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Kategorie: Rezension (Seite 22 von 49)

Bernhard Jussen: Das Geschenk des Orest

Das Sachbuch stellt einen vollständigen Bruch mit vielen historiographischen Konventionen dar, das den Leser vor eine ebenso herausfordernde wie erkenntnisreiche Lektüre stellt. Cover C.H. Beck, Bild mit Canva erstellt.

Eine Welt wird neu besichtigt: Eintausend Jahre zwischen 526 und 1535 nach Christus nimmt Bernhard Jussen mit seinem historischen Sachbuch Das Geschenk des Orest in den Blick. Der Zeitrahmen stimmt – eher zufällig – fast mit dem überein, was gemeinhin als »Mittelalter« bezeichnet wird, wenn auch die Zäsuren ein wenig verschoben sind; dabei macht sich Jussen auf, den Epochen-Begriff und -Gedanken abzulösen.

Von »Mittelalter« ist in diesem Buch dann die Rede, wenn es darum geht, seine Sinnhaftigkeit infrage zu stellen; das gilt auch für »Antike« oder »Neuzeit«, aber auch für »Byzanz« oder »Staufer«, »Salier« oder »Karolinger«. Allesamt für historisch Interessierte gewohnte und vertraute Begriffe, die Jussen meidet, denn sie setzen seiner Einschätzung nach einen Deutungsrahmen, der das Verstehen be- und verhindert.

Ein schönes Beispiel ist das Wort »Byzanz«, das im Bereich der Historiographie vor allem der Abgrenzung dient(e) und sogar als Kampfbegriff Verwendung fand, um den lateinischen Westen vom griechischen Osten zu trennen. Interessant sind Jussens Hinweise auf das Nischenschicksal des Oströmischen Reichs in der Byzantinistik, die kurioserweise von der Geschichtswissenschaft getrennt ist.

Die Kaiser am Bosporus bleiben römische Kaiser, ihre Münzen römisch und ihr Imperium auch, bis ins 15. Jahrhundert.

Bernhard Jussen: Das Geschenk des Orest

Tatsächlich fristet »Byzanz« in Studium und erst Recht in der Schule ein Dasein unter Alberichs Tarnumhang – Ostrom ist unsichtbar. Das ist insofern hilfreich, weil man nicht in Erklärungsnot gerät, wenn man das Römische Reich 475 n. Chr. untergehen lassen will, obwohl es im Osten noch fast eintausend weitere Jahre existierte, bis zur Eroberung Konstantinopels.

Wird der Deutungsrahmen durch den Gebrauch von Begriffen wie »Antike«, »Mittelalter« und »Neuzeit« gesetzt, passt »Ostrom« nicht, denn bei Verwendung des Begriffes hätte sich die »Antike« in Teilen bis fast zum Ende des »Mittelalters« fortgesetzt. Diese Epochen-Begriffe sind mehr als bloße Worte, die zur Orientierung dienen – sie bestimmen die Orientierung und damit das, was angesehen wird und wie das geschieht.

Das Wort »Deutungsrahmen« bildet das ab: Was außerhalb des Rahmens liegt, weil es nicht passt, kann nicht wahrgenommen werden, ohne den Ansatz der Betrachtung schon infrage zu stellen. »Ostrom« wird auch aus diesem Grund zu »Byzanz« umdefiniert und in ein eigenes, kaum wahrnehmbares Fach abgeschoben oder auf andere Weise aus dem Rahmen gedrängt, damit dieser bestehen bleiben kann.

Die konkrete Forschung ist abhängig vom Rahmen.

Bernhard Jussen: Das Geschenk des Orest

Es geht aber noch weit über diese Kategorien und Begriffe hinaus. Jussen beklagt, dass Erkenntnisse von weitreichender Bedeutung (noch) nicht ihren Weg in die einschlägigen historischen Handbücher gefunden haben. Die Verwandtschaftsforschung im Rahmen der Kulturanthropologie hat zum Beispiel herausgearbeitet, dass es bis zum 15. Jahrhundert im lateinischen Europa keine Verwandtschaftsgeschlechter gegeben hat.

Das aber wurde dem »Mittelalter« unterstellt, in der Epoche, was die Allgemeinheit oder zumindest die halbwegs Gebildeten mitbekommen, sind es eben »Staufer« oder andere »Geschlechter«, die bestimmend für ganze Zeitabschnitte gewesen sein sollen. Ehen unter Verwandten sind aber erst seit dem 16. Jahrhundert als soziales Phänomen relevant; erst das 19. Jahrhundert gilt manchen als verwandtschaftsorientierte Gesellschaft.

Folglich:

Wenn überhaupt, dann zeigt erst das 19. Jahrhundert, also die europäische »Moderne«, was als typisch »Mittelalter« gilt.

Bernhard Jussen: Das Geschenk des Orest

Das Zitat macht deutlich, wie tiefgreifend anders der Blick ist, den Jussen auf jene Zeit zwischen 526 und 1535 n. Chr. wirft. In dem steht der Zusammenhang von Verwandtschaft und Sakralsystem im Mittelpunkt der Analyse. Das wirft ganz einfach klingende Fragen auf, etwa: Was ist eigentlich »Verwandtschaft« jenseits biologischer Abstammung?

