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Schlagwort: Frankreich (Seite 3 von 10)

Richard Powers: Das grosse Spiel

Den vielversprechenden Ansatz kann der Roman nicht erfüllen. Cover Penguin, Bild mit Canva erstellt.

Durchaus vielversprechend beginnt der Roman Das große Spiel von Richard Powers. Der Leser reist nach Makatea im Pazifik, einem der zahllosen kleinen Eilande im größten Ozean der Erde. Makatea gehört zu den von Frankreich kolonisierten Gebieten, auf der Insel wurde über Jahre hinweg Salpeter abgebaut, die Mine hinterließ Narben, wenig Wohlstand und eine große Stille.

Für die wenigen verbliebenen Menschen auf Makatea hat der Rohstoff-Abbau nichts gebracht, eine globale Konstante auf der Welt, in der Konzerne den Rahm abschöpfen, verschwinden und die Folgen den Bewohnern überlassen. Die Insel wirkt wie ein zerschundenes Idyll, das wieder in den Fokus finanzkräftiger Unternehmen gerät. Statt Rohstoff-Raubbau geht es um etwas anderes, sehr Modernes. Für die Einwohner stellt sich die Frage, ob sie den Versprechungen Glauben schenken wollen oder nicht.

Was wie ein politisch angehauchter Roman beginnt und ökologische sowie hochtechnologische Aspekte zu berühren scheint, entfernt sich über lange Zeit von der Insel und erzählt erinnernd die Geschichte einer Freundschaft. Rafi und Todd tragen schwer an den Verletzungen, die ihnen in ihrer Kindheit zugefügt wurden. Auf dem langen Weg durch die sozialen Klüfte und Bildungslabyrinthe der USA freunden sie sich an. Die Leidenschaft für Spiele, Schach, Go und andere führt sie zusammen.

Schon recht früh im Roman ist klar, dass beide unterschiedliche Wege im Leben gegangen sind. Todd ist steinreicher Tech-Unternehmer, er erzählt einem (zunächst unbekannten) Zuhörer von seinem dahinwelkendem Leben; Rafi findet der Leser auf Makatea wieder, dort ist er mit Ina liiert, jener Frau, die aus der Zweier-Freundschaft eine kompliziertere mit drei Ecken macht.

Durch alle Gänge schienen die Maschinen mich anzubrüllen: Tu etwas! Mach etwas Großartiges mit mir!

Richard Powers: Das große Spiel

Powers hat durch diese Erzählstruktur in seinem Roman formal und inhaltlich das Spielfeld gewechselt, von Dame zu Mühle etwa. Für Schach oder Go reicht das Erzählte nicht, es bleibt viel zu oberflächlich. Das spürt der Leser besonders bei den Kapiteln, die von Evelyne Beaulieu handeln. Bis zum Ende ist unklar, was sie eigentlich darstellen soll, Figur und Leben bleiben unscharf.

Der Erzähler behauptet zwar, sie sei Forscherin, geschildert werden aber Tauchgänge, die sich (und den Leser) in glanzvollen  Schilderungen erschöpfen. Man soll staunen, nicht lernen. In einem Abschnitt wird Evelyne von zwei Tauchern begleitet, die sie (!) für ein Magazin ablichten sollen, während ein Schiffsfriedhof mit den Hinterlassenschaften einer Seeschlacht im Zweiten Weltkrieg besichtigt wird. Sie ist eine Art Tauch-Barbie im Unterwasserparadies.

In pathetischen Worten wird die Wunderwelt auf den zerstörten Schiffen und ihren Maschinen geschildert, Gehaltvolles erfährt man hier nicht und sonst nur enttäuschend wenig. Das gilt nicht nur für die „Forschungen“, auch die Unternehmungen, an denen sie teilnimmt, werden in derart überschwänglichen Worten weichgezeichnet, dass die Glaubwürdigkeit leidet. Die groteske Ehe, mit Kindern, die dem Zerrbild von Fernsehwerbung näher als dem Leben sind, verstärken das Bild: Evelyne ist eine in Unwirklichkeiten versponnene Kunstfigur, die seltsam leer und leblos bleibt.

Es gab Fakten zum selber Verdrehen.

