Alexander Preuße

Schriftsteller - Buchblogger

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Blogmonat Juni 2024

Sechs Bücher, drei Romane, drei Sachbücher, allesamt lesenswert. Zwei davon, »Auf Messers Schneide« und »Das Totenschiff«, wollte ich seit Jahren lesen und bin endlich dazu gekommen. Cover beim jeweiligen Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Wenig überraschend ist Das Totenschiff* von B. Traven das Buch, dessen Besprechung im Juni am häufigsten gelesen wurde. Auch für mich ist es das Highlight des Monats gewesen. Charlotte Schuberts Tod der Tribune* wurde am zweithäufigsten angesteuert, für ein dramatisches, aber sperriges Thema aus der Antike nicht selbstverständlich.

Wer sich mit einem gesellschaftskritischen Thema befasst, läuft immer Gefahr, sich davon überwältigen zu lassen. Die Leser meiner Besprechung des Beitrags zu Amsterdam, verlorene Stadt*, wissen, dass und wie es dem Autor Ries Roowaan gelungen ist, die Gefahr zu bannen. Der Artikel wurde am dritthäufigsten angesteuert.

Für das zweite Halbjahr habe ich unter den Neuerscheinungen eine Reihe von Büchern zusammengestellt (siehe Galerie am Ende des Beitrags), die ich unbedingt lesen will. Nun, eigentlich will ich noch viel mehr lesen, doch realistisch betrachtet werde ich mit diesen und dem, was ich als Recherchelektüre zu bewältigen habe, kaum fertig werden. Dazu gesellen sich nämlich noch knapp einhundert ungelesene und mehrere hundert nochmal zu lesende Bücher – weshalb ich auf Buchkauf-Diät bin.

Vor allem habe ich noch einiges selbst zu schreiben. Die beiden Schlussbände meiner Piratenbrüder-Buchreihe stehen an, mit der Überarbeitung von Verräter (es gibt so viele Formen von Verrat!) habe ich bereits begonnen, parallel werkele ich auch ein wenig am Schlussband Opfergang.

Doch überlege ich schon, wie es danach weitergeht. Ein historischer Roman aus der Wikinger-Zeit, der die Geschichte um Eillir, Stígandr und Ryldr aus Vinland – Piratenbrüder Band 4 weiterschreibt? Oder die Fantasy-Buchreihe, für die ich bereits umfangreiche Vorarbeiten erledigt habe? Was folgt als nächstes? Das ist hier die Frage.

Definitiv folgt am 20. September Totenschiff – Piratenbrüder Band 5. Und ja – ich habe ein schönes Zitat aus B. Travens Roman gefunden, das ich meinem eigenen voranstellen kann.

Das Zitat aus dem ganz vorzüglichen Roman von B. Traven wird »meinem« Totenschiff vorangestellt.

Kurz-Besprechungen der Juni-Bücher

Als einen Kipp-Punkt in der innenpolitischen Entwicklung der römischen Republik bezeichnet die Historikerin Charlotte Schubert den Mord an Tiberius Gracchus im 133 v. Chr. Ihr Buch Der Tod der Tribune* zeichnet die Entwicklung, die zu diesem dramatischen Moment führt, nach und blickt auf die Zeit zwischen und nach dem zwölf Jahre später unter grauenhaften Umständen zu Tode gekommenen Caius Gracchus. Es gibt einige sehr bemerkenswerte Erkenntnisse, etwa die archäologischen Forschungen zur Entwicklung des bäuerlichen Lebens in Italien, die gängige Behauptungen entkräftet. Vor allem gefällt die Einordnung des Geschehens am Schluss des Buches, das deutlich macht, wie die Elite Roms sich durch ihre knallharte Konfrontation mit den Gracchen selbst in eine lang- und mittelfristig höchst problematische Lage gebracht hat.

Kleinod ist so ein schönes Wort. Es trifft ganz wunderbar auf Durch den Nebel* von Jaroslaw Rudiš zu, einem kurzen Bändchen, das eine ganze Menge über das Schreiben und die bereits geschriebenen Bücher des Autors verrät. Die Perspektive ist ungewöhnlich, denn Rudiš in einer ungewöhnlichen Weise eisenbahnaffin. Wenig verwunderlich, wie sehr das Zugfahren in diesem Text im Mittelpunkt steht, ja, der erste Teil sogar aus einem Bahnhofslokal heraus erzählt wird. Reisen auf der Schiene ist für Rudiš nie Zeitverschwendung, daran ändern Verspätungen oder verpasste Anschlusszüge nichts. Die ohnehin gewinnbringende Lektüre wird noch besser, wenn man den Roman Winterbergs letzte Reise kennt. Die Schienen führen eben nicht nur von Ort zu Ort, sondern auch in die Vergangenheit, wenn man weiß, was man sieht. Nach dem Lesen von Durch den Nebel blickt man ein wenig mehr durch, historisch und auch sonst.

Zu den beliebtesten Zielen des internationalen Massentourismus gehört Amsterdam. Wie Ries Roowaan in seinem Roman Amsterdam, verlorene Stadt* auf boshaft-sarkastische, manchmal auch drastische Weise zeigt, hat das für die Ortsansässigen viele negative Folgen. Vor allem der beste Freund der Hauptfigur, Jan Janssen, leidet darunter; nach Corona, das wie eine segensreiche Atempause wirkte, radikalisiert er sich einer bis dahin schwer vorstellbaren Weise. Doch ist das nur der rote Faden durch eine Erzählung, die viel mehr zu bieten hat. Allein der Erzähler Leo mit seiner Lebensweise: In einem musikalischen Kokon folgt er dem Pfad des sexuellen Hedonismus’. Neben Rückblenden und durchaus wehmütig wirkenden Erinnerungen gibt es eine ganze Reihe kluger Beobachtungen, Gesellschaftskritik im Gewand einer bemerkenswert ungewöhnliche Erzählhaltung: Die Hauptfigur ist nämlich bereits tot.

Ein Abenteuerroman mit Tiefgang: So würde ich Das Totenschiff* von B. Traven beschreiben. Einordnen lässt er sich nicht so leicht, schockierend für Literaturbürokraten, schön für den Leser. Spannend ist der Weg, den der amerikanische Seemann Gales zurücklegt, auf jeden Fall. Zunächst irrt er ohne Papiere und zunehmend ohne Hoffnung auf eine Rückkehr in die geordnete Welt durch Westeuropa. Nach gut einem Viertel des Romans geht es auf die »Yorrike«, ein Seelenverkäufer, auf dem hanebüchene Zustände herrschen. Und doch ist es noch lange nicht der Tiefpunkt auf dieser grotesken, wilden, fürchterlichen und leider auch immer noch aktuellen Reise. Das Ende der Handlung zeichnet sich früh ab, doch hat der Autor noch eine unvorhergesehene Wendung als Schlusspunkt gesetzt. Damit ist das Buch noch nicht zu Ende, denn Volker Kutscher hat ein sehr lesenswertes Nachwort beigesteuert.

