Alexander Preuße

Schriftsteller - Buchblogger

Seite 51 von 60

Uwe Wittstock: Februar 33

Ein großartiges Buch über den Februar 1933 mit dem Schwerpunkt auf Deutschlands Schriftsteller. Nicht alle mussten fliehen, für manche bedeutete die Nazizeit einen Karrieresprung. Foto: Canva. Cover: C.H. Beck

Frappierend, wie ähnlich die Gegenwart der in diesem Buch geschilderten Vergangenheit scheint. Wenn etwa von den Zuständen in der Preußischen Dichterakademie die Rede ist, der Heinrich Mann vorsitzt, glaubt man das aktuelle Zeitgeschehen zu spüren. Die ideologische Spaltung geht wie ein Riss durch die Gesellschaft und spiegelt sich in den unversöhnlichen Lagern der Akademie.

Natürlich ist die Lage heute anders. Nicht unbedingt besser, denn die so genannten Sozialen Medien verschärfen die Situation, sie sind digitale Katalysatoren der Spaltung. Ihr Geschäftsmodell basiert auf der Emotion, denn die weckt Aufmerksamkeit, jenen Rohstoff, den sie benötigen, um Geld zu verdienen. Hass und Wut sind wunderbare Emotionen – in diesem Sinne, denn sie fördern einen unheilvollen Kreislauf, in dem sich die Kontrahenten gegenseitig aufschaukeln.

Insofern ist auch nur konsequent, dass die Unternehmen, sofern sie ihre Geschöpfe überhaupt noch beherrschen, jenen Schattengewächsen des Internets, den Trollen und Bots nicht wirklich Einhalt gebieten. Warum auch? Sie binden Aufmerksamkeit und verleiten dazu, Zeit auf der Plattform zu verbringen. Der Nebeneffekt: Ernsthafte, gelassene und gewinnbringende Diskurse sind fast unmöglich.

Wenn der Satz, Hitlers Verbrechen seien unvorstellbar, einen Sinn hat, dann gilt er zuallererst für seine Zeitgenossen.

Uwe Wittstock: Februar 33

Von der Spaltung profitierten die Nationalsozialisten, vor rund einem Jahrhundert unter fleißiger Mithilfe Stalins. Ausgerechnet, mag man denken, doch der Stalinismus ist einer der Steigbügelhalter des Aufstieg Hitlers zur Macht gewesen. Er hat den deutschen Kommunisten die Rolle der Totalverweigerung aufgezwungen, statt einer Frontbildung gegen die Nazis.

Als Wittstocks großartiges Buch einsetzt, liegt das Kind, die Weimarer Republik, bereits im Brunnen. Hindenburg, jene bis heute verharmloste reaktionäre Schreckensgestalt in der Politik, hat dem irrwitzigen Taktieren realitätsblinder Deutschnationaler um von Papen nachgegeben, und Hitler zum Reichskanzler ernannt.

Vermutlich gehört es zur Natur eines Zivilisationsbruchs, schwer vorstellbar zu sein.

Uwe Wittstock: Februar 33

Zu den großen Momenten des Buches zählt die Gegenüberstellung einer Hitler-Wahlkampfrede und Thomas Manns Vortrag über Wagner. Die Rede des frisch gekürten Reichskanzlers wird wunderbar seziert und als hohles, sprachlich groteskes Propagandagebell bloßgestellt, während Manns tiefe Zuneigung zu Wagners Werk nicht nur auf hohem Niveau herausgestellt und begründet wird, sondern gleichzeitg ein frontaler Angriff auf die völkische Wagnertümelei der Nazis ist.

Wittstock belässt es glücklicherweise nicht dabei, sondern stellt Manns eigene Widersprüchlichkeit klar heraus. Dessen schauderhafte Ansichten bis 1922, als er schließlich den Weg zur Demokratie fand und von seinem Überlegenheitsdünkel der deutschen Kultur abließ, zeigt er wie das immer noch begrenzte politische Verständnis des Großschriftstellers.

