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Schlagwort: Deutschland (Seite 10 von 19)

Gerrit Kouwenaar: Fall, Bombe, Fall

Ein Siebzehnjähriger erlebt 1940 in den Niederlanden den Beginn der Krieges. Das Niemandsland zwischen Krieg und Frieden wird in dieser Novelle brillant erzählt. Cover C.H. Beck, Bild mit Canva erstellt

Zwischen Frieden und Krieg gibt es eine Art Niemandsland, wenn der eine zwar gegangen, der andere aber noch nicht richtig angekommen ist. Eine Zeit der Unwirklichkeit, was vieles ganz normal erscheinen lässt, so, als würde das Leben weitergehen wie gewohnt, während doch alles gerade umstürzt. Gerrit Kouwenaar ist in Fall, Bombe, Fall das Kunststück geglückt, die Atmosphäre dieses Niemandslands auf fabelhafte Weise umzusetzen.

Die Novelle erzählt die Ereignisse, die sich in den Niederlanden im Mai 1940 zutragen, aus der Perspektive des siebzehnjährigen Karel, der mit ebenso pubertären wie gewalttätigen Phantasien dem Leser entgegentritt. Ein Auslöser ist die sexuelle Verlockung beim Anblick eines – wirklich wie im übertragenen Sinne – unerreichbaren Dienstmädchens, das Karel beobachtet.

Seine Auflehnung gegen die bürgerliche Welt und die elterliche Autorität zeigt sich in der gedanklichen Verweigerung, Beethovens »Ode an die Freude« zu mögen. Karel malt sich aus, wie er seine Ablehnung nicht etwa hinausposaunt, sondern im Gegenteil heuchelt, er fände die Musik herrlich. Er würde lügen, den Schein wahren. Eine Form, die elterliche Kontrolle auszusperren, die sich auf Äußerlichkeiten wie Pickel beschränkt, »den Rest kann niemand kontrollieren«.

Ich weiß, dass es verwerflich ist, zu wünschen, dass es Krieg gibt, aber ich fände es herrlich.

Gerrit Kouwenaar: Fall, Bombe, Fall

Dieser »Rest« besteht unter anderem aus dem Wunsch, dass er allmächtig wäre, verwoben mit den für ihn unerfüllbaren sexuellen Phantasien, aber auch mit handfesten Gewaltvorstellungen: Die gesamte Straße ginge in Flammen auf oder ein zufällig vorübergehender Junge stürbe. Über allem steht aber das eher unbestimmte Bedürfnis danach, dass etwas geschehe und die unerträgliche Stille verginge.

Ein Krieg würde die Stille vertreiben; eine fallende Bombe, wodurch sich der Titel der Novelle erklärt. Dabei ist zu diesem Zeitpunkt schon Krieg, Deutschland hat Polen angegriffen, England und Frankreich dem Aggressor den Krieg erklärt, ohne dass bis zu diesem Zeitpunkt im Westen Europas große Kämpfe ausgebrochen wären. Im Osten hat die Sowjetunion Polen und Finnland kriegerisch heimgesucht, quasi im Sichtschatten der Kriege Hitlerdeutschlands.

In den Niederlanden starrt man vorahnungsvoll nach Osten, die Erwartung lautet, dass man anders als 1914 angegriffen werde. Anspannung liegt in der Luft, in verschiedenen Maßnahmen, wie etwa eine Urlaubssperre, schlägt sich die Nervosität nieder. Karel aber erlebt zunächst einen Verwandtenbesuch, der die Handlung in Gang bringt: Sein Onkel Robert bittet ihn um die diskrete Überbringung eines Briefes an eine Frau mit dem exotischen Namen Mexocos.

Ich warte, und ich bin immer noch ein dicker, fröhlicher Mann, doch mein Glück ist in Gefahr.

