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Wolfgang Herrndorf: Sand

Ein wilder, brutal-ehrlicher und zielstrebiger »Wüstenroman«, der bar aller Romantisierung den Zufall zum Herrn über Leben und Tod macht. Cover Rowohlt-Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Alle Menschen müssen sterben. In der Regel liegt der Zeitpunkt des Todes in einer unbestimmten Zukunft. Es gibt Ausnahmen: Freitod; Hinrichtung; Strafbataillon der Roten Armee oder Wehrmacht; Vernichtungslager; eine tödliche, nicht therapierbare Krankheit, wie ein Glioblastom, an dem der Autor Wolfgang Herrndorf litt; Folter. In diesen Fällen nimmt der gewöhnlich nebulöse Tod eine sehr konkrete Gestalt an.

Es handelt sich um unerbittliche, erbarmungslose Situationen. Sie verheeren denjenigen, der ihnen ausgesetzt ist. Es gibt Literatur, verfasst von jenen, die eine Ausnahme dieser Ausnahmen waren und überlebten, was niemand überleben kann; und es gibt Arbeit und Struktur, einen Blog, der als Buch herausgegeben wurde, in dem Herrndorf die Zeit von der Diagnose bis kurz vor seinem Freitod niederlegt.

Der Roman Sand, den der Schriftsteller seinen »Wüstenroman« nennt, ist zumindest in Teilen während dieser Phase verwirklicht worden. Er stellt in gewisser Hinsicht ein Echo dessen dar, was in Arbeit und Struktur dem Leser entgegentritt. Herrndorf ist sprachmächtig gewesen und hat dort die richtigen Worte und Sätze gefunden, um dem, was ihn bewegte, auf eine Weise Ausdruck zu verleihen, die oft genug wie ein durchdringender Speerstoß wirkt. Und genau so ist auch Sand.

Von jeder Romantik, was »die Wüste« anbelangt, allem Märchenhaften ist das Werk weit entfernt. Diestelig wäre ein schönes Attribut, denn es geht zur Sache, bisweilen blutig und brutal, vor allem aber fern aller Heimeligkeit. Dabei hat Herrndorf wunderbar originelle Einfälle und auf eine messerscharfe Weise offen. Der Mensch und das angeblich unteilbare Menschenrecht werden zu einer Zahl degradiert.

Wichtiger als ein Menschenleben? […] Nichts ist wichtiger als ein Menschenleben. […] Auch wenn es das Leben eines Lügners ist, das Leben eines Schmugglers, eines Idioten und Berufsverbrechers. Jedes Leben ist unbezahlbar, einzigartig und schützenswert – sagt der Jurist. Das Problem ist, wir sind keine Juristen. Wir stehen nicht auf dem Standpunkt, dass man das Leben nicht gegen andere Güter oder andere Leben abwägen kann. Wir sind eher so die Statistikabteilung und Statistikabteilung bedeutet, es besteht eine einprozentige Wahrscheinlichkeit, dass es so ist, wie du sagst. […] Es besteht aber auch eine neunundneunzigprozentige Wahrscheinlichkeit, dass das nicht der Fall ist. […] Neunundneunzig Prozent, dass wir hier den Weltfrieden sichern. […] Und nur ein Prozent, dass unser peinliches Verhör einen Rückfall ins Mittelalter darstellt.

Wolfgang Herrndorf: Sand

Nur ein Zitat in der Buchvorstellung diesmal, dafür eines mit Wucht. Ein anachronistisches Echo auf 9/11 und was sich die USA herausgenommen haben, als sich die Menschenrechte doch als teilbar erwiesen. Willkommen in der Wirklichkeit. Denn die wiedergegebenen Worte stammen aus der Romanzeit im Jahr 1972 und könnten eben auch begründen, warum die USA den Weg in die Dunkelheit eingeschlagen haben.

