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Schlagwort: England (Seite 5 von 10)

Robert Habeck: Den Bach rauf

Das Zitat habe ich bewusst ausgewählt, denn verweist auf den zentralen Aspekt für den wirtschaftlichen Erfolg Deutschlands in den kommenden Jahren. Viele kluge und nachdenklich machende Beobachtungen gibt es in dem Buch von Robert Habeck zu lesen. Cover Kiepenheuer & Witsch, Bild mit Canva erstellt.

Ich nenne Heimat das Land, dessen Problem mich direkt angehen.

Robert Habeck: Den Bach rauf

Oft musste ich während der Lektüre von Den Bach rauf an Ilko-Sascha Kolwalczuks Freiheitsschock denken. Demokratie und Freiheit sind anstrengend. Bequem kann man es auch in einer Diktatur wie der DDR haben, denn dort wird einem vorgegaukelt, alles werde für einen geregelt. Das funktioniert, bis die Realität die Propaganda überholt, bis alles „den Bach runter“ gegangen ist.

Robert Habecks Schrift Den Bach rauf zielt auf diesen Punkt: Teilhabe. Das meint nicht, auf dem Sofa sitzend und binge-scrollend durch die Dopamin-Paradiese des Internets zu treiben, sondern an der Lösung von Problemen aktiv mitzuwirken. Ohne Aussicht auf Erfolg, wohlgemerkt, denn Probleme lassen sich oft nur teilweise oder auch gar nicht „lösen“, im Sinne von beseitigen.

Frustration ist Teil der Teilhabe. Wer sich also darauf einlässt, wird zwangsläufig mit Misserfolgen konfrontiert. Zu den großen Vorzügen des Buches Den Bach rauf gehört die Ehrlichkeit, mit der Robert Habeck die drohende Überwältigung durch eine Springflut existenziell bedrohlicher Probleme nicht nur nennt, sondern auch zugesteht, dass Gedanken an einen Rückzug dazugehören.

Wenn die Bürgerinnen und Bürger nicht mehr den Eindruck haben, dass sie auch selbst handeln können – und müssen, droht Resignation. Oder die Erwartung, dass der Staat alle Probleme löst.

Robert Habeck: Den Bach rauf

Die Erwartung, der Staat könne alle Probleme lösen, wird von anderen durchaus befeuert, Hand in Hand mit schlichten Schein-Lösungen und hausfrei gelieferten Sündenböcken, wenn es – wie zu erwarten – doch nicht klappt. In der DDR waren das „der Westen“ oder die USA, im Dritten Reich „die Juden“ oder „anglo-amerikanische Plutokratien“, heute sind es „die Ausländer“ oder „der Kapitallismus“ oder Bürgergeld-Empfänger.

Dieses Sündenbock-Muster funktioniert auch noch, wenn ganze Städte in Schutt und Asche fallen. Dolchstoß-Legenden, Lügenkaskaden und Schmutzkampagnen funktionieren ebenso, wie Anne Applebaum sagt. Ein Grund ist sicher, weil sie komplizierte, widersprüchliche Probleme verschlichten und bequeme, einfache Schein-Lösungen präsentieren.

Robert Habeck will einen anderen Weg gehen. Er möchte eigene Fehler nicht anderen aufhalsen, aus dem eigenen und fremden Scheitern lernen und unter Einschluss der Bürger herandrängende Probleme lösen. In diesem Sinne stellt er sich zur Wahl, in diesem Sinne ist auch dieses Buch verfasst, das darauf verzichten, vollendete „Lösungen“ zu präsentieren.

Aber in der (Ampel)-Regierung wurde viel Richtiges, ja Überfälliges auf den Weg gebracht.

Robert Habeck: Den Bach rauf

Fehler der Ampel-Regierung verschweigt Habeck nicht, Nachtreten findet nicht statt, auch bleibt es bei einem – sachlich völlig berechtigten – Hinweis auf die schwerwiegenden, strukturellen Mängel, die aus den sechzehn Merkel-Jahren resultieren. Draufhauen brächte – vielleicht – Stimmen, doch darum geht es in Den Bach rauf nicht.

Ein schönes Beispiel für das Zusammenwirken von Staat und Bürgern ist die Abwehr einer verheerenden Gasmangellage nach dem russländischen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Zu den strukturellen Hinterlassenschaften der Merkel-Jahre gehörte die frappierende Abhängigkeit von billigem russländischem Gas, dem bis heute populistische Politiker auch aus Union und SPD öffentlich nachweinen, trotz des offenkundigem Erpressungspotenzials.

