Schriftsteller - Buchblogger

Schlagwort: Deutschland (Seite 9 von 19)

Uwe Wittstock: Marseille 1940

Die Wehrmacht zermalmte im Frühjahr 1940 ihre Gegner, was viele in Frankreich lebenden Exilanten in eine lebensbedrohliche Lage brachte und zur oft verzweifelten Flucht zwang. Cover C.H. Beck, Bild mit Canva erstellt.

Die südfranzösische Stadt Marseille platzte im Sommer 1940 aus allen Nähten. Zu den 900.000 Bewohnern aus der Vorkriegszeit kam noch eine halbe Million Menschen hinzu, die man etwas despektierlich als Treibgut des Krieges bezeichnen könnte: Flüchtlinge aus vielen europäischen Ländern, britische Soldaten, Fremdenlegionäre, Angehörige der französischen Kolonialtruppen (Algerien, Indochina, Marokko), demobilisierte Franzosen.

Es war ein buntes Gewirr des Schreckens, denn das exotische Gemenge der Kleidung überdeckte nicht die pure Not der Gestrandeten, von denen die überwältigende Mehrheit vor allem eines wollte: raus aus Frankreich, weg vom Krieg. Die Wehrmacht hatte Frankreich, die Niederlande, Belgien und Luxemburg innerhalb weniger Wochen überrollt und Millionen fliehende Menschen wie eine Bugwelle vor sich hergetrieben. Aus französischer Sicht hat Pierre Lemaitre diese Zeit in seinem brillanten Roman Der Spiegel unseres Schmerzes beschrieben.

Zu den Flüchtlingen gehörte eine recht kleine Schar deutschsprachiger Literaten, die nach 1933 aus Deutschland (später auch Österreich und der Tschechoslowakei) fliehen mussten, also schon die zweite oder dritte Flucht durchlitten. Ihnen widmet sich Uwe Wittstock in seinem Buch Marseille 1940, ohne dabei zu unterschlagen, dass es sich nur um die sprichwörtliche sichtbare Spitze des Eisbergs handelt: Die prominenten Literaten ließen Spuren in Form schriftlicher Zeugnisse, die überwältigende Mehrheit der vor dem Nazi-Terror Fliehenden nicht.

Vor den Augen Amerikas bricht eine Nation zusammen, die als Inbegriff der Zivilisation, Aufklärung, Eleganz und Lebensfreude gilt.

Uwe Wittstock: Marseille 1940

Es ist gut, dass Wittstock gleich zu Beginn deutlich macht, wem er sich – mangels überlieferter Materialien – zwangsläufig nicht widmen kann (hier sei auf den Roman Die Nacht von Lissabon von Erich Maria Remarque verwiesen). Der Fokus auf literarische Prominenz kann das Bild durchaus verzerren, denn einige Literaten konnten immerhin auf ihre Bekanntheit, eine gewisse Vernetzung und Hilfe von außen hoffen. Die gewöhnliche Zeitgenossen hatten wenig Aussicht, die Aufmerksamkeit der First Lady in den USA, Eleanor Roosevelts, zu erhalten, wie etwa Lion Feuchtwanger.

Genutzt hat es ihm im gewissen Rahmen, doch die restriktiven Rahmenbedingungen für Fliehende ließen sich selbst in diesem Fall nicht außer Kraft setzten – in allen anderen Fällen auch nicht. Es sind Motive, die auch in der Gegenwart die so genannte Flüchtlingsdebatte beherrschen und schwer erträglich machen. Ganz vorn dabei: Bürokratie. Aber auch einander widersprechende Aktivitäten vor Ort, wenn Botschafts- und Konsulatsangehörige Anträge verschleppen, blockieren, während gleichzeitig andere als hilfreiche Wegbereiter auftreten.

Die Lage im Marseille 1940 war politisch und rechtlich kompliziert. Der größte Teil Frankreichs war von der Wehrmacht okkupiert, bis Ende 1942 blieb ein gewisses Gebiet unter der Kontrolle eines ultrakonservativen, rechten Regimes unter Petain. Von diesen hatten Fliehende, vor allem Kommunisten und Juden, wenig Gegenliebe zu erwarten, dank deutschen Drucks galt das für alle, die in Hitlers Deutschland als Staatsfeinde angesehen wurden. Vichy-Frankreich war bis Ende 1942 eine seltsame Zwischenwelt, nicht frei, aber eben auch noch nicht unter der direkten Zuchtrute des „Dritten Reichs“.

Da Italien an der Seite Deutschlands in den Krieg eingetreten war und Spanien zwar neutral, aber durch das rechte Franco-Regime nur bedingt eine Fluchtoption, blieb vor allem Portugal als Ziel, das nur unter großen Schwierigkeiten und Gefahren zu erreichen war. Welche haarsträubenden, dramatischen und durchaus tragischen Schicksale diese geopolitische Zwangslage der in Südfrankreichs Metropole angespülten Flüchtlinge heraufbeschwor, schildert Marseille 1940 in einer mitreißenden Weise, die den Leser rasch gefangen nimmt.

Eine ganze Generation europäischer Kulturgrößen droht innerhalb der nächsten Wochen ermordet zu werden.

Uwe Wittstock: Marseille 1940

Dazu trägt auch der besondere Montage-Stil bei, den Wittstock bereits in Februar 33 verwendet hat. Neben den stets wechselnden Perspektiven, die insgesamt aber die alles umstürzende Gewalt des „Blitzkrieges“ abbilden, werden einzelne Passagen eingestreut, die schlaglichtartig erhellen, welche Art Krieg von den deutschen bewaffneten Verbänden auch im Westen geführt wurde. Die Erschießung von dunkelhäutigen Soldaten der französischen Streitkräfte nach deren Kapitulation etwa, ein Kriegsverbrechen, das historisch im Schatten der millionenfachen Verbrechen im Osten steht. Durch diese Passagen wird die Lebensgefahr für die vielen Flüchtlinge unterstrichen – das “Dritte Reich“ exekutierte seine Ideologie gnadenlos.

