Schriftsteller - Buchblogger

Schlagwort: Erzählungen

Lesja Ukrajinka: Am Meer

Buchcover von ‚Am Meer‘ – Erzählungen von Lesja Ukrajinka, herausgegeben und mit einem Vorwort von Tanja Maljartschuk, Verlag Wallstein. Das Cover zeigt ein Porträt der Autorin vor einem abstrakten, wellenförmigen Hintergrund. Im Bild ist zudem ein Zitat zu sehen: ‚Hier vermochte es die Sonne noch in der Stunde vor ihrer unvermeidlichen Niederlage, ihren Sieg vorzugaukeln.‘ Im Hintergrund eine bewölkte Meereslandschaft.
Das Meer spielte für die ukrainische Schriftstellerin Lesja Ukrajinka eine wichtige Rolle, auch in ihren Erzählungen ist es ein bedeutsames Motiv. Die Sprache ist wundervoll, dank der Übersetzung von Maria Weissenböck. Coverrechte beim Verlag, Bild mit Canva erstellt.

[…] denn das Glück war ihnen lieber geworden als das Leben.

Lesja Ukrajinka: Am Meer

Das Streben nach Glück als Quelle des Bösen. Ein ungewöhnlicher, radikaler Gedanke, den Lesja Ukrajinka in ihrer Erzählung Das Glück literarisch verwertet. Der Text ist nur dreieinhalb Seiten kurz und von existenzieller Wucht. Man kann, sollte ihn gleich mehrfach lesen, die inhaltliche Dichte und Präzision der Sprache und Bilder ist beeindruckend. Ein wenig erinnert die Verbindung aus verdichteter Knappheit und umfassender Tragweite an Kafka, mit einer ganz eigenen erzählerischen Note.

Damit ist ein wesentliches Merkmal dersieben Erzählungen genannt, die im Band Am Meer zusammengetragen sind. Ein kaum merklicher und entsprechend schwer greifbarer »ukrainisch-osteuropäischen« Ton schwingt mit, wenn Lesja Ukrajinka von räumlich und zeitlich übergreifenden Themen erzählt. Man kann also die Erzählungen lesen, ohne vorher das vorzügliche und informative Vorwort von Tanja Marljartschuk zur Kenntnis zu nehmen.

Ich habe auch zuerst die Erzählungen gelesen, um mir mein ganz eigenes Verständnis (oder auch Unverständnis) der Texte zu schaffen. Die Informationen aus dem Vorwort brachten die Texte im Nachhinein noch stärker zum Leuchten, sie bestätigten oder ergänzten meine Eindrücke. Tatsächlich frage ich mich, ob das Vorwort nicht hätte besser ein Nachwort sein sollen; vielleicht ist das aber auch ein notwendiges Zugeständnis an die Lesegewohnheiten der Gegenwart.

Zwei der Erzählungen sind erheblich länger als die übrigen. Der titelgebende Text Das Meer erzählt von einer jungen Frau in Jalta auf der Krym, die im milden Klima vermutlich die Wintermonate verbringt. Eine einsame Zeit, gesucht für die Erzählfigur, die »für einige Zeit vor den Menschen flüchten will, eben damit ich sie nicht zu hassen beginne.« Der Wunsch geht dank einer Einladung mit nachfolgendem Besuch bei einer anderen Dame nicht in Erfüllung.

Es beginnt ein Spiel zwischen zwei grundverschiedenen Charakteren, die von der Autorin in scharfem Kontrast mit großer sprachlicher Präzision gegenübergestellt werden. Lesja Ukrajinka muss eine besondere Beobachtungsgabe besessen haben, die Charakterzeichnungen sind ebenso kunstvoll wie gelungen. Die Erzählerin kommt von ihrer lästigen Bekanntschaft nicht recht los, zufällige Begegnungen unterbrechen den Versuch, die erhoffte Distanz von den Menschen zu finden. Erst am Ende ist die Ausfahrt auf das Meer die Erlösung. Der Titel des Erzählbandes ist gut gewählt, ist das Meer doch auch in der Erzählung Das Glück Sinnbild für ein beinahe paradiesisches Leben.

Das Leben der Menschen floss in sanften Wellen dahin und vereinte sich in diesem Traum zu einem lichterfüllten, stillen Meer.

Lesja Ukrajinka: Am Meer

Im Vorwort erfährt der Leser die Bedeutung des Meeres für die Autorin, nicht nur in diesem Punkt ist Biographisches in die Erzählungen eingeflossen. Man spürt an dem Zitat auch die poetische Begabung der Autorin, die ihre Prosa beauderlicherweise sehr viel weniger wertschätzte als ihre Lyrik bzw. »lyrisch-epischen Lesedramen«. Der Grund ist frappierend: scharfe, öffentliche, herabwürdigende Kritik von Ivan Franko. Ukrajinka schrieb Prosa »in Momenten völliger körperlicher Erschöpfung«, eine schriftstellerische Selbstverstümmelung angesichts der Qualität der Texte.

