Zwei dicke Schinken lese ich gerade: ein Sachbuch über die Renaissance und einen berühmten Roman-Klassiker.
Wer kennt den Titel Moby Dick und wer hat den Roman gelesen? Vermutlich lehne ich mich nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich von einem riesigen Missverhältnis zwischen beiden Gruppen ausgehe. Der Begriff Moby Dick ist sicher weithin bekannt, Zitate, Anspielungen und kreative Verarbeitungen gibt es zuhauf.
Sogar in Star Trek wurde einmal etwas aus dem Roman zitiert, ein Satz über den Knurre-Grummel Ahab. Auch ich habe mich bedient und ein Zitat aus dem Roman von Herman MelvilleVinland – Piratenbrüder Band 4vorangestellt.
Sie ist auf keiner Karte verzeichnet. Die wahren Orte sind das nie.
Wer aber liest einen Roman, der bereits 150 Jahre auf dem Buckel hat und seine rund 800 Seiten mit einer beachtlichen Sammlung an Zitaten über Wale beginnt? Melville lässt sich Zeit, erst um Seite 200 sticht das Schiff in See, mit dem Ismael zu seiner abenteuerlichen Fahrt aufbricht.
Stilistisch und perspektivisch bietet der Roman einige Überraschungen, die kein modernes Lektorat überstehen würden. Da hülfen auch Melvilles Spott und ironische Bissigkeit nicht, die eine wahre Wonne sind.
Für mich macht auch diese Andersartigkeit gegenüber dem, was aus Verlagen und Selbstverlegern in den Buchmarkt strömt, einen Klassiker wie Moby Dick zu einem wahrhaftigen Lesevergnügen. Der Roman ist Teil meines Lesevorhabens 12 für 2026.
Die Bücher aus der Historischen Bibliothek der Gerda Henkel Stiftung waren bislang ausnahmslos ein großer Gewinn. Das gilt auch für den aktuellen Band, den ich lese, in der Gerd Roeck die Geschichte der Renaissance erzählt. Der Morgen der Welt hält schon auf den ersten Seiten eine Feststellung bereit, die auf einige provozierend wirken könnte.
Galileis »Dialogo« steht für einen Stil gelehrter Diskussion, wie ihn in dieser Form zuerst und für lange Zeit ausschließlich Europa mit seiner Wissenskultur pflegte: Geprägt von den Tugenden neugierigen Fragens und gelassenen Bezweifelns, scheut er Streit, ja donnernde Polemik nicht.
Gerd Roeck: Der morgen der Welt
Das Gespräch kombiniert mit der schriftlichen Verbreitung nach der Revolution des Druckens und der Beschränkung der religiösen Einflüsse als Triebfeder für den gewaltigen Modernisierungssprung Europas, der den Kontinent zum Hegemon der Welt machte. Ein – hier arg verkürzt skizzierter – Denkansatz, der eine Antwort auf die Frage wagt, warum die Entwicklung hier stattfand und nicht anderswo.
Nach der Lektüre dieses herausfordernden Buches betrachtet der Leser Ruinen mit einem anderen Blick. Neben allem anderen ist Versunkene Welten auch eine faszinierende Entdeckungsreise, denn die Zahl der ruinierten Städte ist überwältigend. Darunter sind einige in Vergessenheit geratene Metropolen. Cover C.H. Beck, Bild mit Canva erstellt.
Es kommt nicht oft vor, dass ein Autor seinen Lesern rät, einen Abschnitt seines Buches zu überspringen. Martin Zimmermann unterbreitet an einer Stelle seines Buches Versunkene Welten diese Möglichkeit. Wer das Kapitel trotz der originellen Trigger-Warnung das Kapitel liest, wird belohnt. Die schiere Fülle an Ruinenstädten in der Antike ist überwältigend, man blickt gewissermaßen in einen apokalyptischen Abgrund des Untergangs, aber eben auch auf eine mehrere Jahrhunderte währende Geschichte des Überlebens, Wiederauf- oder Neubaus von Städten. Dieses untrennbare Nebeneinander ist ein Kern von Versunkene Welten, denn Entstehen und Vergehen schreiten Hand in Hand durch die Zeit.
