Schriftsteller - Buchblogger

Kategorie: Kurzrezension (Seite 5 von 12)

Jaroslav Rudiš: Weihnachten in Prag

Prag – das weckt Assoziationen. Einige davon finden sich in den stimmungsvollen Illustrationen diesen schönen Büchleins wieder, von anderen Begebenheiten wird der Leser überrascht. Cover Luchterhand Literaturverlag, Bild mit Canva erstellt.

Ich irrlichtere ein wenig, um nicht zu viel zu verraten aus dem Weihnachten in Prag, von dem Jaroslav Rudiš in diesem schönen Büchlein erzählt. Man sagt ja so oft, dieses oder jenes Buch gehöre unter den Weihnachtsbaum, hier aber passt es nun wirklich. Das kleine Bändchen, sehr stimmungsvoll illustriert von Jaromir 99, kann man nach der Bescherung schmökern, in einem Zug, vielfach unterbrochen durch die Wirklichkeit oder lange Gedankenflüge, ganz wie es beliebt.

Schon der Anfangssatz eröffnet, worum es sich bei dieser Erzählung dreht: Verlorengehen. In Prag wäre der Ich-Erzähler zum ersten Mal in seinem Leben verloren gegangen. Nicht irgendwo in der Stadt an der Moldau, sondern am Hauptbahnhof, wo die Geschichte ihren Anfang und – soviel darf doch verraten werden – ihr Ende findet.

Der Autor hat eine familienbedingte Affinität zur Schiene, sein Roman Winterbergs letzte Reise quert und kreuzt in Zügen das von Geschichte überquellende Zentraleuropa, Rudiš hat eine literarische Handreichung zum Zugfahren verfasst und sich so verbunden mit dieser Form des Reisens geäußert, dass man vermuten möchte, er wäre noch nie mit der Deutschen Bahn gefahren. Ist er aber, die Zumutungen des Zugfahrens empfindet er als Teil des Reisens.

Das ist direkt in die Erzählung eingeflossen, denn der Ich-Erzähler, Jára, verlässt gleich zu Beginn den Hauptbahnhof, von dem es später heißt, es wäre die schönste Kirche Prags. Wieder geht er verloren. Seine Freunde, mit denen er verabredet ist, kann er nicht erreichen – in Zeiten der Immer-und-ewigen-Erreichbarkeit eine Ausnahme, die jedoch das Tor aufstößt zu einem ausgedehnten Gang durch die weihnachtlich-winterliche Stadt.

Wer verloren geht, trifft auf andere Verlorene. Kavka, der Briefe sortiert, einen „König von Prag“, ausgestattet mit allen Schlüsseln der Stadt, und eine Italienerin, deren verstorbener Mann eine sensationelle Leidenschaft für Prag besaß. Es sind diese leichten Verschrobenheiten, die dem verirrten, verlorenen Erzählen eine besondere Note verleihen.

Jára sucht allein und mit seinen zufälligen Bekanntschaften Kneipen auf, was sonst in der Stadt des Bieres, gute Kneipen, in denen das Getränk vor dem Gast steht, bevor der überhaupt ordern muss. Die Perspektive ist für eine Schmonzette ungeeignet; sie ist aber sehr stimmungsvoll und in gewisser Hinsicht auch heimelig, allein wegen der schönen Illustrationen, aber eben aus einer Kartoffelsalat-Karpfen-Bier-Sicht verfasst.

Jaroslaw Rudiš wäre nicht er selbst, wenn er den Leser so einfach entlassen würde aus seiner Weihnachtsgeschichte, ohne noch eine Volte zu schlagen. Über die kann man dann nachdenken, Heiligabend, zufrieden und satt auf dem Sofa, in aller Ruhe mit Blick auf den Baum, vielleicht ein Glas Pils in der Hand, nicht allzu tief, nicht allzu schwermütig oder gar traurig, sondern eben weihnachtlich.