Ich möchte den Lesern dieser Besprechung nicht die Möglichkeit rauben, die Erzählungen möglichst unvoreingenommen zu lesen. Daher werde ich aus dem Vorwort nur noch zwei Dinge nennen. Lesja Ukrajinka ist ein Pseudonym der 1871 geborenen Laryssa Kossatsch; »Lesja, die Ukrainerin« hält auch Tanja Maljartschuk für nicht allzu originell, aber für die Zeit sinnbildlich. Die Ukraine im heutigen Sinne gab es damals nicht, das Land war Teil des russischen Imperiums, das mit repressiven Mitteln versuchte, alles Ukrainische zu unterdrücken. Lesja Ukrajinka schrieb ihre literarischen Werke auf Ukrainisch, (journalistische) Beiträge zum Lebensunterhalt auf Russisch.

Viele Ukrainer sprechen Russisch, umgekehrt dürfte das eher eine Ausnahme sein, was im Westen zu der weitverbreiteten, aber bequem-schlichten Auffassung führte, Ukrainer wären mehr oder weniger Russen. Lesja Ukrajinka beherrschte neun Sprachen, übersetzte Literatur aus dem Französischen und Deutschen und verfügte über einen vorzüglichen Scharfblick für politische Bigotterie, die sie scharfzüngig kritisierte. Die Autorin litt lebenslang an einer damals unheilbarer Krankheit und starb 1913 mit 42 Jahren, ein Jahr, bevor Europa in den Abgrund stürzte. Mit der »volkstümelnden Dorfliteratur« ukrainischer Autoren fremdelte sie heftig, umgekehrt trafen ihre Texte auf das Unverständnis ihrer Zeitgenossen.

Glücklicherweise gibt es die Erzählungen von Lesja Ukrajinka auf Deutsch. Die Reihe Ukrainische Bibliothek aus dem Wallstein-Verlag werde ich sammeln, die Möglichkeit weiterer literarischer Entdeckungen lasse ich mir nicht entgehen.

Lesja Ukrajinka: Am Meer
Erzählungen
Herausgegeben und mit einem Vorwort von Tanja Maljartschuk.
Aus dem Ukrainischen von Maria Weissenböck
Wallstein 2025
Gebunden 184 Seiten
Reihe: Ukrainische Bibliothek
ISBN 978-3-8353-5884-3

Undine Gruenter: Sommergäste in Trouville

Buchcover von 'Undine Gruenter: Sommergäste in Trouville' mit dem Untertitel 'Erzählungen'. Das Bild zeigt eine Person, die am Strand von Trouville entlanggeht, mit Blick auf das Meer und eine markante Klippe. Der Himmel ist leicht bewölkt.
Die meisten Erzählungen in diesem Band gefallen mir sehr gut, insbesondere wegen des zurückgenommenen, präzisen Stils der Autorin. Sommerschnulzig-leicht geht es in den Geschichten nicht zu, im Gegenteil. Coverrechte beim Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Fünfzehn Erzählungen versammelt das schmale Bändchen mit dem Titel Sommergäste in Trouville von Undine Gruenter. Ohne die Empfehlung Michael Maars in seinem Band Die Schlange im Wolfspelz wäre ich im Leben nicht auf die Idee gekommen, die Sommergäste zur Hand zu nehmen. Da wäre mir aber etwas entgangen, denn von zwei, drei Ausnahmen abgesehen mochte ich alle kurzen Erzählungen.

Trotz des Titels ist der Erzählungsband kein luftig-leichtes oder gar romantisch-verklärtes Lektürevergnügen. Zwar durchwirkt Erotik einige Erzählungen, aber auf eine diskrete Weise; Gruenter schreibt um den Kern herum, beendet die Erzählung oft, ehe es zur Sache geht. Nicht nur beim Kopulieren, auch in den Texten, die fürchterlich düster sind, in denen die Verlassenheit des Ferienortes, die Einsamkeit des Alters oder toxische Ehe- und Erziehungsverhältnisse geschildert werden.

Trouville ist ein Ferienort in der Normandie, es liegt direkt am Meer, unweit der Seine-Mündung und gegenüber von Le Havre. Das vielleicht noch bekanntere Deauville ist nur durch einen schmalen Kanal getrennt, umgangssprachlich wird es auch »La plage des Parisiens« genannt, weil dort viele Angehörige der Oberklasse der französischen Hauptstadt ihre Zweit-Domizile haben. Diese Kreise erkundet Gruenter in einigen ihrer Erzählungen.