Wie aber haben die Zeitgenossen und Nachgeborenen, die in der »Antike« und den vorangegangenen Jahrhunderten lebten, auf die Hinterlassenschaften des Untergangs, auf Ruinen, Trümmer und Relikte geblickt? Das ist die zentrale Frage, der Zimmermann nachgeht, ein Unterfangen, bei dem der Autor Neuland betritt. Versunkene Welten widmet sich der »Kehrseite antiker Urbanisierung, die eine Erfolgsgeschichte war«, aber eben auch »von Beginn an eine Geschichte des Scheiterns und Untergangs.«
Wer wissen will, wie dieses Nebeneinander aus Erfolg und Scheitern in alter Zeit wahrgenommen wurde, muss sich von modernen Maßstäben lösen und dazu diese zunächst einmal festlegen. Begriffe wie »Scheitern« und »Niedergang« sind negativ konnotiert, mit der Folge, dass sie ausschließlich als »Störfall« wahrgenommen und schlimmstenfalls mit »melancholischer Nostalgie« verarbeitet werden. Das verstellt und verzerrt den Blick auf Phänomene, die für moderne Städte undenkbar sind:
Eine Stadt konnte aber auch, sobald sich eine attraktivere Alternative bot oder die politische Großwetterlage es nahelegte, wie ein unpassendes oder schadhaftes Kleidungsstück abgelegt werden.
Martin Zimmermann: Versunkene Welten
Man stelle sich das Prozedere einmal für Berlin vor, ein gegenwärtiges Musterbeispiel für »schadhaft«. Besonders wichtig erscheint mir die Erkenntnis, dass Städte aus freiem Willen ohne äußeren Druck aufgegeben wurden, wenn etwas Besseres gefunden wurde. Melancholische Rückschau verbietet sich daher beim Blick auf Ruinen, die nicht nur als »Störfall einer großen Erfolgsgeschichte« betrachtet werden sollten. Um die Suche nach einer neuen, angemessenen Perspektive geht es eben auch in Versunkene Welten.
Zwei Aspekte in der Rezeption von städtischer Vergangenheit betrachtet Martin Zimmermann als hinderlich, um einen angemessenen Zugang zu ruinierten Städten zu bekommen. Erstens liegt der Fokus auf der Darstellung der Stadt als funktionstüchtige und intakte Ansammlung von Gebäuden zu betrachten, einschließlich der Vorstellung eines »pulsierenden Lebens« – nicht umsonst ein wiederkehrendes Motiv in Reiseführern. Zweitens beschränkt man sich auf einzelne Monumente, die das moderne Verständnis von Ruinen unterstützen, weil sich als passende Erinnerungsorte für blühende Urbanität erweisen.
Im ersten Fall wird der Verfall ausgeblendet, im zweiten werden der Antike identifizierte und inszenierte Trümmer mit modernen Wahrnehmungsmustern gedeutet.
Martin Zimmermann: Versunkene Welten
Die Lektüre wird also herausfordernd. Der Leser von Versunkene Welten muss sich einiger Gewohnheiten entledigen und wird sich beim nächsten Betrachten eines Stadtmodells fragen, ob das, was ihm präsentiert wird, nicht eher Fantasy ist als historische Rekonstruktion. Stadtmodelle sind nach Zimmermanns Ansicht wirklichkeitsferne Phantasiegebilde.
Neben plastischen Modellen und Zeichnungen, wie das Foto zeigt, wäre hier die Flut an KI-generierten Filmchen auf Instagram, Youtube zu ergänzen, die den Zuschauer in eine vergangene Zeit reisen lassen sollen, dabei reine Fiktion bieten. Dem von Zimmermann attestierten Hang zur Makellosigkeit begegnet man in diesen Visualisierungen in perfektionierter Form.
Was neben dem Straßendreck fehlt, sind Baustellen, Ruinen, Brachflächen, die Teil der städtischen Dynamik sind. Außerdem sind sie leer und geradezu aseptisch. Visualisierungen der Vergangenheit zeichnet eine statische Stille aus, die von der Realität weit entfernt ist, denn Städte haben zu allen Zeiten gleichzeitig Verfall und Erneuerung erfahren. Innerstädtische und zwischenstädtische Dynamik gingen dabei Hand in Hand. Wurde eine Stadt verlassen, verfiel sie; eine andere blühte aber auf. Ein vielfältig anzutreffendes Wechselspiel, wie einige namhafte Beispiele zeigen.
