Schriftsteller - Buchblogger

Schlagwort: Deutschland (Seite 6 von 18)

Lesevorhaben 12 für 2025

Diese zwölf Bücher möchte ich im laufenden Jahr lesen. Das ganze ist eine so genannte Challenge, auf die ich bei Instagram gestoßen bin.

Sechs Romane und sechs Sachbücher habe ich für mein Lesevorhaben 12 für 2025 ausgewählt. Der Fokus liegt ganz eindeutig auf historisch-politischen Themen, auch bei Schubert (»und seine Zeit«). Ich erhoffe mir einen weiteren Horizont nach der Lektüre, um das »Schaffen« geht es mir nicht. Meine mir im Vorjahr selbst auferlegte Buchkauf-Diät bleibt bestehen.

Thomas Medicus: Klaus Mann
Biographie, Schriftsteller, kenne alle Romane

Stephan Thome: Gott der Barbaren
Roman, Historisch, China

Friedrich Christian Delius: Die Sieben Sprachen des Schweigens
Essays, Autobiographisch, toller Autor

Thomas de Padova: Allein gegen die Schwerkraft
Biographisch, Erster Weltkrieg, Einstein

Philip K. Dick: Das Orakel vom Berge
Roman, Historische Dystopie, Hitler hat den Krieg gewonnen

Stefan Hertmans: Krieg und Terpentin
Roman, Erster Weltkrieg, Perspektive belgisch-flämisch

Nino Haratischwili: Das achte Leben
Roman, Georgien, epischer Mehrgenerationenroman

Arthur Koestler: Sonnenfinsternis
Roman, Stalinismus, mein zweites Buch vom Autor

Peter Gülke: Franz Schubert und seine Zeit
Biographie, Komponist, mehrere Werke gehören zu meinen Favoriten

W.B. Bartlett: King Cnut
Biographie, Wikinger, neben Claudius & William der dritte Eroberer Englands

Robert Harris: Precipice
Roman, 1914, kenne fast alles von Harris

Mischa Meier: Die Völkerwanderung
Historiographie, es gab keine »Völker«, also auch keine »Völkerwanderung«

Volker Kutscher: Rath

Ein furioser Abschluss der großartigen Romanreihe um Gereon Rath. Volker Kutscher spielt sämtliche Stärken noch einmal gekonnt aus, ein kleiner Wermutstropfen trübt das rundum positive Bild kaum. Cover Piper Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Zum Zeitpunkt, da die Handlung des Romans Rath anhebt, war es noch ein Jahr hin, dass der deutsche Wehrmachtsoffizier Wilm Hosenfeld angesichts der unmenschlichen Behandlung von Polen und Juden seine Uniform in Fetzen reißen wollte. Drei Jahre fehlten noch zum »Holocaust mit Kugeln«, der hunderttausende Opfer forderte. Und es blieben noch vier Jahre bis in den Gaskammern Millionen starben.

Der Zivilisationsbruch durch die Kulturnation Deutschland kam nicht aus heiterem Himmel. Wer die Romane Volker Kutschers um den Kriminalkommissar Gereon Rath liest, erlebt hautnah, wie das Gift nationalsozialistischer Ideologie in den Jahren vor und nach 1933 immer tiefer in die Gesellschaft und ihre Institutionen einsickerte, sie durchdrang und schließlich mit millionenfacher bereitwilliger Beihilfe in Krieg und Massenmord führte.

Die Romanreihe endet in jenem Moment, in dem der Zivilisationsbruch für alle Welt sichtbar wurde. Zielstrebig steuert die Handlung von Rath auf den 9. November 1938 zu. Die »Reichspogromnacht« fegte die letzten Zweifel an der gnadenlosen Exekution der antisemitischen Ideologie des NS-Regimes beiseite, es war der Schritt von Ausgrenzung und Ausschreitungen zur systematischen Gewaltanwendung jenes entrechteten Teil der Bevölkerung Deutschlands, der von den Machthabern als »jüdisch« angesehen wurden.

Literatur, die sich auf das Feld der Politik begibt, droht immer von dieser verschlungen zu werden.

Leonardo Padura, Das Meer der Illusionen

Volker Kutscher webt auf brillante Weise dieses historisch-politische Motiv in die Romanhandlung ein. Das ist ein Glanzpunkt von Rath, denn Kutscher gelingt das Kunststück, politisch zu schreiben, ohne den Roman von der Politik verschlingen zu lassen. Seine Figuren erleben, was es heißt, in dieser Zeit existieren zu müssen. Überleben ist keine Selbstverständlichkeit. Die Szenen, die den 9. November 1938 erzählen, sind von mitreißender Dichte. Die Atmosphäre erfasst den Leser und lässt ihn nicht wieder los.

Die Erschütterung des Pogroms, das zügellose Treiben der Nazis, das Verhalten der nicht-jüdischen Nachbarn, die völlige Recht- und Schutzlosigkeit der Opfer erleben gleich mehrere Personen am eigenen Leibe, die während der Handlung mit Gereon, Charlotte und anderen bekannten Personen zu tun hatten. Was über die als jüdisch geltende Bevölkerung hereinbrach, war bis dahin eher aus dem Osten Europas bekannt; die Illusion der jüdischen Integration in Deutschland seit Friedrich dem Großen verflüchtigte sich endgültig.

Der Herbst 1938 war auch in anderer Hinsicht disruptiv, was Kutscher zum Vorteil der dynamischen Romanhandlung nebenbei abhandelt. Aus München dringt während der Handlung immer wieder der ferne Donner eines heraufziehenden Krieges. Das Unheil kann gerade noch abgewendet werden, die in Verruf geratene Appeasement-Politik führte zu einer Übereinkunft auf dem Rücken der Tschechoslowakei. Damit liefen Putsch-Pläne des deutschen Militärs ins Leere, ein noch größeres Unheil, das in einem Halbsatz durchschimmert. Mehr braucht es auch nicht.

