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Schlagwort: Holocaust (Seite 3 von 5)

Wilm Hosenfeld: Ich versuche jeden zu retten

Das Entsetzen über die deutsche Besatzungspolitik in Polen ergriff Hosenfeld bereits wenige Wochen nach dem militärischen Sieg. Dennoch brauchte es noch einige Zeit, ehe sich ganz vom Regime distanzierte und die heraufdämmernde Niederlage mit großer Klarheit kommen sah. Cover DVA, Bild mit Canva erstellt.

Das sind keine Menschen, nicht einmal Tiere, das sind Teufel. (28.12. 1943 über die SS, Gestapo)

Wilm Hosenfeld: Ich versuche jeden zu retten

Der Film Der Pianist von Roman Polanski hat den deutschen Hauptmann Wilm Hosenfeld bekannt gemacht. Der 2002 erschienene Streifen über den polnischen Pianisten und Komponisten Władysław Szpilman erzählt dessen Schicksal während der deutschen Okkupation Polens zwischen 1939 und 1944. Hosenfeld hat Szpilman das Leben gerettet, eine entscheidende, aber für den gesamten Weg des Verfolgten durch die schreckliche Zeit eben auch nur eine Episode.

Polanski hat den Fokus auf die Opfer gelegt, sein herausragender Film ist für mich noch erschütternder gewesen als Schindlers Liste von Steven Spielberg von 1993. Er ist in gewisser Hinsicht schlichter, geradliniger und stiller als das amerikanische Pendant, die völlige Unerbittlichkeit des Kriegsgeschehens und Besatzungsregimes wirkt unmittelbarer. Am Ende nennt der Film noch den Namen des Retters und sagt, man wisse nicht mehr über ihn als seinen Tod im sowjetischen Kriegsgefangenschaft.

Das Buch »Ich versuche jeden zu retten« zeigt, dass dies eine unkorrekte Information ist, was aber selbstverständlich völlig legitim ist: Polanskis Anliegen war wie gesagt das der Opfer, nicht das eines untypischen Deutschen. Briefe und Tagebuchaufzeichnungen geben eine Menge über den Person namens Wilm Hosenfeld preis, ein spektakulärer Einblick in das Leben, Denken und Fühlen eines Mannes, der ebenso Teil der Nationalsozialistischen Welt war wie sich davon abhob. Die Widersprüchlichkeit ist atemberaubend, das zeigen auch nachfolgende Zitate:

Goebbels ist ein großartiger Volksredner. Er überzeugt […] (10.03.1936)

Oder warum wird keine öffentliche Abstimmung im ganzen Reich durchgeführt? Allgemeine, geheime, freie Wahl. (30.04.1936)

Die Partei arbeitet mit Lüge, Verdrehung und Verleumdung, und wo das nicht genügt, mit Terror. (05.05.1936)

Wieder ergreift mich das Erlebnis der großen Gemeinschaft, in das wir marschieren. Es ist wie im Krieg. (12.09.1936)

Wilm Hosenfeld: Ich versuche jeden zu retten

Die zeitliche Dichte der Äußerungen, die zugleich eine große Nähe und Distanz zum Regime ausdrücken, Bewunderung und offene Kritik, verblüfft. Die Forderung Hosenfelds nach Wahlen (zu der Frage der Schulform) sticht besonders heraus. Wie viele andere patriotisch gesinnte Kriegsteilnehmer des Ersten Weltkrieges mit konservativer Haltung war auch Hosenfeld gegen den Versailler Vertrag eingestellt und stand der Weimarer Republik bestenfalls reserviert gegenüber.

Sein schneller Eintritt in die SA, die positiven Äußerungen zu Hitlers Erfolgen auf internationaler Ebene und die Erleichterung über die Auflösung der Bestimmungen des Friedensvertrages, der auch von Hosenfeld als Diktat angesehen wurde, unterstreichen die Affinität zum NS-Regime. Ausgerechnet eine demokratisches Instrument zu fordern, wenn die Herrschenden etwas durchsetzen, was dem Tagebuchschreiber nicht passt, wirkt kurios.

Und doch ist es ein Fingerzeig, dass in diktatorischen Systemen Kritik an bestimmten Umständen nicht zu verwechseln ist mit grundlegender Kritik am System selbst. Im Gegenteil: Das zeitlich letzte Zitat zeigt, wie sehr sich Hosenfeld 1936 trotz recht scharfer Kritik an einer Maßnahme des Regimes als Teil der großen Gemeinschaft fühlt.