»Verlassen« meinte nicht unbedingt menschenleer. Die Reste einst blühender Großstädte bewohnten nach der Ruinierung kleinere Gemeinschaften oder verzweifelte Rand-Existenzen. Für den modernen Leser wirkt es befremdlich, wenn antike Autoren Städte mit einer noch immer großen Bevölkerung als Ruine oder gar verwüstete Landschaft, Weide für Vieh oder ähnlich bezeichneten. Die Gründe dafür auch nur nachzuvollziehen fordert den Leser heraus; das gilt auch für andere Merkwürdigkeiten. Es gab keine Archäologie, keinen Bedarf an authentischen Ruinen oder Artefakten, Relikten oder Erinnerungsorten; wichtig war die damit verbundene Erzählung.
Ruinen muss man nicht nur haben, man muss sie auch wollen.
Martin Zimmermann: Versunkene Welten
Ein wesentliches Ziel der Beschäftigung mit Ruinen in der Antike lag darin, sie in die mythische Geschichtskonstruktion einzubinden. Troja ist ein, vielleicht das herausragende Beispiel dafür, insbesondere bei den Römern. Es ist im wahrsten Sinne des Wortes nicht wegzudenken. Kaum weniger prominent heute ist Pompeji, vom Namen her bekannt und ideologisch aufgeladen ist Babylon als Brutstätte des Sittenverfalls. Karthago wäre als weiteres Beispiel zu nennen, das für die Römer eine geradezu dramatische Bedeutung auf mehreren Ebenen hatte. Neben den bekannten Orten entdeckt der Leser auch gewaltige Siedlungen, die heute im Schatten stehen, Ninive etwa.
Die Lektüre von Versunkene Welten ist eine faszinierende Entdeckungsreise durch die antike Geschichte, die überraschend weit sie in die Vergangenheit zurückreicht. Dabei bleibt die Beschäftigung mit dem Thema Vernichtungskrieg nicht aus, denn der Krieg war ein wesentlicher Grund für die Ruinierung von Städten. Wie römische Feldherrn mit der Zahl der von ihnen ausgelöschten Orte prahlten, löst beim modernen Leser Befremden aus. Das gilt keineswegs nur für die üblichen Verdächtigen. Neben Caesar, Pompejus war auch einer der beiden Gracchen erpicht darauf, sich als Vernichter darzustellen. Ausgerechnet einer der Brüder, die bisweilen in der Gegenwart als Reformer-Brüder der Antike gehandelt werden, feiert sich als Vernichtungskrieger.
Das ist keineswegs die einzige Überraschung, die als »Ent-Täuschung« auf den Leser von Versunkene Welten wartet. Jenes unausrottbare Vorurteil über »den Orient« als Stätte grausamer, menschenverachtender, zu rationalem Regieren unfähiger und dekadenter Despotien ist sprichwörtlich uralt. Griechen wie Römer haben diese Sicht nach Kräften befeuert. Die letzte ptolemäische Königin Ägyptens, Kleopatra, personifiziert das Klischee-Sammelsurium geradezu, trotz bemühter Aufarbeitung durch die Wissenschaft geistern die Echos der Vorurteile weiter durch die Literatur. In Bezug auf Kleopatra ist mir derlei zuletzt bei Peter Frankopan, Das Licht aus dem Osten begegnet. Nach der Lektüre von Versunkene Welten sind diese zählebigen Geister gebannt.
Gern bedanke ich mich beim Verlag C.H. Beck für das Rezensionsexemplar.
Martin Zimmermann: Versunkene Welten Ruinenstädte in der Antike von Troja bis Pompeji C.H. Beck 2026 Gebunden 544 Seiten Historische Bibliothek der Gerda Henkel Stiftung ISBN: 978-3-406-83619-0
Die Novelle von Friedrich Christian Delius ist eine literarische Wutrede, ausgelöst durch eine überraschende Begegung des fiktiven Erzählers mit dem Papst in der protestantischen Christuskirche zu Rom. Wunderbar als Reiselektüre geeignet, wenn man nicht bloß sehnsuchtsschwelgend durch Rom laufen möchte. Cover Rowohlt, Bild mit Canva erstellt.
Die Pferde bleiben in Erinnerung. Zugegeben, in meinem Fall waren es nebulöse Erinnerungen, obwohl ich Die linke Hand des Papstes schon zweimal gelesen habe. Einmal war das Buch mein Reisebegleiter in Rom, auch das ist schon einige Jahre her, die Erinnerungen an die Lektüre, die sich mit dem Erlebten verwob, ist verschwommen, aber präsent. Doch die Pferde sind mir als Motiv unvergessen geblieben. Pferde als Symbol abgründiger Korruption, in der Schreibgegenwart des Autors und der Vergangenheit der Spätantike.