›Hilft ja alles nix. Am Ende entscheidet Hitler darüber, ob er Kriech will oder nit.‹

Volker Kutscher: Rath

Wie aber beendet man eine Buchreihe an einem nachtschwarzen Zeitpunkt? Ein Happy End verbietet sich. Volker Kutscher hat in einem Interview mit der FAZ einen interessanten Hinweis auf seine Überlegungen gegeben. Ein mögliches Final-Szenario wäre gewesen, dass die Familie Rath (Gereon, Charlotte, Friedrich) in Prag ist, wohin sie zwischenzeitlich tatsächlich flüchten wollte. Man sitzt um einen Tisch und draußen marschiert im März 1939 die Wehrmacht ein, hinter den Truppen folgen SS und Gestapo.

Kutscher hat sich für ein anderes, spektakuläres Ende entschieden, was mir außerordentlich gut gefallen hat. Der Leser schaut einigen lose im Wind der Geschichte baumelnden Erzählfäden hinterher, im Grunde genommen weiß man bei keiner der überlebenden Personen, wie es mit ihnen weitergehen wird. Das ist ein angemessener Umgang mit einem historischen Stoff, denn Geschichte ist immer offen. Nur rückwärtsgewandte Propheten behaupten anderes.

Die Wirkung des Endes wird verstärkt durch die dramatische Zuspitzung der Handlungsstränge. Das letzte Drittel des Romans liest man wie im Rausch, ein Pageturner, befeuert von voranjagender Spannung. Die vielfältigen Konflikte der vorangegangenen Bücher steuern auf eine »Lösung« zu, vor allem die Verwicklungen um Rath-Tornow-Gräf und Charly-Rademann-Fritze finden ihr überraschendes Ende.

Ihr könnt nicht da weitermachen, wo ihr aufgehört habt. All diese Dinge sind passiert. Die haben euch verändert. Die Zeiten haben sich verändert. Und eure Ehe, wenn man das noch so nennen kann, sowieso.

Volker Kutscher: Rath

Rath wie die gesamte Buchreihe lassen viele (Neben-)Figuren nicht unberührt von dem, was ihnen widerfährt. Wenn etwa ein SA-Mann von einem Bürger zu Tode geprügelt wird, zeigt das eben auch, wie sehr die zügellose Gewalt des Regimes und seiner Formationen in die Gesellschaft zurückwirkt. Auch dort brechen die Barrieren. Die Tötung ist keine reine Rache-Szene á la Italo-Western, sondern ein Sinnbild der fortschreitenden Enthemmung, die von den Nazis auf gewöhnliche Bürger ausstrahlt.

Auch die Hauptfigur ist davon betroffen, denn die Beziehung Gereons mit Charlotte ist erodiert und brüchig. Die Flucht nach Amerika nach dem Scheintod hat die Distanz vergrößert, der Graben bleibt auch in Rath lange offen. Allein die Umstände lassen nur kurze Stelldicheins in einem Hotel in Hannover zu. Gereon ist im Rheinland untergetaucht, Charlotte wurstelt sich in Berlin als Detektivin durch, ehe die Umstände rasante Veränderungen herbeiführen.

Wie schon in Transatlantik trägt Charly die Hauptlast der Handlung, Gereon ist abgetaucht. Kutscher deutet an einer Stelle ein geradezu klassisches Handlungsmotiv an, indem er Charlotte in dramatische Schwierigkeiten geraten und Gereon zu ihrer Rettung aufbrechen lässt. Die Rettungsmission löst sich jedoch auf überraschende Weise auf und Gereons Rolle als Retter läuft ins Leere. Mich hat bei der Lektüre die Frage beschäftigt, ob eine Buchreihe, die in acht von zehn Teilen auf eine Figur zugeschnitten ist, in den letzten beiden Bänden einen so weitreichenden Schwenk weg von der Hauptfigur vollziehen sollte.

Gereon Rath schwindet bereits in Transatlantik als handelnde Figur, mehr noch in Rath. Seine Lebensweise, das unpolitische Durchwursteln mit Abstechern in die Grauzone der Legalität, war schon lange an einer Grenze angekommen, dahinter blieb nur noch eine Flucht in die USA. Das Schwinden der Person in der Handlung spiegelt die Ausweglosigkeit und mangelnde Lernfähigkeit Gereon Raths wider und ist absolut vertretbar. Die Frage sei gestattet, ob unter diesen Umständen noch die letzten beiden Bände in der Form sinnvoll sind.

Die Frage stellt sich noch aus einem anderen Grund. 

Schwerer wiegt nämlich, dass die Gegenfigur zu Gereon nicht recht glaubwürdig wirkt. Charlotte Rath war bereits in den vorangegangenen Bänden einerseits ein wenig zu tough, gleichzeitig in ihren (oft selbstschädigenden) Handlungsmustern gefangen. Das setzt sich verschärft in Rath fort. Insbesondere die hochdramatischen Ereignisse nach dem Verrat eines alten »Freundes«, den Kutscher grandios als Musterbeispiel des angepassten Karrieristen gestaltet, hinterlassen scheinbar nur zarte äußerliche Spuren. Sie tritt danach wie davor auf, was schwer zu glauben ist.

