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Schlagwort: Film

Richard Hallas: Wer verliert gewinnt

Zwischen der Bergarbeitersiedlung in Oklahoma und Kalifornien liegen nicht nur viele Meilen, sondern Welten, wie die Hauptfigur des Romans von Richard Hallas feststellen muss. Von der harschen Wirklichkeit entrückt taumelt Richard Dempsey seiner persönlichen Katastrophe entgegen. Coverrechte liegen beim Verlag, das Bild wurde mit Canva erstellt.

USA, Mittlerer Westen, 1930er Jahre. Die Gefängnisse sind überfüllt von Tramps, nicht die tragisch-komische Version Charlie Chaplins, sondern asoziales Gelichter und Gesindel. Die Staatsmacht weiß sich zu helfen: Deportation in einen anderen Bundesstaat, genauer gesagt nach Kalifornien. Raus aus dem Knast, rein in die Eisenbahn, bis die Transportwagons mit Menschen vollgestopft sind.

Wer denkt da nicht unwillkürlich an die Züge, die wenige Jahre später durch Europa rollten?

Der Noir-Thriller aus dem Jahr 1938 deutet an dieser Stelle etwas an, was Autor Richard Hallas zu diesem Zeitpunkt selbstverständlich nicht einmal ahnen konnte. Die Lage in den überfüllten Waggons des Romans ist düster genug. Das Recht des Stärkeren regiert, brutale Gewalt an Hilflosen und Schwachen wird verübt, Rassismus ist fast nur eine Randerscheinung. Beißende Kälte in den Bergen, brütende Hitze in den Wüsten, keine Verpflegung, kein Wasser, keine Körperpflege.

In diese kleine Hölle gerät der Ich-Erzähler Dick, eigentlich Richard Dempsey. Ein Mann aus der Unterschicht, er lebt in einem BergbauDrecksloch« in Oklahoma, verlassen von Frau und Kind, bricht er auf der Suche nach ihnen gen Kalifornien auf. Geld hat er keines, daher die Reise auf den Schienen im Waggon der Mittellosen. Nach wenigen Seiten dieses alptraumartigen Trips fragt man sich, wie das bis zum Ende des Buches eigentlich weitergehen soll, so drastisch ist die Schilderung. Wer verliert gewinnt hält jedoch für den Leser mehrere verblüffene Wendungen bereit.

Ich hörte, wie sie auf ihn losschlugen, bis er still war.

Richard Hallas: Wer verliert gewinnt

Richard Hallas, das Pseudonym des britischen Autors Eric Knight, hat ein Händchen dafür, seinen Ich-Erzähler in groteske Situationen stolpern zu lassen. Diese sind nicht komisch, sondern wie ein irrwitziger, anstrengender Traum, aus dem man gern aufwachen möchte. Der abgerissene, heruntergekommene Erzähler wird mit Menschen konfrontiert, die ein schräges Verhalten an den Tag legen. Auf das Entgegenkommen dieser Zeitgenossen ist er wegen seiner Lage angewiesen, er würde andernfalls einfach verhungern.

Dick lässt sich zur Teilnahme an einem fingierten Verbrechen überreden, das selbstverständlich einen ungeplanten Verlauf nimmt. Die Schuld schwebt danach wie das berüchtigte DamoklesSchwert über dem Erzähler. Diese latente Bedrohung sorgt für eine nicht abreißende Spannung, auf einem kurvenreichen Weg mündet der Fehltritt in einer Katastrophe. Die Inszenierung des Desasters ist einfach großartig, weil sie die schon damals wirksamen, bis heute bekannten Abgründe des US-Gesellschafts- und Politsystems auslotet.

Wie der ganze Roman ist das wunderbar unterhaltsam, weil Hallas seine Figuren immer unerwartet und schwer begreiflich handeln lässt. Es wirkt wie ein Spiel, bei dem kein allmächtiger Gott die Fäden lenkend in der Hand hält, sondern eine Art Zufallsgenerator, ein Würfelspiel oder Roulette, wie es auf dem sehr schönen Cover abgebildet ist. Vielleicht hatte Einstein aber auch unrecht, und Gott würfelt doch?

Das Motiv  des Spiels ist im deutschen Titel, vor allem aber im englischen Original enthalten: You Play the Black and the Red Comes Up. In der Romanhandlung findet sich Ich-Erzähler Dick einmal tatsächlich am Roulette-Spieltisch wieder. Das ist eine ganz großartige Szene, denn der Versuch, gefährliches Geld zu verlieren, geht schief. Die Hauptfigur hat am Ende viel mehr Geld als zu Beginn, Dick findet sich inmitten einer aufgeheizten Situation wieder, steht im Zentrum der Aufmerksamkeit, die Polizei rückt an – alles, was er unbedingt vermeiden wollte.