Besonders bedrückend ist das Gefühl der Ohnmacht und Orientierungslosigkeit, das viele der Protagonisten nach der Machtübertragung an Adolf Hitler befallen hat. Wie ein derartiges Ereignis die Lebensentwürfe, Planungen und Hoffnungen von einem Tag auf den anderen vernichten kann und was das konkret für die Menschen bedeutet, ist schwer erträglich.

Nur diesen Monat brauchte es, um einen Rechtsstaat in eine Gewaltherrschaft ohne Skrupel zu verwandeln. Das große Töten begann erst später.

Uwe Wittstock: Februar 33

Das gilt besonders für den letzten Abschnitt des Buches, wenn Wittstock sich den so genannten »wilden« Konzentrationslagern und Gefängnissen unter der Regie der SA widmet. Für diese Schreckensorte gab es keinerlei Regulierung, die Gefangenen wurden über Wochen fürchterlich misshandelt und hungerten zu Tode. Wir reden hier von Berlin im Jahr 1933, nicht den Bloodlands nach 1941.

Das Ungeheuerliche an diesen Zuständen ist, dass sie faktisch übergangslos nach dem Ende der Weimarer Republik begannen. Die unmenschliche Verrohung der SA war längst vollzogen, als zumindest nach außen hin noch ein Rechtsstaat existierte. Für viele war das jedoch nicht mehr als eine billige Kulisse, die in ungeheurer Geschwindigkeit niedergerissen wurde. Das Buch ließ mich zurück in der Hoffnung, dass der Staat, in dem ich lebe, mehr Widerstandskraft zu bieten hat.

Uwe Wittstock: Februar 33. Der Winter der Literatur.
C.H.Beck
Hardcover
288 Seiten
ISBN: 978-3-406-77693-9

Cornelia Funke: Der Drachenreiter

Der Roman gehört zu meinen Favoriten im Kinder- und Jugenbuchsegment, ist aber darüber hinaus für Schriftsteller lesenwert, die etwas über Antagonismen lernen möchten. Cover Dressler, Bild Canva.

So oft habe ich dieses Buch nun (vor-)gelesen und freue mich immer wieder, wenn es losgeht mit den Schlechten Nachrichten im ersten Kapitel. Der Roman Der Drachenreiter von Cornelia Funke ist mein allerliebstes Jugendbuch, das ich auch im fortgeschrittenen Alter immer noch gern lese. Um es vorwegzunehmen: Den zweiten Teil fand ich so viel schlechter, dass ich den dritten ignorieren werde.

Nichts liegt mir ferner, als in irgendeiner Form andere Bücher herabzuwürdigen, aber Der Drachenreiter ist nicht zuletzt so gut gelungen, weil er Qualitäten aufweist, die dem Nachfolger abgehen. Die Geschichte um die letzten Drachen, die vom Menschen in ihrem Rückzugsressort bedroht und zur Flucht gezwungen werden, ist spannend, voller Tempo, Warmherzigkeit und Überraschungen.

»›Lung!‹, rief sie. ›Lung, wach auf. Sie kommen!‹«

Cornelia Funke: Der Drachenreiter

Der Leser wird mit einem ganzen Strauß an großartigen Ideen bedacht, als alter Kartenfreund hat mich deren Bedeutung für den Handlungsverlauf gefreut, mehr noch, weil Funke das auf so ungewöhnliche, schöne Weise umgesetzt hat. Natürlich gibt es auch bekannte Motive, etwa das des Jungen, der aufbricht und sich selbst in plötzlich in einer herausgehobenen Rolle wiederfindet – eine Fantasy-Figur par excellence.

Funke gelingt es jedoch, die Figuren auszubalancieren. Ich mag das Wort Balance im Zusammenhang mit Romanen eigentlich nicht, es klingt zu sehr nach billigem Schreibratgeber und schlechten Streaming-Serien, die vor lauter Balancieren das Erzählen vergessen. Der Drachenreiter ist davon glücklicherweise weit entfernt, weil er voller offener und versteckter Antagonismen ist.

Ein Protagonist kann immer nur so gut sein, wie sein bester Antagonist. Charaktere in Romanen bedingen sich gegenseitig, sie konstituieren sich in ihrem Wechselspiel. Die Drachen stehen einem grausamen Feind gegenüber, dem Menschen, der sie aus ihrem Lebensraum vertreibt. Dieser Grundkonflikt ist der Auslöser der Handlung, weil er den Drachen Lung und die Koboldin Schwefelfell zum Aufbruch zwingt.