Von dieser leisen Kritik unabhängig ist Rath ein furioser und angemessen furchtbarer Abschluss einer großartigen Buchreihe. Die Ermittlungen um den »Kriminalfall« bilden wieder einen leitenden roten Faden, die Erzählung ist abermals makellos in die Zeitläufte eingewoben. Die handelnden Figuren prallen aufeinander, wirbeln umeinander, ringen miteinander, verkrallen sich ineinander und führen einen irren Tanz auf, einen Totentanz am Abgrund.

Weitere Romane der Buchreihe:
Volker Kutscher: Die Akte Vaterland
Volker Kutscher: Märzgefallene
Volker Kutscher: Lunapark
Volker Kutscher: Marlow
Volker Kutscher: Olympia
Volker Kutscher: Transatlantik

[Rezensionsexemplar]

Volker Kutscher: Rath
Piper 2024
Gebunden 624 Seiten
ISBN 978-3-492-07410-0

Andrej Kurkow: Im täglichen Krieg

Kurkow gelingt das Kunststück, den schrecklichen Alltag des Krieges näherzubringen, ohne den Leser damit zu überfordern. Cover Haymon-Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Es mag seltsam erscheinen, aber die Lektüre von Andrej Kurkows Im täglichen Krieg ist eine Art literarische Impfung gegen lähmende Angst, Überforderung und Ohnmacht. Die Beiträge des ukrainischen Autors schildern Ausschnitte des Alltags im russländischen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Der wird bekanntlich nicht nur an der Front, sondern auch gezielt gegen die Zivilbevölkerung geführt. Russland beabsichtigt eine vollständige Vernichtung der Ukraine.

Wer in den vergangenen Jahren nicht im seligen Tiefschlaf verbracht hat, weiß auch um die Aggressivität des Putin-Regimes gegen den demokratischen Westen. Dabei kann sich der Diktator auf eine Achse der Autokraten stützen, deren Ziel die Zerstörung der unliebsamen, für die Bevölkerung trotz aller Misslichkeiten viel lebenswerteren Staaten, die dem »Westen« zugerechnet werden. Diese sind für Alleinherrscher eine Bedrohung, weil sie als Alternative wahrgenommen werden könnten.

Faktisch führt Russland unter der Hand einen verdeckten Krieg gegen den Westen. Eine grundsätzlich bedrohliche Situation, die oft von interessierten Kreisen verschärft wird. Ein unschönes Beispiel ist die bewusst herbeigeführte Abhängigkeit Deutschlands von Russland bei Energielieferungen. Zu Kriegsbeginn drohten erhebliche wirtschaftliche und soziale Verwerfungen. Menschen reagieren auf Krisen ganz unterschiedlich, nicht wenige mit Verdrängung von Tatsachen und der Neigung, sich falschen Versprechungen zu öffnen.

Auch jene, die offen der Gefahr ins Auge sehen und etwas tun wollen, werden mit einer flatterhaften Flut an Meldungen, Nachrichten, Aufrufen, Lügen, Desinformation, verharmlosenden Medienberichten konfrontiert. Besonders auf den einschlägigen Plattformen im Internet kann der Nutzer schnell das Gefühl bekommen, überrollt zu werden. Ohnmacht ist die düstere Schwester der Angst, beide lähmen und lassen die Neigung wachsen, sich abzuwenden.

Das Schlimmste ist vielleicht, dass der Verlust eines Menschenlebens zu etwas Alltäglichem geworden ist. Im Krieg arbeitet der Tod am Fließband.

Andrej Kurkow: Im täglichen Krieg

Im täglichen Krieg wirkt diesen Zuständen entgegen. Wie das Zitat zeigt, hat Kurkow keine Freudenbotschaften zu verbreiten, er verharmlost die schockierenden Verbrechen in der Ukraine nicht. Doch schildert er den Alltag im Krieg auf eine unaufgeregte Weise. Der Stil des Autors, bekannt aus seinen Romanen Samson und Nadjeschda oder Graue Bienen, ist ist ein großes Plus des Buches. Ein ruhiger, gemessener Erzählduktus führt den Leser durch das jeweilige Thema, der ohne aufmerksamkeitsheischende Übertreibung auskommt.

Zunächst einmal ist es grundsätzlich wichtig, jene zu Wort kommen zu lassen, die von diesem Krieg betroffen sind – die Ukrainer. Deren Befindlichkeiten sollten bei allem, was über den Krieg zu berichten, einzuschätzen und entscheiden ist, die wesentliche Rolle spielen. Die »Zeugen des Sofas« (Christoph Brumme) im Westen sollten ihre Befindlichkeiten hintanstellen. Wer zuhört, beginnt nicht nur zu begreifen, was der Krieg vor Ort anrichtet, sondern auch, was die Kampfhandlungen hier verändern. Jeder Krieg hat einen langen Arm. 

Kurkow erlebte den Beginn des Krieges in Kyjiw, er war Binnenflüchtling und kehrte zwischenzeitlich wieder in die Hauptstadt zurück. Über den Alltag der permanenten Bedrohung durch russische Luftangriffe weißt er eine Menge zu erzählen. Etwa über das bekannte Motiv, bei Luftalarm zwei sichere Wände möglichst weit von den Außenmauern und Fenstern entfernt aufzusuchen, um Verletzungen durch Glassplitter bei berstenden Scheiben zu vermeiden. Der Flur ist zum Lebensort geworden.

Das sind Äußerlichkeiten. Der Krieg geht aber im Innern weiter, auch wenn man sich äußerlich von den Kämpfen und Bedrohungen entfernt. Kurkow beschreibt anschaulich, wie er auf Auslandsreisen die Umgebung automatisch daraufhin überprüft, wo er im Falle eines Angriffs am besten Schutz findet. Etwa einen Ort, an dem er nicht einem Regen aus Glassplittern ausgesetzt wäre, wenn in der Nähe eine russländische Rakete einschlagen sollte. Kriege enden nicht für jene, die ihm ausgesetzt sind, auch wenn sie sich außerhalb der Reichweite der Waffen begeben.