Es ist ein weiter Bogen von Augustinus zu Gaddafi, von Honorius zu Berlusconi, den Friedrich Christian Delius seinen Lesern zumutet. Und es sind keineswegs die einzigen Zumutungen, insbesondere schwärmerischen Rom- und Italienverehrern rückt die Novelle mit Blicken hinter die Kulissen auf den sehnsuchtsvollen Touristenleib. Einen frühpensionierten Archäologen, der sich halblegal als Stadtführer verdingt, hat Delius zum Erzähler erkoren.
Der Deutsche ist mit einer Italienerin namens Flavia verheiratet, die transalpine Ehe verhilft dem Erzählten zu Glaubwürdigkeit. Der Name weist in die Antike zurück, zwei Kaisergeschlechter zählen zu den Flaviern, es ist also eine profunde Personifizierung der Historie. Delius verzahnt Erzählgegenwart und Vergangenheit auf allen Ebenen. Flavias zugespitzte Kommentare über die eigenen Landsleute kann sich ein Deutscher nicht leisten, nicht nach Meinung des Erzählers, der seinen Landsleuten die Untaten der Nazi-Schergen unter die Nase reibt. Als Italien 1943 die Nibelungentreue zum Reich aufgab und nicht bis »fünf nach Zwölf« kämpfen und untergehen wollte, brach über die Italiener das Morden herein.
Alarich und Adolf und Kappler und Kesselring, den Florenz-Zerstörer und Partisanenschlächter, die schaffen wir nicht so leicht aus der Welt.
Friedrich Christian Delius: Die linke Hand des Papstes
Das ist kein gutes Thema für Touristen, weiß der Touristenführer, also hält er sich zurück; er überlegt, wie er in seine Führungen derlei einfließen lassen könnte, ohne seine Kundschaft zu verschrecken. Es ist nicht das einzige, wenngleich das bedrückendste Thema für deutsche Leser. Fast alle anderen Wut erzeugenden Aspekte sind hausgemacht italienisch oder katholisch-kirchlicher Natur mit langen Wurzeln in die Geschichte. Den prächtigen Fassaden Roms sieht man es nicht an.
Eine Schnittmenge zu den Nazi-Untaten gibt es, Benito Mussolini und seine Faschisten, die in ihren fürchterlichen Kriegen hunderttausende von Toten zu verantworten haben. Die Schlächtereien in Abessinien, in Albanien, der Angriffskrieg gegen Griechenland und die nachfolgende Besatzungsherrschaft. Das alles ruht halb vergessen im Schatten der monströsen deutschen Massenmorde, von Holocaust und Vernichtungskrieg im Zweiten Weltkrieg.
Die Kirche hat sich nicht mit Ruhm bekleckert, nicht in Person von Papst Pius XII. und auch sonst nicht. Delius lässt seinen Erzähler von einem Onkel in Wehrmachtsuniform berichten, der diesem Papst die Hand im Jahr 1942 gedrückt habe. Eine zufällige Audienz, bei dem der Protestant in Uniform die Aufmerksamkeit des Papstes erregt, es kommt zu einem Gespräch, in dem der Stellvertreter Christi dem Deutschen zu seinem Führer gratuliert.
Wie käme ein Papst zu einem Glückwunsch dieser Art? 1942 waren Millionen sowjetische Kriegsgefangene verhungert, Millionen Juden erschossen und die Gaskammern in den industriell arbeitenden Vernichtungslagern Realität. Wieso wirkt diese Geschichte nicht, dass man abwinken möchte? In den weiten Gedankenkreisen des Erzählers kommen Katholische Kirche und deren Oberhaupt nicht gut weg, Kreuzzüge gegen »Ketzer« aller Art, Verfolgung von Juden, »Hexen und Zigeunern«, die Scheiterhaufen. Eine »Terrorinstitution«, meint der Erzähler.