»›Nach so vielen, langen Jahren. Aaah, ich wusste, dass sie sich nicht ewig vor mir verstecken können. Vor den Menschen vielleicht, aber nicht vor mir.‹«

Cornelia Funke: Der Drachenreiter

Auf ihrer Reise finden sie Mitstreiter, wie etwa den Jungen Ben. Ab diesem Punkt manifestiert sich die große Stärke des Romans, denn auch zwischen den Protagonisten gibt es Antagonismen: Schwefelfell ist ohnehin mit einer spitzen Zunge und einer gehörigen Portion Leichtfertigkeit gesegnet, es kommt zu Eifersüchteleien und Streits, die wiederum Auslöser für törichte und gefährliche Handlungen sind.

Für die Erzählung ist das eine großartige Zutat, von der Autorin gekonnt und mit spürbarem Spaß umgesetzt. Cornelia Funke hat noch mehr auf Lager, denn auf ihrem Weg scheuchen die Helden einen richtigen Antagonisten auf, der ebenfalls über bösartige Verbündete, nie verlöschenden Hass, die nötige Verwerflichkeit und Aggressivität verfügt, um ein tödlicher Gegner zu sein. Eine erbarmungslose Jagd beginnt, garniert mit Verrat, Frontwechseln und vielem mehr.

Vor allem aber steckt hinter diesem fürchterlichen Antagonisten wieder der Mensch, der sich als die eigentliche Bedrohung erweist. Seine Gier ist die Antriebskraft für Böses, indem er sich überall ausbreitet und alles vereinnahmt, egal, ob andere ihren Lebensraum dadurch verlieren. Und er ist auch für den tödlichen Feind verantwortlich, aus niederen, gegenüber dem Leben gleichgültigen Beweggründen. Funkes Fantasy-Roman hat damit, was hochwertige Literatur auszeichnet: Thema.

»›Duuuuu bist der Eeeerste! Der Eeeeeerste, der nicht für sich fragt, käferkleiner Mensch.‹«

Cornelia Funke: Der Drachenreiter

Zu den schönsten Momenten der Geschichte gehört die Begegnung mit einem Dschinn, der – ganz im Stile von Märchen und Fantasy – einen Wunsch gewährt, natürlich erst, wenn eine bestimmte Voraussetzung gegeben ist, sonst droht dem Wünschenden ein schreckliches Schicksal. Funke nutzt das geradezu klassische Motiv, das es zum Beispiel durch Ernest Hemingway auch in die Weltliteratur geschafft hat, um einen ganz wunderbaren Akzent zu setzen, der im Gedächtnis bleibt.

Und spoilere ich zu sehr, wenn ich die Überschrift des letzten Kapitels verrate? Nein, denn nicht das Ende ist entscheidend, sondern der Weg dahin. Und der führt über zahlreiche Wendungen zu Guten Nachrichten. Wie die aussehen, muss allerdings selbst erlesen werden. Viel Vergnügen dabei!

Cornelia Funke: Der Drachenreiter
Dressler Verlag
Gebunden
ISBN ‎ 978-3791504544

Verdeckter Krieg

Zu den spannendsten Erkenntnissen während meiner Recherche gehörte jene, dass in der Karibik über Jahre hinweg ein unerklärter Krieg zwischen den Großmächten schwelte. Kaperfahrten und Piraterie gehörte mit dazu.

Während meiner Recherche für meine Abenteuerreihe bin ich auf eine interessante Sichtweise gestoßen. Sinngemäß hieß es, dass in Europa zwar nach Beendigung des Spanischen Erfolgekrieges Frieden herrschte, in der Karibik jedoch fortlaufend militärische Auseinandersetzungen zwischen den Großmächten ausgetragen wurden. Kern dieser Aktivitäten waren Kaperfahrten, aber auch Schmuggel und Zollkontrollen.