„Blitzkrieg“ ist ein wichtiges Stichwort: Wenn wir Bilder vom Krieg sehen, ist es allzu oft Propaganda aus Goebbels Filmschmieden des “Dritten Reichs“. Éric Vuillard hat in seinem Buch Die Tagesordnung darauf hingewiesen, auch gibt es Dokumentationen, die offenbaren, dass in den deutschen Wochenschauen Aufnahmen gezeigt wurden, die vor den Ereignissen (wie dem Angriff auf Frankreich) gedreht wurden. Um Aktualität vorzuschützen, wurden diese in den Kinos mit den entsprechenden Worten umgedeutet; bis heute prägen sie aber unser Bild vom „Blitzkrieg“ im Westen, der mit dem tatsächlichen Krieg wenig zu tun hat.

Bücher wie Marseille 1940 sind auch deswegen so wertvoll, weil sie die sauberen Propaganda-Bilder Lügen strafen und den Blick auf eine ganz andere, brutalere, grausamere Wirklichkeit voller Verzweiflung, Todesnot und tiefer Abgründe freigeben. Das gilt auch für die Behandlung von Flüchtlingen in Frankreich, die dort interniert wurden. Der Zweite Weltkrieg war auch ein Krieg der Lager, in fast jedem Land (selbst den USA, wie David Gutersons Roman Schnee, der auf Zedern fällt am Beispiel japanischstämmiger Amerikaner zeigt) gab es sie.

Zwar sind sie in Frankreich keine Konzentrations- oder gar Vernichtungslager gewesen, doch die haarsträubenden hygienischen Verhältnisse, die unzureichende Versorgung und die bedrückende Unsicherheit machten aus ihnen kleine Höllen für die Insassen. Doch viele Verhaltensweisen der Gefangenen, aber auch des Wachpersonals sind seltsam vertraut aus der vielfältigen Lagerliteratur. Besonders musste ich an Hannah Arendt denken und ihren recht eigenmächtigen Umgang mit der Lage, aber auch an die Franzosen, die sich unter bestimmten Umständen ebenfalls in Internierungslagern wiederfanden.

Ihre Zusammenkünfte wirken dann wie bittere Parodien auf jene Künstlertreffs, die seinerzeit in Pariser Café du Dôme oder in Romanischen Café in Berlin stattfanden.

Uwe Wittstock: Marseille 1940

Bemerkenswert ist ein Umstand, den man getrost als Grundkonstante des Fliehens und des Engagements für Flüchtlinge bezeichnen könnte: Illegalität. Man kennt dieses Wort aus zahllosen Politiker-Reden der Gegenwart. Eine der wichtigsten Personen in Marseille 1940, die ich bislang noch gar nicht erwähnt habe, hat im Kern eine Organisation initiiert und vor Ort geführt, die man getrost als illegale Fassadenfirma einer Fluchthilfe-Gesellschaft bezeichnen könnte. Historisch ist diese Form des Gesetzesbruch heroisch, doch wie würde Varian Fry wohl in der Gegenwart gesehen werden?

[Rezensionsexemplar]

Uwe Wittstock: Marseille 1940
Die große Flucht der Literatur
C.H. Beck-Verlag 2024
Hardcover 351 Seiten
mit 28 Abbildungen und 2 Karten
ISBN: 978-3-406-81490-7

Harald Jähner: Wolfszeit

Ein Buchcover von 'Wolfszeit: Deutschland und die Deutschen 1945-1955' von Harald Jähner. Das Cover zeigt ein Schwarz-Weiß-Foto einer zerstörten Stadt mit Schienen und einem einsamen Fußgänger, der eine Straße entlanggeht. Im Vordergrund des Buchcovers steht der Titel 'Wolfszeit' in großen roten Buchstaben. Ein Zitat auf dem Bild lautet: 'Es ging zu wie auf dem Sklavenmarkt.'
Die Flüchtlinge aus den verlorenen Ostgebieten wurden im restlichen Deutschland nicht mit offenen Armen empfangen. Cover Rowohlt-Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Bei einem meiner üblichen Besuche der hiesigen Stadtbibliothek bin ich auf den Bildband Wolfszeit. Ein Jahrzehnt in Bildern. 1945 – 1955 gestoßen. Nach der Lektüre von Harald Jähners begeisterndem Buch Höhenrausch. Das kurze Leben zwischen den Kriegen wollte ich ohnehin auch sein Wolfszeit. Deutschland und die Deutschen 1945 – 1955 lesen, somit bot sich eine sehr passende Gelegenheit. Das Sachbuch habe ich teilweise gehört, teilweise im ebenfalls ausgeliehenen Buch gelesen, allein wegen der Bilder sollte man zum Gedruckten greifen.

Man kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Die »Niemandszeit« zwischen dem Ende des so genannten »Dritten Reichs« und der Gründung von Bundesrepublik und DDR 1949 wird auf vielen Feldern ergründet. Das Bild, das sich bietet, ist überraschend vielfältig und bricht mit dem Grau, das die kollektive Erinnerung zeichnet, die auf einer eher stiefmütterlichen Behandlung dieser Phase in Wissenschaft und Lehre beruht. Autor Jähner führt das auf die fehlende institutionelle Verankerung des Zeitabschnitts infolge der Abwesenheit von Staat und Regierung zurück, die in der nationalstaatlich geprägten Historiographie aber entscheidend gewesen ist.

