Schriftsteller - Buchblogger

Kategorie: Rezension (Seite 21 von 49)

Andrej Kurkow: Tagebuch einer Invasion

Andrej Kurkows Aufzeichnungen gehen weit über ein gewöhnliches Tagebuch hinaus, sie bringen dem Leser den Krieg auf nachdrückliche Weise näher, lassen ihn die ungeheuren Verluste spüren, die Russlands Angriffskrieg zeitigt. Cover Haymon Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Gleich mehrere Sätze aus diesem Tagebuch einer Invasion haben mich lange beschäftigt. Der ukrainische Schriftsteller Andrej Kurkow bringt an einer Stelle auf den Punkt , was ein Frieden á la Putin für die Ukraine bedeuten würde. Ein Frieden, von dem in Deutschland Briefeschreiber und Petitions-Signierer sprechen, über die Köpfe der Betroffenen hinweg, die – man muss es so deutlich sagen – die Friedensbewegten kein Stück interessieren.

Statt [der Ukraine] wird es hier einen Friedhof geben mit einer Friedhofswärterhütte, in der eine Art Generalgouverneur hocken wird, den man aus Russland geschickt hat, um die Gräber zu bewachen. 08.03. 2022

Andrej Kurkow: Tagebuch einer Invasion


Das ungeheuerliche Bild, das Andrej Kurkow hier malt, ist erschütternd, hellsichtig und leider nicht überzogen, wie man spätestens seit Butscha wissen müsste. Russland führt gegen die Ukraine einen Vernichtungskrieg und ein Frieden mit dem Segen des Kreml gibt es nur, wenn die Auslöschung von Staat und Volk vollendet wäre. Es wäre ein Siegfrieden, dem Friedhofsruhe folgen würde. Alle anderen Annahmen sind bloße Augenwischerei.

Kurkows Satz ist entlarvend. Jene, die im friedlichen Deutschland sitzen, und ihre »Vorschläge« unterbreiten, tun dies in einer kolonialistischen, menschenfeindlichen Haltung, es geht um ihren eigenen Frieden, den hilflosen Versuch, ein Weltbild zu retten, das Schiffbruch erlitten hat, und ihre eigene Ohnmacht zu überdecken. Es ist durchaus menschlich, das Überwältigende wegzudrücken, aber nicht auf Kosten anderer, die ihren Kopf dafür hinhalten müssen. Das wird durch Kurkows Tagebuch deutlich.

Zu den unangenehmsten Passagen des Buches gehören jene, in denen Kurkow von westlichen, vor allem deutschen Journalisten und ihre dummen Fragen spricht, Fragen, die selbst jene leeren, formelhaften Interviews von Fußballern nach Ligaspielen unterbieten. Ob man bereit wäre, für die Ukraine zu sterben – die wohl dümmste von allen, denn sie stellt sich jenen nicht, für die es keine Wahl gibt. Fragen, als hätte es Mariupol nicht gegeben.

Umso seltsamer ist es, dass man in einer solchen Situation Fragen wie diese von ausländischen, häufig deutschen Journalisten hört: »Sprechen Sie bereits mit Ihren russischen Schriftstellerkollegen darüber, wie Sie einander nach dem Krieg begegnen werden?« 23. März 2022

Andrej Kurkow: Tagebuch einer Invasion


Das ist von atemberaubend ideologischer Verbohrtheit und nicht untypisch für deutsche Medien aller Couleur. An diesem Tag, dem 23. März 2022, hat Kurkow notiert, dass sich alles langsam nach einem »versuchten Völkermord« anfühle. Europa, so seine Diagnose, habe noch nicht das Ausmaß des Schreckens erfasst; viele wollen das nicht, bis heute nicht und stürzen sich in groteske Verschwörungserzählungen.

Der Schriftsteller Kurkow ist von diesem Krieg aus der Bahn geworfen worden, von einem Tag auf den nächsten ist sein ganzes Leben auf den Kopf gestellt, seine Existenz in mehrfacher Hinsicht bedroht und die Zukunft ungewiss. Vor allem aber ging es ihm so, wie es mit Sicherheit vielen anderen in der Ukraine ebenfalls erging: Er habe es »einfach nicht wahrhaben« wollen, dass tatsächlich ein Krieg ausgebrochen war.