Eine Beteiligung der Bürger durch das Einsparen von Gas beim Heizen war zentral, um die drohende Malaise abzuwenden. Es hat funktioniert. Ein Erfolg, der heute, kaum zwei Jahre später, bei vielen in Vergessenheit geraten ist. Ein Zusammenbruch ist leicht zu erkennen, ganz anders ein abgewendetes Desaster – dazu gehört eine gewisse Anstrengung, womit wir wieder am Anfang sind.

Aber die erste digitale Revolution ist fast vollständig an Deutschland und Europa vorbeigegangen, und wenn wir nicht aufpassen, dann wird es mit der zweiten, die der künstlichen Intelligenz, ebenso laufen. Die großen Tech-Konzerne kommen alle aus den USA, China holt nun auf.

Robert Habeck: Den Bach rauf

Es wird gehandelt. Das ist die gute Nachricht. Es sind nicht alle und das ist auch nicht nötig. Nie macht sich eine Mehrheit auf den Weg, es ist immer nur eine Minderheit, die anderen warten ab und schließen sich dann dem Weg an, der sich durchsetzt. Ermutigung ist wesentlich, insbesondere, wenn sich die Auswirkungen des eigenen Handelns nicht (sofort) zeigen oder die berühmt-berüchtigten Friktionen (Clausewitz) auftreten.

An welchen Stellen Robert Habeck ansetzen will, um die Rahmenbedingungen so zu setzen, dass Deutschland eine Zukunft hat, wird aus Den Bach rauf deutlich. Es mangelt an Investitionen, die Schuldenbremse muss renoviert und Rahmenbedingungen müssen dafür geschaffen werden, dass nicht auch die nächste digitale Erneuerungswelle an Deutschland und Europa vorübergehen.

Wird das funktionieren? Es braucht Investitionen und das Bewusstsein, dass Kredite dafür nötig sind. Dem steht der populistische Unfug der „schwäbischen Hausfrau“ und ihrer angeblichen Sparsamkeit gegenüber, was bedauerlicherweise eingängig ist.  Hoffnung gibt, dass es ist nie eine Mehrheit für eine Revolution braucht, sondern eine Minderheit. Das gilt auch für alle anderen Entwicklungen.

Demokratien können sich nicht in schläfriger Sicherheit wiegen. Auch Deutschland ist nicht die uneinnehmbare demokratische, liberale, weltoffene, unerschütterliche Bastion. Wir müssen um und für unseren Rechtsstaat kämpfen und unsere Demokratie verteidigen.

Robert Habeck: Den Bach rauf

Besonders gut haben mir die klaren Worte zum Thema Autokratie, Desinformation und die davon für die Demokratie ausgehenden Gefahren gefallen. Habeck weiß um die Achse der Autokraten, er kennt die Problematik der zersetzenden Strategie „Flood the zone with shit“ (Steve Bannon), der sich auch Teile der Union bedienen und beruft sich unter anderem auf Hannah Ahrendt, wenn es um die Frage geht, wie man sich verteidigt.

Von überwältigender Bedeutung ist das, was Habeck zu Europa sagt. In den vergangenen Jahren ist Deutschland allzu oft einen Sonderweg gegangen, Nordstream (Schröder, Merkel), zögerliche Ukraine-Unterstützung (Scholz); das aufgeregte Gewese um Stromimporte aus Europa (Gas aus Russland war demnach okay) zeigt, wie selbstvergessen mit dem größten Pfund umgegangen wird, das Deutschland hat: die EU.

Der Leser kann dem Buch Den Bach rauf trotz seines handlichen Formats eine Menge bedenkenswerter Idee und Gedanken entnehmen. Wichtig ist: Entschieden ist noch nicht, ob Deutschland den Bach rauf oder runter geht.

Robert Habeck: Den Bach rauf
Kiepenheuer&Witsch 2025
Gebunden 144 Seiten
ISBN: 978-3-462-00896-8

Lesevorhaben 12 für 2025

Diese zwölf Bücher möchte ich im laufenden Jahr lesen. Das ganze ist eine so genannte Challenge, auf die ich bei Instagram gestoßen bin.

Sechs Romane und sechs Sachbücher habe ich für mein Lesevorhaben 12 für 2025 ausgewählt. Der Fokus liegt ganz eindeutig auf historisch-politischen Themen, auch bei Schubert (»und seine Zeit«). Ich erhoffe mir einen weiteren Horizont nach der Lektüre, um das »Schaffen« geht es mir nicht. Meine mir im Vorjahr selbst auferlegte Buchkauf-Diät bleibt bestehen.

