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Schlagwort: Historischer Roman (Seite 18 von 18)

Mario Vargas Llosa: Harte Jahre

Die Tragweite dessen, was der Roman schildert, bleibt den meisten Lesern lange verborgen. Zum Glück rundet Mario Vargas Llosa sein Werk „Harte Jahre“ mit einem Kapitel ab, das die Überschrift „Nachher“ trägt. Es steht anstelle eines Nachworts klassisch-dröger Natur, die oft eine Art Bekenntnis oder Ablass-Bitte enthalten, vor allem, wenn es sich um historische Romane handelt.

Das munter und lebendig geschriebene „Nachher“ ist mehr ein Teil der Erzählung, ein Nachklang oder Echo des Vorangegangenen. Es schildert die Begegnung Vargas Llosas mit einer der Protagonistinnen! Ein in mehrfacher Hinsicht außergewöhnlicher Umstand. Um wen es sich dabei handelt, seit hier verschwiegen, denn die handelnden Menschen in diesem Buch tragen keine Plot-Rüstung.

Der Abschnitt „Nachher“ ist ein wunderbarer Spiegel dessen, was der Leser gerade durchlitten hat. Vor allem aber wird diese Begegnung und mit ihr auch der politisch-historische Hintergrund des Buches, vom Autor selbst noch einmal reflektiert. Und spätestens dann geht dem Leser ein ganzer Kronleuchter der Erkenntnis auf: Vargas Llosa thematisiert einen zentralen Wendepunkt in der Geschichte Lateinamerikas und der US-Außenpolitik, mit ihren verhängnisvollen Entscheidungen.

Seit zwei Jahren stelle ich mir diese Frau vor, erfinde sie, schreibe ihr alle möglichen abenteuerlichen Erlebnisse zu, dichte ihre Person um, damit niemand – nicht einmal sie selbst – sich in dieser herbeifantasierten Geschichte wiedererkennt.

Mario Vargas Llosa: Harte Jahre

Wie  so oft sind die Folgen von derartigen Wendepunkten bekannter als die richtungsweisenden Geschehnisse selbst. Zum Beispiel Cuba: Der Autor verweist explizit auf das bis in die Gegenwart betonierte Regime, das sich ohne die in Harte Jahre thematisierten Ereignisse nicht etabliert hätte. Ein historischer Treppenwitz mit Ironie, denn die USA haben dort eine ihrer bitteren Niederlagen nach 1945 kassiert.

Wer nun einen langweiligen Historienschinken erwartet, wird positiv überrascht. Vargas Llosas ist Schriftsteller und zwar ein ganz herausragender. Als solcher hat er gar nicht erst versucht, irgendeine Form historischer Wahrheit, austariert und vorsichtig zu Papier zu  bringen. Er hat einen Roman mit lebendigen, widersprüchlichen Figuren verfasst, die auf der Bühne des historischen Umfeldes ein tragisches Stück aufführen.

Bei allem, was mir passiert ist, Arturo, bei allem, was dieses Land mitmacht, weißt du, zu welchem Schluss ich da gekommen bin? Dass der Mensch eine armselige Kreatur ist. Man könnte meinen, auf dem Grund eines jeden von uns wäre ein Monster. Das nur darauf wartet, ans Licht zu kommen und das schlimmste Unheil anzurichten.

Mario Vargas Llosa: Harte Jahre

Wie es sich für einen herausragenden Roman gehört, belässt es Vargas Llosa nicht bei einer glatten, gleichmäßig dahinströmenden Erzählung, die Struktur des Werkes fordert dem Leser etwas Aufmerksamkeit ab, weil die einzelnen Kapitel die Perspektiven und die Zeit wechseln. So entsteht ein Kaleidoskop, dessen Bestandteile durch die Hand des Autors geschickt und hochspannend miteinander verwoben sind.

Der Anfang braucht etwas, um ins Rollen zu kommen, die Tragödie ist noch fern wie dunkle Wolken am Horizont. Das Ende – nun, was soll man sagen? Es ist Lateinamerika. Guatemala. Jeder, der nicht blind und taub durch die Welt irrt, dürfte um die Tragik der gesamten Region wissen. Aber so einfach ist es nun auch wieder nicht, wie spätestens das Kapitel „Nachher“ zeigt.

Lydie Salvayre: Weine nicht

Ein seltsam klingendes Zitat aus dem preisgekrönten Roman, doch hat der Krieg für die Hauptfigur die Tür aufgestoßen, durch die sie ihren Verhältnissen entkommen konnte. Kurzzeitig. Cover Blessing, Bild mit Canva erstellt.