Es sind die Tage der Fassungslosigkeit, der Versuch, die neuen Realitäten zu sortieren, jene Bedingungen, unter denen lebenswichtige Entscheidungen  getroffen werden müssen, vor allem jene: Kyjiw verlassen oder nicht. Heute ist die Stadt nicht mehr von russischen Truppen bedroht, wird aber unverändert mit Raketen und Drohnen beschossen. Damals aber dräute eine Einkesselung der ukrainischen Hauptstadt, was das Leben von Millionen in Gefahr gebracht hätte.

Die neue Realität in der Ukraine übertrifft meine schriftstellerische Vorstellungskraft bei Weitem. 23.02. 2022

Andrej Kurkow: Tagebuch einer Invasion


Wie Millionen andere Ukrainer geht auch der Schriftsteller mit seiner Frau wenige Tage nach dem Angriffsbeginn in den Westen des Landes und kommt dort so lange unter, bis er nach Kyjiw zurückkehren kann. Im Exil angekommen, versucht er, wieder zu schreiben – eigentlich stünde die Arbeit an einem Roman an, doch ging das nicht. Bei einer Lesung hat Kurkow das auch damit in Zusammenhang gebracht, dass er auf Russisch schreibt, der Gebrauch der Sprache des Angreifers im  Vernichtungskrieg aber für einige Zeit unmöglich war.

Stattdessen informiert er sich, folgt dem Geschehen in den Sozialen und herkömmlichen Medien und beginnt selbst, Artikel und Beiträge zu verfassen, Interviews zu geben, zu erklären, erläutern und berichten, insbesondere dem Westen deutlich zu machen, was in der Ukraine tatsächlich geschieht. Sein Tagebuch einer Invasion geht weit über das hinaus, was ein gewöhnliches Tagebuch leistet – es enthält lange, ausgearbeitete Streifzüge und Betrachtungen durch historische Zusammenhänge und Ereignisse, die Gegenwärtiges im richtigen Licht erscheinen lassen.

Da wären zum Beispiel die Deportationen von Ukrainern, die in den von Russland besetzten Gebieten seit Kriegsbeginn wieder im großen Stil durchgeführt werden. Vom Staatsgebiet der Ukraine wurden in der Stalinzeit nicht nur die Krimtataren deportiert, sondern auch viele ukrainische Bauern. Kurkow schildert, dass Stalin zum einen unliebsame Elemente aus der Ukraine entfernen ließ, andererseits das menschenleere und wenig attraktive Sibirien mit dringend benötigten Arbeitskräften versorgte.

In dieser neuen Epoche erleben wir nun, wie sich die Geschichte wiederholt. 05.03. 2022

Andrej Kurkow: Tagebuch einer Invasion


Je länger man das Tagebuch liest, desto eindrücklicher wird das Bild vom Krieg, von seinen Widersprüchen, Überraschungen, der unglaublichen Kraft einer Zivilgesellschaft, die sich organisiert und den Widerstand gegen die Invasoren von der Graswurzel aus führt – was im Westen von den selbst ernannten Friedensbewegten überhaupt nicht wahrgenommen wird.

Besonders beeindruckend ist Kurkows Schreib- und Erzählweise, mit der es ihm gelingt, den Leser die verheerenden Seiten des Krieges nachempfinden zu lassen. Ein schönes Beispiel ist das Kapitel »Brot mit Blut«. Brot ist etwas Alltägliches, was jeder kennt. Zunächst schildert Kurkow das Verhältnis seiner Familie zum Brot, auf dem Dorf habe er mehr davon gegessen als in der Stadt, denn »Dorfbrot war schon immer leckerer als das in der Stadt«.

Die Kinder lieben das Brot, insbesondere das der Lieblingsbrotmarke Makariw, ein »weiches Kastenweißbrot«, das in der Makariw-Bäckerei im Ort gleichen Namens gebacken wurde. In Kyjiw gebe es diese Kostbarkeit nur vereinzelt in kleinen Läden, nicht im Supermarkt. Die Erinnerung an den Geschmack ist jedoch von dem nach Blut unterlegt, als habe ihm jemand die Lippe blutig geschlagen. Denn:

Am Montag wurde die Makariw-Bäckerei von Russlands Truppen bombardiert. Die Bäcker waren bei der Arbeit. Ich kann mir den Duft vorstellen, der sie in dem Moment umgab, als der Angriff stattfand. Von einem Augenblick zum nächsten wurden dreizehn Bäckereimitarbeiter getötet und neun weitere verletzt. Die Bäckerei gibt es nun nicht mehr. Makariw-Brot gehört der Vergangenheit an. 08.03. 2022