Die Antworten, die vor 526 n.Chr. und danach gegeben wurden, unterscheiden sich beträchtlich voneinander; auch das im lateinischen Bereich etablierte System ist anders geartet als das in ähnlichen großen Kulturen zur gleichen Zeit, aber auch zu anderen kirchlichen Gemeinschaften. Jussen attestiert auf allen Ebenen fundamentale Unterschiede. Allein vor diesem Hintergrund gerät ein Begriff wie »Mittelalter« ins Wanken.

Jussen unternimmt einen Perspektivwechsel und verzichtet auf den klassischen Rahmen aus Epochen. Um zu zeigen, was er als Transformation der römischen Welt bzw. deren revolutionäre Umgestaltung von innen heraus bezeichnet, nutzt er auch andere Medien als die gewohnten Quellen, Schriften und Überlieferungen: Medien, Bilder, Darstellungen von Gräbern – andere Mittel als in der Historiographie üblicherweise im Mittelpunkt stehen.

Der Deutungsrahmen bestimmt das Interesse und trennt das vorhandene Material in »wichtig« und »unwichtig«.

Bernhard Jussen: Das Geschenk des Orest

Jussen bedient sich an »historischem Material aus dem Feld ästhetischer Kommunikation« und nimmt eine Umkehrung der üblichen Gewichtung vor. Bilder werden bislang bestenfalls als Zusatz bzw. Bestätigung von dem verwendet, was aus Urkunden und anderen Schriftquellen geschöpft wurde; dabei wurde oft nicht darauf geachtet, wie verbreitet das entsprechende Medium überhaupt gewesen ist; das aber ist ein Kriterium für dessen Aussagekraft.

Diese Bilder usw. waren kein eigenständiges Medium, was Jussen in seinem Buch Das Geschenk des Orest konsequent ändert. Das heißt nicht, dass Texte gar keine Rolle spielen, im Gegenteil. Das Grabmal der »Turteltaube«, einer vermutlich reichen Römerin, ist nämlich in bemerkenswerter Weise beschriftet: »Du warst auch wirklich eine Turteltaube.«

Das Lob des Sohnes auf seine verstorbene Mutter dürfte einigermaßen seltsam wirken, wenn man den massiven Bedeutungswandel des Wortes »Turteltaube« nicht kennt. Gewöhnlich verbindet man mit dem Verb »turteln« einen Flirt, doch bis zum Zeitalter Shakespeares war »Turteltaube« ein großes moralisches Lob, denn dahinter verbarg sich engagiertes Bemühen, soziales Ansehen zu sammeln für bessere Aussichten auf einen »guten Platz im Jenseits«.

Der Zusammenhang von Text und Bild des Grabmals […] lenkt den Blick auf eine buchstäblich revolutionäre Transformation des Gesellschaftssystems.

Bernhard Jussen: Das Geschenk des Orest

Auf die einzelnen Details des Grabes und deren Bedeutung kann hier unmöglich eingegangen werden, wichtig ist aber, dass Jussen darin ein Beispiel dafür sieht, dass der Umsturz nicht etwa von außen, von den vielbeschworenen »Barbaren«, »Germanen« oder »Völkern«, erzwungen wurde, sondern von innen, von den Römerinnen und Römern selbst. Das ist gemessen am Deutungsrahmen »Völkerwanderung« ein spektakulärer Ansatz.

Der Buchtitel Das Geschenk des Orest lenkt den Blick auf jenen, der für die alte, untergehende Welt steht, für einen der letzten Konsulen des westlichen Reichsteils, der seinen Amtsantritt 530 traditionell mit einem Geschenk an die römische Welt kundtat. Ein Diptychon aus Elfenbein als Teil der bekannten und gewohnten Inszenierung, die allerdings damit im westlichen Reichsteil an ein Ende gekommen war.

Auf eine Bewertung des Ansatzes, den Jussen verfolgt, verzichte ich bewusst, da ich Das Geschenk des Orest als eine Neubetrachtung eines Zeitraumes gelesen habe, der bislang unter dem Label »Mittelalter« geführt wurde. Selbst wenn man Jussens weitreichende Neubewertung – aus welchen Gründen auch immer – nicht teilen möchte, bleibt fraglos der Modernisierungsdruck auf die Geschichtswissenschaft festzustellen.

»Die Suche nach Darstellungsweisen des lateinischen Europa, die nicht auf das alte Epochendenken angewiesen sind und dieses auch nicht unbemerkt mit sich herumschleppen.«

Bernhard Jussen: Das Geschenk des Orest

Ein kritisches Wort erlaube ich mir aber. Man kann das, was über das Römische Reich seit Mitte des dritten Jahrhunderts verstärkt und später unaufhaltsam hereinbrach, vielleicht einer inneren Revolution gegenüberstellen, für die politische, wirtschaftliche und militärische Stabilität des Reiches sind diese Angriffe von erschütternder, vielleicht eben auch vernichtender Bedeutung gewesen – man denke nur an die Infrastruktur, das Finanzwesen etc.

