem Leid, das er bringt, auch eine Chance, unsere Seelen zu retten.«

Daniel Schulz: Ich höre keine Sirenen mehr

Dann geht es doch noch ein wenig an die Front. Kriege werden immer auf der Basis der Erfahrungen aus dem vorangegangenen begonnen und bringen gewöhnlich massive Überraschungen. Im Ersten Weltkrieg waren es Maschinengewehre und Flugzeuge, in der Ukraine sind es Drohnen. Die Bedeutung dieser kleinen Flugobjekte für Aufklärung und Kampf ist schon im Waffengang zwischen Armenien und Aserbaidschan immens gewesen, jetzt ist sie ungleich größer.

Es ist interessant zu sehen, wie die Anfänge nach dem Maidan und der russländischen Invasion der Krim bzw. des Donbas ausgesehen habe, wie Initiativen am Militär vorbei und parallel dazu vorangetrieben wurden, etwa bei der Ausbildung zum Drohnenfliegen. Auch in diesem Bereich zeigt sich der unheilvolle Einfluss des Krieges, der alles verschlingt – moderne Technik und die Menschen, die Dinge tun (müssen), die sie eigentlich vermeiden wollten.

Wir sehen nur, was wir verstehen; daher ist es sehr positiv, dass Schulz einerseits innerhalb seines gewohnten Netzwerkes (Kulturelite) unterwegs ist, sich aber bewusst auch anderen Menschen und Verhältnissen widmet. Das führt ihn in manchen Kapiteln an den Rand der Sprachlosigkeit, etwa zu jenen kargen Eindrücken von einem Parkplatz bei Saporischschja. Aber auch zu Menschen wie den Freiwilligen Andriy, der für deutsches Sicherheitsnetz-Denken geradezu abenteuerlich mutig agiert – immer mit der Begleitmusik der Sirenen.

[Rezensionsexemplar]

Daniel Schulz: Ich höre keine Sirenen mehr
Siedler Verlag 2023
Hardcover 272 Seiten
ISBN: 978-3-8275-0167-7

Steffen Kopetzky: Damenopfer

Buchcover von Steffen Kopetzky ‚Damenopfer‘ mit einer Illustration einer Frau in blau-weißen Tönen. Daneben ein Zitat auf hellem Hintergrund: ‚Das war es, was er zu feiern wünschte: dass es die Einheit des Lebens nicht gab und es dennoch ein Ganzes war.‘ Im Hintergrund eine Schwarz-Weiß-Fotografie von Menschen in einer winterlichen Landschaft
Dieser wunderbare Roman nähert sich der historischen Person Larissa Reissner auf eine ebenso ungewöhnliche wie gelungene Weise. Cover Rowohlt Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Der König ist die wichtigste, die Dame die mächtigste Figur auf dem Schachbrett. Fällt der König, ist das Spiel unwiderruflich verloren, fällt die Dame, bedeutet das in der Regel einen fast vernichtenden Verlust für die betroffene Seite. Fast! Ein gezieltes Damenopfer kann in seltenen Fällen auch einen Sieg erzwingen. Wenn beispielsweise für die geopferte Dame ein Bauer zur gegnerischen Grundlinie vorrücken und gegen eine neue Dame eingetauscht werden kann; oder falls es gelingt, den König der Gegenseite nach dem Opfer zwingend Schachmatt zu setzen.

Das höchste und wirkungsvollste: das Damenopfer.

Steffen Kopetzky: Damenopfer

Bauer und Dame teilen sich auf dem Schachbrett das Schicksal, Figuren in einem Spiel zu sein, dessen Verlauf andere bestimmen. Das gilt auch jenseits des Schachbretts: Der Lebenspfad Larissa Reissners windet sich zwischen Revolution und bolschewistischem Putsch 1917, dem brutalen Bürgerkrieg in Russland und den Häutungen der Herrschaft Lenins hindurch und endet jäh, als sich das blutige Haupt Stalins an der Spitze jenes Staates erhebt, der das Paradies auf Erden versprach und eine nie dagewesene Hölle schuf.

