Schriftsteller - Buchblogger

Kategorie: Buchvorstellung (Seite 4 von 35)

Marie-Janine Calic: Balkan-Odyssee 1933-1941

Buchcover von Marie-Janine Calic mit dem Titel ‚Balkan-Odyssee 1933–1941: Auf der Flucht vor Hitler durch Südosteuropa‘, kombiniert mit einem historischen Schwarz-Weiß-Foto.

Das Foto zeigt eine Menschenmenge und ein altes Auto, vermutlich aus der Zeit des Nationalsozialismus.

Ein Zitat auf dem Bild lautet: ‚Häufig begann die Odyssee unmittelbar nach Hitlers Machtantritt.‘

Das Buchcover zeigt eine Stadtansicht, vermutlich eine südosteuropäische Hafenstadt.
Jugoslawien war wohl der letzte Fluchtweg, der nach Kriegsausbruch und dem atemberaubenden Vormarsch der Wehrmacht für Verfolgte des NS-Regimes noch offenblieb. Im Gegensatz zu Frankreich oder anderen westlichen Staaten ist die Balkan-Route hierzulande in Vergessenheit geraten. Das ändert sich hoffentlich durch dieses lesenwerte Buch. Cover C.H.Beck, Bild mit Canva erstellt.

Bei Hitlers Machtübernahme lag der Balkan für viele Menschen „irgendwo das unten“.

Marie-Janine Calic: Balkan-Odyssee 1933-1941

Viele der Geschichten endeten mit dem Tod. Manche legten selbst Hand an sich, entflohen Not und Verzweiflung durch den Freitod, andere gerieten irgendwann in die Fänge der Nationalsozialisten oder ihrer Helfer und starben in den Vernichtungslagern. In diesen Fällen stand am Ende der Balkan-Odyssee das, wovor die Menschen nach 1933 flohen; die Vergeblichkeit ihrer Mühsal ist niederschmetternd.

Es spricht für das Buch von Marie-Janine Calic, sich nicht nur auf die gelungenen Fluchten zu fokussieren, so dramatisch diese auch verlaufen sein mögen. Scheitern gehört zur Flucht, die Autorin erspart den Lesern die schwarzen Stunden inmitten der allgemeinen Dunkelheit nicht. Sie bleibt auch dabei ihrem angenehmen Erzählduktus treu, verzichtet auf eine emotional überladene Sprache.

Ohnehin gehört der Stil zu den Stärken von Balkan-Odyssee. Den Lebenslinien folgt das Buch in einem Erzählton, der die nötige sachliche Distanz wahrt und vor allem die Zeitgenossen selbst zu Wort kommen lässt. Die Flüchtlinge der 1930er Jahre brachten ihre Lage und zwiespältigen Befindlichkeiten treffend zu Papier, oft bitter, ironisch, sarkastisch, bisweilen auch schonungslos niedergeschlagen. 

Und so verging andererseits auch keinen Tag, an dem die Exilanten in ihrer „eigenartigen Ferienstimmung“ nicht auch über die bedrohliche Zukunft debattierten.

Marie-Janine Calic: Balkan-Odyssee 1933-1941

Dem „Balkan“ begegnet man hierzulande oft noch immer mit der herablassenden Verachtung und Gleichgültigkeit, die Bismarck in seinem berühmten Diktum verewigte, die Region sei nicht die Knochen eines einzigen preußischen Landsturmmannes wert. Der Hochmut steht im Kontrast zu dem Verhalten der Einheimischen gegenüber den Flüchtlingen, die in vielfacher Hinsicht versuchten, Hilfe zu leisten.

Selbstverständlich war der Balkan kein Bullerbü für die Fliehenden aus dem sich immer weiter ausdehnenden Hitler-Reich. Nur wenigen bot sich tatsächlich eine – oft nur zeitlich befristete – Lebensperspektive. Alle sahen sich mit jenen Problemen konfrontiert, mit denen Flüchtlinge auch in Frankreich, den Niederlanden und anderswo zu kämpfen hatten. Der nahende Krieg machte eine weitere Flucht nötig, die Möglichkeiten waren aber begrenzt und die Bereitschaft, Fliehende aufzunehmen, sank im Laufe der Zeit.

Auf offiziellem Wege mussten bürokratische Hürden genommen werden, allein die begrenzten Aufnahmezahlen und die monetären Voraussetzungen machten eine Flucht nach England oder in die USA für viele unmöglich. Manchmal half der Zufall weiter, in Gestalt eines mitleidigen Beamten, manchmal blieb nur noch der illegale Weg, etwa an Bord eines Frachtschiffes. Vieles wirkt vertraut, die Debatten über Flüchtlinge in der Gegenwart klingen oft wie Echos der Vergangenheit.

Bei Seezunge „Müllerin Art“, Poularden-Supreme, Schinken-Mousse und erlesenen Weinen würden sie beraten, wie man die humanitäre Not der Juden lindern könne.

Marie-Janine Calic: Balkan-Odyssee 1933-1941

Die Konferenz von Évian im Juli 1938 gehört zu den Ereignissen, die geradezu grotesk gegenwärtig wirken. In mondäner Umgebung führten die Vertreter potenzieller Aufnahmestaaten für jüdische Verfolgte aus dem so genannten „Dritten Reich“ einen diplomatischen Eiertanz auf, um zu verschleiern, dass die Flüchtlinge in der Mehrzahl unerwünscht und lästig waren. Offene Worte wie die des kanadischen Ministers für Einwanderung, waren selten. Die „Judenfrage“ solle der NS-Staat selbst beantworten; drei Jahre vor dem „Holocaust mit Kugeln“ und vier Jahre, bevor die Vernichtungslager auf Hochtouren liefen.