Der Erste Weltkrieg ist die Urkatastrophe des Zwanzigsten Jahrhunderts. Ein gut vier Jahre währendes Töten, dem Millionen Soldaten und zahllose Zivilisten zum Opfer fielen, der keineswegs in einen tragfähigen Frieden mündete, sondern in eine Zeit voller Bürgerkriege, Unruhen und schließlich einen weit schrecklicheren Krieg. Auf Messers Schneide von Holger Afflerbach zeichnet den Verlauf des Ersten Weltkrieges nach, zeigt die Möglichkeiten und Grenzen der kriegführenden Parteien und welche Entscheidungen sich daraus ergaben. Verloren war der Krieg lange für keine der beiden Seiten, auch nicht für die Mittelmächte, die durchaus ein Unentschieden oder unter besonders günstigen Umständen einen Sieg hätten erringen können. Das ausgewogen argumentierende Buch kommt zu manchem recht überraschend wirkendem Schluss, wenn es sich zum Beispiel mit den Kriegszielen Englands und Frankreichs sowie der USA befasst, die einen Friedensschluss 1917/18 massiv erschwerten, vielleicht sogar unmöglich machten.

Gereon Rath ist die Hauptfigur der Romanreihe von Volker Kutscher. Am Ende des achten Bandes stirbt Rath zum Schein, im neunten tritt er folglich in die Kulissen. Charlotte Rath übernimmt in Berlin, während ihr Ehemann im Verborgenen ein Scheinleben führt. Der Mord an einem SS-Offizier bringt die Handlung ins Rollen, die Ermittlungen verstricken sich mit anderen Handlungsfäden, etwa den Schwierigkeiten, in denen Friedrich (Fritze) Thormann steckt. Die Geschichte ist sehr spannend erzählt, dies- und jenseits des Atlantiks spitzt sich die Lage immer weiter zu, ehe alles in einem dramatischen Finale endet. Das wirkt ein wenig überspannt, was an der Lesefreude aber nichts ändert. Denn wie in den vorangegangenen Romanen ist die Atmosphäre der heimliche Star von Transatlantik*, der nahende Krieg wirft seinen Schatten, was selbst manchen eingefleischten Nazi zum Nachdenken bringt. Doch ein Entkommen ist nicht so einfach, weder dies- noch jenseits des Atlantiks.

Blog-Gestöber

Beim Stöbern auf Blogs stoße ich immer wieder auf sehr interessante Bücher, die ich allzu gern lesen würde. Besonders freue ich mich, wenn eines besprochen wird, das sich selbst auf meiner Liste hatte, aber letztlich streichen musste. Das gilt für Nora Krug, Im Krieg. Petra Reich von Literaturreich hat sich dieser Annäherung an den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine angenommen, die allein wegen der Gegenüberstellung einer ukrainischen und russischen Stimme interessant (und diskussionswürdig) ist. Sehr lesenswerter Beitrag.

Bei Kaffeehaussitzer bin ich durch einen Verweis auf Tage der Toten von Don Winslow »getriggert« worden, wie man so schön sagt. Der Dreiteiler des US-Thriller-Autors befasst sich mit dem Thema »war on drugs«, jenem nicht enden wollenden Krieg gegen die Drogen, der mich seit Jahrzehnten beschäftigt. Diesmal geht es aber um Israel, einen Staat in einer sehr speziellen Lage, umgeben von aggressiv agierenden Todfeinden. Krieg war immer schon ein Katalysator für den Drogenkonsum, beides gehört zusammen, wie man bei Maror von Lavie Tidhar offensichtlich sehen kann. 

768 Seiten sind mir einfach zu viel gewesen, sonst hätte ich La Storia von Elsa Morante gern gelesen. So freue ich mich, dass auf Buch-Haltung eine interessante Besprechung zu lesen ist. Der Roman ist zarte fünfzig Jahre alt und – bedauerlicherweise – brandaktuell, zeigt er doch die Abgründe auf, in die totalitäre, namentlich faschistische Gesellschaften steuern.

Ein wenig Stöbern kann man bei Literaturleuchtet und eine kleine, subjektive Buchauswahl für den Herbst kennenlernen, mit erläuternden Worten! So fleißig bin ich nicht, hier nun einige Bücher, auf die ich mich freue (leider gibt es für wenigsten vier weitere Titel noch kein Cover).

Volker Kutscher: Transatlantik

Luftschiffe wie die Hindenburg waren selbst für Amerikaner ein Spektakel. Ihre Zeit endete jäh, als es 1937 zu einer fürchterlichen Katastrophe kam. Cover Piper Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Konnte das sein, dass es bei der ganzen Geschichte […] eigentlich um Gereon Rath ging?

Volker Kutscher: Transatlantik

Wenn im Roman Transatlantik von Volker Kutscher dieser Satz fällt, ist die Geschichte schon weit vorangeschritten. Gereon Rath, die Hauptfigur der Buchreihe, tritt im neunten Teil lange Zeit erstaunlich wenig in Erscheinung. Kein Wunder, gilt er doch als tot. So sind es nur kurze Episödchen, in denen der ehemalige Kommissar als handelnde Figur erscheint, die Last der Handlung tragen diesmal andere: Charlotte (Charly) Rath und Andreas Lange neben vielen anderen bekannten Figuren.

Trotz seiner Abwesenheit ist Rath stets dabei. Die Gedanken der Zurückgebliebenen gelten oft ihm, unabhängig davon, ob sie zu den Eingeweihten seines Geheimnisses gehören oder nicht, ob sie der Mär um den Getöteten Glauben schenken oder Zweifel daran hegen und argwöhnen, dass der ehemalige Polizist noch am Leben sein könnte. Einige seiner absonderlichen Methoden, etwa heimlich und in Missachtung der Regeln zu agieren, scheinen auf Hinterbliebene abgefärbt zu sein.

Natürlich gibt es einen Fall zu lösen, natürlich ist dieser nur der Ankerpunkt für den Roten Faden, der sich durch die gesamte Geschichte zieht und immer mehr mit vielen anderen Erzählfäden verwickelt. Die Klärung des Mordfalles fördert eine ganze Menge Überraschendes zutage, denn der Tote, ein Angehöriger der SS, ist mit einer ganzen Reihe obskurer Zeitgenossen und ihren nicht minder düsteren Plänen verbandelt.

Ein SS-Mann. Das hatte ihm gerade noch gefehlt.

Volker Kutscher: Transatlantik

Wenn es um die SS geht, ist für alle größte Vorsicht geboten. Der Leser der vorangegangenen Romane weiß, wie sehr sich Deutschland in den vier Jahren zwischen 1933 und 1937 gewandelt hat. Der brüchige und schließlich strauchelnde Rechtsstaat hat sich in eine menschenverachtende, völlig gewissenlos agierende Diktatur verwandelt, in der keineswegs nur die Gegner, sondern auch die Angehörigen der regimetreuen Verbände (Wehrmacht, SA, SS) gnadenlos getötet werden, wenn sie den Absichten der Machthaber in die Quere kommen.