Ein Alptraum, dem der Leser nicht entkommt. Wann immer es scheint, als würde sich endlich etwas zum Guten wenden, dreht und wendet und windet sich alles wieder und die wilde, nicht enden wollende Jagd geht weiter. Erschöpft wie die Hauptfigur, die übrigens keineswegs am Anfang eingeführt wird – ätsch, ihr Schreibratgeber! – taumelt man Seite für Seite voran, die Glieder schwer, der Kopf erschöpft und das Gemüt von schwindender Hoffnung auf ein Happy-End getrübt.

Schon der Weg ins Buch ist verworren. Wer gewöhnlich durch sauber geflieste, geputzte und barrierefreie literarische Flure schreitet, behütet von Triggerwarnungen und austarierter Diversität, und alles darüber hinaus als unerträgliche Zumutung betrachtet, sollte diesen Roman besser meiden. Sand schmerzt. Wer einmal einen Sandsturm erlebt hat, weiß, wie schräg ins Gesicht gefegter Sand sticht. Man muss dazu keine Wüste aufsuchen, ein stürmischer Nachmittag an der dänischen Nordsee reicht. Und so ist dieser Roman.

Langsam und auf verschlungenen Wegen entblättern sich die Hinter- und Abgründe der Figuren in diesem Drama. Herrndorf inszeniert das als wildes, brutales Puzzle scheinbar sinnloser Schnipsel, Fetzen einer gemarterten Erinnerung. Dabei kommt es zu grotesken Begegnungen, etwa mit potenziellen Informanten, mehr oder weniger organisierten Verbrechern, der Staatsmacht und Geheimdiensten.

Wer schon eine Weile lebt und seine Zeit mit Büchern und Filmen gefüllt hat, wird unweigerlich einmal, wahrscheinlich recht oft mit der Situation konfrontiert worden sein, die für die meisten Menschen großen Horror beinhaltet. Jemand will etwas von einer anderen Person und setzt diese unter Druck indem er die Angehörigen bedroht, sei es direkt oder indirekt, durch das Ankündigen von Gewalttaten.

Eine brillante Idee findet sich im fortgeschrittenen Teil des Buches, wenn Herrndorf diese geradezu klassische Szenerie durch die Beigabe einer Zutat namens Amnesie zu etwas Neuem, beunruhigend Spannendem und Verstörendem aufwertet. Was, wenn derjenige, der durch Drohungen gegenüber seinen Verwandten gebeugt werden soll, sich nicht mehr an sie erinnert? Was, wenn die Befrager das nicht wissen können und das Verhalten falsch einschätzen?

Herrndorf hat in seinem »Wüstenroman« das Szenario integriert und gekonnt bis zum Äußersten exekutiert. Es verbietet sich, es hier aufzulösen, ja wie an meinen windigen Formulierungen zu sehen, auch jede Kleinigkeit, die darauf hindeutet, wem es widerfahren wird und was sich daraus entwickelt. Und doch zeigt diese Neuerung, was der leider früh verstorbene Autor für ein literarisches Potenzial mitgebracht hat.

Sand ist ein spektakuläres Buch, voller Verwicklungen, Knoten, die sich nicht lösen lassen, Fäden, die im Nichts zu beginnen scheinen und sich mit anderen verschlingen und wieder in der Luft flattern. Und im Hintergrund schimmert die Zeitgeschichte, wenn etwa abends die Nachrichten im TV gesehen werden und man hört: Olympia. München. Jüdische Sportler. Palästinensisches Volk. 50 Jahre sind vergangen und was hat sich eigentlich geändert?

Wolfgang Herrndorf: Sand
Rowohlt 2013
Taschenbuch 480 Seiten
ISBN: 978-3-499-25864-0

Max Frisch: Stiller

Einer der berühmtesten Buchanfänge überhaupt. Sollte man Roman trotz seines Alters noch lesen oder hat sich sein Inhalt im Gestrüpp der Zeit verirrt? Cover Suhrkamp, Bild mit Canva erstellt.

