Das Zitat habe ich meinem Erstling Eine neue Welt vorangestellt, es passt perfekt zum Auftaktband der Abenteuerreihe um die Piratenbrüder Joshua und Jeremiah. Zwischen Lichtenberg bzw. Göttingen, seiner Wirkungsstätte und meiner Wahlheimat, und der Hauptfigur Joshua gibt es noch weitere Verbindungen.
Eine Statue von Georg Christoph Lichtenberg steht auf dem Marktplatz in Göttingen. Ganz passend, denn in seine Armbeuge konnte ich für ein Foto meinen Erstling platzieren. Über das Motiv hinaus gibt es aber eine direkte und eine ganze Reihe indirekter Verbindungen zwischen Lichtenberg und meiner Abenteuerreihe um die »Piratenbrüder«.
Das ganz wunderbare Zitat des Gelehrten unterstreicht den Aufbruchscharakter von Eine neue Welt perfekt. Joshua hätte am Hafen in London auch in der Kutsche sitzenbleiben können, nicht aussteigen, sich nicht auf die Sturmvogeleinschiffen und keine Abenteuer erleben.
Der Sonnenaufgang, von dem Lichtenberg in seinem Zitat spricht, steht für die Chancen und Möglichkeiten, die sich dem Menschen bieten; aber er muss sie selbst ergreifen, dafür Unannehmlichkeiten in Kauf nehmen, sich aus dem bequemen, warmen Bett erheben und in die fröstelige Kühle der frühen Tagesstunden treten.
Es reicht natürlich nicht, das Bett oder im Falle Joshuas die Kutsche zu verlassen; immer wieder steht man vor der Entscheidung, den bequemen oder den anstrengenden Weg zu wählen. Auf dem Weg von London in Eine neue Welt lernt mein Protagonist das auf die harte Tour, denn sein Sonnenaufgang ist mit weit größeren Zudringlichkeiten verbunden als etwas Kühle: Stürme, Seekrankheit, heimtückische Besatzungsmitglieder, Niedertracht und ja, auch Piraten.
Als Joshua richtig in der Klemme sitzt, entscheidet er sich dafür, aufzustehen – damit ist das Tor aufgestoßen für eine lebenslang Freundschaft mit Jeremiah. Dessen Lebensweg ist ein ganz anderer gewesen, als er Joshua kennenlernt, hat er seine Feuertaufe bereits hinter sich. Doch auch für ihn stellt sich im Laufe der Handlung die gleiche Frage, wie für Joshua: aufstehen oder nicht.
Göttingen gehörte zu Lichtenbergs (und Joshuas) Zeiten zu einem Staatsgebilde, das gewöhnlich als »Haus Hannover« zusammengefasst wird, regiert durch eine Abfolge von Georgs / Georges regiert wurde, die gleichzeitig die englische Krone trugen. Lichtenberg war mehrfach in England und hat den König Georg(e) III. getroffen.
Ganz passend ist Joshua deutsch-englischer Abkunft, auch wenn er in London wohnt und sich anfangs eher als Engländer sieht – wo mag er wohl geboren worden sein? Seine deutschen Wurzeln spielen mehrfach eine Rolle, manchmal eine lustige, wenn er unvermittelt Deutsch spricht, aber auch wichtige, denn die Abenteuer der »Piratenbrüder« sind keineswegs auf den tödlichen Zweikampf zwischen zwei Freibeutern beschränkt.
Ein Historischer Roman aus der Sicht einer Tochter Johann Sebastian Bachs, stimmungsvoll, atmosphärisch und in besten Sinne aufklärerisch. Cover Insel-Verlag, Bild mit Canva erstellt.
Ein literarisches Gegenspiel, eine Gegenbiographie, die aufklärt darüber, wie es nach Ansicht des erzählenden Ichs tatsächlich gewesen ist. Das weicht erheblich von dem ab, was aus Männerfedern auf Papier geflossen ist und die Überlieferung geprägt hat. Doch geht die Autorin noch – mindestens – einen Schritt weiter und lässt ihre Erzählstimme keineswegs unangefochten berichten – sie wird immer wieder infrage gestellt, unterbrochen, korrigiert, während sie schreibt. Kleine Sätze der Rechtfertigung sind hier und da in Klammern eingeflochten.
