Flussfahrt

Nachtschwarz lag die Dunkelheit über dem Wasser, als ein
sanftes Pochen gegen den Rumpf der Sturmvogel die Ankunft
eines Bootes meldete. An der Reling erschien ein Dutzend
Personen, deren Silhouetten sich gegen das Licht der Deckleuchten
abzeichneten. Nach einem kurzen Wortwechsel, der
das leichte Plätschern des Wassers kaum übertönte, wurde das
Fallreep herabgelassen.
Fünf schattenhafte Gestalten stiegen nacheinander
herunter. Hände reckten sich ihnen entgegen und halfen
beim Einstieg in das unbeleuchtete Boot. Wankend und
strauchelnd tasteten sich die Neuankömmlinge voran, auf
der Suche nach einem Platz. Vorsichtig, um keinen Lärm
zu verursachen, verstauten sie ihre Bündel.
Als Joshua endlich saß, hatten sich seine Augen ein wenig
an die Dunkelheit gewöhnt. Jeremiah ließ sich rechts neben
ihm nieder, Dr. Penbult mit einem leisen Ächzen eine Armlänge
von ihm entfernt. Henry und Pete waren irgendwo auf
der gegenüberliegenden Seite untergekommen. Vom Boot
sah Joshua wenig mehr als die Konturen, die Gesichter der
Bootsleute und seiner Mitstreiter waren nur bleiche Flecken.
Über ihm ragte der Rumpf der Sturmvogel auf, das Boot erschien
dagegen winzig.
»Bonsoir, Messieurs!«, raunte eine wohlvertraute Stimme.
»Bonsoir, Monsieur le Capitaine«, antwortete Henry leise.
»Wir sind vollzählig.«
»Bon! Allez-y!«
Für lange Zeit blieben das die einzigen gesprochenen
Worte. Das Boot löste sich vom Rumpf der Sturmvogel,
glitt zurück in den Fluss und durchschnitt fast lautlos das
schwarze Wasser, auf dem gelegentlich das unruhige Silber
des Mondlichts schimmerte.
Joshua schaute zurück zur Sturmvogel. Er bildete sich ein,
auf der Reling des Achterdecks eine kleine Gestalt hocken
zu sehen, die ihnen nachblickte. Chatou. Er musste zurückbleiben.
Ein Affe war ein allzu auffälliger und unberechenbarer
Begleiter auf der Reise, die sie nun antraten.
Bald verschwand die Sturmvogel aus seinem Blick, denn sie
passierten ihr zweites, stromabwärts von Nantes auf Reede
liegendes Schiff: die Marauder. Das gekaperte Piratenschiff
war ihre Eintrittskarte nach Frankreich gewesen. Einer der
befreiten Franzosen hatte sich als ranghoher Marineoffizier
aus einer sehr einflussreichen Familie entpuppt. Chef
d’escadre Charles Alexandre Comte de Chamillart wollte in
Versailles um Unterstützung für Henrys Kampf gegen John
Black werben. Ein passender Vorwand, auch mit der Sturmvogel
auf Reede zu verweilen, die Merkur war mit William
und Vandenbergh bereits nach London aufgebrochen. Von
ihrem eigentlichen Anliegen hatten sie dem französischen
Offizier nichts erzählt.
Die tiefe Stille, die sie umgab, wirkte zugleich beruhigend
und beängstigend. Die Narben an Joshuas Stirn zwickten, als
wollten ihn die Götter warnen. Die Franzosen durften ihre
Gruppe unter keinen Umständen dabei ertappen, wie sie
ohne offizielle Erlaubnis nach Frankreich eindrangen. Wie
hätten sie sich erklären sollen? Die Entführung einer verheirateten
spanischen Edeldame durch englische Seeleute,
ehemalige Piraten gar, würde nicht einmal ein romantischer
Franzose absegnen.
Alles hing von den Bootsleuten ab. Joshua hoffte, Maurice
Blanc würde die richtigen ausgesucht haben. Ihr französischer
Freund war schon einen Tag nach ihrer Ankunft herbeigeeilt
und hatte sie mit gewohntem Überschwang begrüßt.