Das alte Sprichwort heißt: Du setzt auf Schwarz – und Rot gewinnt.

Richard Hallas: Wer verliert gewinnt

Von der harschen Lebenswirklichkeit der Großen Depression in den 1930er Jahren, die Wer verliert gewinnt in den ersten Kapiteln drastisch vorführt, ist in Kalifornien nichts zu spüren. Dicks Leben ist dort regelrecht entrückt, alles erscheint geradezu unwirklich, wie die Filmindustrie mit ihren verlogenen Traum- und Scheinwelten. Der Regisseur Quentin Genter, ein hintertriebener, arglistiger und rücksichtsloser Mensch, formuliert das im branchenüblichen Überschwang, wenn er meint, die ganze Welt wäre ein Kino und das Leben ein Film.

Das treibt Autor Hallas auf die Spitze, als der Ich-Erzähler am Meer sitzt und eine splitternackte Schwimmerin namens Sheila aus dem Wasser steigt, wie eine der mystischen Meerjungfrauen. Dick gibt sich ritterlich (ganz im Gegensatz zu der Meute aus den ersten Kapiteln, die schon bei der Erwähnung zweier »Mädels« ihren Trieben freien Lauf lässt). Irritierend ist eine euphemistische Formulierung für Sheilas Verhalten in der Folgezeit, für den handfest denkenden und agierenden Dick bleibt sie rätselhaft. Die Distanz zwischen beiden dürfte der Kluft zwischen der woken Awareness-Kultur und den Trump-Wählern entsprechen. Dennoch verliebt Dick sich in Sheila und nimmt prompt Kurs auf die Katastrophe.

Besonders gelungen finde ich die Gestaltung des Ich-Erzählers. Schon auf dem Höllentrip gen Kalifornien zeigt er Ansätze moralischen Verhaltens, das sein Handeln auch danach immer wieder bestimmt. Geradezu skrupulös versucht er, einem unschuldig Inhaftierten zu helfen, er bleibt seiner Geliebten verbunden, einer älteren Frau namens Mamie mit einem übergriffig-eifersüchtigen Verhalten.

Trotzdem bleibt der Verdacht bestehen, seine Frau könnte  ihn aus gutem Grund verlassen haben, häusliche Gewalt liegt nahe, auch weil der Ich-Erzähler eine wenig glaubhafte Ausrede vorbringt. Er ist  bereit, das Gesetz zu brechen, und er scheut auch nicht den Gedanken an ein Kapitalverbrechen, leitet es sogar in die Wege, was in einer Tragödie endet. Diese Figur des Richard Dempsey ist nicht glattgeschliffen, das Nebeneinander von persönlichen Abgründen und moralischen Grundsätzen ist nicht bloß behauptet, sondern glaubwürdig motiviert.

Das nimmt den Leser für die Hauptfigur ein, die Spannung in diesem Roman entwickelt sich auch aus dem Wunsch, alles möge inmitten des Wahnwitz doch irgendwie gut ausgehen, und dem Wissen um dessen Unerfüllbarkeit. Wie könnte es auch, denn die harsche, oft irrsinnige Wirklichkeit bleibt neben den abgehobenen Traumwelten Hollywoods und totalitär-verzückter Weltverbesserer bestehen. Darum liest man das Ende des Romans mit einigem Misstrauen, es passt besser zum Wunsch als zur Wirklichkeit. Es wirkt wie eine Phantasmagorie.

Gern bedanke ich mich beim Elsinor-Verlag für das Besprechungsexemplar. Wie in den anderen Bänden der Reihe um die Noir-Klassiker rundet auch bei Wer verliert gewinnt ein vorzügliches Nachwort von Herausgeber Martin Compart das Buch ab. Eric Knights Lebensweg ist selbst ein Roman, in dem es reichlich Noir-Phasen gab, einschließlich seines tragischen Endes im Jahr 1943.

Weitere Besprechungen der Noir-Thriller-Klassiker-Reihe:
Fearing, Kenneth: Die große Uhr.
Buchan, John: Der Übermensch.
A.D.G.: Die Nacht der kranken Hunde.
John Mair: Es gibt keine Wiederkehr.
Derek Marlow: Ein Dandy in Aspik.

Richard Hallas: Wer verliert gewinnt
Aus dem Englischen von Anna Katharina Rehmann-Salten
Hrsg. und mit einem Nachwort von Martin Compart
Elsinor 2026
Klappenbroschur 224 Seiten
ISBN: 978-3-942788-94-6

Arnaud Delalande / Éric Liberge: Fritz Lang

Den berühmtesten Film von Fritz Lang, Metropolis, habe ich noch nicht gesehen. Nach der Lektüre der Graphic Novel, die auch von der Entstehung des Werks erzählt, wäre die Gelegenheit wohl günstig. Cover Knesebeck, Bild mit Canva erstellt.