Richard Powers: Das große Spiel

Das wirkt auf die bildstarke Sprache von Powers zurück, die angesichts fehlender Substanz in allen Erzählsträngen oft überzogen wirkt. Anfangs ist die sprachliche Gestaltungskraft des Autors beeindruckend, doch verhält es sich damit wie mit den Luftnummern einer Flugshow: Auch die schönsten Loopings, die atemberaubendsten Kunststücke ermatten auf die Dauer. Das gilt insbesondere für die Unterwasserszenen und jene wiederkehrenden Aufzählungen, die ermüden.

Das Finale fügt sich in das skizzierte Bild ein. Es verbietet sich, hier etwas über die sich abrupt wendende Handlung zu verraten. Alles in allem ist Das große Spiel ein enttäuschender Roman, der den vielversprechenden Ansätzen nicht gerecht wird. Obendrein wirkt der Schluss, insbesondere der Twist, konstruiert und aufgesetzt. Die »Gute-Nacht-Geschichte« ventiliert eine fragwürdige Weltsicht, bei der zu hoffen bleibt, dass sie als Märchen gelesen wird, denn weder Gott noch Super-KI werden die Menschheit retten. Das müssen wir schon selbst tun.

Richard Powers: Das große Spiel
Aus dem Englischen von Eva Bonné
Penguin 2024
Hardcover 512 Seiten
ISBN: 978-3-32860371-9

Ein Chateau in Frankreich

So beginnt der letzte Band der Buchreihe um die Piratenbrüder Joshua und Jeremiah – beim jetzigen Stand der Dinge jedenfalls. Es kann sich bis zur Veröffentlichung des Buches 2026 noch einiges ändern.

Auf dem Weg in die Bretagne machten wir 2016 in Blois für zwei Nächte Halt und besichtigten Chambord. Das war überwältigend. Dieser gewaltige Bau mit seiner genialen Wendeltreppe, den riesigen Räumen und weitläufigen Fluren, vor allem aber dem Dach, das wirkt, als habe jemand eine Art Spielzeugstadt aus reich verzierten Türmchen und Erkern errichten wollen.

Am Wochenende habe ich die Bilder von damals noch einmal herausgekramt und betrachtet. Was würden meine Piratenbrüder Joshua und Jeremiah wohl beim Anblick von Chambord denken? Joshua kennt aus England bzw. London prächtige Bauten, allerdings wäre dieses Chateau wohl trotzdem etwas Besonderes. Jeremiah ist in der Neuen Welt geboren und aufgewachsen, er wäre wohl überwältigt. Da müsste es nicht einmal Chambord sein, an der Loire stehen schließlich einige sehr prächtige Schlösser.

Was aber könnte Joshua und Jeremiah nach Frankreich führen?

Ein schier überwältigender Anblick: Chambord bei Blois.

Gegenwärtig sitzt ich an Opfergang – Piratenbrüder Band 7. Die Arbeit geht langsam voran. Pathetisch formuliert: Häuserkampf statt weitläufiger Durchbruch. Ich wühle mich Schritt für Schritt durch das vor drei Jahren fertiggestellte Rohmanuskript. Nichts davon bleibt so, wie es ist. Das meiste bereits Geschriebene streiche ich und schreibe die entsprechenden Passagen neu; einige Dinge schreibe ich um.

Ich weiß aus Erfahrung, dass ein Teil von dem jetzt Geschriebenen wahrscheinlich dem Rotstift im Lektorat zum Opfer fällt. Es ist auch durchaus möglich, dass der gesamte Teil, den ich jetzt verfasse, auf dem Manuskript komplett rausfliegt. Unwahrscheinlich, aber nicht ausgeschlossen. Umwege dieser Art gehören bei mir zum Schreiben dazu.

Anders ist diesmal im Vergleich zu den Vorgängerromanen, dass ich bereits jetzt lektorierend streiche. Mehrfach habe ich ganze Seiten am Tag nach ihrer Entstehung wieder gelöscht. Das ist neu. Ich erhoffe mir davon nicht weniger Arbeit im Lektorat, sondern mehr Kapazität für andere Verbesserungen.

Eines ist aber so wie immer und  wird sich aber wohl nie abstellen lassen: aufkeimende Panik wegen der verstreichenden Zeit. Denn die Uhr tickt unerbittlich, auch wenn es sich um eine Sanduhr handelt.