Hinter Begriffen wie »Migrationsbewegungen« sollte man diese Raub-, Plünder- und Kriegszüge nicht verbergen, für die Opfer dieser Züge ist es auch gleichgültig, ob man von Barbaren, Stämmen, Völkern oder – nachvollziehbar – Identifikationsgemeinschaften spricht. Krieg bleibt Krieg, das ist gerade in unserer Zeit wichtig, damit nicht hinter Wortschleiern die brutale Gewalt verschwindet.

Wenn man also feststellt, dass der östliche Teil des Römischen Reiches bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts bestand und erst dann untergegangen ist, bedeutet das eben auch, dass der westliche schon lange vorher unterging. So wichtig und berechtigt Jussens Feststellung bezüglich einer Transformation im Inneren auch sind, bleiben äußere Faktoren á la Krieg, Plünderung, Angriffe, gewaltsame Landnahme bestehen.

Das aber ändert nichts an den Qualitäten des Sachbuchs, das einen tiefgreifenden Bruch mit historiographischen Konventionen darstellt, im Grunde genommen also dem Fach zu Leibe rückt wie die »Turteltaube« dem männlichen Ahnenverband im frühen sechsten Jahrhundert. Neue Deutungsrahmen sind immer spannend, insbesondere wenn sie so klug argumentieren und sich auf originelle Quellen stützen. Das Geschenk des Orest ist für den Leser ein großer Gewinn.

[Rezensionsexemplar]

Bernhard Jussen: Das Geschenk des Orest
Eine Geschichte des nachrömischen Europa 526 – 1535
C.H. Beck 2023
Gebunden 480 Seiten
ISBN: 978-3-406-78200-8

ernst jandl: Briefe aus dem Krieg

Manchmal ist es auch wichtig, was nicht geschrieben steht – Jandls Briefe zeigen indirekt einen Menschen im Tarnkappenmodus, dessen Mission darin besteht, Zeit zu schinden. Cover Luchterhand-Literaturverlag, Bild mit Canva erstellt.

Zigaretten sind eine transnationale Währung. Lange vor den Krypto-Zahlungsmitteln wurde mit ihnen gehandelt, analog, direkt und vor allem dann, wenn gewöhnliche Geldmittel an ihr Ende kamen: entwertet oder wertlos, insbesondere in Zeiten von Krieg und Gefangenschaft. Es überrascht wenig, wie wichtig dem Dichter Ernst Jandl die Glimmstängel waren, ein Blick auf das Cover des Buches genügt; überraschend sind der Nachdruck und die Häufigkeit seiner Bitten in den wenigen, oft knappen Briefen, die in diesem Buch abgedruckt sind.

Es mag ein wenig seltsam klingen, aber das Drängen nach Zigaretten hat den Briefen Jandls etwas unmittelbar Vertrautes und Authentisches verliehen, so oft ist mir das bei meiner extensiven Lektüre von Briefen, Tagebüchern, Berichten, Erinnerungen, Romanen und Erzählungen aus Kriegszeiten begegnet. Und Bilder, natürlich, Soldaten, den Kopf von Mull umschlungen, das Gesicht blutig, erdgrau und gezeichnet von hoffnungsloser Verzweiflung, ziehen mit einer Intensität an der Zigarette, als handelte es sich um den rettenden Atemzug.

Wenn man also eintritt in das Kriegsleben des späteren Dichters, begleitet den Leser der blaue Dunst, nicht in der dramatischen Form, wie geschildert, aber so stetig wie ein treuer Hund. Jandl schildert nur in einem sehr kurzen Brief einige Eindrücke von der Front, doch haben diese Zeilen eine ungeheure Wucht, sie deuten bereits voraus, spiegeln die Fähigkeit wieder, ins (sprachliche) Detail zu schauen – das Wort »Frontschwein« bekommt für den Soldaten an der Front seine wahrhaftige Bedeutung.

Jetzt erst wird mir der Begriff vom »Frontschwein« klar.

ernst jandl: Briefe aus dem Krieg 1943-1946

Diese konzentrierte Kürze zeichnet die Briefe aus. Die Stationen des 1943 eingezogenen Jandl bis zu seiner Gefangenschaft, zunächst in Frankreich, dann in England, hinterlassen trotzdem ein plastisches Bild. Der Krieg spielt bestenfalls eine Nebenrolle, dort, wo Jandl sich aufhält, findet er nicht statt. Er ist bei seinen Stationen fern der großen Schlachten, der Bombenangriffe, Verheerungen und Vernichtung.

Geschildert werden vorwiegend Kleinigkeiten aus dem Dienstalltag, Bitten um Kleidung, Rauchwerk, einen Koffer, Ankündigungen von Besuchen oder Berichten über dieselben, Wünsche und Hoffnungen, kurze Bemerkungen über den weiteren Gang der Dinge, wohin man versetzt werde und wann der Gang an die Front drohe – Dinge, die heute vor allem in e-Mails oder Messenger-Nachrichten verhandelt werden. Von den inneren Befindlichkeiten Jandls steht dort selten etwas.