Am Ende überquert der berühmte Film-Regisseur Fritz Lang per Schiff den Atlantik und übersiedelt in die USA. Er lässt das nationalsozialistische Deutschland hinter sich, das sich 1934 so weit etabliert hat, dass ein schnelles Ende außer Sicht geraten ist. Lang folgt einem breiten Strom deutscher Emigranten, die seit der Machtübertragung an Adolf Hitler im Januar 1933 das Reich hinter sich gelassen haben. Wäre dieser Weg heute noch offen?

Mit dieser Frage habe ich die Graphic Novel von Arnaud Delalande und Éric Liberge verlassen. Historische Analogien sind ebenso brüchig wie verlockend, so führte der Weg über den Atlantik in eine USA, die von Charles Lindbergh regiert würden, wie es Philip Roth in seinem Roman Verschwörung gegen Amerika ausgemalt hat. Eine Dystopie, die jedoch recht schwachbrüstig gegenüber der harschen Realität wirkt. Nowhere to run. Diesmal.

Das Deutschland, das Lang hinter sich lässt, malt Delalande in kitschig-gruselige Bilder eines klösterlich-reinen Nazi-Deutschlands. Die Realität sah zu diesem Zeitpunkt schon anders aus, KZs, der Boykott jüdischer Geschäfte, Gleichschaltung von Presse und Kunst, brutale Gewalt, Uniformierung der Zeitgenossen und Massenaufmärsche. Der Film-Regisseur wird von alptraumhaften Visionen verfolgt, bei denen seine eigenen Film-Figuren fleißig mitwirken.

Wissen Sie, Herr Lang, wir entscheiden, wer Jude ist und wer nicht.

Arnaud Delalande / Éric Liberge: Fritz Lang

Fritz Lang braucht einige Zeit, bis er sich dazu durchringen kann, das Land zu verlassen. Auslöser ist Joseph Goebbels. Der Propaganda-Minister sieht in Lang einen Regisseur, der zur Ideologie des Regimes passen würde, obwohl dieser gemäß der Ideologie dank jüdischer Herkunft zu den Feinden des Reichs gehört. Doch wäre das für ein nützliches Instrument wie den Filmemacher kein Problem, die Nazi-Größen selbst entscheiden eigenmächtig, wer Jude sei und wer nicht.

Für Lang würde diese Form der Arbeit, das Abdrehen konformer Filmchen, die Selbstaufgabe bedeuten. Dessen Arbeitsweise ist von einer brutalen Kompromisslosigkeit gegenüber allen einschränkenden Rahmenbedingungen geprägt. Geld, der Umgang von Schauspielern und Statisten, Anpassung des Erzählten an das Kino und die Zuschauer – für Fritz Lang ist das alles zweitrangig hinter der Verwirklichung seiner filmischen Visionen.

Gerade die Arbeit am vielleicht berühmtesten Film, Metropolis, wird ausführlich geschildert. Ein Alptraum, in dem Lang selbst zu einer Art Regie-Diktator wird und das Projekt gegen alle Widerstände durchpeitscht, ohne auf irgendjemanden Rücksicht zu nehmen. Rücksichtsloses Vorgehen steht jedoch auch bei den Nationalsozialisten auf der Agenda, Goebbels sieht in Lang einen passenden Mann für die eigene Sache.

Wir haben unseren eigenen Fluch geschaffen und den Deutschlands.

Arnaud Delalande / Éric Liberge: Fritz Lang

Gewissensbisse plagen den Regisseur, der sich selbst und seiner kongenialen Drehbuchautorin und Frau Thea von Harbou eine Mitschuld am Aufkommen des Nationalsozialismus gibt. Kann Kunst das? Noch eine Frage, die nach der Lektüre der Graphic Novel nachwirkt. Thea von Harbou und Fritz Lang, das Liebes- und Arbeitspaar, entfremden und trennen sich, denn Thea ist dem Regime durchaus zugetan. Sie bleibt im Reich und setzt ihre Karriere dort fort.

Bei Wikipedia klingt das dann in der typisch verschwurbelten Erinnerungskultur-Sprache dann so: Sie sei neben Leni Rieffenstahl eine der »prägenden« aber »umstrittenen Frauen« des frühen deutschen Films. Zumindest prägend war sie, wie die lange Liste der von ihr verfassten Drehbücher zeigt. Sie teilt damit das Schicksal aller Drehbuchautoren, trotz ihrer immensen Bedeutung für den Film im Schatten zu stehen. Zu den Vorzügen der Graphic Novel gehört, sie ins Licht zu führen.