Wie eine Krankheit bestimmt der Krieg unser Verhalten, unsere Gedanken und sogar unsere Gefühle. Der Krieg übernimmt das Denken für uns. Er entscheidet sogar für uns.

Andrej Kurkow: Im täglichen Krieg

In einem Kapitel beschreibt Kurkow, wie das Fortleben des Krieges von der Sowjetunion im Falle des Zweiten Weltkrieges verstärkt wurde. Als Kind wurde er von Geschichten über den propagandistisch verzerrten Großen Vaterländischen Krieg überhäuft. Veteranen in Schulen, Filme im Fernsehen und Romane erzählten von Heldentaten sowjetischer Soldaten. Hinzu kamen Kriegsspiele (d.h. »Truppenübungen«) in der Schule, Ausflüge zu Kriegsmuseen und Schlachtfeldern. Solche »Fieberträume vom Krieg«, wie sie Michail Schischkin einmal nannte, wurden in Putins Russland instrumentalisiert.

Kurkow hofft, dass die ukrainische Kultur nach dem jetzigen Krieg einen anderen Weg geht. Sie sollte den »Ukrainern helfen, den Krieg hinter sich zu lassen und ihre Traumata zu bewältigen«. Sie solle für Meinungsfreiheit und Vielfalt eintreten, zugleich aber eine einigende Kraft werden. Diese kurzen Abschnitte zeigen, wie gewaltig die kulturelle Kluft zwischen der Ukraine und dem propaganda- und hassgesättigten Russland mittlerweile ist.

Kurkow verschweigt auch nicht, dass die Ukrainer durch den immer länger sich hinziehende Krieg unter Druck geraten. Kriege zermürben. Die vielgerühmte Resilienz ist kein unerschöpflicher Brunnen, gerade im Angesicht eines Gegners, der auf Vernichtung aus ist, treten Überforderungen auf. Atempausen vom Krieg, von der Belastung, dem Terror sind nötig, aber schwierig, denn auch in ruhige Gegenden reisen Terror und das schlechte Gewissen mit.

In vielen Passagen wird das Bemühen Kurkows deutlich, sich selbst eine Funktion im Krieg zuzuschreiben. Es klingt nach dem Versuch, das Schreiben zu rechtfertigen, eine Tätigkeit, die recht fern vom Kampf, von Rettung oder Wiederaufbau ist. Was ist die Aufgabe eines Schriftstellers im Krieg? Hilft die eigene Tätigkeit oder ist es nur die Ablenkung von der Ohnmacht? Anders als das Liken und Retweeten in den Sozialen Medien ist das Schreiben keineswegs sinnlos, wie ich bei der Lektüre von Im täglichen Krieg an mir selbst feststellen konnte.

Das Thema Verrat ist in der Ukraine ganz und gar kein beliebtes und wird definitiv nur höchst ungern angesprochen.

Andrej Kurkow: Im täglichen Krieg

Die Ukraine ist kein idealer Staat, ihre Bürger sind weder Engel noch Lichtgestalten. Auch nach dem Beginn des russischen Angriffskrieges gibt es genügend Probleme – wie könnte es auch anders sein, hat doch der seit 2014 schwelende Krieg im Osten des Landes eine Modernisierung und Reformierung massiv behindert. Kurkow verschweigt viele der Schwierigkeiten nicht, Korruption, fehlende Bunker, kontraproduktive »Hilfe«, Versagen der Behörden, Politspielchen.

Seine Herangehensweise ist nicht nur konstruktiv, sondern auch enorm kreativ. Ein schönes Beispiel für Kurkows originellen Stil ist das Kapitel mit der auf den ersten Blick etwas seltsamen Überschrift »Bienen und Verräter«. Der Autor verwebt in jedem Abschnitt wenigsten zwei Motive, die augenscheinlich nichts miteinander zu tun haben. Doch gelingt ihm ein Brückenschlag, der den Blick auf die vielschichtige und widersprüchliche, chaotische Wirklichkeit des Kriegsalltags freigibt.

Einige der vielen Helfer in der Ukraine kümmern sich um verwaiste Katzen aus den Frontgebieten. Dort lebten vor dem Krieg zahllose Bienenzüchter, einer davon ist Hauptfigur in Kurkows fabelhaften Roman Graue Bienen. Zehntausende Bienenvölker könnten infolge des Krieges verloren gehen, die Bienen verwildern und vor dem Lärm fliehen. Ein Soldat mit Imker-Kenntnissen nimmt sich bei Bachmut eines Bienenvolkes an und gibt ihm in einer Munitionskiste ein Zuhause. Als der Imker versetzt wird, können die Bienen dank eines Freiwilligen (ohne Imker-Kenntnisse) in ihrer Kiste nach Westen fliehen.

Von den Bienen kommt Kurkow auf die Menschen im Frontgebiet, die zum Teil abwarten, statt zu fliehen. Neben pro-ukrainischen gibt es darunter jedoch auch verräterische Abwartende, die bei erster Gelegenheit mit den Invasoren kollaborieren. Ein unangenehmes Thema, das Kurkow über das Bienen-Motiv ansteuert: Ukrainer, auch in hohen Positionen, haben sich kaufen lassen, schon 2014.