Aus dem sehr informativen Vorwort und der Chronik, die wie ein Rahmen die Briefe einfassen, ist zu erfahren, dass Jandl versucht hat, nicht aufzufallen und das in einer spektakulär nüchternen Weise. Weder Innere Emigration noch Aufbegehren, sondern äußerliche Konformität, Anpassen an die Konventionen als Überlebensstrategie. Den Gang zur Front, vor allem zur höllischen Ostfront, vermeiden, aufschieben, hinauszögern – das war Jandls Art, den Krieg zu überleben. Der nachfolgende Satz bekommt so einen anderen Klang.

Nun ist es soweit: Ich bin Grenadier.

ernst jandl: Briefe aus dem Krieg 1943-1946

Von einer Ausnahme abgesehen, spiegelt sich das in den Briefzeugnissen insofern wieder, dass Jandl diese Dinge konsequent ausklammert und nie erkennen lässt, in irgendeiner Form sich drücken oder den Fronteinsatz herauszögern zu wollen; das aber hat er getan, Zeit geschunden, Zeit gewonnen. In diesem Zusammenhang ist auch der Versuch zu sehen, Offizier zu werden, was letztlich fruchtlos blieb, aber kostbare Zeit verstreichen ließ.

Insbesondere die den Briefen nachgestellte Chronik ist in aufschlussreich, denn sie gibt preis, worum sich die Briefe  herumdrücken, die Ausweichmanöver Jandls, der gleich zweimal versuchte, sich durch Arztbesuche vor dem Fronteinsatz zu retten; er ist sogar ein hohes Risiko eingegangen, eine unerlaubte Entfernung von der – zur Front abrückenden – Truppe hätte ihm auch Standgericht eintragen können. Glück auch, dass ihm die Ostfront erspart blieb und er in den Westen kam, wo er überlaufen konnte.

So bekommen Äußerungen in seinen Briefen im Nachhinein einen Hinter-Sinn. Die Bemerkung, das Karabiner-Schießen oder der Unterricht hätten ihm gefallen, sind zunächst einmal durchaus wörtlich zu nehmen, ein wacher Geist nimmt alles mit, was ihm im eher dumpf-stumpfen Kasernenalltag angeboten wird, aber auch Teil der Taktik, Zeit zu gewinnen. Die Ausbildung zum Scharfschützen kostete wieder drei Wochen; Jandl ist wie jemand, der unter einem Tarnumhang des Mitmachens versucht, durchzukommen.

Heroisch mag das nicht sein, doch was heißt das schon? Im Nachhinein ist es leicht, von den Zeitgenossen der blutigen Jahre einen Mut einzufordern, wenn man nie in die Verlegenheit kommen wird, ihn selbst aufzubringen. Allein gegen das Propaganda-Gedröhn, das so viele erreicht und beeinflusst hat, die verheerende Wirklichkeit des Frontalltags aus den Zeitungen und Wochenschauen herauszufiltern und allem Sozialdruck zum Trotz sich treu zu bleiben, ist bemerkenswert.

Die Stille nach dem Krieg ist immer noch Krieg.

Alexis Jenni: Die französische Kunst des Krieges

Eine ganze Reihe von Briefen sind aus der Zeit von Jandls Kriegsgefangenschaft verfasst. Das mag angesichts des Buchtitels seltsam erscheinen, doch ist es sehr passend, denn Kriege enden nicht mit dem letzten Schuss, Waffenstillstand und Friedensschluss. Die Nachkriegsstille ist immer noch erfüllt vom Echo des Kriegsdonners. Im Falle Jandls macht sich das unter anderem darin bemerkbar, dass über Monate hinweg in Unsicherheit ist, wie seine Angehörigen den Untergang des Hitlerreiches erlebt haben. Erst im Februar 1946 erhält er in England Nachricht.

Zum Krieg gehört auch der Schock über die dramatischen Verbrechen, die während des Zweiten Weltkrieges begangen wurden. An einer Stelle in den Texten zu Jandl heißt es, der »Triumph, noch am Leben zu sein«, wäre später dem »schleichenden Gefühl von Schuld« gewichen. Das hat bei mir die Erinnerung an die Aussage eines Wehrmachtssoldaten geweckt, der selbst nie an Kriegsverbrechen teilhatte und trotzdem genau wusste, dass jede seiner (Kriegs-)Handlungen ein Mitmachen, ein Teilhaben an dem verbrecherischen Morden war, was ihn bis an sein Lebensende fürchterlich belastete. Wenn man von schweren Depressionen bei Jandl liest, liegt der Schluss nahe, dass bei ihm Ähnliches im Gang gewesen könnte.

[Rezensionsexemplar]

ernst jandl: Briefe aus dem Krieg 1943-1946
Hrsg. von Klaus Siblewski
Luchterhand Literaturverlag 2005
Gebunden 178 Seiten
ISBN: 978-3-630-87223-0

Camilla Townsend: Fünfte Sonne

Ein lesenswertes Buch über die Azteken, die nicht auf die Opferrolle reduziert werden. Sie waren unterlegen, haben den Kampf gegen die Eroberer aber angenommen, nach ihren Mitteln klug geführt und letztlich dennoch verloren. Cover C.H. Beck, Bild mit Canva erstellt.