Andrej Kurkow: Tagebuch einer Invasion


Eine Bäckerei, ein Lieblingsbrot kennt jeder. Wer könnte diesen Verlust nicht nachempfinden, wer nicht das brillante und nahegehende Bild des nach Backstube duftenden Ortes, der von einer Rakete in einen Ort des Todes verwandelt wurde? Solche Passagen bringen den Kriegschrecken dem Leser näher, sie verbinden ihn mit dem Denken und Fühlen, reißen ihn aus der Grauzone des Abstrakten.

Kurkow macht auf diese Weise deutlich, was Sätze, wie etwa jene über die Kriegsziele Putins in der Ukraine in der Lebenswirklichkeit der Menschen bedeuten – nicht in der Vergangenheit, sondern in der Gegenwart, wenige Flugstunden von Deutschland entfernt. Es ist ein abstraktes Ziel, die UdSSR oder das Zarenreich wieder errichten zu wollen, dessen versuchte Verwirklichung durch Krieg sehr blutige, schmerzhafte und irreversible Folgen in der Realität der Menschen zeitigt.

Zu den Kuriositäten, ja grotesken Dingen des Krieges gehört, dass zerstört wird, was angeblich geschützt werden soll. Die vorgeschobene Begründung Putins, die Russen und ihre Sprache schützen zu wollen, ist eine Lüge. Das Gegenteil ist der Fall, wie Kurkow am eigenen Leib erfahren muss, denn er ist ethnischer Russe mit Russisch als Muttersprache, die ebenfalls unter Feuer gerät.

Putin zerstört nicht nur die Ukraine, er zerstört Russland und damit auch die russische Sprache. 13.03. 2022

Andrej Kurkow: Tagebuch einer Invasion


Wer es im Westen einfach mag, und das gilt durch alle Bevölkerungs- und Bildungsschichten, ordnet gern zu: Russischsprachig ist gleichzusetzen mit »nach Russland orientiert«. Der Osten der Ukraine wäre demnach eher russlandfreundlich, der Westen eher Europa zugeneigt. Das entpuppt sich bei näherem Hinsehen als naseweiser Nonsens, der Sprachgebrauch ist viel flexibler gewesen, als es diese Zweiteilung nahelegt, vor allem hat die Sprache nichts mit der politischen Orientierung gemein.

Von den Anfängen des Krieges folgt das Tagebuch einer Invasion dem Lauf der Ereignisse bis in den Sommer hinein und hinterlässt ein sehr eindrückliches Bild von dem, was Kurkow wahrnimmt und einordnet. Deutschland kommt dabei nicht gut weg, es hat vielmehr einen verheerenden Eindruck hinterlassen, der angesichts der zögerlichen, aber dann doch umfangreichen Hilfe auch in militärischer Hinsicht nicht ganz fair ist. Die Kommunikation, das wird auch in diesem Fall deutlich, ist ein einziges Desaster gewesen.

Viele hoch interessante Themen berührt der Autor in seinen Beiträgen, darunter auch wenig rühmliche, die aber zu jedem Krieg gehören. Kollaboration etwa oder auch Verbrecher, die aus der Kriegssituation Kapital schlagen wollen. In manchen Dingen irrt Kurkow, etwa in der Annahme, Russland würde den Informationskrieg in Europa verlieren – das wäre schön, entspricht aber nicht den Realitäten. Umso wichtiger sind Bücher wie dieses, in denen jene ausführlich zu Wort kommen, die von Putins Vernichtungskrieg betroffen sind und um ihr Leben und ihre Freiheit kämpfen müssen.

Andrej Kurkow: Tagebuch einer Invasion
Aus dem Englischen von Rebecca DeWald
Haymon-Verlag 2022
Klappenbroschur 352 Seiten
ISBN 978-3-7099-8179-5

Tom Hillenbrand: Der Kaffeedieb

Ein ganz wunderbarer Schmöker mit einer sehr gelungenen Mischung aus Abenteuer und Raubzug, wie er auch in modernen Filmen á la Ocean’s Eleven umgesetzt wird. Cover Kiepenheuer&Witsch-Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Als passionierter Kaffeetrinker hat mich der Titel natürlich sofort angesprochen und selbstverständlich furchte sich meine Stirn bei der Frage: Wie kann man Kaffee stehlen? Besser gesagt: Warum sollte man Kaffee stehlen, wenn man ihn doch mehr oder weniger überall erstehen kann bzw. in der Welt, in der Hillenbrands Roman Der Kaffeedieb leicht erwerben konnte? Gut, das Angebot war geringer, es handelte sich um ein Luxusgut, aber wer würde ohne Not für einen Diebstahl die grausamen Strafen dieser Zeit in Kauf nehmen?

