Schriftsteller - Buchblogger

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Blogmonat Juni 2024

Sechs Bücher, drei Romane, drei Sachbücher, allesamt lesenswert. Zwei davon, »Auf Messers Schneide« und »Das Totenschiff«, wollte ich seit Jahren lesen und bin endlich dazu gekommen. Cover beim jeweiligen Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Wenig überraschend ist Das Totenschiff* von B. Traven das Buch, dessen Besprechung im Juni am häufigsten gelesen wurde. Auch für mich ist es das Highlight des Monats gewesen. Charlotte Schuberts Tod der Tribune* wurde am zweithäufigsten angesteuert, für ein dramatisches, aber sperriges Thema aus der Antike nicht selbstverständlich.

Wer sich mit einem gesellschaftskritischen Thema befasst, läuft immer Gefahr, sich davon überwältigen zu lassen. Die Leser meiner Besprechung des Beitrags zu Amsterdam, verlorene Stadt*, wissen, dass und wie es dem Autor Ries Roowaan gelungen ist, die Gefahr zu bannen. Der Artikel wurde am dritthäufigsten angesteuert.

Für das zweite Halbjahr habe ich unter den Neuerscheinungen eine Reihe von Büchern zusammengestellt (siehe Galerie am Ende des Beitrags), die ich unbedingt lesen will. Nun, eigentlich will ich noch viel mehr lesen, doch realistisch betrachtet werde ich mit diesen und dem, was ich als Recherchelektüre zu bewältigen habe, kaum fertig werden. Dazu gesellen sich nämlich noch knapp einhundert ungelesene und mehrere hundert nochmal zu lesende Bücher – weshalb ich auf Buchkauf-Diät bin.

Vor allem habe ich noch einiges selbst zu schreiben. Die beiden Schlussbände meiner Piratenbrüder-Buchreihe stehen an, mit der Überarbeitung von Verräter (es gibt so viele Formen von Verrat!) habe ich bereits begonnen, parallel werkele ich auch ein wenig am Schlussband Opfergang.

Doch überlege ich schon, wie es danach weitergeht. Ein historischer Roman aus der Wikinger-Zeit, der die Geschichte um Eillir, Stígandr und Ryldr aus Vinland – Piratenbrüder Band 4 weiterschreibt? Oder die Fantasy-Buchreihe, für die ich bereits umfangreiche Vorarbeiten erledigt habe? Was folgt als nächstes? Das ist hier die Frage.

Definitiv folgt am 20. September Totenschiff – Piratenbrüder Band 5. Und ja – ich habe ein schönes Zitat aus B. Travens Roman gefunden, das ich meinem eigenen voranstellen kann.

Das Zitat aus dem ganz vorzüglichen Roman von B. Traven wird »meinem« Totenschiff vorangestellt.

Kurz-Besprechungen der Juni-Bücher

Als einen Kipp-Punkt in der innenpolitischen Entwicklung der römischen Republik bezeichnet die Historikerin Charlotte Schubert den Mord an Tiberius Gracchus im 133 v. Chr. Ihr Buch Der Tod der Tribune* zeichnet die Entwicklung, die zu diesem dramatischen Moment führt, nach und blickt auf die Zeit zwischen und nach dem zwölf Jahre später unter grauenhaften Umständen zu Tode gekommenen Caius Gracchus. Es gibt einige sehr bemerkenswerte Erkenntnisse, etwa die archäologischen Forschungen zur Entwicklung des bäuerlichen Lebens in Italien, die gängige Behauptungen entkräftet. Vor allem gefällt die Einordnung des Geschehens am Schluss des Buches, das deutlich macht, wie die Elite Roms sich durch ihre knallharte Konfrontation mit den Gracchen selbst in eine lang- und mittelfristig höchst problematische Lage gebracht hat.

Kleinod ist so ein schönes Wort. Es trifft ganz wunderbar auf Durch den Nebel* von Jaroslaw Rudiš zu, einem kurzen Bändchen, das eine ganze Menge über das Schreiben und die bereits geschriebenen Bücher des Autors verrät. Die Perspektive ist ungewöhnlich, denn Rudiš in einer ungewöhnlichen Weise eisenbahnaffin. Wenig verwunderlich, wie sehr das Zugfahren in diesem Text im Mittelpunkt steht, ja, der erste Teil sogar aus einem Bahnhofslokal heraus erzählt wird. Reisen auf der Schiene ist für Rudiš nie Zeitverschwendung, daran ändern Verspätungen oder verpasste Anschlusszüge nichts. Die ohnehin gewinnbringende Lektüre wird noch besser, wenn man den Roman Winterbergs letzte Reise kennt. Die Schienen führen eben nicht nur von Ort zu Ort, sondern auch in die Vergangenheit, wenn man weiß, was man sieht. Nach dem Lesen von Durch den Nebel blickt man ein wenig mehr durch, historisch und auch sonst.

Zu den beliebtesten Zielen des internationalen Massentourismus gehört Amsterdam. Wie Ries Roowaan in seinem Roman Amsterdam, verlorene Stadt* auf boshaft-sarkastische, manchmal auch drastische Weise zeigt, hat das für die Ortsansässigen viele negative Folgen. Vor allem der beste Freund der Hauptfigur, Jan Janssen, leidet darunter; nach Corona, das wie eine segensreiche Atempause wirkte, radikalisiert er sich einer bis dahin schwer vorstellbaren Weise. Doch ist das nur der rote Faden durch eine Erzählung, die viel mehr zu bieten hat. Allein der Erzähler Leo mit seiner Lebensweise: In einem musikalischen Kokon folgt er dem Pfad des sexuellen Hedonismus’. Neben Rückblenden und durchaus wehmütig wirkenden Erinnerungen gibt es eine ganze Reihe kluger Beobachtungen, Gesellschaftskritik im Gewand einer bemerkenswert ungewöhnliche Erzählhaltung: Die Hauptfigur ist nämlich bereits tot.

Ein Abenteuerroman mit Tiefgang: So würde ich Das Totenschiff* von B. Traven beschreiben. Einordnen lässt er sich nicht so leicht, schockierend für Literaturbürokraten, schön für den Leser. Spannend ist der Weg, den der amerikanische Seemann Gales zurücklegt, auf jeden Fall. Zunächst irrt er ohne Papiere und zunehmend ohne Hoffnung auf eine Rückkehr in die geordnete Welt durch Westeuropa. Nach gut einem Viertel des Romans geht es auf die »Yorrike«, ein Seelenverkäufer, auf dem hanebüchene Zustände herrschen. Und doch ist es noch lange nicht der Tiefpunkt auf dieser grotesken, wilden, fürchterlichen und leider auch immer noch aktuellen Reise. Das Ende der Handlung zeichnet sich früh ab, doch hat der Autor noch eine unvorhergesehene Wendung als Schlusspunkt gesetzt. Damit ist das Buch noch nicht zu Ende, denn Volker Kutscher hat ein sehr lesenswertes Nachwort beigesteuert.