Für gewöhnlich stelle ich nur Bücher vor, die ich aus irgendwelchen Gründen für lesenswert halte. In diesem Fall weiche ich davon etwas ab, denn das Buch, um das es hier geht, ist nur bedingt lesenwert.

Der Roman „Stiller“ des Schweizer Schriftstellers Max Frisch gehört zur Weltliteratur. Dieses Wort steht für eine Art literarische Maginot-Linie, einen Festungsgürtel, durch den der Leser hindurch muss, wenn er es sich selbst auferlegt hat, ein Werk auf diesem Niveau zu lesen.

Das ist nicht ungewöhnlich. Viele große Bücher sind für den Leser des 21. Jahrhunderts nichts anderes als eine anstrengende  Zumutung. Wer sich einmal durch Dantes Göttliche Komödie oder den Simplicissimus von Grimmelshausen hindurchgekämpft hat, weiß darum. In diesen beiden Fällen gibt es noch Abstufungen der Mühe, denn – glücklicherweise – kann man auf vereinfachte, sprachlich modernisierte bzw. inhaltlich aufbereitete Versionen zurückgreifen.

Puristen mag das entsetzen, ich halte es für eine gute Möglichkeit, diese Literatur vor dem Vergessen und der Bedeutungslosigkeit zu bewahren. Denn im Kern haben die Erzählungen immer noch viel zu sagen, wenn dem Leser eine Möglichkeit geboten wird, sie zu verstehen. Ein wunderbares Beispiel ist Gilgamesh, den ich 2021 als Hörbuch kennengelernt habe.

Vorgelesen und eingebettet in Erläuterungen zur Entstehung bzw. Rekonstruktion ist Gilgamesh eine ganz besondere literarische Reise, bei der gerade das Fremdartige fasziniert. Ganz nebenbei habe ich als literarischer Wegelagerer noch ein großartiges Motiv für meinen Fantasy-Roman mitnehmen können – am Ende war ich hochzufrieden.

Noch nicht zu sehr von der Zeit gefressen

Bei Stiller ist es noch nicht so weit. Man kann der Handlung im Wesentlichen ohne Schwierigkeiten folgen, denn die meisten wirklich unbegreiflichen Sachen sind leicht zu klären oder einfach zu ignorieren. Problematischer sind jene Dinge, die von der Zeit und der gesellschaftlichen Entwicklung gefressen wurden.

Zwangslagen und Probleme der handelnden Figuren sind heute oft genug keine mehr; kurioserweise würde der technische Fortschritt einen Teil des Romans mehr oder weniger unmöglich machen – wer könnte heute schon so einfach „verschwinden“?

Und doch beginnt auch Stiller um- und überwuchert zu werden. Ich habe das Buch zweimal gelesen, zwischen beiden Lektüren liegen fast fünfundreißig Jahre. Was beim ersten Durchgang noch wie ein Leuchtfeuer wirkte, etwas mehr als dreißig Jahre nach dem Erscheinen, ist heute zumindest teilweise von den Rauchschleiern der Zeit verschluckt worden.

Lesen und sezieren

Der Kern des Romans ist und bleibt aktuell. Frisch hat diesen Kern in eine gewundene, vielfach zeitlich gebrochene und von langen Rückblicken geprägte Struktur gegossen, sie mehr oder weniger darin verborgen, umrankt von wuchernden Betrachtungen, Gesprächen und Berichten. Als Leser fühlt man sich oft wie ein Pathologe, der sezieren muss, um zum Wesentlichen vorzudringen. Schafft man das, entfaltet das Buch auch 2022 eine immense Wucht.

Vor allem der erste Satz, der in der Literatur ohnehin von fast einmaliger Wirkung ist, wird am Ende der Aufzeichnungen jener Person, die nicht Stiller sein will, so stark aufgeladen, dass er fast zu ächzen scheint wie ein überfrachteter Ochsenkarren. Fast.