Der letzte Satz bezieht sich auf die Stimmung im Kaiserreich 1914, als es tatsächlich zu einer recht lange andauernden inneren Ruhe kam. Die Weimarer Republik galt dagegen als zerrissen, ein Kritik-Motiv, das die Nazis geschickt mit ihrer Volksgemeinschafts-Propaganda bedienten. In Kriegszeiten kommt Hosenfeld darauf oft mit kritischen Worten zurück.

Trotzdem zeigen einige von Hosenfelds Bemerkungen, wie wenig er tatsächlich Teil der »großen Gemeinschaft« war, sondern eher isoliert. Die Gemeinschaftsabende der SA und anderer Verbände ödeten ihn fürchterlich an, das Beifallsgebrüll, die Bierseligkeit und schulter- und sprücheklopfende Kameradschaft war ihm zuwider. Es wirkt, als wäre das Zitat vom September 1936, das Erleben einer »Gemeinschaft« nicht mehr als ein frommer Wunsch.

Die Juden haben nichts zu lachen, mich empört die rohe Behandlung. (16.09.1939)

Wilm Hosenfeld: Ich versuche jeden zu retten

Besonders schwere Irritationen ergaben sich für Hosenfeld, je weiter sich Hitlers Herrschaft etablierte und der Antisemitismus Teil der Lebensrealität wurde. Dem stand Hosenfeld ablehnend gegenüber, was auch für die rassistische Weltanschauung des Nationalsozialismus galt. Nach Kriegsausbruch wurde er in Polen Zeuge, wie Juden und die polnische Zivilbevölkerung misshandelt wurden, was ihn empörte und zu offenem Widerspruch herausforderte.

Besonders interessant sind die Passagen, in denen Hosenfeld von den Schwierigkeiten berichtet, die große Masse an gefangenen polnischen Soldaten halbwegs menschlich zu behandeln. Obgleich ihm daran lag, diese mit Nahrungsmitteln, Unterkünften, Medikamenten usw. zu versorgen und er alle Anstrengungen unternahm, war es im Chaos der ersten Tage faktisch unmöglich, das zu bewerkstelligen.

Natürlich ist Vorsicht geboten, aber Hosenfelds Haltung zu den Polen, auf die er mit einer gewissen paternalistischen und sehr deutschen Kultur-Überheblichkeit blickte, war geprägt von Achtung, Respekt und Menschlichkeit. Er meinte beispielsweise, die polnische Nation wäre verloren, das polnische Volk werde bestehen; ihm gefiel etwa die nationalstolze polnische Hilfskraft mit ihrer unverhohlenen Ablehnung gegenüber den Deutschen.

Wie gern bin ich Soldat gewesen, aber heute möchte ich den grauen Rock in Fetzen reißen. (10.11.1939)

Wilm Hosenfeld: Ich versuche jeden zu retten

Vor diesem Hintergrund ist es kaum verwunderlich, dass innerhalb einiger Monate die Stimmung Hosenfelds ins Negative kippte. Die Zustände im besetzten Polen, die Gewalttaten gegenüber der Zivilbevölkerung, die so genannten Umsiedlungen, die mitleidlos umgesetzt wurden und für großes Leid sorgten, haben ihn erschüttert. Aber Führerglaube und die Empfänglichkeit gegenüber der Propaganda blieben trotzdem!

Schon für die letzten Friedensmonate wirkt die Naivität Hosenfelds oft erstaunlich. Er ging der Propaganda buchstäblich auf den Leim. Ein Grund lag sicher in der Ablehnung des Versailler Vertrages, der die außenpolitischen Maßnahmen Hitlers als große Erfolge erscheinen ließ. Das öffnete der völlig falschen Ansicht, Hitler stehe zum Frieden, Tür und Tor. Noch drei Tage vor Kriegsausbruch dachte Hosenfeld, Hitler werde »jede Verhandlungsmöglichkeit ergreifen«.

Hosenfeld rechtfertigte den Krieg gegen Polen in einigen Schreiben. Auch als er bereits harsche Kritik am Besatzungsregime äußerte, stand er dem Krieg an sich und seinen propagandistisch orchestrierten Motiven aufgeschlossen gegenüber.

Das Leben des Soldaten Wilm Hosenfeld ist geprägt von seiner grundsätzlichen Offenheit gegenüber den Umständen und Menschen, seinem tiefen katholischen Glauben, der unstillbaren Sehnsucht nach seinem Zuhause, seiner Frau und seinen Kindern. Das zieht sich wie ein roter Faden durch die Briefe, auch die Unzufriedenheit mit seiner eigenen Situation und dem Versuch, sich irgendwie einzurichten.