Der Erste Weltkrieg ist die Urkatastrophe des Zwanzigsten Jahrhunderts. Ein gut vier Jahre währendes Töten, dem Millionen Soldaten und zahllose Zivilisten zum Opfer fielen, der keineswegs in einen tragfähigen Frieden mündete, sondern in eine Zeit voller Bürgerkriege, Unruhen und schließlich einen weit schrecklicheren Krieg. Auf Messers Schneide von Holger Afflerbach zeichnet den Verlauf des Ersten Weltkrieges nach, zeigt die Möglichkeiten und Grenzen der kriegführenden Parteien und welche Entscheidungen sich daraus ergaben. Verloren war der Krieg lange für keine der beiden Seiten, auch nicht für die Mittelmächte, die durchaus ein Unentschieden oder unter besonders günstigen Umständen einen Sieg hätten erringen können. Das ausgewogen argumentierende Buch kommt zu manchem recht überraschend wirkendem Schluss, wenn es sich zum Beispiel mit den Kriegszielen Englands und Frankreichs sowie der USA befasst, die einen Friedensschluss 1917/18 massiv erschwerten, vielleicht sogar unmöglich machten.

Gereon Rath ist die Hauptfigur der Romanreihe von Volker Kutscher. Am Ende des achten Bandes stirbt Rath zum Schein, im neunten tritt er folglich in die Kulissen. Charlotte Rath übernimmt in Berlin, während ihr Ehemann im Verborgenen ein Scheinleben führt. Der Mord an einem SS-Offizier bringt die Handlung ins Rollen, die Ermittlungen verstricken sich mit anderen Handlungsfäden, etwa den Schwierigkeiten, in denen Friedrich (Fritze) Thormann steckt. Die Geschichte ist sehr spannend erzählt, dies- und jenseits des Atlantiks spitzt sich die Lage immer weiter zu, ehe alles in einem dramatischen Finale endet. Das wirkt ein wenig überspannt, was an der Lesefreude aber nichts ändert. Denn wie in den vorangegangenen Romanen ist die Atmosphäre der heimliche Star von Transatlantik*, der nahende Krieg wirft seinen Schatten, was selbst manchen eingefleischten Nazi zum Nachdenken bringt. Doch ein Entkommen ist nicht so einfach, weder dies- noch jenseits des Atlantiks.

Blog-Gestöber

Beim Stöbern auf Blogs stoße ich immer wieder auf sehr interessante Bücher, die ich allzu gern lesen würde. Besonders freue ich mich, wenn eines besprochen wird, das sich selbst auf meiner Liste hatte, aber letztlich streichen musste. Das gilt für Nora Krug, Im Krieg. Petra Reich von Literaturreich hat sich dieser Annäherung an den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine angenommen, die allein wegen der Gegenüberstellung einer ukrainischen und russischen Stimme interessant (und diskussionswürdig) ist. Sehr lesenswerter Beitrag.

Bei Kaffeehaussitzer bin ich durch einen Verweis auf Tage der Toten von Don Winslow »getriggert« worden, wie man so schön sagt. Der Dreiteiler des US-Thriller-Autors befasst sich mit dem Thema »war on drugs«, jenem nicht enden wollenden Krieg gegen die Drogen, der mich seit Jahrzehnten beschäftigt. Diesmal geht es aber um Israel, einen Staat in einer sehr speziellen Lage, umgeben von aggressiv agierenden Todfeinden. Krieg war immer schon ein Katalysator für den Drogenkonsum, beides gehört zusammen, wie man bei Maror von Lavie Tidhar offensichtlich sehen kann. 

768 Seiten sind mir einfach zu viel gewesen, sonst hätte ich La Storia von Elsa Morante gern gelesen. So freue ich mich, dass auf Buch-Haltung eine interessante Besprechung zu lesen ist. Der Roman ist zarte fünfzig Jahre alt und – bedauerlicherweise – brandaktuell, zeigt er doch die Abgründe auf, in die totalitäre, namentlich faschistische Gesellschaften steuern.

Ein wenig Stöbern kann man bei Literaturleuchtet und eine kleine, subjektive Buchauswahl für den Herbst kennenlernen, mit erläuternden Worten! So fleißig bin ich nicht, hier nun einige Bücher, auf die ich mich freue (leider gibt es für wenigsten vier weitere Titel noch kein Cover).

Blogmonat Mai 2024

In jeder Hinsicht ein wirklich guter Lesemonat.

Thomas Willmann hat einen monumentalen Historischen Roman geschaffen, der vor allem durch seine Sprache überwältigt. Der Roman braucht Zeit, der Leser sollte sie ihm gewähren und ganz in diese Welt eintauchen, die so üppig, ausschweifend und sprachmächtig gestaltet ist, dass man aus dem Staunen gar nicht wieder herauskommt. Es geht um das Streben nach Höherem, das selbst (oder auch gerade) die Begabten in die tiefsten Abgründe führt. Dabei geht es um nichts Geringeres als die Nachahmung des Schöpfungsaktes, das Leben, ein Motiv, das bis in die Gegenwart eine immer wichtigere Rolle spielt und diese zweifelsfrei auch in der Zukunft spielen wird. Der Eiserne Marquis erzählt vom verzweifelten Versuch, sich gegen die Allmacht des Todes zu behaupten, mit all seinen tragischen Folgen.

Ein sehr lesenswerter Klassiker des Spionageromans ist Ein Dandy in Aspik* von Derek Marlowe. Erzählt wird die Geschichte eines Doppelagenten namens Alexander Eberlin, der in Wahrheit Krasnevin heißt. Eberlin arbeitet pro forma für die Briten, seine Aufgabe ist aber, Gegner des sowjetischen Geheimdienstes zu eliminieren. Ein Profikiller, der aber von der Spionage-Ikone James Bond weit entfernt ist, ebenso nicht dem in den 1960er Jahren gängigen Bild des ideologisch geprägten Sowjet-Agenten entsprechen will. Eberlin wird nach Berlin geschickt, um dort nach einem Doppelagenten zu suchen: Krasnevin. Er jagt also sich selbst. Spannend, krautig, rasant und mit viel Witz und Sarkasmus erzählt. 

Auf eine Reise in die Abgründe der Pharma-Industrie begibt man sich bei der Lektüre von Imperium der Schmerzen von Patrick Radden Keefe. Die so genannte Opioid-Krise ist sicher vielen als Schlagwort bekannt, allein die Zahlen, die zu Beginn des Buches genannt werden, offenbaren ihre katastrophalen Ausmaße: mehr als 450.000 Tote hat diese Krise gefordert. Keefe unternimmt eine Fahrt in die Geschichte und erzählt von der Familie Sackler und ihrem Aufstieg, der fest verbunden ist mit Purdue Pharma, dem Hersteller des verhängnisvollen Medikaments. An vielen Stellen bleibt nur fassungsloses Kopfschütteln, etwa bei der Markteinführung des ersten Morphins in Tablettenform in den 1980er Jahren. Bis zum Ende des Buches ändert sich daran nichts, im Gegenteil: der Abgrund wird tiefer und tiefer. Bemerkenswert ist nämlich auch, wie taktisch und strategisch klug sich die Sackler-Familie bis zum Ende gewehrt hat und wie hilfreich das politische und juristische System der USA sind, wenn man reich ist.