Der Spanische Bürgerkrieg ist in der Literatur vielfach thematisiert, berühmte Schriftsteller wie George Orwell („Mein Katalonien“) oder Ernest Hemingway („Wem die Stunde schlägt“) haben über ihre Erlebnisse berichtet, es gehören literarische Perlen wie das Buch von Almudena Grandes („Der Feind meines Vaters“) und viele andere dazu. Auf dem vorzüglichen Literaturblog Kaffeehaussitzer findet man ein Leseprojekt Spanischer Bürgerkrieg, das eine anregende Buchliste enthält.

2014 hat die Verleihung des französischen Literaturpreises Prix Goncourt ein weiteres Buch ins Rampenlicht gestellt: Weine nicht. Deren Autorin, Lydie Salvayre, hat Wurzeln, die nach Spanien reichen. Sie wurde als Tochter einer Frau geboren, die gerade noch vor den siegreichen Streitkräften des faschistischen Diktators Franco fliehen konnte. Ihr Roman nähert sich dem Thema auf besondere Weise.

Der Spanische Bürgerkrieg gilt vielen als Präludium für den Zweiten Weltkrieg. Das ist etwas eurozentrisch gedacht und auf das Deutsche Reich fokussiert, das in Spanien mit der so genannen „Legion Condor“ Franco unterstützte, während die Verteidiger der Republik nur durch die Sowjetunion Unterstützung erhielten – zu einem hohen Preis, was in Weine nicht dankbarerweise nicht verschwiegen wird: Stalin schickte Waffen und Terror nach Spanien, dem mehrere zehntausend Menschen zum Opfer gefallen sind.

Vielfältige Perspektiv- und Zeitwechsel

Selbstverständlich werden auch die Hinrichtungen durch die Franco-Faschisten nicht übergangen. Die Darstellung ist besonders eindrücklich, weil die Autorin dafür die Perspektive des konservativen Katholiken George Bernanos wählt. Erschüttert durch die Brutalität und die ignorante, menschenverachtende Haltung der Katholischen Kirche räumt der Mann seine politische Position und dokumentiert die Gräueltaten in seinem Werk: Die großen Friedhöfe unter dem Mond.

Schlimme Zeiten für die, die Heilslehren aller Art misstrauten und die lieber ihrem Gewissen gehorchten als doktrinären Einpeitschern der einen oder anderen Seite.

Lydie Salvayre: Weine Nicht

Salvayre lässt Teile daraus und andere Dokumente geschmeidig in ihren Roman einfließen, ihre Erzählung wandelt spielerisch zwischen faktenreicher Darstellung, Erzählung und Erinnerung, Fiktion und Auszügen aus Quellen. Die Handlung spielt auf mehreren zeitlichen Ebenen, die Autorin mischt kräftig mit, erläutert und kommentiert ihren Schreibprozess, außerdem ist die Interpunktion sehr freizügig gestaltet.

Beeindruckende Leichtigkeit

Der Roman rutscht trotzdem zu keinem Zeitpunkt in ein undurchsichtiges Wirrwarr ab und erzählt mit einer wunderbaren Leichtigkeit. Das liegt auch daran, dass ihm im Kern eine (tragische) Liebesgeschichte als Leitfaden eingewoben wurde. Die Hauptfigur, Montserrat, schließt sich mit ihrem Bruder den Verteidigern der Republik an. Für kurze Zeit erlebt sie Freiheit und ihre große Liebe.

Der Krieg, meine Liebe, ist genau zum rechten Zeitpunkt gekommen.

Lydie Salvayre: Weine Nicht

So ist das Zitat auch zu verstehen, dass der Krieg zum rechten Zeitpunkt gekommen wäre. Diese flammende Liebe mündet in ein würgendes Desaster, mit lebenslangen Folgen. Es gehört zu den großen Stärken des Buches, dass es den Leser einmal nachempfinden lässt, wie weit die Schatten eines Krieges reichen, auch wenn die Kampfhandlungen lange beendet sind.

Zum Zeitpunkt dieses persönlichen Liebes-Desasters machen Montserrat und ihr Bruder Erfahrungen mit der grausamen Realität der Kriegführung. Die Ideale sind menschenverachtender Ideologie gewichen, auch die Sache der Verteidiger der Republik hat ihren Glanz eingebüßt. Auch aus diesem Grund kehren beide in ihre Heimat zurück.

Besonders wertvoll macht diesen Roman der Umstand, dass er eindrücklich nacherzählt, wie sich die Haltung der Bevölkerung in Montserrats Heimatort gegenüber Revolution und dem sich abzeichnenden Sieg der Franco-Seite wandelt. Wer von Umstürzen träumt, sollte hier genau lesen und zuhören, denn so einfach ist die Sache nicht, auch wenn zu Beginn einer Umwälzung die Begeisterung groß ist.

Leider ist der Roman nur noch antiquarisch erhältlich.