Davon erzählen schon Marlow, Olympia und Lunapark, davon erzählt auch Transatlantik. Es muss nicht einmal Aufbegehren oder gar Widerstand sein, nicht einmal ein Verletzen der Regeln, es reicht völlig aus, am falschen Ort zur falschen Zeit zu sein, durch reinen Zufall etwas zu sehen, was niemand sehen darf, um unter brutalsten Misshandlungen sein Leben auszuhauchen. Schlimmer noch: Wenn ein SS-Mann in Ungnade fällt, ergeht es ihm im Konzentrationslager schlechter als den dort einsitzenden Regimegegnern.

Es mag nicht beabsichtigt sein, aber der Brückenschlag zwischen NS-Regime und organisiertem Verbrechen in der Wahl der Methoden ist unübersehbar. Wenn Johann Marlow in den USA seinen Machtbereich als Chef einer Verbrecher-Organisation durch Folter und Tötung verteidigt, dann sind Parallelen zu den verbrecherischen Mitteln der SS offenkundig. Hüben wie drüben braucht es weder Gesetz noch Richter, es reicht der Wille des Bosses.

Das Verbrecherregime Hitlers sollte allerdings alles Dagewesene in den Schatten stellen, 1937 wirft der Zivilisationsbruch erste Schatten voraus. Am Rande nur, doch als Drohung allgegenwärtig, wird in Transatlantik von der Errichtung des Konzentrationslagers Buchenwald erzählt, ein mustergültiges Lager, erbaut von den Strafgefangenen. Gemordet wird auch an diesem Ort.

Natürlich war überhaupt nichts in Ordnung.

Volker Kutscher: Transatlantik

In die Mühlen des Regimes ist auch der zeitweilige Ziehsohn von Gereon und Charlotte Rath geraten. Friedrich (Fritze) Thormann war im Roman Olympia zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort und hat anderen zu allem Überfluss die Wahrheit, also das Falsche erzählt: Ein Selbstmord, der keiner war, sondern ein Mord, den ein Uniformierter ausgeführt hat. Da diese Wirklichkeit die sorgsam gehütete Scheinwelt der Nazis gefährdet, muss Fritze aus dem Verkehr gezogen werden.

Den Hitlerjungen und Ehrendienstler erklärt das Regime kurzerhand für geisteskrank und lässt ihn in einer so genannten Nervenheilanstalt verwahren. Wie er dort gelandet ist, wo er doch am Ende des Vorgängerromans eigentlich zu seiner großen Liebe Hannah aufgebrochen ist, wird hier nicht verraten. In der »Heilanstalt« sind die Insassen jedenfalls massiver Gewalt und Demütigung unterworfen.

Nicht Fritzes selbst ernannter Pflegevater Rademann, sondern Charly versucht, ihn auf rechtlichem Weg aus der Anstalt zu befreien. Dazu geht sie den Rechtsweg und wählt einen sehr geschickten taktischen Kniff, den ihre Gegner jedoch mit ebenso geschickten Kniffen kontern. Einer der großen Vorzüge von Transatlantik ist die Qualität vieler Winkelzüge, zu denen die Antagonisten greifen.

Alles, aber wirklich alles, was die Regierung tat, lief auf einen neuen Krieg hinaus, auch wenn offiziell das Gegenteil behauptet wurde.

Volker Kutscher: Transatlantik

Aus dem Regen in die Traufe: Gleich mehrfach unternimmt das Schicksal diese Wendung und zwar nicht nur, was Fritze anbelangt. Im Grunde genommen befinden sich jene Zeitgenossen des Jahres 1937 in Deutschland, die nicht dem Regime mit blinder Gefolgschaft zugetan sind, in einer desaströsen Lage. Die NS-Herrschaft hat sich etabliert, alle Hoffnungen, es könnte sich selbst entzaubern, sind verflogen; Lügen sind schließlich immer stärker.

Es ist absehbar, dass der »Spuk« namens Hitler länger dauern wird, als viele es erhofft und für möglich gehalten haben. Die Nazis führen Deutschland in eine barbarische Finsternis. Neben dem Zivilisisationsbruch kündigt sich ein neuer Krieg an, das wird auch manchem idealistischen Anhänger des Regimes bewusst. Ein schmerzlicher Prozess, den eigenen Irrtum zu begreifen.

Nicht nur der ehemals glühende Hitler-Anhänger und Hitlerjunge Fritze ist desillusioniert, auch in den Reihen der SS gibt es jene, die klar und deutlich sehen, dass der politische Kurs des Reiches in einen neuen Waffengang führt. Autor Kutscher bindet eine umfassende Luftschutzübung geschickt in die Handlung seines Roman ein, die auf gespenstische Weise vorwegnimmt, was Berlin und anderen Großstädten blüht.

Fritze stellte sich nicht auf die Zehenspitzen, er stand stramm. Er funktionierte. Ein mechanischer Hitlerjunge.

Volker Kutscher: Transatlantik

Wie hält man das aus? Das Zitat macht es deutlich. Mitspielen, mechanisch der Masse folgen, sich in Routinen stürzen und dort den Halt suchen, den man angesichts des sich überall ausbreitenden Grauens und der eigenen Ratlosigkeit und Ohnmacht längst verloren hat. Auch die »Helden« der Romane um Gereon Rath haben im Grunde keinen Einfluss auf die Geschehnisse, geschweige denn die Kontrolle über sie. Es bleibt ihnen nur ein Leben »als ob«.

Volker Kutscher nutzt jedoch die Möglichkeiten des fiktionalen Mediums, um das auf die Spitze zu treiben. Er kreiert in Transatlantik eine Konstellation, in der es eigentlich ohnmächtigen Personen tatsächlich möglich wäre, jemanden aus der Führungsspitze des Reiches zu beseitigen. Sie müssten nicht einmal etwas tun, sie könnten einfach abwarten und das Schicksal seinen Lauf nehmen lassen.

Dieser Part gleicht ein wenig einer Räuberpistole, wenn auch sehr spannend und dramatisch erzählt. Und doch wirkt gerade diese leicht überzogen wirkende Ereignisfolge wie ein anachronistisches Echo auf den 20. Juli und andere Attentatsversuche, vor allem aber wirft sie ein Schlaglicht auf die selbstverschuldete, widersprüchliche Handlungsweise des Menschen, der manchmal das genaue Gegenteil von dem tut, was er eigentlich vertritt: Jene schützen, die man tot sehen will, weil sie Hunderte, Tausende und bald Millionen auf dem Gewissen haben.

Die Ankunft eines Zeppelins war auch für die Amerikaner ein Ereignis.

