
Es kommt nicht oft vor, dass ein Autor seinen Lesern rät, einen Abschnitt seines Buches zu überspringen. Martin Zimmermann unterbreitet in Versunkene Welten diese Möglichkeit durch ein selbstironisches Zitat des Autors Paus Veynes, der meint, er würde als sein eigener Leser das folgende Kapitel überspringen. Wer sich die Mühe macht, trotz der originellen Trigger-Warnung das Kapitel zu lesen, wird belohnt. Die schiere Fülle an Ruinenstädten in der Antike ist überwältigend, man blickt gewissermaßen in einen apokalyptischen Abgrund des Untergangs, aber eben auch auf eine mehrere Jahrhunderte währende Geschichte des Überlebens, Wiederauf- oder Neubaus von Städten. Dieses untrennbare Nebeneinander ist ein Kern von Versunkene Welten, denn Entstehen und Vergehen schreiten Hand in Hand durch die Zeit.
Wie aber haben die Zeitgenossen und Nachgeborenen, die in der »Antike« und den vorangegangenen Jahrhunderten lebten, auf die Hinterlassenschaften des Untergangs, auf Ruinen, Trümmer und Relikte geblickt? Das ist die zentrale Frage, der Zimmermann nachgeht, ein Unterfangen, bei dem der Autor Neuland betritt. Versunkene Welten widmet sich der »Kehrseite antiker Urbanisierung, die eine Erfolgsgeschichte war«, aber eben auch »von Beginn an eine Geschichte des Scheiterns und Untergangs.«
Wer wissen will, wie dieses Nebeneinander aus Erfolg und Scheitern in alter Zeit wahrgenommen wurde, muss sich von modernen Maßstäben lösen und dazu diese zunächst einmal festlegen. Begriffe wie »Scheitern« und »Niedergang« sind negativ konnotiert, mit der Folge, dass sie ausschließlich als »Störfall« wahrgenommen und schlimmstenfalls mit »melancholischer Nostalgie« verarbeitet werden. Das verstellt und verzerrt den Blick auf Phänomene, die für moderne Städte undenkbar sind:
Eine Stadt konnte aber auch, sobald sich eine attraktivere Alternative bot oder die politische Großwetterlage es nahelegte, wie ein unpassendes oder schadhaftes Kleidungsstück abgelegt werden.
Martin Zimmermann: Versunkene Welten
Man stelle sich das Prozedere einmal für Berlin vor, ein gegenwärtiges Musterbeispiel für »schadhaft«. Besonders wichtig erscheint mir die Erkenntnis, dass Städte aus freiem Willen ohne äußeren Druck aufgegeben wurden, wenn etwas Besseres gefunden wurde. Melancholische Rückschau verbietet sich daher beim Blick auf Ruinen, die nicht nur als »Störfall einer großen Erfolgsgeschichte« betrachtet werden sollten. Um die Suche nach einer neuen, angemessenen Perspektive geht es eben auch in Versunkene Welten.
Zwei Aspekte in der Rezeption von städtischer Vergangenheit betrachtet Martin Zimmermann als hinderlich, um einen angemessenen Zugang zu ruinierten Städten zu bekommen. Erstens liegt der Fokus auf der Darstellung der Stadt als funktionstüchtige und intakte Ansammlung von Gebäuden zu betrachten, einschließlich der Vorstellung eines »pulsierenden Lebens« – nicht umsonst ein wiederkehrendes Motiv in Reiseführern. Zweitens beschränkt man sich auf einzelne Monumente, die das moderne Verständnis von Ruinen unterstützen, weil sich als passende Erinnerungsorte für blühende Urbanität erweisen.
Im ersten Fall wird der Verfall ausgeblendet, im zweiten werden der Antike identifizierte und inszenierte Trümmer mit modernen Wahrnehmungsmustern gedeutet.
Martin Zimmermann: Versunkene Welten
Die Lektüre wird also herausfordernd. Der Leser von Versunkene Welten muss sich einiger Gewohnheiten entledigen und wird sich beim nächsten Betrachten eines Stadtmodells fragen, ob das, was ihm präsentiert wird, nicht eher Fantasy ist als historische Rekonstruktion. Stadtmodelle sind nach Zimmermanns Ansicht wirklichkeitsferne Phantasiegebilde.

Neben plastischen Modellen und Zeichnungen, wie das Foto zeigt, wäre hier die Flut an KI-generierten Filmchen auf Instagram, Youtube zu ergänzen, die den Zuschauer in eine vergangene Zeit reisen lassen sollen, dabei reine Fiktion bieten. Dem von Zimmermann attestierten Hang zur Makellosigkeit begegnet man in diesen Visualisierungen in perfektionierter Form.