Friedrich Christian Delius: Die linke Hand des Papstes
Friedrich Christian Delius: Die linke Hand des Papstes
Auch kein gutes Thema für »Touristen, Anti-Touristen« und »aufgeklärte Bildungstouristen« in der »Ewigen Stadt«; die wollen »die Märchen«. Das Thema ist aber gut geeignet für eine Novelle, die in ihrer Sprache und Gedankenführung als assoziative Wutrede daherkommt. Rant würde man heute vielleicht sagen, ausgeführt mit leichter Hand, sarkastisch, wortgewandt und bildstark. Den allgegenwärtigen Lärm der Stadt verspottet Delius als »große römische Jupitersinfonie«, die »kleine« werde sonntags gegeben, wenn es ruhiger sei. Vom grunzenden Pöbeln der so genannten »Wutbürger« ist Delius’ Buch noch weiter entfernt, als die Antike von der Gegenwart.
Den Anlass für diese Wutrede bietet eine ungewöhnliche Begegnung des Erzählers mit dem Papst. Genauer: dem deutschen Papst Benedikt XVI. in der protestantischen Christuskirche zu Rom. Tatsächlich ist ein solcher Besuch für den 14. März 2010 verbürgt, Delius ersinnt für seine Novelle eine fiktive Begegnung seines Erzählers mit dem Papst rund ein Jahr später. Ist das die unerhörte Neuigkeit, die prägend für eine Novelle ist? Das Oberhaupt der katholischen Kirche in einer protestantischen mitten in Rom? Nein, für den Novellen-Falken hat sich Delius eine im Wortsinne »unerhörte« Begebenheit ausgedacht, die hier nicht verraten wird.
Unerhört hätte aber etwas anderes sein können, das sich der Erzähler wünscht: eine Backpfeife des Papstes für Silvio Berlusconi. Ob sie, die Hände des Papstes, noch zu einer Ohrpfeife fähig wären, fragt sich der Erzähler. Für den Wunsch nach dieser wahrhaft unerhörte Begebenheit liefert die Erzählgegenwart einen passenden Anlass: Der Italien »regierende Diktatorenfreund« wurde vom »Öldiktator« aus Libyen, ehemals italienische Kolonie, besucht. Gaddafi brachte ein Zelt und Pferde mit, jene Pferde, von denen eingangs die Rede war.
[…] und zum ersten und einzigen Mal etwas Mitleid hatte mit dem alten Mann, dem vor lauter Macht die Hände gebunden waren.
Friedrich Christian Delius: Die linke Hand des Papstes
Was für ein Satz. Allein die Idee, dass einem Mächtigen wegen seiner Macht die Hände gebunden sein könnten, ist brillant. Doch ist es das Mitleid, das die Wucht der Worte entfaltet. Delius lässt seinen Erzähler recht früh in dem schmalen Buch dieses Mitleid empfinden, ich hätte es auch an den Anfang meiner Besprechung stellen können. Doch hier, nach dem über den deutschen Papst und seine Institution Gesagten, wird erst deutlich, welche Ausnahmestellung das Mitleid einnimmt, warum der Erzähler es nur ein einziges Mal empfinden kann.
Eine groteske Inszenierung, ein die katholische Kirche und ihr Oberhaupt verhöhnender Mummenschanz mitten in Rom. Gaddafi gibt eine Islamstunde. Die Belehrten sind einige hundert junge Models, bezahlt, um dem Salbadern zu lauschen. Europa solle sich zum Islam bekehren lassen, meint der Öldiktator. Man stelle sich Angela Merkel vor, die in Mekka derlei mit umgekehrten Vorzeichen sagt.
In Rom aber wird Gaddafi nicht gesteinigt oder auf andere Weise massakriert, es wird lächelnd abgewiegelt. Der bekennende »Kirchenfreund« und »Fernsehkönig«, Vorsteher einer »mafiafreundlichen Partei«, Putinanhänger und »Gotteslästerer« lässt es geschehen. Wäre das nicht wenigstens eine Ohrfeige, ausgeführt mit päpstlicher Hand wert? Wann immer es um Berlusconi geht, bricht die gezügelte Sprache des Erzählers auf, der auch vor dem handgreiflichen Wort »Hurensohn« nicht zurückschreckt.
Achtzig prächtige Zuchthengste, und wir schuldbeladen, Sündenklumpen bis in alle Ewigkeit.