Besonders interessant ist auch der lange Weg Fritz Langs zum Film, der ihn durch die Blutmühle des Ersten Weltkrieges führte, in dem sich Lang durch große Tapferkeit mehrfach auszeichnete. Ein wiederkehrendes Motiv vieler Künstlerbiographien ist die Mischung aus Durchhaltewillen, Glück und hilfreicher Bekanntschaften, die für den Lebensweg bestimmend sind.

Mein Lieber Fritz, und warum nicht Malerei in bewegten Bildern? Der Film!

Arnaud Delalande / Éric Liberge: Fritz Lang

Am Ende hält die Graphic Novel, was das großartige Cover verspricht. Die parallele Montage von Politik und Film ist wunderbar gelungen, die Bilder von großer Wucht. Nicht zuletzt dadurch dürfte der Leser neugierig sein auf die Filme, die schon ein ganzes Jahrhundert alt sind. Metropolis spielt in einem fiktiven 2026. Nächstes Jahr also und einige Motive kommen merkwürdig vertraut vor.

Begegnungen mit Fritz Lang: Wenn ich mich richtig erinnere, habe ich zumindest den Film Die Nibelungen im Fernsehen angeschaut. Der Regisseur ist mir zudem in zwei Büchern begegnet, einmal in Daniel Kehlmanns Lichtspiel und gerade erst bei Steffen Schroeder Der ewige Tanz.

Arnaud Delalande / Éric Liberge: Fritz Lang
Die Comic-Biographie
aus dem Französischen von Anja Kootz
Knesebeck 2023
Gebunden 112 Seiten
ISBN: 978-3-95728-700-7

Isabel Kreitz: Die letzte Einstellung

Auch in der »Inneren Emigration« stehen die Gebliebenen vor brenzligen, moralisch problematischen Entscheidungen. Cover Reprodukt, Bild mit Canva erstellt.

Bleiben oder Gehen? Die Frage stellte sich vielen Intellektuelle in Deutschland nach der Machtübertragung an Adolf Hitler im Jahr 1933. Viele prominente Vertreter aus Kunst und Kultur mussten buchstäblich Hals über Kopf fliehen, um nicht in die Hände der Nazis zu fallen, für viele war es nur die erste Flucht, die zweite oder dritte folgte, als die Wehrmacht 1939  in die Tschechoslowakei einmarschierte und 1940 Frankreich überrannte.

Manche blieben im Reich und nahmen Einschränkungen in Kauf, wie Entlassung aus dem bisherigen Beruf oder ein Verbot zu Schreiben und zu Publizieren. Einer davon ist der Schriftsteller und Journalist Heinz Hoffmann, dessen Schicksal Isabel Kreitz in ihrer Graphic Novel Die letzte Einstellung erzählt. Die Figur ist fiktiv, allerdings an Erich Kästner angelehnt.

Der Titel ist vielschichtig. Wie das Cover zeigt, verweist das Wort „Einstellung“ auf die Filmbranche, die im Dritten Reich unter der Zuchtrute von Propaganda-Minister Joseph Goebbels stand und entsprechende Streifen produzierte. Zugleich geht es auch um die Haltung der Personen zu ihrer Arbeit, die Teil des verbrecherischen Regimes ist und hilft, es zu stützen.

Ich mag mir nicht vorwerfen lassen, ich hätte mich verdrückt.

Isabel Kreitz: Die letzte Einstellung

Die widersprüchlichen Zwangslagen, die sich in der „Inneren Emigration“ ergeben können, zeigt Kreitz ganz wunderbar auf. Hoffmann führt trotz Berufsverbot lange Jahre ein brauchbares, zurückgezogenes Leben, dank Rücklagen und Tantiemen seiner im Ausland weiter verkauften Bücher. In den Krieg muss er auch nicht, aus gesundheitlichen Gründen ist er vom Wehrdienst befreit; er darf nicht einmal in einer Fabrik arbeiten.

Was auf den ersten Blick so positiv erscheint, ist tatsächlich ein Graus. Was bleibt einem noch, wenn man bestenfalls für die Schublade schreiben kann? Man darf dabei nicht vergessen, dass erst 1943 den helleren Köpfen im Reich klar geworden war, dass der Krieg unweigerlich verloren gehen würde. Bis dahin musste Hoffmann davon ausgehen, nie wieder schreiben und publizieren zu können, das Dasein eines lebendig Begrabenen.

Das mag gemessen am Schicksal von toten Zivilisten im Bombenkrieg, Frontsoldaten, Zwangsarbeitern und Lagerinsassen wie eine Petitesse erscheinen, doch auch im Goldenen Käfig siecht man vor sich hin, insbesondere als kaltgestellter kreativer Kopf. Kurioserweise ist es ein Bombenvolltreffer im Jahr 1944, der Hoffmann seiner Wohnung und seines Besitzes beraubt – die Käfigtür schwingt auf.

Ich schmarotze bei meiner Freundin, kann nicht raus aus Berlin und mich nicht einmal an der Front totschießen lassen! Ich sitze in der Falle.