Frisch wäre nicht Frisch, wenn er den Leser entkommen lassen würde, ohne einen langen, erklärenden Nachtrag, der die bis dahin bestimmende Form und Struktur bricht. Und selbstverständlich allem eine tragische Note gibt. Der Autor ist sich treu geblieben.

Lesen? Ja, aber…

Lohnt es sich also, den Irrungen Stillers nachzugehen? Wer reines Komfort- und Unterhaltungslesen anstrebt, sollte die Finger davon lassen. Der Roman ist kein literarischer Diwan zum Ausspannen, sondern eine Bergtour für das Gehirn, bei dem Fleiß und Durchhalten eine ebenso große Rolle spielen, wie die Begeisterung über viele absolut großartige Passagen. Man kann, muss aber nicht.

Max Frisch: Stiller
Suhrkamp Verlag 2021
Ersterscheinungstermin 1973
Broschur, 448 Seiten
ISBN: 978-3-518-36605-9

Donna Tartt: Der Distelfink

Ein unglaublich unterhaltsames, wendungsreiches Buch, verfasst in einer verblüffend bildreichen Sprache, komisch, dramatisch; ein Meisterwerk. Cover Goldmann, Bild mit Canva erstellt.

Wenn Theo Decker, die Hauptperson des Romans, zu Beginn der Erzählung diesen Punkt erreicht hat, in Amsterdam festsitzt und darüber nachdenkt, dass er von seiner Mutter geträumt hat, liegt ein Höllenritt hinter ihm. Der Leser des großartigen Romans wird ihm dabei über viele hundert Seiten folgen, geleitet von der wunderbaren Sprache Donna Tartts.

Tatsächlich habe ich eine gewisse Scheu gehabt, Der Distelfink zu lesen. Mancher hochgelobter amerikanischer Schinken entpuppte sich in der Vergangenheit als Ausbund manierierter Geschwätzigkeit, selbstverliebt und in gewisser Weise hohl. Derartige Bücher zu lesen ist für mich ebenso anstrengend wie unangenehm. Ein pelziges Gefühl der Zeitverschwendung bleibt zurück.

Ganz anders Tartts Meisterwerk. Zum Glück habe ich mich doch überwunden und zum Hörbuch gegriffen: Eine Wahl, die sich als goldrichtig entpuppte, denn Matthias Koerberlin liest fantastisch. Die Personen, die Theos Welt bevölkern, bekommen allein durch seine Stimme Charakter. Die ersten Wochen des Jahres 2021 waren geprägt von diesem großartigen Hörgenuss.

Es passierte in New York, am 10. April, vor vierzehn Jahren. (Sogar meine Hand sperrt sich gegen das Datum. Beim Schreiben musste ich Druck ausüben, damit der Stift sich weiter über das Papier bewegte. Es war ein völlig normaler Tag, aber jetzt ragt er aus dem Kalender wie ein rostiger Nagel.)

Donna Tartt: Der Distelfink

Tartt verfügt über ein schier unerschöpfliches Vermögen, sprachliche Bilder zu kreieren und Charakteren Gestalt und Tiefe zu geben. Außerdem nutzt sie dezente Vorausdeutungen, ein Muster, das sie im Laufe der Handlung selbst durchbricht, was einem schönen, unerwarteten Twist am Ende des Buches wirkungsvoller macht.

Wie das Zitat schön zeigt, leidet Theo an einem Trauma; das Bild eines rostigen Nagels im Kalender ist brillant und nur ein klitzekleines Beispiel von Tartts Sprachkunst.

Der erste Satz des Romans deutet bereits an, wer die Person ist, an der sich dieses Trauma festmacht. Die Stimmung, die in den Abschnitten auf dem Weg zur Katastrophe eingefangen wird, wirkt auf mich wie ein Echo von 9/11, heruntergebrochen auf ein individuelles Schicksal. Eine Welt zerbricht und mit ihr die Selbstverständlichkeit des Daseins.