Hitler hat selten eine so überzeugende Rede gehalten wie die vom 9. November. Er ist doch ein fabelhafter Mensch. (15. 11. 1940)

Wilm Hosenfeld: Ich versuche jeden zu retten

Hosenfeld war als Offizier – selbstverständlich – am Kriegsgeschehen und den außenpolitischen Aktivitäten in Europa interessiert. Er gab Kommentare ab, mit denen er zunächst oft völlig falsch lag. Das ist insofern sehr interessant, weil ein Zivilist wie Hermann Stresau in seinen Tagebüchern Als lebe man unter Vorbehalt neben einigen Irrtümern oft verblüffend stimmige Einschätzungen zu der Entwicklung abgab. Im Verlauf des Krieges wurden die Einschätzungen Hosenfelds viel realistischer, etwa 1942, als er die Chancen der neuen Ost-Offensive bemerkenswert illusionslos sah.

Die Kriegserklärung an die USA im Dezember wertete der Autor glockenklar als Menetekel für eine Niederlage Deutschlands. Er sprach von »Untergangsstimmung« und, dass er »in einer Ecke sitzen und die Wand anstieren« könne. Interessant ist in diesem Zusammenhang die Begründung: Bei einer Einigkeit wie 1914 wäre es seiner Ansicht nach vielleicht möglich, zu bestehen; doch bestehe diese Einigkeit im NS-Deutschland nicht.

Verblüffend klar hob sich diese Meinung von der NS-Propaganda einer »Volksgemeinschaft« ab. Hosenfeld empfand diese angebliche Gemeinschaft nie , im Gegenteil machte er an vielen einzelnen Stellen klare Brüche aus. Wie das nachfolgende Zitat zeigt, übte er auf spektakuläre Weise Kritik am System, denn der Begriff »Abschaum« umfasst die Partei und ihre Gliederungen sowie sämtliche Formationen, die nicht an der Front kämpfen.

Amerika im Krieg mit der Achse. Die neue Welt hat den vorigen Krieg entschieden. Sie wird ihn auch diesesmal zu unserm Unglück entscheiden. […] Dieser Krieg ist für D[eutschland] eine gewaltige Gegenauslese: Die besten Männer bleiben auf dem Schlachtfeld, der Abschaum wird erhalten; damit wird das Gegenteil erreicht, was der Nationalsozialismus mit seiner Rassenlehre erreichen wollte. (Dezember 1941)

Wilm Hosenfeld: Ich versuche jeden zu retten

Nicht minder überraschend sind die zum Teil absurd naiv wirkenden Ansichten, etwa, dass die Geschichte »eben doch von einzelnen Genies gemacht« werde. Damit meinte er auch Hitler, obwohl Hosenfeld sehr genau wusste, was im Schatten dieses »Genies« an Verbrechen verübt wurde. Auschwitz war etwa im April 1942 bereits bekannt als »ein gefürchtetes Lager im Osten«, in dem die Gestapo die Menschen zu Tode quäle oder sie im Schnellverfahren in »Gaszellen« mit Gas töte.

Er wusste von den Foltermethoden, wusste von den vielen Unschuldigen, die dem ausgesetzt sind, wusste von der sinnlosen, kontraproduktiven Gewalt der Besatzungsmacht in Polen, mit der die Einheimischen immer stärker in den gewaltsamen Widerstand getrieben werden. In einem Tagebucheintrag am 17. April 1942 führte Hosenfeld eine Reihe von recht aktuellen Vorgängen in Warschau auf, die verdeutlichen, wie verheerend das alltägliche Wirken der Deutschen in Polen war.

Seine allgemein pessimistische Einschätzung gipfelte in einem hoffnungslosen Blick auf die militärische Lage, überhaupt erweist sich Hosenfeld zunehmend als realistisch, was die Kriegsaussichten anbelangt. Für den Leser erscheint es rätselhaft, warum Hosenfeld trotz derartiger Einsichten von Hitler als »Genie« spricht. Wenn dieser die Weltgeschichte bestimmte, wäre er eben für die von Hosenfeld beklagten Zustände verantwortlich und nicht nur der »Abschaum«, der sein Unwesen treibt. Auch dieser faktisch unauflösliche Widerspruch erscheint lehrreich.

Menschen sind widersprüchlich, inkonsequent und wechselhaft und möglicherweise gar nicht so hehr, wie oft dargestellt oder gewünscht. Hosenfeld war ein Schwärmer, ein Idealist, der seine in der osthessischen Provinz zusammengemaltes Bild an der harschen Realität zerschellen sah. Solche Wendungen vollziehen sich nur im Trivial-Roman bzw. -Film stringent, die historische (und gegenwärtige) Wirklichkeit ist anders, vielschichtiger, komplizierter, in sich durchaus gegenläufig.