»Niemandszeit« legt einen Zeitraum nahe, in dem etwas noch nicht ganz zu Ende gegangen ist und etwas Neues noch nicht richtig angefangen hat. Die berühmte »Stunde Null«, ein hoch umstrittener Begriff, würde also im Grunde genommen zu einem »Vier Jahre Null«, ehe die Bundesrepublik Deutschland und die DDR ihre Staatsgeschäfte aufnahm und der Kalte Krieg ins Rollen kam.

Zwei sehr gegensätzliche Gruppen bildeten die Masse der Trecks: die Displaced Persons und die Vertriebenen.

Harald Jähner: Wolfszeit

Jähner begibt sich mit Wolfszeit mitten hinein in dieses geschichtliche Niemandsland, das unzählige Biographien geprägt hat. Teilweise sind die Befunde, die der Autor liefert, schockierend. Von »Null« im Sinne einer Stille und Abwesenheit von Dramatik und Bewegung kann überhaupt keine Rede sein. Mehrere Millionen Menschen waren nach der Kapitulation der Wehrmacht nicht dort, wo sie hingehörten.

Zwangsarbeiter, KZ-Insassen, entlassene Wehrmachtssoldaten, Kriegsgefangene der Alliierten, Vertriebene Deutsche – rund die Hälfte aller Menschen auf dem verbliebenen deutschen Boden lebte unterwegs. Man sollte sich die Zahlen immer wieder vor Augen führen. Wer sollte diese gewaltige Masse Menschen geordnet nach Hause, in ein neues Leben oder auch nur unter ein Obdach führen. Die Alliierten waren völlig überfordert, wenn zum Beispiel nur 21 Soldaten 45.000 Kriegsgefangenen gegenüberstanden.

Der Umgang mit den Menschen war sehr unterschiedlich, doch bleibt bei der Lektüre ein wiederkehrendes Motiv hängen, dass sie überwiegend höchst unwillkommen waren. Bei den zwangsweise Eingesperrten war unklar, wie sie sich gegenüber den Deutschen verhalten würden. Das unmenschliche Lagerleben zog eine Verrohung ihrer Insassen nach sich, der Hass auf alles Deutsche war allein angesichts der wahllosen Massenmorde an Zwangsarbeitern gegen Kriegsende wenig verwunderlich.

Es kam zu geradezu grotesken Situationen, wenn etwa Alliierte und Deutsche die Lager bewachten, in denen jene noch immer ausharren mussten, die schon vorher darin gesessen hatten. Das war nicht unbedingt böser Wille, im Gegenteil, denn tatsächlich gab es Überfälle, Plünderungen, Morde an Deutschen, die als Freiwild galten. Überraschend auch, wie lange sich manche Lager für DPs gehalten haben und – weniger überraschend – wie schnell klar war, dass unter der gewaltigen Zahl der von den Nazis ins Lager gepressten Menschen sich antisemitische Abgründe auftaten.

Die jüdischen DPs brauchten eigene Lager, nach Pogromen in Polen kamen neue Juden nach Deutschland und in die Lager, um nach Israel zu gelangen, was kurzfristig unmöglich war. Die Neuankömmlinge sorgten unter den jüdischen Überlebenden aus Deutschland für abweisende Reaktionen und saßen dank der Verschiebung der Grenzen in Osteuropa einstweilen ausgerechnet im Täterland fest. Sie waren heimat- und staatenlos geworden.

Nicht jeder wollte wieder zurück. Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter aus Stalins Werktätigenparadies weigerten sich zum Teil heftig gegen die unter den Alliierten vereinbarte Rückführung. Es wurde teilweise Gewalt angewendet, um die Verweigerer zur Ausreise zu bewegen, was oft wenig nutzte, denn im Archipel Gulag der Sowjetunion blühte diesen Menschen ein düsteres Schicksal: Zwangsarbeit und Lagerleben unter dem Vorwand, ein Verräter und Nazi-Kollaborateur zu sein.

Diese Abschnitte geben nur einen winzigen Teil dessen wider, was Jähner zu dem Thema schildert. Es macht aber deutlich, wie vielschichtig die Lage nach dem Zusammenbruch des »Dritten Reichs« gewesen ist. Das betraf auch die deutschen Flüchtlinge aus dem Osten, die zweite große Gruppe unter den Trecks auf der Straße.

»Deutschböhmen, Banater Schwaben, Schlesier, Pommern und Bessarabiendeutsche – alles “Polacken”.«

Harald Jähner: Wolfszeit

Mit „Polacken“ wurde von dörflich-bäuerlicher Bevölkerung alles bezeichnet, was aus den verlorenen Ostgebieten oder deutschen Siedlungsgebieten in anderen Staaten in die restlichen deutschen Gebiete flüchtete. Das ist purer Rassismus – gegen Weiße, wohlgemerkt, der noch ganz andere Abgründe zeitigte. In bester Kontinuität sorgte man sich um Rassenschande, man hieß die Zugezogenen „Zigeunerpack“, deren katastrophaler körperlicher Zustand sorgte die Spezifizierung als „40-Kilo-Ziegeuner“.

Wirklich unheimlich ist, was ausgerechnet aus den Reihen der dänischen Minderheit über die Vertriebenen gesagt wurde. Jähner schildert die Äußerungen eines dänischen Journalisten namens Tage Mortensen, der allen Ernstes von einer »Mulattenrasse« sprach. Weniger überraschend sind die Abwehrreflexe aus den Kirchen, die durch die andersgläubigen Zuwanderer bedroht werde. Hetzreden wurden auch von Politikern geschwungen, Vertreibungsphantasien blühten, von »Blutschande« war die Rede und einer erneuten Vertreibung nach Osten.

