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Schlagwort: England (Seite 2 von 10)

Neue Lektüre: Versager oder ein König seiner Zeit

Buchcover von 'Aethelred II: King of the English' von Ryan Lavelle, das vor einem Bücherregal steht. Das Cover zeigt eine mittelalterliche Illustration von gekrönten Personen in traditioneller Kleidung.
Der König Æthelred II. kommt nicht gut weg in der Wertung späterer Autoren. Kein Wunder, hat er doch kein Mittel gegen die endlosen Wikinger-Raids gefunden und ist im Kampf gegen den dänischen Erobererkönig Sven Gabelbart unterlegen.

Mehr als 35 Jahre lenkte der angelsächsische König Æthelred II. die Geschicke Englands. Dieser Satz ist in verschiedener Hinsicht problematisch, weil es eine Machtausübung suggeriert, die kein Herrscher dieser Zeit realisieren konnte. Das oströmische Reich, »Byzanz«, war in seiner Staatlichkeit wohl am weitesten fortgeschritten, weil der Zivilisationsbruch des westlichen Teils ab dem fünften Jahrhundert nicht stattfand.

Die Monarchen in den Herrschaftsgebilden, die alles Mögliche waren, aber kein Staat, mussten sich mit den regionalen Herren arrangieren. Schriftlichkeit, Recht, Verwaltung spielte um 1000 n. Chr. eine marginale Rolle. Es verbietet sich, diese Vergangenheit an der Moderne zu messen, was manche Historiker nicht davon abhält, Fürsten als Verräter und »Quislinge« zu bezeichnen: eine Anspielung auf den norwegischen Nazi-Kollaborateur gleichen Namens.

Das ist vielfacher Hinsicht absurd. Alle Fürsten zu der damaligen Zeit verfolgten ihre eigenen Interessen. Im Ostfrankenreich war es üblich, Dienste für den König mit Gegenleistungen zu begleichen; eine moderne Pflicht, dem Herrscher zu helfen, wäre damals ein abwegiger Gedanke gewesen. Heute klingt das wie Korruption, aber für das Geschehen um die erste Jahrtausendwende hilft dieser Begriff nicht weiter.

Wer also über König Æthelred II. urteilt, muss das mit großer Vorsicht tun. Ich bin sehr gespannt, wie der Autor meiner aktuellen Lektüre die historische Persönlichkeit wertet. Unbestreitbar steht am Ende des Lebens von Æthelred II. eine Niederlage gegen den dänischen Erobererkönig Sven Gabelbart; auch nach dessen Tod konnte er sich gegen Knut (später »der Große«) nicht durchsetzen.

Das Land war in den Jahren zuvor von schweren Raub- und -plünderzügen der Wikinger geplagt worden, Æthelreds Gegenmaßnahmen halfen nicht. Ein Grund, der immer wieder genannt wird, ist eine Person namens Eadric Streona, ein Adeliger, der mehrfach die Seiten wechselte. Ein »Verräter« oder vielleicht doch ein ganz gewöhnlicher lokaler Großer seiner Zeit? Die Quellenlage ist mäßig, die Autoren (oft Kirchenleute) verfolgten ihre eigenen Absichten.

In meinem Roman »Sessrumnir«, der in dieser Zeit spielt, wird Æthelred II. persönlich wohl nicht auftreten, aber natürlich wird er Teil der Handlung sein. Die Frage ist, wie ich ihn als historische Person gestalte? Was denken meine Protagonisten, ihre Verbündeten und Gegner über ihn? Ich stehe dabei vor einem Dilemma, denn die Leser meines Romans denken und werten modern; ein zu stark historisierender Ansatz könnte als zu fremd, ja falsch empfunden werden und die Grundlage jeden Romans brechen: die Glaubwürdigkeit.

