Dieser Roman „Propaganda“ von Steffen Kopetzky ist so vielschichtig, dass es schwerfällt, einen geeigneten Zugang für eine Besprechung zu finden. Ein kleines Beispiel: der „Crazy Nigger Highway“. Dieser rassistische Begriff wird im Roman von den Zeitgenossen als Spitzname für ein ebenso gigantisches, wie vergessenes oder missachtetes Logistik-Unternehmen verwendet, dem ein wesentlicher Anteil für den schnellen Vormarsch der alliierten Truppen zugesprochen wird.

Rund 6.000 Lastwagen betrieben den „Red Ball Highway“ oder „Red Ball Express“, eine Nachschublinie quer durch Frankreich, eine Art Nabelschnur zwischen den wenigen großen Häfen am Atlantik und der nach Osten vorrückenden Front. Die LKW wurden zu drei Vierteln von Afroamerikanern gesteuert, die unmenschliche Belastungen auf sich nahmen, damit der Express nicht zum Stocken kam. Die deutsche Luftwaffe war deren geringstes Problem; Schlamm, Treibstoffverbrauch und Materialermüdung neben der immer weiter reichende Strecke schon eher.

Die Hauptfigur in Steffen Kopetzkys Roman „Propaganda“, der US-Amerikaner mit deutschen Wurzeln (fragt ihn bloß nicht…!), John Glueck, macht sich eines Nachts auf den Weg in den Hürtgen-Wald, dem mythischen, verlustreichen Schlachtfeld der US-Streitkräfte im Kampf gegen die Wehrmacht, auch „Fleischfabrik“ geheißen. Sein Taxi: Ein Truck auf dem „Red Ball Highway“, gesteuert von einem Afroamerikaner. Dem ersten, dem Glueck in seinem Leben die Hand reicht, obwohl es ihm leicht gefallen wäre, das vorher zu tun.

Vom Hürtgen-Wald nach Vietnam

Es ist eine lehrreiche Nacht. Glueck lernt den Rassismus und die großen Gefahren kennen, die davon für die USA ausgehen, ihre Demokratie und Freiheit. Und den kuriosen Widerspruch, dass diese Armee in den Kampf zieht, um die Freiheit gegen ein zutiefst rassistisches Regime zu erzwingen. Den Rassismus ist die Armee nicht losgeworden, auch im unseligen Vietnam-Krieg war dieser virulent, wie zum Beispiel im Sachbuch „Krieg ohne Fronten“ dargestellt.

Damit ist die Verbindung zum zweiten, wichtigen Erzählmotiv geschaffen: Vietnam. „Propaganda“ wird auf zwei Zeitebenen erzählt, was mich immer für einen Roman einnimmt. Der Erzähler selbst sitzt im Knast, spätestens seit der Blechtrommel ein vertrautes literarisches Motiv, dem Kopetzky glücklicherweise eine sehr eigenständige, amerikanische und erfreulich abwechslungsreiche Note verleiht.

Der Anlass seiner Einbuchtung ist banal, der Grund hingegen etwas, das die amerikanische Gesellschaft in ihren Fundamenten erschütterte: die Pentagon-Papers. Wie der Autor das einflicht und mit seinem Helden verknüpft, bleibt an dieser Stelle ungenannt, doch soviel darf gesagt sein: Das Thema ist bis in unsere Zeit hochsensibel und brandaktuell, eigentlich Grund genug, einen Roman wie „Propaganda“ zu lesen.

Erzählen ist niemals unschuldig

Der zweite, große Erzählstrang in diesem Buch ist die Erzählkunst, ihre Irrungen, Wirrungen und Untiefen. John Glueck ist selbst Autor, er sitzt ja an seinem ersten Roman, hat als junger Mann an Sommercamps über literarisches Schaffen teilgenommen und läuft während der sich entfaltenden Handlung einer ganzen Reihe amerikanischer Autoren über den Weg: Bukowski, Salinger und natürlich Ernest Hemingway.

Bei der Lektüre habe ich immer wieder an ein Büchlein aus der Feder des französischen Autors Eric Vuillard gedacht. In seinem mit dem Prix Goncourt ausgezeichneten Werk „Die Tagesordnung“ heißt es, nichts sei unschuldig in der Kunst des Erzählens. Ein Brückenschlag zu dem, was „Propaganda“ erzählt, ist einfach, denn unschuldig ist auch hier wenig bis gar nichts, wie Glueck selbst an einer Stelle sehr treffend reflektiert.

Amerikanisch im besten Sinne

Der Erzählstil, den Kopetzky gewählt hat, mutet sehr amerikanisch an, im besten Sinne. Zu meiner großen Erleichterung hat er sich nicht wie so mancher hochgelobter Autor aus den USA in den Sümpfen erzählerischer Selbstgefälligkeit verirrt und seinen Roman mit weitschweifigem Geschwafel überladen.

Von einer einzigen, typisch amerikanischen Szene (Gerichtsmonolog) einmal abgesehen, ist der Roman abwechslungsreich und voller Überraschungen, lang angelegten und exekutierten Verknüpfungen und rasanten Wendungen, die Kopetzky in den historischen Kontext eingebettet hat. Die Hauptfigur ist wunderbar vielgestaltig, Offizier, Schreiber, Liebhaber, mitgenommen vom Leben, deutsch und amerikanisch – ja, ein Gluecksfall.

Wie alle gute Literatur hat „Propaganda“ auch etwas Sperriges, was gemäß literaturbürokratisch orientierten Schreibtipps nie hätte geschrieben, geschweige denn gedruckt werden dürfen. Denn es fordert den Leser, manchen überfordert es auch, doch was macht das schon? Denn unter dem Strich bleibt so viel, über das es sich lohnt, einmal nachzudenken.

Propaganda im Internet-Dschungel-Krieg

Die Propaganda mag im Ersten Weltkrieg ihre Geburtsstunde gehabt haben, seitdem bilden Propaganda und Krieg ein untrennbares Paar. Beide entwickeln sich weiter, das Bild hat das Wort längst an Bedeutung überflügelt. Dank Apples iPhone ist ein nichtstaatliches Element hinzugekommen, das eine Flut an Bildern liefert und den Wahrheitsgehalt von Information für die Unbeteiligten noch weniger durchschaubar macht.

Der Krieg im Roman wurde 1944 im Wald gefochten, in Vietnam war es der Dschungel, der die Amerikaner so überforderte, dass ihnen wahnsinnige Ideen sinnvoll erschienen (Agent Orange). Die Gegenwart hat ein virtuelles Dickicht gebildet, und aus dem Dunkel dieses Dschungels, in dessen so genannten Sozialen Medien ein ewiger Krieg geführt wird, klingt geschickt gemachte Propaganda besonders schaurig.

Kopetzkys „Propaganda“ auf dem sehr schönen Literaturblog von Kaffeehaussitzer besprochen. Seine treffende Rezension hat einen etwas anderen Schwerpunkt und verrät ein wenig mehr von der Handlung.