Vor diesem Hintergrund wirken jene Taten, die im rechtlich-bürokratischen Sinne eine Grenzüberschreitung darstellten, die Regeln missachteten oder gar brachen, als kleine, bescheidene Heldentaten. Retter in diesem Sinne waren und sind immer Rechtsbrecher. Am großen Verhängnis änderten sie nichts, aber das galt auch für die „großen“ Handlungen der Staatsvertreter, sei es in Évian, sei es in München im Herbst 1938, als durch Appeasement die Tür für Hitlers Vernichtungskrieg weit aufgestoßen wurde.

Ein Fluchtziel war Israel. Bis 1918 gehörte Palästina zum Osmanischen Reich, danach wurde es als Mandat von den Engländern verwaltet. Dort lebten nach dem Ende des Ersten Weltkrieges Araber und Juden, die zionistische Bewegung bemühte sich um jüdische Einwanderer. Die antijüdische Politik der Nationalsozialisten sorgte für eine erhebliche Zunahme der Einreisewilligen. Auch für Palästina gibt es ein Nebeneinander von legalen, zahlenmäßig begrenzten und illegalen Zuwanderer, die unter einem Vorwand einreisten und untertauchten.

Es war eine der letzten Möglichkeiten für die vom nationalsozialistischen Terror bedrohten und verfolgten Juden, dem „Dritten Reich“ zu entgehen. Allein bis 1936 sollen rund zehntausend von ihnen dort illegal Schutz gefunden haben. Es ist beklemmend zu sehen, wie gleichzeitig immer mehr Länder die Pforten für (jüdische) Verfolgte schlossen und der Terror zunahm. Waghalsige, lebensgefährliche, aber auch kreative Wege wurden genommen, um der Todesfalle noch zu entkommen.

Die zionistischen Organisationen standen unter gewaltigem Zeitdruck. Einerseits wollten sie selbst möglichst viele junge Leute retten, andererseits trieb Adolf Eichmann sie mit wachsender Ungeduld an.

Marie-Janine Calic: Balkan-Odyssee 1933-1941

Selbst nach dem Beginn des Zweiten Weltkrieges setzte sich die Fluchtbewegung fort. Calic schildert, wie sich die prekäre Lage der Juden im Reich und den von der Wehrmacht eroberten Gebieten rasant verschlechterte. Während Juden immer brutaler drangsaliert und getötet wurden, gab es inoffizielle Bemühungen auf deutscher Seite, die Auswanderung zu beschleunigen.

Rückblickend wirkt es bizarr, dass ausgerechnet Adolf Eichmann in Wien mit illegal operierenden zionistische Organisationen kooperierte, um mit deren Hilfe die Zahl der Juden im Reich zu verringern. Wenn man bedenkt, dass gleichzeitig immer höhere bürokratische Hürden aufgebaut wurden, um die Auswanderung der als jüdisch angesehenen Bevölkerung zu behindern, erscheint die Situation geradezu kafkaesk.

Für die Betroffenen bedeutete das eine zusätzliche Belastung. Wochen, Monate vergingen mit oft vergeblichen Versuchen, eine Ausreise in die Wege zu leiten. Wer das Glück hatte, tatsächlich auf einer der letzten Fluchtrouten zu gelangen, kam oft genug vom Regen in die Traufe. Auf überfüllten Donau-Schiffen drängten sich die Flüchtlinge monatelang unter erbärmlichen Bedingungen, um nach Palästina zu gelangen, was die Briten durch diplomatische Aktionen zu verhindern suchten.

Fliehende als Spielsteine im geopolitischen Spiel – auch das ist keine Erscheinung des 21. Jahrhunderts. Man sollte bei der Bewertung der Ereignisse nicht übersehen, dass in Palästina zu diesem Zeitpunkt bereits arabische und jüdische Milizen miteinander kämpften. Ein neuer, bis in die Gegenwart reichender Konflikt hob an, die britischen Mandatstruppen wurden immer stärker zum Ziel von Gewalt. Das politische Dilemma ist mit den Händen zu greifen, eine zufriedenstellende Lösung schwer vorstellbar, denn Großbritannien befand sich zu diesem Zeitpunkt eben auch in einem Krieg auf Leben und Tod mit dem Hitlerreich.

Ich bedanke mich beim C.H.Beck-Verlag für das Rezensionsexemplar.

Marie-Janine Calic: Balkan-Odyssee 1933-1941
Auf der Flucht vor Hitler durch Südosteuropa
C.H.Beck 2025
Gebunden 386 Seiten
ISBN: 978-3-40683634-3

Arthur Koestler: Sonnenfinsternis

Die berüchtigten Moskauer (Schau-)Prozesse bilden den historischen Hintergrund des großartigen Romans, der den Bruch des Autors mit dem (stalinistischen) Kommunismus widerspiegelt. 1940 verfasst, nimmt er Parallelen zwischen Nationalsozialismus und Stalinismus wahr, die viele erst deutlich später oder nie erkannten. Cover Elsinor-Verlag, Bild mit Canva erstellt.