Friedrich Christian Delius: Die linke Hand des Papstes
Es geht um Geld, um Öl, um lukrative Geschäfte mit Gaddafi, um den fast schon naheliegenden Verdacht der Selbstbereicherung, die das Abwiegeln erklären. Korruption statt Werte, mit diesem Zusammenhang berührt Die linke Hand des Papstes die Achillesferse des demokratischen Westens. Berlusconi stellte eine Art Galionsfigur dar, deren verheerendes Wirken in die düstere Gegenwart unserer Tage reicht. Auch wenn die erzählte Zeit in der Novelle noch harmlos wirkt angesichts der alltäglichen Monstrosität des Alltags vierzehn Jahre später, zeigt sie doch die Grundlagen des Verhängnisses.
Doch reicht die Korruption weit zurück in die Vergangenheit. Gaddafis Pferde sind nicht die ersten, die von Libyen nach Italien kamen, um dort etwas zu bewirken. Kein Geringerer als der Heilige Augustinus, so weiß der Erzähler, habe mit einer Bestechung in Gestalt von achtzig Zuchthengsten an den weströmischen Kaiser dafür gesorgt, dass sein Gegenspieler Pelagius aus dem Feld geschlagen wurde. Mit Augustinus’ Sieg hätte die Erbsünde Einzug gehalten in das christliche Dogma.
Was für eine wundervolle Parallelität! Der »anständige Ketzer«, wie sich der Erzähler selbst sieht, der »weder mit der Blindheit der Knieenden noch mit dem Hochmut der Kirchenhasser« geschlagen sei, lässt es krachen. Augustinus’ Gott wolle Unterwerfung, nicht Seligkeit aller Menschen; Frauen gälten als minderwertig – dank eines gelungenen Bestechungsmanövers. Gern würde der Erzähler den neben ihm sitzenden Papst, den Fachmann in dieser Sache befragen, doch dazu kommt es nicht.
Auf diese Weise wird die Bahn bereitet für das unerhörte Ereignis, ein Schelmenstreich des Autors, der dem Papst eine spektakuläre, ungeheuerliche Rede andichtet, die wahrhaftig für Furore gesorgt hätte. Doch hatte die Wirklichkeit auch für den Autor eine handfeste Ungeheuerlichkeit parat. Drei Tage nach dem Versenden des Manuskriptes gab ebenjener Papst seinen Rücktritt bekannt, dem Delius’ Erzähler bei seinem Treffen in der Kirche Anzeichen einer gewissen Schwäche attestierte.
Rom. Bei meinem letzten Besuch in Italiens Hauptstadt hatte ich Die linke Hand des Papstes von Friedrich-Christian Delius im Gepäck. Gibt es einen besseren Ort, um dieses Buch zu lesen? Nein. Es war die zweite Lektüre und sie hat mir noch mehr Freude bereitet als der erste Durchgang. Gleich auf der ersten Seite sitzt man mit dem Erzähler in einer evangelischen Kirche, wenige Meter entfernt hat der Papst mit zwei Begleitern Platz genommen. Es handelt sich um die Christuskirche in der Via Sicilia, die ich selbstverständlich in Augenschein genommen habe.
Ein Reiseführer ist das Buch tatsächlich, in einem speziellen Sinne. Delius hat einen fiktionalisierten Rant geschrieben und in seinem typischen Stil insbesondere die doppel- und dreifachgesichtige italienische Politik unter Silvio Berlusconi sowie der katholischen Kirche aufs literarische Korn genommen. Unvergessen werden jedem Leser jene Pferde sein, ein Sinnbild des absurden Polit-Theaters, über das gut ein Jahrzehnt später keiner mehr richtig lachen mag.
In jener Zeit, die ein ganzes Zeitalter zurückzuliegen scheint, wurde das Fundament für die Großkatastrophe gelegt, die Europa zu zermalmen droht. Jenes Europa, das auf Werten basieren will, die von Geschöpfen wie Berlusconi und dem Schweif an Gefolgsleuten mit Füßen getreten wurden und noch immer werden. Ein ukrainischer Beobachter hat sinngemäß gesagt, Putin habe gelernt, dass viele westliche Politiker Werte sagen und Selbstbereicherung meinen. Leichtes Spiel für den imperialistischen Diktator.
Der zweite Roman, den ich zeitgleich lesen werde, führt mitten hinein in die letzte Katastrophe, die in ihrem Ausmaß die aktuelle – noch – weit übertraf, aber die Richtschnur setzte. Vernichtungskrieg. Stalinorgel von Gert Ledig ist der beste Frontkriegsroman, den ich kenne. Ja, besser noch als Im Westen nichts Neues von Erich-Maria Remarque oder In Stahlgewittern von Ernst Jünger. Moral und Pathos fehlen bei Ledig, man steht bloß im heulenden Toben der sowjetischen Raketenwerfer.