Thomas Medicus: Klaus Mann
Biographie, Schriftsteller, kenne alle Romane

Stephan Thome: Gott der Barbaren
Roman, Historisch, China

Friedrich Christian Delius: Die Sieben Sprachen des Schweigens
Essays, Autobiographisch, toller Autor

Thomas de Padova: Allein gegen die Schwerkraft
Biographisch, Erster Weltkrieg, Einstein

Philip K. Dick: Das Orakel vom Berge
Roman, Historische Dystopie, Hitler hat den Krieg gewonnen

Stefan Hertmans: Krieg und Terpentin
Roman, Erster Weltkrieg, Perspektive belgisch-flämisch

Nino Haratischwili: Das achte Leben
Roman, Georgien, epischer Mehrgenerationenroman

Arthur Koestler: Sonnenfinsternis
Roman, Stalinismus, mein zweites Buch vom Autor

Peter Gülke: Franz Schubert und seine Zeit
Biographie, Komponist, mehrere Werke gehören zu meinen Favoriten

W.B. Bartlett: King Cnut
Biographie, Wikinger, neben Claudius & William der dritte Eroberer Englands

Robert Harris: Precipice
Roman, 1914, kenne fast alles von Harris

Mischa Meier: Die Völkerwanderung
Historiographie, es gab keine »Völker«, also auch keine »Völkerwanderung«

Piratenbrüder – Spin-off-Sequel

Der Weg Eillirs und des Wikinger-Fürsten Stígandr wurde in Vinland – Piratenbrüder Band 4 soweit erzählt, wie es für die Geschichte um die Piratenbrüder Joshua und Jeremiah wichtig war. Was danach geschah, bleibt einem eigenständigen Roman vorbehalten, einem Sequel der Piratenbrüder-Serie.

Vinland – Piratenbrüder Band 4 hat ein offenes Ende. Im Rahmen einer Buchserie ist das wenig verwunderlich, Joshua und Jeremiah werden in drei weiteren Büchern Abenteuer zu bestehen haben. Was ist aber mit den Wikingern um Stígandr, Rydr und Eillir, deren Geschichte parallel auf einer zweiten Zeitebene erzählt wird? Auch hier kommt die Erzählung zu einem Ende, das eine Fortsetzung offensichtlich nahelegt.

Die große Fahrt Stígandrs nach Westen ist beendet. Alles, was für die Handlung der Piratenbrüder wichtig ist, wurde erzählt. Der Leser weiß, woher diese ominöse Karte stammt, die Erik zu Beginn von Vinland als Wegweiser zu einem geheimnisvollen Schatz präsentiert hat. Der Leser weiß auch, ob es den Schatz wirklich gibt und – wenn ja – was er enthält. Wie es danach weitergeht mit der Geschichte, bleibt offen. Eine große Leerstelle tut sich auf, die gefüllt werden möchte.

Stígandr hegt große Pläne, Ryldr will ihm dabei zur Seite stehen und aus persönlichen Gründen Rache nehmen, während Eillir gar keine andere Wahl hat, als die beiden zu begleiten. Gern wüsste man auch, welches Schicksal den starken Frauen Werengis und Aldis beschieden ist; wie Agda sich in ihrem neuen Leben zurechtfindet. Und dann ist da noch Berengar von Werra, der Tyske aus dem Reich der Ostfranken. Schließlich umgibt Eillirs Herkunft noch ein dichter Nebel.

Die Leser möchten wissen, wie es weitergeht. Mehrfach bin ich ermuntert worden, die Geschichte um Eillir weiterzuerzählen. Zum Glück habe ich das schon beim Schreiben von Vinland erwogen. Kaum war die erste, grobe Version getippt, habe ich mir Gedanken über eine Fortschreibung der Geschichte um »meine« Wikinger gemacht. Ich habe recherchiert und eine Skizze mit wichtigen Figuren und Konfliktlinien eines Historischen Romans erstellt.

Vielleicht hat mancher Leser auch erwartet, ich würde im fünften Teil der Piratenbrüder-Serie wieder auf zwei Zeitebenen schreiben. Möglicherweise sind sogar einige enttäuscht darüber, dass es jetzt »nur« mit den Piratenbrüdern weitergeht. Alles andere wäre jedoch keine gute Idee gewesen. Vinland hat das erzählt, was beide Zeiten miteinander verbindet; danach gehen beide Geschichten eigene Wege. Die Berührungspunkte, die es zwischen Piraten und Wikingern historisch gegeben hat, sind auserzählt.