Die Landbevölkerung zeigte sich von ihrer ganz besonders herzlichen Seite. Auf alliierten Druck mussten die freistehenden Räume den Flüchtlingen zur Verfügung gestellt werden. Das waren Millionen. Zu den krassen Reaktionen gehörte die Tötung eines Flüchtlings nebst seiner drei Kinder, doch auch die Normalität war beschämend, wenn es um die menschenunwürdige Auswahl der Aufzunehmenden durch die Bauern ging. Die Kräftigsten und Schönsten ins Töpfchen, der Rest unter höhnischen Bemerkungen ins Kröpfchen.

Es ging zu wie auf dem Sklavenmarkt.

Harald Jähner: Wolfszeit

Aber bei dieser Schilderung bleibt Jähner nicht stehen. Einer der großen Vorzüge des Buches liegt darin, dass die – teilweise positiven – Folgen der massiven Zuwanderung nicht unerwähnt bleiben. Die abgeschlossenen Dörfer mit ihrer Bevölkerung wurden quasi über Nacht vielfältig, gleichzeitig brachen die überkommenen, dumpfen, rückständigen Gewohnheiten wenigstens teilweise auf, sie erzwangen eine »Entprovinzialisierung«, waren »Agenten der Modernisierung«.

An dem Beispiel wird deutlich, wie widersprüchlich die Entwicklung gewesen ist. Das gilt für nahezu alle Bereiche, die Jähner in seinem Beispiel anführt, von einigen wenigen wie der Massenvergewaltigung deutsche Frauen durch die Angehörigen der Roten Armee einmal abgesehen, von der bis zu zwei Millionen Frauen betroffen waren. An diesem Krieg gegen die Frauen gibt es nichts Widersprüchliches, es ist ein lange verschwiegenes, grausames Verbrechen.

Im Westen war die Lage glücklicherweise anders. Zwar gab es auch hier umfangreiche Vergewaltigungen (wie zum Beispiel George Orwell berichtete), aber nicht in dem monströsen Ausmaß des Ostens. Stattdessen wurde fraternisiert, obwohl das von den Alliierten untersagt worden war. Der Leser von Wolfszeit lernt den Typus der »Veronika Dankeschön« kennen – ein Wortspiel, denn die Initialen VD stehen für Venereal Disease, Geschlechtskrankheit.

Jähner räumt mit dem Vorurteil auf, es ginge bei den Beziehungen von deutschen Frauen und alliierten Soldaten nur um materielle Vorteile, eine Art Versorgungsbeischlaf. Es hat einige Zeit gedauert, bis sich die üblen Vorwürfe gegen diese Liebeleien endlich entschiedenem Widerspruch entgegensahen. Jähner verweist auf das zutiefst bigotte Kuriosum, dass der annoncierte Wunsch nach einer Einheiratung in eine Metzgerei akzeptiert war, während die kalkulierte Nähe zu einem alliierten Soldaten als Hurerei und Volksverrat beschimpft wurde. Dabei zeigen allein die vielen Ehen deutscher Frauen mit amerikanischen Soldaten, dass es eben um viel mehr als opportunistische Erwägungen ging.

Es war Veronika Dankeschön, die den dicksten Schlussstrich unter die Vergangenheit setzte, mit Haut und Haaren und nicht selten sehr liebevoll.

Harald Jähner: Wolfszeit

Der viel beschworene »Schlussstrich« wird in Wolfszeit selbstverständlich auch in seiner vielgestaltigen Form thematisiert: Tanzwut, Karneval (es bleibt einem wirklich nichts erspart), aber auch der lange, zähe Weg vom Schwarzmarktraubtier und gewieften Plünderer zum Wirtschaftwunder-Rackerer der Generation Käfer wird nachgezeichnet. Jähners Akzente sind bemerkenswert: Beate Uhse und ihr äußerst erfolgreiches Geschäftsmodell, das vehement angefeindet wurde, vor allem, weil sie eine Frau war.

Überhaupt war die Entwicklung der gesellschaftlichen Stellung der Frau in den Jahren nach 1945 sehr interessant. Jähner These, wie sich die Männer ihre Vormachtstellung zurückeroberten, ist bemerkenswert. Der Mythos der Trümmerfrau ebenfalls, weil er sich so zäh hält, während die völlige Entfremdung durch den Krieg und die eigenständig und selbstbewusst handelnde Frau zu massiven Konflikten mit den Rückkehrer führten.

Schwer erträglich ist der Umgang mit Mädchen gewesen, die als »gefallen« galten, sprich als Minderjährige Sex hatten. In den berüchtigten Erziehungsheimen erwartete sie ein drakonisches Regiment, das man getrost als Terror bezeichnen kann. Einen Grund für diesen unmenschlichen Umgang beschreibt Jähner so: 

Das Schreckgespenst »verwahrloster Mädchen« löste Phobien in den Behörden aus, die heute als geradezu krankhaft erscheinen.

Harald Jähner: Wolfszeit

Ärgerlich sind an Jähners äußerst anregendem Buch nur wenige Dinge: »Die Russen hatten durch den Zweiten Weltkrieg 27 Millionen Menschen verloren.« »Die Sowjets« oder »Sowjetunion« wäre die richtige Formulierung gewesen, ein Vielvölkerstaat, in dem Millionen Ukrainer, Belarusen, Letten, Esten, Litauer usw. durch den Vernichtungskrieg von Wehrmacht und SS ihr Leben lassen mussten. Der synonyme Gebrauch von »Russe« und »Sowjetbürger« verbot sich im Grunde genommen schon immer, angesichts der großen Qualitäten von Wolfszeit bleibt dieser sprachliche Missgriff ein Mysterium.

Davon einmal abgesehen ist Wolfszeit ein großartiges Buch, das die Dimension der Umwälzungen nach dem offiziellen Ende der Kriegshandlungen spürbar macht. Entwurzelte, Frauen, Liebe, Kultur, Enttrümmerung, Hunger, Schwarzmarkt, die seltsame Entnazifizierung, Displaced People, Lagerleben auch Jahre nach dem Krieg, Wirtschaftswunder, Währungsreform – so viele wichtige Themen werden auf gekonnte Weise erzählt und mit ausdrucksstarken Bildern untermalt.