›Man wird dich also erschießen‹, dachte Rubaschow.

Arthur Koestler: Sonnenfinsternis

Schon am Anfang ist das Ende klar. Nicolas Salmanowitsch Rubaschow ist dem Tode geweiht. Er weiß es und der Leser weiß es auch. Wer in der stalinistischen Sowjetunion während der Zeit der Säuberungen, also der massenhaften Ermordung von Parteimitgliedern, verhaftet wurde, war eine lebende Leiche. Rubaschow, ein Parteimann im Range eines Volkskommissars, Revolutionär und Bürgerkriegsoffizier der Roten Armee, durfte erst recht nicht auf Milde hoffen, im Gegenteil: Leuten wie ihm galt Stalins mörderischer Furor Mitte der 1930er Jahre.

Auch das ist Rubaschow bewusst, als »die Zellentür hinter ihm ins Schloss« kracht. Wie in seinem Roman Der Sklavenkrieg beginnt Arthur Koestler mit einem starken Bild. Das könnte auch am Ende einer Erzählung stehen, die das Schicksal einer Person während der Terrorjahre schildert, bevor sie verhaftet wird. Die bleierne Angst, die vielen Verhaftungen im Umfeld, die verzweifelten Versuche, das Schicksal abzuwenden, also dramatische Motive, die in Romanen wie Der Lärm der Zeit von Julian Barnes verarbeitet werden.

Koestler setzt in dem Moment an, in dem anderswo die Handlungs-Spannung abfällt. Es ist passiert. Das Kind liegt im Brunnen und ertrinkt. Um die verlockende Spannung vor diesem Augenblick geht es dem Autor nicht, er legt den Fokus auf den Zeitraum zwischen Verhaftung und Hinrichtung, auf die Verhöre und den aberwitzigen Irrsinn, zu dem sich die Revolution unter dem Regime Stalins gewandelt hat. Koestler fasst das ist ein treffendes Bild.

Die Partei hat Gicht und Krampfadern an allen Gliedern.

Arthur Koestler: Sonnenfinsternis

Koestler verfasste Sonnenfinsternis 1939/40, zu diesem Zeitpunkt hatte Stalins Russland viele Millionen Menschen auf dem Gewissen; jene, die wie Rubaschow Teil des Systems waren, stellten nur ein verschwindend kleinen Teil. Der zitierte Satz meint also nur einen Bruchteil der Gemordeten, nach Stalins Tod wurden auch nur diese rehabilitiert. Die anderen Opfer, von Bürgerkrieg über Holodomor und den Verschleppten aus den eroberten Gebieten bis hin zu den Insassen der Arbeits- und Vernichtungslager, spielen keine Rolle.

Das kann man Koestler schwerlich vorwerfen. Die Propaganda der Sowjetunion hat es geschickt verstanden, die eigenen Verbrechen in den Schatten der Untaten zu verbergen, die durch die Nationalsozialisten begangen wurden. Erst Historiker wie Timothy Snyder (Bloodlands) haben mehr als fünfzig Jahre nach Kriegsende für ein ausgewogenes Bild gesorgt und Millionen gemeuchelte Menschen aus dem Vergessen geholt. Sie rückten auch die systematische Massenfolter ins Licht, die eingesetzt wurde, um groteske Geständnisse aus den Inhaftierten zu pressen.

Koestler hat sich vom Sowjetkommunismus abgewandt, als andere Intellektuelle wie Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger oder Anna Seghers noch eisenhart die Parteilinie vertraten. Wie schwer es sein kann, vom stalinistischen »Glauben« abzufallen, zeigt etwa Jorge Sempruns Was für ein schöner Sonntag! oder auch Leonardo Paduras Der Mann, der Hunde liebte. Der kubanische Autor zeigt die Abgründe von Stalins Reich auf, zeichnet gleichzeitig ein arg positives Bild von Leo Trotzki, an dessen Händen viel Blut klebte.

Koestler besaß den Mut und die Kraft, sich sehr früh loszusagen, er war ein Mann mit bemerkenswerter Konsequenz. Er kehrte nicht nur dem stalinistischen Kommunismus den Rücken, sondern schrieb nach seiner Flucht aus Frankreich im Jahr 1940 nur noch auf Englisch, brach also auch mit NS-Deutschland in einer Weise, die für viele andere Exilanten nicht infrage kam. Kurioserweise gilt er aus deshalb vielen als angelsächsischer Schriftsteller, obwohl er zentrale Werke wie Sonnenfinsternis und Der Sklavenkrieg auf Deutsch verfasste.

Die Partei kann sich nicht irren, sagte Rubaschow.

Arthur Koestler: Sonnenfinsternis

Der Protagonist Rubaschow ist von seiner Verhaftung nicht überrascht. Ohnehin ist ihm das Gefängnis vertraut, er saß im Laufe eines Auslandseinsatzes in nationalsozialistischer Haft, wurde gefoltert und schwieg. Trotz seiner vielumjubelten Rückkehr als Held geriet er schnell mehrfach in die gnadenlose Mühle des stalinistischen Systems, ihm wurde vorgeworfen, ein Abweichler zu sein. Um sich zu retten, wählte er eine reichlich bolschewistische Lösung und lieferte seine Sekretärin und Geliebte an Messer.