Drei Romane habe ich von Stefan Heym gelesen, die bei allen inhaltlichen Unterschieden historisch-politisch ausgerichtet sind. Ich habe die Bücher gern gelesen, trotz der – aus meiner Sicht irritierenden politischen Aktivitäten Heyms nach 1990. Umso erfreuter war ich, dass es eine Graphic Novel gibt, die sich dem Werdegang des Schriftstellers widmet. Die sieben Leben des Stefan Heym von Gerald Richter (Text & Konzeption) und Marian Kretschmer (Illustration) ist nicht nur sehr stimmungsvoll graphisch umgesetzt, sondern informativ und spannend zu lesen. Heym hat alles mitgenommen, was das 20. Jahrhundert zu bieten hatte. Sein Leben ist von heftigen Brüchen durchzogen, der Titel ist absolut gerechtfertigt. Die Geschichte macht auch deutlich, wie ungewöhnlich ruhig es im Deutschland der vergangenen Jahrzehnte doch gewesen ist. Das ist jetzt allerdings vorbei.

Seit vielen Jahrzehnten begleiten mich die Romane von Martin Cruz-Smith, die sich um die fiktive Figur des russischen Ermittlers Arkadi Renko drehen. Den Anfang bildete Gorki Park, das auch großartig verfilmt wurde, und in gewisser Hinsicht auch den besten der Romane darstellt. Da die Sowjetunion zerbrach (und sich die in Gorki Park für mich beim Erstlesen abwegige Furcht eines KGBlers, die Deutschen könnten sich wiedervereinigen, tatsächlich bewahrheitete) und Russland seither mehrere Wandlungen durchlief, blieben die nachfolgenden Romane allesamt sehr interessant (Korruption, Seilschaften, Tschernobyl, Cuba, Putsch, Putin, Oligarchen, politische Apathie); der jüngste, nunmehr zehnte Teil heißt Independence Square und spielt denn auch recht passend in Russland und der Ukraine. Wie immer: Hoffentlich gibt es noch einen. 

Mittlerweile kenne ich einige Bücher von Christian Friedrich Delius, die mir allesamt gefallen haben. Wenn die Chinesen Rügen kaufen, dann denkt an mich bildet keine Ausnahme. Es ist ein Rant in Tagebuchform, verfasst von einem geschassten Zeitungsmann, der seine erzwungene Frei-Zeit in Betrachtungen steckt, die nicht als Blog oder Buch veröffentlich werden, sondern seiner Nichte Lena zugute kommen sollen. Die Aufzeichnungen sind hochpolitisch und haben einen wirtschaftlichen Touch. Ja, so sperrige Begriffe wie »Deflation« werden gebraucht. Überhaupt ist es vorteilhaft, die vergangenen dreißig Jahre aufmerksam durchs Leben gegangen zu sein, dann entfaltet der anhaltend boshafte, sarkastische, ironische, bissige und schön formulierte Rant seinen wunderbar pointierten Charme. Ich bin keineswegs mit allem einverstanden, wäre ja noch schöner! Aber die Mük – die „Meist überschätzte Kanzlerin“ – und anderes Polit-Gekreuch, das hat schon was. „Ab wann darf man von Bananenrepublik sprechen?“ Gute Frage.

Urban Fantasy lese ich als Unterhaltungsliteratur, bestens geeignet für einige entspannte Stunden in einer magisch erweiterten Welt. Es ist weniger Harry Potter als Bartimäus gewesen, der mich für dieses Genre sensibilisiert habe, jenes dschinngewordene Musterexemplar an Bescheidenheit. Allzu häufig verirre ich mich nicht in diese Gefilde, aktuell stibitze ich meinem Sohn gelegentlich ein Exemplar der Alex-Verus-Reihe von Benedict Jacka. Der vierte Teil, Der Wächter von London,  hat mir sehr viel Spaß bereitet, was auch daran liegt, dass es vielschichtig, düster und grenzverwischend zur Sache geht. Die Hauptfigur wird von ihrer Vergangenheit eingeholt, der Versuch, diese abzuschütteln, erweist sich als gescheitert. Jacka kleidet das in eine sehr spannende Jagd-Geschichte, denn an Verus soll blutige Rache geübt werden – für einen Tod, den er mit zu verantworten hat. Alles gut? Die Übersetzung ist bisweilen ein wenig seltsam.

Blog-Gestöber

Die meiste Aufmerksamkeit auf meinem Blog wurde im Mai dem Spionage-Klassiker Ein Dandy in Aspik* von Derek Marlowe zuteil, dicht gefolgt von der Graphic-Novel Die sieben Leben des Stefan Heym* von Gerald Richter und Marian Kretschmer. Auf dem dritten Rang liegt eine ältere Besprechung von Éric Vuillard, Die Tagesordnung.

Bei den Sachbüchern fand meine Buchvorstellung Aus dem Nebel des Krieges, hrsg. von Kateryna Mishenko und Katharina Rabe die meiste Beachtung, auch die Besprechung von Die Sklaverei und die Deutschen*, hrsg. von Jasmin Lörchner und Frank Patalong wurde recht häufig angesteuert. Auch hier rundet eine ältere Besprechung von Christopher Clarks Die Schlafwandler* das Top-Trio ab.

Der Frühling ist noch nicht vorbei, angesichts des Wetters vielleicht nicht einmal richtig begonnen, da liegen schon sehr viele Vorschauen der Verlage für den Herbst vor. Ich habe meine eigene Liste erstellt, anfangs waren es 45 Bücher, angesichts begrenzter Lesezeit habe ich diese auf zwölf zurückgestutzt.

Wer einmal einen ganz individuellen Blick auf die Auswahl von Bloggern werfen will, wird bei Buch-Haltung und Literaturreich fündig. Hier freue ich mich schon auf die Blogbeiträge, da ich kein einziges der dort aufgeführten Bücher selbst lesen werde. Ein Besuch lohnt sich, es sind einige sehr interessante Werke darunter.

Einen Besuch möchte ich auch auf Literaturleuchtet empfehlen und zwar aus zwei Gründen. Einmal findet sich dort eine positive Besprechung von Hernan Diaz, Treue, ein Roman, mit dem ich selbst nicht so viel anzufangen wusste;  zum zweiten wegen des Beitrags zu Salman Rushdies Knife, der zum Nachdenken anregt.

Das eBook kann bereits vorbestellt werden – einfach auf das Bild klicken.