Thomas Williams: Viking Britain

Buchcover von ‚Viking Britain‘ (Sachbuch) von Thomas Williams: Das Cover zeigt einen stilvollen Ausschnitt eines Wikingerschiffsbugs mit typischen Schnitzereien und Ornamenten. Im linken Bereich des Bildes steht in weißer Schrift auf schwarzem Hintergrund ‚THOMAS WILLIAMS‘, ‚VIKING BRITAIN‘ und ‚Sachbuch‘.
Ein vorzügliches Buch über die Geschichte Britanniens, vor allem des späteren Englands, mit dem Fokus auf die Wikinger und ihren Einfluss auf den Gang der Dinge. Coverrechte beim Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Zu den Vorzügen des Buches Viking Britain von Thomas Williams gehört der Fokus auf die britischen Inseln, insbesondere auf den Teil, den man heute England nennt. Allzu leicht verirrt man sich in der Welt der Wikinger, die »groß und weit« war (Neil Price), von Vinland bis zum Schwarzen Meer reichte. Es gab kein »Reich« diesen Ausmaßes, die Worte beschreiben den Horizont der Nordleute, ihre Handelsfahrten, Landnahmen und bewaffneten Raubzüge.

Viking Britain erzählt, wie sich die Angelsachsen, Keltische Bewohner der Inseln und die Wikinger im Laufe von gut zweihundert Jahren gegenseitig beeinflusst und verändert haben. England entstand als politisches Gebilde auf den Trümmern der kleinen, kriegerischen, angelsächsischen Königreichen. Diese Einheit dürfte eine schnelle Eroberung durch William von der Normandie 1066 beflügelt haben; allerdings auch die durch Knut den Großen fünfzig Jahre vorher.

Warum die Wikinger ihre anfänglichen Raubzüge zu Eroberungszügen wandelten, wird nach der Lektüre nicht recht klar. Man könnte mit Blick auf die Reiterkriegerverbände, wie die Hunnen, spekulieren, dass die maritime Version der Steppenreiter vor einem ähnlichen Problem stand, nämlich die Gefolgschaft zufriedenzustellen. Das funktionierte einige Zeit mit Beute (insbesonderes Sklaven), dann liegt der Schritt zur Landnahme nahe, so könnte man spekulieren.

Williams gibt seinen Lesern eine Reihe von bemerkenswerten Denkanstößen: Maritimer Handel und Kriegführung bildeten die Kernkompetenz der Nordleute. Liegt hier bereits die Wurzel für das spätere britische Empire, in Gestalt einer Mind-Map? Und wer waren diese Wikinger eigentlich? Zeitgenössisch wurde der Begriff selten verwendet, einmal für Sklaven, die ihren Herren davonlaufen; oder für Männer (und wenige Frauen), die ein (blutiges) Unternehmen wagten, das ihnen den Tod oder Reichtum und Ruhm bringen konnte.

Ausgesprochen lesenswert, gedankenreich, anregend und gut geschrieben, dabei übersichtlich und klar strukturiert. Die Lektüre ist Teil meines Lesevorhabens Zwölf für 2026.

Thomas Williams: Viking Britain
William Collins 2017
Taschenbuch 410 Seiten
ISBN: 978-0-00-817195-7

Die letzten Meter

Jedem meiner Bücher habe ich zwei Zitate vorangestellt, die selbstverständlich mit dem Inhalt verbunden sind. Diese Worte George Orwells passen besonders gut.

Der Probedruck ist jener Moment, in dem aus einem Manuskript ein Buch wird. Opfergang, das siebte in der Reihe meiner Piratenbrüder, ist besonders. Es ist der Letzte Roman der Buchserie, ich bin sehr erleichtert, dass es endlich geschafft ist und nehme gern Abschied. Die Serie hätte sich totgelaufen, ich mag daher auch keine Endlosserien, die sich anfühlen wie Bilbo es über sein eigenes, langes Leben sagt: zu wenig Butter auf zu viel Brot.

Noch ist die Ziellinie nicht erreicht. Als letzten Schritt vor der Veröffentlichung lese ich das ganze Buch noch einmal laut vor und eliminiere die letzten Fehler. Durch das besondere Format fällt doch noch einiges auf, was korrigiert werden muss. Trotzdem ist absehbar, dass Opfergang viel früher erscheinen kann, als geplant. So habe ich den Termin der Vorbestellung auf den 12. März 2026 vorverlegt.

Spätestens dann wird der Roman erscheinen. Da ich kein Gewese um das Erscheinen mache, werde ich wie bei Verräter schon früher die Veröffentlichung vornehmen: Wenn Opfergang bereit ist, dann geht es los.