Möglicherweise spielten die Sklavenaufstände auch eine Rolle, wenn ich auch keinen Beleg dafür gefunden habe. Für meine Romanreihe habe ich mir jedoch die Freiheit genommen, diese als Teil des unterschwelligen Krieges zu betrachten. Was läge näher, als über provozierte und heimlich unterstützte Aufstände den Gegner empfindlich zu treffen?

Verdeckter Krieg

Aus meiner Sicht war das alles nichts anderes als ein verdeckter Krieg, wie ihn Putins Russland seit vielen Jahren führt. Damals wie heute wird er auf verschiedenen Ebenen ausgetragen, in der Ukraine über Jahre hinweg durch einen als »Bürgerkrieg« zwischen angeblichen »Separatisten« und den Ukrainern verbrämten Angriff; die eingefrorenen, aber nicht gelösten Kriege in Georgien, Moldau, flankiert von destabilisierenden Maßnahmen gegenüber den westlichen Demokratien.

Der Vorzug des verdeckten Krieges liegt darin, dass man offiziell gar keinen Krieg führt. Wer die letzten Jahre Revue passieren lässt, wird unschwer feststellen, wie wirkungsvoll dieses Mittel ist. Politik geht ungern unbequeme Wege (Sanktionen, Waffenlieferungen etc.) und lässt sich allzu oft von den verheißungsvollen Honigtöpfen wie billigem Gas verlocken.

Offene Kriege sind ein ungeheures Risiko, weil sie unglaublich teuer sind, nicht leicht beendet werden können und am Ende zumindest auf wirtschaftlicher Ebene alle verlieren. Von der Verelendung der Bevölkerung durch Nebeneffekte (Teuerung, Seuchen, Verwundete, entlassene Soldaten) einmal ganz abgesehen. Außerdem kann man militärisch unterliegen.

Vorteile und Nachteile

Ganz anders der verdeckte Krieg, der nicht begonnen wird und gleichfalls nicht beendet werden muss. Außerdem unterhält er eine gewisse Kriegsinfrastruktur. Als in den 1720er Jahren ein kurzer Krieg zwischen England und Spanien aufflammte, viel kleiner und letztlich folgenloser als der große um die spanische Erbfolge, konnte in der Karibik rasch operiert werden, wenn auch ohne Fortune.

Ein Nachteil dieser Art der Kriegführung besteht darin, dass sich die Kämpfenden von der Leine lösen und ihren Kampf auf eigene Rechnung weiterführen. Damals waren die Grenzen zwischen Kaperfahrern, Piraten und Piratenjägern (!) fließend; die Folgen für die zivile Schifffahrt, auch des eigenen Landes, verheerend.

Prägend für die Abenteuerreihe

Alle genannten Aspekte spielen für meine Romanreihe eine zentrale Rolle. Meine Protagonisten, Joshua und Jeremiah, werden in eine Auseinandersetzung zweier ehemaliger Kaperfahrer hineingezogen, die jedoch eng mit dem globalen Machtkampf zwischen England und Spanien (und Frankreich) verknüpft ist.

Damit bot sich die Möglichkeit, die Romanreihe wachsen zu lassen. Während der Fokus in den ersten Teilen noch stark auf der persönlichen und individuellen Ebene liegt, erweitert sich dieser von Band zu Band und wird immer stärker mit dem verflochten, was das Zeitalter geprägt hat: Piraterie, Verdeckter Krieg, globaler Machtkampf, Sklaverei, Handel mit Genussmitteln (Zucker, Tabak, Kaffee).

Anna Burns: Milchmann

Ein großer Roman, mit dem Booker-Prize ausgezeichnet: Anna Burns, Milchmann.
Cover: Tropen. Bild: Canva.

Anna Burns Roman Milchmann ist im Wortsinne überwältigend. Das fängt mit dem ersten Satz an. Die Autorin spoilert und erzählt, was gewöhnlich erst am Ende des Geschehens offenbart würde. Der Spannung tut das keinen Abbruch, denn zwischen dem, was der Anfang ankündigt, und seiner Vollstreckung liegen viele hundert Seiten, die den Leser in eine Alptraumwelt führen. Zumindest habe ich sie so empfunden: grotesk, gewalttätig, übergriffig, verlogen, kafkaesk und zutiefst deprimierend.