Was neben dem Straßendreck fehlt, sind Baustellen, Ruinen, Brachflächen, die Teil der städtischen Dynamik sind. Außerdem sind sie leer und geradezu aseptisch. Visualisierungen der Vergangenheit zeichnet eine statische Stille aus, die von der Realität weit entfernt ist, denn Städte haben zu allen Zeiten gleichzeitig Verfall und Erneuerung erfahren. Innerstädtische und zwischenstädtische Dynamik gingen dabei Hand in Hand. Wurde eine Stadt verlassen, verfiel sie; eine andere blühte aber auf. Ein vielfältig anzutreffendes Wechselspiel, wie einige namhafte Beispiele zeigen.
»Verlassen« meinte nicht unbedingt menschenleer. Die Reste einst blühender Großstädte bewohnten nach der Ruinierung kleinere Gemeinschaften oder verzweifelte Rand-Existenzen. Für den modernen Leser wirkt es befremdlich, wenn antike Autoren Städte mit einer noch immer großen Bevölkerung als Ruine oder gar verwüstete Landschaft, Weide für Vieh oder ähnlich bezeichneten. Die Gründe dafür auch nur nachzuvollziehen fordert den Leser heraus; das gilt auch für andere Merkwürdigkeiten. Es gab keine Archäologie, keinen Bedarf an authentischen Ruinen oder Artefakten, Relikten oder Erinnerungsorten; wichtig war die damit verbundene Erzählung.
Ruinen muss man nicht nur haben, man muss sie auch wollen.
Martin Zimmermann: Versunkene Welten
Ein wesentliches Ziel der Beschäftigung mit Ruinen in der Antike lag darin, sie in die mythische Geschichtskonstruktion einzubinden. Troja ist ein, vielleicht das herausragende Beispiel dafür, insbesondere bei den Römern. Es ist im wahrsten Sinne des Wortes nicht wegzudenken. Kaum weniger prominent heute ist Pompeji, vom Namen her bekannt und ideologisch aufgeladen ist Babylon als Brutstätte des Sittenverfalls. Karthago wäre als weiteres Beispiel zu nennen, das für die Römer eine geradezu dramatische Bedeutung auf mehreren Ebenen hatte. Neben den bekannten Orten entdeckt der Leser auch gewaltige Siedlungen, die heute im Schatten stehen, Ninive etwa.
Die Lektüre von Versunkene Welten ist eine faszinierende Entdeckungsreise durch die antike Geschichte, die überraschend weit sie in die Vergangenheit zurückreicht. Dabei bleibt die Beschäftigung mit dem Thema Vernichtungskrieg nicht aus, denn der Krieg war ein wesentlicher Grund für die Ruinierung von Städten. Wie römische Feldherrn mit der Zahl der von ihnen ausgelöschten Orte prahlten, löst beim modernen Leser Befremden aus. Das gilt keineswegs nur für die üblichen Verdächtigen. Neben Caesar, Pompejus war auch einer der beiden Gracchen erpicht darauf, sich als Vernichter darzustellen. Ausgerechnet einer der Brüder, die bisweilen in der Gegenwart als Reformer-Brüder der Antike gehandelt werden, feiert sich als Vernichtungskrieger.
Das ist keineswegs die einzige Überraschung, die als »Ent-Täuschung« auf den Leser von Versunkene Welten wartet. Jenes unausrottbare Vorurteil über »den Orient« als Stätte grausamer, menschenverachtender, zu rationalem Regieren unfähiger und dekadenter Despotien ist sprichwörtlich uralt. Griechen wie Römer haben diese Sicht nach Kräften befeuert. Die letzte ptolemäische Königin Ägyptens, Kleopatra, personifiziert das Klischee-Sammelsurium geradezu, trotz bemühter Aufarbeitung durch die Wissenschaft geistern die Echos der Vorurteile weiter durch die Literatur. In Bezug auf Kleopatra ist mir derlei zuletzt bei Peter Frankopan, Das Licht aus dem Osten begegnet. Nach der Lektüre von Versunkene Welten sind diese zählebigen Geister gebannt.
Gern bedanke ich mich beim Verlag C.H. Beck für das Rezensionsexemplar.
Martin Zimmermann: Versunkene Welten
Ruinenstädte in der Antike von Troja bis Pompeji
C.H. Beck 2026
Gebunden 544 Seiten
Historische Bibliothek der Gerda Henkel Stiftung
ISBN: 978-3-406-83619-0





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