Wenn man einen modernen Atlas der Geschichte aufschlägt und nach dem Reich der Azteken sucht, findet man das Bild einer farbig markierten Fläche im heutigen Mexiko, das jenes „Azteken-Reich“ im Jahr 1521 zeigen soll. Das Beispiel ist dem Atlas von Christian Grataloup entnommen, es deutet durch schraffierte Gebiete auch eine Art Herrschaftshierarchie an, ein kleiner Kasten gibt einige weitere Informationen preis, die eine kurze geschichtliche Einordnung erlauben.

Atlanten wie Christian Grataloups Geschichte der Welt erlauben einen schnellen Zugriff auf Kartenmaterial und knappe Informationen. So erhält man eine Vorstellung davon, wo zum Beispiel die Azteken lebten, wie groß ihre Herrschaftsgebiet war oder ihr Einfluss reichte, was sich während der Lektüre eines Sachbuchs vom Format Fünfte Sonne als kritikwürdig herausstellt. Das ist kein Nachteil, den kein Atlas vermag eine Form von Wirklichkeit oder gar Wahrheit abbilden, es ist immer eine spezielle, autorgebundene Sichtweise.

Nach der Lektüre von Fünfte Sonne erweisen sich mehr oder weniger alle Aussagen als problematisch, wenigstens verkürzt oder zweifelhaft. Das liegt unter anderem daran, dass die Geschichte der Azteken auf der Basis von Quellen verfasst wurde und wird, die niemals für die europäische Geschichte des Mittelalters Verwendung finden, sondern von der Quellenkritik aussortiert werden würden. Für die Geschichte der Azteken wurden sie dennoch verwendet.

Das führt zu Zuschreibungen und Erfindungen, die dem jeweiligen Urheber und seinem Weltbild gelegen kamen bzw. kommen. Bei der Geschichtsschreibung wird also mit zweierlei Maß gemessen, wie es laut Camilla Townsend sonst nicht vorkommen würde. Man könnte hier aber durchaus auf auf die Karthager verweisen, insbesondere der von den Römern gegenüber ihren tödlichsten Gegnern immer wieder beschworene Menschenopferkult erinnert direkt an das, was über die Indios erzählt wird.

In dem kleinen Kasten aus Die Geschichte der Welt wird die Problematik im letzten Satz deutlich: Nach der Lektüre von Fünfte Sonne würde man wenigstens eine andere Formulierung gebrauchen. Da Filme wie Apocalypto eine viel größere Reichweite haben und das Bild von Millionen Zuschauern prägen, die niemals ein Geschichtsbuch oder einen Atlas in die Hand nehmen würden, ist das Bild in der breiten Öffentlichkeit noch schräger. Wer das schaut, erhält ein gruselig verzerrtes Bild der Welt Altamerikas.

Für die Indios wurden andere Standards angewendet.

Camilla Townsend: Fünfte Sonne

Die Azteken waren eine Hochkultur. In ihrem Welt- und Selbstbild, das sich dramatisch von dem unterscheidet, was heute noch immer kursiert, lebten sie unter der fünften Sonne – vier Universen waren zuvor bereits zusammengebrochen. Schon diese Bemerkung macht klar, dass man den Barbaren-Topos getrost in die Rumpeltruhe verbannen kann.

Dorthin gehört auch das vielfach beschworene Opfer-Motiv: Die Azteken waren tatsächlich Opfer des spanischen Expansions- und Eroberungsstrebens, ihrer Beutegier und der von Europa eingeschleppten Erreger, die verheerende Epidemien auslösten. Es wäre jedoch grundfalsch, sie auf diese Rolle zu reduzieren oder gar festzulegen, gar nicht zu reden davon, dass die Azteken ein Ende gefunden hätten.

Camilla Townsend verfolgt das erklärte Ziel, die Kontinuitäten, die Anpassung an die neuen Umstände, die Adaption kultureller und technischer Aspekte (Lateinisches Alphabet, Segelschifffahrt) und die kluge sowie geschickte Nutzung für eigene Zwecke darzustellen. Zum Beispiel erkannten die Indios sehr schnell die Vorzüge des Alphabets gegenüber ihrer eigenen Form der Aufzeichnung und verwendeten sie, um ihre eigene Geschichte zu überliefern. Es gibt also indigene Quellen – sie stellen die Rezipienten allerdings vor einige Hürden.

König Moctezuma war den Ankömmlingen einfach unterlegen, und das wusste er.

Camilla Townsend: Fünfte Sonne

Dieser kurze Satz aus Fünfte Sonne bietet eine Menge Sprengstoff, vor allem die letzten drei Worte. Moctezuma wird so zu einem klar denkenden, handelnden Machtmenschen, der seine Optionen wägt und auf dieser Basis Einschätzungen und Entscheidungen trifft – genau wie die Europäer! Es kann keine Rede sein von jenem Geschwurbel, nach dem die Aztekenherrscher vor allem aus religiösen Motiven entschieden und handelten, gar nicht zu reden von der Behauptung, Cortés wäre als Gott angesehen worden.

Townsend beleuchtet, wie die Ankunft der Europäer im Reich der Azteken kommuniziert wurde, welche Maßnahmen ergriffen und Entscheidungen getroffen wurden: Informationen über die Ankömmlinge sammeln, ihre Ziele und Stärke einschätzen, die eigenen Möglichkeiten abwägen und auf dieser Basis taktische und strategische Optionen erdenken.