Gerrit Kouwenaar: Fall, Bombe, Fall

Karels Onkel Robert kommt nicht mehr dazu, seinem Neffen zu erklären, was sein »Glück« ist und wodurch es in Gefahr gerät; die Auflösung lässt noch etwas auf sich warten, denn der Krieg kommt nun doch. Ein gleichmäßiges Brummen liegt in der Luft, »breite Streifen weißen Lichts« zucken »ungelenk« über den dunklen Himmel. Bald ist in der Ferne auch ein Grollen zu hören, »als gäbe es Gewitter«.

Die Nachrichten bringen die Bestätigung: Die »Deutschen haben uns überfallen«. Doch außer der Geräuschkulisse, die eben noch nicht mehr ist, macht sich der Krieg kaum bemerkbar. Karel streift durch die Stadt, die namenlos bleibt; er scheint auf der Suche zu sein, auf der Suche nach dem Krieg. Vor dem Leser entfaltet sich nun auf eine beeindruckende Weise jenes Niemandsland zwischen Frieden und Krieg.

Auf seinem Weg nimmt Karel Details wahr, die in einem seltsamen Spannungsverhältnis stehen. Sandsäcke werden aufgestapelt, eine Bürgerwehr ist durch Patrouillen präsent, es gibt Gerede über die Franzosen und Engländer, die bald kämen; am Himmel kann man Flugzeuge in perfekter Formation ausmachen, ungerührt von den sie umgebenden weißen Wölkchen (Flakfeuer); aber die Cafés sind voll, die Menschen genießen die Sonne, deren Leuchten zu der Nachricht des Überfalls nicht passen will. An einem Haus werden verschnörkelte Buchstaben neu lackiert. Das Gefühl macht sich breit, einer Illusion aufzusitzen.

Es passiert alles Mögliche, und es passiert nichts.

Gerrit Kouwenaar: Fall, Bombe, Fall

Bis der Krieg sein blutiges Haupt erhebt.

Dank des Briefes und des Auftrags, mit dem Karel durch seinen Onkel Robert beauftragt worden ist, lernt er zwei Rias kennen, Mutter und Tochter gleichen Namens, die eine gänzlich andere Existenz führen, als die Eltern der Hauptfigur. Es sind Künstler, Bohème, Jüdinnen, während die Familie Karels durch und durch bürgerlich, leistungsaffin und auf eine formelhafte Weise korrekt auftritt.

Die beiden Frauen sind sich der Gefahr durch die Deutschen bewusst und wollen darauf reagieren; Karel soll einen Antwortbrief an seinen Onkel überbringen. Mehr soll an dieser Stelle nicht verraten werden. Die Novelle ist von einer auf- und abschwellenden Dynamik geprägt, wie der Krieg selbst, der sich immer wieder nähert und in seinen Auswirkungen eskaliert. Das Leben Karels wandelt sich jäh, nicht nur in der Phantasie, denn er wird abrupt von der Kindheit in die Erwachsenenwelt gestoßen.

Die Novelle ist voller wunderbarer Formulierungen, atmosphärischer Passagen, Beobachtungen, Tempo- und Dynamikwechseln; ganz besonders gefallen hat mit Karels Gedankenflug, in dem er sich mit der Floskel, deutsche Truppen hätten die Grenze überschritten beschäftigt. Er fragt sich: Wie überschreitet man eigentlich eine Grenze? Und füllt diese hohle Formulierung mit erzähltem Leben.

[Rezensionsexemplar]

Gerrit Kouwenaar: Fall, Bombe, Fall
Aus dem Niederländischen von Gregor Seferens
Mit einem Nachwort von Wiel Kusters
C.H. Beck 2024
Hardcover 124 Seiten
ISBN: 978-3-406-81390-0

Anne Applebaum: Die Verlockung des Autoritären

Ein schlichtes Cover eines Buches, das sich einem dramatischen Thema widmet. Cover Penguin-Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Das Sachbuch Die Verlockung des Autoritären von Anne Applebaum ist ein Augenöffner. Jahrzehnte habe ich eine überregionale Tageszeitung mit hohem eigenen Anspruch gelesen und durch die Lektüre historisch-politischer Bücher ergänzt, das Zeitgeschehen aufmerksam verfolgt und darüber hinaus mit Analysen vertieft. Trotzdem sind einige Entwicklungen an mir vorübergegangen.