Rasch war aus der unverhofften Freude Ernst geworden,
man hatte sich beraten und Pläne geschmiedet. Keine zwei
Tage später waren alle Vorbereitungen getroffen, Albas Aufenthalt
war bekannt und eine Route zum Château de Saint-
Denis festgelegt.
»Schmuggler werden uns mit einem Boot dorthin bringen«,
hatte Blanc verschmitzt verkündet. Auf die Frage, ob man
Schmugglern trauen könnte, hatte er den Kopf geschüttelt.
»Non, bien sûr que non! Aber den Schmugglern, die ich
verpflichtet habe, kann man selbstverständlich trauen.«
Pete und Henry hatten einen schnellen Blick getauscht.
Nun aber saßen sie doch im Boot von Blancs Erwählten, das
beinahe unhörbar über das schwarze Wasser glitt, vorbei an
den Rümpfen der ankernden Segler. Auf deren Decks funzelte
das Licht einiger Deckleuchten, die wenigen Wachen
würden um diese Zeit mit dem Schlaf kämpfen und sich
weit weg in die wohlige Wärme einer Koje wünschen.
Joshua spürte, wie die Strömung nach dem Rumpf griff,
als stellte sich die Loire gegen sie, um ihre Fahrt aufzuhalten.
Doch war der Fluss ebenso gleichgültig gegenüber ihren
Geschicken, wie es das Meer, der Wind und das Land waren.
Fröstelnd zog Joshua seine Jacke enger um sich. Langsam
machte sich der kommende Tag durch einen zarten
Lichtschein bemerkbar. Im dämmrigen Morgenschimmer
beobachtete er vorüberziehende Schemen und Konturen,
Boote, Schiffe, Anleger, Hütten, kleinere Häuser und Ansiedlungen,
Mühlen und eine wuchtige Steinbrücke, deren
düstere Bögen sie unterfuhren.
Die Anspannung ließ nach, Joshua fühlte sich benommen,
als wäre er lange getaucht. Im Licht der heraufziehenden
Dämmerung verwandelten sich die verwaschenen Flecken auf
dem Boot in Gesichter. Jeremiah zwinkerte ihm zu, in seinen
Augen schimmerte die altvertraute Abenteuerlust. Dr. Penbult
war eingenickt und lehnte mit offenem Mund gegen ein Fass.
Henry und Pete wirkten ernst und wachsam; wie alle an Bord
wussten sie nur zu genau, wie gefährlich ihr Vorhaben war.
Über ihren Köpfen wölbte sich ein kleines Segel, mit dem
Wind des Atlantiks im Rücken segelte der Kahn die Loire
stromaufwärts. Der Fluss kroch träge Richtung Meer. Sie
machten nicht viel Fahrt, auch wenn zwei Männer dem Boot
mit Staken zusätzlichen Schwung gaben. Das Boot war lang,
schmal und hatte einen geringen Tiefgang. Der Bug war
eigentümlich stumpfnasig, in einem hölzernen Aufbau am
Heck konnte man sich bei schlechtem Wetter verkriechen;
oder auch jemanden verstecken.
Der Besitzer, ein Mann von mehr als sechzig Jahren, mit
einem hageren, vom Alter zerfurchten und braun gebrannten
Gesicht, musterte gelegentlich seine Fahrgäste aus blauen
Augen. Sein lockiges Haar war zu einem Zopf gebunden,
Kinn und Wangen bedeckte ein zerzauster Bart. Joshua
brauchte eine Weile, bis er die Ähnlichkeit wahrnahm.
»Monsieur le Capitaine, seid Ihr miteinander verwandt?«,
fragte er und deutete mit dem Kinn auf den Bootsführer.
Maurice Blanc nickte anerkennend, als habe Joshua ein gut
gehütetes Rätsel gelöst.
»Bien sûr. Je vous présente: Bernard Blanc. Mon père«, sagte
er, begleitet von einer Geste, als würde er Frankreichs König
höchstpersönlich vorstellen. Die Überraschung wäre auch so
gelungen. Der Schmuggler war Blancs Vater; das erklärte,
warum der Kapitän der Marie ihn als vertrauenswürdig ansah.