Volker Kutscher: Transatlantik

Und Gereon Rath? Das Titelbild von Transatlantik ist kein Symbolbild. Im Jahr 1937 explodierte das Luftschiff Hindenburg in den USA, ausgerechnet jenes Vehikel, mit dem der ehemalige Polizist aus Europa flieht. Für die wenigen Zurückgebliebenen, die von seinem Scheintod und der Ausreise auf diesem Wege wissen, ist die Nachricht ein Schock und der Sturz in die Ungewissheit: Lebt Rath nach dem Unglück oder nicht?

In den USA ist auch ein anderer alter Bekannter rührig: Johann Marlow hat dort seine Zelte aufgeschlagen und geht seiner gewohnten Tätigkeit als Gangsterboss nach. Sein Hass auf Rath ist – wie man sich denken kann – ungebrochen, er unterscheidet sich kaum von dem, der den SS-Offizier Tornow antreibt. So oder so wäre Gereon Rath also in Lebensgefahr, dies- und jenseits des Atlantiks, denn der Hass auf ihn ist wahrhaft transatlantisch.

Weitere Romane der Buchreihe:
Volker Kutscher: Die Akte Vaterland.
Volker Kutscher: Märzgefallene.
Volker Kutscher: Lunapark.
Volker Kutscher: Marlow.
Volker Kutscher: Olympia.

[Rezensionsexemplar]

Volker Kutscher: Transatlantik
Piper Verlag 2022
Hardcover 592 Seiten
ISBN: 978-3-492-07177-2

Holger Afflerbach: Auf Messers Schneide

Im Frühjahr 1918 unternahm das Deutsche Kaiserreich einen letzten, erfolglosen Großangriff im Westen, doch der Krieg war bereits zugunsten der Entente entschieden. Der Kriegseintritt der USA gab den Ausschlag. Cover C.H.Beck, Bild mit Canva erstellt.

Das Schlüsselwort in diesem vorzüglichen Buch Auf Messers Schneide lautet »Unentschieden«. Schon im Vorwort begegnet es dem Leser und erweitert das scheinbar konkurrenz- oder alternativlose Begriffspaar »Sieg« und »Niederlage« um eine dritte Option. Es handelt sich nach Einschätzung des Autors Holger Afflerbach sogar um das „vorgezeichnete und praktisch unausweichliche Ergebnis der strategischen Lage“, zumindest „während der längeren, der europäischen Phase des Krieges.“

Diese Einschätzung unterscheidet sich von dem, was während meines Studiums Anfang der 1990er Jahre diskutiert wurde. Seinerzeit kämpfte gerade die deutsche Historiographie noch immer mit Fritz Fischers allzu bequemen Phantasien von einem deutschen „Griff nach der Weltmacht“ und dem trübseligen Historikerstreit. Für den Zweiten Weltkrieg und Hitlers bzw. die nationalsozialistischen Kriegsziele kann man getrost von einem Eroberungskrieg sprechen, für das Deutsche Kaiserreich gilt das nicht.

Deutschlands Gegner, die Entente-Mächte, hatten zu keinem Zeitpunkt des Krieges ein gesteigertes Interesse daran, mit ihren Kontrahenten einen Kompromissfrieden zu schließen. Die wiederum haben eine Reihe von Chancen verpasst, die Alliierten entsprechend unter Druck zu setzen. Das wird in der Analyse Afflerbachs sehr deutlich. Er spart auch nicht mit Kritik, etwa an Reichskanzler Bethmann-Hollweg und seiner unentschlossenen, widersprüchlichen und lavierenden Form der Politikführung.

Unentschieden meint übrigens nicht, dass alles so hätte sein müssen, wie vor Kriegsausbruch, ein Remis hätte anders aussehen können und bald müssen als ein Status Quo Ante. Der war ab einem gewissen Punkt unmöglich, gleiches gilt aber für einen »Sieg«. Die Fokussierung auf den Siegfrieden hat den Krieg in einer Weise verlängert, dass auch die Sieger dramatisch beschädigt waren. Russland beispielsweise wurde über seine Möglichkeiten hinausgehend im Krieg gehalten und brach in einer Weise zusammen, die in der Folge mehr Menschen das Leben kosten sollte, als der Erste Weltkrieg.

Die Vorstellung, das Deutsche Reich habe nach der kontinentalen Vorherrschaft gestrebt, ist eine krasse Vereinfachung der Wirklichkeit und im Kern falsch.

Holger Afflerbach: Auf Messers Schneide

Jahrzehntelang stand die so genannte »Schuldfrage« wie der berüchtigte Elefant im Raum und versperrte bzw. verzerrte die Sicht auf wesentliche Faktoren, die den Krieg bestimmten. Etwa die aggressiven, imperialistischen, expansionistischen und »provinziellen« Kriegsziele der Entente, namentlich Frankreichs und Italiens, aber auch Englands und Wilsons eher unrühmliche Absichten. Sie entgrenzten den Krieg ohne Rücksicht auf die absehbar selbstbeschädigenden Folgen.

Afflerbach sieht die Verlängerung des Krieges als Folge dieser Kriegszielpolitik und der unseligen Fokussierung auf einen Siegfrieden. Was harmlos klingt, führt zur Quintessenz seiner Analyse: Am Ende gab es keinen »Sieg« und keinen »Frieden«. Die Folgen des Krieges machten auch die militärischen Gewinner zu Verlierern. Faschismus, Stalinismus, Nationalsozialismus, der Zweite Weltkrieg, Holocaust – die nachfolgende Geschichte 20. Jahrhunderts gilt für den Autor als Kronzeugin dieser Einschätzung.

Die Entwicklung, darauf legt Afflerbach Wert, war auch nach 1918 weder zwingend noch zwangsläufig, im Gegenteil. Selbst der Friedensvertrag von Versailles hätte Möglichkeiten geboten, die von Zeitgenossen durchaus gesehen wurden; ein Zufall waren die verheerenden Entwicklungen nach 1918 aber nicht. Tatsächlich drängt sich der Eindruck auf, ein »negativer Verlauf des 20. Jahrhunderts« wäre durch den endlosen, blutigen Krieg vorgezeichnet und schwer vermeidbar gewesen. Entgegenkommen der Sieger  war angesichts der Verwüstungen und horrenden Verluste erst später möglich, zu spät für die junge, schwache Republik von Weimar.

Es ist jedoch eine historische Tragödie, dass viele der Nachbesserungen zu spät kamen und nicht der jungen deutschen Republik zufielen, sondern ihrem Totengräber Adolf Hitler.