Spätestens mit dem Brexit, der für mich völlig überraschend kam, und der Wahl Donald Trumps war klar, dass etwas nicht stimmte, etwas, das von den mir zugänglichen Informationen und Analysen nicht ausreichend durchleuchtet wurde. Es gab schon vorher Warnsignale: Die Erwartungen an das Wahlverhalten wichen von den tatsächlichen Ergebnissen auch in Deutschland immer weiter ab, offenkundig verhielten sich viele Wähler unvorhersehbar.

Warum war das so? Wie konnte eine Entscheidung von derart gewaltiger Tragweite (Brexit) verloren gehen?  Wie konnte in den USA eine Gestalt á la Donald Trump gewählt werden? Woher kam der scheinbar plötzlich anschwellende Rechtpopulismus, woher Parteien wie Vox in Spanien? Eine Wirtschaftskrise á la 1929 stand als Erklärung nicht zur Verfügung, anders als etwa Reichskanzler Brüning hatten die Staaten auf die schwere Finanz- und Eurokrise angemessen reagiert, zudem waren die Sozialsysteme nicht dysfunktional.

Unter den passenden Bedingungen kann sich jede Gesellschaft von der Demokratie abwenden. Und wenn man überhaupt etwas aus der Geschichte lernen kann, dann vielleicht, dass alle unsere Gesellschaften dies früher oder später einmal tun werden.

Anne Applebaum: Die Verlockung des Autoritären

Die Antworten, die mir präsentiert wurden, griffen zu kurz, sie berührten die Ursachen nur und waren fragmentiert. Ja, es wurde darauf hingewiesen, dass die Brexiteers auf unlautere Mittel zurückgegriffen hatten, vor und insbesondere nach der Wahl ein politische Klima geschürt, gelogen, aufgehetzt und auch Gesetze gebrochen. Aber wie weit das ging und welche konkreten Mittel verwendet wurden, ist mir erst durch Die Verlockung des Autoritären begreiflich geworden.

Ein Punkt ist sicherlich, dass ich erst 2020 mit der Nutzung der so genannten Sozialen Medien begonnen habe und seitdem aus eigener Erfahrung einige bekannte Mechanismen der Manipulation selbst kennengelernt habe und richtig begreifen konnte. Vielleicht ging das den Journalisten meiner überregionalen Zeitung ja auch so, vielleicht haben sie die Tragweite auch unterschätzt – Mutmaßungen, die bei der Lektüre von Die Verlockung des Autoritären unweigerlich aufkommen.

War das Phänomen überhaupt in vollem Ausmaß begreiflich? Viele Dinge schienen sich aus dem Nichts zu entwickeln, dabei haben sie einen langen Vorlauf gehabt und sich in einem Maße und Tempo (man könnte fast den »Blitzkrieg« als Begriff exhumieren) entwickelt, das vielleicht auch für kluge Beobachter wirklich unverständlich war.

Die Vernetzung von moderner Technologie, politischem Interesse sowie jener Gefühlslage in manchen gesellschaftlichen Kreisen, ausgeschlossen und zurückgesetzt zu sein, mit dem ruchlosen Gegenangriff autoritärer Regime á la Russland und China auf kommunikativem, technologischem Feld  war zumindest für mich in dem Ausmaß überraschend.

Ein gravierender Fehler war sicherlich, 1989 an einen Sieg und einen Automatismus zu glauben, der die Welt demokratischer machen würde, quasi von allein. Es gab auf dem langen Weg in die Finsternis, die nun herandräut, einige Momente des Lichts, etwa das Friedensabkommen um Nordirland, mit dem ein Schlusspunkt, ein vorläufiger Schlusspunkt unter einen Alptraum gesetzt wurde. Dem optimistischen Glauben an ein fortschreitendes Ausgreifen dessen, was ich als »Freien Westen« begreife, habe ich allzu gern nachgegeben.