Tatsächlich zeichnet Koestler die Hauptfigur Rubaschow mit Widersprüchen. Er ist eine Art Dissident, ihm ist das Land mit seinem Führerkult zutiefst zuwider, auch wenn er sich weder offen auflehnt noch unsäglich grausame und amoralische Aufträge verweigert. So lieferte er deutsche Untergrund-Kommunisten an die Gestapo aus, weil sich die Genossen weigertnn, die völlig irreale Propaganda aus Moskau zu verbreiten. Die Partei und Stalin hätten recht, sie könnten nicht irren, dieser »Wahrheit« müsse sich auch die Realität beugen. Rubaschow ist kein Sympathieträger, sondern gefallener Gefolgsmann einer mörderischen Diktatur.

Spektakulär ist, dass Koestler ganz früh im Buch Parallelen zwischen Kommunismus stalinscher Prägung und dem Nationalsozialismus zieht. Bevor Rubaschow durch zwei Beamte des Volkskommissariats des Inneren verhaftet wird, träumt er seine Verhaftung durch die SS. Diese Montage ist kein Zufall, auch nicht das Motiv des Schlages mit einem Revolverknauf ins Gesicht – einmal im Traum durch die Nazi-Schergen, später in der Realität durch Stalins Häscher. Am Ende fragt sich Rubaschow, wer ihn eigentlich tötet, welches »Symbol« der Exekutor an seiner Uniform trägt. Nazis und Kommunisiten sind austauschbar. Starker Tobak im Jahr 1940.

Die Parallelen beider Gewaltregime waren lange tabu, eine plumpe Gleichsetzung verbietet sich selbstverständlich. 1940 galt noch der Pakt zwischen Hitler und Stalin, da mag es Koestler leichter gefallen sein, diese zu erkennen und benennen. Nach dem Beginn des Ostfeldzuges der Wehrmacht galt die Sowjetunion als ungeliebter, aber wichtiger Verbündeter im Kampf gegen das Hitlerregime. Nach dem Krieg und Stalins Tod griff Wassilij Grossmann in seinem Epos Leben und Schicksal das Motiv der Parallelen zwischen Stalinismus und Nationalsozialismus in Bezug auf die Lagerwelten in beiden Diktaturen auf, prompt wurde der Roman in der Sowjetunion verboten.

›Gekreuzigt wird man immer im Namen des eigenen Glaubens.‹

Arthur Koestler: Sonnenfinsternis

Zwei Verhörzyklen bilden den Hauptteil des Romans Sonnenfinsternis. Arthur Koestler hat zwei grundverschiedene Typen von Verhöroffizieren geschaffen. Iwanoff, der auf Kommunikation setzt, und Gletkin, bei dem Folter (Schlafentzug) und psychischer Druck zum Erfolg führen sollen. Das Ende dieser Prozedur wird durch Rubaschow schon am Anfang vorweggenommen, die Art und Weise, wie die Geständnisse zustande kommen, nehmen sich gegenüber der historischen Realität eher harmlos aus; dennoch ist es erschütternd und zutiefst beunruhigend als Leser mitzuerleben, wie in einem totalen Unrechtsstaat jemand gebrochen wird.

George Orwell hatte in seinem berühmten Roman 1984 auf eine Schilderung der brutalen Methoden verzichtet, nur das Ergebnis vorgeführt. Koestlers Sonnenfinsternis verzichtet bewusst oder aus Unkenntnis auf eine explizite Folter-Darstellung, die angedeutete Gewalt und das kalte, zynische Kalkül dahinter reichen jedoch völlig aus. Als weitere Ebene berührt der Roman die Frage der Schuld. Dank der erzwungenen, irrealen Geständnisse ist Rubaschow (wie viele seiner Mitstreiter) unschuldig, allerdings hat er durch seine Tätigkeit für die Bolschewiki Schuld auf sich geladen.

Ein ausführliches Vor- und Nachwort informieren über die Entstehungsgeschichte von Sonnenfinsternis, den internationalen Erfolg des Romans und die zum Teil heftige und aus ganz unterschiedlichen politischen Richtungen kommende Kritik. Besonders interessant ist der Umstand, dass man endlich die originale deutsche Fassung des Romans lesen kann – eine den Umständen geschuldete und durch glückliche Zufälle erst Jahrzehnte nach Kriegsende bereinigte Kuriosität.

Arthur Koestler: Sonnenfinsternis
Nach dem deutschen Originalmanuskript
Mit einem Vorwort von Michael Scammmell
und einem Nachwort von Mattias Weßel
Elsinor 2017
Gebunden 256 Seiten
ISBN: 978-3-942788-40-3

Marcus M. Keupp: Spurwechsel

Zahlen sind eine hervorragende Grundlage für die Analyse. Ich bevorzuge die Herangehensweise von Ökonomen gegenüber moralisch argumentierenden Autoren. Man muss es aushalten, denn schön ist es nicht, was der »Spurwechsel« mit sich bringt, doch haben Illusionen und Wegsehen das Dilemma erst heraufbeschworden. Cover Quadriga-Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Vielleicht hat die Ukraine der westlichen Welt den moralischen Kompass zurückgegeben, ihr gezeigt, dass selbst blutig erkämpfte Selbstbestimmung besser ist als Sklaverei oder Flucht.