Lydie Salvayre: Weine nicht
aus dem Französischen von Hanna von Laak
Blessing 2016
Hardcover 256 Seiten
ISBN: 978-3896675644

Alejo Carpentier: Explosion in der Kathedrale

Ein Historischer Roman, der sich eines wichtigen Themas annimmt: Die Französische Revolution und ihr Abgleiten in den Terror, die Wieder-Versklavung der dunkelhäutige Bevölkerung in der Karibik. Zumutungen sind garantiert. Cover Suhrkamp, Bild mit Canva erstellt.

Dieser Roman hält für den Leser einige Zumutungen bereit. Nach einem sehr langen, recht trägen und ausschweifenden Beginn mündet die Erzählung schließlich in den Wirren der Französischen Revolution. Zunächst ganz klassisch im Mutterland, doch dann verlegt der Erzähler seinen Plot zurück in die Karibik, wo er seinen Anfang genommen hat. Alejo Carpentier bedient sich dabei des Lebens der historischen Figur Victor Hugues und mehrerer fiktiver Protagonisten.

Dabei legt der Autor den Finger in eine der zahlreichen Wunden der Revolution: den Umgang mit den versklavten Afrikanern, die in der auf Europa fixierten Rezeption der Revolution keinen Platz haben. Schon zum Zeitpunkt der Entstehung dieses Buches war es allerhöchste Zeit, sich dem Thema zu widmen, denn trotz der anfänglichen Sklavenbefreiung durch die idealistischen Revolutionäre blieb im Alltag alles beim Alten, wie das Zitat zeigt.

Die Neger waren zu freien Bürgern erklärt worden, aber diejenigen, die man nicht zwangsweise als Soldaten oder Matrosen rekrutiert hatte, beugten von morgens bis abends wie eh und je den Rücken unter der Peitsche ihrer Aufseher, hinter denen sich dazu noch der unerbittliche Azimut der Guillotine abzeichnete.

Alejo Carpentier: Explosion in der Kathedrale

Explosion in der Kathedrale ist bereits 1962 erschienen und zwei Jahre später ins Deutsche übersetzt worden. Die Sensibilität für rassistisch belegte Begriffe hat sich im deutschsprachigen Raum erst mehr als zehn Jahre später langsam durchgesetzt.

Der heute verwerfliche Gebrauch des Begriffes „Neger“ gehört ebenfalls zu den Zumutungen für den modernen Leser, denn er wird in der Ausgabe, die ich gelesen habe, durchgehend verwendet. Im Spanischen heißt „negro“ einfach: Schwarz(er) und ist dem Vernehmen nach nicht so negativ konnotiert wie „Neger“.

Der Inhalt des Werks ist klar antirassistisch und sehr kritisch gegenüber des brutalen, menschenverachtenden Auswüchsen der Revolution. Außerdem ist er ein Fingerzeig in Richtung der europäischen Aufklärer, die in ihren einflussreichen und für die Verbreitung von Menschenrechten und Demokratie so wichtigen Arbeiten das Schicksal der Sklaven weitgehend übergingen.

Robbespiere in der Karibik

Der Protagonist Victor Hugues macht in der Karibik freizügig Gebrauch von der Guillotine und verwandelt Guadeloupe in ein Terrorregime. Zugleich führt er den Kaperkrieg ein und tritt damit in die Fußstapfen der Piraten, die in der Karibik 80 Jahre zuvor gewütet hatten. Mit den hehren revolutionären Absichten hat das längst nichts mehr zu tun.

Der Mechanismus der Macht, die aus den Idealen menschenverachtende Unterdrückung werden lässt, wird vom Autor erbarmungslos vorexerziert. Carpentiers Kritik ist beißend. So lässt er seine Hauptfigur seine Schreckenstaten mit folgender Aussage rechtfertigen, eine Haltung, die nicht nur während der Französischen Revolution allzu gern als Relativierung brutalster Grausamkeiten missbraucht wurde.

Ich bin nicht grausam. Ich tue das, was ich tun muß. Das ist nicht dasselbe.

Alejo Carpentier: Explosion in der Kathedrale

Zu den Zumutungen an den Leser gehört die Sprache. Lange Passagen sind blumig, bildreich und völlig überladen, was den Lesefluss stört und teilweise fast zum Erliegen bringt. Kenntnisse zur Französischen Revolution sind hilfreich, hier wird vieles vorausgesetzt, was für das Verständnis wichtig ist.

Für mich allein aufgrund der Schilderung, wie es den Schwarzen in der Karibik zur Zeit der Französischen Revolution erging, absolut lesenswert, wenn man sich den Mühen unterziehen und den Zumutungen aussetzen will.