Es ist ein richtig guter Buchtitel, das machen meine einleitenden Worte schon deutlich, denn die offenen Fragen erzeugen Neugier und damit die Motivation, ein Buch lesen zu wollen. Die Erzählung, die Der Kaffeedieb zu bieten hat, konnte alle Erwartungen deutlich übertreffen. Das beginnt schon mit der Notlage, in die sich der Held Obediah Chalon bringt. Als alter Börsianer weiß ich es sehr zu schätzen, wie er sich verspekuliert und auch noch mit gefälschten Wechseln. Herrlich!

Auch die Strafe, die er erdulden muss, ist sehr originell – sie dient als klassische Mausefalle für einen Gestrauchelten, der so vor eine Wahl gestellt wird, die gar keine ist: Obediah muss einen Auftrag annehmen, der einem Himmelfahrtskommando ohne sonderliche Aussichten auf Erfolg gleicht. Sein Auftraggeber ist zudem für seine brutale, gewissenlose Grausamkeit bekannt: die Niederländische Ostindienkompanie. Kompanie meint hier: Gesellschaft.

Obediah nimmt nolens volens an. Eine haarsträubende Geschichte voller abenteuerlicher Wendungen, Begegnungen, beinahen und tatsächlichen Katastrophen, Rückschlägen und überraschenden Fortschritten, Verfolgungen, Schleichwegen, ausufernden Plänen und Absichten, Zufällen und Gefahren in mehr oder weniger fremden, immer gefährlichen Ländern entwickelt sich. Alles, um Kaffee zu stehlen – da ich nicht gern spoilere, belasse ich es bei einer nichtssagenden Angabe: Es geht um mehr als eine Schale voll lauwarmer Kaffee-Plörre.

Der Kaffeedieb besticht durch die Gestaltung seiner Hauptfigur. Ein Virtuoso, weitreichend vernetzt mit anderen Gelehrten dieser Zeit, in der Newton, Leibnitz und wie sie alle hießen das Wissen der Menschheit von den Tumbheiten religöser Eiferei befreiten und auf eine rationale Grundlage stellten. Briefe wurden verfasst und empfangen, man könnte meinen, es hätte so etwas wie einen Gelehrtenstaat gegeben, basierend auf dem Wort, der Schrift und dem Gedanken.

Das gibt dem Roman die gewisse Würze und bewahrt Leser wie mich vor dem bloßen Action-Gedöns – das ich nur selten zu schätzen weiß. Manche mögen das vielleicht als geschwätzig, weitschweifig und langatmig empfinden, weil nicht alle zwei Seiten die Säbel gekreuzt werden und die Kanonen donnern, sondern nachgedacht, gestritten, debattiert und aufgeklärt wird.

Und, ja – da wäre noch der Höhepunkt der Erzählung, wenn der gewagte, gewundene Plan in die Tat umgesetzt wird und Hillenbrand einfach die Perspektive wechselt. Das Spektakel wird in der Rückschau von einem alt gewordenen Augenzeugen berichtet, der seinen Zuhörern, einer Schar Kinder, eine recht eigenwillige Auslegung der Ereignisse darbietet. Der Leser weiß genug, um das alles auf die Pläne Obediahs übertragen zu können – den Rest muss er sich halt selbst ausmalen. Chapeau!

Es gibt Motive in Romanen (und Filmen), die eine Kaminfeuerwärme bei mir erzeugen. Die Zusammenstellung einer Gefährtengruppe gehört dazu. Obediah kann das Unternehmen nicht allein bewältigen, er braucht Unterstützer, die bei so einem Unternehmen nicht gerade zu der sozialverträglichsten Sorte gehören. Der Kaffeedieb schart seinen Trupp eigenwilliger Persönlichkeiten um sich und muss mit ihnen klarkommen – bis zum bitteren Ende. Auch das ist übrigens in jeder Hinsicht sehr gelungen.