Marcus M. Keupp: Spurwechsel

Immer wieder muss man darauf hinweisen, dass Russlands Krieg gegen die Ukraine nicht erst im Februar 2022 begonnen hat. Der offensichtliche Bruchpunkt ist die militärische Besetzung und Annektion der Krim 2014 gewesen, auch wenn Russland schon vorher aktiv in der ukrainischen Politik mitgewirkt hat, um die Entwicklung des Landes in seinem Sinne zu beeinflussen. Folgte man der Analyse in Marcus M. Keupps Spurwechsel, dann steht das alles in einem viel weiter in die Vergangenheit reichenden Sinnzusammenhang und greift weit über die Ukraine hinaus. Russlands Fundament ist imperial, das bestimmte seine Handlungsweisen in der Vergangenheit und bestimmt sie in Gegenwart und Zukunft.

In diesem Sinne spielt es keine Rolle, welches gesellschaftlich-politische Hülle Russland gerade vorzeigt. Die Sowjetunion war genauso imperial wie es das Zarenreich vor ihm gewesen war und Russland heute ist. Diese Feststellung ist dramatisch, wenn man die Folgen bedenkt: Verschwindet Putin, ändert sich nichts. Der Krieg geht weiter, denn es ist nicht nur Putins Krieg. Keupp weist darauf hin, dass auch ein Sieg der Ukraine den Krieg nicht beenden wird. Russland wird sich andere, leichtere Ziele suchen, wie etwa Georgien, Moldawien oder die Staaten in Zentralasien. Vielleicht aber auch das Baltikum, sollte man im Kreml zu der Ansicht gelangen, das Risiko wäre vertretbar.

Entscheidend ist, dass Russland durch den Krieg nach innen stabiler ist, denn je. Die Wirtschaft steht zwar vor einem dramatischen Einbruch, wie Keupp deutlich macht, der en passant gleich mit einer Reihe von in westlichen Medien gepflegten ökonomischen Mythen aufräumt. So sind Kennzahlen, die normalerweise über den Stand der wirtschaftlichen Entwicklung informieren, im Falle Russlands wertlos. Abgesehen von der Frage, auf welcher Basis diese Zahlen beruhen, ist eine Kriegssituation eine dramatische Veränderung, die vertraute Indikatoren wie Inflation, Arbeitslosigkeit oder das BIP entwerten. Die prekäre wirtschaftliche Lage lässt sich so nach außen propagandistisch bemänteln.

In einer Kriegssituation verliert das nominale BIP jede Aussagekraft.

Marcus M. Keupp: Spurwechsel

Die Passagen, in denen Keupp die russländische Wirtschaftsentwicklung analysiert und ihre Folgen skizziert, gehören zu den ernüchternden Abschnitten. Mittel- und langfristig hat der mafiöse Petro-Staat nichts zu bieten, von den dramatischen technologischen Umwälzungen wie Künstlicher Intelligenz ist das Land abgehängt. Auf den Kriegsverlauf und die Systemstabilität des Landes hat das aber kurzfristig keine Auswirkungen, im Gegenteil. Putins Regime verfolgt die Fokussierung auf wirtschaftliche Autonomie (vom Westen) und Downsizing auf technologischer Ebene sowie beim Konsum, abgefedert durch Subventionen und ideologisch aufgeladene Propaganda. Wer dennoch aufmuckt, verschwindet im Lager oder stirbt; das über Jahrzehnte aufgebaute Repressionssystem funktioniert prächtig.

Der Krieg hält die Eliten zunächst einmal an der Macht, also könnte er weitergehen, bis alle Ressourcen ausgeschöpft wurden und der Staat in die Knie geht. Die Aussicht auf einen langwierigen Krieg ist selbstverständlich niederschmetternd in einer Welt, in der ohne ein aggressiv nach außen greifendes Russland genug Probleme zu lösen wären. Gleichzeitig entwertet der Zusammenhang von Machterhalt und Krieg jegliches Friedensgesäusel hierzulande, bei dem allein der Wunsch Vater des Gedankens ist. Bis zum Zusammenbruch wird allein in Moskau über die Fortsetzung des Krieges entschieden. Was in Deutschland gewünscht wird, interessiert nur insoweit, wie es für die eigene Politik instrumentalisiert werden kann. Der intellektuelle Spurwechsel steht in dieser Hinsicht hierzulande vielfach noch aus.

Die Ukraine hat den Europäern schmerzhaft die eigenen Lebenslügen aufgezeigt, ihnen vorgeführt, wie Appeasement letztlich immer endet.

Marcus M. Keupp: Spurwechsel

Überhaupt schrumpft Deutschland mit seinen Befindlichkeiten auf Zwergenniveau, wenn Keupp seinen Streifzug durch Mittelasien unternimmt und den breiten Gürtel von Russland kolonisierter Gebiete behandelt. Deren Werdegang, die wirtschaftlichen Grundlagen und aktuelle geopolitische Optionen werden skizziert. Der Wandel wurde durch den Vernichtungskrieg Russlands dramatisch beschleunigt – Deutschland und Europa spielen dort – anders als bei der Ukraine, Moldawien, Georgien – nur eine kleine oder gar keine Rolle. Das Desaster in Afghanistan hat die Marginalisierung zweifellos beflügelt. So ist auch die Unterüberschrift des Buches zu verstehen: Eine neue Weltordnung bildet sich gerade im vollen Galopp heraus.