[Rezensionsexemplar]

Jaroslaw Rudiš: Weihnachten in Prag
Mit Illustrationen von Jaromir 99
Luchterhand Literaturverlag 2023
Gebunden, 98 Seiten
ISBN: 978-3-630-87754-9

Angela Steidele: Aufklärung

Ein Historischer Roman aus der Sicht einer Tochter Johann Sebastian Bachs, stimmungsvoll, atmosphärisch und in besten Sinne aufklärerisch. Cover Insel-Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Ein literarisches Gegenspiel, eine Gegenbiographie, die aufklärt darüber, wie es nach Ansicht des erzählenden Ichs tatsächlich gewesen ist. Das weicht erheblich von dem ab, was aus Männerfedern auf Papier geflossen ist und die Überlieferung geprägt hat. Doch geht die Autorin noch – mindestens – einen Schritt weiter und lässt ihre Erzählstimme keineswegs unangefochten berichten – sie wird immer wieder infrage gestellt, unterbrochen, korrigiert, während sie schreibt. Kleine Sätze der Rechtfertigung sind hier und da in Klammern eingeflochten.

Im besten Sinne der Aufklärung bleibt es also am Ende beim Leser, wem und was er Glauben schenken will. Aufklärung ist ein großer Lesespaß! Man muss sich ein wenig einlesen, in den Stil, den die Autorin Angela Steidele sanft koloriert hat und etwas zeithistorisch klingen lässt, was den Lesefluss befördert sowie lustig und einfach schön ist, ohne diese träge, staubige Schwere alter Grammatik.

Die Geschichte ist in der Ich-Form präsentiert, die Erzählerin ist Dorothea Bach, eine Tochter von Johann Sebastian Bach, von der nahezu nichts überliefert ist. Ein gefundenes Fressen für eine Autorin von einem Historischen Roman, denn diese Leerstellen wollen gefüllt werden – mit Fiktion. Steidele widmet sich dieser Aufgabe mit Hingabe, Leichtigkeit, Humor, bisweilen bissigem Sarkasmus und lässt eine ganz wundervolle Welt vor den Augen der Leser entstehen.

Sie ist voller Musik, Herzenswärme, Literatur, gelehrten Gesprächen, Spott, Neid, Eifersucht, Streit – aber auch berührt von den Unbilden der Zeit. Der Macht des Todes, der Krankheit, der Armut, die Verheerungen der Kriege Friedrichs II. und die Zudringlichkeiten einer unaufgeklärten Welt. Dabei gelingt es Steidele, den leichten Tonfall beizubehalten, hier wird nicht stiefeltrampelig einer Wahrheit Bahn gebrochen, der Leser wird geradezu aufgefordert, selbst zu denken.

Ganz besonders atmosphärisch sind die kleinen Anmerkungen unten auf der Seite, die auf die Werke Johann Sebastian Bachs verweisen, von denen in der Erzählung die Rede ist. Man kann sie problemlos anhören und mit dem vergleichen, was die Erzählstimme und andere Zeitgenossen zu sagen haben. Aber auch Literatur ist aufgeführt, Dramen, Theaterstücke, Romane, Sachbücher aller Art, in die ohne große Schwierigkeiten ein Blick geworfen werden kann, denn diese zeitgenössische Literatur steht im Internet zumeist zur Verfügung.

Apropos Internet. Anlässlich einer Lesung beim Göttinger Literaturherbst hat Angela Steidele neben vielen anderen sehr aufschlussreichen Bemerkungen auch gesagt, sie habe heimlich etwas über die Gegenwart erzählen wollen. Das wollen – gute – Historische Romane ja oft. Und so darf man sich fragen, ob Lautentius Gugl nur zufällig diesen Namen trägt oder die Zwitscherblättchen, die – weil gedruckt – anonym über andere Zeitgenossen herziehen, vielleicht auf eine moderne Kommunikationserscheinung anspielen.

Angela Steidele macht sich zudem ein großes Vergnügen daraus, große Männer von ihren Sockeln zu holen. Gotthold Ephraim Lessing etwa kommt nicht gerade gut weg, Friedrich II., der so genannte „Große“, verdiente sich ganz andere Beinamen. 

Rousseau? „Ein armes Irrlicht aus Genf, der sich mit allen verkracht“, lässt sie den Leser aus dem Munde Luise Gottscheds wissen, verbunden mit einem didaktischen Hinweis für die Gegenwart: „Weil sich jeder über ihn aufregt, erhält er so viel Resonanz. Da müssen wir seine absurden Ansichten nicht auch noch ventilieren.“  Don´t feed the troll, würde man heute sagen.