Verlag: Rowohlt Berlin
Erscheinungstermin: 15.09.2020
264 Seiten
ISBN: 978-3-7371-0101-1

Harald Jähner: Wolfszeit
Verlag: Rowohlt Taschenbuch
Erscheinungstermin: 15.09.2020
480 Seiten
ISBN: 978-3-499-63304-1

Matz, Jörg Maillet: Das Verschwinden des Josef Mengele

Die Graphic Novel erzählt die Geschichte von Josef Mengeles Entkommen nach dem Krieg, nach dem gleichnamigen Roman von Olivier Guez. Cover Knesebeck-Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Manchmal sieht man sie noch, die Landmaschinen aus dem Hause Mengele. Einen Schnappschuss konnte ich vor einigen Jahren während eines Spaziergangs machen, der Namenszug prangt auf dem Anhänger: Mengele. Ich habe ihn während meines Lebens häufig gesehen, schließlich habe ich einige Jahre auf dem Land leben müssen; nie aber habe ich Mengele mit Josef Mengele in Verbindung gebracht.

Aufgenommen bei einem Spaziergang im Raum Göttingen.

Das hat der Roman Das Verschwinden des Josef Mengele von Olivier Guez geändert, den ich vor einigen Jahren gelesen habe. Vorstellen möchte ich hier aber die gleichnamige Grafic Novel, die genauso lesenswert ist, wie ihre Vorlage. Sie erzählt eine Geschichte, wie sie gar nicht so selten vorgekommen ist, die Flucht eines verbrecherischen Nazis nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges.

Mit Josef Mengele verbinden sich schauderhafte Verbrechen, begangen im Konzentrationslager Auschwitz. Die werden in der Graphic Novel in wenigen eingestreuten Rückblenden angedeutet, jedoch nicht im Detail ausgeführt. Ebenfalls wird nur am Rande erwähnt, dass Mengele an der Ostfront einige Zeit in der Waffen-SS-Division „Wiking“ kämpfte und es bis zum SS-Hauptsturmführer brachte.

Der Fokus liegt auf dem Verschwinden von Kriegsverbrechern nach dem Krieg. Mit Hilfe verschiedener Netzwerke konnten Nazis aus Deutschland und Europa verschwinden, die so genannte „Rattenlinie“ ist ein geläufiger Begriff. In Argentinien fand Mengele dank des nazifreundlichen Diktator Peron wie viele andere namhafte NS-Größen Aufnahme. Verblüffend, mit welcher Offenheit das geschehen ist.

Man kennt sich, man trifft sich. Auch der Ranghöchste unter ihnen, Adolf Eichmann, tritt dort ganz offen auf, hält Hof wie ein Star und vergibt Autogramme. Mengele ist von dem Leichtsinn entsetzt, hält Eichmann für gefährlich und die ihn umgebenden Männer für Idioten.

Denn das „Verschwinden“ erweist sich nicht als Spaziergang. Statt eines neuerlichen Anlaufs zur Errichtung eines Nazi-Reiches festigt sich die Demokratie in Deutschland, in Argentinien wird der Diktator Peron gestürzt, Fritz Bauer und der israelischen Mossad heften sich auf die Spuren der geflohenen Nazis und erwischen Eichmann. Mengele jedoch nicht.

Die Graphic Novel ist nach dem gleichnamigen Roman von Olivier Guez gestaltet. Beide Bücher sind Bibliotheks-Funde, die Bedeutung von Bibliotheken für mein Leseleben ist unschätzbar.

Er kann sich über viele Jahre hinweg auf die finanzielle Unterstützung aus der Heimat verlassen, die Firma Mengele macht nach dem Krieg glänzende Geschäfte. Trotz vieler Unbilden, der stets wachen und wachsenden Angst vor Verfolgung, die in paranoider, aber durchaus berechtigter Furcht vor seinen Häschern bleibt Mengele letztlich unbehelligt.

In seinem Versteck sieht er mit Verbitterung, wie viele ehemalige Nazi-Täter in der Bundesrepublik Karriere machen, während er in einem abgelegenen Kaff in Uruguay leben muss; seine akademischen Titel wurden aberkannt, sein Mentor macht Karriere als Professor in Münster. An Auschwitz verdienten viel Personen, Firmen und Institutionen und blieben unbehelligt.

Mengele versinkt in seinem Versteck in selbstgerechte Verbitterung, doch wirft sie auch einen langen Schatten auf das Nachkriegsdeutschland, das es sich der Frage von Schuld und Verantwortung recht leichtfertig entledigte. Es weist auf den moralischen Kern von Das Verschwinden des Josef Mengele, der selbst ernannte »Exportweltmeister in Vergangenheitsbewältigung« recht dunkle Flecken auf seiner Weste.

Die Geschichte, die Guez in seinem Roman sowie Matz und Maillet in ihrer Graphic Novel erzählen ist ein schwarz leuchtendes Beispiel für eine himmelschreiende Ungerechtigkeit gegenüber den Opfern jener Nazis, die aberwitzige Verbrechen begingen und davonkamen, unterstützt und geschützt wurden. Für die Bestrafung aktuell begangener Kriegsverbrechen verheißt das nichts Gutes.

Matz, Jorz Maillet: Das Verschwinden des Josef Mengele
Nach Olivier Guez
Knesebeck 2022
Hardcover 192 Seiten
ISBN: 978- 3-95728 -756-4

Meron Mendel: Über Israel reden

Über Israel wird hierzulande viel zu viel geredet und zu wenig anderen zugehört. Ein Streifzug durch Abgründe einer immer grotesker werdenden Debatte, die der Lösung des Konfliktes zwischen Israelis und Palästinensern in keiner Weise verpflichtet ist. Cover Kiepenheuer&Witsch, Bild mit Canva erstellt.