Gewinnbringend ist nicht nur der ökonomisch geprägte Analyse- und Erkläransatz von Spurwechsel, sondern auch die globale Ausrichtung. So werden auch die oft übergangenen Öl-Staaten am Golf unter die Lupe genommen, die trotz oder wegen ihres Reichtums in einer durchaus problematischen Lage sind. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine hat auch hier bereits im Gange befindliche Entwicklungen beschleunigt, grundlegende strategische und taktische Entscheidungen rücken näher. Wie überraschend und tiefgreifend diese sein können, haben die Ereignisse in Syrien gezeigt; wie wenig vorhersehbar die Folgen sind, allerdings auch.

Marcus Keupps Spurwechsel wirft ein Schlaglicht auf zentrale geopolitische Regionen der Gegenwart und Zukunft, ohne sich bei dem Versuch zu verheben, Entwicklungen prognostizieren zu wollen. Die Zukunft ist immer offen. Das macht das Buch auf vielschichtige Weise deutlich.

Marcus M. Keupp: Spurwechsel
Die neue Weltordnung nach Russlands Krieg
Quadriga Verlag 2025
Gebunden, 306 Seiten
ISBN: 978-3-86995-153-9

Sol Stein: Über das Schreiben

Die Lektüre war insgesamt gewinnbringend, allerdings muss man eine Menge aushalten. Der Autor kommt mit überbordendem Selbstbewusstsein daher, das dem Inhalt nicht gerecht werden will. Cover Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Als Autor über das Buch eines „Meisterlektors“ kritisch zu urteilen, hat etwas Anmaßendes. Das gilt insbesondere, wenn der Autor nur ein armer Selbstveröffentlicher ist, dem es nicht vergönnt war, einen Verlag für seine Manuskripte zu finden. Für „Meisterlektor“ Sol Stein ist das aber eines der wesentlichen Kriterien des Erfolgs, der (Verkaufs-)Erfolg ist der alleinige Leitstern seiner Arbeit. Schreiben, um möglichst vielen Lesern zu gefallen, sie mit „Spannung“ zu fesseln, ist wenig überraschend der Rote Faden durch sein Buch. Gefälligkeitsliteratur soll es sein.

Entsprechend sind die Textbeispiele von Stein ausgewählt, denen gemeinsam ist, dass sie oft von erschütternder Schlichtheit sind. Amerikanische Massenware, jene aufgeblasen wirkende, narzisstisch um sich selbst drehende Art des Erzählens, die oft konstruiert wirkt, künstlich. Dieses Urteil erlaube ich mir durch den Vergleich zu den Textbeispielen, die Michael Maar für sein vorzügliches Buch Die Schlange im Wolfspelz ausgewählt hat. Das Niveau der Textstellen ist dort fast immer großartig, bei Stein selten. Der „Meisterlektor“ greift auch auf seine eigenen Werke als Textfundus zurück, was bisweilen peinlich wirkt. Maar verzichtet zum Glück darauf; ebenso auf „Tipps“.

Sol Steins Selbstbewusstsein touchiert nicht selten die Grenze zur Hybris. Der Eindruck drängt sich auf, hier meine jemand, den Schlüssel für die Kunst des Schreibens tatsächlich in den Händen zu halten. Der Autor tritt oft belehrend wie ein weiser Schulmeister auf. Seine Ratschläge an den »unerfahrenen Autor« lesen sich oft wie Moses’ in Stein gemeißelte Gebote, die befolgt werden müssen. Doch gilt für Schreibtipps wie für Börsentipps: Man sollte ihnen niemals blind folgen. Zum einen gibt es von berufener Seite andere Ansichten zu diversen Punkten. James Wood vertritt in Die Kunst des Erzählens die Haltung, dass Figuren nicht zwangsweise »Tiefe« haben müssen.

Wer Über das Schreiben aufmerksam liest, findet immer wieder Fragwürdiges. Ein Beispiel, das sich mit dem Thema »Zeigen statt Erzählen« befasst, soll das verdeutlichen. Die Auslegung der Textstelle finde ich nicht recht nachvollziehbar.

Hinter dem Polarkreis ist die Farbe der Kälte Blau. Aber in der Tiefe der arktischen Gewässer ist die Farbe der Kälte Schwarz.

Sol Stein: Über das Schreiben

Stein sieht in diesen beiden Zeilen einen tollen Romanbeginn, dem ich nur zustimmen kann. Auch kann ich den Eindruck des Geheimnisvollen nachempfinden, fühle aber auch etwas Bedrohliches in dem Buchbeginn. Was ich nicht verstehe, ist Sol Steins Begründung dafür, wie diese Stelle funktioniert.

Wir sehen das Wasser vor uns. Und der Farbwechsel hat etwas Geheimnisvolles.