Das Ende ist ganz fabelhaft gelungen. Vier Zeilen eines Gedichtes machen noch einmal deutlich, worum es in dem Roman Aufklärung eigentlich geht: Jene ins richtige Licht rücken, die bislang im Schatten standen, dorthin das Licht leuchten lassen, wo Dunkelheit, (Ver-)Schweigen und Vergessen bis heute Vieles verborgen hat, was ans Licht gehört.

Mit großem Vergnügen verweise ich auf eine ebenso vorzügliche wie ausführliche Buchvorstellung von Marius Müller, der durch seinen sehr anregenden Text verantwortlich dafür ist, dass ich diesen wunderbaren Roman gelesen habe.

Angela Steidele: Aufklärung
Insel Verlag 2022
Gebunden 602 Seiten
ISBN: 978-3-458-64340-1

C. J. Sansom: Feindesland

Ein tolles Thema mit einer großartigen Perspektive und vielen interessanten Figuren; leider überwiegen am Ende doch die Schwächen dieser historischen Dystopie. Cover Heyne-Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Das Genre lese ich selten, aber gern: eine historische Dystopie, in der das so genannte »Dritte Reich« den Zweiten Weltkrieg nicht verloren hat. Diese Formulierung ist mit Bedacht gewählt, denn Hitler wollte zwar Krieg, aber nicht unbedingt einen Sieg im Sinne eines neuen Friedens. In seinen Wahnvorstellungen sollte der Deutsche im Osten an einer stetig fechtenden Front sich stählen (sehr verkürzt dargestellt).

Der Roman von C.J. Sansom, der hierzulande unter dem Titel Feindesland vermarktet wird (im Original ein treffenderes Dominion), greift das Motiv ebenso auf wie etwa der brillante Thriller Vaterland von Robert Harris. Die Ostfront ist statt eines Stahlbads zu einer schwärenden Wunde des Reiches geworden, das zwar ganz Europa besiegt, mit England einen Frieden geschlossen und sein rassistisches Vernichtungsprogramm fast ganz durchgeführt hat, aber unter dem Dauerkrieg ächzt.

Mit dem Reich darbt auch ganz Europa, beste Voraussetzungen für das Aufkeimen von Widerstand, zumindest in der Welt, die C.J. Sansom erdacht hat. Auch in England gärt es, Botschafter Erwin Rommel wird anlässlich eines Gedenktages attackiert. Das ist der Ausgangspunkt für eine im Kern spannende und abenteuerliche Geschichte, die bevölkert ist mit vielen sehr interessanten Figuren.

Diese tummeln sich in einem England, das seine eigenen rechten Vorstellungen ebenso verwirklicht hat und in der Ideenwelt eines eigenständigen, mit Nazi-Deutschland verbündeten Großbritannien lebt: Das Empire gibt es Anfang der 1950er Jahre noch, diese Konstruktion ist ein verdeckter Kommentar zu den wirtschaftlichen Ideen eines auf den eigenen Herrschaftsbereich (Dominion!) beschränkten Landes auch in der Brexit-Gegenwart.

Diese Perspektive ist gut gewählt und bietet einen Ausblick auf eine düstere Welt, in der sich die USA dem Isolationismus verpflichtet, Japan in China in einem endlosen Krieg verbissen hat und England seine Kolonien brutal ausbeutet. Auch die durchaus vielschichtigen politischen und diplomatischen Manöver, die Teil des aktiven, d.h. auf das Geschehen einwirkenden Kulissen zählen, sind ein klarer Pluspunkt, sie verleihen dem Roman einen großen Mehrwert. Vor allem aber wird die unfassbare Monstrosität sicht- und fühlbar, die sich hinter bürokratischen Wortschleiern á la „Generalplan Ost“ verbirgt.