Blogmonat April 2024

Ein klares Highlight gab es in diesem Monat, doch sind alle hier vorgestellten Bücher absolut lesenswert. Cover beim jeweiligen Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Was für ein schöner Zufall! Parallel zu Marseille 1940* von Uwe Wittstock habe ich Die Nacht von Lissabon von Erich Maria Remarque gehört. Der Roman bildet eine großartige Ergänzung zum Sachbuch, denn er erzählt von jenen Fliehenden, die nicht auf irgendwelchen Listen standen, nicht zu den promienten Künstlern gehörten, die gerettet werden sollten. Frappierend, wie dramatisch die Wege sind, die von den Protagonisten bis ins gelobte Land USA bewältigt werden müssen, wie sehr es nötig, ja zwingend ist, den Pfad des Rechts zu verlassen, zu lügen, bluffen, tricksen und vor allem von Glück und der Macht des Zufalls begünstigt zu werden. Das alles reicht nicht, um am Ende in ein glückliches Leben einzuziehen, weder in Lissabon noch jenseits des Atlantiks. Absolut lesenswert!

In Deutschland nimmt das Gejammer um Kriegsmüdigkeit im Jahr drei nach dem umfassenden Angriff der russischen Armee auf die Ukraine immer mehr zu, politisch wird geredet und auf Wahlergebnisse geschielt, die Vertreter der alten und allzu bekannten Muster einer gescheiterten Ostpolitik kriechen wieder aus ihren Schlupflöchern hervor, getrieben von der Sehnsucht nach eine Zeit, die nur wegen intensiven Wegsehens als gut erinnert wird. Es ist nötig, sich zu vergewissern, worum es eigentlich geht. Aus dem Nebel des Krieges (hrsg. von Kateryna Mishenko, Katharina Rabe) liefert das durch viele sehr gute und hilfreiche Beiträge, etwa von jenen (Binnen-)Flüchtlingen, die 2022 zum zweiten Mal nach 2014 fliehen mussten. Der Krieg währt für die Ukrainer bereits zehn Jahre, sie benötigen massive militärische, wirtschaftliche und politische Unterstützung und keinen »germanozentrischen Provinzialismus, der Ohne-mich-deutsche-Michel, der sich heraushält, wenn es hart zugeht«, wie Karl Schlögel es formuliert. Recht hat er.

Nach Uwe Wittstocks Februar 33 geht es nun ins dramatische Jahr 1940. Der Krieg ist seit einigen Monaten von einer Drohung zur Realität geworden, doch was ab Mai des Jahres über Frankreich hereinbricht, hätte kaum jemand vorhergesehen. Die Wehrmacht zermalmt die französische (niederländische und belgische) Armee einschließlich des britischen Expeditionskorps’  innerhalb weniger Wochen. Millionen Menschen werden zur Flucht getrieben, darunter zahllose Deutsche, für die es bereits die zweite, dritte oder vierte Flucht ist. Es geht um Leben und Tod, Gestapo und SS lauern auf ihre Chance. Wittstock schildert in Marseille 1940* haarsträubende Fluchtgeschichten recht bekannter Kreativer in diesem Jahr, denen eine – mir völlig unbekannte – amerikanische Organisation rettend unter die Arme greift. Ein großartiges Buch!

Einen Ausflug in den Mittleren Westen der USA unternimmt der Leser mit Das Band, das uns hält von Kent Haruf. Der Roman erzählt in der Retrospektive die Geschichte zweier Farmerfamilien in Holt, einer fiktionalen Siedlung im Bundesstaat Colorado. Im Mittelpunkt steht Edith Goodnough, die zu Beginn des Romans im Krankenhaus liegt. Der Ich-Erzähler berichtet von ihrem Leben am Gängelband, das sie nie losgelassen und mit einer ganzen Reihe von Tragödien und erbarmungswürdigen Lebensumständen geschurigelt hat. Der Roman ist über weite Strecken unterhaltsam, in manchen Passagen übertreibt es Haruf allerdings mit der Vorbereitung der nächsten “überraschenden” Katastrophe, hier hätte eine Raffung gut getan. Das Ende finde ich allerdings sehr gelungen.

Das große Wort »Nie wieder!« ist seit Jahrzehnten entkernt und zu einer hohlen Phrase heruntergekommen. Nicht erst die desaströse Kommunikation vieler deutscher Politiker und »Intellektueller« um den Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine seit Februar 2022 ist dafür verantwortlich; der Sündenfall geschah in den 1990er Jahren auf dem Balkan, als ein brutal mordendes und schändendes serbisches Kriegsvolk über Bosnien herfiel. Der Westen sah zu, Europa und Deutschland, die UN verweigerten die nötige militärische Hilfe. Was das für die Menschen vor Ort bedeutete, hat Tijan Sila in Radio Sarajewo geschildert, eine fiktionalisierte Erinnerung an selbst Erlebtes. Neben der Kriegszeit wirft der Leser einen Blick in die Lebenswelt, die noch einige sehr archaische Züge trägt. In Europa! In den 1990er Jahren!

Der Holocaust blockiert manchmal die klare Sicht auf andere historische Schandtaten, die von Deutschen begangen wurden. Der Zivilisationsbruch lässt Vieles schrumpfen, was in anderen Nationen (u.a. weil sie viel früher Nation waren) umstritten ist. Kolonialismus etwa, einschließlich genozidaler Kriege, aber auch Sklaverei. Deutsche hatten ihre Finger tief im brutalen Geschäft des Menschenhandels. Eine ganze Reihe von Facetten wird in den vielfältigen Beiträgen zu Die Sklaverei und die Deutschen* von Jasmin Lörchner und Frank Patalong aufgegriffen, der Leser dieses Buches wird mit dem Thema sicher oftmals erstmalig konfrontiert. Umso wichtiger, dass es mit diesem Buch die Möglichkeit dazu gibt.

Die Ballade vom Abendland ist der Schwanengesang des Alten Europa, der französische Autor Éric Vuillard befasst sich mit dem Weg in den Ersten Weltkrieg und dem Gemetzel selbst. Wie gewohnt geht es meinungs- und ausdrucksstark zur Sache, oft assoziativ und forciert, dann aber wieder unterbrochen von Passagen, die wie Slow-Motion wirken. Etwas bedauerlich ist, dass Vuillard hinter dem zurückfällt, was Christopher Clark in seinem Werk Die Schlafwandler auf die historiographische Tagesordnung gesetzt hat. Manches in der Ballade klingt daher ein wenig atonal, wenn es um die Serben und den Kriegsschuld-Komplex geht. Doch das Wesentliche bleibt: jene vernichtende Gewalt der Urkatastrophe Europas.

Wer keinen Humor hat, sollte besser nicht zu Der kleine Grenzverkehr von Erich Kästner greifen. Hier wird ein Schelmenstück erzählt, das mindestens mit einem Augenzwinkern zu lesen ist. Kästner nutzt weidlich die Möglichkeiten der Sprache zu lustigen, sarkastischen und manchmal auch ein wenig boshaften Bemerkungen. Die ganze Geschichte hat einen so federleichten Kern, dass man getrost die Suche danach unterlassen kann; es ist ein Spiel auf der Bühne Salzburgs, das Kästner selbst als großes Theater schildert. Die Geschichte spielt 1937, als Österreich noch unabhängig war, daher ist die Hauptfigur wegen Devisenvorgaben gezwungen, in Deutschland zu nächtigen und per kleinem Grenzverkehr nach Salzburg zu pendeln.