Holger Afflerbach: Auf Messers Schneide

Militärisch und politisch ist der Erste Weltkrieg von deutscher Seite, aber auch Österreich-Ungarns, durch katastrophale Fehlentscheidungen geprägt. Auch ohne die vermaledeite Kriegsschuldfrage ist der politisch orchestrierte Weg der Doppelmonarchie in den Krieg geprägt von geradezu grotesken Entschlüssen. Das setzte sich nach Kriegsausbruch fort, militärisch wie politisch. Przemysl etwa, das »Stalingrad des Ersten Weltkrieges«, oder der Kriegseintritt Italiens, der politisch durchaus hätte verhindert werden können.

Italiens Kriegseintritt 1915 hat laut Afflerbach einen bis dahin denkbaren Sieg der Mittelmächte nahezu unmöglich gemacht. Zwar haben die Italiener militärisch zu keinem Zeitpunkt etwas Bedeutsames erreicht, doch die Bindung hunderttausender Soldaten der Donaumonarchie, die weitere wirtschaftliche Abschnürung verbunden mit der Überlastung der Eisenbahnlogistik reichte bereits aus, um die Waage kippen zu lassen.

Es war der erste Schritt zu einer Entgrenzung des Krieges und seiner verheerenden Verlängerung. Ein Punkt, der auch immer wieder zu schwach gewichtet wird, ist die Veränderung der Koalitionen: Im Kriegsverlauf erweiterte sich die Zahl der Kriegsteilnehmer auf beiden Seiten. Entscheidend war dabei der Kriegseintritt der USA 1917: Hier schloss sich für die Mittelmächte das Fenster zu einem Remis mit der Entente, das laut Afflerbach um die Jahreswende 1916/17 durchaus offenstand.

Im Winter 1916/17 bot sich dem Deutschen Reich und seinen Verbündeten eine vollwertige Chance, den Krieg mit einem Remis zu beenden, und zwar in der von den Zeitgenossen verkannten Verschränkung zwischen amerikanischer Friedensvermittlung und prärevolutionärer Situation in Russland. 

Holger Afflerbach: Auf Messers Schneide

Die USA waren unter Wilson parteiisch. Sie wollten laut Afflerbach unter keinen Umständen einen Sieg der Mittelmächte, aber auch nicht unbedingt einen Sieg der Entente, sondern den Aufstieg der USA zur globalen Vorherrschaft. In Deutschland wussten nur sehr wenige wirklich über das Land jenseits des Atlantiks Bescheid, wenige sahen die entscheidende Auswirkung eines Kriegseintritts der USA, ja viele hielten diesen für unwahrscheinlich.

Für die Entente war die Kriegserklärung der USA Anfang April 1917 der Schritt über die Schwelle, den Krieg notfalls noch jahrelang weiterführen zu können, bis die Mittelmächte zusammenbrachen. Anders als Russland, das längst militärisch, wirtschaftlich und politisch überfordert war und nach der Februar-Revolution 1917 den Krieg hätte beenden müssen, um den eigenen Untergang zu vermeiden, waren die USA faktisch unbezwingbar.

Für die Entente bestand demnach nach dem Zusammenbruch Russlands kein Grund, vom Konzept des militärischen Siegfriedens abzurücken, wenn das auch kurzsichtig gedacht war. Allein die bodenlose Verschuldung wirkte wie ein Gift auf die wirtschaftliche und politische Entwicklung nach 1918. Gleichzeitig waren die Kriegsziele der Entente, die durch die Bolschewiki veröffentlich wurden, Wasser auf die Mühlen der Kriegspartei in Deutschland und bei seinen Verbündeten.

Die verbissene und ungeheuer schädliche alliierte Siegfriedensstrategie, die letztlich diese „wahnsinnige Selbstzerfleischung“ Europas zu verantworten hatte, hätte ihre Berechtigung gehabt, wenn das kaiserliche Deutschland durch den Krieg einen kohärenten Eroberungsplan hätte durchsetzen wollen. (…)

Holger Afflerbach: Auf Messers Schneide

Es gehört zu den ironischen Aspekten dieses Krieges, dass Zeitgenossen wie Ludendorff, die auf einen militärischen Sieg fixiert waren, ein Entgegenkommen der Gegner fürchteten. Afflerbach meint zurecht, dass die Entente auf diese Weise den Kräften im Reich, die auf eine Beendigung des Krieges drängten, das schärfste Schwert aus der Hand schlug, nämlich die Aussicht auf einen Kompromiss.

Wichtig ist aber auch, dass es in Deutschland eine Friedenspartei gab! Im Zweiten Weltkrieg war das nicht mehr der Fall. Wer also aus Auf Messers Schneide etwas für die Gegenwart ableiten möchte, sollte diesen Aspekt unbedingt im Auge behalten. Entgegenkommen ohne Kompromisswilligkeit auf der Seite des Eroberungskriegers ist Appeasement im schlimmsten Sinne.

Es bleibt jedoch dahingestellt, ob es 1916/17 wirklich die Aussicht auf einen Kompromissfrieden gegeben hat. Denn die deutsche Gesellschaft war im Krieg von der Welt abgeschnitten. Aus dieser »klaustrophobischen« Lage wurde sie auch dank der »lebensbedrohlichen Verknappungen« (Hunger, Kälte) von der »paranoiden und bösartigen« Vorstellung getrieben, England wolle das Reich »erwürgen« und die Zivilbevölkerung verhungern lassen.

Das führte zu einer breiten, öffentlichen Unterstützung des verhängnisvollen U-Boot-Krieges. Den zu verhindern fehlten Persönlichkeiten, die neben Einsicht auch die nötige Macht und Entschlossenheit gehabt hätten, sich durchzusetzen. Das gilt auch für einen Kompromissfrieden, der eben auch deutscherseits Entgegenkommen trotz der großen Opfer  beinhalten musste. Angesichts der öffentlichen Stimmung und des dysfunktionalen politischen Systems eine Herkulesaufgabe, die niemand schultern konnte.

Der Erste Weltkrieg war, in der deutschen Innensicht, kein Eroberungsfeldzug, sondern eine chaotische Interaktion konkurrierender Entscheidungszentren, in die Akteure von einer oft selbstverschuldeten Notlage zur nächsten hetzten.

Holger Afflerbach: Auf Messers Schneide

Der »Waffenstillstand« von 1918 war nach Einschätzung Afflerbachs keiner, sondern eine Kapitulation unter bestimmten Bedingungen. Die Verhandlungen von Versailles haben diese Bedingungen jedoch übergangen, was wie ein Brandbeschleuniger auf die Empörung in Deutschland wirkte, die es den Gegnern einer Republik wesentlich erleichterte, den Friedensschluss und ihre Unterzeichner innenpolitisch zu diskreditieren und diffamieren – im Kampf um die Macht. Das bittere Ende für die »Sieger« von 1918 ist bekannt.

Holger Afflerbach: Auf Messers Schneide
Wie das Deutsche Reich den Ersten Weltkrieg verlor
C.H.Beck 2022
Paperback 664 Seiten
ISBN: 978-340677743-1

B. Traven: Das Totenschiff

Ein Abenteuerroman mit Tiefgang. Cover Diogenes Verlag, Bild mit Canva erstellt.