In den besetzten Gebieten müssen viele Menschen mit den Russen kooperieren, denn ihnen werden vielfältige Daumenschrauben angelegt. Doch auch in den nur kurzfristig eingenommenen Dörfern um Kyjiw gab es Kollaborateure, die den Russen bei ihren Kriegsverbrechen halfen, darunter ein ehemaliger Mönch aus einem Kloster des Moskauer Patriarchats in Andrijiwka. Nach dem Rückzug der Russen blieben ihre Hinterlassenschaften, Müll, Gerümpel und auch Waffen.

Die wiedergewonnene Freiheit in den befreiten Orten liegt unter dem Schatten der überstandenen Besetzung. Betrunkene feuern mit den russischen Waffen bei Nacht, niemand will sie anschwärzen, wegen dem, was die »Alkoholiker« unter der Knute russischer Soldaten durchmachen mussten.

Es ist ein seltsames Nebeneinander in dieser neuen Hölle. Einige Bewohner bemühen sich um Normalität, andere stehlen das Gemüse aus dem Garten des Nachbarn, um Alkohol vom Erlös zu kaufen. Einer dieser »Täter« ist ausgerechnet Bienenzüchter. Das Eingangsmotiv dient zu einem Kommentar Kurkows: Eines der Bienen-Völker des räuberischen Alkoholikers wird sich aus dem Staub machen, denn:

Vernachlässigung ist auch eine Form des Verrats und genauso wie Menschen tun sich Bienen schwer damit, Verrätern zu vergeben.

Andrej Kurkow: Im täglichen Krieg

Kurkow lässt seinen Lesern Raum, um selbst über unangenehme Themen wie Verrat, Kriegsverbrechen, Kollaboration und Traumata nachzudenken, indem er auf literarische Weise für die nötige Entlastung sorgt. Angst frisst nicht nur die Seele auf, sie verhindert auch Denken und Empathie. Auf diese Weise bringt Im täglichen Krieg dem Leser den Kriegsalltag nahe, ohne diesen damit zu erschlagen. Auch aus diesem Grund ist das Buch unbedingt lesenswert, wie schon der erste Teil, Tagebuch einer Invasion.

[Rezensionsexemplar]

Andrej Kurkow: Im täglichen Krieg
Aus dem Englischen von Rebecca DeWald
Haymon Verlag 2024
Klappenbroschur 432 Seiten
ISBN: 978-3-7099-8230-3

Göttinger Literaturherbst 2024

Diesmal war ich beim Göttinger Literaturherbst per Digital-Ticket und nicht live dabei. Ich habe daher recht viele Veranstaltungen angeschaut und einige interessante Bücher kennengelernt. Bild mit Canva erstellt.

In diesem Jahr habe ich nicht wie 2023 im Vorfeld Karten für die Lesungen des Göttinger Literaturherbstes 2024 gekauft. Ich dachte, ich würde für jene, die mich interessieren, kurz vorher noch welche bekommen können. Das wäre in den meisten Fällen wohl auch so gewesen, doch leider war ich verhindert und konnte keine einzige Veranstaltung vor Ort besuchen.

Es gibt zum Glück das Digital-Ticket. Mit dem kann man bequem vom Sofa die Lesungen auf dem TV anschauen. Das ist kein Ersatz, die Atmosphäre vor Ort, insbesondere in der Aula am Wilhelmsplatz, dem Alten Rathaus oder dem Deutschen Theater, ist nicht zu ersetzen. Der große Vorteil des Online-Tickets ist jedoch, dass man tatsächlich alle Lesungen hören kann, die man hören will.

Nur zwei der vorgestellten Bücher kannte ich bereits, Die Welt in Aufruhr von Herfried Münkler sowie Herrndorf von Tobias Rüther.

Die Lesung der Biographie des viel zu früh gestorbenen und von mir sehr geschätzten Schriftstellers Wolfgang Herrndorf war mein persönliches Highlight: Gemeinsam mit Anneke Kim Sarnau las Autor Tobias Rüther aus der Biographie und den Werken Herrndorfs vor. Ein Wechselgesang durch Leben und Werk, der auf eine eindringliche Weise nahegeht. Sand und In Plüschgewittern habe ich ja schon vorgestellt, nun wird bald einmal Zeit für Tschick.

Sehr gelehrt ist das Buch Die Welt in Aufruhr von Herfried Münkler, es hält für den Leser Zumutungen bereit, wenn ausführliche Ausflüge in Geschichte und Ideenwelten unternommen werden. Nicht immer gelingt der Weg zurück in die Gegenwart, wie beispielsweise bei den Vorstellungen Machiavellis, die eine Blaupause für die EU sein könnten (laut Münkler). Aber: Nach der Lektüre ist klar, dass jene, die beispielsweise gern das Wort „komplex“ im Munde führen, um sich gegen Waffenlieferungen auszusprechen, oft genau das Gegenteil meinen, eine völlig unstatthafte Verschlichtung.

Besonders interessant war die Veranstaltung zu Muslimisch-jüdisches Abendbrot mit Meron Mendel und Saab-Nur Cheema. Mendel, von dem ich das sehr erhellende Über Israel reden vorgestellt habe, und Cheema sind ein interreligiöses Paar, wie man so schön sagt. Ihr Buch enthält jene Kolumnen, die sie für die FAZ verfassen. Wer das liest, spürt der zeitgeschichtlichen Entwicklung nach, den Bruch mit dem 07. Oktober eingeschlossen. Gemessen an der überwältigenden Monstrosität werden Dinge wie „Mikroaggressionen“ zu Petitessen. Die Einschätzung hat der Moderatorin sichtlich nicht geschmeckt – ein Augenblick, der ein großes Drama unserer Zeit offenbart.