Im besten Sinne der Aufklärung bleibt es also am Ende beim Leser, wem und was er Glauben schenken will. Aufklärung ist ein großer Lesespaß! Man muss sich ein wenig einlesen, in den Stil, den die Autorin Angela Steidele sanft koloriert hat und etwas zeithistorisch klingen lässt, was den Lesefluss befördert sowie lustig und einfach schön ist, ohne diese träge, staubige Schwere alter Grammatik.
Die Geschichte ist in der Ich-Form präsentiert, die Erzählerin ist Dorothea Bach, eine Tochter von Johann Sebastian Bach, von der nahezu nichts überliefert ist. Ein gefundenes Fressen für eine Autorin von einem Historischen Roman, denn diese Leerstellen wollen gefüllt werden – mit Fiktion. Steidele widmet sich dieser Aufgabe mit Hingabe, Leichtigkeit, Humor, bisweilen bissigem Sarkasmus und lässt eine ganz wundervolle Welt vor den Augen der Leser entstehen.
Sie ist voller Musik, Herzenswärme, Literatur, gelehrten Gesprächen, Spott, Neid, Eifersucht, Streit – aber auch berührt von den Unbilden der Zeit. Der Macht des Todes, der Krankheit, der Armut, die Verheerungen der Kriege Friedrichs II. und die Zudringlichkeiten einer unaufgeklärten Welt. Dabei gelingt es Steidele, den leichten Tonfall beizubehalten, hier wird nicht stiefeltrampelig einer Wahrheit Bahn gebrochen, der Leser wird geradezu aufgefordert, selbst zu denken.
Ganz besonders atmosphärisch sind die kleinen Anmerkungen unten auf der Seite, die auf die Werke Johann Sebastian Bachs verweisen, von denen in der Erzählung die Rede ist. Man kann sie problemlos anhören und mit dem vergleichen, was die Erzählstimme und andere Zeitgenossen zu sagen haben. Aber auch Literatur ist aufgeführt, Dramen, Theaterstücke, Romane, Sachbücher aller Art, in die ohne große Schwierigkeiten ein Blick geworfen werden kann, denn diese zeitgenössische Literatur steht im Internet zumeist zur Verfügung.
Apropos Internet. Anlässlich einer Lesung beim Göttinger Literaturherbst hat Angela Steidele neben vielen anderen sehr aufschlussreichen Bemerkungen auch gesagt, sie habe heimlich etwas über die Gegenwart erzählen wollen. Das wollen – gute – Historische Romane ja oft. Und so darf man sich fragen, ob Lautentius Gugl nur zufällig diesen Namen trägt oder die Zwitscherblättchen, die – weil gedruckt – anonym über andere Zeitgenossen herziehen, vielleicht auf eine moderne Kommunikationserscheinung anspielen.
Angela Steidele macht sich zudem ein großes Vergnügen daraus, große Männer von ihren Sockeln zu holen. Gotthold EphraimLessing etwa kommt nicht gerade gut weg, Friedrich II., der so genannte „Große“, verdiente sich ganz andere Beinamen.
Rousseau? „Ein armes Irrlicht aus Genf, der sich mit allen verkracht“, lässt sie den Leser aus dem Munde Luise Gottscheds wissen, verbunden mit einem didaktischen Hinweis für die Gegenwart: „Weil sich jeder über ihn aufregt, erhält er so viel Resonanz. Da müssen wir seine absurden Ansichten nicht auch noch ventilieren.“ Don´t feed the troll, würde man heute sagen.
Das Ende ist ganz fabelhaft gelungen. Vier Zeilen eines Gedichtes machen noch einmal deutlich, worum es in dem Roman Aufklärung eigentlich geht: Jene ins richtige Licht rücken, die bislang im Schatten standen, dorthin das Licht leuchten lassen, wo Dunkelheit, (Ver-)Schweigen und Vergessen bis heute Vieles verborgen hat, was ans Licht gehört.