»Seelenverkäufer« ist so ein schönes Wort. Es meint ein nicht vollständig seetaugliches Schiff, das im übertragenen Sinne die »Seelen« der Mannschaft »verkauft«. Die Yorikke gehört zu dieser Kategorie. Als »der Eimer« vor den Augen des Erzählers erscheint, findet dieser weit stärkere Formulierungen, um den heruntergewirtschafteten Zustand des Dampfers zu beschreiben. Ein »Seelenverkäufer« ersten Ranges. Oder, wie es der Augenzeuge dann selbst formuliert:

Da war ein Geheimnis verborgen. Sie war doch nicht etwa gar ein -?
Aber vielleicht doch. Vielleicht war sie doch ein Totenschiff. Da! Da ist es endlich heraus. Ein Totenschiff. Verflucht noch mal, o Sperlingsschwänze und Fischflossen! Jawohl, sie ist ein Totenschiff.

B. Traven: Das Totenschiff

Zu diesem Zeitpunkt ist der Roman Das Totenschiff von B. Traven bereits recht weit gediehen, ganz ohne Schiff. Das erste Drittel der Handlung spielt an Land, erzählt wird eine hanebüchene Irrfahrt durch Westeuropa, voll kurioser Wendungen. Nachdem der Seemann Gales die Tuscaloosa durch missliche Umstände verpasst hat und seine Papiere mit dem Schiff auf und davon sind, steht er vor einer unüberwindlichen Hürde: Wie beweisen, dass er Amerikaner ist?

Es folgt ein irrwitziges Spiel. Gales wird von den belgischen Behörden gezwungen, die Grenze zum Nachbarland illegal zu überschreiten. Ihm drohen drastische Strafen, sollte er noch einmal zurückkehren. In den Niederlanden wird er aufgegriffen, auch hier greifen die offiziellen Stellen zum gleichen Mittel wie in Belgien. Absehbar, dass die Hauptfigur gar keine andere Wahl hat, als trotz Strafandrohung eines der ihm verbotenen Länder erneut aufzusuchen.

Das Hin&Her spitzt sich immer mehr zu und erreicht in einem amerikanischen Konsulat seinen vorläufigen Höhepunkt. Während eine reiche Amerikanerin allzu leicht ihren verlorengegangenen Pass ersetzt bekommt, muss sich Gales anhören, dass er ohne seine Papiere im Grunde gar nicht existiere. Der Beamte erklärt ihm entgegenkommend, er persönlich wolle ja dem Identitätslosen gern Glauben schenken, doch damit könne er die Vergabe eines Passes gegenüber seinen Vorgesetzen nicht verantworten.

Denn was ich glaube, will die Regierung daheim nicht wissen. Sie will nur wissen, was ich bestimmt weiß. Und was ich bestimmt weiß, muss ich beweisen können. Ihre Staatsbürgerschaft und Ihre Geburt kann ich nicht beweisen.

B. Traven: Das Totenschiff

Traven nutzt die Irrfahrt seines Helden, um gesellschaftliche Kritik zu üben – in einem schnoddrigen Ton, gewürzt mit Spott, Sarkasmus und boshaftem Witz. Oft lässt der Autor die Situation an sich sprechen, die Dialoge und Handlungsweisen der Figuren, die Zufallsbegegnungen. Manchmal rückt Gales das Gesagte durch bissige Kommentare ins rechte Licht; in das Licht der frühen 1920er Jahre, das gedämpft wird durch den Schatten des Ersten Weltkrieges.

Gales ist Amerikaner und verheimlicht das zumeist. Er gibt sich oft als Deutscher aus, eine auf den ersten Blick seltsame Maßnahme, könnte man doch annehmen, die Verlierer des Großen Krieges wären unbeliebter als die Yankees, die letztlich dank ihrer wirtschaftlichen und militärischen Stärke den Waffengang für die Alliierten entschieden haben. Doch stehen die USA im Ruf, ihre Hilfe vor allem aus Eigennutz angeboten zu haben, ein recht typisches Motiv des Antiamerikanismus, wie er in manchen Kreisen bis heute gern gepflegt wird.

Präsident Wilsons Politik war tatsächlich darauf ausgerichtet, den Mittelmächten keinen Sieg zu erlauben, vor allem aber, die USA zur globalen Führungsmacht aufsteigen zu lassen. Europa war jenseits des Atlantiks hoch verschuldet und selten liegt die Macht beim Schuldner, sondern beim Gläubiger. Die hehren amerikanische Werte, mit denen die USA in den Krieg zogen, bespöttelt Gales.

Als er wiederholt von Polizisten durchsucht wird, fragt er sich, was diese so dringend suchten – etwa die verlorengegangen 14 Punkte von Präsident Wilson? Dieses Programm fasste die Ziele des US-Präsidenten für eine Friedensordnung zusammen, es diente als politische und moralische Grundlage für die Kriegführung der USA. Die tatsächliche Nachkriegsordnung hatte mit dem Geist der 14 Punkte recht wenig zu tun, was Traven auf seine Weise karikiert.

Doch bekommt auch Deutschland, namentlich Preußen, bissige Kritik ab. Die Behörden eines jeden Landes bemühen sich, den Mann ohne Papiere nach Deutschland abzuschieben, worüber dieser sich wundert. Er verweigert sich rundheraus, verkündet, er würde sich lieber erschießen lassen, als nach Deutschland zu gehen. Denn:

Wenn man in Amerika und vielen andern Ländern das Wort ›Preußen‹ hört, ist es nie mit dem Lande Preußen oder mit seinen Bewohnern verknüpft, sondern es ist ein Synonym für eine Abwürgung der Freiheit und für polizeiliche Bevormundung.

B. Traven: Das Totenschiff

Der freiheitsliebende und nicht sonderlich arbeitswütige Gales, der in Spanien eine Art Dasein gefunden hat, landet schließlich auf der Yorikke. Wie kann das sein, wo er in dem Kahn gar ein Totenschiff sieht und angesichts seiner äußeren Erscheinung auf verheerende Zustände an Bord rückschließt? Nolens volens, könnte man sagen. Das Schiff selbst scheint es auf ihn abgesehen zu haben. Gales verweigert sich dem Anwerbeversuch und findet sich dennoch unversehens an Deck wieder. Die Yorikke nimmt Fahrt auf und steuert geschwind aufs weite Meer. 

Auf dem Schiff sind die Verhältnisse noch viel furchtbarer, als Gales befürchtete. Er wurde betrogen, geschickt mit Worten in die Irre geführt und sitzt abermals in der Falle. Die Yorikke ist ein Totenschiff, doch geht es hier nicht um Untote, wie jene halb verwesten Gestalten in Fluch der Karibik. Es sind die Arbeiter an Bord, die unter unmenschlichen Bedingungen knechten müssen. Vieles ist im Wortsinne kaum vorstellbar.