Sie heulen heute wieder, wenige Flugstunden von Berlin entfernt ist ein Gemetzel im Gange, das seit 1945 nicht mehr für möglich gehalten wurde. Ist das unsere Zukunft? Niemand kann diese voraussagen, rückblickend mag man im vielstimmigen Gewirr einige heraushören, die richtig lagen; doch in der Gegenwart ist das unmöglich. Die Zukunft ist offen, aber abhängig von »Pfaden«, die eine gewisse Richtung einschlagen. Tag für Tag wendet sich der unsere Pfad einem neuen Landkrieg entgegen. Fällt die Ukraine, wird dieser bald ausbrechen.
Mit Ledig zieht der Leser in das Jahr 1942, mitten hinein in die Kämpfe vor Leningrad. Wie in seinem brillanten Luftkriegsroman Vergeltungschildert der Roman den Frontalltag mit schonungsloser Offenheit, die schnörkellose, knapp gehaltene Sprache lässt keinen Raum für Milderung. Einige Sätze und Handlungsmotive haben sich mir eingeprägt, sie entfalteten bei der ersten Lektüre eine unwiderstehliche Wucht.
Die Römer haben überall in Spanien Spuren hinterlassen. Ihrer Herrschaft widmet das Buch den größten Raum, doch erfährt der Leser auch, wer vor und nach ihnen auf der iberischen Halbinsel das Szepter schwang. Cover C.H.Beck, Bild mit Canva erstellt.
Als Kind bekam ich ein Hörspiel geschenkt: Hannibal. Erzählt wurde von einem der spektakulärsten Feldzüge der Geschichte, der Zug eines karthagischen Heeres einschließlich einiger Kriegselefanten über die Alpen, um Rom zu besiegen. Viele Aspekte, die das Hörspiel vermittelte, werden in der historischen Forschung längst nicht mehr vertreten, einige sind bis in die Gegenwart umstritten. Für mich war es der Beginn des Interesses an Geschichte, einschließlich dem, was man Antike nennt.
Der Ausgangsort von Hannibals Unternehmen war Hispanien, wie das Land in Geschichte Spaniens in der Antike von Pedro Barceló genannt wird. Die Antike endet in diesen Buch erst mit der Errichtung des Kalifats von Cordoba. Lange Zeit galt das formale Ende des (West-)Römischen Reichs 475 n. Chr. als Schlusspunkt antiker Geschichte, was in vielerlei Hinsicht problematisch ist.
Diese eher schlichte und willkürliche Datierung kappt Kontinuitäten wie die Goten-Herrschaft in Spanien, von der fast ein Jahrtausend fortgeschriebenen römischen Geschichte in Gestalt von „Byzanz“ ganz zu schweigen. Allein aus diesem Grund ist das Buch sehr zu begrüßen, es eröffnet in vielerlei Hinsicht eine neue Perspektive auf ein Hispanien, das später zur weltumspannenden Großmacht und noch später beliebtem Reiseland wurde.
So brauchte das übermächtige Rom, die größte Militärmacht des Altertums, schließlich zwei Jahrhunderte, um die Gesamtheit des flächenmäßig beträchtlichen, widerborstigen Landes zu erobern.
Pedro Barceló: Geschichte Spaniens in der Antike
Die Karthager haben Hispanien nach ihrer ersten Niederlage gegen Rom aus dem Halbschatten ins geopolitische Rampenlicht geholt. Bemerkenswert, wie stark verflochten die Mittelmeerwelt bereits war, während die ansässigen Stammesverbände ganz unterschiedlicher Herkunft (Iberer, Kelten, Tartessaner etc.) gleichzeitig recht abgeschlossen lebten.
Ausgerechnet diese Zersplitterung machte es später den Römern so schwer, Hispanien gänzlich zu erobern, da es keine Möglichkeit für umfassende Vereinbarungen mit den Besiegten gab. Dem Sieg über die Karthager folgten schier endlose Kriege, die massive Rückwirkungen auf die gesellschaftlichen Verhältnisse in Rom hatten und mit dazu beitrugen, die Republik zu destabilisieren.