Alexander Preuße: Opfergang
Taschenbuch 508 Seiten, 19,99 Euro
ISBN: 978-3-819481215
Kindle eBook 5,99 Euro
Kindle Unlimited

Neue Lektüre: Fremde, ferne Welt

Bücherregal mit einer Auswahl an historischen und literarischen Büchern. Im Vordergrund steht das Buch ‚Viking Britain‘ von Thomas Williams, umgeben von weiteren Werken zu Geschichte, Kultur und Literatur.
Schon nach der Lektüre der ersten beiden Kapitel ist klar: Das ist ein gutes Buch. Viking Britain ist Teil meines Lesevorhabens 12für2026. Coverrechte beim Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Die Arbeit am letzten Band meiner Piratenbrüder-Buchreihe liegt in den letzten Zügen, seit Wochen bin ich parallel dazu mit dem nächsten Roman beschäftigt. Der führt mich und die Leser in die Welt der Wikinger, weshalb ich weiter fleißig Bücher über das Sujet lese. Nach einem eher gruseligen Buch über König Knut den Großen von W.B. Bartlett nun ein neues, das sich gezielt mit den britischen Inseln während der Wikinger-Zeit befasst.

Was für eine Wohltat, ein Buch auf so gutem Niveau zu lesen! Thomas Williams hat seinem Viking Britain auch eine interessante Struktur gegeben, in dem er erzählerische Motive einfließen lässt. Das ist keineswegs nur ein Versuch, den Leser an die Zeit heranzuführen, im Gegenteil: Die trennenden, fremden Momente werden so deutlich. Die Welt der Wikinger war voll von mythischen Wesen, Toren in andere Welten, Monstern, Göttern und Vorzeichen.

Für mein Romanprojekt ist das eine Ermahnung. Nicht etwa, Anachronismen zu vermeiden. Das ist unmöglich. Es geht darum, Anachronismen so zu gestalten, dass der moderne Leser einen Zugang findet.  Er soll die Fremdheit der damaligen Welt, so sie für mich erkennbar ist, durchaus spüren, ohne dass die Motive der Personen unverständlich werden. Ein Beispiel ist die Schrift: Wie soll ein Leser (!) im dritten Jahrzehnt des dritten Jahrtausends nachvollziehen, wie das Leben von Analphabeten in einer Welt fast ohne Schrift aussah? Analphabeten waren beinahe alle, vom Bettler bis zum König. Auch wenn Smartphones eifrig daran mitwirken, den Abgrund zu verringern, ist er riesig und unüberbrückbar.

Manchmal helfen Leerstellen, die wie leere Räume mit zwei Türen sind: von der einen Seite tritt der moderne Leser ein, von der anderen die historische Figur. Wenn im Roman von einer »Karte« die Rede ist, versteht die historische Figur etwas grundsätzlich anderes darunter als der moderne Leser. Dort eine Karte mit Jerusalem als Mittelpunkt von Asien, Europa und Afrika; oder ein Portolan, ein Verzeichnis von Häfen, ohne geographische Genauigkeit; hier eine moderne Karte oder vielleicht eine ältere, historische, aber mit erkennbar modernen Umrissen und geographischen Gegebenheiten.

Im Wikinger-Teil von Vinland – Piratenbrüder Band 4, an den der neue Roman inhaltlich anschließt, habe ich meine Hauptfigur Eillir Valdasson entsprechend gestaltet: Alphabetisiert, mehrsprachig, ein Kartenzeichner, Chronist, Berater eines Jarls, später Königs. Er muss wie alle anderen Personen des Buches vor allem handeln und darf nicht den Leser belehren. Ein Roman ist keine Schulstunde, sondern eine Erzählung inmitten von historischen Kulissen. Niemand hält einen Leser davon ab, hinter diese Kulissen zu schauen, das ist sogar höchst löblich. Wer das möchte, greife etwa zu …