Sie hatten überhaupt nichts Bedrohliches an sich, im Gegenteil, sie waren beruhigend rundlich, von mittlerem Alter und gekleidet wie zwei Aushilfslehrer, aber obwohl sie beide ein freundliches Gesicht machten, wusste ich im selben Augenblick, dass mein Leben, wie ich es kannte, vorbei war.

Donna Tartt: Der Distelfink

Theos langer Weg von jenem traumatischen Erlebnis zu einer lebensfähigen Existenz, gewunden, reich an dunklen Pfaden und aus bürgerlicher Sicht höchst tadeligem Verhalten, wird von einigen außerordentlich gelungenen Figuren begleitet. Vor allem Boris, nach eigenem Bekunden der beste Freund des Helden, ist ein Geniestreich der Autorin.

Trotz des gewaltigen Umfangs des Romans sind es nicht mehr als sechs, sieben wirklich wichtige Personen, die umschwirrt von einem Schwarm Nebenfiguren Theos Leben begleiten und beeinflussen. Er findet Freunde, verliert sie wieder aus den Augen, trifft sie erneut, verändert und für die Erzähldynamik ungeheurer belebend.

Der Buchtitel geht auf ein Bild zurück, das den Vogel zeigt. Es ist das Leitsymbol der Handlung und begleitet die Hauptfiguren und den Leser bis zum Ende der Geschichte. In ihm bündeln sich viele Motive und Handlungsfäden, zum geringen Teil künstlerischer, zum größeren wirtschaftlicher bzw. krimineller Natur.

In dem nüchternen Zimmer mit seinen zartweißen Rigipswänden erwachten die gedämpften Farben zum Leben, und obwohl die Oberfläche des Gemäldes von einer geisterhaft zarten Staubschicht bedeckt war, atmete darin die Stimmung aus lichtdurchfluteter Luftigkeit einer Wand, die einem offenen Fenster gegenüberlag.

Donna Tartt: Der Distelfink

Denn Der Distelfink ist neben vielem anderen auch eine sehr spannende Geschichte. Der Anfang wirkt etwas konventionell, wenn Theo in einem Hotelzimmer hockt und der Leser danach weit in die Vergangenheit geschickt wird, in der jener Weg beginnt, der den Protagonisten in eine irrwitzige Zwangslage geführt hat.

An einer Stelle stürzt das Buch ab wie ein Flugzeug mit Strömungsabriss, denn diese Zwangslage basiert auf einem Umstand, der völliger Nonsens ist, zumindest in jenem vereinten Europa, das wir (noch) bewohnen. Für wenige Seiten wird der Geschichte das logische Fundament entzogen.

Zum Glück fängt sich die Erzählung rasch wieder und der selbst schreibende Leser registriert halb erleichtert, halb erstaunt: So etwas kann auch einer herausragenden Autorin passieren und dem geschärften Lektoratsauge entgehen.

Als Leser kann man getrost darüber hinwegsehen und sollte sich unter keinen Umständen von der Lektüre abhalten lassen. Andernfalls entgehen einem sprachliche Schmuckstücke voll spöttischer Boshaftigkeit, die gelegentlich Nazi-Bilder aufgreifen, was sich für einen deutschen Autor noch immer verbieten würde; in Der Distelfink aber eine enorme Wirkung entfaltet – wie im Falle des „Hochzeits-Obergruppenführers„.

Es war Anne de Larmessin, die genau den richtigen Designer für das Hochzeitskleid engagiert hatte, die ihr Anwesen in St. Barth´s für die Flitterwochen angeboten hatte, bei der Kitsey anrief, wann immer Kitsey eine Frage hatte (was mehrmals am Tag vorkam), und die sich (wie Toddy es formulierte) fest als Hochzeits-Obergruppenführer etabliert hatte.

Donna Tartt: Der Distelfink

Das Buch ist – wenig verwunderlich – verfilmt worden. Ich habe den Streifen nicht gesehen und werde es auch nicht, um die Bilder zu schützen, die ich mir selbst von den Personen, Umständen und Ereignissen gemacht habe.