»C’est vraiment …?«, begann Jeremiah auf Französisch,
um die Frage auf Englisch zu beenden. »… Euer Vater?«
Blanc nickte lächelnd.
»Enchanté«, sagte Jeremiah.
»Du hast wirklich einen schrecklichen Akzent«, grummelte
Bernard anstelle einer Begrüßung. »Wir brauchen dafür
eine gute Erklärung, sonst liegen wir alle bald in Ketten.«
»D’accord«, stimmte ihm sein Sohn zu.
»Dafür haben wir noch genug Zeit«, meinte Dr. Penbult
noch ein wenig schlaftrunken. »Ich habe mir erlaubt …«
»Ihr seid also Schmuggler«, unterbrach Jeremiah seinen
Lehrer und sah Joshua fragend an.
»Contrebandier«, übersetzte dieser.
»Ganz recht. Hast du etwas dagegen, junger Mann?«
»Nein, nein«, versicherte Jeremiah. »Ich war nur –
überrascht.«
Bernard lachte.
»Warum? Weil mein Sohn Händler ist? Ein überaus
ehrbarer Beruf, nicht wahr?«, fragte er mit unverhohlenem
Sarkasmus.
Jeremiah hielt seinem Blick stand und schwieg. Joshua
schaute möglichst unbeteiligt drein, er fürchtete, dass nun
die französische Version der spanischen Klage, alle englischen
Kaufleute wären verkappte Piraten, folgen würde.
»Händler sind die schlimmsten Gauner. Von wem,
glaubst du, bekommen Schmuggler wohl ihre Waren?«, fuhr
Bernard fort. »Halb Frankreich würde verhungern, wenn es
keine Schmuggler gäbe und alle brav ihre Abgaben zahlten.«
Maurice Blanc nahm die Tirade seines Vaters mit ungerührtem
Gesicht hin. Wahrscheinlich hatte er derlei schon
öfter gehört. Zweifellos versorgte er seinen Schmugglervater
mit Waren. Über ihn war die Beute, die sie John Black und
seinen Gefolgsleuten abgetrotzt hatten, verkauft worden.
Auf diesem Weg würde auch jetzt alles nach Frankreich
gelangen, was sie auf der Sturmvogel und der Marauder mitgebracht
hatten und bis zu ihrer Rückkehr aus Saint-Denis
entladen werden konnte. »Gefälligkeiten« gab es also auch
innerhalb der Familie Blanc.
»Aber die Abgaben könnten doch den Staatsschatz
füllen«, meldete sich Dr. Penbult ein wenig ungehalten zu
Wort. »Frankreich hat nach den langen Kriegen von König
Louis Quatorze Schulden.«
»Glaubt Ihr, die Schulden würden weniger, wenn alle
mehr Abgaben zahlten, Monsieur le Docteur?« Bernard
Blanc zischte verächtlich. »Unser König würde mit dem
Geld neue Kriege führen. Der nächste steht bereits vor der
Tür. Wenn sich England und Spanien gegenseitig an die
Kehle gehen, wird unser König Louis Quinze schwerlich die
Füße stillhalten.«
»Ihr meint, Frankreich wird in den Krieg eintreten?«
»Zweifellos! Louis Quinze mag nicht so ein Scheusal sein,
wie sein Vater, dieser verfluchte Despote de Maraud. Ihr habt
von ihm gehört, nicht wahr? Louis Quatorze hat Frankreich
ins Unglück gestürzt, um seinen Ruhm zu mehren, indem
er dem Königreich im Osten einige neue Landstriche hinzufügte,
wo unzivilisierte Leute leben, deren Akzent noch
schlimmer ist als seiner.«
Bernard deutete auf Jeremiah, der kein einziges Wort verstanden
hatte. Die Blancs tauschten einen Blick, während
Joshua übersetzte.
»Wollen wir hoffen, Jeremiah, dass du nicht in Verlegenheit
kommst, Französisch zu sprechen«, sagte Bernard Blanc.