Bisher erschienen (auf das Cover klicken)

Rebecca Struthers: Uhrwerke

Buchcover von ‚Uhr Werke‘ von Rebecca Struthers mit dem Zitat ‚Die Uhr ist das Metronom der westlichen Zivilisation‘, umgeben von antiken Uhren und einem Sanduhr-Desig
Nicht nur der Inhalt des Buches ist großartig, auch das Buch selbst wunderschön. Ich habe es gern zur Hand genommen und die Reise durch die Geschichte der Zeitmessung angetreten. Cover C.Bertelsmann, Bild mit Canva erstellt.

Es ist zutiefst paradox, dass Maria Stuarts Uhr, ein mächtiger religiöser Talisman einer katholischen Frau in einem ungastlichen protestantischen Land, sehr wahrscheinlich von einem protestantischen Kunsthandwerker in einem ebenso feindseligen katholischen Frankreich geschaffen wurde.

Rebecca Struthers: Uhrwerke

Für dieses Buch sollte man sich ein wenig Zeit nehmen. Das ist mehr als ein unbeholfener Versuch, die Buchbesprechung von Uhrwerke von Rebecca Struthers mit einem Wortspiel einzuleiten. Zeit ist die kostbarste aller Ressourcen im Leben des Menschen. Ist der Mensch frei, steht er aber unter dem Entscheidungsdruck, die Zeit, die ihm gegeben ist, sinnvoll zu füllen.

Und schwups – sind wir mitten im Thema. Auf die Frage, wie man seine Zeit »sinnvoll«  füllen kann, gab es zu verschiedenen Zeiten von verschiedenen Seiten recht unterschiedliche Antworten. Uhrwerke spielten dabei eine wichtige Rolle, denn die Geschichte der Zeitmessung ist eng verflochten mit den jeweiligen Zeitläuften und Weltsichten. Die wechselseitigen Einflüsse sind frappierend.

In einem der interessantesten Kapitel erzählt Rebecca Struthers, die als Uhrmacherin ihre Berufung gefunden hat, über den Einfluss, den die religiöse Einstellung auf die Gestaltung einer Uhr hatte. Puritanische Uhren zur Zeit Oliver Cromwells etwa stellten einen krassen Bruch mit den vorherigen Formuhren dar. Sie waren schlicht und bar jeglicher Verzierungen.

Diese Uhren waren ein Spiegelbild puritanischer Weltsicht, die sich auch in anderer Hinsicht niederschlug, etwa der Mode. Wichtiger noch als das Äußere ist der ideelle Wert von Zeit (und damit auch eines mechanischen Zeitmessers). Für Müßiggang war kein Platz in Gottes Welt, die geschenkte Zeit musste genutzt werden. Alles andere galt als Laster und Sünde mit Folgen im Jenseits. (Was die Herrschaften wohl zu Instagram und anderen modernen Zeit-Fallen zu sagen hätten?)

Zu den großen Stärken von Uhrwerke gehört, dass die Autorin Brücken von der Uhrmacherkunst im Laufe der Jahrhunderte zu ihrer eigenen Person schlägt. Sie schildert beispielsweise jene obskuren Schuldgefühle, wenn sie »zu wenig gearbeitet oder zu lange geschlafen« habe. Uhrwerke befasst sich also keineswegs nur mit der Mechanik, sondern auch damit, wie diese den Menschen prägen kann und das über Jahrhunderte.

When I think of all the good time that′s been wasted having good times

(Eric Burdon and the animals)

Ich musste an diese Liedzeile denken, die zwar anders gemeint sein dürfte, für mich aber genau dieses Verschwender-Gefühl ausdrückt. Das erste »good times« könnte das puritanische sein, das zweite für die verschwendeten Stunden des Müßiggangs stehen. Anregende Gedanken, denn die Frage stellt sich, ob der Geist des puritanischen Arbeitseifers in Form eines preußischen Ablegers etwa auch in mir wirkt (obendrein klischeehaft) oder nicht.

Mehrfach wird deutlich, wie sehr Begebenheiten, die Jahrhunderte zurückliegen, bis in die Gegenwart wirken. Da wären die Hugenotten, die nach endlosen Kriegen und Massakern, einem Toleranzedikt, das immer mehr aufgeweicht und schließlich 1685 brutal aufgehoben wurde, vor der Wahl standen, Katholiken zu werden oder auszuwandern.