Anne Applebaum liefert eine Menge Hinweise, die Antworten und weitergehende Fragen liefern. Ist dem Homo Sapiens überhaupt zu trauen? Die klugen Schöpfer der amerikanischen Verfassung, attestierten dem Menschen üble Grundneigungen, aus denen heraus immer wieder die Gefahr entspringen könnte, dass freie Gesellschaften den Weg zur Tyrannei beschreiten. Nach 1990 gab es auch Ansätze, doch haben sie sich als zu schwach erwiesen, um Putin, Orban, Kaczyński, Trump, Bolsonaro, Maduro und viele mehr zu verhindern.

Bei dieser Veränderung ging es nicht darum, den Staatsapparat zu optimieren, sondern ihn auf Parteilinie zu bringen und die Gerichte gefügig zu machen.

Anne Applebaum: Die Verlockung des Autoritären

Warum das so ist und wie sich die Entwicklung vollzogen hat, werde ich hier nicht im Detail aufführen. Dazu lese man dieses vorzügliche Buch einer in Amerika geborenen, seit 1988 in Polen lebenden, polyglotten und scharf analysierenden Autorin. Deutschland kommt in dem Buch nicht vor, es konzentriert sich auf Polen, Ungarn, England und die USA, mit einigen Abstechern nach Spanien (sehr spannend!), Italien und Frankreich.

Für deutsche Leser ist das durchaus ein Glücksfall, sofern man nicht alles in Form von weichgekochtem politischen Haferbrei verköstigen möchte. So kann man selbst überlegen, welche der genannten Faktoren, Entwicklungen, Entscheidungen und Zufälle zu dem Aufstieg der autoritären Rechten und Linken kommen konnte. Tatsächlich lässt sich einiges ablesen, übertragen und den Leser schaudern.

2010 waren weder die Tories noch die US-Republikaner so radikal dem Brexit- und MAGA-Abgrund verfallen, wie in der Gegenwart. Die CDU/CSU und die FDP waren es bis 2021 auch nicht; seitdem gibt es in diesen Parteien Entwicklungen, die Sorgen bereiten. Eines jedenfalls hat den anderen Parteien nicht geholfen, nämlich dass die Mehrheit das so nicht wollte, zum Beispiel einen harten Brexit. Eine Lehre aus Die Verlockung des Autoritären ist, dass es für eine Katastrophe keine Mehrheit, sondern nur eine zu allem entschlossene Minderheit braucht.

Sehr spannend sind die Erklärungsansätze, derer sich Applebaum bedient. Grundsätzlich verortet sich Autoritarismus unabhängig von politischen Schubladen á la »rechts« und »links«; es handelt sich um Menschen, die »grundsätzlich antipluralistisch« denken, die keine »Komplexität aushalten«. Linke Ideologen des Totalitarismus finden sich nach Applebaum vor allem an Unis, Rechte hingegen in Regierungen. Das mag man mit Blick auf Cuba, Venezuela, Lulas Brasilien, Parteien wie Die Linke und BSW nicht recht unterstützen, zumal die Autorin selbst auf haarsträubende Ansichten linker Totalitärer in der Labour Party verweist.

Das Konzept der »clercs«, intellektueller Ideenspender in totalitären Ideologien,  ist hoch spannend, Applebaum beleuchtet das Treiben derartiger Gestalten in der Gegenwart. Ein zentraler Punkt ist auch Lenin und sein 1917 entstandener Mechanismus des Machterhalts, der Links und Rechts verbindet, denn es handelt sich nicht um eine Ideologie, sondern um eine Organisationsform.

Neu im 21. Jahrhundert ist der Wechsel von der großen (Bolschewiki / Nazis) zur mittelgroßen Lüge: Obama wäre nicht in den USA geboren, George Soros wäre ein Verschwörer, der den Austausch der autochthonen Bevölkerung durch eine muslimische betreibe usw. Auf dieser Basis können Menschen ein Bekenntnis abgeben und in den totalitären Kreis eintreten oder werden ausgegrenzt. Einleuchtend ist auch das Konzept des »restaurativen Nostalgikers«, jenes Phänotyps in England, der als Minderheit das ganze Land in das Brexit-Desaster führte.