Ein herausragendes Merkmal des preisgekröntem Werks ist seine Sprache, die jene bereits angedeutete Orientierungslosigkeit des Lesers verstärkt. Ich habe lange keinen Zugriff oder Ankerpunkt gefunden, es war mehr das Herumirren in einer gespenstischen. Namen nennt die Autorin selten, die Hauptfigur ist »Mittelschwester«, »Tochter« oder »Vielleicht-Freundin«; viele Personen werden mit dem Verhältnis zu »Mittelschwester« benannt: »Vielleicht-Freund«, »Kleine Schwestern«, »Schwester Eins« und »Schwager Drei«. 

Mit diesem Kniff rückt alles ins Ungefähre, Umnebelte, auch die Handlungsorte, die politischen Verhältnisse, die Gruppierungen und Grüppchen. So entstehen von Beginn an Leerstellen, etwa die Frage, ob die Erzählerin diesen »Irgendwer McIrgendwas« aus dem ersten Satz nicht kennt oder – wenn doch – warum sie ihn so bezeichnet? Und natürlich: Überlebt die Hauptfigur die bedrohliche Lage?

»Der Tag, an dem Irgendwer McIrgendwas mir eine Waffe auf die Brust setzte, mich ein Flittchen nannte und drohte, mich zu erschießen, war auch der Tag, an dem der Milchmann starb.«

Anna Burns: Milchmann

Ganz besonders auffällig ist, dass bereits im ersten Satz das Schicksal der titelgebenden Figur enthüllt wird. Der »Milchmann« stirbt, genauer gesagt: Er wird getötet. Die Ich-Erzählerin lebt in brutalen, gewalttätigen Verhältnissen. Durch den Kniff, das bereits mit dem Auftakt klarzustellen, wird alles Nachfolgende massiv aufgeladen. Drohungen sind wörtlich und vor allem ernstzunehmen. 

Es ist vor allem die persönliche Konstellation, die der Auftaktsatz ankündigt, die das Buch bis zum Ende trägt. Die ist ungewöhnlich, selbst in einer Welt, in der die sozialen Netze und Kontakte ohnehin absurd ungewöhnlich sind. Schauderhaft, beklemmend und irritierend ungewöhnlich, dazu kalt und lieblos. Ein Nährboden für abgründige Gedanken.

»[…] Erkenntnis, dass man als normaler, gewöhnlicher, sehr netter Mensch den Wunsch hegen konnte, jemanden umzubringen, oder erleichtert war über einen Mord.«

Anna Burns: Milchmann

Trotz der sprachlichen Nebelwerferei ist jedem Leser sehr schnell klar, dass sich das Drama in Irland abspielt, genauer gesagt: Nordirland, jenem blutdurchtränkten Stückchen Erde, das bei Großbritannien blieb, als der Rest Irlands endlich in die Unabhängigkeit entlassen wurde. Der Fanatismus und die unüberbrückbare Gegnerschaft zwischen den Religionen und den – zumeist entlang der konfessionellen Linie entlanglaufenden – politischen Haltungen prägen das Leben.

Burns bleibt vage und wird in ihrer Kritik dennoch deutlich. Massiv lässt sie ihre Erzählerin auf die Heroen eindreschen, die – wie auf allen Orten unserer Welt – politische Instabilität nutzen, um sich ein kleines Stück Macht zu sichern, unter dem Deckmantel des Kampfes für die Sache. An ihnen lässt sie kein gutes Haar, an ihren Gegnern sowie den englischen Sicherheitskräften und ihren Verbündeten auch nicht. Sie alle werden mit boshafter Komik bloßgestellt.

»[…] ›und es nur drei Optionen gibt – wir überleben, wir sterben, wir werden verwundet, wir scheitern, der Staat erwischt uns.‹
Das waren fünf Optionen.«

Anna Burns: Milchmann

Die Hauptfigur existiert in einer übergriffigen Gesellschaft. Gerüchte, Halbwahrheiten, Lügen gehen Hand in Hand mit bornierter Ignoranz sowie politischem und religiösem Fanatismus. Der Konformitätsdruck ist überwältigend, die Schere im Kopf eifrig beschäftigt, von Freiheit so wenig zu spüren, dass ich oft an die Lebensverhältnisse im Stalinismus erinnert wurde.