Der Leser folgt in Steffen Kopetzkys Damenopfer dem Schicksal Larissa Reissners für die Jahre 1922 bis 1926, was sich beinahe wie eine Falschaussage anfühlt, denn es suggeriert eine Art voranschreitenden Pfad. Das Lesen fühlt sich aber mehr an, wie ein Gang durch Hogwarts: Die Richtung des Schreitens ändert sich wie die schwingenden Treppen der Zauberschule, während zu dem Vorübergehenden aus den an der Wand hängenden Gemälden gesprochen wird. Zeitgenossen, die auf irgendeine Weise mit Reissner zu tun hatten, kommen zu Wort, mal Ho-Chi-Minh, mal ein erlesener Kreis britischer Experten im Rahmen einer Sitzung, die Dichterin Anna Achmatowa, Leo Trotzki.

Diese Form der Installation verweigert dem Leser das gemächliche und komfortable Abtauchen in eine fiktionale Erzählwelt, immer wieder bricht der Erzählstrom, wird man herausgerissen und konfrontiert mit kommentierenden, (ab-)wertenden, bewundernden, trauernden und befremdenden Äußerungen über die Hauptfigur. Die gewinnt dabei an Gestalt, in einer Weise, wie es mit einer anderen Erzählstruktur nur sehr schwer und umständlich umzusetzen wäre.

Larissa Reissner tritt dem Leser als vielfarbig schillernde Person entgegen, Kommunistin aus bürgerlichem Hause, eine Schönheit mit französischem Parfum und Zigarren aus London, hochfliegende Ideale, eskapistischer Freiheitsdrang mit einem Hauch Femme fatale und einem scharfen Verstand  – fast das Idealbild der jungen, emanzipierten Frau der 1920er Jahre. Sie ist eine starke Frau; und sie scheitert tragisch, mit ihr auch die Revolution und ihre Ideale.

Solche Solitäre wie Larissa waren selbst am Nachthimmel Groß-Berlins selten wie schweiftragende Kometen.

Steffen Kopetzky: Damenopfer

Um Spannung im banalen Sinne geht es in Damenopfer nicht. Kopetzky verzichtet, auf was sich viele Romanschreiber frohlockend gestürzt hätten. Eine fehlgeschlagene Revolution in Deutschland, ein kommunistischer Aufstand ohne jede Aussicht auf Erfolg, Verschwörungsraunen von Verrat, zwielichtige, wetterwendische Opportunisten-Politik, die einen Pakt mit dem eigentlichen Todfeind (Reichswehr) schließt – das alles bildet den politischen Mahlstrom, der Larissa Reissners Leben umtost und sie fortreißt.

Die montierende Romanstruktur stellt zeitlich, räumlich und inhaltlich getrennte Ereignisse und Begebenheiten einander direkt gegenüber. Im ersten Kapitel, das mit der klassischen Märchenfomel »Es war einmal …« überschrieben ist, steigen 1922 ebenso kühne wie idealistische Pläne, Träume und Ambitionen in den klaren, blauen Himmel über Afghanistan auf, strahlend bunte Heißluftballons.

Ein Kapitel später wird der Leser nach dem Höhenflug in den Dreck geschleudert, ein finster-grau-trüber Februar in der real-existierenden Sowjetunion, »Totengräber« gehen ans Werk, heben das Grab aus, in dem der Leichnam der völlig unvermutet verstorbenen Heldin bestattet werden soll. Ein irrer Kontrast, angereichert durch abwegige Gedankenflüge einer Flucht von der Erde, einer unbewohnbaren, menschenunwürdigen Erde.

Also war Totengräber mit Sicherheit der falsche Name, man war doch vielmehr Geburtshelfer.