Blog-Gestöber

Der Blick in die Blog-Statistik führt immer wieder zu Überraschungen. Wenig verwunderlich ist, dass meine Besprechung von J.R.R. Tolkiens The Lord of the Rings die größte Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat, ebensowenig das Interesse an dem Beitrag zu Uwe Wittstock, Marseille 1940. Verblüffend jedoch, dass zwei recht betagte Beiträge ebenfalls ganz oben stehen: Mohamed Mbougar Sarr, Die geheimste Erinnerung der Menschen und Érich Vuillard, Die Tagesordnung wurden verblüffend oft angesteuert.  Warum? Mir ist das ehrlich gesagt rätselhaft.

Erfreulich ist, dass die Seiten über meine eigene Schreiberei, insbesondere mein jüngst veröffentlichtes Buch Vinland – Piratenbrüder Band 4 und das nächste, Totenschiff – Piratenbrüder Band 5, von den Besuchern meines Blogs oft angesteuert wurden. Vinland hatte einen erfreulichen Start, die Vorbestellungen zeigen, dass es einer Reihe von Lesern gut gefallen hat. Totenschiff ist fertig für den Buchsatz, wie es aussieht, klappt es mit der Veröffentlichung am 20. September 2024.

Im vergangenen Jahr habe ich einen schönen historischen Venedig-Krimi von David Hewson gelesen, nach Der Garten der Engel gibt es in diesem Jahr Die Medici-Morde, wieder ein Krimi aus der Lagunen-Stadt; das Buch hat Marius Müller von Buch-Haltung besprochen. Auf seinem Blog gibt es noch etwas Interessantes zu entdecken: Western gehören nun gar nicht zu meinen bevorzugten Genres (habe ich jemals einen gelesen?), aber Elmore Leonards Letztes Gefecht am Saber River klingt wirklich interessant.

Bald ist es wieder soweit: Mückenalarm! Bei Elementares Lesen gibt eine knappe Besprechung zu einem Büchlein über die kleinen Plagegeister: Günther Wessel, Mücken. Und nein – ich werde jetzt nicht kalauern, wozu man das Buch bei der Outdoor-Lektüre möglicherweise noch benutzen könnte.

Bei Literaturleuchtet wird die Hörbuchversion von Uwe Wittstocks Marseille 1940 besprochen, die sich sehr viel stärker mit Varian Fry befasst, als ich es in meinem Beitrag getan habe. Das stellt eine gute Ergänzung dar, außerdem gibt es noch zwei weitere Leseempfehlungen, Modicks Sunset mochte ich sehr. Und der Sprecher Julian Mehne trägt mir gerade Imperium der Schmerzen gekonnt vor.

Es wird düster und sehr spannend im fünften Teil meiner Abenteuerreihe.

Blogmonat März 2024

Eine schöne Auswahl interessanter Buchtitel, darunter eines der ganz großen Werke: The Lord of the Rings, aber auch die beiden Sachbücher über die Wolfszeit und Mendels Buch über die Israel-Debatte in Deutschland sind großartig.

Das erste Mal habe ich Der Herr der Ringe vor mehr als vierzig Jahren gelesen, seitdem immer wieder. Einmal sogar laut vorgelesen, ein Weihnachtsgeschenk, das zwischen Weihnachten und dem Beginn des nächsten Jahres eingelöst wurde. Eine ganz wundervolle Zeit in Mittelerde. Jetzt also das erste Mal auf Englisch, der Originalsprache. Wieder Weihnachten, diesmal lag eine Prachtausgabe in vier Bänden unter dem Baum:  J.R.R. Tolkien: The Lord of the Rings & The Hobbit. Ich habe mir Zeit gelassen, nicht nur der Sprache wegen, sondern um die lange, epische Reise zu genießen. Es könnte ja das letzte Mal gewesen sein, dass ich diese antrete.

In Deutschland wird viel über Israel geredet und wenig von der Sache, dem Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern verstanden. Die beiden Kontrahenten sind sich laut Meron Mendel  ausgerechnet in ihrem Spott über die 85 Millionen Nahost-Experten in Deutschland einig (wenn die wüssten!). Die Debatte hierzulande ist geprägt von bisweilen hanebüchenen Haltungen, hinter denen sich handfeste Eigeninteressen, Ideologien und empathielose Distanz gegenüber den Bedingungen des ewigen Konfliktes vor Ort verbergen.  Gern wird das Thema instrumentalisiert, um Stimmung zu machen – erfolgreich, wie die Zeit nach dem 07. Oktober 2023 gezeigt hat.  Über Israel reden ist ein vorzügliches Buch, um danach vielleicht einfach mal die Klappe zu halten. 

Was für ein vorzüglicher Thriller! Fünf Winter von James Kestrel ist aber noch viel mehr, da er unmittelbar vor dem japanischen Angriff auf Pearl Harbour 1941 einsetzt. Ein brutaler Mord will aufgeklärt werden, der ermittelnde Polizist geht den blutigen Spuren nach, er muss dazu Honululu verlassen und wird in die Sturmflut des Krieges hineingezogen. Kestrel hat das alles ganz wunderbar zusammengestrickt, viele Wendungen, die sehr gut motiviert und erklärt werden, machen die Lektüre zu einem sehr spannenden und unterhaltendem Erlebnis; auch das Hörbuch ist in dieser Hinsicht großartig. Da der Roman vielfach besprochen wurde, spare ich mir eine ausführliche Vorstellung und verweise gern auf Kaffeehaussitzer und Buch-Haltung.

Es ist ein Wagnis, einen Literatur-Klassiker in ein neues Gewand zu hüllen. So ein Vorhaben kann gehörig schiefgehen. Gelungen ist es Joachim B. Schmidt mit Tell, aus dem der Autor einen spannenden, kurzweiligen sowie sprachlich und formal originellen Roman geformt hat. Eine verwickelte Handlung wird aus ständig wechselnden Perspektiven in kurzen Abschnitten erzählt, die Sprache ist karg, reduziert und verzichtet auf Ornamente und Kommentare. Die Charaktere sind bemerkenswert geformt, Gessler ist meine Lieblingsfigur: lamoryant, zweiflerisch, entscheidungsschwach – ein Alptraum von einem Anführer. Nur auf das Schlusskapitel hätte ich gern verzichtet. Ausführlich besprochen bei lesefieber.

Und noch ein Klassiker im neuen Gewand, der längst zu einem Klassiker geworden ist: Die neuen Leiden des jungen W. von Ulrich Plenzdorf. Bald fünfzig Jahre ist das Büchlein alt, mich hat es erstmals in der Schule ereilt, auch im 21. Jahrhundert werden Schüler damit noch behelligt. Dabei ist es eine ganz wunderbare Lektüre, die Hörbuchumsetzung großartig. Sie bringt dem Hörer die besondere literarische Gestalt der Leiden von Edgar Wibeau nahe, dem nachgeborenen Hugenotten, der an dem leidet und stirbt, was schon Goethes Werther in den Selbstmord trieb.