Was hier in Warschau mit den Juden geschieht, das kannst du Dir nicht denken. Das ist, solange die Erde von Menschen bevölkert ist, sicher noch nicht dagewesen. Da verliert man jeden Glauben und jede Hoffnung. Wie tief sind wir gesunken. (1. August 1942 [Brief an die Ehefrau])

Wilm Hosenfeld: Ich versuche jeden zu retten

An manchen Stellen beklagte sich Hosenfeld über sich selbst, seine Untätigkeit, seine Ohnmacht, seine fehlende Courage. So sehr er mit sich ins Gericht ging, so wenig traf das auf die Realitäten zu. Das belegt bereits seine 1944 erfolgte Rettungstat, die Szpilman vor dem Tod bewahrte. Doch das war keineswegs die einzige Tat in dieser Weise. Wie aus dem begleitenden Text zu sehen, nutzte Hosenfeld seine Tätigkeit als Sport-Offizier, um für verschiedene Polen eine Art Schutzraum zu schaffen, die sie vor der Verfolgung bewahrte.

Es versteht sich von selbst, dass Hosenfeld davon in seinen Aufzeichnungen nichts berichtete. Das gilt erst recht für die Briefe, die der Zensur unterlagen. Zum Glück gibt es andere Quellen für dieses Wirken. Die Aufzeichnungen und Briefe zeigen eher, wer der Mensch hinter diesen Taten war. Eine unheroische Person, die den Leser mit ihren Schwankungen, Depressionen, Schwärmereien und manchmal auch hochfliegendem Pathos vor einige Zumutungen stellt.

Diese Herausforderung ist allerdings das Spektakuläre an diesem Buch. Eine historische Person tritt dem Leser in einer ganz ungewohnten Mehrdimensionalität entgegen, ohne die verzerrenden Reduzierungen und Fokussierungen. Hosenfeld war kein »Retter« per Geburt, er wurde dazu, peu á peu und aus ganz verschiedenen, durchaus widersprüchlichen Quellen gespeist.

Hosenfelds Sterben in sowjetischer Kriegsgefangenschaft ist ebenso tragisch wie passend, der rettende Deutsche wird Opfer des Stalinismus, des zweiten, menschenverachtenden  Gewaltregimes des zwanzigsten Jahrhunderts. Sehr positiv an der Ausgabe sind die umfangreichen Anmerkungen, die auch Laien die Texte Hosenfelds verständlich machen, außerdem hilft der einführende Beitrag zum Leben, sich in der Fülle der Aufzeichnungen zurechtzufinden.

Wilm Hosenfeld: Ich versuche jeden zu retten
Das Leben eines deutschen Offiziers in Briefen und Tagebüchern
Hrsg. von Thomas Vogel
DVA 2004
Gebunden, 1.194 Seiten
ISBN: 978-3-42105776-1

Matz, Jörg Maillet: Das Verschwinden des Josef Mengele

Die Graphic Novel erzählt die Geschichte von Josef Mengeles Entkommen nach dem Krieg, nach dem gleichnamigen Roman von Olivier Guez. Cover Knesebeck-Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Manchmal sieht man sie noch, die Landmaschinen aus dem Hause Mengele. Einen Schnappschuss konnte ich vor einigen Jahren während eines Spaziergangs machen, der Namenszug prangt auf dem Anhänger: Mengele. Ich habe ihn während meines Lebens häufig gesehen, schließlich habe ich einige Jahre auf dem Land leben müssen; nie aber habe ich Mengele mit Josef Mengele in Verbindung gebracht.

Aufgenommen bei einem Spaziergang im Raum Göttingen.

Das hat der Roman Das Verschwinden des Josef Mengele von Olivier Guez geändert, den ich vor einigen Jahren gelesen habe. Vorstellen möchte ich hier aber die gleichnamige Grafic Novel, die genauso lesenswert ist, wie ihre Vorlage. Sie erzählt eine Geschichte, wie sie gar nicht so selten vorgekommen ist, die Flucht eines verbrecherischen Nazis nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges.

Mit Josef Mengele verbinden sich schauderhafte Verbrechen, begangen im Konzentrationslager Auschwitz. Die werden in der Graphic Novel in wenigen eingestreuten Rückblenden angedeutet, jedoch nicht im Detail ausgeführt. Ebenfalls wird nur am Rande erwähnt, dass Mengele an der Ostfront einige Zeit in der Waffen-SS-Division „Wiking“ kämpfte und es bis zum SS-Hauptsturmführer brachte.

Der Fokus liegt auf dem Verschwinden von Kriegsverbrechern nach dem Krieg. Mit Hilfe verschiedener Netzwerke konnten Nazis aus Deutschland und Europa verschwinden, die so genannte „Rattenlinie“ ist ein geläufiger Begriff. In Argentinien fand Mengele dank des nazifreundlichen Diktator Peron wie viele andere namhafte NS-Größen Aufnahme. Verblüffend, mit welcher Offenheit das geschehen ist.