Steffen Kopetzky: Damenopfer

Die Dramaturgie der beiden Anfangskapitel ist einigermaßen gnadenlos. Afghanistan ist als Ort des Handlungsauftakts ohnehin eine Überraschung, doch klärt sich bald, warum er so gut gewählt ist. Reissner ist Teil der sowjetischen Delegation in diesem Land, das als einziges den jungen, bolschewistischen Staat anerkannt hat. Kein Wunder angesichts der herrschenden Ideologie und den Unbilden des wütenden Bürgerkrieges, in dem die westlichen Mächte kräftig mitmischen.

Die aktivistische und idealistische Larissa richtet ihren scharfen geopolitischen Blick auf den britischen Imperialismus, das globale Weltreich ist ihr ein Dorn im Auge – sie hält es für die Zwingfeste der Ausbeutung des Proletariats und will es stürzen. Dabei stößt sie auf die  Pläne eines deutschen Offiziers namens Oskar von Niedermayer, die einen Angriff auf die britische Kolonie Indien von Afghanistan aus durchspielen – ein gefundenes Fressen für Reissner, die sich alsbald auf die Suche nach dem Urheber dieses Vorhabens macht.

Man trifft sich, später, sehr viel später im Buch, um ein geheimes Projekt voranzutreiben, im Rahmen der Zusammenarbeit zwischen Reichswehr und Roter Armee, jenen Kräften, die knapp zwei Jahrzehnte später den blutigsten und brutalsten Krieg gegeneinander führten.

Dem geht eine lange, gewundene Annäherung voraus, die für Larissa Reissner auch eine Distanzierung von dem darstellt, was sie zunächst enthusiastisch vertreten hat. Zu diesem Zeitpunkt ist bereits unendlich viel verloren, es hat sich bewahrheitet, was der spanische Schriftsteller Javier Marías in seinem Opus Magnum Dein Gesicht morgen warnend geäußert hat:

Niemand weiß je, was er in Gang setzt, unter keinen Umständen, und alles kann zu jedem beliebigen Zweck dienen, zu diesem und zum Gegenteil.

Javier Marías: Dein Gesicht Morgen

Im Spiel der Macht dienen Ideen nicht selten als Rechtfertigung unerhörter Grausamkeiten. Hätte Karl Marx ahnen können, zu was seine Ideen in den Händen Lenins und Stalins entarteten? Hätte die Afghanistan-Larissa ahnen können, wem sie in die Hände spielt, um ihr Ziel, die Niederwerfung des anglo-amerikanischen Kapitalismus und die globale Revolution zu erreichen?

Schwerwiegende Fragen, die leicht in stiefeliges Stapfen münden könnten. Steffen Kopetzky ist jedoch nicht nur ein enorm bildstarker Autor, sondern versteht es auch, seiner Sprache mit ironisch-komischen Wendungen Leichtigkeit zu verleihen. Bei aller Tragik um das Schicksal Larissa Reissners ist die Lektüre von Damenopfer ein Genuss. Ganz am Ende sorgt eine Postkarte aus dem Jahr 1948, dem Jahr der Berlin-Blockade, mit einem optimistischen Schlachtruf für einen lichten Funken im Abgrund.

[Rezensionsexemplar]

Steffen Kopetzky: Damenopfer
Rowohlt Berlin 2023
Gebunden 448 Seiten
ISBN: 978-3-7371-0151-6

Arthur Koestler: Der Sklavenkrieg

Der erste Satz in Koestlers großem Historischen Roman ist genial, kurz und im wörtlichen wie übertragenen Sinne wunderschön. Cover Elsinor-Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Es sind die großen Fragen, die Arthur Koestler in seinem Roman Der Sklavenkrieg stellt. Warum handelt der Mensch gegen seine eigenen Interessen? Zu Beginn der Revolte schließen sich die Sklaven und Entrechteten der Sklavenarmee unter Spartakus an, machen mit ihnen gemeinsame Sache – doch in Capua (ausgerechnet!) stehen die Versklavten bewaffnet auf den Mauern und verteidigen ihre Herren und Besitzer. Warum tun sie das?