Ursachen waren auch keine mystischen ›Geister aus der Vergangenheit‹, sondern die konkreten Taten von Menschen, denen die bestehende Demokratie missfiel.

Anne Applebaum: Die Verlockung des Autoritären

Schließlich widmet sich Applebaum auch den Werkzeugen und Mechaniken in einer Weise, die ebenso erhellend wie erschreckend ist. Lügenkaskaden etwa, die ohne Konsequenzen bleiben; oder jene groteske Ablösung von Wirklichkeit und Ideologie, wenn ausgerechnet Putins Russland als »gottgefälliges Land« besungen wird, wenn also die Realität keine Rolle mehr spielt. Wer wüsste nicht aus dem Stand einige Beispiele dafür zu nennen?

Um zum Anfang dieses Textes zurückzukehren: Welche Rolle nimmt die etablierte Presse in diesem Spiel ein, was ist mit dem Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk? Werden sie ihrer Aufgabe als Korrektiv gerecht oder lassen sie sich dank selbstgefälliger Eigensicht instrumentalisieren und am Nasenring durch die Manege ziehen? Zweifel sind erlaubt. Das Konzept der »Neutralität« und »Ausgewogenheit« der ÖRR wird überwiegend rechnerisch befriedigt und gibt antidemokratischen oder sachlich abwegigen Propagandisten eine Plattform.

Eine Grenze ist auch dann überschritten, wenn eine große, überregionale Tageszeitung im Vorfeld einer Bundestagswahl »Werbung« abdruckt, die nichts als politische Hetze darstellt. Dann ist die Zeitung allen Beteuerungen zum Trotz zum Teil jenes antidemokratischen Treibens geworden, an dessen Ende die Dämmerung der Demokratie und der Schritt in den Totalitarismus stehen kann.

[Rezensionsexemplar]

Anne Applebaum: Die Verlockung des Autoritären
Warum antidemokratische Herrschaft so populär geworden ist
Aus dem Englischen von Jürgen Neubauer
Pantheon Verlag 2022
Klappenbroschur 208 Seiten
ISBN: 978-3-570-55459-3

Michael Kempe: Die beste aller möglichen Welten

Einen schönen Einblick in das Leben und universale Denken von Gottfried Wilhelm Leibnitz gibt das Buch von Michael Kempe, insbesondere das letzte Kapitel ist imponierend. Cover C.H. Beck, Bild mit Canva erstellt

Das Wort »Welten«, insbesondere der Plural, ist in Bezug auf Gottfried Wilhelm Leibniz treffend gewählt, das wird beim Hören oder der Lektüre des vorzüglichen Buches von Michael Kempe rasch klar. Der Gelehrte mit »universalem Denkhorizont« war gedanklich und persönlich in einer ungeheuerlichen Vielzahl an Welten unterwegs.

Allein die Zahl der Korrespondenzpartner ist überwältigend. Mit mehr als eintausend stand Leibniz in brieflichem Kontakt, er ist Teil gewesen, was Kempe als Gelehrtenrepublik (ein Motiv, das in dem wunderbaren Roman Der Kaffeedieb eine wichtige Rolle spielt) bezeichnet, ein Austausch über die stets anschwellende Zahl und Komplexität der Fragen, in einer Zeit, in der das Wissen regelrecht explodierte.

Wohlgemerkt vor mehr als dreihundert Jahren, also mit einem Schreibprozedere, das – wie viele andere heute unvorstellbare Umstände – ein wenig beleuchtet wird. Ein Brief wird nicht etwa in einen PC, Smartphone oder Tablett getippt und per E-Mail versendet, gar nicht zu reden von jenen Myriaden an Kurznachrichten, die in Echtzeit beim Empfänger eintreffen.