Isabel Kreitz: Die letzte Einstellung

Hoffmann sucht Unterschlupf bei Erika Harms, einer vormaligen Geliebten, der er übel mitgespielt hat. Sie hilft ihm trotzdem, ist emotional an Hoffmann gebunden und sorgt dank ihrer Stellung bei der UfA für eine Beschäftigung des Geschassten als Ghostwriter für einen Durchhalte-Film, der trotz katastrophaler Versorgungslage mit allen Ressourcen versehen ist.

Die „Frauen-Geschichten“ des Heinz Hoffmann, seine notorische Untreue verhindern neben seinem Hang zur Selbstgerechtigkeit, dass die Figur in hellem Licht erstrahlt. Erika Harms ist ein Gegenbild, überlebenswillig, hilfsbereit, anpassungsfähig und kommunikativ, mit ihrer anpackenden Art schafft sie, woran ein Heinz Hoffmann scheitern würde. Wie es ihr später gedankt wird, weiß der Leser schon aus dem ersten Abschnitt.

An der Seite von Harms und Hoffmann taucht der Leser ein in die gespenstische Wirklichkeit des untergehenden Hitlerdeutschlands. Die Grausamkeit des Krieges wird angedeutet und mit der Film-Unwirklichkeit kontrastiert, die geradezu aberwitzig wirkt angesichts der zermalmten Städte und zivilen Bombenopfer. Der Mensch und seine Existenz sind ab einem gewissen Zeitpunkt reduziert auf bloßes Überleben.

Es geht um uns alle, die an diesem Film mitarbeiten und den verdammten Krieg überleben wollen!

Isabel Kreitz: Die letzte Einstellung

Die letzte Einstellung ist eine ausgesprochen gelungene Graphic Novel, die mit ihren Bildern die Möglichkeiten des Mediums vorzüglich ausnutzt. Abgerundet wird das durch ein Glossar und ein Nachwort von Michael Töteberg, der den Leser über die historische Wirklichkeit des Film-Lebens im so genannten „Dritten Reich“ informiert. Von der ersten bis zur letzten Einstellung ein sehr lesenswertes Buch.

Die Graphic Novel berührt eine Frage, die ich mir seit Jahren stelle: Wie war die Einstellung vieler berühmter deutscher Nachkriegsschriftsteller zu Krieg und Regime wirklich? Böll, Grass, Walser – sie haben öffentlich eine pointiert moralisierende Einstellung eingenommen, gleichzeitig eine verschwiegene Distanz zu ihrer Vergangenheit gewahrt. Haben sie gelogen, aus Karrieregründen?

„Gott strafe England“ steht in einem Brief Bölls aus dem Krieg (7.9.1939); ein ironisches Zitat, meinen die Herausgeber. Was macht sie so sicher, dass es sich bei dieser Auslegung nicht um eine Projektion aus der Nachkriegszeit in die des Kriegsbeginns handelt? Hegte Böll vielleicht doch Groll auf England und – ganz besonders – wäre das so schlimm? Oder wäre ein nachträgliches Retuschieren, passend zum Friedens- und Verständigungs-Böll nicht schlimmer? 

Rezensionsexemplar, für das ich mich bei Reprodukt gern bedanke.

Isabel Kreitz: Die letzte Einstellung
Reprodukt 2025
Gebunden 312 Seiten
ISBN: 978-3-95640-452-8

John Connolly: Stan

Was wäre mir da für ein Schatz entgangen! Der Roman über Stan Laurel ist – wie das Zitat zeigt – eben auch einer über Oliver (Babe) Hardy. Großartig! Cover Rowohlt-Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Vieles aus dem Roman Stan von John Connolly wird im Gedächtnis haften bleiben. Szenen von großer emotionaler Intensität. Stan Laurel und Oliver (Babe) Hardy überqueren den Atlantik mit dem Schiff. Eigentlich wollen sie in England Urlaub machen. Im Filmgeschäft aber, das hat der Leser längst gelernt, wird mit harten Bandagen gekämpft. Ihr Brötchengeber Hal Roach nutzt ihre Reise als PR-Tour aus, es sind Auftritte geplant, Interviews, Autogramm-Stunden. Urlaub ist es trotzdem, denn ihnen wird der Lohn für die Zeit ihrer Abwesenheit gekürzt. Harte Bandagen.

Auf dem Weg von der West- an die Ostküste erleben die beiden Filmschauspieler, dass sie Stars geworden sind. Sie wissen, dass die Menschen ihre Filme lieben, sie kennen das Gedränge, wenn sie irgendwo in der Öffentlichkeit auftreten. Auch bei ihrer Abreise aus L.A. gibt es das gewohnte Bild. In den Städten des Ostens aber werden Laurel und Hardy vom Star-Rummel regelrecht überrollt.