Gruenters Stil ist zurückgenommen, sehr präzise und treffend, ohne in Sprachbildern zu schwelgen. Auslassungen gibt es viele, bisweilen wird es auch handfest, wenn es beispielsweise um das Verhalten einiger Feriengäste von den britischen Inseln geht. Es gibt jedoch nicht die Spur Belehrendes in diesem Buch, vom marktschreierischen Ton der Sozialen Medien unserer Tage gar nicht zu reden. Sommergäste in Trouville haftet etwas Analoges im besten Sinne an, was die Lektüre trotz aller melancholischen Abgründe entspannend macht.

Undine Gruenter: Sommergäste in Trouville
Erzählungen
Hanser 2003
Gebunden 212 Seiten
ISBN: 9783446202702

Oleksij Tschupa: Märchen aus meinem Luftschutzkeller

Erzählungen aus der östlichen Ukraine. Cover Haymon Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Erzählungen lese ich recht selten. Nein, auch nicht die von Franz Kafka, nicht einmal im Jubiläumsjahr. Ein paar Bände mit Erzählungen habe ich aber schon im Regal stehen, den von Leonardo Padura wollte ich in diesem Jahr endlich einmal lesen. Doch ist mit der ukrainische Autor Oleksij Tschupa mit seinen Erzählungsband Märchen aus meinem Luftschutzkeller dazwischengekommen.

Im Gegensatz zu Sammelbänden á la Kafkas Erzählungen sind die Texte aus dem »Luftschutzkeller« zumindest räumlich miteinander verbunden: Alle spielen in einem Haus bzw. die Personen, von denen und über die erzählt wird, wohnen in diesem Haus. Manchmal nimmt die Handlung auf eine andere Erzählung Bezug, zum Beispiel wenn etwas dort Geschildertes von anderen Hausbewohnern gehört oder gesehen und dann erzählt wird.

Das Haus steht in Makijwka, einem Ort im Donbass der Ukraine, der seit ein paar Jahren zu Putins Marionetten-Kreation »Volksrepublik Donezk« gehört. Es ist der Geburtsort des Autors Oleksij Tschupa, der mittlerweile weiter westlich in der Ukraine lebt, was angesichts der politisch-wirtschaftlichen Umstände in der russisch kontrollierten Region kein Wunder ist. Thematisiert wird das allerdings in den Erzählungen nur am Rande.

Meine Lieblings-Erzählung ist »Goodbye Lenin«. Natürlich geht es auch in dieser um eine Lenin-Statue, die jedoch nicht an einem Hubschrauber durch die Luft fliegt, sondern – ganz profan – gestürzt wird. Soweit, so erwartbar. Tschupa belässt es jedoch nicht dabei, sondern gestaltet diese politisch-anarchistische Aktion zu einer Groteske. Die Umstürzler finden nämlich überraschenderweise etwas im Sockel der Statue und kommen zu einer wahrhaft salomonischen und sehr komischen Lösung, wie sie sich vor etwaigen Nachstellungen der von ihrer Aktion wenig erfreuten Kommunisten schützen können. Toll!

Fast alle Erzählungen sind dynamisch, modern und schräg, was natürlich in erster Linie an den Handelnden liegt. Sehr gefallen hat mir die Vielfalt der der Figuren und ihrer Charaktere, der prügelnde Berkut-Angehörige und die nörgelige Mutter, Wodka, Waffen, hochfliegende oder ganz abgründige Pläne, Gemeinheiten, Fluchten und auch eine schauerliche Geschichte um einen Kriegsgefangenen aus Deutschland, der nach dem Zweiten Weltkrieg beim Hausbau eingesetzt war und auf seine Weise Spuren hinterlassen hat, die bis in die Gegenwart spürbar sind.

Im letzten Kapitel des Buches gibt sich der Autor selbst die Ehre und erzählt von den Umständen, unter denen Märchen aus meinem Luftschutzkeller entstanden ist. 2014, als er das Buch abgeschlossen hat, begann wenige Wochen später der Beschuss des Ortes, die Schlussbemerkungen sind folgerichtig mit »Noch ein paar Worte aus dem Keller« überschrieben. Erhellende Worte.

Oleksij Tschupa: Märchen aus meinem Luftschutzkeller
Aus dem Ukrainischen von Claudia Dathe
Haymonverlag 2019
Gebunden, 208 Seiten
ISBN: 978-3-7099-7253-3

© 2026 Alexander Preuße

Theme von Anders NorénHoch ↑

DSGVO Cookie Consent mit Real Cookie Banner