
Sturz-Kampf-Bomber gehören zu den merkwürdigsten Phänomenen des Luftkrieges. Wozu wird ein Flugapparat in den Sturzflug gebracht, um eine schwere Bombe oder mehrere kleinere ins Ziel zu bringen? Dank moderner Zielapparate war es auch während des Zweiten Weltkrieges möglich, auf ganz normalem Wege Bomben ins Ziel zu bringen. Selbst Ansätze zu einer Gleitbombe gab es.
Die Ju 87, auch Stuka genannt, gehört zu den bekanntesten (und hässlichsten) Flugzeugen des Krieges. Wenn von Sturzkampf die Rede ist, wird das oft mit der Ju 87 gleichgesetzt; dabei gab es noch andere Modelle. Typisch war das so genannte »Lärmgerät« (fälschlich oft als Jericho-Sirene bezeichnet), das während des Sturzfluges aktiviert wurde, um einen infernalischen, hohen, kreischenden, pfeifenden Ton zu erzeugen. Ein Terror-Instrument, um am Boden Angst und Schrecken zu verbreiten.
Wie alle Flugzeuge wurden die Sturzkampfbomber getestet und eingeflogen, schließlich auch überführt. An diesem Punkt wird es interessant: Im so genannten Dritten Reich übernahmen diese Tätigkeit auch Frauen. Das ist insofern bemerkenswert, weil die Nationalsozialisten Frauen eher in häuslicher Umgebung als Hausfrau und Mutter sahen; im Krieg gab es wegen des Arbeitskräftemangels immer mehr Ausnahmen, im geringen Umfang auch beim Militär, etwa Nachrichten- oder Flakhelferinnen.
Aber eine Frau im Cockpit eines Kampfflugzeuges der deutschen Luftwaffe?

Bekannt sind Hanna Reitsch oder Beate Uhse, im Zusammenhang mit der Stuka fällt ein anderer Name: Melitta Schenk Gräfin von Stauffenberg. Sie hat mehr als 2.200 Sturzflüge mit verschiedenen Modellen zwecks Erprobung und Verbesserung absolviert und liegt damit vermutlich für alle Zeiten an der Spitze. Angesichts der immensen körperlichen Belastung durch den Sturzflug ist das eine geradezu fantastische Zahl. Sie war aber nicht nur Fliegerin, sondern auch Ingenieurin – noch eine Männerdomäne, in der sie sich behauptete.
Damit nicht genug. Melitta war eine geborene Schiller, den Rassengesetzen der Nazis zufolge »jüdischer Mischling ersten Grades«; trotzdem bekam sie das Eiserne Kreuz Zweiter Klasse EKII verliehen (kurioserweise durften Frauen keine Uniform tragen, daher ist sie auf Bildern in einer Art Kostüm zu sehen, mit dem rotweißen Band des Eisernen Kreuzes) und durfte ihre Tätigkeit fortsetzen. Auch nach dem 20. Juli 1944. Am 08. April 1945 wurde sie von einem amerikanischen Flieger abgeschossen und starb an ihren Verletzungen.
Wer, wenn nicht Melitta Schenk Gräfin von Stauffenberg darf als»starke Frau« gelten? Grund genug, sich dieses Leben von Thomas Medicus erzählen zu lassen, dessen Biographie zu Klaus Mann ganz vorzüglich gelungen ist. Interessant auch, dass die beiden Personen, denen sich Medicus biographisch nähert, zur gleichen Generation gehörten, persönlich kaum unterschiedlicher sein könnten.
Melitta von Stauffenberg . Ein deutsches Leben ist Teil meines Lesevorhabens 12für2026.






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