Feder und Tinte, teures Papier, das für Notizen wiederverwendet wird, was auch ein Grund dafür ist, dass Leibniz einen Berg an Zettelchen hinterlassen hat. Insgesamt umfasst diese Hinterlassenschaft rund 100.000 Schriftstücke aller Art und Größe. Zunächst wurden ein oder mehrere Entwürfe angefertig, die von einem Schreiber in Reinschrift gebracht und eventuell abgeschrieben sowie mit einem Postskriptum versehen wurden, ehe sie an den Empfänger abgingen.

Das konnte dauern. Ein Brief aus dem fernen China war mehr als ein Jahr zu Leibniz unterwegs, was keineswegs nur an der Entfernung, sondern auch politischen und geistlichen Kalamitäten lag: Man konnte für die falsch geäußerte Meinung in Lebensgefahr geraten oder der Spionage bezichtigt werden. Die Gelehrtenrepublik war grenzübergreifend, die Briefe und ihre Autoren mussten diese beachten, wählten Verschlüsselungen, Pseudonyme und falsche Namen.

Derlei schildert Kempe gewissermaßen en passant, das macht Die beste aller möglichen Welten sehr lebendig, spannend und abwechslungsreich. Der Leser wohnt einem Gelehrtenleben in seinen Umständen bei, das trotz hoher Posten und großem Ruhm von einer fundamentale Prekarität geprägt war. Dazu trägt  allerdings auch die  Lebensführung eines »Rolling Stone« bei, eines stets in Bewegung bleibenden, sich gern Optionen offenhaltenden Mannes.

Imponierend ist Kempes Schlussbetrachtung zu Leibniz und seinem Nachwirken, ausgewogen, nachdenklich wird der weitreichende Einfluss seines Denkens auf die Nachwelt dargelegt, ohne die Grenzen des Gelehrten zu verschweigen. Ja, gerade seine Irrtümer machen ihn für den Autor besonders wertvoll, denn der spezifisch leibnizsche Umgang mit dem Scheitern ist, ein rundum gelungener Abschluss für dieses Buch.

Michael Kempe: Die beste aller möglichen Welten
Gottfried Wilhelm Leibniz in seiner Zeit
S.Fischer Verlag 2023
Taschenbuch 352 Seiten
ISBN: 978-3-596-70968-7

Ken Krimstein: Die drei Leben der Hannah Arendt

Cover der Graphic-Novel-Adaption von Ken Krimsteins ‚Die drei Leben der Hannah Arendt‘ mit einer gezeichneten Porträtillustration von Hannah Arendt. Daneben der Titel ‚Die drei Leben‘ und der Hinweis ‚Kurzrezension‘ auf grünem Hintergrund
Die Graphic Novel zeichnet einige Stationen aus dem bewegten, ja dramatischen Leben Hannah Arendts nach, gibt aber auch Einblicke in ihre Geisteswelt. Cover dtv, Bild mit Canva erstellt.

Berühmte Zitate oder Wendungen sind beliebt, viele kennen sie, manche führen sie im Munde, doch sind sie oft aus dem Zusammenhang gerissen oder werden missverstanden ohne den Kontext. Das ist mit Carl von Clausewitz und seinem Diktum, Krieg sei nichts anderes als die Fortführung von Politik mit anderen Mitteln, nicht anders als mit Hannah Arendts Wort von der »Banalität des Bösen«.

Klingt gut, schlau und wertet jene auf, die das Zitat verwenden – auch wenn ihnen völlig unklar ist, was eigentlich »Banalität« in diesem Falle meint, gar nicht zu reden, welche Schlussfolgerungen daraus gezogen werden. Auf diese Fragen gibt auch Die drei Leben der Hannah Arendt keine Antwort, im Gegenteil: Es wirf sie und viele andere Fragen erst auf.