Der Roman hat ein offenes Ende, was das Schicksal der Wikinger um Eillir, Stígandr und Ryldr anbelangt. Von Anfang an hatte ich die Idee, die Geschichte in einem eigenständigen Roman zu erzählen. Das ist mein nächstes Roman-Projekt.

Was Stígandr, Eillir und Ryldr erwartet, würde auch den Erzählrahmen völlig sprengen. In Vinland habe ich schon einige Themen und Motive angedeutet, die eine Rolle spielen werden. Da wären etwa die Kriege in den nordischen Ländern um die Macht, aber auch der Kampf um die Krone in England. Sven Gabelbart (was für ein toller Name!) hat sich dem Ziel verschrieben, König zu werden. Wie das historisch endete und was danach folgte, kann man auf Wikipedia kurz nachlesen.

Meine Wikinger erwartet jedenfalls ein Hexenkessel, so viel sei an dieser Stelle verraten. Das soll und muss mit einem eigenen Roman gewürdigt werden.

Nach Beendigung des letzten Romans um die Piratenbrüder werde ich mich zunächst um diesen Wikinger-Roman kümmern und danach der epischen High-Fantasy-Serie widmen. Da in der Fantasy-Welt auch eine Art »Nordmänner« ihr Unwesen treibt, ist die Recherche für den Wikinger-Roman gleich ein wenig Vorgriff auf das Fantasy-Abenteuer.

Der Wikinger-Roman wird weniger Jugendbuch sein als die Piratenbrüder, allerdings werde ich weiterhin Zurückhaltung üben, wenn es um Schlachten, Kämpfe und Sex geht. Die brutale Grausamkeit der Zeit will ich selbstverständlich nicht verschweigen, aber das geht auch ohne explizite oder blutrünstige Schilderungen. Wer so etwas will, wird anderswo fündig.

Bisher erschienen:
(einfach auf das Cover klicken)

John Connolly: Stan

Was wäre mir da für ein Schatz entgangen! Der Roman über Stan Laurel ist – wie das Zitat zeigt – eben auch einer über Oliver (Babe) Hardy. Großartig! Cover Rowohlt-Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Vieles aus dem Roman Stan von John Connolly wird im Gedächtnis haften bleiben. Szenen von großer emotionaler Intensität. Stan Laurel und Oliver (Babe) Hardy überqueren den Atlantik mit dem Schiff. Eigentlich wollen sie in England Urlaub machen. Im Filmgeschäft aber, das hat der Leser längst gelernt, wird mit harten Bandagen gekämpft. Ihr Brötchengeber Hal Roach nutzt ihre Reise als PR-Tour aus, es sind Auftritte geplant, Interviews, Autogramm-Stunden. Urlaub ist es trotzdem, denn ihnen wird der Lohn für die Zeit ihrer Abwesenheit gekürzt. Harte Bandagen.

Auf dem Weg von der West- an die Ostküste erleben die beiden Filmschauspieler, dass sie Stars geworden sind. Sie wissen, dass die Menschen ihre Filme lieben, sie kennen das Gedränge, wenn sie irgendwo in der Öffentlichkeit auftreten. Auch bei ihrer Abreise aus L.A. gibt es das gewohnte Bild. In den Städten des Ostens aber werden Laurel und Hardy vom Star-Rummel regelrecht überrollt.

Ihre Wahrnehmung der Realität verschiebt sich. Sie sind nicht nur bekannte und beliebte Filmschauspieler, sie sind Stars. Das ist wie ein Schlag mit einem nassen Handtuch – zunächst sind sie wie betäubt, dann, nach und nach nehmen sie die neue Wirklichkeit an. Trotzdem bleibt die Unsicherheit: Hier ist Amerika, doch wie wird es in Großbritannien sein, Laurels alter Heimat?

Als sich das Schiff dem Hafen nähert, hören beide ein seltsames Geräusch. Es klingt wie eine gewaltige Schar zwitschernder Vögel. Ein vielstimmiges Pfeifen. Als sie näherkommen, sehen sie die unzähligen Menschen, die zu ihrer Begrüßung zusammengeströmt sind und vereint die Melodie pfeifen, die am Anfang ihrer Filme steht. Ein Moment magischer Schönheit, irreal und zugleich erhebend.