Bibliographische Daten zur aktuellen Ausgabe:

Alejo Carpentier: Explosion in der Kathedrale
Aus dem Spanischen von Hermann Stiehl
suhrkamp taschenbuch 5208 2012
Broschur, 332 Seiten, Print on demand
ISBN: 978-3-518-47208-8

Franz Werfel: Die Vierzig Tage des Musa Dagh

Historische Schwarz-Weiß-Fotografie einer Gruppe von Männern in Uniformen, kombiniert mit dem Zitat ‚Gabriel Bagradian hatte Glück. Die zweite Türkenkugel durchschmetterte ihm die Schläfe.‘ Neben dem Buchcover von Franz Werfels Roman ‚Die vierzig Tage des Musa Dagh‘, das ein Porträt eines Mannes mit Turban zeig
Ein besondere Welterfolg ist der epische Roman von Franz Werfel gewesen, mit dem er dem Genozid an den Armeniern ein literarisches Denkmal gesetzt hat. Cover Fischer, Bild mit Canva erstellt.

Glück? Ja, tatsächlich steht dieser atemberaubende Satz in dem Roman des österreichischen Schriftstellers Franz Werfel, der 1933 erschien. Es ist ein geradezu mustergültiges Beispiel für die politische und gesellschaftliche Wirkkraft, die Literatur entfalten kann und auch für den Gegenwind, der ihrem Autor dann ins Gesicht weht. Werfel kam der gewaltige Erfolg zu Hilfe, den die Übersetzung von Die vierzig Tage des Musa Dagh ins Englische errang, denn auch er teilte das Exil-Schicksal so vieler deutschsprachiger Schriftsteller.

Sein Roman ist eine große, schwere und sehr lange Erzählung über eine heroische Begebenheit während des Ersten Weltkrieges. Der Verbündete des Deutschen Reiches, das Osmanische Reich, beging an der Volksgruppe der Armenier einen Genozid. Hunderttausende wurden 1915 bis 1917 auf Todesmärschen und in Todeslagern via Hunger, Krankheit oder Mord getötet. Die Schätzungen reichen laut Wikipedia von 300.000 bis 1,5 Millionen Opfer. Bis in die Gegenwart sorgt der Völkermord für hitzige Reaktionen aus der Türkei, wenn er offen als solcher bezeichnet wird.

Vor diesem Hintergrund ist es auf den ersten Blick erstaunlich, dass die Ereignisse um den Musa Dagh fast vollständig vergessen sind. Der Roman von Franz Werfel schildert äußerst geschickt nicht nur den tapferen Überlebenskampf einer recht kleinen Gruppe von Armeniern auf diesem Berg namens Musa Dagh, sondern flicht auch die Gräuel der Deportationen geschickt in den Erzählfluss ein. Der Leser bekommt ein anschauliches Bild von den grausamen Maßnahmen der türkischen Machthaber.

Dabei zeichnet Werfel ein sehr vielschichtiges und differenziertes Bild der Ereignisse. Bewundernswert ist die präzise und lebendige Schilderung der Entscheidungen und Verhaltensweisen der Beteiligten, ihrer Motive, die sie zum Handeln bewegen. So gerät der Widerstand auf dem Berg kurioserweise nicht durch die Türken in größte Bedrängnis, sondern wegen innerer Aufwühlungen.

Möglichkeiten und Grenzen des Einzelnen im Rahmen seiner sozialen Verflechtung und Persönlichkeit werden großartig aufgezeigt. Gut und Böse, die gruseligen Kategorien ideologisch bewegter Menschen, sucht man hier vergebens. Das gilt auch für die Hauptfigur des Romans, die Werfel während des Schaffensprozesses überraschend spät in die Erzählung einfügte: eine völlig fiktive Person namens Gabriel Bagradian, der wesentlichen Anteil am Musa Dagh hat.

Mich hat besonders bewegt, wie Werfel den Prozess schildert, in dem die Armenier aus ihrem Alltag herausgerissen und in einen Strudel aus Entmenschlichung und erbarmungsloser Gewalt gesogen werden. Trotz jahrzehntelanger Bedrückung haben sich viele sicher gefühlt und wie andere nach ihnen, nicht glauben können, dass man sie in Massen töten wollte. Die Menschen gehen mit einer zerbrechenden Welt auf sehr unterschiedlicher Art um und Werfel hat in seinem Roman nicht nur den Widerständlern Raum gegeben.

Wie es sich für einen großartigen Roman gehört, hat Werfel ein wunderbares Ende verfasst. Der viert- und drittletzte Satz des Werkes lauten: »Gabriel Bagradian hatte Glück. Die zweite Türkenkugel durchschmetterte ihm die Schläfe.«

Wer wissen will, warum das so ist, muss den Roman lesen.

Franz Werfel: Die vierzig Tage des Musa Dagh
Fischer Verlag 2011
TB 1040 Seiten
ISBN: 978-3-596-90362-7

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