Einige davon sind nach Preußen gezogen, die Mehrheit in die Vereinigten Niederlande, aber auch auf die britischen Inseln und die Schweiz. Zu ihnen gehörten viele Uhrmacher, die in ihrer neuen – nun, ja – Heimat ihrer Tätigkeit nachgingen. Sie spielten eine »zentrale Rolle bei der Entwicklung der britischen und Schweizer Uhrenindustrie«.

Gedankt wurde es vielen jedoch nicht, ein Schicksal, von dem bis in die Gegenwart Migranten aller Art ein Lied singen könnten. Das nachfolgende Zitat über den hugenottischen Uhrmacher David Bouguet, der aus Frankreich nach London geflohen war, verdeutlich beispielhaft die seltsame Zwitterexistenz als geachteter Könner und angefeindeter Fremdling.

In der einen Minute war er für reiche Gönner tätig, die sein Werk bewunderten, respektierten und schätzten, in der nächsten wurde er auf der Straße als „französischer Hund“ (oder übler) beschimpft.

Rebecca Struthers: Uhrwerke

Auch der hellste Stern am Firmament der Uhrmacherei, Abraham-Louis Breguet, musste Frankreich für einige Jahre verlassen. Er floh allerdings vor dem Terror unter den Jakobinern. Die Flucht gelang dem Genie unter Mithilfe von Jean-Paul Marat, dem er selbst einmal zu Hilfe geeilt war. Für einige Jahre musste der brillante Uhrmacher in der Schweiz arbeiten, ehe er zurückkehren konnte.

Brequet hat der Anfertigung von Uhren eine ganze Reihe von technologischen Impulsen gegeben. Wie groß Brequets Einfluss war, zeigt die Tatsache, dass bis heute einige von seinen Fortschritten unverändert zur Anwendung kommen. Auch beim Thema Innovation ist die Geschichte der Uhrmacherei brandaktuell.

Die ersten Uhrwerke mussten in Türmen untergebracht werden. Der Weg zur Armbanduhr mit vielen zusätzlichen Funktionen (Komplikationen) war entsprechend weit; analog ist die Entwicklung von den Computern zum Smartphone gewesen und wird auch bei weiteren technologischen Erfindungen sein – Batteriespeicher, Elektromotoren, medizinische Geräte etc.  Uhrwerke ist auch ein Anlass für ein wenig Vertrauen in die menschliche Schöpfungskraft.

Sie [die Nachbauten und Fälschungen] leisteten einen großen Beitrag dazu, dass Uhren bezahlbar wurden, und ebneten damit nachfolgenden Unternehmen den Weg, sie wirklich allen Menschen zugänglich zu machen.

Rebecca Struthers: Uhrwerke

Die Verbreitung von Uhren hat Begehrlichkeiten geweckt. Taschendiebe und Fälscher tieben ihr Unwesen. Struthers geht den Fälschungen in einem eigenen Kapitel nach und kommt zu einem recht überraschenden Ergebnis. Es ist die Schattenseite der leuchtenden Innovationen des 18. Jahrhunderts, zu denen auch die Schiffschronometer gehörten. Doch hatten die Fälschungen einen ungewollt positiven Effekt, wie das Zitat zeigt.

Uhrwerke erzählt auch von den Schattenseiten, die mit den Uhren im Frühkapitalismus Einzug hielten. Die gnadenlose Ausbeutung der Fabrikarbeiter in den Produktions-Höllen des beginnenden Industriezeitalters ab 1760 lässt schaudern. Erstaunlich auch, wie sehr die Art der Zeitmessung peu á peu die gesamte Welt strukturierte, wie sehr Moden (Radfahren!) oder Entdeckungsfahren/-flüge/-reisen auf Zeitmesser angewiesen waren. Das Schicksal der Uhrmacherei auf den britischen Inseln kann als Warnung gelesen werden – etwa für die deutsche Autoindustrie.

Bei allem anderen, was mir an Uhrwerke von Rebecca Struthers so gut gefallen hat, ist das Buch auch eine Augenweide. Zur Gestaltung kann man Verlag und Autorin nur gratulieren, wie natürlich auch zum Inhalt, der einen weiten Bogen schlägt vom ersten Zählinstrument zu Atomuhren. Wie immer nach der Lektüre eines klugen, gut informierten und schön erzählten Sachbuchs ist der Leser hinterher ein bisschen klüger. Das gilt besonders auch für Uhrwerke.