Donna Tartt: Der Distelfink
Aus dem Amerikanischen von Rainer Schmidt und Kristian Lutze
Goldmann 2015
TB 1.024 Seiten
ISBN: 978-3-442-47360-1

Mario Vargas Llosa: Harte Jahre

Die Tragweite dessen, was der Roman schildert, bleibt den meisten Lesern lange verborgen. Zum Glück rundet Mario Vargas Llosa sein Werk „Harte Jahre“ mit einem Kapitel ab, das die Überschrift „Nachher“ trägt. Es steht anstelle eines Nachworts klassisch-dröger Natur, die oft eine Art Bekenntnis oder Ablass-Bitte enthalten, vor allem, wenn es sich um historische Romane handelt.

Das munter und lebendig geschriebene „Nachher“ ist mehr ein Teil der Erzählung, ein Nachklang oder Echo des Vorangegangenen. Es schildert die Begegnung Vargas Llosas mit einer der Protagonistinnen! Ein in mehrfacher Hinsicht außergewöhnlicher Umstand. Um wen es sich dabei handelt, seit hier verschwiegen, denn die handelnden Menschen in diesem Buch tragen keine Plot-Rüstung.

Der Abschnitt „Nachher“ ist ein wunderbarer Spiegel dessen, was der Leser gerade durchlitten hat. Vor allem aber wird diese Begegnung und mit ihr auch der politisch-historische Hintergrund des Buches, vom Autor selbst noch einmal reflektiert. Und spätestens dann geht dem Leser ein ganzer Kronleuchter der Erkenntnis auf: Vargas Llosa thematisiert einen zentralen Wendepunkt in der Geschichte Lateinamerikas und der US-Außenpolitik, mit ihren verhängnisvollen Entscheidungen.

Seit zwei Jahren stelle ich mir diese Frau vor, erfinde sie, schreibe ihr alle möglichen abenteuerlichen Erlebnisse zu, dichte ihre Person um, damit niemand – nicht einmal sie selbst – sich in dieser herbeifantasierten Geschichte wiedererkennt.

Mario Vargas Llosa: Harte Jahre

Wie  so oft sind die Folgen von derartigen Wendepunkten bekannter als die richtungsweisenden Geschehnisse selbst. Zum Beispiel Cuba: Der Autor verweist explizit auf das bis in die Gegenwart betonierte Regime, das sich ohne die in Harte Jahre thematisierten Ereignisse nicht etabliert hätte. Ein historischer Treppenwitz mit Ironie, denn die USA haben dort eine ihrer bitteren Niederlagen nach 1945 kassiert.

Wer nun einen langweiligen Historienschinken erwartet, wird positiv überrascht. Vargas Llosas ist Schriftsteller und zwar ein ganz herausragender. Als solcher hat er gar nicht erst versucht, irgendeine Form historischer Wahrheit, austariert und vorsichtig zu Papier zu  bringen. Er hat einen Roman mit lebendigen, widersprüchlichen Figuren verfasst, die auf der Bühne des historischen Umfeldes ein tragisches Stück aufführen.

Bei allem, was mir passiert ist, Arturo, bei allem, was dieses Land mitmacht, weißt du, zu welchem Schluss ich da gekommen bin? Dass der Mensch eine armselige Kreatur ist. Man könnte meinen, auf dem Grund eines jeden von uns wäre ein Monster. Das nur darauf wartet, ans Licht zu kommen und das schlimmste Unheil anzurichten.

Mario Vargas Llosa: Harte Jahre

Wie es sich für einen herausragenden Roman gehört, belässt es Vargas Llosa nicht bei einer glatten, gleichmäßig dahinströmenden Erzählung, die Struktur des Werkes fordert dem Leser etwas Aufmerksamkeit ab, weil die einzelnen Kapitel die Perspektiven und die Zeit wechseln. So entsteht ein Kaleidoskop, dessen Bestandteile durch die Hand des Autors geschickt und hochspannend miteinander verwoben sind.