Tom Hillenbrand: Der Kaffeedieb
Kiepenheuer&Witsch 2016
Gebunden 480 Seiten
ISBN: 978-3-462-04851-3

Ken Krimstein: Die drei Leben der Hannah Arendt

Cover der Graphic-Novel-Adaption von Ken Krimsteins ‚Die drei Leben der Hannah Arendt‘ mit einer gezeichneten Porträtillustration von Hannah Arendt. Daneben der Titel ‚Die drei Leben‘ und der Hinweis ‚Kurzrezension‘ auf grünem Hintergrund
Die Graphic Novel zeichnet einige Stationen aus dem bewegten, ja dramatischen Leben Hannah Arendts nach, gibt aber auch Einblicke in ihre Geisteswelt. Cover dtv, Bild mit Canva erstellt.

Berühmte Zitate oder Wendungen sind beliebt, viele kennen sie, manche führen sie im Munde, doch sind sie oft aus dem Zusammenhang gerissen oder werden missverstanden ohne den Kontext. Das ist mit Carl von Clausewitz und seinem Diktum, Krieg sei nichts anderes als die Fortführung von Politik mit anderen Mitteln, nicht anders als mit Hannah Arendts Wort von der »Banalität des Bösen«.

Klingt gut, schlau und wertet jene auf, die das Zitat verwenden – auch wenn ihnen völlig unklar ist, was eigentlich »Banalität« in diesem Falle meint, gar nicht zu reden, welche Schlussfolgerungen daraus gezogen werden. Auf diese Fragen gibt auch Die drei Leben der Hannah Arendt keine Antwort, im Gegenteil: Es wirf sie und viele andere Fragen erst auf.

Die Graphic Novel von Ken Krimstein macht den Leser mit einer Reihe von Lebensstationen von Hannah Arendt vertraut, darunter äußerst dramatische, wie die Flucht aus Marseille vor dem Zugriff der mit den Deutschen kollaborierenden französischen Sicherheitskräfte. Die wunderbare, leicht sperrige Art der Illustration macht von der ersten Seite an deutlich, dass es hier um viel mehr geht, als um die Nacherzählung eines bewegten und bewegenden Lebens.

Immer wieder wird der Leser mit philosophischen bzw. politisch-theoretischen Begriffen, Fragen, Betrachtungen und Überlegungen konfrontiert, denn das alles macht das Leben Arendts aus. Sie sucht nach Antworten, bei Kant, in Seminaren, Bibliotheken, Gesprächen mit Gelehrten ihrer Zeit, durch das Schreiben von Essays und die Auseinandersetzung mit Kritikern.

Man macht auch Bekanntschaft mit dem, was jenen widerfahren kann, die Ruhm und Berühmtheit erlangen. Die Erwartungen anderer werden enttäuscht, wenn man nonkonform denkt und sich äußert – man eckt an, wird geschnitten, angefeindet und von Freunden im Stich gelassen. Freiheit und Offenheit hat ihren Preis, immer und überall.

Was heute so gewandt und geläufig klingt, die »Banalität des Bösen« als Beschreibung von Eichmanns Wesen, den viele Zeitgenossen lieber als Monster sehen wollten, hat massive Anfeindungen ausgelöst – kaum vorstellbar in der Rückschau. Damit entsteht eine Leerstelle in der Graphic Novel, die – hoffentlich – viele Leser dazu bringt, vielleicht einmal einen Teil der Lebens- und Lesezeit mit der Auseinandersetzung mit einem Text Hannah  Arendts zu verbringen.

Das Schaurigste in dem Buch ist jedoch etwas anderes. Arendt gehörte zu jenen, die von den Franzosen interniert und nach Südfrankreich gebracht wurden, als die Wehrmacht angriff. Das allein ist bedrückend genug, für mich noch unangenehmer ist die Reaktion der Insassen auf den Vorschlag Arendts, die kurze Phase der Unsicherheit, Anarchie nach dem Zusammenbruch des französischen Widerstands zur Flucht zu nutzen – viele blieben und wurden nach Osten deportiert. Sie haben lieber weggesehen, als dem Übel ins Auge zu schauen. Eine Warnung.