Ihre Wahrnehmung der Realität verschiebt sich. Sie sind nicht nur bekannte und beliebte Filmschauspieler, sie sind Stars. Das ist wie ein Schlag mit einem nassen Handtuch – zunächst sind sie wie betäubt, dann, nach und nach nehmen sie die neue Wirklichkeit an. Trotzdem bleibt die Unsicherheit: Hier ist Amerika, doch wie wird es in Großbritannien sein, Laurels alter Heimat?

Als sich das Schiff dem Hafen nähert, hören beide ein seltsames Geräusch. Es klingt wie eine gewaltige Schar zwitschernder Vögel. Ein vielstimmiges Pfeifen. Als sie näherkommen, sehen sie die unzähligen Menschen, die zu ihrer Begrüßung zusammengeströmt sind und vereint die Melodie pfeifen, die am Anfang ihrer Filme steht. Ein Moment magischer Schönheit, irreal und zugleich erhebend.

Schräääääges Zeug. Das Laurel&Hardy Theme. Gepfiffen von tausenden Menschen muss es unglaublich klingen. Quelle: Youtube.

Jahre später, nach dem Durchschreiten von Abgründen als Ehen, Scheidungen, Alkohol, Hochzeiten (zweimal, dreimal mit der gleichen Frau), Exzessen, dramatischen Fehltritten, dem Gefühl, nie Chaplin zu werden, Ausgenutztwerden und finanziellen Problemen, dem faktischen Ende der Karriere, Alter, die Hölle im Haifischbecken von Fox – nach alldem kehren beide noch einmal nach Europa zurück.

Die Zweifel, die sie beim ersten Trip beschlichen, haben sich in rabenschwarze Befürchtungen verwandelt. Zwei alte Männer wolle niemand sehen, denken sie. Im Nachkriegsengland nach den Entbehrungen des Krieges haben alle nur das Bild von Laurel und Hardy im Kopf, das längst verblichen ist. Als das Schiff sich Southampton nähert, …

 … erreicht sie ihn, so wie früher, wird lauter wie der Gesang unsichtbarer Vögel, der vom Dock und der dahinterliegenden Stadt aufsteigt und vom Wind dorthin getragen wird, wo er steht.
Eine gepfiffene Melodie.

John Connolly: Stan

Es ist mehr als ein Echo des ersten Erlebnisses Jahre zuvor. Es ist ein Augenblick der Vollkommenheit. Das Ende, das tragische, melancholische Ende ist bereits nahe. Wer sich auf Stan von John Connolly einlässt, ist schon auf der ersten Seite am Ende angelangt, denn der Autor erzählt in Rückblicken. Laurel ist allein, Babe Hardy tot, wie so viele andere, die er auf seinem Weg getroffen und kennengelernt hat.

In langen Schleifen erzählt Connolly aus dem Lebensweg Laurels, der lange seinen Pfad ohne seinen kongenialen Partner geht. Chaplin ist einige Zeit mit dabei, das „Monster“, mit seinem monströsen Gebaren. Im Roman ist selten von Sex, nie von harmloseren Umschreibungen, aber oft vom „Ficken“ die Rede. Man kann das mögen oder nicht, es spiegelt wie vieles andere in dem Buch die Härte eines Lebens wieder, in dem Kunst unter das Joch des Geschäfts gezwungen wird.

Die Jahre der Entbehrungen als Bühnendarsteller, den Blick auf den kometenhaft aufsteigenden Stern Charlie Chaplin, die schier endlosen Trippelschritte Laurels zum Ruhm sind begleitet harter Arbeit mit Hingabe, Disziplin und Kreativität. Ohne das nötige Glück, ohne die Beziehungen, für die er viel investieren musste, hätte das alles nichts genutzt. Ohne Talent wäre die Schauspielerei hohl geblieben, ohne Babe Hardy nichts.

Stan hätte ein Gedöns-Roman werden können, schlimmstenfalls ertränkt in Fluten der Emotion. Connolly hat einen Stil gewählt, der dem einen Riegel vorschiebt. Schon auf der allererste Seite wird klar, worauf man sich einlässt. Für mich sofort fest, dass ich auf einen kleinen Schatz gestoßen bin. Dann möchte man gar nicht mehr aufhören zu lesen und einen erneuten Blick in die Filme werfen.

Deshalb lebt er hier in diesem kleinen Apartment,
lebt er hier in Santa Monica,
lebt er hier mit seiner Frau,
lebt er hier mit dem Traum von dem, der er war, und der Wirklichkeit dessen, was aus ihm geworden ist.
Er ist alt. Er wird nicht sehr viel länger leben, weder hier noch irgendwo anders.
Hier, am letzten Set seines Lebens – den vier Wänden und dem Ozean dahinter -, verfehlt er seine Markierungen.