Mit großem Vergnügen verweise ich auf eine ebenso vorzügliche wie ausführliche Buchvorstellung von Marius Müller, der durch seinen sehr anregenden Text verantwortlich dafür ist, dass ich diesen wunderbaren Roman gelesen habe.
Eine große Freundschaft zweier sehr unterschiedlicher Jungen bildet ein zentrales Motiv der Abenteuerreihe Piratenbrüder.
Joshua und Jeremiah begegnen sich unter dramatischen Umständen und freunden sich dennoch an. Die Freundschaft der beiden hält ein Leben lang, obwohl am Anfang nicht viel dafür spricht, zu unterschiedlich sind ihre Charaktere; schwerer wiegt noch ihre jeweilige Herkunft.
Joshua stammt aus wohlbehüteten und begüterten Verhältnissen. Sein Onkel William ist steinreicher Fernhändler, nach dem Tod seiner Eltern lebt Joshua bei ihm in England unter den behütenden Händen einer Gouvernante Mrs. Norway. Auch Jeremiah ist Waise, er ist durch einen puren Zufall vor dem Tod gerettet worden und führt ein Leben als Schiffsjunge – auf einem Piratenschiff.
Jeremiahs Herkunft bleibt zunächst im Dunkeln, einige wenige Dinge über seine Rettung erfährt der Leser im zweiten Teil der Buchreihe, Chatou.
Während Joshua übervorsichtig und äußerst zurückhaltend auftritt, ist Jeremiahs Selbstbewusstsein scheinbar grenzenlos. Für den Kaufmannsneffen ist das Verlassen der Kutsche im Londoner Hafen bereits eine Zumutung, während der Schiffsjunge zu diesem Zeitpunkt bereits seine Feuertaufe überstanden hat und scheinbar nichts fürchtet.
Beide Jungen verändern sich durch ihre Freundschaft und ihre abenteuerlichen Erlebnisse, ich habe allerdings genau darauf geachtet, dass beide Figuren nicht zu einer Kopie der anderen werden. Sie entwickeln sich jeder auf ihre Weise, lernen voneinander, bleiben sich selbst aber bis zum Ende treu.
Natürlich gibt es Spannungen, denn jener große gesellschaftliche Graben zwischen beiden lässt sich nicht schließen, ja nicht einmal richtig überbrücken. Und dann ist da ja noch Alba, eine bildschöne Spanierin, an die Joshua sein Herz verliert.
Wie endet also diese in jeder Hinsicht abenteuerliche Freundschaft der beiden Jungen? Sie sind um das Jahr 1717 geboren, von heute aus gesehen schon lange tot. Die Frage ist nur, wann und wie sie gestorben sind. Eine Antwort darauf gibt es im letzten Band der Reihe Opfergang.
Ein großartiger Kriminalroman vor einer bedrückenden historischen Kulisse ist Volker Kutscher mit »Marlow« gelungen, dem siebten Fall von Gereon Rath. Cover Piper, Bild mit Canva erstellt.
Den Lesern der Romanreihe um den Kriminalkommissar Gereon Rath ist der Name Marlow natürlich bekannt. Dr. M, Unterweltboss in Berlin, undurchsichtig, durchtrieben, gnaden- und gewissenlos agierend, wobei er sich korrupter Polizisten bedient, um seine Ziele zu erreichen. Eines seiner besonderen Kennzeichen ist jener Chinese, der ihm als Chauffeur dient.
Wenn der siebte Teil der Reihe nun den Namen des Gangsters als Titel trägt, weckt das einige Erwartungen. Aus dem Vorgängerband klingt noch das Echo der Ereignisse nach, die Rath an und über seine Grenzen gebracht haben, ein erbarmungsloses und brutales Machtspiel hat ihn in die Enge getrieben, aus der er nur mit Mühe herausgekommen ist.