Am 07. Oktober 2023 verübte die Hamas einen umfassenden Terrorangriff auf Israel. Meron Mendels Buch Über Israel reden erschien gut ein halbes Jahr vor dieser unmenschlichen, grausamen und propagandistisch umfassend orchestrierten Attacke. Was im Gefolge dieser mitleidlosen Schlächterei an Zivilisten geschah, hat mich persönlich fassungslos gemacht.

Offener und versteckter Antisemitismus, Israelfeindlichkeit (was nicht dasselbe ist, wie Mendel darlegt) verbunden mit Äußerungen, die frei von Empathie waren, dafür voller ideologischer Formeln, menschenfeindlicher Phrasen und Versuchen der Instrumentalisierung. Es erschien allein wichtig, sich zu positionieren, Haltung zu zeigen, sich von der eigenen Anhängerschaft beklatschen zu lassen und anders Denkende als »Feinde« zu diffamieren und zu behandeln.

Aktuell gib es kaum noch einen Raum, in dem man die Situation in Israel und den palästinensischen Gebieten offen analysieren könnte – jenseits von ideologischen Festlegungen und Vorurteilen. Derzeit scheint der einzige Zweck einer Debatte darin zu bestehen, die jeweils eigene Position zu verkünden, von Fans bestätigen zu lassen und die Ansichten des Gegners zu delegitimieren.

Meron Mendel: Über Israel reden

Mittlerweile hat sich mein Bild etwas geklärt, was vor allem an dem Buch von Mendel liegt. Der Autor unternimmt eine weite Reise in den Abgrund, er beschreibt und analaysiert eine ganze Reihe von Dingen, wie sie im Gefolge des Terrors zu erleben waren. Der Untertitel Eine deutsche Debatte verrät seinen Schwerpunkt, dennoch ist es auch dann hilfreich, wenn man auf Äußerungen von Greta Thunberg, linken US-Demokraten, Promis aller Genres usw. stößt.

In Deutschland geschieht der Umgang mit Israel wegen des Holocaust sehr speziell. Mendel geht auf den historischen Umgang mit der Judenverfolgung und -vernichtung ein, er befasst sich mit dem Wandel, der sich in den zurückliegenden siebzig Jahren vollzogen hat. Es ist bemerkenswert, wie sehr sich linke Positionen teilweise soe veränderten, dass sie konsensfähig mit dem wurden, was auf ultrarechter Seite postuliert wurde.

Atemberaubend sind manche Bemerkungen, von denen der Autor berichtet. Seien es deutsche Lehrer, Weltautoren wie Günter Grass, Journalisten der Springer-Presse, Terroristen der RAF, FDP-Politiker, Altgrüne, aber auch auf den ersten Blick harmlos wirkende Bemerkungen, wie Angela Merkels Wort von der »Staatraison« Deutschlands, Israel zu schützen. (Was heißt in dem Zusammenhang eigentlich »Staatsraison«?)

Mendel stellt vieles infrage und stellt manches auch bloß. Wenn der Schleier verschwindet, blickt man in die Fratze allzu vertraut wirkender Vorurteile, Plattitüden, antijüdischer Zuschreibungen und Verschwörungsgeraune. Um Israel bzw. den Konflikt zwischen Juden und Palästinensern geht es in den Äußerungen dabei selten genug, eher um Schuldzuschreibungen und Entlastung von historischer Verantwortung.

Breiten Raum bekommt das Phänomen namens BDS, was für Boycott, Divestment and Sanctions  steht. Bewusst ist hier von »Phänomen« die Rede, das scheint doch eher eine geisterhafte Erscheinung zu sein, vielfältig, schillernd, amorph, vernetzt und totalitär, aber trotzdem keine zentrale Organisation. Das erschwert den korrekten Umgang mit klar israelfeindlichen und antisemitischen Äußerungen und Aktionen des BDS.

Für jemanden, der in Israel geboren und sozialisiert wurde, und sich selbst als links empfindet, ist es schwer erträglich, wie linke Gruppierungen mit dem Thema umgehen. Ein beliebter Ansatz Linker ist die Unterteilung der Welt in Opfer und Täter, da Juden und Palästinenser zwei Opfergruppen sind, werden dramatische Verbiegungen unternommen, um Juden zu Tätern umzudichten und in die antiamerikanische Weltsicht einzuhegen.

Die Debatte ist emotional aufgeladen, von einem ganzen, immer größer und komplizierter werdenden Strauß an Interessen geprägt, deren Wortführer jede Gelegenheit wahrnehmen, das Thema Israel zu instrumentalisieren. Über Israel reden zeigt dem Leser auf eine bemerkenswert sachliche und differenzierte, nachdenkliche Weise, wie seit Jahrzehnten von wem in Deutschland geredet wird.

Recht oft musste ich während des Hörens an das Buch von Die Verlockung des Totalitären von Anne Applebaum denken. Die dort genannte Diagnose, dass viele Menschen mit totalitären Neigungen weder Widersprüche noch den sich daraus ergebenden Streit bzw. Lärm noch die fehlenden einfachen Lösungen aushalten können, trifft wohl auch auf viele Äußerungen zum Thema Israel zu.

Das wäre vielleicht auch eine Antwort auf die Frage, warum sich so viele sich in unerbittlicher, ja totaler Weise zum Thema äußern, obwohl sie weder betroffen noch von Kenntnis geküsst sind.