*Rezenstionsexemplar

Rebecca Struthers: Uhrwerke
Eine Uhrmacherin erzählt die Geschichte der Zeitmessung
Aus dem Englischen von Christiane Wagler
C.Bertelsmann 2024
Gebunden 336 Seiten
ISBN: 978-3-570-10549-8

Thomas Medicus: Klaus Mann

Das Zitat ist Programm: Die Todessehnsucht war (neben Drogensucht) jahrelanger Begleiter des ruhelosen Schriftstellers Klaus Mann. Sein natürliches Habitat war die Großstadt, er lebte ohne festen Wohnsitz in Hotels, Pensionen und bei Freunden. Cover Rowohlt Berlin, Bild mit Canva erstellt.

Zwei überväterliche Großschriftsteller an einem Tag, das war wohl zu viel für den ewigen Sohn.

Thomas Medicus: Klaus Mann

Todessehnsucht und Drogenmissbrauch gehörten zu den Wegbegleitern von Klaus Mann. Die Biographie von Thomas Medicus beginnt folgerichtig mit dem Ende, dem Suizid am 21. Mai 1949. Es war nicht der erste Anlauf, dem Leben mit einem Freitod ein Ende zu setzen, gar nicht zu reden von den zahllosen Gedanken an den Tod, der ewigen Sehnsucht nach dem Tod.

In seinen 42 Lebensjahren zwischen 1906 und 1949 erlebte Klaus Mann die dramatischen Brüche der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. 1914, 1918 und insbesondere 1923 prägten ihn, der damit zur so genannten Kriegsjugendgeneration zählt. Die ihnen attestierten Attribute, Härte, Kühle, Verschlossenheit, Durchsetzungsfähigkeit waren Klaus Mann aber völlig fremd.

Gerade in den zwanziger Jahren lebte der Sohn des berühmten Thomas Mann und Neffe von Heinrich Mann auf schnellem, großem Fuß, sein natürlicher Lebensraum war die Großstadt, Theater, Amüsement, Clubs, Partys, Ausschweifungen, Sex, Alkohol, später immer mehr Drogen. Auftritte vor Publikum, auf der Bühne als Schauspieler oder Autor, der Hang zur Selbstinszenierung. Ein Dandy in perfekt sitzenden Anzügen, der sich bald als Dauerbewohner von Pensionen und Hotels durchs Leben schlug, immer in Geldnöten, oft alimentiert von seiner Mutter.

Die erste Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts war eine Epoche auf Messers Schneide. Es gibt Menschen, die ein Zeitalter deshalb verkörpern, weil sie dessen Höhen und Tiefen, Irrrungen und Wirrungen, vor allem Gefährdungen bis in die letzte Faser durchleben wie durchleiden. Klaus Mann ist so eine Symbolfigur.

Thomas Medicus: Klaus Mann

Klaus Mann war hochsensibel, sehr verletzlich, fiel als Homosexueller aus dem gesellschaftlich als Norm akzeptierten Rahmen, insbesondere, weil er – anders als sein Vater – aus seinen homoerotischen Neigungen keinen Hehl machte. Zudem stand er als ewiger Sohn unter immensem Druck, ein Wettlauf als Schriftsteller mit dem übermächtigen Vater, den er nicht gewinnen konnte.

Dabei schrieb Klaus Mann mit großer Leichtigkeit und immenser Geschwindigkeit seine Werke. Biograph Medicus verweist darauf, dass die Detailarbeit, das prüfende Feilen und Durchforsten der Bücher, nicht zu den Stärken des Autors gehörten. Ihnen haftet oft etwas Flüchtiges an. Stoffe wie Alexander oder Sinfonie Pathetique sind weder bis ins Detail durchrecherchiert noch loten sie musikalische Tiefen aus. Sie haben eine stark autobiographische Note. 

Neben den Romanen und autobiographischen Texten schrieb Klaus Mann Bühnenstücke, Kurzprosa, Lyrik, aber auch Beiträge für Zeitungen, Journale, Anthologien, gemeinsam mit seiner Schwester Erika auch Reise- und Kriegsberichte. Er versuchte sich auch als Herausgeber. Obendrein gibt es unveröffentlichte Texte, etwa eine Biographie zu Horst Wessel – ein erstaunliches Projekt von Klaus Mann.