Rath hat beruflich und privat Federn gelassen und feststellen müssen, dass seine Beziehungen zur Unterwelt mindestens ebenso problematisch sind wie die neuen Spielregeln unter dem Hitler-Regime. Andere kommen mit den politischen Umwälzungen unter den Nazis besser zurecht. Johann Marlow beispielsweise scheint tatsächlich noch nicht aus dem Spiel zu sein.
Ist er auch nicht, so viel darf an dieser Stelle wohl verraten werden. Um den Namen „Marlow“ hat Kutscher eine wirklich schöne Geschichte gesponnen, die zurückreicht in den Ersten Weltkrieg und die koloniale Zeit davor, als Deutschland in Afrika, dem Pazifik und eben auch China koloniale Gebiete besaß. Der Chinese in Marlows Fahrdienst ist nicht vom Himmel gefallen, das „Doktor“ vor dem »M« auch nicht.
Bei den Sanitätern kennt man den Tod nur als den der anderen.
Volker Kutscher: Marlow
Jeder habe seine Geschichte, heißt es immer, wenn es darum geht, eine Erklärung für Verhaltensweisen von Menschen zu finden. Das gilt auch für Romanfiguren wie Marlow, dessen Härte auf Zeiten zurückgeht, die im historischen Bewusstsein der Gegenwart gar keine Rolle mehr spielen. Wer weiß denn noch, wie deutsche Freikorps im Baltikum nach 1918 wüteten?
Es gehört zu den wunderbaren Eigenschaften der Romane um Gereon Rath, dass der Leser immer wieder mit diesen halb vergessenen historischen Umständen konfrontiert wird, ohne dass der Kriminalroman zu einer drögen Geschichtsstunde ausartet. Marlow erzählt davon, wie jemand in der Schmiede aus Krieg, Landsknechtdasein, grausamer Disziplin und emotionaler Kälte zu einem brutalen Ganoven wird.
Aus den vielschichtigen Spiel und Gegenspiel des Vorgängerbandes Lunapark ist die Hauptfigur Rath nicht unbeschadet hervorgegangen, das gilt auch für seine Frau Charlotte und in gewisser Hinsicht auch für ihren Pflegesohn Friedrich. Erfreulicherweise ist es Kutscher gelungen, das fortzuschreiben.
Ein subalterner Kollege blafft Rath ungewohnt offen wegen seiner Art an, seine Sekretärin sagt ihm daraufhin die Meinung, was bislang vor allem seine eigene Frau getan hat. Das setzt sich in Marlow auch fort, allerdings nimmt die Schärfe zu. Deutschland ist ein Unrechtsstaat, gelenkt von Verbrechern, viele suchen das Weite, andere beginnen, die Möglichkeit zu erwägen, um der sich ausbreitenden Dunkelheit zu entfliehen.
Einer musste es Ihnen ja mal sagen.
Volker Kutscher: Marlow
Rath wird am Anfang der Erzählung zu einem Verkehrsunfall gerufen, eigentlich ein Fall für weniger qualifiziertes Polizeipersonal, doch ein Unfallzeuge behauptet, es habe ein Mordversuch auf ihn stattgefunden. Zur Klärung wird der in Ungnade gefallene Kommissar Rath ausgewählt, eine undankbare Aufgabe.
Dank leichtfertiger Neugier unterläuft ihm jedoch ein Lapsus, denn der angebliche Unfall war keiner, wie der Leser schon im Prolog erfährt, aber auch nicht der vom übereifrigen Zeugen vermutete Mordanschlag, sondern eine gezielte Tötung. Ein Zufallsfund brisanter Dokumente im schrottreifen Auto bringt Rath in eine unschöne Lage, die er zunächst einmal mit einem Trick bereinigen kann.
Ein Irrtum, wie sich zeigt, denn der Kommissar wird immer tiefer in eine lebensgefährliche Auseinandersetzung zwischen Himmlers SS / SD und Göring verwickelt. Bei der Ausschaltung der SA zogen die Kontrahenten noch an einem Strang, doch im NS-Deutschland kämpfen die Ränge hinter Hitler um die Macht, ein Konflikt der neuen Eliten, der ohne jede Gnade mit größter Rücksichtslosigkeit geführt wird.