Ein wenig holprig habe ich die Lesung von Anne Weber zu ihrem Roman Bannmeilen empfunden. Das Buch hingegen, das ich bereits in der Vorschau wahrgenommen habe, ist sogleich auf der Leseliste gelandet, denn die Passagen sind vielversprechend. Wanderungen durch die großen, oft übel beleumundeten und klischeebehaftet wahrgenommenen Vorstädte von Paris fördern viel Unvermutetes zutage, das in die Tiefen und Abgründe der französischen Geschichte führt. Schön zum Beispiel das Thema Kriegsdenkmäler: Der Große Krieg, Zweiter Weltkrieg, Indochina, Algerien – allen wird unkommentiert gleichermaßen gedacht? Warum das keine gute Idee ist, kann man auch bei Alexis Jenni, Die französische Kunst des Krieges nachlesen.

Das Foto illustriert, was Anne Weber meint. Ich habe die beeindruckende Skulptur mit ihrer fragwürdigen Inschrift in Straßburg aufgenommen.

Mit Literatur aus Italien kann ich nicht allzu viel anfangen. Der Name der Rose von Umberto Eco, Das periodische System von Primo Levi, Dantes Göttliche Komödie, Commandante von Veronesi/de Angelis und das war es auch schon, was ich an italienischer Literatur gelesen habe. Das könnte sich ändern. In Kalte Füße von Francesca Melandri werde ich sicher einmal bei Gelegenheit hineinlesen, möglicherweise auch in Malnata von Beatrice Salvioni.

Thomas Müntzer, der bekannte Anführer aus der Zeit der Bauernkriege, war nach Ansicht von Thomas Kaufmann gar nicht so bedeutend, wie  er überliefert wird. Er sieht in ihm eine Art Scheinriesen, wie Herrn Tur-Tur aus den Büchern von  Michael Ende, der immer kleiner wird, je näher man ihm kommt. Das war nicht die einzige bedenkenswerte Aussage Kaufmanns bei der Lesung, sein Buch Der Bauernkrieg eröffnet eine neue, durch unsere Gegenwart vertraute Sicht auf das Ereignis: Ein Fokus wird auf die Medien gelegt und ihre Bedeutung für den Aufstand allgemein, aber auch für die Schaffung „des“ Bauern. Selbstverständlich ist das Thema eng mit der Reformation verzahnt, entsprechend anregend war die Veranstaltung.

Timothy Snyder: Über Freiheit

Gefängnisse in den USA sind Teil der Unfreiheit, so Timothy Snyder in seinem ebenso bereichernden wie herausfordernden Buch, das dem Leser reichlich Anlass zum Nachdenken bietet. Cover C.H. Beck, Bild mit Canva erstellt.

Die Maschinen (d.h. Algorithmen) sperren uns in festere Schubladen: ethnische Herkunft, Geschlecht, Einkommen, Wohnort; sie definieren uns durch unsere wahrscheinlichsten Zustände, durch das, was wir online oder unter Überwachung tun, nicht durch das, was wir auf Berggipfeln oder unter Wasser oder bei lauter Musik oder in unseren Träumen tun.

Timothy Snyder: Über Freiheit

Es gibt Bücher, an denen führt kein Weg vorbei. Timothy Snyders Über Freiheit gehört für mich dazu. Seit der amerikanische Historiker sein Buch Bloodlands veröffentlicht hat, lasse ich mir gern vom ihm die Welt und seine Sicht darauf erklären. Bloodlands hat meine Perspektive auf Gegenwart und Geschichte derart nachhaltig und tiefgreifend verändert, wie es bei Büchern selten der Fall ist (Ganz normale Männer von Christopher Browning wäre ein anderes Beispiel), dass ich immer sehr gespannt bin, wenn etwas Neues von ihm veröffentlicht wird.

Über Freiheit  wäre ein Buch, das man FDP-Anhängern ganz dringend zur Lektüre empfehlen würde. Deren immer und überall postuliertes »Freiheit« ist hohl wie eine leere Dose, reduziert auf Fingerhutgröße und wird dem Begriff nicht gerecht. Die formelhafte Aushöhlung des Wortes wird in Über Freiheit schön aufgezeigt. Wie umfassend und durchaus vielschichtig »Freiheit« ist, zeigt sich schon auf den ersten Seiten des Buches. Auch wird deutlich, dass Synder es sich und seinen Lesern nicht leicht machen will.

Grundsätzlich ist man gut beraten, bei allem Gedankengut, das aus den USA über den Atlantik herüberschwappt, der Verlockung zu widerstehen, das eins zu ein auf Deutschland und Europa zu übertragen. Ein herrliches Beispiel ist die These, es gebe keinen Rassismus gegen Weiße. Selbst in den USA darf das bezweifelt werden, in Europa ist es schlichtweg falsch und zwar auf allen Bedeutungsebenen. Man braucht dazu nicht einmal den berüchtigten »Generalplan Ost« zu exhumieren, es reicht ein Blick auf das, was über die Ukraine und ihre Bewohner gesagt wird. Aus Russland, aber auch aus dem Westen, kommt eine Menge Rassismus, offenem und verdecktem.

Freiheit kann nicht gegeben werden. Sie ist kein Erbe. […] In dem Moment, in dem wir glauben, das Freiheit gegeben ist, ist sie weg.

Timothy Snyder: Über Freiheit

Diese Vorsicht ist auch für Über Freiheit von Timothy Snyder angebracht. Wenn dort beispielsweise etwas über das wirtschaftliche und soziale System gesagt wird, meint es vor allem das der USA, nicht aber das der Europäischen Union und erst recht nicht das einzelner europäischer Staaten mit ihren vielfältigen Eigenheiten. Selbstverständlich gibt es globale Einflüsse, die besonders von den USA beeinflusst werden. Trotzdem gibt es dramatische Unterschiede und die sollte man immer im Hinterkopf haben.