Travens Totenschiff ist ein Sinnbild für die Ausbeutung in einem ungeregelten Kapitalismus, in dem sich die Arbeiter nicht wehren können und zu Verdammten und Verlorenen, zu Toten werden. Aber der Autor lotet bei seiner mitreißenden Schilderung des Schicksals von Gales auch die allgemeinen menschlichen Untiefen aus: Der Drang der Unterdrückten, sich gegenüber Schwächeren oder Niedrigergestellten zu erheben und diese ihrerseits zu unterdrücken.

Eine der wesentlichen Ursachen der menschlichen Misere sieht Gales im Drang zur Nachahmung, dem Herdentrieb, der eine echte Weiter-Entwicklung des Menschen verhindere. So bleibe man ein Barbar, wie vor sechstausend Jahren, und lasse sich knechten. An der Reling der Yorikke stehend fragt sich Gales, warum er sich nicht selbst erlöse, seinem Leben durch einen beherzten Sprung ins Meer ein Ende setze. Die Antwort lautet, weil er sich Hoffnung mache.

Aber der Mensch? Der Herr der Schöpfung? Er liebt es, Sklave zu sein, er ist stolz, Soldat sein zu dürfen und niederkartätscht zu werden, Er liebt es, gepeitscht und gemartert zu werden. Warum? Weil er denken kann. Weil er sich Hoffnung denken kann. 

B. Traven: Das Totenschiff

Manche Sentenzen in diesem Buch sind so stark, dass sie mir auch Wochen nach der Lektüre noch im Kopf herumgehen. Die Afrikaner, die mit den Sklavenschiffen über den Atlantik geschifft wurden, haben sich bisweilen gewehrt, indem sie Selbstmord beginnen. Sie verweigerten das Essen oder versuchten, über Bord zu springen. Folgt man den Ansichten von B. Travens Seemann, dann wussten sie genau, was ihnen blühte, und hatten alle Hoffnung dahingegeben.

Immer wieder kommt Traven in seinem Roman auf das Motiv des bürokratischen Todes zurück. Menschen, die keine ordentlichen Papiere besitzen und auch keine bekommen können, was keineswegs an ihnen, sondern den Umständen und einer kalten, herzlosen und völlig mechanisch agierenden Bürokratie liegt. Lebende Tote also, die ein Totenschiff brauchen, um irgendwie aus dem Niemandsland fortzukommen.

Gales alias Pippip erfährt vom Schicksal einiger Seemänner, die auf der Yorikke ein tragisches Ende fanden. In der Koje über seiner eigenen soll einer gelegen haben, der nach langer Irrfahrt, unter anderem auch der Fremdenlegion, an Bord kam und dort verendete. Von ihm blieb nicht einmal ein Eintrag im Journal, dem Bordbuch, das mehr einem vom Kapitän frisierten Märchenbuch gleicht. Der Tote war nur „Luft, verwehte Luft“.

Wie endet ein Roman, der vorgibt, ein Abenteuer zu erzählen, das sich als verhängnisvolles Schicksal entpuppt und – im übertragenen Sinne – weit über die eigentliche Geschichte hinausreicht? Mehrfach sagt der Erzähler, von einem Totenschiff könne man nur auf einem Riff entkommen, also durch den Tod. B. Traven hat seinem Helden auf dessen Totenschiff ein sehr gelungenes, passendes und eben doch unvermutetes Ende beschert.

Und die Düsternis an Bord der Totenschiffe, die alptraumhafte Ausweglosigkeit haben mir eine Vorstellung davon gegeben, was kafkaesk bedeutet, noch bevor ich Kafka gelesen hatte.

Volker Kutscher, Ein persönliches Nachwort, in B. Traven, Das Totenschiff

Das Buch Das Totenschiff ist dann aber noch nicht vorbei, denn Volker Kutscher hat ein sehr lesenswertes Nachwort beigesteuert. Das beschäftigt sich mit der eigenen Leseerfahrung, stellt fest, dass der Roman – leider – zeitlos ist, weil die Zahl der Verlorenen einhundert Jahre nach dem Erscheinen von B. Travens Erstling keineswegs geringer geworden ist.

[Rezensionsexemplar]

B. Traven: Das Totenschiff
Mit einem Nachwort von Volker Kutscher
Diogenes 2023
Hardcover, 416 Seiten
ISBN: 978-3-257-07269-3

Ries Roowaan: Amsterdam, verlorene Stadt

Ein sehr abwechslungsreicher und unterhaltender Roman aus den Niederlanden, der sich dem Thema Massentourismus gekonnt widmet. Cover Elsinor Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Man stelle sich den Bürger von Amsterdam als Frosch in einem Topf vor, in dem Wasser langsam erhitzt wird. Die Hitze steht für den Massentourismus. Einige Zeit merkt der Bürgerfrosch gar nicht, wie sich sein Leben verändert. Die Corona-Pandemie aber unterbricht den Prozess, sie nimmt den Frosch für einige Zeit aus dem Topf. Nach der Corona-Auszeit bzw. der Rückkehr in das sich weiter erhitzende Wasser folgt aber die brutale Erkenntnis, wie es um die Existenz des Froschbürgers inmitten der massentouristischen Lebenswelt tatsächlich bestellt ist.

An diesem Bild, das der niederländische Autor Ries Rowaan in seinem Roman Amsterdam, verlorene Stadt, verwendet, haben mir mehrere Dinge gefallen. Das sich immer stärker erhitzende Wasser, das dem Frosch sein Lebensgrundlage entzieht; die Eigenheit des Menschen, Entwicklungen zu ignorieren und sich so anzupassen, dass der Ursprung der Veränderung vergessen wird; schließlich Corona als Katalysator, Brandbeschleuniger für Erkenntnis und Radikalisierung.

Diese neue Welt machte Jan wütend und traurig zugleich, doch eigentlich vor allem wütend, rasend, furchsteufelswild.

Ries Roowaan: Amsterdam, verlorene Stadt

Wer sich mit sozialkritischen Themen im Rahmen eines Erzählwerkes auseinandersetzt, läuft immer Gefahr, sich vom Thema so überwältigen zu lassen, dass es zu einer essayistischen Streitschrift wird. Der kubanische Autor Leonardo Padura hat das einmal so formuliert, dass Literatur, die sich auf das Feld der Politik begebe, drohe, von dieser verschlungen zu werden. Massentourismus ist so ein Thema, Ries Rowaan begegnet diesem mit schwarzem Humor, einer Prise Thriller, viel Sarkasmus und Spott sowie einem ausgefallenen Erzählansatz: Der Erzähler weilt nämlich bereits im Jenseits.

Eine Explosion hat Leo aus dem Leben gerissen, die Beschreibung der Umstände ist großartig; zunächst begreift er gar nicht, was passiert ist. Er schildert die Verwüstungen im Gefolge einer Detonation und bleibt auch bei der Beschreibung der eigenen Verletzungen kühl und sachlich. Dabei handelt es sich um einen dramatischen Moment.