Weniger gelungen sind viele Kurzschlüsse in der Thriller-Handlung, allzu oft begreifen Figuren aller Seiten plötzlich etwas auf sehr kurzem Wege, wenn es gerade in den Handlungsverlauf passt; das mindert die Glaubwürdigkeit beträchtlich. Der Dynamik hätten eine konsequente Straffung gutgetan, viele Dialoge sind zu lang, redundant oder einfach unnötig. Manchmal flirren die Konturen der Figuren, wenn sie plötzlich aus der Rolle fallen oder in unangemessene Rührseligkeit ausbrechen – schade, denn die Persönlichkeiten sind grundsätzlich ansprechend.

Leider werden die Schattenseiten des Romans im Verlauf immer dichter, bis es zum Showdown kommt, schleppt sich die Handlung einige Zeit dahin wie ein Fußkranker, ehe der Leser ein groteskes Spektakel und ein fürchterlich naives Ende in Form eines Epilogs präsentiert bekommt. Das ist sehr schade, denn anfangs ist Feindesland ein großer Lesespaß, denn die Welt, die starr und dunkel zu sein scheint, gerät ganz erheblich ins Wanken.

Adolf Hitler ist schwerkrank, seine Umgebung scharrt mit den Füßen, den Machtkampf um die Nachfolge notfalls in einem selbstvernichtenden Bürgerkrieg auszufechten, eng verbunden mit der umstrittenen Frage, wie die Politik fortgeführt werden soll. Und über allem baumelt ein Alptraum namens Atombombe und eröffent eine vorzügliche Aussicht auf eine globale Selbstvernichtung.

C. J. Sansom: Feindesland
Aus dem Englischen von Christine Naegele
Heyne Verlag 2020
Taschenbuch 768 Seiten
ISBN: 978-3-453-43942-9

Alaa Al-Aswani: Die Republik der Träumer

Ein großer Roman über den so genannten Arabischen Frühling in Ägypten, Al-Aswani hat ein geniales Figurenensemble geschaffen, das die Seiten in dieser Revolution wunderbar abbildet, darunter auch die Instrumentalisierung des Antisemitismus. Cover Hanser Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Ob jemand diesen Roman lesen kann, ohne bittere Wut zu empfinden? Jene bebende Wut, die aus dem Gefühl genährt wird, Ungerechtigkeit, Betrug und Verrat zu erleiden? Es mag seltsam erscheinen, wenn ein Leser aus dem – noch – ruhigen, demokratischen Deutschland so fühlt, wo es doch um den »Arabischen Frühling« in der ägyptischen Ausprägung geht.

Doch ist es für mich nur folgerichtig, denn mit dem Flammenmeer an Erhebungen in der arabischen Welt verbanden sich Hoffnungen. Keine allzu großen, zu oft schon war ich ferner Zeitzeuge, wenn irgendwo das Banner der Hoffnung wehte und alsbald in den Dreck fiel; oder gar der Sieg errungen zu sein schien und das Übel wieder aus verborgenen Löchern kroch.

Die Republik der Träumer ist in einem mitreißenden und zugleich oft nüchternen Tonfall verfasst. Alaa Al-Aswani hat äußerst geschickt ein vielfältiges Personenensemble zusammengestellt und in die aufgeheizte Lage vor der Revolution geschickt. Vom Geheimdienstchef über einen Ingenieur und Ex-Sozialisten bis hin zu den Studenten reicht die Palette, fast jeder mit seinen Widersprüchen, Sehnsüchten, Bedürfnissen und den daraus resultierenden Ängsten.

Ein Graben verläuft zwischen Alt und Jung. Die Älteren in diesem Roman sind zumeist etabliert, sei es in einem Leben geprägt von Reichtum und Macht, sei es in saturierter Armut und den Hoffnungen für den Nachwuchs. Die Jüngeren hingegen sind die Triebfeder des Aufruhrs, der Unruhe, oder sie lassen sich davon anstecken und mitreißen. Aber – die Fronten sind durchlässig.

Die Etablierten, vom autoritären Staat Hosni Mubaraks gepuderten Teilhaber an Ägyptens Reichtümern umgibt ein ganzer Strauß an Heuchelei, Bigotterie und Verlogenheit, mit der sie ihre Privilegien verteidigen. Die hilfreichen Lügen, Phrasen und haltlosen Plattitüden werden offen geäußert, Al-Aswani kontrastiert sie geschickt mit den Motiven der Jüngeren; er muss nicht kommentieren, es spricht alles für sich.