John Connolly: Stan

Im englischen Original lautete der Titel sehr passend: he, Connolly spricht oft von »er«, wenn Stan gemeint ist. Über allem liegt von Anbeginn an wie dicker Nebel die Melancholie. Der Tod steht schon vor der Tür. Der zweiten Ankunft in Southampton folgt ein triumphaler Aufenthalt in England. Aus den geplanten sechs Wochen werden neun Monate. Die Hoffnung kehrt zurück und brennt einige Zeit und erlischt.

John Connolly: Stan
Rowohlt Verlag 2018
Aus dem Englischen von Gottfried Röckelein
Gebunden 528 Seiten
ISBN: 978-3-489-00946-5

Daniel Kehlmann: Lichtspiel

Ein fabelhafter Roman über einen Film-Regisseur, der sich nolens volens in den Abgrund des nationalsozialistisch beherrschten Europas begibt und der Verlockung folgt, unter Zuhilfenahme der Nazi-Ressourcen Meisterwerke zu drehen. Cover Rowohlt-Verlag, Bild mit Canva erstellt.

›Eigentlich hat nicht Hitler regiert. Und auch nicht Goebbels oder Göring oder wie sie alle heißen. Eigentlich war es immer er.‹

Daniel Kehlmann: Lichtspiel

»Er«? Wer ist »er«? Bei diesem Zitat drängt sich diese Frage auf. Wenn der Leser von Daniel Kehlmanns Roman Lichtspiel diese Worte liest, hat er die letzten Meter schon erreicht, das Ende  ist zum Greifen nahe. Die Hauptfigur, der Regisseur W.G.Pabst, und seine Frau Trude befinden sich tief unter der Erde in einer Höhle und betrachten eine uralte Wandmalerei.

»Er« ist dort abgebildet, zwischen »anstürmenden Tieren« und »Männchen mit Speeren«, die sich vor einem »verkrümmten Wesen« beugen, ihm »Opfergaben hinstrecken«. Der Rücken dieses Wesens ist schief, ein paar rote Flecken ersetzen den Kopf, der auf einer schiefen Schulter sitzt; zwei »starr glotzende Augen« sind zu sehen, ein »brutales und böses Geschöpf«, das nicht zu den Menschen und Tieren gehört.

Das ist »er«, der immer schon das Szepter geschwungen hat, die Personifikation des Bösen – der Teufel vielleicht?

Mehrfach berührt die Romanhandlung jene Grenze, an der die Konturen der Wirklichkeit verwischen. Kehlmann lässt in diesen Passagen seine Figuren die fassbare Wirklichkeit verlassen, es bleibt unklar, ob es sich um Albträume, Visionen oder tatsächlich übersinnliche Dinge handelt. Das verstärkt den Schauder ebenso wie die Irritation.

So entsteht eine der stärksten und eindrücklichsten Szenen des Romans, wenn der aus dem Exil ins Nationalsozialistische Deutschland (nolens volens) zurückgekehrte W.G. Pabst bei »dem Minister«, also Dr. Joseph Goebbels, vorspricht. Eigentlich hat dieser ihn zu sich zitiert, was so jedoch nicht sein darf, denn es muss den Anschein erwecken, als handele es sich um den Canossa-Gang eines reumütigen Regisseurs.

Kehlmann spielt mit dem Leser, er überzeichnet die Szene ins Groteske, lässt den Raum (und die Macht) endlos erscheinen, wodurch der Regisseur schrumpft; er überspitzt den Dialog zwischen Goebbels und Pabst, lässt die Adjutanten auftreten, als handelte es sich Kleindarsteller aus einem Marx-Brothers- oder Chaplin-Film, dann aber plötzlich betritt Goebbels den Raum ein zweites Mal und verschmilzt mit dem bereits sitzenden zu einer einzigen Figur.

Das also ist »er«.

Pabst wird auf den ersten Blick die Wahl gelassen, eigentlich hat er längst keine mehr. Die hatte er, so lange er außerhalb des Machtbereiches der Nazis war. Eigentlich. Denn in Hollywood ist Pabst, der auf einer Höhe mit den Regie-Weltberühmtheiten Friedrich Wilhelm Murnau und Fritz Lang stand, nicht angekommen, er prallt an den ungeschriebenen Gesetzen ab wie eine Arkebusenkugel am Harnisch eines Kürassiers.

Metropolis ist der beste Film, der je gedreht wurde‹, sagte Pabst.
›Ich weiß‹, sagte Lang.
Beide schwiegen.