Die Graphic Novel von Ken Krimstein macht den Leser mit einer Reihe von Lebensstationen von Hannah Arendt vertraut, darunter äußerst dramatische, wie die Flucht aus Marseille vor dem Zugriff der mit den Deutschen kollaborierenden französischen Sicherheitskräfte. Die wunderbare, leicht sperrige Art der Illustration macht von der ersten Seite an deutlich, dass es hier um viel mehr geht, als um die Nacherzählung eines bewegten und bewegenden Lebens.

Immer wieder wird der Leser mit philosophischen bzw. politisch-theoretischen Begriffen, Fragen, Betrachtungen und Überlegungen konfrontiert, denn das alles macht das Leben Arendts aus. Sie sucht nach Antworten, bei Kant, in Seminaren, Bibliotheken, Gesprächen mit Gelehrten ihrer Zeit, durch das Schreiben von Essays und die Auseinandersetzung mit Kritikern.

Man macht auch Bekanntschaft mit dem, was jenen widerfahren kann, die Ruhm und Berühmtheit erlangen. Die Erwartungen anderer werden enttäuscht, wenn man nonkonform denkt und sich äußert – man eckt an, wird geschnitten, angefeindet und von Freunden im Stich gelassen. Freiheit und Offenheit hat ihren Preis, immer und überall.

Was heute so gewandt und geläufig klingt, die »Banalität des Bösen« als Beschreibung von Eichmanns Wesen, den viele Zeitgenossen lieber als Monster sehen wollten, hat massive Anfeindungen ausgelöst – kaum vorstellbar in der Rückschau. Damit entsteht eine Leerstelle in der Graphic Novel, die – hoffentlich – viele Leser dazu bringt, vielleicht einmal einen Teil der Lebens- und Lesezeit mit der Auseinandersetzung mit einem Text Hannah  Arendts zu verbringen.

Das Schaurigste in dem Buch ist jedoch etwas anderes. Arendt gehörte zu jenen, die von den Franzosen interniert und nach Südfrankreich gebracht wurden, als die Wehrmacht angriff. Das allein ist bedrückend genug, für mich noch unangenehmer ist die Reaktion der Insassen auf den Vorschlag Arendts, die kurze Phase der Unsicherheit, Anarchie nach dem Zusammenbruch des französischen Widerstands zur Flucht zu nutzen – viele blieben und wurden nach Osten deportiert. Sie haben lieber weggesehen, als dem Übel ins Auge zu schauen. Eine Warnung.

Ken  Krimstein: Die drei Leben der Hannah Arendt
Aus dem Englischen von Hanns Zischler
dtv 2018
Klappenbroschur 244 Seiten
ISBN: 978-3-423-28208-6

Sabine Adler: Die Ukraine und wir

Eine Watschn, eher ein Faustschlag für die Koalition der ignoranten Selbstgefälligkeit unter Angela Merkel. Sachlich, nüchtern, wohl-informiert, sehr gut argumentierend – eine Wohltat angesichts der grassierenden Selbstzufriedenheit in Deutschland. Cover C.H. Links-Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Es ist keine Watschen, die Sabine Adler in ihrem vorzüglichen Buch austeilt, sondern ein Faustschlag. Empfänger des Hiebes ist vor allem die SPD, wenngleich insbesondere die langjährige Bundeskanzlerin Angela Merkel, das FDP-Duo Linder / Kubicki, der so genannte Ostausschuss der Deutschen Wirtschaft und pro-putinistisch-russische Trommler einiges um die Ohren bekommen.

Doch tut sich die SPD besonders negativ hervor, aus ganz unterschiedlichen Motiven, in vielfacher Gestalt und Handlungsweise, doch mit insgesamt verheerenden Folgen. Sabine Adler bleibt in ihrem Buch sachlich, nüchtern, schildert ohne Zuspitzungen oder gar unseriösem Geklingel, was viel dazu beiträgt, dass ihre Erkenntnisse wie eine durchschlagende Gerade wirken.