Seine anwachsende Liebe zu Frankreich bildete den Kern seiner Entwicklung zum kosmopolitischen Intellektuellen. Dass Klaus Mann 1933 nicht eine Sekunde zögerte, dem nationalsozialistischen Deutschland den Rücken zu kehren, hatte auch damit zu tun.

Thomas Medicus: Klaus Mann

Der schwerwiegendste Bruch folgte 1933 mit dem Machtantritt Adolf Hitlers. Aus dem freiwilligen Vagabunden wurde ein Exilant. Es war ein dramatischer Unterschied, auch wenn sich äußerlich das Umherziehen kaum änderte und Klaus Mann in Frankreich einen Ort hatte, an dem er sich – soweit möglich – wohlfühlte. Doch die Entwurzelung traf ihn schwer, er konnte nicht nach Deutschland zurück, das Gefühl des Ausgestoßenseins traf ihn wie alle anderen Exilanten.

Zu den Gefährdungen und Wirrungen der 1930er Jahre gehört das Drama, dass mit der stalinistischen Sowjetunion eine zweite, auf einer Vernichtungsideologie basierende Diktatur in Europa ihr blutiges Haupt erhob. Die Todfeindschaft zum Nationalsozialismus war das einzige Pfund, mit dem Stalins Reich wuchern konnte – bis zum Hitler-Stalin-Pakt 1939, der unter den ohnehin zerstrittenen Emigranten die bestehenden Gräben zu offner Feindschaft und Hass vertiefte.

Klaus Mann war kein Kommunist, eher ein idealistischer Schwärmer. Als Homosexueller gehörte er zu einer von den Linken wie den Rechten angefeindeten Gruppe; Bertholt Brecht hat sich in dieser Hinsicht mit bemerkenswert schäbigen Äußerungen hervorgetan.

Eine Reise in die Sowjetunion brachte Ernüchterung, die Klaus Mann im Tagebuch klar äußerte; öffentlich blieb er indifferent, obwohl Andre Gide, sein großer Leuchtstern unter den Denkern, mit bemerkenswerter Klarheit die Abgründe von Stalins Reich beschrieb. Familie ging vor Politik. Wegen Heinrich Manns (zutiefst naiver, von Stalins Schergen ausgenutzter) kritikloser Haltung gegenüber der stalinistischen Sowjetunion unterließ Klaus Mann ein klares Statement.

Was erste Jahrzehnte später zu den Grundelementen der Kritik am real existierenden Sozialismus gehörte, formulierte Gide bereits 1936/37 mit großer Klarheit.

Thomas Medicus: Klaus Mann

Einige Jahre später ergab sich für Klaus Mann daraus eine erhebliche Gefährdung. Als die USA nach langer Neutralität durch die Kriegserklärung Deutschlands und Italiens endlich gegen Hitlerdeutschland militärisch vorgingen, wollte er seinen Beitrag leisten. Aus körperlichen und vor allem politischen Gründen wurde er zweimal ausgemustert, vom FBI mehrfach durchleuchtet, verhört und nachtragenden Antikommunisten denunziert.

Klaus Mann befand sich in einer dramatischen Krise, hinter ihm lag ein demütigendes Scheitern mit seiner Zeitschrift Decision, hinzu kamen persönliche Rückschläge, Erkrankunge, die übermächtige Drogensucht und die immer stärker werdenden Todessehnsucht. Seine Schwester Erika ging zunehmend eigene Wege, die gefühlte Isolation wurde stärker, der Hemmschuh zum Suizid fiel weg. Die Teilnahme am Kampf gegen Deutschland sollte für einige Zeit zum Rettungsanker werden.

Klaus Mann erhielt in Uniform Aufschub. Er wurde amerikanischer Staatsbürger und Teil der US-Streitkräfte. Seine Kriegszeit verbrachte er in Nordafrika und Italien, direkt nach der Kapitulation der Wehrmacht fuhr er nach München, in die zertrümmerte Heimat, zu dem ebenfalls halb zerstörten Wohnhaus der Eltern. Es gebe keine Rückkehr, konstatierte Klaus Mann – man kann sich ausmalen, was diese Erkenntnis beim Strauchelnden auslöste.