Man sollte sich also einerseits davor hüten, die Kritik unreflektiert zu übertragen, andererseits auch keine Kritik am Buch selbst üben, weil das der eigenen Sicht des spezifisch deutschen respektive europäischen Systems widerspricht. Sonst landet man zwangsläufig bei Plattitüden auf der Ebene von »Kapitalismuskritik« oder »Globalisierungskritik«. Man sollte das ernst nehmen, denn nicht umsonst sagt Snyder sagt selbst über sein Vorhaben:

Ich wurde gefragt, wie ein besseres Amerika aussehen könnte. Dies hier ist meine Antwort.

Timothy Snyder: Über Freiheit

Snyder beginnt sein Buch aber mit einer europäischen Perspektive. Das Vorwort von Über Freiheit ist im Zug von Kyjiw nach Westen geschrieben worden. Das ist in mehrfacher Hinsicht symbolträchtig, denn in der Ukraine entscheidet sich tatsächlich das Schicksal der gesamten Welt für die kommenden Jahre, eventuell Jahrzehnte. Hält die Ukraine dem russländischen Angriffskrieg stand, hält vor allem der Westen dem seit Jahren von Russland geführten hybriden Krieg gegen sein demokratisches und offenes System stand, dann wird vielleicht Schlimmeres abgewendet werden können. Ein Angriff Chinas auf Taiwan etwa, dessen Folgen derart dramatisch sein würden, dass die Turbulenzen aus dem Krieg Russlands recht bescheiden erscheinen mögen.

In der Ukraine wurden von der russländischen Armee im Jahr 2022 Gebiete besetzt und im gleichen Jahr von ukrainischen Streitkräften »befreit«. Snyder erzählt von Marija, einer 85 Jahre alten Dame, die in einer Notunterkunft bei Psad-Pokrovske lebt, nachdem die Invasoren vertrieben wurden.  Der Ort wurde befreit, sie wurde befreit – doch ist sie auch frei? Synder verneint. Er hält den Begriff »Befreiung« für irreführend, »Deokkupation«, wie ihn die Ukrainer gebrauchen, erscheint ihm passender. Denn so erst könnte man die Frage stellen, was eigentlich nötig ist, um »frei« zu sein. Konkret: Was fehlt Marija zur »Freiheit«?

Freiheit ist nicht nur die Abwesenheit des Bösen, sondern auch die Anwesenheit des Guten.

Timothy Snyder: Über Freiheit

Snyders Mission ist, dem allzu oft gebrauchten, missbrauchten Wort »Freiheit« wieder Leben einzuhauchen, der bloßen Hülle ein Wesen zu geben. Er will den Begriff definieren. Seine amerikanischen (!) Landsleute gebrauchten den Begriff oft als Abwesenheit von etwas, von Besatzung, Unterdrückung, einer Regierung. Das nennt er »negative Freiheit«, der eine »positive Freiheit« gegenüberstellt. Das Begriffspaar wirkt zunächst schematisch und auch konturlos, die Beispiele aber, wie zum Beispiel Ukrainer Freiheit definieren, beinhalten allesamt etwas Positives.

In der Ukraine betrachten laut Snyder die Menschen Städte und Orte erst dann als befreit, wenn der Bahnverkehr wieder funktioniert. (Im Gegensatz sind die Ansiedlungen, die von russländischen Soldaten »befreit« wurden, zerstört.) Die Struktur ist also wiederhergestellt, doch muss sie erst gefüllt werden, um von Freiheit zu sprechen. Die Möglichkeit zur Mobilität ist ein zentraler Punkt für Freiheit, doch muss der Mensch sie auch selbst nutzen, um Freiheit zu erlangen. Sie ist weder einfach so da noch dauert sie an oder kann vererbt werden. Umgekehrt kann eine Voraussetzung für Freiheit bzw. Unfreiheit sehr wohl vererbt werden, Vermögen bzw. vererbte Armut.

Auf insgesamt sechs Feldern versucht sich Snyder dem Phänomen Freiheit anzunähern: Souveränität, Unberechenbarkeit, Mobilität, Faktizität, Solidarität und Regierung. Die Auswahl überrascht vielleicht, damit hätte das Buch den Punkt der »Unberechenbarkeit« schon mal erfüllt. Doch das ist nur die Form, die grobe Struktur, die Snyder mit durchaus verblüffendem Inhalt füllt. Der Autor mutet seinen Lesern einiges zu, etwa die nicht ganz einfache Unterscheidung zwischen »Körper« und »Leib«, bei der er auf die deutsche Philosophin Edith Stein und die französische Philosophin Simone Weil zurückgreift. Er wendet sich Politik-Bereichen zu, die von Macho-Politikern gern als »Gedöns« abgetan wurden und werden.

Eine Gesellschaft, der die Freiheit am Herzen liegt, würde diese Menschen [Care-Tätigkeiten wie Erzieherinnen, Lehrer, Pflegerinnen] mit Respekt behandeln und sie ordentlich bezahlen.

Timothy Snyder: Über Freiheit

Für Snyder ist essentiell, dass Freiheit aus dem Menschen heraus erwächst und in die Welt hineinwirkt. Das Individuum ist dabei nie allein, isoliert, keine »Ich-AG«, sondern gerade in den ersten Lebensjahren auf andere zwingend angewiesen. Erst in der Verbindung zu anderen wird die Voraussetzung geschaffen, Freiheit und damit Autonomie entstehen zu lassen. Isolierte Kinder, wie sie die Realität tatsächlich kennt, können sich nicht entwickeln und auch nicht frei sein.