Möglicherweise steckt im Menschen doch ein kleiner Blockwart, der Inbegriff des kleinen Mannes, der nach einem Brocken Macht hascht. Burns findet starke Worte und Bilder, die entlarvend sind für die Absurdität der Handlungsweisen. Ein Kompressor (wissen Sie adhoc, was das eigentlich ist?) kann zum Gegenstand von weitreichenden Verdächtigungen bezüglich fehlender Loyalität und potenziellem Verrat werden.

Die Frauenfiguren in »Milchmann« kommen ebenfalls nicht allzu gut weg. Mit Hingabe widmet sich Burns den »Groupies« der stolzen Freiheitskämpfer, jener weiblichen Anhängsel, die voller Stolz zu ihren Heroen aufblicken und gerade von deren Missetaten angezogen werden. Auch die Mutter oder die ältere Schwester, traditionell eher Schutzfiguren in Romanen, sind Teil des immensen Drucks, unter dem die Hauptfigur steht.

»Und erst da erkannte ich, wie sehr ich mich eingeigelt hatte, wie sehr ich mich von diesem Mann in ein sorgfältig konstruiertes Nichts hatte navigieren lassen. Genauso von der Gemeinschaft, vom geistigen Klima, von den vielen kleinen Übergriffigkeiten.«

Anna Burns: Milchmann

Inmitten dieses gesellschaftlich äußerst problematischen Klimas gerät die Hauptfigur besonders unter Druck, weil ein viel älterer Mann ihr nachstellt. »Milchmann« ist nicht Irgendwer, sondern mit einer der politischen Gruppierungen verbunden, ein Machtmensch, der gegenüber der Erzählerin keine Zweifel daran lässt, dass er bekommen wird, was er will. Obwohl der Leser das Schicksal dieses Zudringlings bereits im ersten Satz erfährt, entsteht eine ungeheure Beklemmung über die ganze Handlung hinweg.

Positive Figuren sind rar in diesem Roman. Ein – keineswegs zufällig gewählter – »echter« Milchmann etwa, der sich um die Hauptfigur kümmert, als diese in Schwierigkeiten steckt. Aber auch die Heldin selbst muss sich eingestehen, dass sie im Laufe der Zeit die Fähigkeit eingebüßt hat, anderen zu vertrauen, die grundlegende Fähigkeit, ein Netzwerk aufzubauen, auf das sie sich stützen könnte; sie hat sich auch selbst isoliert, wie sie irgendwann selbst begreift. Ob und was daraus folgt, erfährt man auf den letzten Seiten des Romans.

Anna Burns: Milchmann
Aus dem Englischen von Anna-Nina Kroll
Taschenbuch
Tropen
ISBN: 978-3-608-50508-5

Erzählfluss statt stehendes Gewässer

George R.R. Martins »Lied von Eis und Feuer« ist ein prominentes Beispiel für die Schwierigkeiten episch angelegter Buchreihen: Der Fantasy-Welterfolg hat sich im dichten Gestrüpp zahlloser Personen und Schauplätze verheddert. Bild Canva.

Im November 2017 hat sich der Blogger Der Wortvogel parallel zum Beginn der sechsten Staffel der überaus erfolgreichen HBO-Serie Game of Thrones zum Thema vertikales Storytelling geäußert. Ich habe einen etwas anders akzentuierten Beitrag von ihm damals in der Süddeutschen Zeitung gelesen und er hat mich sehr lange beschäftigt. Denn: Ich hatte gerade begonnen, selbst eine Buchreihe mit dem Titel Piratenbrüder zu verfassen.

Buchreihen können tückisch sein. George R.R. Martin hat aus meiner Sicht eine großartige Fantasy-Reihe geschrieben, mit leicht abfallender Qualität. Der erste Band (die ersten beiden in der deutschen Ausgabe) gefallen mir jedoch ganz besonders gut. Der strukturelle Ansatz ist jedoch mit Schwierigkeiten verbunden, die Torsten Dewi in seinem allgemeinen Beitrag Kaugummi TV: Das Dilemma des vertikalen Storytellings schön aufgezeigt hat.