Die Biographie ist das erste Buch aus meinem Lesevorhaben 12für2025

Thomas Medicus: Klaus Mann
Ein Leben
Rowohlt Berlin 2024
Gebunden 544 Seiten
ISBN: 978-3-7371-0154-7

Fertig!

Das Zitat könnte ein Motto für den Roman sein.

Ein kurzes Wort für einen langen Arbeitsprozess. Im Juni 2024 habe ich mit der Arbeit am Rohmanuskript von Verräter – Piratenbrüder Band 6 begonnen. Jetzt ist die inhaltliche Arbeit getan, das Korrektorat läuft und im März steht der Buchsatz an. Wenn die Druckfahnen geprüft sind, wird ein Probeexemplar gedruckt und von mir laut vorgelesen – die letzte Korrektur-Instanz bevor die Veröffentlichung erfolgt.

Das kurze Wort »fertig« bezieht sich auf die inhaltliche Arbeit, den mit Abstand wichtigsten Teil. Ein Rohmanuskript ist eine Großbaustelle. Kurioserweise habe ich vor der erneuten Lektüre oft das Gefühl, der Text wäre schon »reif«, zumindest reifer als die vorangegangenen Rohmanuskripte. Ein Irrtum.

Ein paar Zahlen zeigen das. Anfang Juni 2024 umfasste Verräter rund 74.500 Wörter, Ende Oktober 98.000 Wörter und  nun ist der Text auf weniger als 85.000 Wörter zusammengeschnurrt. Dem langwierigen Ausarbeiten folgt das Umarbeiten und Streichen, am Ende steht das Kürzen. Das ist traditionell schmerzlich, auch liebgewonnene Passagen, Formulierungen landen im Papierkorb.

Am Ende ist Verräter viel dramatischer geworden, als ich ursprünglich geplant habe. Das liegt nicht zuletzt an einem Loch im Handlungsfaden, das durch eine actionreiche Begegnung von vier Schiffen auf hoher See gefüllt wurde. Die Idee kam mir durch einen Hinweis auf Instagram. Ja, so etwas gibt es auch.

»Klar zum Entern!«
Mit einem harschen Krachen, Knirschen und Schaben stießen die Rümpfe der beiden Schiffe aneinander. Einige Granaten flogen durch die Luft, gedankenschnell griffen Männer danach und beförderten sie über Bord. Eine explodierte und riss einen Seemann in den Tod.
»Vorwärts!«

Verräter – Piratenbrüder Band 6

Mir fiel auf, dass ich gar kein klassisches Entergefecht in den ersten fünf Bänden erzählt habe. Damit bot sich unerhofft die Möglichkeit, einen weiteren Erzählfaden aus dem ersten Teil Eine neue Welt bei der Gelegenheit aufzugreifen und abzuschließen; meine Hauptfigur bekommt zudem die Möglichkeit, sich zu bewähren. Vor allem passt die merkwürdige Begegnung auf See ganz wunderbar in die allgemeine verworrene Lage, in der sich Henry de Roche und seine Mitstreiter beim Kampf gegen John Black befinden. Es gibt Antworten und einige neue Rätsel.

Schlachten sollten – wie Sex-Szenen – zum Fortgang der Handlung etwas beitragen. Ein Grund, warum ich Das Lied von Eis und Feuer von George R.R. Martin schätze, ist sein Umgang mit Schlachten. Martin hat anderes zu erzählen und so dauert es genreuntypisch lange, bis in dem Fantasy-Epos erstmalig eine Schlacht geschildert wird. Daher war ich froh, dass die Action auf See in Verräter diie Handlung und die Charakterentwicklung vorantreibt. Die Kapitel sind für die Erzählbalance des Romans obendrein ein Segen.

Wie die Zahlen zeigen, habe ich den gesamten Roman grundlegend umgekrempelt und am Ende stark gestrafft. Ganze Kapitel sind dem Rotstift zum Opfer gefallen, der Beginn ist erneuert, auch gibt es ein neues, sehr kurzes Schlusskapitel, das mehr ein Epilog ist. Die Grundstruktur des Romans blieb allerdings unverändert. Darüber bin ich sehr froh, denn im zweiten Teil von Verräter machen die Piratenbrüder Bekanntschaft mit einer ungewöhnlichen Person an einem ungewöhnlichen Ort, der heute in Vergessenheit geraten ist.

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