Einige Mühe hat mir der Roman Inmitten der Nacht von Rumaan Alam bereitet. Eigentlich ist das Thema recht interessant: Eine Katastrophe sucht die westliche Zivilisation heim, sechs Personen erleben das in einer abgeschiedenen Häuslichkeit. Lange ist unklar, ob etwas geschehen ist, das über einen kurzen Blackout hinausgeht. Ein Kammerspiel, das sich in seinem eigenen Irrgarten verläuft. Soufflé-Literatur, wie ich manche amerikanischen Bücher empfinde, wenn viel zu viele Wort um wenig Inhalt verloren werden. Irgendwann aber schlägt der Horror der Situation durch, leider viel zu spät.

Der Wolfszeit nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges widmet sich Harald Jähner in seinem gleichnamigen Buch, das ich im Wechsel gehört und gelesen habe. Parallel dazu ist mir der Fotoband Wolfszeit: Ein Jahrzehnt in Bildern. 1945 – 1955 in die Hände gefallen, mit tollen Bildern und Texten. Das lässt sich auch für das Buch sagen, das sich der »Niemandszeit« zwischen 1945 und 1949 widmet, in der es an der nötigen institutionellen Fokussierung fehlte: keine Regierung, keine adäquate Forschung durch immer noch nationalgeschichtlich orientierte Historiographie. Diese Lücke schließt Jähner auf beeindruckende Weise.

Blog-Gestöber

Ein Klassiker hat im März die meiste Aufmerksamkeit auf sich gezogen: John Mair, Es gibt keine Wiederkehr, hat die meisten Zugriffe erhalten. Meron Mendels Über Israel reden konnte sich den zweiten Platz sichern, gefolgt von Volker Kutscher, Olympia, dem achten und drittletzten Teil seiner Buchreihe um Gereon Rath.

In diesem immer noch recht jungen Jahr ist schon abzusehen, dass mir die Lesezeit fehlt. Der Grund ist die Arbeit an meinen aktuellen Schreibprojekten. Im März ist mein vierter Roman (Vinland) erschienen, er hat einen sehr erfreulichen Start hingelegt; im September folgt der fünfte (Totenschiff), der gerade das Lektorat hinter sich gebracht hat und jetzt im Korrektorat ist.

Zugleich sinkt die Zahl meiner Besprechungen, was nicht weiter dramatisch ist, denn erstens habe ich schon eine ganze Reihe lesenswerter Bücher vorgestellt, zweitens gibt es ja noch viele andere interessante Blogs, auf denen ich regelmäßig stöbere. Einige sind in der Seitenleiste aufgeführt.

Interessant fand ich die Besprechung von Helena Janeczek, Das Mädchen mit der Leica auf dem Blog von buchliebhaberin. Gerda Taro war eine enge Freundin und Geliebte des weltberühmten (Kriegs-)Fotographen Robert Capa, sie ist während des Spanischen Bürgerkrieges gestorben. Die Umsetzung von Janeczek in ihrem Roman klingt vielversprechend.

Ich suche nicht nur literarische Blogs auf, sondern auch solche mit anderen Themen. Bei Christoph Brumme gibt es beides, er hat eine Reihe von Büchern geschrieben und äußert sich zum russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine mit sehr deutlichen Worten. Denn: Er lebt seit vielen Jahren in der Ukraine und hat den Beginn des Angriffs in einem Tagebuch Im Schatten des Krieges geschildert. In diesem Artikel (Die Unschuldigen mit den blutigen Händen) setzt sich Brumme mit den weltfremden Phantasien deutscher Politiker und Intellektueller auseinander. Es ist immer gut, den Betroffenen zuzuhören und nicht jenen, die ihre Hände in Unschuld waschen.

Petitessen – Farbschnitt

Wer in den so genannten Sozialen Medien unterwegs ist, wird bisweilen über kuriose Debatten stolpern, die meistens im Zustand großer Erregung geführt werden. Ich bin zuletzt einer besonders absurden Diskussion über den Weg gelaufen, zu der ich eine Kleinigkeit beizutragen hätte: Farbschnitt.

Halt! Wir reden nicht über Russland Angriffskrieg gegen die Ukraine, die rückgratlose Unterstützung vieler Länder im Westen, die galoppierende Klimakatastrophe oder die Frage, ob Heisenbergs Unschärfe Auswirkungen auf die Literatur hat und wenn ja: welche, sondern über bunte Buchschnitte?

Ja. Das tun wir.

Eine Autorin hat in einem Beitrag bei Threads davon berichtet, dass ihr auf der Buchmesse in Leipzig Leser eröffnet hätten, prinzipiell keine Bücher ohne Farbschnitt zu kaufen. Der aufgemotzte Buchschnitt, so die Leser (darf man das dann eigentlich noch so unbedarft sagen?), wäre wichtiger als der Inhalt.

Die Frage, ob nun »keiner« mehr ein Buch ohne den farbigen Killefit kaufen würde oder nicht, beherrscht die Foren. eBook-Leser dürfen sich mal einen Moment marginalisiert fühlen, sie werden es hoffentlich verkraften. Mir als Autor ist das gleichgültig. Wer meine Bücher nicht kaufen mag, aus welchem Grund auch immer, soll es selbstverständlich lassen.

Als bloggender Leser finde ich eine andere Frage interessant: Was sagt das eigentlich über das Lesen aus? Im Grunde genommen passt das Phänomen doch recht gut zur sich verbreitenden KI-Literatur, nicht wahr? Wenn der Inhalt zweitrangig ist, spielt es doch keine Rolle, wer oder was die Buchstaben zwischen den hübschen Buchdeckeln und dem schönen Farbschnitt aneinander gereiht hat.

Wie ich lernen durfte, ist es durchaus üblich, Bücher mit dem Buchschnitt nach außen ins Regal zu stellen. Damit verschwinden Buchrücken, Autor und Titel (eventuell Untertitel) rücken buchstäblich ins zweite Glied. Ich war davon sehr überrascht, musste mir aber sagen lassen, dass man auf Instagram jede Menge Regale betrachten kann, die so gestaltet sind. Wieder was gelernt.

Im ersten Moment habe ich gedacht, ich hätte noch nie ein Buch mit farbigem Buchschnitt gelesen; da Erinnerung und Wirklichkeit oft ein wenig auseinanderklaffen, habe ich doch noch einen kleinen Rundgang durch mein Regal unternommen und tatsächlich zwei Bücher gefunden, die einen farbigen Buchschnitt aufweisen. Hübscher macht sie das ehrlich gesagt nicht, aber der Inhalt macht das Manko weg, insbesondere bei Café Berlin von Harold Nebenzahl.