Man kennt sich, man trifft sich. Auch der Ranghöchste unter ihnen, Adolf Eichmann, tritt dort ganz offen auf, hält Hof wie ein Star und vergibt Autogramme. Mengele ist von dem Leichtsinn entsetzt, hält Eichmann für gefährlich und die ihn umgebenden Männer für Idioten.

Denn das „Verschwinden“ erweist sich nicht als Spaziergang. Statt eines neuerlichen Anlaufs zur Errichtung eines Nazi-Reiches festigt sich die Demokratie in Deutschland, in Argentinien wird der Diktator Peron gestürzt, Fritz Bauer und der israelischen Mossad heften sich auf die Spuren der geflohenen Nazis und erwischen Eichmann. Mengele jedoch nicht.

Die Graphic Novel ist nach dem gleichnamigen Roman von Olivier Guez gestaltet. Beide Bücher sind Bibliotheks-Funde, die Bedeutung von Bibliotheken für mein Leseleben ist unschätzbar.

Er kann sich über viele Jahre hinweg auf die finanzielle Unterstützung aus der Heimat verlassen, die Firma Mengele macht nach dem Krieg glänzende Geschäfte. Trotz vieler Unbilden, der stets wachen und wachsenden Angst vor Verfolgung, die in paranoider, aber durchaus berechtigter Furcht vor seinen Häschern bleibt Mengele letztlich unbehelligt.

In seinem Versteck sieht er mit Verbitterung, wie viele ehemalige Nazi-Täter in der Bundesrepublik Karriere machen, während er in einem abgelegenen Kaff in Uruguay leben muss; seine akademischen Titel wurden aberkannt, sein Mentor macht Karriere als Professor in Münster. An Auschwitz verdienten viel Personen, Firmen und Institutionen und blieben unbehelligt.

Mengele versinkt in seinem Versteck in selbstgerechte Verbitterung, doch wirft sie auch einen langen Schatten auf das Nachkriegsdeutschland, das es sich der Frage von Schuld und Verantwortung recht leichtfertig entledigte. Es weist auf den moralischen Kern von Das Verschwinden des Josef Mengele, der selbst ernannte »Exportweltmeister in Vergangenheitsbewältigung« recht dunkle Flecken auf seiner Weste.

Die Geschichte, die Guez in seinem Roman sowie Matz und Maillet in ihrer Graphic Novel erzählen ist ein schwarz leuchtendes Beispiel für eine himmelschreiende Ungerechtigkeit gegenüber den Opfern jener Nazis, die aberwitzige Verbrechen begingen und davonkamen, unterstützt und geschützt wurden. Für die Bestrafung aktuell begangener Kriegsverbrechen verheißt das nichts Gutes.

Matz, Jorz Maillet: Das Verschwinden des Josef Mengele
Nach Olivier Guez
Knesebeck 2022
Hardcover 192 Seiten
ISBN: 978- 3-95728 -756-4

Meron Mendel: Über Israel reden

Über Israel wird hierzulande viel zu viel geredet und zu wenig anderen zugehört. Ein Streifzug durch Abgründe einer immer grotesker werdenden Debatte, die der Lösung des Konfliktes zwischen Israelis und Palästinensern in keiner Weise verpflichtet ist. Cover Kiepenheuer&Witsch, Bild mit Canva erstellt.

Am 07. Oktober 2023 verübte die Hamas einen umfassenden Terrorangriff auf Israel. Meron Mendels Buch Über Israel reden erschien gut ein halbes Jahr vor dieser unmenschlichen, grausamen und propagandistisch umfassend orchestrierten Attacke. Was im Gefolge dieser mitleidlosen Schlächterei an Zivilisten geschah, hat mich persönlich fassungslos gemacht.

Offener und versteckter Antisemitismus, Israelfeindlichkeit (was nicht dasselbe ist, wie Mendel darlegt) verbunden mit Äußerungen, die frei von Empathie waren, dafür voller ideologischer Formeln, menschenfeindlicher Phrasen und Versuchen der Instrumentalisierung. Es erschien allein wichtig, sich zu positionieren, Haltung zu zeigen, sich von der eigenen Anhängerschaft beklatschen zu lassen und anders Denkende als »Feinde« zu diffamieren und zu behandeln.

Aktuell gib es kaum noch einen Raum, in dem man die Situation in Israel und den palästinensischen Gebieten offen analysieren könnte – jenseits von ideologischen Festlegungen und Vorurteilen. Derzeit scheint der einzige Zweck einer Debatte darin zu bestehen, die jeweils eigene Position zu verkünden, von Fans bestätigen zu lassen und die Ansichten des Gegners zu delegitimieren.