Meron Mendel: Über Israel reden
Eine deutsche Debatte
Kiepenheuer&Witsch 2023
Gebunden 224 Seiten
ISBN: 978-3-462-00351-2

Volker Kutscher: Olympia

Das Leben Geron Raths hat sich dramatisch gewandelt, er kämpft auf verlorenem Posten. Auch für Chary und Fritze ist im Sommer 1936 der Punkt erreicht, an dem die bisherige Überlebensstrategie nicht mehr trägt. Von ein paar kleinen Wermutstropfen abgesehen, ein großartiger Roman. Cover Piper-Verlag, Bild mit Canva erstellt.

In dem Roman Olympia von Volker Kutscher geht es zu wie in einem Spukschloss, so viele Geister der Vergangenheit treiben ihr Unwesen. Die Geister der Gegenwart, die Rath in einem schaurigen Reigen umtanzen, passen eher zu einem finsteren Horror-Schloss, Folterkeller inklusive. Sie tragen schwarze Uniformen, unterstehen Heinrich Himmler, dem Chef von Polizei und SS im »Dritten Reich«, tanzen nach der Pfeife Reinhold Heydrichs, des Herren über Unrecht und Ordnung.

Am Ende des Vorgängerromans Marlow saß Oberkommissar Gereon Rath in einer Falle, die ihm ein Geist der Vergangenheit namens Sebastian Tornow gestellt hatte. Der ehemalige Polizist, einst von Rath überführt, Mitglied der Verbrecherorganisation »Die Weiße Hand« zu sein, hatte seinen Arm verloren, war ins Ausland geflohen, ehe ihm der Machtwechsel in Deutschland 1933 das Tor zurück geöffnet hatte. Er gehört mittlerweile zum mächtigen Schwarzen Orden der SS.

Der Oberkommissar Gereon Rath ist seitdem ganz vom Wohlwollen des hasserfüllten Tornow abhängig, seine Position in den nationalsozialistischen Institutionen zunehmend unklar: Offiziell gehört er zum Landeskriminalamt, praktisch hängt er am Gängelband seiner Nemesis. Die Frage, ob sich Rath mit seinem Instrumentarium aus (Halb-)Lügen, Lavieren und Tänzeln am Abgrund wieder aus der Affäre ziehen kann, stellt sich kaum, denn schon in den Romanen Lunapark und Märzgefallene hat diese Überlebensstrategie bestenfalls Schlimmeres verhindert.

Es war nicht das Leben, das er sich ausgesucht hatte, aber wer konnte das schon, zumal in diesen Zeiten. Er konnte froh sein, dass er überhaupt noch eines hatte.

Volker Kutscher: Olympia

Da Olympia mit einem kleinen Prolog aus dem Jahr 1937, von der Handlung aus also ein Stück in der Zukunft liegend, beginnt, weiß der Leser schon, dass einiges in die Brüche geht. Die Olympischen Spiele von 1936, die dem NS-Regime einen Propaganda-Triumph bescherten, haben das Leben eines Mannes grundlegend geändert, wie es heißt. Der hat eine neue Identität angenommen, er arbeitet und lebt in bescheidenen Verhältnissen, zurückgezogen und weit weg von Berlin. Man ahnt, von wem die Rede ist.

Die Vergangenheit ruht jedoch nicht, sie ruht nie. Sie holt den Mann in seinem verdeckten Exil ein. Als er nach getaner Arbeit in seine bescheidene Unterkunft zurückkehrt, sitzt ein Toter in seinem Sessel und eine vertraute Frauenstimme begrüßt ihn. Dieser Spoiler verrät faktisch nichts, reißt vielmehr eine baugrubengroße Leerstelle auf, die der Leser unbedingt gefüllt sehen will; die Spannung schießt sogleich nach oben.

Volker Kutscher hat die Vergangenheit schon in den Romanen ab Die Akte Vaterland fabelhaft in seine Handlung integriert, den Mordfall ganz wunderbar aus zurückliegenden Ereignissen hergeleitet und motiviert. Diesmal bündeln sich die von Rath (und dem Leser) erlebte Vergangenheit in der Handlung, treiben sie voran, bremsen sie aus, lenken die Gedanken und Spurensuchen in Sackgassen und vor allem in die finsteren Abgründe des Dritten Reichs.

Nichts hatte sich verändert.

Volker Kutscher: Olympia

Im Sommer 1936 trifft Gereon Rath diese Feststellung im Nassen Dreieck, einer Kaschemme, deren Interieur so wirkt, wie immer schon. »Immer« meint vor allem die Zeit vor 1933, die Zeit der Weimarer Republik, der oft wankenden, stets auf das Heftigste angefeindeten Demokratie, der am Ende vor allem die Demokraten fehlten. Eine Illusion, wie der im Nassen Dreieck sitzende Gereon Rath weiß.

Dreieinhalb Jahre nach der Machtübergabe an Hitler hat sich nämlich alles verändert. Nicht nur draußen, vor den Scheiben des Nassen Dreiecks, sondern auch bei den Personen, die sich drinnen treffen. Reinhold Gräf, ehemaliger Freund, ehemaliger Polizist, ehemaliger Gestapo-Beamter und mittlerweile Untersturmführer im SD ist der Führungsoffizier des Inoffiziellen Mitarbeiters Gereon Rath, offiziell Oberkommissar im Landeskriminalamt.

Gräf ist also auch eine Art Geist der Vergangenheit, der sich in der Gegenwart zu einem Schreckgespenst gewandelt hat. Der eigentliche Unhold ist jedoch Obersturmführer Tornow, ein deutlich ranghöheres Mitglied der SS als Gräf, der Rath unbarmherzig schurigelt. Spurt der nicht, landet er im Konzentrationslager, das im Roman konsequent mit KL abgekürzt wird; das Schicksal blüht auch der unwissenden Charlotte Rath, das Leben der beiden ist das unter einem (für Charly unsichtbaren) Damoklesschwert.