Die erste Ahnung, etwas falsch gemacht zu haben, überkam ihn, als er den Aufdruck »Geheime Reichssache« auf den beiden Aktenmappen las, die er aus dem braunen Umschlag zog.
Volker Kutscher: Marlow
Rath versucht auch hier lange Zeit, sich durchzulavieren, was jedoch schwieriger wird, weil die Skrupellosigkeit seiner Gegenspieler die Spielräume schrumpfen lässt. Nolens volens muss er nach Nürnberg fahren, der Stadt der Reichsparteitage und pompösen Aufmärsche, um eine haarsträubende Wiederbeschaffung der Akten durchzuführen, notdürftig getarnt vom Besuch seines Sohnes Friedrich, der mit der Hitlerjugend dorthin marschiert ist.
Dabei macht Rath eine erschütternde Erfahrung, als er Zeuge wird, wie Hitler im Auto an Spalier stehenden Volksmassen vorüberfährt und alles in ekstatischen Jubel ausbricht – der eigentlich unpolitische Kommissar wird davon mitgerissen. Eine gespenstische Szene, die so gut gelungen ist, dass der Leser den gewaltigen Sog zu spüren glaubt, dem sich der Protagonist nicht entziehen kann.
Er reißt wie alle anderen den Arm in die Höhe, immer wieder, »und dann hörte er, wie das Wort »Heil!« aus seinem Mund kam.« Rath versteht die Welt und vor allem sich selbst nicht mehr. Niemand hat ihn dazu gezwungen, den blutigen Gruß zu entbieten, niemand auf ihn geachtet, denn der vorüberfahrende Hitler hat alle Aufmerksamkeit auf sich gezogen wie ein Schwarzes Loch im Weltall alles Licht. Trotzdem hat Rath sich hinreißen lassen.
Er, Gereon Rath, der in Berlin den Deutschen Gruß verweigerte und verschlampte, wo immer das nur möglich war, stand hier in Nürnberg am Straßenrand und riss getragen von der Masse und ihrem Rhythmus in einem fort den rechten Arm hoch.
Volker Kutscher: Marlow
Der NS-Staat etabliert sich, durchdringt auf propagandistische oder gewaltsame Weise den Alltag der Deutschen, die sich ihm immer schwerer entziehen können. Das ist möglicherweise die eigentliche Geschichte, die Kutscher en passant erzählt. Dabei sind die Ereignisse schwerwiegende genug, denn auch Charlotte Rath ist als Privatermittlerin und Anwaltsgehilfin mit Fällen befasst, die von der dunklen Zeit bestimmt werden.
Vor allem aber holt Charly die eigene Vergangenheit ein, denn die ist mittelbar mit dem Fall Raths eng verwoben, aber auch mit dem, was der ehemalige Oberkommissar und jetzige Privatermittler Böhm mit sich herumträgt – die „Kellergeister“, Fälle, die Polizisten nicht wieder loslassen wollen. Alles verstrickt sich immer weiter ineinander, dank der Umstände und schrumpfenden Spielräume ist eine „Lösung“ ferner denn je.
Auch Gereon Rath hat seine Kellergeister – einer davon ist Johann Marlow, der ihn seit vielen Jahren als nützlichen Polizisten schmiert und für seine Zwecke ausnutzt; davon hat auch Rath etwas, oft war ihm der Kontakt in die Unterwelt hilfreich. Die Nazis haben eigentlich dem Verbrechen den Kampf angesagt, doch kann ein Verbrecherregime, das seine Gegner in Mafia-Manier liquidiert, ernsthaft dieses Ziel verfolgen?
Was Rath da in seinen Händen hielt, war eine akkurat auf den Bügel gehängte SS-Uniform.
Volker Kutscher: Marlow
Das ist die übergeordnete Frage, die sich bei der Lektüre immer wieder stellt. Kann man überhaupt »anständig« bleiben in einem verbrecherischen System? Kann man sich darauf zurückziehen, nur Polizist zu sein, kein Nazi? Rath hat in Nürberg eine erschütternde Antwort bekommen, aber auch Böhm, Gennert und Charlotte müssten sich diese Frage stellen. Geben sie sich nicht einer Illusion hin?