Meron Mendel: Über Israel reden

Mittlerweile hat sich mein Bild etwas geklärt, was vor allem an dem Buch von Mendel liegt. Der Autor unternimmt eine weite Reise in den Abgrund, er beschreibt und analaysiert eine ganze Reihe von Dingen, wie sie im Gefolge des Terrors zu erleben waren. Der Untertitel Eine deutsche Debatte verrät seinen Schwerpunkt, dennoch ist es auch dann hilfreich, wenn man auf Äußerungen von Greta Thunberg, linken US-Demokraten, Promis aller Genres usw. stößt.

In Deutschland geschieht der Umgang mit Israel wegen des Holocaust sehr speziell. Mendel geht auf den historischen Umgang mit der Judenverfolgung und -vernichtung ein, er befasst sich mit dem Wandel, der sich in den zurückliegenden siebzig Jahren vollzogen hat. Es ist bemerkenswert, wie sehr sich linke Positionen teilweise soe veränderten, dass sie konsensfähig mit dem wurden, was auf ultrarechter Seite postuliert wurde.

Atemberaubend sind manche Bemerkungen, von denen der Autor berichtet. Seien es deutsche Lehrer, Weltautoren wie Günter Grass, Journalisten der Springer-Presse, Terroristen der RAF, FDP-Politiker, Altgrüne, aber auch auf den ersten Blick harmlos wirkende Bemerkungen, wie Angela Merkels Wort von der »Staatraison« Deutschlands, Israel zu schützen. (Was heißt in dem Zusammenhang eigentlich »Staatsraison«?)

Mendel stellt vieles infrage und stellt manches auch bloß. Wenn der Schleier verschwindet, blickt man in die Fratze allzu vertraut wirkender Vorurteile, Plattitüden, antijüdischer Zuschreibungen und Verschwörungsgeraune. Um Israel bzw. den Konflikt zwischen Juden und Palästinensern geht es in den Äußerungen dabei selten genug, eher um Schuldzuschreibungen und Entlastung von historischer Verantwortung.

Breiten Raum bekommt das Phänomen namens BDS, was für Boycott, Divestment and Sanctions  steht. Bewusst ist hier von »Phänomen« die Rede, das scheint doch eher eine geisterhafte Erscheinung zu sein, vielfältig, schillernd, amorph, vernetzt und totalitär, aber trotzdem keine zentrale Organisation. Das erschwert den korrekten Umgang mit klar israelfeindlichen und antisemitischen Äußerungen und Aktionen des BDS.

Für jemanden, der in Israel geboren und sozialisiert wurde, und sich selbst als links empfindet, ist es schwer erträglich, wie linke Gruppierungen mit dem Thema umgehen. Ein beliebter Ansatz Linker ist die Unterteilung der Welt in Opfer und Täter, da Juden und Palästinenser zwei Opfergruppen sind, werden dramatische Verbiegungen unternommen, um Juden zu Tätern umzudichten und in die antiamerikanische Weltsicht einzuhegen.

Die Debatte ist emotional aufgeladen, von einem ganzen, immer größer und komplizierter werdenden Strauß an Interessen geprägt, deren Wortführer jede Gelegenheit wahrnehmen, das Thema Israel zu instrumentalisieren. Über Israel reden zeigt dem Leser auf eine bemerkenswert sachliche und differenzierte, nachdenkliche Weise, wie seit Jahrzehnten von wem in Deutschland geredet wird.

Recht oft musste ich während des Hörens an das Buch von Die Verlockung des Totalitären von Anne Applebaum denken. Die dort genannte Diagnose, dass viele Menschen mit totalitären Neigungen weder Widersprüche noch den sich daraus ergebenden Streit bzw. Lärm noch die fehlenden einfachen Lösungen aushalten können, trifft wohl auch auf viele Äußerungen zum Thema Israel zu.

Das wäre vielleicht auch eine Antwort auf die Frage, warum sich so viele sich in unerbittlicher, ja totaler Weise zum Thema äußern, obwohl sie weder betroffen noch von Kenntnis geküsst sind.

Meron Mendel: Über Israel reden
Eine deutsche Debatte
Kiepenheuer&Witsch 2023
Gebunden 224 Seiten
ISBN: 978-3-462-00351-2

Ken Krimstein: Die drei Leben der Hannah Arendt

Cover der Graphic-Novel-Adaption von Ken Krimsteins ‚Die drei Leben der Hannah Arendt‘ mit einer gezeichneten Porträtillustration von Hannah Arendt. Daneben der Titel ‚Die drei Leben‘ und der Hinweis ‚Kurzrezension‘ auf grünem Hintergrund
Die Graphic Novel zeichnet einige Stationen aus dem bewegten, ja dramatischen Leben Hannah Arendts nach, gibt aber auch Einblicke in ihre Geisteswelt. Cover dtv, Bild mit Canva erstellt.