Koestlers Roman Der Sklavenkrieg liefert keine mundgerechten Antworten, kein romantisierendes, verschlichtendes Feuerwerk an Plattitüden und Phrasen, wie es in vielen breitenwirksamen historischen Romanen und Hollywood-Filmen gezündet wird. Dabei ist die Handlung, der sich Koestler angenommen hat, unbedingt eine tolle Vorlage für Hollywood, wie die berühmte Verfilmung Spartakus mit Kirk Douglas beweist. Und Der Sklavenkrieg ist vor allem ein Roman, keine philosophische Abhandlung oder Essay.

Mit einer einfachen Erzählung der Ereignisse lässt der Autor den Leser aber nicht davonkommen, ohne der Spannung die Spitze zu nehmen oder gar in historisch-erklärende Langeweile abzugleiten. Natürlich weiß jeder Leser von Beginn an, dass der große Aufstand der Sklaven unter der von Legenden umwobenen Heldenfigur Spartakus am Ende blutig gescheitert ist; wer hat nicht von dem grausamen Schicksal der Überlebenden gehört?

»Es ist kein Vergnügen, von Rom gerettet zu werden.«

Arthur Koestler: Der Sklavenkrieg

Das Römische Reich ist eine Sklavenhaltergesellschaft gewesen, vor allem Kriegsgefangene und Verschleppte aus bekriegten und eroberten Gebieten fanden sich in Ketten wieder. Die Behandlung der Versklavten war – wie zu jeder anderen Zeit – unterschiedlich, von grausamst Misshandelten und Ausgebeuteten bis hin zum intellektuellen Anhängsel und Erzieher reichte die Bandbreite. Gemeinsam war allen die Unfreiheit und die fürchterliche Bestrafung im Falle einer Flucht oder Teilnahme an einem Aufstand.

Neben einer Unzahl an kleineren Widerstandsaktionen gab es innerhalb weniger Jahrzehnte gleich drei große Erhebungen von Versklavten in Italien respektive Sizilien, die allesamt zu verheerenden Auseinandersetzungen, ja regelrechten Feldzügen und Schlachten führten. Der berühmteste Aufstand ist der des Spartakus, auch gegen ihn mussten kriegsstarke Legionen eingesetzt werden, bis die »Ordnung« wiederhergestellt wurde. Diejenigen, die nicht auf dem Schlachtfeld starben, wurden hingerichtet – so auch in Der Sklavenkrieg

Koestler schildert das gruselige Schauspiel gekonnt, er lässt einige der Handelnden die Strafe erleiden und den Leser mitleiden; gleichzeitig aber bettet er es ein in die politisch-strategischen Überlegungen und Absichten des Römers Crassus (Carrhae), auf den dieses fürchterliche Schauspiel zurückgeht. Wenig bis gar nichts zählt das einzelne Leben in der überwältigenden Maschinerie der Macht, die aber von den Händen Einzelner gelenkt wird.

Der Sklavenkrieg ist aus der Sicht vieler Zeitgenossen erzählt, Koestler wechselt munter die Perspektive und lässt vor den Augen des Lesers ein vielfältiges Bild entstehen. Die Handelnden verfolgen ihre eigenen Interessen und Absichten, es gibt eine Vielzahl von einander überlagernden Konflikten, selbstverständlich auch innerhalb der immer weiter wachsenden Sklavenarmee, aber auch unter ihren Gegnern.

»Klar und gerade waren nur die Wege der Gewalt.«

Arthur Koestler: Der Sklavenkrieg

Die aufständische Armee ist alles andere als »gut«, Koestler übergeht nicht das fürchterliche Schicksal, das jene Orte ereilt, die anfangs auf der Route dieses Heerhaufens liegen. Zu den besonderen Szenen gehört jene, in der Bewohner einer dieser Städte trotz der heranwalzenden Gefahr und der sich abzeichnenden inneren Unruhen (die Sklaven der Stadt werden von Aufrührern unterwandert) völlig weltfremd und naiv reagieren und auf grausame Weise mit dem Leben bezahlen.