Sol Stein: Über das Schreiben

Welches Wasser? Im ersten Satz ist gar nicht von Wasser die Rede, im zweiten nur mittelbar, denn das Wasser ist in der Tiefe so wenig schwarz wie das an der Oberfläche. In beiden Sätzen geht es um das Licht und eine Empfindung (Kälte), also um etwas, das man nicht sehen kann. Die Empfindung soll verdeutlicht werden durch die bildhafte Übertragung auf die Farbe des Lichtes bzw. dessen Abwesenheit in der Tiefe der See. Man kann das Wasser in der absoluten Dunkelheit gar nicht sehen, es kann nicht »gezeigt« werden; es wird erzählt/behauptet. Der scharfe Kontrast zwischen beiden (Licht-)Welten erzeugt den Eindruck des Geheimnisvollen, sogar Bedrohlichen, denn Licht ist die Voraussetzung für Leben; seine Abwesenheit deutet auf den Tod hin.

Als Über das Schreiben 1995 erschien, war von KI noch nicht die Rede. Bei der Lektüre dreißig Jahre später drängt sich die Frage auf, ob Algorithmen, die entlang der Wahrscheinlichkeiten kalkulieren, die Anweisungen Steins nicht viel besser, also leserbefriedigender und erfolgreicher erfüllen können, als jeder Mensch. Aber wer ist eigentlich mit »Leser« gemeint? Mit Literatur im Sinne meines Leseinteresses – denn das bin ich ja auch: ein Leser – hat das alles nichts zu tun. Auch Sol Steins Unterstellungen, was »Leser« allgemein mögen oder nicht, sind im Wortsinne erstaunlich eingeschränkt. Man ist auf sehr schmaler Spur unterwegs in Sol Steins Lese-Welt.

Die meisten Bücher, die ich im Leben gelesen habe, wären in Steins Lektoren-Welt gar nicht erschienen. Das liegt auch daran, dass der „Meisterlektor“ eine Inhaltsorientierung von Autoren als problematisch betrachtet. Für ihn zählt weniger, was der Autor zu erzählen hat, sondern was sein »Leser« konsumieren will. Das allein ist kurios genug, vor allem aber sind fast alle Textbeispiele zu Steins „Handwerk“ in ihrer Wirkung auf den Leser abhängig vom Kontext. Den aber bestimmt oft genug insbesondere der Inhalt. Wenig überraschend würde sich die Wirkung fast aller Textbeispiele in Über das Schreiben abhängig vom Inhalt verändern, was den Gehalt der Aussagen Steins abschwächt.

Aber auch jene Aspekte, die ich kritisch sehe, regen zum Nachdenken an. Das hat bekanntlich noch niemandem geschadet und so habe ich das Buch mit Gewinn gelesen.  Als Leser und Blogger kann ich nun treffender beschreiben, was mich an Büchern (us-amerikanischer Autoren) stört; jüngste Beispiel wären Blue Skies von T.C. Boyle oder Das große Spiel von Richard Powers, aber auch Lincoln Highway von Amor Towels.

Für meine eigene Arbeit als Autor bietet Über das Schreiben Anregungen zum Nachdenken bei der Überarbeitung des Manuskriptes. Anregend ist etwa der Abschnitt über Rückblenden und die Vermeidung von gehäuftem Plusquamperfekt. Anregend ist auch die Drehbuch-Methode der Actors-Studios. Steins zutreffende Ansichten zu Liebesszenen sind (avant la lettre) vernichtend für jede Form von Romance-Büchern. In einem Punkt, der für das Schreiben von elemtarer Bedeutung ist, kann man Sol Stein unumwunden zustimmen:

Am Widerwillen, das einmal Geschriebene zu überarbeiten, erkennt man im allgemeinen den Amateur.

Sol Stein: Über das Schreiben

Sol Stein: Über das Schreiben
Autorenhaus Verlag 2015
Hardcover 464 Seiten
ISBN: 9-783-8-66711266

Robert Forster: Das große Mittelerde-Lexikon

Ein Lexikon ist nicht nur zum Nachschlagen da, sondern lädt zum mäandernden Stöbern ein. Wer nur die Filme kennt, wird gelegentlich eines Besseren belehrt. Cover Anaconda-Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Natürlich kann man die Romane Der Hobbit und Der Herr der Ringe von J.R.R. Tolkien lesen, ohne ein Lexikon griffbereit zu haben. Bei Das Silmarillion wäre ich mir nicht so sicher. Zu Beginn dieses Buches von J.R.R. Tolkien rauscht dem Leser eine wahre Flut an Namen entgegen. Es ist hilfreich, ohne langes Zurückblättern nachsehen zu können, wer sich hinter einem dem jeweiligen Namen verbirgt.

Da kommt Das große Mittelerde-Lexikon von Robert Forster gerade recht, das – wie der Untertitel sagt – einen Führer durch die vielschichtige Fantasy-Welt Tolkiens bieten will. Ein wichtiger Grund für die hohe, für manche bis heute unerreichte und unerreichbare Qualität von Der Herr der Ringe liegt in der verschlungenen und verworrenen Geschichte vor der eigentlichen Handlung; also in den Legenden und Sagen, Liedern und Epen, die oft nur angerissen oder erwähnt werden. Auch aus diesem Grund lohnt sich bei der Lektüre des Opus Magnum von Tolkien der Blick in das Lexikon.

Die Neuauflage des Lexikons, das erstmals vor mehr als einem halben Jahrhundert erschien, steht in der deutschen Version vor einem grundlegenden Problem: Es gibt zwei miteinander konkurrierende Übersetzungen des The Lord of the Rings und The Hobbit. Die ältere hat Margaret Carroux vorgenommen, die jüngere Wolfgang Krege. Wie es sich für ein Werk mit Kult-Status gehört, wurde und wird erbittert über die Frage gestritten, welche der beiden Übersetzungen angemessen ist.