Berühmte Zitate oder Wendungen sind beliebt, viele kennen sie, manche führen sie im Munde, doch sind sie oft aus dem Zusammenhang gerissen oder werden missverstanden ohne den Kontext. Das ist mit Carl von Clausewitz und seinem Diktum, Krieg sei nichts anderes als die Fortführung von Politik mit anderen Mitteln, nicht anders als mit Hannah Arendts Wort von der »Banalität des Bösen«.

Klingt gut, schlau und wertet jene auf, die das Zitat verwenden – auch wenn ihnen völlig unklar ist, was eigentlich »Banalität« in diesem Falle meint, gar nicht zu reden, welche Schlussfolgerungen daraus gezogen werden. Auf diese Fragen gibt auch Die drei Leben der Hannah Arendt keine Antwort, im Gegenteil: Es wirf sie und viele andere Fragen erst auf.

Die Graphic Novel von Ken Krimstein macht den Leser mit einer Reihe von Lebensstationen von Hannah Arendt vertraut, darunter äußerst dramatische, wie die Flucht aus Marseille vor dem Zugriff der mit den Deutschen kollaborierenden französischen Sicherheitskräfte. Die wunderbare, leicht sperrige Art der Illustration macht von der ersten Seite an deutlich, dass es hier um viel mehr geht, als um die Nacherzählung eines bewegten und bewegenden Lebens.

Immer wieder wird der Leser mit philosophischen bzw. politisch-theoretischen Begriffen, Fragen, Betrachtungen und Überlegungen konfrontiert, denn das alles macht das Leben Arendts aus. Sie sucht nach Antworten, bei Kant, in Seminaren, Bibliotheken, Gesprächen mit Gelehrten ihrer Zeit, durch das Schreiben von Essays und die Auseinandersetzung mit Kritikern.

Man macht auch Bekanntschaft mit dem, was jenen widerfahren kann, die Ruhm und Berühmtheit erlangen. Die Erwartungen anderer werden enttäuscht, wenn man nonkonform denkt und sich äußert – man eckt an, wird geschnitten, angefeindet und von Freunden im Stich gelassen. Freiheit und Offenheit hat ihren Preis, immer und überall.

Was heute so gewandt und geläufig klingt, die »Banalität des Bösen« als Beschreibung von Eichmanns Wesen, den viele Zeitgenossen lieber als Monster sehen wollten, hat massive Anfeindungen ausgelöst – kaum vorstellbar in der Rückschau. Damit entsteht eine Leerstelle in der Graphic Novel, die – hoffentlich – viele Leser dazu bringt, vielleicht einmal einen Teil der Lebens- und Lesezeit mit der Auseinandersetzung mit einem Text Hannah  Arendts zu verbringen.

Das Schaurigste in dem Buch ist jedoch etwas anderes. Arendt gehörte zu jenen, die von den Franzosen interniert und nach Südfrankreich gebracht wurden, als die Wehrmacht angriff. Das allein ist bedrückend genug, für mich noch unangenehmer ist die Reaktion der Insassen auf den Vorschlag Arendts, die kurze Phase der Unsicherheit, Anarchie nach dem Zusammenbruch des französischen Widerstands zur Flucht zu nutzen – viele blieben und wurden nach Osten deportiert. Sie haben lieber weggesehen, als dem Übel ins Auge zu schauen. Eine Warnung.

Ken  Krimstein: Die drei Leben der Hannah Arendt
Aus dem Englischen von Hanns Zischler
dtv 2018
Klappenbroschur 244 Seiten
ISBN: 978-3-423-28208-6

Sabine Adler: Die Ukraine und wir

Eine Watschn, eher ein Faustschlag für die Koalition der ignoranten Selbstgefälligkeit unter Angela Merkel. Sachlich, nüchtern, wohl-informiert, sehr gut argumentierend – eine Wohltat angesichts der grassierenden Selbstzufriedenheit in Deutschland. Cover C.H. Links-Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Es ist keine Watschen, die Sabine Adler in ihrem vorzüglichen Buch austeilt, sondern ein Faustschlag. Empfänger des Hiebes ist vor allem die SPD, wenngleich insbesondere die langjährige Bundeskanzlerin Angela Merkel, das FDP-Duo Linder / Kubicki, der so genannte Ostausschuss der Deutschen Wirtschaft und pro-putinistisch-russische Trommler einiges um die Ohren bekommen.