Schräääääges Zeug. Das Laurel&Hardy Theme. Gepfiffen von tausenden Menschen muss es unglaublich klingen. Quelle: Youtube.

Jahre später, nach dem Durchschreiten von Abgründen als Ehen, Scheidungen, Alkohol, Hochzeiten (zweimal, dreimal mit der gleichen Frau), Exzessen, dramatischen Fehltritten, dem Gefühl, nie Chaplin zu werden, Ausgenutztwerden und finanziellen Problemen, dem faktischen Ende der Karriere, Alter, die Hölle im Haifischbecken von Fox – nach alldem kehren beide noch einmal nach Europa zurück.

Die Zweifel, die sie beim ersten Trip beschlichen, haben sich in rabenschwarze Befürchtungen verwandelt. Zwei alte Männer wolle niemand sehen, denken sie. Im Nachkriegsengland nach den Entbehrungen des Krieges haben alle nur das Bild von Laurel und Hardy im Kopf, das längst verblichen ist. Als das Schiff sich Southampton nähert, …

 … erreicht sie ihn, so wie früher, wird lauter wie der Gesang unsichtbarer Vögel, der vom Dock und der dahinterliegenden Stadt aufsteigt und vom Wind dorthin getragen wird, wo er steht.
Eine gepfiffene Melodie.

John Connolly: Stan

Es ist mehr als ein Echo des ersten Erlebnisses Jahre zuvor. Es ist ein Augenblick der Vollkommenheit. Das Ende, das tragische, melancholische Ende ist bereits nahe. Wer sich auf Stan von John Connolly einlässt, ist schon auf der ersten Seite am Ende angelangt, denn der Autor erzählt in Rückblicken. Laurel ist allein, Babe Hardy tot, wie so viele andere, die er auf seinem Weg getroffen und kennengelernt hat.

In langen Schleifen erzählt Connolly aus dem Lebensweg Laurels, der lange seinen Pfad ohne seinen kongenialen Partner geht. Chaplin ist einige Zeit mit dabei, das „Monster“, mit seinem monströsen Gebaren. Im Roman ist selten von Sex, nie von harmloseren Umschreibungen, aber oft vom „Ficken“ die Rede. Man kann das mögen oder nicht, es spiegelt wie vieles andere in dem Buch die Härte eines Lebens wieder, in dem Kunst unter das Joch des Geschäfts gezwungen wird.

Die Jahre der Entbehrungen als Bühnendarsteller, den Blick auf den kometenhaft aufsteigenden Stern Charlie Chaplin, die schier endlosen Trippelschritte Laurels zum Ruhm sind begleitet harter Arbeit mit Hingabe, Disziplin und Kreativität. Ohne das nötige Glück, ohne die Beziehungen, für die er viel investieren musste, hätte das alles nichts genutzt. Ohne Talent wäre die Schauspielerei hohl geblieben, ohne Babe Hardy nichts.

Stan hätte ein Gedöns-Roman werden können, schlimmstenfalls ertränkt in Fluten der Emotion. Connolly hat einen Stil gewählt, der dem einen Riegel vorschiebt. Schon auf der allererste Seite wird klar, worauf man sich einlässt. Für mich sofort fest, dass ich auf einen kleinen Schatz gestoßen bin. Dann möchte man gar nicht mehr aufhören zu lesen und einen erneuten Blick in die Filme werfen.

Deshalb lebt er hier in diesem kleinen Apartment,
lebt er hier in Santa Monica,
lebt er hier mit seiner Frau,
lebt er hier mit dem Traum von dem, der er war, und der Wirklichkeit dessen, was aus ihm geworden ist.
Er ist alt. Er wird nicht sehr viel länger leben, weder hier noch irgendwo anders.
Hier, am letzten Set seines Lebens – den vier Wänden und dem Ozean dahinter -, verfehlt er seine Markierungen.

John Connolly: Stan

Im englischen Original lautete der Titel sehr passend: he, Connolly spricht oft von »er«, wenn Stan gemeint ist. Über allem liegt von Anbeginn an wie dicker Nebel die Melancholie. Der Tod steht schon vor der Tür. Der zweiten Ankunft in Southampton folgt ein triumphaler Aufenthalt in England. Aus den geplanten sechs Wochen werden neun Monate. Die Hoffnung kehrt zurück und brennt einige Zeit und erlischt.