Johann Marlow jedenfalls hat einen sehr konsequenten Weg beschritten, sich mit den neuen Verhältnissen zu arrangieren. Kurioserweise war er bereits außer Landes, doch hat er in den USA nicht reüssieren können und ist zurückgekehrt. Auf seine Weise profitiert er vom Unrechtsstaat, gewissen- und skrupellos, wie er ist. Dabei gerät er mit Gereon Rath aneinander, eine Zweckgemeinschaft zerbricht und es wird für den Protagonisten höchst bedrohlich.
Da noch drei weitere Romane folgen, ist es keine Überraschung, dass Rath am Ende davonkommt. Mit heiler Haut? Wohl kaum. Kutscher inszeniert das Finale von Marlow mit einem tollen erzählerischen Kniff, der diebische Freude aufkommen lässt, bis ganz am Ende das böse Erwachen folgt. Eigentlich möchte man nichts mehr, als sofort in den nächsten Band einzutauchen – doch das ist schon der drittletzte und der letzte lässt wohl noch auf sich warten. Also: Geduld.
Eigentlich ein Moment überschäumender Freude für die Piratenbrüder Joshua und Jeremiah, doch …
Was mag das wohl sein, das einen niederschmetternden Anblick bietet? Joshua und Jeremiah stehen in diesem Moment auf einem Berg und blicken auf die See hinab – so viel sei verraten, aus Eine neue Welt – Piratenbrüder Band 1.
Man kann es sich vorstellen: Die rasch aufgehende Sonne, die das Meer an diesem Morgen leuchten lässt, ein Glitzern und Funkeln, das sich minütlich verändert. Wer schon einmal am Meer war, wird das vielleicht kennen, die wundervolle Wandlung des Wassers im Licht der Sonne.
Für die Piratenbrüder ist dieser Moment jedoch alles andere als idyllisch, ja, der Kontrast zwischen der schönen Natur und dem, was sie sehen, verstärkt die Schwärze, die sich in den Betrachtern auszubreiten scheint. Sie sind erschüttert im Angesicht des Bildes, das sich ihnen bietet.
Da ich als Autor Herr über die Naturerscheinungen in meinem Roman bin, habe ich den strahlenden Morgen nicht grundlos gewählt. Er ist wie ein Spiegel von dem, was eigentlich sein sollte – ein Moment grenzenloser Freude, des Stolzes, ermattet und müde von den fürchterlichen Anstrengungen und Gefahren, die hinter den Piratenbrüdern liegen, aber eben doch ein Triumph.
Im Augenblick des Sieges erwartet Joshua und Jeremiah ein niederschmetternder Anblick, es ist ein bitterer Triumph. So ist das, wenn man sich auf den Pfad eines Abenteuers begibt, kein Sieg ist rein und klar, keine Niederlage lichtlos schwarz. Egal, ob man sich freiwillig oder gegen den eigenen Willen ins Abenteuer gestürzt hat. Und so bleibt es bis zum Ende aller Abenteuer, dem Opfergang im siebten Band.
Von Leonardo Padura habe ich mittlerweile alles gelesen, was aus dem kubanischen Spanisch ins Deutsche übersetzt wurde. Sein Opus Magnum ist Der Mann, der Hunde liebte. Das zweitbeste Buch ist Ketzer, das ich aus aktuellem Anlass ein zweites Mal lese. Die Lektüre ist Teil meines Lesevorhabens Wiedergelesen 4für2026.
Piratenbrüder
Das dramatische Finale
Alexander Preuße: Opfergang – Piratenbrüder Band 7 Taschenbuch 508 Seiten, 19,99 Euro eBook: Kindle 5,99 Euro oder KindleUnlimited
Bücher begleiten mich schon mein ganzes Leben, auf dem Leseweg habe ich sehr viele großartige Romane und Sachbücher lesen dürfen, von denen ich gern erzählen möchte. Das ist ein Grund, warum ich blogge.