Doch tut sich die SPD besonders negativ hervor, aus ganz unterschiedlichen Motiven, in vielfacher Gestalt und Handlungsweise, doch mit insgesamt verheerenden Folgen. Sabine Adler bleibt in ihrem Buch sachlich, nüchtern, schildert ohne Zuspitzungen oder gar unseriösem Geklingel, was viel dazu beiträgt, dass ihre Erkenntnisse wie eine durchschlagende Gerade wirken.

An dieser Stelle werde ich darauf verzichten, die weite Spanne der Themen und Aspekte nachzubeten, die Adler in Die Ukraine und wir berührt. Wer sich für Politik interessiert und in den letzten fünfundzwanzig Jahren nicht im Tiefschlaf der Selbstzufriedenheit zugebracht hat, wird vieles ohnehin kennen – nicht aber in dieser geballten, wunderbar zusammengestellten und vielschichtigen Form. Die gibt den Blick auf eine Entwicklung frei, für die der Begriff »Versagen« viel zu harmlos wirkt.

Die Wurzeln reichen tief. Sie beginnen bei dem, was heute als »Ostpolitik« Willy Brandts missverstanden oder bewusst falsch dargestellt wird, wenn etwa ignoriert wird, dass Brandt mit einer Bundeswehr im Rücken nach Osten fuhr, die mit vier Prozent des jährlichen Bruttoinlandsproduktes finanziert wurde, weit mehr als das Doppelte dessen, was Schröder-Merkel-Scholz-Deutschland auszugeben bereit war bzw. ist.

Brandt ging mit dem Rückenwind einer schlagkräftigen Armee im Rahmen eines verteidigungsfähigen Bündnisses nach Osten, weshalb die so genannte »Entspannungspolitik« keine verheerenden Folgen zeitigte, wie das sozialdemokratische Appeasement der Gegenwart. Und doch gab es schon da jene Strukturen, die auf die dunkelsten Zeiten deutsch-russischer Zusammenarbeit deuteten.

Adler verweist dankbarerweise auf Rapallo und den Hitler-Stalin (bzw. Molotow-Ribbentrop)-Pakt, die jene bis heute spürbare Ignoranz gegenüber den mittelosteuropäischen Staaten, namentliche Polen, Baltikum, Belarus und Ukraine (zuzüglich Rumänien) begründeten. Die Geschichtsblindheit der Genossen der Gegenwart ist ein Echo dieser fürchterlichen Zeiten – trotzdem sind viele in Deutschland empört, wenn die Übergangenen sich mit scharfen Worten melden.

Polen beispielsweise hat jedes Recht, Deutschland scharf zu kritisieren – das war eben nicht nur die PiS, die ablehnende Haltung reicht weit. Kein Wunder, ist doch zum Beispiel die SPD Anfang der 1980er Jahre mit banger Angst gegenüber der revoltierenden polnischen Arbeiterbewegung (!)  Solidarność aufgetreten, sie setzte auf Systemstabilität! Wen kratzt schon der Freiheitswille der Völker?

Vor allem Gerhard Schröder, aber auch Helmut Schmidt, Egon Bahr und der ewige Friedensapostel Erhard Eppler haben diese kolonialistische Sicht auf Mittelosteuropa gepflegt. Doch auch die Nachfahren, Gabriel, Schwesig, Platzeck und viele andere haben sich das Weltbild zu eigen gemacht und trotz des russländischen Angriffskrieges nicht korrigiert.

Dabei wäre allerspätestens 2014, mit der militärischen Besetzung der Krim und russländischen Truppen im Donbas der Punkt erreicht gewesen, alles infrage zu stellen und einen Politikwechsel, ja: Zeitenwende einzuleiten.

Das geschieht bis heute nicht. Merkel etwa hat ohne Not die verfluchte Ostseepipeline Nordstream 1 nicht gekippt und sogar Nordstream 2 durchgedrückt – gegen alle Widerstände aus West- und Osteuropa. Deutsche Sonderwegs-Pfade im 21. Jahrhundert, die ganz dringend aufgearbeitet werden müssten. Das wird wohl ein frommer Wunsch bleiben.

Doch bieten vorzügliche Bücher wie Die Ukraine und wir eine Möglichkeit, sich selbst wenigstens auf persönlicher Ebene mit den Fragen auseinanderzusetzen. Allein der Titel ist ein Grund, zu danken, rückt er doch das ewige Objekt im deutsch-russischen Spielchen dorthin, wohin es spätestens seit 2022 gehört: in den Mittelpunkt.

Sabine Adler: Die Ukraine und wir
Ch. Links Verlag 2022
Hardcover 248 Seiten
ISBN 978-3-96289-180-0

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