John Connolly: Stan
Rowohlt Verlag 2018
Aus dem Englischen von Gottfried Röckelein
Gebunden 528 Seiten
ISBN: 978-3-489-00946-5

James Clavell: Shōgun

Ein großes Epos hat James Clavell geschrieben. Cover Knaur, Bild mit Canva erstellt.

Endlich bin ich einmal dazu gekommen, Shōgun von James Clavell zu lesen. Das hatte ich mir bereits in den frühen 1980er Jahren anlässlich der schönen Verfilmung mit Richard Chamberlain vorgenommen, einige Jahrzehnte später hat mir die erneute Umsetzung im Rahmen einer Serie den nötigen Motivationsschub gegeben, zu Buch / Hörbuch zu greifen. Dieser wunderbare historische Schmöker hat mich in den Bann geschlagen.

Karma, hatte er sich gesagt, ohne dass es schmerzte.

James Clavell: Shōgun

Das Wort »Karma« wird im Verlauf der Handlung oft benutzt, reicht aber weit über eine bloße (achselzuckende) Phrase hinaus. Wie der englische Pilot / Navigator (Anjin) Blackthorne nähert sich der Leser der anfangs fremden Welt peu á peu an. Worte, die auch als hohle Hülsen im Stile von »Gott sei mit dir!« gebraucht werden könnten, entpuppen sich als Teil einer spezifischen Lebenshaltung. Es ist ein weiter Weg, bis die Hauptfigur nicht nur „Karma“ sagt, sondern auch meint, weil er dessen Bedeutung verinnerlicht hat und fühlt.

Die Fremdheit und der sich langsam, aber unvollständig lüftende Schleier über der Kultur des Inselreiches Japan wird durch die epische Geschichte sehr schön eingefangen, die gegenseitigen Missverständnisse sind lustig, lebensgefährlich, grotesk und tatsächlich auch lehrreich. Die Handlung bleibt auch deswegen so spannend, weil der Umgang mit den Verständnisgräben immer wieder für Überraschungen sorgt.

Der Umgang mit den Sprachen hat mir besonders gut gefallen. Blackthorne ist ein hochgebildeter Mann, er spricht neben Englisch auch Niederländisch, Portugiesisch, ein paar Brocken Spanisch (»¡cabron!«) und Latein. Für die meisten Japaner ist Latein „die Geheimsprache der Priester“, die sie nicht verstehen. Clavell nutzt das, um ausgerechnet Latein zur Sprache der Liebe zu machen, die der Anjin und Mariko benutzen, um sich heimlich zu verständigen. Für Schul-Lateiner ist es äußerst faszinierend, dass etwas so Dröges, Totes sehr lebendig sein kann.

Die inhaltlichen Wendungen sind eine der ganz großen Stärken von Shōgun. Clavell hat ein dichtes Netz an Antagonismen, geheimen und offenen Bündnissen, Interessen, Verrat und individuellen Strategien und Taktiken geschaffen, das weit über das hinausgeht, was die beiden Serien zu bieten haben. Alles ist in die geopolitische Lage des Jahres 1600 eingebettet, die Gegensätze zwischen Katholiken und Protestanten sowie der ewige Krieg zwischen Spaniern / Portugiesen und Engländern / Niederländern bilden eine aktive Kulisse der Handlung.

Obwohl mir die Grundhandlung durch die beiden Serien bekannt war, fesselte das Buch bis zur letzten Seite. Einige Stellen sind sehr brutal, die mögliche Anwendung von Gewalt liegt stets in der Luft. Und doch sind es die Gedanken und vor allem Gespräche der Handelnden, die Shōgun so interessant machen. Schlachten werden nur im Kopf geschlagen, als Pläne, Optionen oder Erinnerungen, bemerkenswert bei so einem dicken Schinken.

Schwerter und Bögen kommen bei Scharmützeln und Handstreichen, Überfällen und Verrat zum Einsatz. Sie sind aber immer das Mittel zu einem anderen Zweck, oft einem mehrfachen Doppelspiel, mit dem sich die Kontrahenten auszuspielen versuchen. Das wirkt alles sehr durchdacht und hervorragend erdacht. Für mich war die klassische auktorialen Erzählhaltung zudem äußerst angenehm, Clavell hat erzählt, was er zu erzählen hat, und die ihm passende Form gewählt.

James Clavell: Shōgun
Aus dem Englischen von Werner Peterich
Knaur 2024
Taschenbuch 1.280 Seiten
ISBN: 978-3-426-29351-5

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