Großer Beginn, leicht abfallendes Niveau

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Erzählfluss in Das Lied von Eis und Feuer mehr und mehr zu einem stehenden Gewässer wurde. Die Erzählung verhedderte sich immer mehr im vielbeinigen Gestrüpp zahlloser Figuren und Schauplätze, dabei hätte die Neigung des Autors, seine Charaktere ins Reich des Jenseits zu schicken, durchaus Abhilfe schaffen können. Nicht jedoch, wenn diese teilweise wieder als Untote oder Wiederauferstandene zurückkehren.

Martin sah sich auch gezwungen, die ständig wechselnden Perspektiven in zwei dicke Stränge zu bündeln und auf zwei (in der deutschen Ausgabe vier) Bücher zu verteilen. Das macht alles noch komplizierter, zumal mir beim Lesen recht oft Redundanzen und wiederkehrende Erzähl-Muster aufgefallen sind. Die Romanreihe verliert, je weiter sie voranschreitet, ein Absturz wie bei der Film-Serie bleibt bislang aus.

Die Filmserie The Game of Thrones ist ja – gottlob – beendet, wenngleich mit einem grauenerregenden Qualitätseinbruch. Das Buch verharrt seit langem an der gleichen Stelle, obwohl der Autor nach eigenem Bekunden an dem vorletzten Band arbeitet. Sicherlich ist die immense Komplexität ein wesentlicher Faktor für die lange Pause. Das wirft Fragen auf, etwa: Wie lassen sich die vielen offenen Erzählstränge wieder zusammenfügen, um die gesamte Geschichte voranzutreiben?

Wie ein Crescendo in der Musik

Ich bin gespannt. Die Wartezeit habe ich mir damit vertrieben, selbst eine Buchreihe mit etwas mehr als zweitausend Seiten zu verfassen. Auf der Basis des Artikels, der Lektüre und einiger Binge-Watch-Tage in der Welt von Eis und Feuer habe ich irgendwann die Entscheidung getroffen, mit der Erzählung der Abenteuer von Joshua und Jeremiah sehr schmal anzufangen und dann Stück für Stück aufzufächern.

Es kam mir vor allem darauf an, am Ende der siebenteiligen Reihe noch genug Spielraum zu haben, einen effektvollen Showdown zu schaffen, ohne völlig zu überziehen. Das ist mir, denke ich, durchaus gelungen. Alles, was im Schlussband namens Opfergang geschieht, ist rein fiktional, aber nicht undenkbar; und es ist ein grandioses, spannendes Spektakel.

Ich habe eine Anleihe aus der Musik genommen, um die strukturelle Gestaltung der gesamten historischen Abenteuerreihe zu verdeutlichen: ein Crescendo. Wer das zum Beispiel auf dem Klavier erzeugen will, muss keineswegs nur immer lauter spielen – dann brüllt das Klavier am Ende und verursacht Schmerzen.

Piano zu Beginn

Viel wichtiger, ja entscheidend ist: Piano am Anfang. Um ein Crescendo zu erzeugen, muss man unbedingt leise beginnen und – ganz wichtig – nicht linear lauter werden. Im Verlauf sollten kleiner Decrescendi eingebaut werden, Verzögerungen, um den Effekt zu verstärken. Außerdem könnten zu der anfangs einstimmigen Tonfolge weitere Stimmen hinzukommen.

Daher beginnt meine Abenteuerreihe sehr schmal, klein, leise, fokussiert sich auf wenige Personen und Handlungsorte, täuscht manches vor, deutet vieles an und ist keineswegs auf Handlungsspannung oder Action beschränkt. Denn was hilft alles Crescendo, wenn es an der Baisis fehlt, dem Leitmotiv oder Thema? Es wäre ein hohler, langweiliger Effekt.

Bisher erschienen (auf das Cover klicken)

« Ältere Beiträge Neuere Beiträge »

© 2026 Alexander Preuße

Theme von Anders NorénHoch ↑

DSGVO Cookie Consent mit Real Cookie Banner