Snyders Ansatz ist auf den Menschen zugeschnitten und sehr persönlich ausgestaltet, zunächst spielen »große Politik« oder gar »Geopolitik« gar keine Rolle. Das politische System kommt dabei aber nicht zu kurz, wie der Rückgriff auf Václav Havel zeigt. Das Kapitel heißt »Unberechenbarkeit« und beschäftigt sich mit der Tyrannei durch Berechenbarkeit. Statt der bis 1968 bekannten brutalen Unterdrückung mit militärischen Mitteln setzten die Regime unter dem roten Banner des Kommunismus in der Zeit danach auf Bildschirme.

Wichtig ist dabei, dass diese Form der Unfreiheit nichts mehr mit der Ideologie von Marx, Engels, Lenin oder anderen kommunistischen Denkern zu tun hatte, sondern mit Breshnews Ziel, das seit 1945 bestehende Imperium zu erhalten. Die Bildschirme dienten demzufolge nicht dazu, sozialistische Ideen zu verbreiten, sondern die Konformitäts-Formeln zu streuen und den Zuschauern einzureden, es gäbe nur diese eine und sonst keine Form der politisch-sozialen Ordnung.

In den Führungszirkeln der Sowjetunion nach 1968 glaubte niemand mehr an Sozialismus, in den Rängen der Partei und ihrer Formationen sicher auch viele nicht. Lippenbekenntnisse statt Überzeugung dürften vielleicht auch für die Mehrheit der Menschen das Wesen ihres politischen Lebens gewesen sein. Allerdings hat Zustimmung und Nachbeten einen Haken, nämlich dass diese auf eine Form reduzierte, entleerte Normalität auf den Menschen rückkoppelt.

Sie [die Normalisierung] ist die Gewohnheit, das zu sagen (und dann zu denken), was notwendig erscheint, während man implizit (und dann explizit) übereinstimmt, dass nichts wirklich wichtig ist.

Timothy Snyder: Über Freiheit

Das ist frappierend. Wenn nichts wichtig ist, dann ist alles egal und implizit durch fehlende Werte auch erlaubt. Das ist der Kern der Putin-Propaganda, die im Grunde genommen keine echte Propaganda mehr ist, sondern eine Weiterentwicklung. »Alles ist Scheiße« steht am Ende einer immer widersprüchlicher, einander letztlich ausschließender Flut von Informations-Müll, der »Lügenkaskaden« (Anne Applebaum). Ohne jeden moralischen Maßstab lässt sich alles rechtfertigen, der Zwang zur Rechtfertigung entfällt.

Über die Bildschirme heute flimmern nicht nur die TV-Programme wie zur Zeit von Václav Havel, auf den Nutzer stürzt eine unüberschaubare, überwältigende Flut an Informationen ein. Zu allem Gesagten kommt noch die rein quantitative Überforderung hinzu, mit der Folge, dass viele Zeitgenossen nicht mehr mit, sondern im Internet »leben« oder wie Snyder sagt: »im Bildschirm«.

Hinter dem, was wir sehen, stehen Algorithmen, die berechnen und berechenbar machen, was der Nutzer sieht; damit wird der Mensch berechenbar und verliert seine Freiheit, wenn man der Analyse von Snyder folgt. Die so genannten Sozialen Medien buhlen um Aufmerksamkeit, um Zeit und bedienen sich dabei jener Tricks, durch die einer Sucht verstärkt werden. Wie alle anderen Süchte ist das eine kurzzeitig bequeme Form, den Herausforderungen des wirklichen Lebens auszuweichen, eine dicke, dichte Schutzschicht zwischen sich und die Welt zu packen, wie es eine von OxyContin abhängige Künstlerin in Imperium der Schmerzen von Patrick Radden Keefe formulierte.

Berichten zufolge soll Mark Zuckerberg die frühen Nutzer von Facebook als »dumb fucks« bezeichnet haben, weil diese voller Vertrauen zu seiner Plattform gewesen seien. Das kann man als sprachliche Entgleisung eines überheblichen CEO sehen, man kann aber darin auch den Keim einer Entmenschlichung derjenigen sehen, die an die Versprechungen einer schönen, neuen Welt geglaubt haben. Das geschah ausgerechnet durch jenen, der das „Soziale“ Medium erschaffen hat und damit Geld scheffelt. Entwürdigungen dieser Art standen oft am Anfang von Entrechtung und Gewalt, der brutalen Form von Unfreiheit in Lagerwelten.

Freie Menschen sind berechenbar für sich selbst, aber unberechenbar für Machthaber und Maschinen.

Timothy Snyder: Über Freiheit

Spätestens an diesem Punkt muss man als Leser doch innehalten und sich selbst, sein alltägliches Verhalten reflektieren. Den eigenen Umgang mit den Sozialen Medien, das Verhältnis von Bildschirmleben zu »Real Life«, bis hin zur Manipulierbarkeit. Bücher wie Über Freiheit sind in diesem Sinne unbequem gefährlich, denn sie können zu beunruhigenden Fragestellungen an sich selbst führen. Für mich  ist das eines der ganz großen Komplimente, die man einem Werk machen kann, und die Basis für eine dringliche Leseempfehlung.

[Rezensionsexemplar]

Timothy Snyder: Über Freiheit
Aus dem Englischen von Andreas Wirthensohn
C.H.Beck 2024
Gebunden, 410 Seiten
ISBN: 978-3-406-82140-0

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