Ken  Krimstein: Die drei Leben der Hannah Arendt
Aus dem Englischen von Hanns Zischler
dtv 2018
Klappenbroschur 244 Seiten
ISBN: 978-3-423-28208-6

Sabine Adler: Die Ukraine und wir

Eine Watschn, eher ein Faustschlag für die Koalition der ignoranten Selbstgefälligkeit unter Angela Merkel. Sachlich, nüchtern, wohl-informiert, sehr gut argumentierend – eine Wohltat angesichts der grassierenden Selbstzufriedenheit in Deutschland. Cover C.H. Links-Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Es ist keine Watschen, die Sabine Adler in ihrem vorzüglichen Buch austeilt, sondern ein Faustschlag. Empfänger des Hiebes ist vor allem die SPD, wenngleich insbesondere die langjährige Bundeskanzlerin Angela Merkel, das FDP-Duo Linder / Kubicki, der so genannte Ostausschuss der Deutschen Wirtschaft und pro-putinistisch-russische Trommler einiges um die Ohren bekommen.

Doch tut sich die SPD besonders negativ hervor, aus ganz unterschiedlichen Motiven, in vielfacher Gestalt und Handlungsweise, doch mit insgesamt verheerenden Folgen. Sabine Adler bleibt in ihrem Buch sachlich, nüchtern, schildert ohne Zuspitzungen oder gar unseriösem Geklingel, was viel dazu beiträgt, dass ihre Erkenntnisse wie eine durchschlagende Gerade wirken.

An dieser Stelle werde ich darauf verzichten, die weite Spanne der Themen und Aspekte nachzubeten, die Adler in Die Ukraine und wir berührt. Wer sich für Politik interessiert und in den letzten fünfundzwanzig Jahren nicht im Tiefschlaf der Selbstzufriedenheit zugebracht hat, wird vieles ohnehin kennen – nicht aber in dieser geballten, wunderbar zusammengestellten und vielschichtigen Form. Die gibt den Blick auf eine Entwicklung frei, für die der Begriff »Versagen« viel zu harmlos wirkt.

Die Wurzeln reichen tief. Sie beginnen bei dem, was heute als »Ostpolitik« Willy Brandts missverstanden oder bewusst falsch dargestellt wird, wenn etwa ignoriert wird, dass Brandt mit einer Bundeswehr im Rücken nach Osten fuhr, die mit vier Prozent des jährlichen Bruttoinlandsproduktes finanziert wurde, weit mehr als das Doppelte dessen, was Schröder-Merkel-Scholz-Deutschland auszugeben bereit war bzw. ist.

Brandt ging mit dem Rückenwind einer schlagkräftigen Armee im Rahmen eines verteidigungsfähigen Bündnisses nach Osten, weshalb die so genannte »Entspannungspolitik« keine verheerenden Folgen zeitigte, wie das sozialdemokratische Appeasement der Gegenwart. Und doch gab es schon da jene Strukturen, die auf die dunkelsten Zeiten deutsch-russischer Zusammenarbeit deuteten.

Adler verweist dankbarerweise auf Rapallo und den Hitler-Stalin (bzw. Molotow-Ribbentrop)-Pakt, die jene bis heute spürbare Ignoranz gegenüber den mittelosteuropäischen Staaten, namentliche Polen, Baltikum, Belarus und Ukraine (zuzüglich Rumänien) begründeten. Die Geschichtsblindheit der Genossen der Gegenwart ist ein Echo dieser fürchterlichen Zeiten – trotzdem sind viele in Deutschland empört, wenn die Übergangenen sich mit scharfen Worten melden.

Polen beispielsweise hat jedes Recht, Deutschland scharf zu kritisieren – das war eben nicht nur die PiS, die ablehnende Haltung reicht weit. Kein Wunder, ist doch zum Beispiel die SPD Anfang der 1980er Jahre mit banger Angst gegenüber der revoltierenden polnischen Arbeiterbewegung (!)  Solidarność aufgetreten, sie setzte auf Systemstabilität! Wen kratzt schon der Freiheitswille der Völker?

Vor allem Gerhard Schröder, aber auch Helmut Schmidt, Egon Bahr und der ewige Friedensapostel Erhard Eppler haben diese kolonialistische Sicht auf Mittelosteuropa gepflegt. Doch auch die Nachfahren, Gabriel, Schwesig, Platzeck und viele andere haben sich das Weltbild zu eigen gemacht und trotz des russländischen Angriffskrieges nicht korrigiert.