Aufgenommen in Venedig, im Mai 2022. Die Stadt war überraschend leer, Asien noch im Lockdown, in Europa war Corona aber vorüber, eine Situation, wie sie Roowaan auch in seinem Roman für Amsterdam beschreibt.

Wie sich zeigt, war die Detonation Teil eines Terroranschlags: Zwei Bomben und zwei Selbstmordattentäter haben viele Menschen aus dem Leben gerissen. Es handelt sich um einen der größten Anschläge in Europa. Der dabei zu Tode gekommene Leo stellt kritische Fragen, etwa hinsichtlich der Neigung staatlicher Stellen, Täter als psychisch labile Einzelakteure zu verharmlosen.

Die Erzählung soll eine Richtigstellung sein, denn das Attentat berührt auch Leos Umfeld: Sein bester Freund Jan ist nach der Tat verhaftet worden. Er ist der Bürgerfrosch im Topf, der an den Zuständen in Amsterdam fürchterlich leidet und – wie das Zitat weiter oben zeigt – radikale Schlüsse zieht. Er hätte also ein Tatmotiv, trotzdem wird er zu Unrecht verdächtigt, wie Leo findet.

Die Schädeldecke war weggerissen, und ein Teil dessen, was sie hatte schützen sollen, lag auf der Straße. Offenbar braucht der Mensch also kein Gehirn, um denken zu können.

Ries Roowaan: Amsterdam, verlorene Stadt

Die Situation an sich ist mehr als grotesk. Touristen, die Amsterdam wie ein echter Amsterdamer erleben wollen und zum Fahrrad greifen, auch wenn sie gar nicht fahren können. Der »Fahrradtourist« ist mit seinem bizarren Verhalten eher ein Fahrradclown, ein gefährdeter Gefährder, wenn schon der Versuch, auf den Drahtesel zu steigen, misslingt.

Diejenigen, die immerhin wissen, wie man fährt, sind nicht besser. Weidlich nutzt der Autor die Gelegenheit, die nationalen Eigenheiten mit genüsslichem Spott auszubreiten. Italiener mäanderten lautstark redend über die Radwege und neigten zu jähen Richtungsänderungen, Deutsche hielten sich an die Regeln, führen jedoch zu schnell, während die Amerikaner gemächlich vor sich hin strampelten und die Franzosen im Pulk unterwegs seien. Das mit dem Smartphone selbstgedrehte Video der Tour hat einen dramatisch höheren Stellenwert als Verkehrssicherheit.

Der Autor nutzt das für eine boshafte Abrechnung, geht jedoch darüber hinaus. Mit Leo Hogeler, einem passionierten Klavierlehrer und Verführer, hat Rowaan eine interessante Figur geschaffen, dessen Handlungsweise immer wieder überrascht. Seine Freundschaft zu Jan Janssen, den er als »Familienvater« bezeichnet, bildet das Fundament für die Erzählung vom Wandel, der aus Amsterdam eine lebensunwerte Stadt werden lässt. Janssen, verheiratet, Haus, Kinder, droht inmitten der touristischen Springflut unterzugehen.

Hier berührt Rowaan ein Motiv, das ich bereits in einem anderen, ganz vorzüglichen Roman (Grand Hotel Europa) kennengelernt habe: der nach vorgeblich authentischen Erfahrungen suchende Reisende, der sich vom gewöhnlichen Touristen abzuheben versucht. Dabei übersieht dieser, wie absurd sein Vorhaben ist. Man ist immer Eindringling – wie der Autor anhand der spezifischen Fahrrand-Sozialisierungen ganz wunderbar gezeigt hat.

Sie wollen der örtlichen Bevölkerung so nahe wie möglich auf den Pelz rücken – der damit allerdings in keiner Weise gedient ist.

Ries Roowaan: Amsterdam, verlorene Stadt

Wie ein roter Faden zieht sich das Thema Massentourismus durch Amsterdam – verlorene Stadt, die Erzählung ist jedoch auch eng verwoben mit dem originellen Lebenswandel des Erzählers und seines Freundes. Leo und Jan gehen auf grundverschiedenen Pfaden durchs Leben, hier sexueller Hedonismus in einem musikalischen Kokon ohne Ambition, dort pflichtfixierte Rechtschaffenheit in einem kleinbürgerlichen Leben, jedoch getrieben von einem authentischen Interesse an Tätigkeit und Beziehung.

Nach seinem allzu frühen Tod blickt Leo aus dem Jenseits auf sein Leben zurück. Eigentlich ist der Verstorbene für eine derartige Rückschau zu jung, was seinen Worten eine weitere besondere Note verleiht. Wehmütig-profane Dinge stehen neben klugen Beobachtungen.

Die 2020er Jahre werden manchmal unbedacht als neue Roaring Twenties verklärt, dabei gibt es beträchtliche Unterschiede zu den 1920er Jahren: Damals hatten nur sehr wenige Menschen genug Geld für Reisen in fremde Städte, hundert Jahre später sind Millionen dazu in der Lage und nutzen diese Freiheit vor allem zum Partymachen. Die Ausnahmen sind zu einer Flutwelle geworden, einer biblischen Plage gleich.

Der rechtschaffene Jan zieht daraus die Konsequenz, selbst keine City-Touren mehr zu unternehmen. Ein scharfer Kontrast zur Bigotterie mancher Amsterdamer, die über die Touristen in ihrer Heimatstadt herziehen, um im Ausland selbst »die Sau rauszulassen«. Und der Leser, der beifällig nickt, wird er für sein eigenes Leben eine Konsquenz ziehen? Wohl kaum.

Jans Bemühungen gehen sogar über den Selbstverzicht hinaus. Er glaubt, eine einfache Lösung für das Problem gefunden zu haben:

Worin bestand die Lösung? Ganz einfach: Amsterdam musste wieder gefährlicher werden.

Ries Roowaan: Amsterdam, verlorene Stadt

Einfache Lösungen sind meist keine, im Gegenteil: Sie führen oft mitten in die Hölle. Schon auf den ersten eineinhalb Seiten erfährt der Leser von der monströsen Gewalttat, dem Anschlag inmitten der Stadt, durch den Leo aus dem Leben gerissen wird. Amsterdam ist also tatsächlich »gefährlicher« geworden. Was es mit dem Attentat auf sich hat und wie Jan darin verwickelt ist, wird hier jetzt nicht verraten, nur soviel: Auch in diesem Punkt steckt eine Warnung.

[Rezensionsexemplar]

Ries Roowaan: Amsterdam, verlorene Stadt
Aus dem Niederländischen von Gerd Busse
Elsinor Verlag 2024
Klappenbroschur, 176 Seiten
ISBN 978-3-942788-83-0

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