Man wage ruhig einen vergleichenden Blick in die Gegenwart, etwa auf die deutsche Russland- bzw. Nicht-Ukraine-Politik seit 2014, insbesondere aber die Handlungen der deutschen Exekutive nach dem Beginn des Angriffskrieges Russlands auf die Ukraine im Februar 2022 – die Krisensituation in Moctezumas Reich war weitaus dramatischer, die eigenen Handlungsspielräume viel geringer.

Moctezuma hat sich nicht geirrt, die Spanier waren ihm haushoch überlegen. Ein paar Gründe werden immer wieder genannt, zum Beispiel Feuerwaffen oder die stählernen Rüstungen. Pferde, die es in Amerika nicht gab, waren jedoch in den Kämpfen von großer Bedeutung, aber auch die Fähigkeit, große Segelboote zu bauen, mit Kanonen zu bestücken und auf dem See um Tenochtitlan einzusetzen. Nicht zu vergessen die militärische Organisation, das Kämpfen in Haufen, geschlossenen Formationen.

Es war fast so, als wenn das Europa der Renaissance auf das alte Sumer getroffen wäre.

Camilla Townsend: Fünfte Sonne

Noch wichtiger war, dass Moctezuma sehr genau wusste, was er seinem eigenen Reich zumuten konnte und was nicht. Um das zu berücksichtigen, ist eine genaue Kenntnis der Herrschaft, ihrer Entstehung und Entwicklung nötig – daran gebrach es in der Vergangenheit; es ist auch recht einfach und bequem, den Azteken religiöse Beweggründe statt machtpolitischer zu unterstellen.

Das Reich der Azteken hätte hohe Verluste in lang anhaltenden Kämpfen mit den Spaniern nicht ausgehalten, das war Moctezuma völlig klar; ein langer Krieg wäre der Selbstvernichtung gleichgekommen, daher hat er die Möglichkeit gesucht, mit den Konquistadoren zu verhandeln und eine Übereinkunft zu erzielen. Von Passivität oder gar „Feigheit“ kann überhaupt keine Rede sein.

An dieser Stelle macht sich der Vorzug der ausführlichen Schilderung des Aufstiegs und der Gestalt des Aztekenreichs bezahlt, denn die Fragilität ist leichter nachzuvollziehen, wenn man bereits weiß, dass ein »Dschingis Khan zu Fuß« (mangels Pferden) die Eroberung angeführt hatte, ein komplexes Gebilde verschiedener Herrschaftsabhängigkeiten entstand, das vor allem aufgrund der Bigamie zu vielschichtigen Problemen der Herrschaftsnachfolge führte.

Der Kampf um die Macht stand bei den Azteken genauso im Fokus wie etwa in Europa, nur die Mittel, Umstände und Vorgehensweisen waren verschieden. Ein Faktor war die Polygamie, was das Problem der Nachfolge ganz anders als im monogamen Europa, aber nicht weniger kompliziert gestaltet. Die Spanier konnten auch vor diesem Hintergrund die Unzufriedenheit jener Völker oder Machtgruppen ausnutzen, die mit den Azteken über Kreuz lagen und taten dies selbstverständlich auch.

Die Mexikaner von heute betrachten Marina vielfach als Verräterin an den Ureinwohnern Amerikas. […] Niemand in Marinas Welt wäre auf die Idee gekommen, das sie dem Volk Moctezumas zu Loyalität verpflichtet gewesen wäre.

Camilla Townsend: Fünfte Sonne

Für die so gewonnenen Verbündeten der Spanier bzw. Cortés war das auch eine Überlebensstrategie, weshalb das immer wieder aufkommende Verrat-Geschrei völlig fehlgreift. Niemals hätten die Azteken von ihren Gegnern irgendetwas wie Loyalität erwartet; das gilt erst recht für Marina bzw. Malitzin, eine Sklavin, die ihre Sprachfähigkeiten zum Dolmetschen und Verhandeln als Teil ihres Versuches, den Sturm zu überstehen, nutzt.

Die Erzählung dieses Versuch füllt ungeheuer spannende Seiten und Kapitel, in denen das Schicksal Marinas bzw. Malitzins und ihrer Kinder ausgebreitet wird, die wechselvollen Zeitläufte der Eroberung werden so aus einer ungewöhnlichen Perspektive nachvollzogen, ebenso die völlig unhistorischen und für politische Zwecke instrumentalisierten Ansichten und Bewertungen zu diesen Personen als »Verräter«.

Moctezuma hat alles versucht, seine Macht und das Überleben seines Volkes zu sichern. Als sich ihm die Chance bot, mit militärischen Mitteln Cortés und seine Soldaten zu teilen und zu vernichten, aus der Stadt zu treiben, hat er sie genutzt, nachdem sein anfänglicher, immer wieder modifizierter Friedensplan  fruchtlos blieb. Doch letztlich war das nur ein Pyrrhus-Sieg, denn die Ressourcen seiner Gegner waren schier unerschöpflich.