Und ich habe wirklich einmal einen Roman mit Farbschnitt gelesen, den ich nicht nur inhaltlich, sondern tatsächlich auch durch sein Äußeres richtig »cool« fand: Don Winslow, Kings of Cool. Schwarzes Cover, tiefschwarzer Buchschnitt. Ich habe ihn aus der Stadtbibliothek ausgeliehen und nach der Lektüre überlegt, ihn zu kaufen. (Habe ich letztlich nicht.)

Es wäre also vermessen, zu behaupten, ich wäre nicht empfänglich für schöne Bücher. Ganz im Gegenteil! Zu Weihnachten habe ich eine Luxus-Ausgabe von J.R.R. Tolkien: The Lord of the Rings geschenkt bekommen. Ich bin jedes Mal ganz hingerissen, wenn ich die – mittlerweile gelesene – Ausgabe im Regal neben dem giftgrünen deutschen Dreiteiler stehen sehe.

Doch ist bei mir die Reihenfolge anders, als bei den Farbschnitt-Freunden: Ich würde ein schönes Buch nur dann kaufen, wenn mir der Inhalt gefällt. Der Roman, das Erzählte ist und bleibt das einzig Interessante, der einzige Faktor, der mein Urteil beeinflusst. Äußerlichkeiten wie das Cover sind durchaus wichtig, um meine Aufmerksamkeit oder mein Interesse zu wecken, die Kauf- oder Leseentscheidung fällt aber ausschließlich anhand von inhaltlichen Kriterien. Thema. Klappentext. Leseprobe. Ganz bestimmt aber nicht durch den Farbschnitt.

Garantiert frei von Farbschnitten!
(einfach auf das Cover klicken)

Blogmonat Februar 2024

Acht Bücher haben es in meinen Blogmonat Februar 2024 geschafft, darunter Fall, Bombe, Fall, das mit ziemlicher Sicherheit auf meiner Jahresbestenliste landen wird. Wieder gibt es vielfältige Themen und Formen, von den vier Romanen ist einer jedoch enttäuschend, ausgerechnet von Kurkow, der mit seinem großartigen Tagebuch gleich noch einmal vertreten ist.

Auch im achten Teil der historischen Kriminalreihe um Gereon Rath wird der Leser hervorragend unterhalten. Olympia ist ungeheuer spannend, Volker Kutscher gelingt es, die missliche Lage, in der sich der Protagonist am Ende des Vorgängerbandes befindet, auf die Spitze zu treiben. Mehr als drei Jahre nach der Machtergreifung endet das ewige Lavieren Raths, aber auch Charly und Fritze müssen feststellen, dass sie auf gewohnte Weise nicht weiterkommen. Der Schatten des Nazi-Regimes wird immer finsterer, die propagandistisch ausgeschlachteten Olympischen Spiele sind nur eine zeitlich begrenzte Lücke in der schwarzen Wolkendecke.

Mit Tagebuch einer Invasion setze ich die Lektüre über den Krieg Russlands gegen die Ukraine im Spiegel von Tagebüchern, Berichten und Essays fort. Andrej Kurkow ist einer der bekanntesten Autoren des Landes, er sieht sich als ethnischen Russen, der auf Russisch schreibt. Der Krieg ist in mehrfacher Hinsicht ein tiefer Einschnitt in sein Leben, Flucht aus Kyjiw, Schreibblockade bei fiktionaler Literatur, verschärfte Beschämung wegen des Russischen. Die Beiträge beleuchten das und viele andere Aspekte in einer Weise, dass der Krieg näher rückt, dessen Auswirkungen spürbar werden, auch wenn man im sicheren Deutschland sitzt.

Ein klarer Befehl: Überlebende von torpedierten Schiffen dürfen nicht an Bord eines U-Bootes genommen oder abgeschleppt werden. Es ist Krieg und Teil des Krieges ist das Töten von Menschen, oft auf brutale Weise. Der Roman Comandante bringt einen italienischen U-Boot-Kommandanten in die Lage, in der er eine Entscheidung treffen muss; er hilft den Schiffbrüchigen, trotz des Befehls, wegen eines höheren See-Rechts. Der spannend und aus ungewöhnlich vielen Perspektiven erzählte Roman von Edoardo de Angelis und Sandro Veronesi nimmt sich des Themas mit Blick auf die Gegenwart an und lässt den Leser nachdenklich zurück.

Ein Augenöffner ist das Buch von Anne Applebaum für mich gewesen. Die Verlockung des Autoritären  befasst sich mit der Entwicklung von Polen, Ungarn, England und den USA in den zurückliegenden 25 Jahren, Abstecher nach Spanien, Frankreich und Italien runden den Streifzug ab. Es geht um grundlegende Fragen, woher der Drang nach autoritären Regierungsformen, die Mechaniken, die sie begünstigen, und natürlich auch, ob ein Ende der Demokratie vermeidbar ist. Deutschland spielt keine Rolle, als Leser kann man selbst die Frage stellen, ob und was übertragbar ist. Eine sehr wichtige Lektüre! Unbedingt empfehlenswert.

Physik! Wer jetzt meint, Reißaus nehmen zu müssen, bitte sehr. Ich habe Die Stunde der Physiker von Ernst Peter Fischer mit großem Gewinn gelesen. Nein, liebe Studienräte, ich habe nicht alles verstanden, schon gar nicht so weit, dass ich es wiedergeben könnte. Doch deswegen greife ich auch nicht zu solchen Büchern, sondern weil ich gern wissen möchte, wo meine Verständnisgrenzen liegen und einen Eindruck gewissen möchte, wie es jenseits davon aussieht. Was ich noch in der Schule gelernt habe, ist 19. Jahrhundert, Atommodelle, die zwischen 1922 und 1932 ersetzt wurden. Faszinierend die Gleichzeitigkeit von genialer Wissenschaft á la Planck, Bohr, Einstein, Heisenberg und dem populistischen Geschwurbel von Oswald Spengler.

Der zweite Teil der Romanreihe um Samson aus dem Kyjiw des Jahres 1919 ist leider nicht so gut gewesen, wie der Auftakt. Samson und das gestohlene Herz habe erwartungsfroh begonnen, war meine Leselust doch nicht zuletzt durch eine Lesung mit Autor Andrej Kurkow geweckt worden, doch nach wirklich gutem Beginn zerfaserte die Handlung auf eine seltsame Weise. Sie geriet krautig, die anfängliche Erzähllinie verblasste und das Geschehen mäanderte mehr, als es voranschritt. Gern hätte ich hier Positives geschrieben, mochte ich Samson und Nadjeschda doch gern. So bleibt die Hoffnung auf den dritten Teil.