Der Leser findet bald seinen Platz in dem Spektakel, das gemächlich in Gang kommt, fast unmerklich hereinbricht und – wie so viele Revolutionen – fast aus dem Nichts zu kommen scheint. Was den Roman zu einem wirklich großen macht, ist die kunstvolle Gestaltung der mächtigen, klugen und geschickt handelnden Revolutionsgegner, was immens unangenehm ist, sich aber wohltuend vom naiven Hollywood-Film oder utopischen Bullerbüs á la Pantopia abhebt.

Jeder weiß,  wie „es“ ausgegangen ist, wie der »Arabische Frühling« zermalmt, zerredet und im Nachhinein  als naseweiser Revolutionsversuch dargestellt wurde, doch das „Wie“ hat in Die Republik der Träumer eine laute, mitreißende, hochspannende und aufwühlende Stimme erhalten. Apropos Stimme: Ich habe den Roman als Hörbuch gehört, Thorben Kessler liest großartig!

Ganz wunderbar passt dieser Roman zu der Revolution von 1848/49, die sich zum 175. Mal jährt, insbesondere in der europäischen Perspektive. Kein Geringerer als der weltbekannte Historiker Christopher Clark hat in seiner Monographie Frühling der Revolution explizit eine Brücke zum »Arabischen Frühling« geschlagen!

Alaa Al-Aswani: Die Republik der Träumer
Aus dem Arabischen von Markus Lemke
Hanser Verlag 2021
Fester Einband 464 Seiten
ISBN 978-3-446-26749-7

Amor Towels: Lincoln Highway

Viele lobende Besprechungen, mich hat der Roman nicht überzeugt. Cover Hanser, Bild mit Canva erstellt.

Bei diesem Roman komme ich mir vor wie ein literarischer Geisterfahrer. In so vielen Jahresrückblicken 2022 wurde Lincoln Highway vom Amor Towels als Highlight aufgeführt, Buchblogs, denen ich zahlreiche tolle Anregungen zu verdanken habe, loben ihn.

Mich hat er eher enttäuscht, dabei war ich von Ein Gentleman in Moskau sehr angetan. Die literarischen Zutaten jedenfalls sind gut: Road-Novel, eine Buddy-Gruppe mit divergierenden Zielen und Absichten, ein Strauß unerwarteter Begegnungen und viele Wendungen – alles da, was es braucht.

Zu den großen Mythen der USA gehört die Mobilität, die über ein reines Bewegen hinausgeht; zu den großen Mythen der westlichen Welt gehört seit Homer der Aufbruch, oft genug der von außen erzwungene. So in diesem Fall, denn die Hauptfiguren müssen sich aus dem Staub machen, allerdings aus ganz unterschiedlichen Motiven.

Towles schickt seine Helden auf eine haarsträubende Irrfahrt, mit aberwitzigen Wendungen und wunderbaren Zuspitzungen. Ganz gemächlich entfaltet sich die Geschichte, weitet sich und erreicht eine beträchtliche inhaltliche Tiefe, die an einer ganz wunderbaren Stelle das menschliche Sein an sich beleuchtet.

Doch gibt es für meinen Geschmack durch den Schreibstil und Aufbau einige arge Redundanzen. Der Roman lässt ab der Hälfte stark nach, verliert an Spannung, mehr und mehr Handlungs– und Gesprächsmuster wiederholten sich. Die Verschränkung mit dem Ulysses wirkte zunächst cool, im Verlauf zunehmend konstruiert.

Irgendwo auf diesem Weg bin ich aus dem Zug oder Auto gefallen bzw. über Bord gegangen. Abgebrochen habe ich das Buch aber nicht, zum Glück, denn das Ende ist wiederum sehr gelungen. Gern verweise ich auf ausführlichere und lobende Besprechungen des Buches, denn jeder Leser liest sich selbst auf eine ganz andere Weise in einen Roman hinein: Horatio-Bücher & Kaffeehaussitzer.

Amor Towels: Lincoln Highway
Aus dem Englischen von Susanne Höbel
Hanser Verlag 2022
Gebunden 576 Seiten
ISBN: 978-3-446-27400-6

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