›Und wenn sie nichts sagt, reichst du sie dann zur Folter an die Gestapo weiter.‹

Volker Kutscher: Olympia

Was KL für deren Insassen bedeutet, warum der Name Gestapo oder die Adresse Prinz-Albrecht-Straße bei allen Menschen in Deutschland, selbst SA- und Parteimitgliedern Angst auslösen, wird dem Leser auf recht drastische Weise vorgeführt. Rath, der ewig Lavierende, instrumentalisiert selbst ein wenig diese Angst, als er an seinem neuen Einsatzort zu verdeckten Ermittlungen eingeschleust wird und die widerspenstigen Kollegen bald glauben, er wäre selbst ein Gestapo-Mann.

Rath ermittelt im Olympischen Dorf, wo ein Todesfall geschieht, der aus politischen Gründen kein Mord sein darf. Der Tote ist ein Amerikaner, Funktionär in der Schwimmmannschaft der USA, die – bedauerlicherweise und nicht zur Nachahmung empfohlen – die Spiele nicht boykottierten. Ein Mord würde den für die Nazis so wichtigen Spiele beschmutzen, deren Propagandawert beeinträchtigen, daher sind diese »Ermittlungen« von Anfang an ein groteskes Irrspiel mit der Wahrheit, politischen Interessen, Machtkämpfen und persönlichem Hass.

Die Polizeiarbeit in Deutschland hat sich 1936 dramatisch verändert. Das »Politische« genießt Vorrang, wie in allen totalitären Regimen wird nicht nach der Wahrheit, sondern nach einer passenden Erzählung gesucht – im Falle des Dritten Reichs lautet ein Leitmotiv: kommunistische Verschwörung. Entsprechend wird nach Verdächtigen gesucht, die brutal verhört werden und in Haft bleiben, wenn sie trotz Gewaltanwendung nichts aussagen und ihre Schuld eigentlich widerlegt ist.

›Ich weiß nur, wenn wir unsere Erkenntnisse an die Behörden weitergeben, dann begehen  wir einen Mord.‹

Volker Kutscher: Olympia

Wenn zwingende Gründe auftreten, die der Grundannahme widersprechen, werden diese zurechtgebogen, bis sie mit den Interessen der SS übereinstimmen, oder aber ignoriert bzw. vertuscht, ganz wie es beliebt. So entsteht ein kurioses Hin und Her, das ganz passend den Eindruck einer überwältigenden Willkür und schmerzlicher Ungerechtigkeit erzeugt. Rath ist zu einem Spielball degradiert, obendrein persönlich in das verworrene Mordgeschehen verstrickt.

Sein ehemaliger Ziehsohn Friedrich Thormann (»Fritze«) ist als Ehrendienstler auch im Olympischen Dorf tätig. Sein Interesse gilt einem Autogramm des US-Sprint-Superstars Jesse Owens, dem vierfachen Goldmedaillengewinner bei diesen Spielen, eine Leistung, die angesichts der im Reich gepflegten Lehre von der überlegenen »weißen Rasse« der so genannten »Arier« zu obskuren Lügen und Verschwörungserzählungen zwingt.

Fritze ist Zeuge des Todes, der kein Mord sein darf, und wird in den Fall und dessen lebensgefährlichen Wirrnisse hineingezogen, hinter denen tatsächlich eine Verschwörung steht, aber eine ganz andere, als gedacht. Auch Charly steht unter Druck, sie arbeitet mit Ex-Polizist Böhm heimlich als Fluchthelferin. In Olympia kommen diese Formen des Durchwurstelns im »Dritten Reich« an ihre Grenze, Kutscher zwingt seine Helden dazu, sich den Tatsachen, so schmerzlich sie auch sind, zu stellen.

›Oberkommissar Rath ist zu einem Risiko für Deutschlands Sicherheit geworden. Er muss beseitigt werden.‹

Volker Kutscher: Olympia

Gegen Ende des Romans überspannt Volker Kutscher den Bogen für meinen Geschmack ein wenig. Sowohl die Auflösung der Todesfälle als auch der Showdown sind nicht so gelungen, wie in den anderen Romanen. Gewünscht hätte ich mir auch eine spürbare Entwicklung von Charlotte Rath, die noch immer aus einer sehr spontanen, fast naiven Haltung heraus agiert, was angesichts ihrer Klugheit und des langen Weges, den sie von der Stenotypistin zur Fluchthelferin zurückgelegt hat, nicht recht passen will.

Das ist ein kleiner Wermutstropfen angesichts der großen, sich zuspitzenden Spannung, von der die Handlung in diesem Roman getragen wird. Die vielen Wendungen, groß und klein, die meisten Entscheidungen der Personen, sind sehr gut motiviert. Das Ende oder: die Enden sind wie Türen in den folgenden Band, den man gleich im Anschluss lesen möchte.

Vor allem mochte ich das große Bild, das gezeichnet wird, die Atmosphäre, als läge Berlin unter einer Winternacht: In einem Unrechtsstaat kann niemand anständig bleiben, Wegducken, Mitlaufen, selbst williges Mitschwimmen und Mittun im Strom kann – wenn der Zufall es will – verheerende Folgen zeitigen. Vor derlei Unbill schützt nur das Recht im Rechtsstaat, ist der erst einmal geschleift worden, ist es zu spät.

Weitere Romane der Buchreihe:
Volker Kutscher: Die Akte Vaterland.
Volker Kutscher: Märzgefallene.
Volker Kutscher: Lunapark.
Volker Kutscher: Marlow.
Volker Kutscher: Transatlantik.

Volker Kutscher: Olympia
Piper 2020
Gebunden 544 Seiten,
ISBN: 9783492070591

« Ältere Beiträge Neuere Beiträge »

© 2026 Alexander Preuße

Theme von Anders Norén — Hoch ↑