Daniel Kehlmann: Lichtspiel

Pabst hätte bleiben können, wäre Pabst eben nicht Pabst. Die Sucht, die ihn bis zum Äußersten und ein Stück darüber hinaus treibt, ist der Film, das ewige Meisterwerk. In Hollywood wird er das nach seinem anfänglichen Scheitern nicht mehr schaffen, also geht er zurück nach Europa und dann auch ins Reich: vorgeblich wegen seiner kranken Mutter, aber auch, weil er in Frankreich ebenfalls nicht reüssieren kann.

Der Grenzübertritt ist beklemmend und gespenstisch, die Ankunft im Zuhause Schloss Dreiturm nicht minder, der Regimewechsel macht sich mit brutaler Gewalt und verkehrten sozialen Verhältnissen bemerkbar, die ehemaligen Hausmeister sind die neuen Herren. Pabst sitzt mit Frau und Sohn in der Falle, Dreiturm hat sich in ein Spukschloss mit ruchlosem SA-Gespenst verwandelt. Hat er in dieser Lage eine Wahl, als den Kotau zu unternehmen? Kann man dem Teufel etwas abschlagen?

Die Antwort darauf ist unklar, unscharf. Selbstverständlich kann man, wenn man die Konsequenzen in Kauf nimmt; doch die scheute Pabst schon in den USA und da wurden weder Verhaftung und Konzentrationslager (Peitsche) noch unbegrenzte Ressourcen zum Filmedrehen sowie die Aussicht, Meisterwerke zu drehen (Zuckerbrot) ins Spiel gebracht.

›Mann verkrümmt sich Tausende Male, aber man stirbt nur einmal‹, sagte Wegener fröhlich. ›Es lohnt sich einfach nicht.‹

Daniel Kehlmann: Lichtspiel

Pabst will Meisterwerke, auch wenn die Kosten hoch sind; er verkrümmt sich, um im Bild zu bleiben, die Stärke und Distanz zu sich selbst, wie Wegener, hat er nicht. Wie hoch der Preis ist, wird nicht verraten, der Roman eskaliert über hunderte von Seiten wie auch der Zweite Weltkrieg sich immer weiter aufschaukelte zu einem von grenzenloser Zerstörungswut orchestrierten Massenmord. Pabst und seine Angehörigen können sie dem nicht entziehen.

Parallel erzählt Lichtspiel auch die Geschichte des Filmedrehens. Kehlmann wählt den langen Weg, streut hier und da bereits Informationen ein, erklärt, erläutert das Wie, Warum und Was, beiläufig an positiven wie negativen Beispielen und das so authentisch, dass ich mich an ein Interview mit Christoph Waltz erinnerte, der einige Einblicke in das Filmgeschäft und seine Mechaniken gewährte.

Ganz am Ende erst, als das Reich nach langem Todeskampf endlich zusammenbricht, lässt Kehlmann auch Pabst seinen Film drehen, ein sehr langer Spannungsbogen geht seinem Ende entgegen und ist in mehrfacher Weise dramatisiert und zugespitzt. Die Szenen in Prag, dem letzten Ort im Reich, in dem noch halbwegs unbehelligt von Bombenangriffen gedreht werden konnte, sind eine groteske Götterdämmerung im Kleinformat.

›Du hast recht. Aber nur halb. denn das alles geht vorbei. Aber die Kunst bleibt.‹

Daniel Kehlmann: Lichtspiel

Was bleibt, wenn der Staub des Untergangs sich legt? Die Selbstbeschwichtigung, die Pabst vorbringt, ist nicht trotz ihrer rechtfertigenden Verwendung eben auch nicht von der Hand zu weisen. Kehlmann hat einen wirklich großartigen Weg gefunden, eine Antwort auf diese Frage zu geben. Dabei greift er ganz am Ende noch einmal auf den Anfang zurück und schließt sein Lichtspiel mit einem Kniff, der tragisch zu nennen wäre. Oder komisch. Oder beides – ambivalent im besten Sinne, wie dieser ganze Roman und seine Hauptfigur.

Anlässlich des Göttinger Literaturherbstes 2023 hat Daniel Kehlmann aus seinem Roman gelesen und eine ganze Reihe von Dingen geäußert, die sehr spannend und erhellend gewesen sind. Wer während der Lektüre einen szenischen Charakter erkannt haben will, liegt nicht falsch; Kehlmann hat in den vorangegangenen Jahren Drehbücher geschrieben – nebenbei eine Art Recherche in Action. Die Verschränkung dieser Tätigkeit mit seinem Roman liegt auf der Hand.

Lichtspiel ist daher auch ein Spotlight-Roman, der wichtige Stationen auf dem Weg des W.G. Pabst durch die Dunkelheit der Naziherrschaft schlaglichtartig beleuchtet. Auch in dieser Hinsicht also ein Lichtspiel.

Daniel Kehlmann: Lichtspiel
Rowohlt Buchverlag 2023
Gebunden 480 Seiten
ISBN: 978-3-498-00387-6

© 2026 Alexander Preuße

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