Lohnt sich eine genaue Analyse der Rhetorik, derer sich die Rechten, insbesondere der AfD bedienen? Um die genau geplante Wirkung der Reden zu durchschauen, ist Was heißt hier »wir«? von Heinrich Detering hervorragend geeignet. Damit wird man niemanden erreichen, der bereits in den Fängen des braunen Gesindels ist, aber alle anderen werden mit dem nötigen sprachlichen Rüstzeug versehen, wie gefährlich es ist, dass Vertreter der Rechten allzu oft die Öffentlich-Rechtlichen Medien als Plattform nutzen können, um ihr Gift unwidersprochen oder hinterfragt zu verbreiten.

Ein Kleinod im besten Sinne ist Fall, Bombe, Fall von Gerit Kouwenaar. Die Novelle, die bereits 1950 erschienen ist, spielt im Jahr 1940 und schildert wie der siebzehnjährige Karel den Schritt der Niederlande in den Krieg vollzieht. Die Verschränkung zwischen Coming of Age und dem dräuenden Schrecken des deutschen Überfalls ist großartig. Nirgendwo sonst habe ich das Niemandsland zwischen Frieden und Krieg, wenn der eine verschwunden, der andere noch nicht angekommen ist, was alles zutiefst unwirklich erscheinen lässt, so atmosphärisch gelungen beschrieben gesehen. Ein Kandidat für das »Buch des Jahres 2024«.

Blog-Gestöber

Im Februar war meine Besprechung des Romans Comandante* von Edoardo De Angelis und Sandro Veronesi am stärksten nachgefragt. Wunderbar, denn das Thema ist aktuell und die Hauptfigur mit ihrem Kriegerethos ungewöhnlich. Kurios ist, dass mit Die wahre Geschichte der Wikinger von Neil Price ein Sachbuch auf dem zweiten Platz gelandet ist, das ich schon vor einigen Monaten besprochen habe. Es gehört zu meinen beiden Favoriten des Jahres 2023, also ist das kein Grund für Traurigkeit.

Ein Grund für das Interesse ist sicher, dass dieses monumentale Werk über die Nordmänner in einigen Artikeln über mein nächstes Buch Vinland – Piratenbrüder Band 4 erwähnt wird, die ebenfalls oft angesteuert wurden. Price hat noch einige Dinge zu meinem Roman beigetragen, auf den letzten Drücker (Walhalla-Sessrumnir), aber vor allem einen Grundgedanken fundamentiert: Zwischen Wikingern und Piraten gab es Berühungspunkte und Gemeinsamkeiten.

Trotzdem ist es ein Wagnis gewesen, einen Roman auf zwei Zeitebenen zu schreiben, ein Spaziergang im Wald hat letztlich die Entscheidung gebracht. Es handelt sich immerhin um den Mittelband einer Heptalogie um die Piratenbrüder Joshua und Jeremiah, bricht mit der Erzählstruktur und beeinflusst damit den folgenden Band, Totenschiff –  Piratenbrüder Band 5, mit dem wieder auf eine Zeitebene zurückgekehrt wird. Der würde sich ohne die besondere Erzählstruktur von Teil 4 anders lesen.

Vinland erscheint am 20. März 2024.

Ein Wikingerschatz? Im »Blue Cove« zu Charles Town ist man sich einig: Der Fremde mit dem zerstörten Gesicht spinnt Seemannsgarn. Doch ahnt niemand, dass 700 Jahre zuvor ein junger Nordmann auf einem Fass steht, einen Strick um den Hals und den Tod vor Augen. Und so beginnt es …

Auf dem dritten Rang in der Lesergunst liegt die Besprechung eines Sachbuches zu einem Thema, das mir sehr am Herzen liegt: Anne Applebaums Die Verlockung des Autoritären. Die Autorin geht der Frage nach, warum so viele Menschen antidemokratischen Trommlern hinterherlaufen, wie es dazu kommen konnte, dass nach dem Sieg über die menschverachtende Sowjetunion 1990 die Demokratie nicht weiter auf dem Vormarsch war, sondern immer mehr autoritäre Regime sich etablieren konnten. Die Antworten sind wenig erfreulich.

Leseförderung

Zwischen 2012 und 2022 ist die Zahl der Buchkäufer in Deutschland um elf Millionen auf 26 Millionen gefallen. Das ist eine dramatische Entwicklung. Die Lektüre von Büchern hat unbestreitbare Vorzüge für den Lesenden, nicht nur im Gegensatz zum flüchtigen Hinwegfliegen von Mini-Beiträgen in den Sozialen Medien. Entsprechend schauerlich sind die Zahlen.

Immer wieder wird auf  die Notwendigkeit der Leseförderung hingewiesen. Marius Müller (Buch-Haltung) hat in einem Beitrag die Idee einer Bücher- und Bildungsnation propagiert und eine ganze Reihe interessanter und wohl hilfreicher Vorstellungen zum Thema Leseförderung unterbreitet. Und ja: Bildung hängt von der Sozialen Herkunft ab, die Chancen, die sich daraus ergeben, auch.

Mir käme es nie in den Sinn, derlei infrage zu stellen. Leseförderung zum Erwerb von Kernkompetenzen ist zentral. Die Realitäten in der Schule sehen allerdings anders aus. 300 Seiten recht großzügig bedrucktes Lesewerk ist schon viel zu viel – für die Schüler und auch für die Portemonnaies der Eltern. Zehn Euro pro Buch ist das Maximum (kostenlos wäre besser)! Flatscreen-TV, Smartphone, Fernreise usw. müssen ja auch bezahlt werden.

Damit wären wir wieder bei der Herkunft. Wie sollte Schule gegen das vorgelebte Wertemodell des Elternhauses ankommen? Wie gegen die Algorithmen der großen Plattformen (und Streaming-Dienste)? Die sprechen das Belohnungssystem des Menschen gezielt an, sie leben von der Aufmerksamkeit, melken die Menschen regelrecht  und entziehen ihnen das Kostbarste, was sie haben: Zeit. 

Ein Buch kann da nicht mithalten, selbst mit dem quietschigsten Farbschnitt nicht, denn gelesen werden muss ja trotzdem. Das ist zunächst einmal bis zum Erwerb von Lesekompetenz nichts, was das Belohnungssystem anspricht.

Selbst wenn das Kind aus einem lese- und förderfreudigen Haushalt kommt, gibt es keine Garantie, dass es klappt. Aus nächster Nähe konnte ich beobachten, wie aus einem Lesemonster ein konsequenter Buch-Abstinenzler wurde. Dafür brauchte es nur wenige Wochen, Bücher und Lesen sind seitdem unrettbar verloren.

Mir liegt es völlig fern, aus diesem Beispiel auf die Gesamtheit zu schließen und  etwa das Konzept oder den Sinn von Leseförderung infrage zu stellen. Leseförderung ist und bleibt wichtig und sollte massiv unterstützt werden. Sie hat nur mit mächtigen, ja überlegenen Gegnern zu kämpfen, die gar kein Interesse daran haben, dass es mehr Leser gibt.

Im Grunde genommen müsste Leseförderung mit eine Regulierung der Nutzung von SoMe-Plattformen usw. einhergehen, sonst wird das Fördern wie Heizen bei geöffnetem Fenster im Winter sein. 

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