Letztlich muss man konstatieren, dass die Europäer neben ihrer militärisch-technischen und kulturell-kommunikativen Überlegenheit vor allem durch unendlichen Nachschub aus Europa nicht zu besiegen waren. Selbst wenn Cortés und seine Leute vollständig vernichtet worden wären, hätte es neue Spanier gegeben, die angetreten wären, Sieg und Herrschaft irgendwann errungen hätten.

Es ist eine Ironie der Geschichte, dass es die Bemühungen der humanitären und fortschrittsorientierten Liberalen waren, die den indigenen Völkern Mexikos einen schweren Schlag versetzten.

Camilla Townsend: Fünfte Sonne

Teil des Epiloges ist dem gewidmet, was von der indigenen Identität übrig geblieben ist. Es gehört zu den unbequemen Erkenntnissen, dass es ausgerechnet progressive Bemühungen waren, die wegen ihrer Auswirkungen auf den Sprachgebrauch in Alltag und Verwaltung die Indigenen massiv unter Druck gesetzt haben. Fünfte Sonne mahnt auch durch diesen Zusammenhang zur Vorsicht und dazu, genau hinzusehen und zuzuhören, der Anspruch von Progressivität ist nicht gleichbedeutend mit ihrer Umsetzung.

[Rezensionsexemplar]

Camilla Townsend: Fünfte Sonne
Aus dem Englischen von Anna Leube und Wolf Heinrich Leube 
C.H. Beck 2023
Gebunden 418 Seiten
ISBN: 978-3-406-798177

Jonathan Coe: Bournville

Leider konnte mich der leichtfüßig und flott zu lesende Roman nicht recht überzeugen. Cover Folio-Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Einen „Roman in sieben Ereignissen“ nennt Autor Jonathan Coe sein Bournville. Sieben Kapitel zuzüglich eines Prologs bilden die Ankerpunkte im Strom der Zeit, an denen die Erzählung Halt macht und etwas aus der Geschichte einer verzweigten britischen Familie berichtet, in deren Mittelpunkt Mary Lamb steht.

Los geht es jedoch in der unmittelbaren Vergangenheit, jenem Moment, in dem sich das Virus namens Corona Bahn bricht und die Welt vermittels einer Pandemie lahmlegt. Lorna, die Enkelin Marys, befindet sich auf Europatournee, die allerdings mehr einer bangen Jagd gleicht, weil die Band mit ihren Auftritten sozusagen den musikalischen Schlusspunkt vor dem Lockdown setzt.

Nach ihrer Rückkehr auf die britische Insel ermuntert Lorna ihre schweigsame und leicht tüddelige Oma zum Reden. Zum Beispiel über jenen Carl Schmidt, ein deutscher Vorfahr, den Mary 1945 in England kennengelernt hat. An diesem Punkt setzt die Erzählung ein, der Krieg gegen Deutschland geht zu Ende, Frieden und Freudenfeuer werden jedoch durch offen ausgelebte antideutsche Ressentiments getrübt, denn Carl mag zwar formal Engländer sein, wird jedoch als Deutscher angefeindet.

Bournville lässt seine Figuren in unterschiedlicher Besetzung vor dem Radio oder Fernseher sitzen und auf diese eher distanzierte Weise an zentralen Ereignissen teilhaben, der Siegesansprache des Königs etwa oder der Krönung Elisabeths II.. Überhaupt nehmen die Royals einen bemerkenswerten Raum ein, denn allein vier der sieben Ankerpunkte werden Ereignissen um sie gewidmet. Ja, darunter auch der Tod von Lady Di.

Damit beginnen die Schwierigkeiten, die ich mit diesem Roman hatte, denn das Königshaus hat mich doch sehr viel weniger angesprochen als die übrigen drei Kapitel (auch wenn ich tatsächlich die Hochzeit von Charles und Diana im TV verfolgt habe) – Kriegsende, Finale der Fußball-WM 1966 in Wembley und 75. Jahrestag des Kriegsendes. Doch auch bei diesen bleibt die Erzählung seltsam fadenscheinig, denn sie werden in den Gedanken und Gesprächen sowie Handlungen der Familienmitglieder erzählt.

Die drehen sich naturgemäß vorwiegend um eigene, persönliche Angelegenheiten, oft ist das Großereignis mehr ein ferner Lärm, ein Echo, das nicht allzu weit vordringt und an Bedeutung einbüßt. Die Frage stellt sich jedoch, warum sie dann überhaupt ausgewählt wurden? Es wirkt manchmal belanglos, beliebig und ohne zusammenhangslos nebeneinandergestellt, aber präsent genug, um dem, was aus der Familie erzählt wird, ebenfalls die Bedeutung zu rauben.

Das ist schade, denn Bournville ist munter erzählt, leicht und unterhaltsam zu lesen, es gibt eine Vielzahl einzelner Begebenheiten, die eine Menge über das verraten, was man Großbritannien nennt. Wenn etwas ein Engländer als Prince of Wales betitelt wird, stößt das bei Walisern nicht unbedingt auf Gegenliebe, woran die wenigen Brocken akzentschweren Walisisch nichts wesentlich ändern können.