Dabei wäre allerspätestens 2014, mit der militärischen Besetzung der Krim und russländischen Truppen im Donbas der Punkt erreicht gewesen, alles infrage zu stellen und einen Politikwechsel, ja: Zeitenwende einzuleiten.

Das geschieht bis heute nicht. Merkel etwa hat ohne Not die verfluchte Ostseepipeline Nordstream 1 nicht gekippt und sogar Nordstream 2 durchgedrückt – gegen alle Widerstände aus West- und Osteuropa. Deutsche Sonderwegs-Pfade im 21. Jahrhundert, die ganz dringend aufgearbeitet werden müssten. Das wird wohl ein frommer Wunsch bleiben.

Doch bieten vorzügliche Bücher wie Die Ukraine und wir eine Möglichkeit, sich selbst wenigstens auf persönlicher Ebene mit den Fragen auseinanderzusetzen. Allein der Titel ist ein Grund, zu danken, rückt er doch das ewige Objekt im deutsch-russischen Spielchen dorthin, wohin es spätestens seit 2022 gehört: in den Mittelpunkt.

Sabine Adler: Die Ukraine und wir
Ch. Links Verlag 2022
Hardcover 248 Seiten
ISBN 978-3-96289-180-0

Leonardo Padura: Das Meer der Illusionen

Der letzte und beste Teil des Havanna-Quartetts um Teniente Mario Conde. Cover Unionsverlag, Bild mit Canva erstellt.

Während der Lektüre habe ich mir oft die Frage gestellt, warum dieser Kriminalroman so viel charmanter, tiefgründiger und unterhaltsamer ist als seine deutschen Pendants, die ich zuletzt gelesen habe. Eine Antwort darauf ist, dass es sich gar nicht um einen Krimi handelt, obwohl die Hauptfigur Teniente Mario Conde als Polizist arbeitet und einen Mordfall aufzuklären hat. Das Meer der Illusionen ist vor allem Literatur, die sich mit grundlegenden Fragen des Lebens befasst.

Ein Toter wird aus dem Meer gefischt, er wurde mit einem Schlag auf den Kopf getötet und obendrein kastriert. Bei dem Mann handelt es sich um einen Rückkehrer, einst ein hohes Tier der kubanischen Elite hat er sich bei einem Aufenthalt in Spanien abgesetzt und der Insel eigentlich für immer den Rücken gekehrt. Eine der wesentlichen Fragen, denen der Ermittler Conde nachgehen muss, ist das Motiv der Rückkehr nach Kuba, eine sehr ungewöhnliche Handlungsweise.

Kuba ist ein Land, das – im Gegensatz zum Mauer- und Todeszaun-Staat DDR – eine natürliche Umzäunung hat: das Meer. Trotz gewaltiger Gefahren machten und machen sich Menschen auf, um die Insel zu verlassen, alle in irgendeiner Form von der Idee beflügelt, es anderswo besser zu treffen als im nicht enden wollenden Mangel. Wie bereits der Buchtitel andeutet, trifft diese Absicht auf Hindernisse, die nicht einfach und manchmal auch gar nicht überwindbar sind.

Das Motiv des Fortgehens durchzieht mehr oder weniger intensiv alle Romane Paduras, kein Wunder, ist es doch ein ganz wesentliches Element des Lebens auf Kuba, spätestens seit der Revolution. Diese hat viele Begüterte aus dem Land getrieben, selbstverständlich konnten diese nicht alles mitnehmen in ihr neues Leben; umfangreiche Enteignungen folgten und da autoritäre Regimes generell anfällig für Korruption sind, tat sich ein weites, kriminelles Feld auf.

Meine Geschichte beginnt auch vor langer Zeit, aber ich kann sie euch erst jetzt erzählen … weil ich nämlich heute bei der Arbeit gesagt habe, dass ich aus Kuba fortgehe.

Leonardo Padura: Das Meer der Illusionen

Leonardo Padura benutzt die Form des Kriminalromans, um seinen eigenen thematischen Interessen nachzugehen: die Schilderung des kubanischen Lebens. Er erlaubt sich stilistische Brüche, Monolog-Passagen, in denen er Personen ausführlich zu Wort kommen lässt. Eine Wortmeldung wirkt wie eine Art Treibanker in der Geschichte der Insel Kuba, die ins 16. Jahrhundert, eigentlich sogar noch einmal eintausend Jahre weiter zurückreicht, in die Zeit des alten China.