Viking Britain von Thomas Williams

Die wahre Geschichte der Wikinger von Neil Price

Walküren von Johanna Katrin Friðriksdóttir

Das Jahr 1000 von Valerie Hansen

Spielregeln der Politik im Mittelalter von Gert Althoff

Reisen im Mittelalter von Norbert Ohler

Zeitalter des Nordens von Andreas Winroth

Die Wikinger: Entdecker und Eroberer von Staecker / Toplack

Stefan Hermans: Krieg und Terpentin

Buchcover von Stefan Hertmans’ Roman ‚Krieg und Terpentin‘ aus der Reihe Diogenes, kombiniert mit historischen Schwarz-Weiß-Fotografien von Soldaten im Ersten Weltkrieg und einem Zitat: ‚Der Zufall und der Tod spielen gemeinsam Schach.
Der autofiktionale Roman erzählt vom Großvater des Autors, seinen Erlebnissen an der Front während des Ersten Weltkrieges, aber auch von der mit dem Kriegsausbruch 1914 verlorenenen Welt von Gestern, ganz ohne romantische Verklärung. Cover Diogenes Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Fast zweihundert Seiten verstreichen, ehe der »Große Krieg« ausbricht. Der Großvater Stefan Hertmans’ muss ins Feld ziehen, wie man euphemistisch sagt; was er dort erlebt, schreibt er Jahrzehnte später nieder und gibt die Blätter an seinen Enkel weiter. Mit der Gabe ist ein Auftrag verbunden, so zumindest versteht es Autor Hermans, sich mit den Erinnerungen an das blutige Massenmorden auseinanderzusetzen. Krieg und Terpentin ist das Resultat dieser Auseinandersetzung, in der die Kriegserinnerungen den eisenharten Kern darstellen. Das Buch geht jedoch weit über die Kriegszeit hinaus, es ist auch eine Familien- und Generationengeschichte, eine Spurensuche mit verblüffenden Funden und vielen Sackgassen.

Im historischen Bewusstsein Deutschlands ist der Erste Weltkrieg im Schatten des monströsen Zweiten Weltkrieges verschwunden; Vernichtungskrieg, Holocaust und Selbstzerstörung verschlucken alles Vorangegangene. In Frankreich ist das anders, hier spielt – vielleicht auch durch die verheerende Niederlage der französischen Armee 1940 – der »Große Krieg« in der Erinnerung eine bedeutende Rolle. Und in Belgien? Auch nach der Lektüre von Krieg und Terpentin kann ich darauf keine Antwort geben. Aber in den Erinnerungen von Urbain Martien (und seines Enkels Stefan Hertmans) nimmt der Erste Weltkrieg eine zentrale Rolle ein, der Zweite Weltkrieg ist kaum mehr als eine Randerscheinung.

Meine Kindheit ist überwuchert von seinen Geschichten aus dem Ersten Weltkrieg, immer und immer wieder dieser Krieg.

Stefan Hermans: Krieg und Terpentin

Das ist verblüffend für einen deutschen Leser, doch in gewisser Hinsicht folgerichtig. Mit dem Kriegsbeginn begann der rasante Absturz jener Welt von Gestern, wie die Zeit bis 1914 nach Stefan Zweig noch heute genannt wird. Diese Disruption war ein blutiges Beben und wischte eine bis dahin nur in Teilen angegriffene Gesellschaftsordnung mit brutaler Rasanz hinweg. Mit ihr verschwanden nicht nur verkrustete, rückständige und menschenverachtende Strukturen, sondern auch moralische und persönliche Hemmnisse. Der mechanisierte Krieg mit seinen ungeheuren Verlusten und Massen-Tötungsmitteln (Gas) machte bis dahin Undenkbares möglich, auf dem Schlachtfeld und im Zivilleben. Ohne diese Radikalisierung wären die ideologischen Massenmorde im Gewand des Bolschewismus, Nationalsozialismus und Maoismus schwerlich möglich gewesen. In diesem Sinne war der Erste Weltkrieg die Urkatastrophe.

Stefan Hertmans widmet der Zeit vor diesem Desaster mehr Raum als dem Krieg an sich. Er nähert sich dem Menschen Urbain Martien über seine persönlichen Erinnerungen an und greift von dort weit in die Vergangenheit zurück. Die Lebenslinien der Urgroßeltern bilden den zeitlich am weitesten zurückliegenden Stoff für Krieg und Terpentin. Mit ihnen tritt nicht nur der Großvater ins Leben, das Leben selbst wird anhand der Schicksale geschildert. Diese Welt ist jenseits der romantisierten Erinnerungen Stefan Zweigs oder auch in Joseph Roths Radetzkymarsch brutal und gnadenlos. Die an Krebs erkrankte Nachbarin verreckt langsam und qualvoll an ihrem Tumor, der weder behandelt noch schmerzlindernd mit Medikamenten begleitet wird. Die Arbeitsverhältnisse (einschließlich horrender Unfälle) sind geradezu absurd in ihrer Menschenfeindlichkeit, die gesellschaftliche Kluft zwischen Arm und Reich dramatisch.