Der Anfang braucht etwas, um ins Rollen zu kommen, die Tragödie ist noch fern wie dunkle Wolken am Horizont. Das Ende – nun, was soll man sagen? Es ist Lateinamerika. Guatemala. Jeder, der nicht blind und taub durch die Welt irrt, dürfte um die Tragik der gesamten Region wissen. Aber so einfach ist es nun auch wieder nicht, wie spätestens das Kapitel „Nachher“ zeigt.

Bernd Greiner: Krieg ohne Fronten. Die USA in Vietnam

Ein ziemlich provokantes Zitat aus dem Munde eines vietnamesischen Offiziers, doch lohnt es sich, darüber einmal etwas länger nachzudenken. Cover Hamburger Edition, Bild mit Canva erstellt.

Bernd Greiners Sachbuch gehört zu dem Interessantesten, was ich in diesem Segment bislang gelesen habe. Zugleich ist die Lektüre so unangenehm gewesen wie selten. Die Kriegführung der USA in Vietnam wird auf einigen Ebenen mit sachlicher Erbarmungslosigkeit seziert und vorgeführt. Unter dem Strich ist das Versagen der mächtigsten Nation der Welt in Vietnam zutiefst erschütternd und niederschmetternd.

Wie weitreichend das Desaster gewesen ist, verdeutlicht ein Zitat des Amerikaners Telford Taylor, der Anfang der 1979er Jahre in seinem Buch Nürnberg und Vietnam sagte:

Wir haben es irgendwie nicht geschafft, die Lektionen zu lernen, die wir in Nürnberg lehren wollten, und genau dieses Versagen ist die Tragödie des heutigen Amerika.

Telford Tayler, Nürnberg und Vietnam

Das Zitat bildet den Schlusssatz von Krieg ohne Fronten. Ein sehr passend gewählter, denn der Bezug zu dem Kriegsverbrechertribunal in Nürnberg drängt sich während der Lektüre mehrfach auf. Im Kern des Buches steht die atemberaubend brutale Kriegführung der US-Armee (und ihrer Verbündeten).

Da Greiner es nicht dabei belässt, sondern ausführlich schildert, auf welchen strukturellen, personellen, politischen und militärischen Rahmenbedingungen diese beruht und zugleich beleuchtet, wie im Nachgang mit den (Un-)Taten umgegangen wurde, wird deutlich, warum Vietnam bis heute eine Blackbox ist und auch bleiben wird: Vertuschung, Umdeutung, Hetze gegen Aufklärer usw. verhinderten, dass Kriegsverbrechen der US-Armee überhaupt ans Licht kamen.

Damals wie heute sind die Überbringer schlechter Nachrichten, die Enthüller, die Mutigen, die sich dem Morden entgegenstellten, viel stärker das Ziel von Anfeindungen gewesen als die Täter.

Unter dem Strich bekommt der Leser einen Eindruck davon, warum Abu Ghraib keine allzu große Überraschung gewesen ist und die Kriege im Irak und Afghanistan gescheitert sind. Es wäre an der Zeit, darüber nachzudenken, warum die Victory–Culture und der Exzeptionalismus auch fünfzig Jahre nach Vietnam fröhliche Urstände feiern, wenn der letzte militärische Sieg bald achtzig Jahre zurückliegt.

Erwähnt sei noch, dass die Vietcong und ihre Untaten keineswegs unerwähnt bleiben, ebensowenig die desaströsen politischen, sozialen und gesellschaftlichen Umstände in Südvietnam. Greiners Buch ist auch in dieser Hinsicht umfassend und streitbar.

Bernd Greiner: Krieg ohne Fronten
Die USA in Vietnam
Hamburger Edition 2009
Broschur 596 Seiten,
67 Abb., 4 Karten
ISBN 978-3-86854-207-3

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