Inzwischen hat sich die ältere Textfassung, die auch der deutschen Synchronisation von Peter Jacksons Verfilmungen zugrunde gelegt wurde, wieder als Standard durchgesetzt.

Robert Forster: Das große Mittelerde-Lexikon

Meine Ansicht zu diesem Thema spielt keine Rolle, stattdessen möchte ich an dieser Stelle dazu anregen, wenigstens einmal einen langen Blick in die englische Originalversion The Lord of the Rings zu werfen. Das habe ich zu Beginn des Jahres 2024 getan und während der großartigen Lektüre oft darüber nachgedacht, wie ein Satz überhaupt im Deutschen wiederzugeben wäre, um möglichst nahe am Sinn zu bleiben und literarische Verrenkungen zu vermeiden. Übersetzen ist eine Kunst, die einen oft zu wenig gewürdigten Aufwand erfordert.

Das große Mittelerde-Lexikon orientiert sich an der Carroux-Übersetzung von Der Herr der Ringe und der Krege-Übertragung von Der Hobbit und Das Silmarillion. In einem Vorwort von Helmut W. Pesch wird über die Grundlagen der Entscheidung informiert; die alternativen Übersetzungen werden – wenn nötig – zu Rate gezogen und in den Lexikon-Artikeln auch genannt. Vorangestellt ist dem Lexikon eine Liste an Quellen und Hilfsquellen, ein Anhang informiert zudem über interessante Genealogien.

Im Nachwort gibt es außerdem eine Erläuterung, warum verschiedene Veröffentlichungen nicht berücksichtigt wurden. Die Leitlinie ist, dass die Informationen im Einklang mit den Hauptwerken J.R.R. Tolkiens stehen müssen. So wurden beispielsweise die Lebensdaten von Figuren ergänzt. Erzählerische Neufassungen wie Die Kinder Húrins wurden dagegen nicht berücksichtigt, auch weil die Informationen bereits im Silmarillion und Nachrichten aus Mittelerde enthalten sind und wesentlich Neues fehlt.

Drachen. Böses Gezücht aus dem Norden von Mittelerde, riesig, mächtig, mit einem Schuppenpanzer bedeckt, langlebig, gierig nach Schätzen und voller Bosheit.

Robert Forster: Das große Mittelerde-Lexikon

So beginnt der Abschnitt über die Drachen in Mittelerde. Man erfährt weiterhin, dass vermutlich Morgoth diese Wesen züchtete, von denen es drei Arten gegeben habe: Feuerdrachen, geflügelte Drachen und Kaltdrachen. Diese Information mag für den gewöhnlichen Leser nebensächlich sein, kaum mehr als eine Girlande. Doch zeigt sie, wie das Lexikon weit verstreute Einzelinformationen zusammenträgt und verdichtet. Man kann sich den Spaß machen und die jeweiligen Textstellen nachlesen.

Etwas merkwürdig ist der Umgang mit Querverweisen. In dem Abschnitt über Drachen werden zwei namentlich erwähnt: Glaurung und Smaug. Zu beiden gibt es im Lexikon kurze Artikel, aber keinen Verweis im Artikel über Drachen. Im Abschnitt Urulóki (d.h. Feuerdrachen) wird hingegen mit einem Pfeil auf Glaurung verwiesen. Das macht den Gebrauch des Lexikons etwas umständlich, weil man selbst nachschauen muss, ob es zu einem Stichwort einen Eintrag gibt oder nicht.

Ein ganz eigenes Vergnügen ist das mäandernde Herumstreifen durch das Lexikon. Zum Beispiel das Wort „Dagor“ – also „Schlacht“. Fünf Einträge gibt es zu dem Stichwort, „Dagorlad“ kennt man aus Der Herr der Ringe, die anderen stammen aus Das Silmarillion. Eines ist Dagor Dagorath, “Schlacht der Schlachten“ oder Letzte Schlacht, was an Ragnarök oder die Götterdämmerung erinnert. Bei Tolkien ist es »die endgültige Überwindung der Dunkelheit in Ea.«

Das ist ein erstaunlich optimistischer Gedanke, wenn man die im Silmarillion geäußerte Ansicht bedenkt, nach der die Lüge nie aus de Welt zu schaffen wäre. Wie also das Böse? Wofür Ea steht, wird in eine weiteren Artikel erläutert, von dem man per Querverweis zu einer ganzen Reihe von Begriffen geführt wird. Wer dem Pfad folgt, unternimmt eine ganz eigene Reise durch die Welt Mittelerdes, deren vielschichtige Zauber sich auch auf diese Weise vor dem Leser entfalten.

Gern bedanke ich mich beim Anaconda-Verlag für das Rezensionsexemplar

Robert Forster: Das große Mittelerde-Lexikon
Der alphabetische Führer zur Welt des Herrn der Ringe, des Hobbits und des Silmarillion. Das Standardwerk vom führenden Tolkien-Experten
Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt, bearbeitet und ergänzt von Helmut Pesch
Anaconda Verlag 2025
Hardcover 784 Seiten
ISBN: 978-3-7306-1521-8

« Ältere Beiträge Neuere Beiträge »

© 2026 Alexander Preuße

Theme von Anders Norén — Hoch ↑