»Dein Akzent rumpelt durch deine Sätze wie ein Rumfass
bei schwerer See im Unterdeck. Jeder wird sofort durchschauen,
dass du ein Anglais bist.«
Blanc selbst spricht Englisch mit einem starken Akzent,
dachte Joshua. Wenn Jeremiahs im Französischen genauso
fürchterlich ist, sollte er besser schweigen.
»Ich verstehe«, sagte Jeremiah auf Französisch. Seine
Mühen in den letzten Wochen erwiesen sich als vergeblich.
»Wie ist es mit Joshua?«
»Sein Akzent ist ein anderer, etwas deutscher, wenn ich das
so sagen darf. Wir werden erzählen, dass er aus dem deutsch-französischen
Grenzgebiet stammt«, schlug Bernard vor.
»Und was ist mit mir?«, fragte Jeremiah
»Wir behaupten einfach, du wärest stumm«, antwortete
Maurice.
»Was?« Jeremiah sah ihn entgeistert an. »Was ist, wenn
mir doch einmal etwas herausrutscht?«
»Es ist nur eine Notlösung. Wir werden uns für dich
eine glaubwürdige Geschichte deiner Herkunft ausdenken
müssen.«
Maurice machte den Eindruck, als hätte er bereits eine
Idee, doch kam ihm sein Vater zuvor.
»Jetzt müssen wir eure Waffen erst einmal so verstauen,
dass sie nicht auffallen und doch griffbereit sind, sollten wir
belästigt werden.«
»Droht denn Gefahr?«, fragte Dr. Penbult.
»In der Gegend um die Loire treibt sich übles Gesindel
herum, Wegelagerer, Räuber, Brandstifter. Sie haben sich zu
Banden zusammengerottet, ihre Überfälle werden immer
dreister und brutaler. Man kann nicht vorsichtig genug sein.«
»Wo sollen wir die Waffen verstecken?«, fragte Joshua.
»Verstecken?«, fragte Bernard.
Joshua schaute ihn verwirrt an.
»Darf denn in Frankreich jeder Waffen tragen?«
»Nein, nein, wo denkst du hin! Nicht einmal zum Selbstschutz
wird es toleriert. Wir dürfen allerdings Waffen mit uns
führen, mit denen wir handeln.« Bernard zog ein Papier aus
seiner Tasche hervor. »Die Bescheinigung eines befreundeten
Büchsenmachers aus Nantes. Dieses Schriftstück ist besser als
jedes Versteck.«
»Das ist eine gute Tarnung«, sagte Pete und begann wie
die anderen seine Waffen aus dem Bündel zu wickeln und
im Verschlag am Heck des Bootes zu verstauen. Dort lagen
und hingen bereits eine ganze Reihe von Musketen, Pistolen,
Säbeln und Rapieren.
Das ist ja genug für eine halbe Armee, dachte Joshua verblüfft.
Was haben die Blancs bloß vor?
Bald wurde der Fluss schmaler, die Strömung nahm zu
und ihre Fahrt verlangsamte sich. Immer mehr Boote und
größere Segler aller Art tummelten sich auf dem Wasser,
was bei Joshua zwiespältige Gefühle auslöste. Er fühlte sich
bedroht angesichts der vielen Augenpaare, die Blancs Kahn
betrachteten.
Zugleich schien ihm die Masse Schutz zu bieten, denn
er und seine Begleiter fuhren nur in einem Boot von vielen,
geschützt wie ein Tier in einer großen Herde. Eine Illusion,
natürlich. Der Gedanke, mit bewaffneten und zu allem entschlossenen
Räubern aneinander zu geraten, behagte ihm
nicht.
Blanc hatte ihnen vor langer Zeit einmal in Aussicht
gestellt, eine Bootstour auf der Loire zu unternehmen, um
das wunderschöne Frankreich kennenzulernen, wenn alles
überstanden wäre. Nichts war überstanden, ganz im Gegenteil;
und doch waren sie hier, inmitten einer Gegend, in der
Briganten ihr Unwesen trieben. Hoffentlich war das kein
schlechtes Omen.