Wie das mit dem Kuba Ende des zwanzigsten Jahrhunderts zusammenhängt, macht deutlich, dass die Insel in der Karibik vielfältig mit der Welt verwoben war, ist und immer sein wird. Kuba gehörte zum spanischen Weltreich, wie ganz Süd- und Mittelamerika, aber auch die Philippinen; Orte, die wichtige Bestandteile im globalen Handel darstellten, eine Art Lieferkette, um die spanische Krone mit dem dringend benötigten Gold und Silber zu versorgen.

Dieser Ausflug in die Geschichte es so typisch für Paduras Romane, in denen Geschichte und Gegenwart unlösbar miteinander verschlungen sind. Das ist auch – gewollt oder nicht – ein Gegenbild zur isolierten Insel unter der Fuchtel der ewigen Castro-Diktatur. Der Monolog-Treibanker liefert dem Roman und der Auflösung des Mordfalles die nötige Tiefe – und das wäre der zweite Grund, warum Paduras Kriminal-Romane so gut erscheinen: Tiefe wird nicht vorgeschützt, sie ist tatsächlich da, für den Leser spürbar.

Das Meer der Illusionen vermittelt dank seiner erzählerischen Qualität eine Menge Atmosphäre. Ein Sturm rast auf Kuba zu, wie jedes Jahr im Frühling und Herbst, was Padura zu schönen, dichten Schilderungen animiert. Überhaupt stößt man immer wieder auf wunderschöne Formulierungen, wenn Conde etwa Bücher über sozialistische Ökonomie erspäht, die im Regal staubbedeckt dösen. Die für mich schönste ist eine Reminiszenz an Kafka und seine Erzählung Die Verwandlung:

El Conde zündete eine Zigarette an, nachdem er seine große Morgentasse Kaffee getrunken hatte, den einzigen Zaubertrank, mit dessen Hilfe es ihm gelang, sich von dem Käfer, der er nach jedem Aufwachen war, wieder in einen Menschen zurückzuverwandeln.

Leonardo Padura: Das Meer der Illusionen

Vor allem aber sind die Personen nicht prätentiös. Sie geben nicht nur nur vor, etwas zu sein, sie sind es. Hauptfigur Mario Conde sitzt in einem falschen Leben als Polizist fest, wäre er doch gern Schriftsteller, der etwas Untergründiges und Berührendes schreibt, eine unerfüllte Sehnsucht, fern der Verwirklichung. Sein Freundeskreis, der familiären Charakter hat, besteht aus Menschen, die jeder für sich eine sehr authentisch wirkende Geschichte hat.

Es sind Menschen, keine Figuren. »Der Dünne« etwa, ein schwer übergewichtiger Mann in einem Rollstuhl, an den er gefesselt ist, seit ihm in Afrika, in Angola eine Kugel das Rückenmark verletzt hat. Kubanische Truppen haben dort, fern der Heimat, einen brutalen Stellvertreterkrieg geführt, der lange nach dem letzten Schuss verheerende Folgen zeitigt.

Kuba ist voll von solchen Geschichten. Die verfluchte Revolution, die in Gestalt von Che Guevara noch immer in linken Kreisen auf naive Weise verherrlicht wird, folgte auf eine ebenso verfluchte Diktatur, der keineswegs weniger verfluchte politische Zustände vorangingen, dieser Umsturz ist bis in die Gegenwart bestimmend. Für jene, die auf der Insel ausharren, wie auch für alle, die gegangen sind.

Das Flucht-Motiv, das Padura in einem eigenen Roman Wie Staub im Wind noch einmal ausführlich und unter andere Vorzeichen durchdekliniert hat, spielt in Das Meer der Illusionen auch eine zentrale Rolle. Hier liegt der Schlüssel für die Lösung des Mordfalles, im Detail, aber auch allgemein, denn viele Gewalttaten auf Kuba gehen auf Folgen des Fluchtdranges zurück.

Das alles ist in diesem wundervollen „vorgeschützten“ Kriminalroman zu einer sehr lesenswerten Geschichte verdichtet worden, spannend, tiefsinnig, wendungsreich, so vertraut und gleichzeitig neu. Literatur im Gewand eines Krimis.

Leonardo Padura: Das Meer der Illusionen
Aus dem kubanischen Spanisch von Hans-Joachim Hartstein
Unionsverlag 2006
Taschenbuch 288 Seiten
ISBN 978-3-293-20374-7

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