Es ist das Hin-und-Hergerissen-Sein zwischen dem Soldatensein aus Not und dem Künstlerdasein aus Neigung: Krieg und Terpentin.

Stefan Hermans: Krieg und Terpentin

Doch geht etwas verloren, wie sich am Großvater zeigt, der später immer etwas altmodisch wirkt, in einem positiven, wenngleich schwierigen Sinne. Mehrfach kommt es zu psychischen Krisen, Einweisungen in Kliniken und Behandlungen mit Elektroschocks. Traumatherapie gab es noch nicht, dabei wäre sie nötig gewesen, angesichts der Kriegserlebnisse und dem kaum weniger niederschmetternden privaten Tiefschlag während der mörderischen Spanischen Grippe 1919. Infolge der Kriegsversehrungen scheidet Urbain Martien früh aus dem Arbeitsleben aus und widmet sich dem Malen. Die Kunst spielt eine wesentliche Rolle in dessen Leben, brotlos, aber kreativ und produktiv. Hertmans Spurensuche kommt auch dank der Bilder zu überraschenden Erkenntnissen über seinen Großvater, die Gemälde sind wie Schlüssel zu den geheimen Kammern voller Schmerz und Trauer.

Ich war während der Lektüre verblüfft über die oft abfällig behandelten Kopien von berühmten Bildern. Schon bei Rebecca Struthers Uhrwerke werden Nachahmungen und Fälschungen von Uhren, Kunstwerken anderer Art, in einem helleren Licht gezeichnet. Auch im Leben von Wolfgang Herrndorf bildete die Nachahmung alter Meister einen wesentlichen Aspekt. Urbain Martien hat sie in seinem Sinne für die Bewältigung seiner ganz persönlichen Verheerungen verwendet. Kurioserweise ist kein einziges Kriegsbild unter seinen Werken, obwohl er in seinen Erinnerungen davon spricht, im Schützengraben gezeichnet zu haben. Hier mussten es Worte richten. Sie erinnern an das, was man bei Remarque und anderen Kriegsliteraten lesen kann, sind aber doch grundverschieden, denn hier schreibt ein Flame über seine Zeit in der belgischen Armee. Die erscheint in keinem guten Licht, wie sich nicht nur an der Behandlung der flämischen Soldaten durch die frankophonen Offiziere zeigt.

Logik des Schlachtfeldes. Der Zufall und der Tod spielen gemeinsam Schach.

Stefan Hermans: Krieg und Terpentin

Urbain Martien überlebt den Krieg, er wird mehrfach schwer verwundet und ausgezeichnet, anders als seine wallonischen Kameraden aber nicht zum Offizier befördert. Eine lebenslang nachwirkende Herabsetzung, nicht die einzige für die flämischen Soldaten. Seine Genesungsaufenthalte, unter anderem in England, sind verwaschene Flecke in der Biographie, aus dem unscharfen Bild schält sich die grotesk erscheinende Sehnsucht nach dem Graben und den Kameraden heraus. Der Krieg zerrüttet Mensch und Land. Hertmans bereist die Schlachtfelder, jene Orte, an denen sein Großvater gekämpft hat. Die Spuren sind verschwunden, es hat den Anschein, als ob die Gegenwart in einem ganz anderen Land angesiedelt wäre. Eine Scheinwelt, denn als der autofiktionale Roman 2013 erschien, konnte man noch wähnen, der Krieg wäre überwunden. Ein Jahr später machte Putins Russland den Irrtum offenkundig, was viele bis 2022 ignorierten. Der Krieg war nur verborgen, aber nie weg.

Stefan Hermans: Krieg und Terpentin
Aus dem Niederländischen von Ira Wilhelm
Diogenes 2018
Taschenbuch 416 Seiten
ISBN: 978-3-257-24431-1

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