An dieser Stelle werde ich darauf verzichten, die weite Spanne der Themen und Aspekte nachzubeten, die Adler in Die Ukraine und wir berührt. Wer sich für Politik interessiert und in den letzten fünfundzwanzig Jahren nicht im Tiefschlaf der Selbstzufriedenheit zugebracht hat, wird vieles ohnehin kennen – nicht aber in dieser geballten, wunderbar zusammengestellten und vielschichtigen Form. Die gibt den Blick auf eine Entwicklung frei, für die der Begriff »Versagen« viel zu harmlos wirkt.

Die Wurzeln reichen tief. Sie beginnen bei dem, was heute als »Ostpolitik« Willy Brandts missverstanden oder bewusst falsch dargestellt wird, wenn etwa ignoriert wird, dass Brandt mit einer Bundeswehr im Rücken nach Osten fuhr, die mit vier Prozent des jährlichen Bruttoinlandsproduktes finanziert wurde, weit mehr als das Doppelte dessen, was Schröder-Merkel-Scholz-Deutschland auszugeben bereit war bzw. ist.

Brandt ging mit dem Rückenwind einer schlagkräftigen Armee im Rahmen eines verteidigungsfähigen Bündnisses nach Osten, weshalb die so genannte »Entspannungspolitik« keine verheerenden Folgen zeitigte, wie das sozialdemokratische Appeasement der Gegenwart. Und doch gab es schon da jene Strukturen, die auf die dunkelsten Zeiten deutsch-russischer Zusammenarbeit deuteten.

Adler verweist dankbarerweise auf Rapallo und den Hitler-Stalin (bzw. Molotow-Ribbentrop)-Pakt, die jene bis heute spürbare Ignoranz gegenüber den mittelosteuropäischen Staaten, namentliche Polen, Baltikum, Belarus und Ukraine (zuzüglich Rumänien) begründeten. Die Geschichtsblindheit der Genossen der Gegenwart ist ein Echo dieser fürchterlichen Zeiten – trotzdem sind viele in Deutschland empört, wenn die Übergangenen sich mit scharfen Worten melden.

Polen beispielsweise hat jedes Recht, Deutschland scharf zu kritisieren – das war eben nicht nur die PiS, die ablehnende Haltung reicht weit. Kein Wunder, ist doch zum Beispiel die SPD Anfang der 1980er Jahre mit banger Angst gegenüber der revoltierenden polnischen Arbeiterbewegung (!)  Solidarność aufgetreten, sie setzte auf Systemstabilität! Wen kratzt schon der Freiheitswille der Völker?

Vor allem Gerhard Schröder, aber auch Helmut Schmidt, Egon Bahr und der ewige Friedensapostel Erhard Eppler haben diese kolonialistische Sicht auf Mittelosteuropa gepflegt. Doch auch die Nachfahren, Gabriel, Schwesig, Platzeck und viele andere haben sich das Weltbild zu eigen gemacht und trotz des russländischen Angriffskrieges nicht korrigiert.

Dabei wäre allerspätestens 2014, mit der militärischen Besetzung der Krim und russländischen Truppen im Donbas der Punkt erreicht gewesen, alles infrage zu stellen und einen Politikwechsel, ja: Zeitenwende einzuleiten.

Das geschieht bis heute nicht. Merkel etwa hat ohne Not die verfluchte Ostseepipeline Nordstream 1 nicht gekippt und sogar Nordstream 2 durchgedrückt – gegen alle Widerstände aus West- und Osteuropa. Deutsche Sonderwegs-Pfade im 21. Jahrhundert, die ganz dringend aufgearbeitet werden müssten. Das wird wohl ein frommer Wunsch bleiben.

Doch bieten vorzügliche Bücher wie Die Ukraine und wir eine Möglichkeit, sich selbst wenigstens auf persönlicher Ebene mit den Fragen auseinanderzusetzen. Allein der Titel ist ein Grund, zu danken, rückt er doch das ewige Objekt im deutsch-russischen Spielchen dorthin, wohin es spätestens seit 2022 gehört: in den Mittelpunkt.

Sabine Adler: Die Ukraine und wir
Ch. Links Verlag 2022
Hardcover 248 Seiten
ISBN 978-3-96289-180-0

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