Das sind die lichten Momente in dem Roman, von denen es einige gibt, die jedoch zusammenhangs- und folgenlos aufleuchten und wieder verlöschen. Viel zu selten wird es ironisch oder sarkastisch, gar nicht zu reden von schwarzem Humor, für den sich doch ein weites Spielfeld böte, nicht allein wegen der Farbe jenes Nahrungsmittels, das Anlass für einen jener hübschen, sinnlosen und mit Erbitterung ausgefochtenen europäischen Streits bietet, bei denen man sich kopfschüttelnd abwendet und ein Stoßgebet gen Himmel schickt: Schokolade.

Am Ende des Romans bleibt man seltsam irritiert zurück. Vieles wird angerissen, bleibt jedoch flüchtig, sowohl die historisch-politischen als auch die familiär-persönlichen Themen anbelangt. Da Bournville in ein ganzes Erzähluniversum eingefügt ist, mag es Lesern, die bereits die anderen Werke Coes gelesen haben, bei diesem Roman anders ergehen. Möglicherweise ist für sie das, was ich als flüchtig empfunden habe, eher ein dankbarer Weg, Wiederholungen zu vermeiden.

[Rezensionsexemplar]

Jonathan Coe: Bournville
Aus dem Englischen von Cathrine Hornung, Juliane Gräbener-Müller
Folio-Verlag 2023
Hardcover 409 Seiten
SBN 978-3-85256-885-0

Jaroslav Rudiš: Weihnachten in Prag

Prag – das weckt Assoziationen. Einige davon finden sich in den stimmungsvollen Illustrationen diesen schönen Büchleins wieder, von anderen Begebenheiten wird der Leser überrascht. Cover Luchterhand Literaturverlag, Bild mit Canva erstellt.

Ich irrlichtere ein wenig, um nicht zu viel zu verraten aus dem Weihnachten in Prag, von dem Jaroslav Rudiš in diesem schönen Büchlein erzählt. Man sagt ja so oft, dieses oder jenes Buch gehöre unter den Weihnachtsbaum, hier aber passt es nun wirklich. Das kleine Bändchen, sehr stimmungsvoll illustriert von Jaromir 99, kann man nach der Bescherung schmökern, in einem Zug, vielfach unterbrochen durch die Wirklichkeit oder lange Gedankenflüge, ganz wie es beliebt.

Schon der Anfangssatz eröffnet, worum es sich bei dieser Erzählung dreht: Verlorengehen. In Prag wäre der Ich-Erzähler zum ersten Mal in seinem Leben verloren gegangen. Nicht irgendwo in der Stadt an der Moldau, sondern am Hauptbahnhof, wo die Geschichte ihren Anfang und – soviel darf doch verraten werden – ihr Ende findet.

Der Autor hat eine familienbedingte Affinität zur Schiene, sein Roman Winterbergs letzte Reise quert und kreuzt in Zügen das von Geschichte überquellende Zentraleuropa, Rudiš hat eine literarische Handreichung zum Zugfahren verfasst und sich so verbunden mit dieser Form des Reisens geäußert, dass man vermuten möchte, er wäre noch nie mit der Deutschen Bahn gefahren. Ist er aber, die Zumutungen des Zugfahrens empfindet er als Teil des Reisens.

Das ist direkt in die Erzählung eingeflossen, denn der Ich-Erzähler, Jára, verlässt gleich zu Beginn den Hauptbahnhof, von dem es später heißt, es wäre die schönste Kirche Prags. Wieder geht er verloren. Seine Freunde, mit denen er verabredet ist, kann er nicht erreichen – in Zeiten der Immer-und-ewigen-Erreichbarkeit eine Ausnahme, die jedoch das Tor aufstößt zu einem ausgedehnten Gang durch die weihnachtlich-winterliche Stadt.

Wer verloren geht, trifft auf andere Verlorene. Kavka, der Briefe sortiert, einen „König von Prag“, ausgestattet mit allen Schlüsseln der Stadt, und eine Italienerin, deren verstorbener Mann eine sensationelle Leidenschaft für Prag besaß. Es sind diese leichten Verschrobenheiten, die dem verirrten, verlorenen Erzählen eine besondere Note verleihen.

Jára sucht allein und mit seinen zufälligen Bekanntschaften Kneipen auf, was sonst in der Stadt des Bieres, gute Kneipen, in denen das Getränk vor dem Gast steht, bevor der überhaupt ordern muss. Die Perspektive ist für eine Schmonzette ungeeignet; sie ist aber sehr stimmungsvoll und in gewisser Hinsicht auch heimelig, allein wegen der schönen Illustrationen, aber eben aus einer Kartoffelsalat-Karpfen-Bier-Sicht verfasst.

Jaroslaw Rudiš wäre nicht er selbst, wenn er den Leser so einfach entlassen würde aus seiner Weihnachtsgeschichte, ohne noch eine Volte zu schlagen. Über die kann man dann nachdenken, Heiligabend, zufrieden und satt auf dem Sofa, in aller Ruhe mit Blick auf den Baum, vielleicht ein Glas Pils in der Hand, nicht allzu tief, nicht allzu schwermütig oder gar traurig, sondern eben weihnachtlich.

[Rezensionsexemplar]

Jaroslaw Rudiš: Weihnachten in Prag
Mit Illustrationen von Jaromir 99
Luchterhand Literaturverlag 2023
Gebunden, 98 Seiten
ISBN: 978-3-630-87754-9

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