Die Gegenspieler der Sklavenarmee lernen und passen ihre Strategie an – es kommt zu jener erwähnten gespenstischen Szene, da bewaffnete Sklaven die Mauern einer Stadt gegen ihre heranrückenden Schicksalsgenossen erheben und ihre Herren und Unterdrücker verteidigen! Hier stellt sich die eingangs genannte Frage, weitere drängen sich auf. Warum münden Revolutionen scheinbar zwangsweise in Gewaltorgien? Warum werden sie so einfach usurpiert und zur Etablierung einer Tyrannei genutzt ?

Arthur Koestler hat diesen Roman Mitte der 1930er Jahre begonnen, als Europa von zwei einander abgrundtief hassenden, gleichzeitig aber in gewissen Strukturelementen und vor allem brutalster Menschenverachtung handelnden Regimen unterjocht wurde: dem Nationalsozialismus und dem Stalinismus. Koestler war Kommunist, später fiel er angesichts der unfassbar brutalen Herrschaft Stalins ab und wendete sich entschieden gegen den real existierenden Kommunismus.

Der Sklavenkrieg kann als ein Echo auf das Zeitgeschehen gelesen werden, er stellt auch eine Auseinandersetzung mit dem dar, was Koestler (deutscher Exilant und entzauberter Kommunist) selbst erlebt. Er ist übrigens nicht der einzige Romancier, der sich in dieser Lage einen historischen Stoff sucht, um sich mit gegenwärtigen Fragen auseinanderzusetzen; Heinrich Mann  hat nicht grundlos in den 1930ern sein monumentales Werk um Henri Quatre vollendet.

Ein zentrales Roman-Motiv ist das »Gesetz des Umweges«. Wenn eine Revolution oder ein Aufstand dieses Gesetz missachtet und den direkten Weg wählt, drohen Blutbad und Untergang. Koestler lässt seine aufständischen Sklaven auf einen – fiktiven – Umweg ziehen und eine utopische »Sonnenstadt« gründen; die aber hat mit dem Paradies auf Erden wenig zu tun, man assoziiert eher Cromwells unerbittliche Puritaner und natürlich das Paradies der Arbeitslager, die stalinistische Sowjetunion.

»Aber die Stadt, der Sonnenstaat, blieb allein.«

Arthur Koestler: Der Sklavenkrieg

Auch der Umweg führt in diesem Fall in den Abgrund. Spartakus verändert sich, wird zum Alleinherrscher, entfremdet sich und regiert mit drakonischer Härte. Wichtiger aber ist, dass jenes Lebensexperiment namens »Sonnenstadt« einerseits ohne Mitstreiter und Nachahmer in der übrigen Welt bleibt, zugleich mit dem Rest dieser Welt verbunden ist; verändert sich die allgemeine Tektonik der Macht, ist auch die »Sonnenstadt« davon betroffen, wie Spartakus und die Seinen schmerzlich erfahren müssen.

Der Sklavenkrieg von Arthur Koestler ist ein überwältigender Roman, der den Leser dank der wendungsreichen Ereignisse und des Tiefgangs der Handlung fesselt, während das Geschehen auf sein tragisches Ende zusteuert. Man schaut in tiefe, dunkle Schluchten und spürt das verlockende Blau, das unerreichbar in der Höhe strahlt, die Verheißung einer besseren Welt. Unten aber steht der Mensch in seiner Widersprüchlichkeit und findet nicht aus seiner Haut heraus.

Der Roman selbst ist in gewisser Hinsicht dem »Gesetz des Umweges« gefolgt, bis er in dieser Form publiziert werden konnte. Das Originalmanuskript galt als verloren, die Veröffentlichung in weitere Sprachen geschah auf der Basis der Übersetzung ins Englische und einer Rückübersetzung ins Deutsche (Die Gladiatoren). Das Originalmanuskript schlummerte derweil in der Sowjetunion unter den misstrauischen Augen des KGB, ehe es nach weiteren Windungen und Wendungen veröffentlicht wurde.

[Rezensionsexemplar]

Arthur Koestler: Der Sklavenkrieg
Elsinor 2021
Hardcover 392 Seiten
SBN 978-3-942788-60-1

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