Naturgemäß sind die Möglichkeiten, etwas über die Einwohner Hispaniens vor der römischen Zeit mangels aussagekräftiger Quellen begrenzt. So gibt es zwar ein iberisches Alphabet, das immer noch Rätsel aufgibt, was die Bedeutung der entschlüsselten Worte anbelangt. Hinter dem Schleier des Unwissens liegen zumindest keine „Völker“, sondern – wie in Germanien – locker gefügte Stammesverbände mit einer dynamischen Zusammensetzung.
Die Saguntaffäre war zunächst eine binneniberische Angelegenheit.
Pedro Barceló: Geschichte Spaniens in der Antike
Die schriftlichen Quellen aus römischer Zeit (karthagische gibt es dank der vernichtenden Niederlage nicht) nehmen eine entsprechende Sicht von außen auf Hispanien ein. Es ist ein Schauplatz und die dort Lebenden sind oft auf eine Statisten– oder Zuschauerrolle reduziert, während sich der karthagisch-römische Konflikt, die Eroberung und Romanisierung des Landes entfaltet.
Das kann den Blick auf wichtige Aspekte verstellen, etwa die Wurzeln des Kampfes um Sagunt. Barceló legt die Ereignisse so aus, dass Sagunt, eine mit Rom verbündete Stadt, ihre hispanischen Nachbarn mit Krieg überzog. Die angegriffenen Turboleten waren jedoch mit den Karthagern verbunden, die vor der Wahl standen, zugunsten ihrer Klientel einzugreifen oder zurückzustecken und Rom das Feld zu überlassen. Eine geradezu klassische geostrategische Zwickmühle.
Nicht nur im Hinblick auf die Kriegsursache, die von vielen modernen Historikern und allen römischen Quellen verzerrt dargestellt und ausgewertet wurde, erzählt Geschichte Spaniens in der Antike die Ereignisse auf eine andere Weise. Der gesamte Kriegsverlauf wird nicht – wie üblich – vor allem auf den italischen Schauplatz fokussiert, sondern auf den spanischen. Hier sei die Entscheidung gefallen, meint Barceló und nennt bedenkenswerte Gründe, unter anderem hinsichtlich der Kriegsfinanzierung durch die hispanischen Bodenschätze.
Nach der Niederlage im Teutoburger Wald 9 n. Chr. wurden die Expansionspläne unter Tiberius seit 14 n. Chr. bald aufgegeben nicht nur weil die militärischen Abenteuer des Oberbefehlshabers Germanicus zu riskant sondern wohl vor allem in der Bilanz zu wenig ertragreich waren das Land war schlicht zu arm an Ressourcen um mit der Beute die aufwendigen Militärausgaben zu kompensieren die ihre Eroberung erfordert hätte.
Pedro Barceló: Geschichte Spaniens in der Antike
Besonders gelungen ist die Einordnung der Ereignisse und ihrer Folgen, etwa durch Vergleiche. In Spanien führten die Römer viele Jahrzehnte Krieg bis zur Unterwerfung, in Gallien brauchte Caesar nur weniger Jahre, während Germanien nach der ersten großen Niederlage aufgegeben wurde. Vor allem aber bildete Hispanien Hand in Hand mit dem römischen Krieg gegen Karthago den Anfang eines tiefgreifenden innerrömischen Wandels, an dessen Ende die Republik blutige Bürgerkriege und schließlich ins Prinzipat unter Augustus mündete.
Wie so oft bei der Beschäftigung mit antiker Geschichte berührt die Darstellung grundlegende Fragen. Die innerrömischen Veränderungen zementierten eine kleine Oberschicht, die sich mittels militärischer Unternehmungen und Expansion des Herrschaftsgebietes profilierte und in Form gnadenloser Auspressung der erworbenen Gebiete schamlos bereicherte. Zum Preis tausender Toter Legionäre wurden immer neue Kriege vom Zaun gebrochen, Verträge geschlossen und ignoriert sowie gewaltige Vermögen angehäuft.
Das Verhängnis nahte – verkürzt gesagt – in Gestalt zu großer Vermögen, daraus resultierender militärischer und politischer Macht und einer Gesetzgebung, die sozialen Aufstieg erschwerte. Nun ist Geschichte trotz aller Pfadabhängigkeit immer offen, die römische Gesellschaft musste nicht zwangsläufig untergehen, was sie trotz aller Krisen auch über Jahrhunderte nicht tat. Auch verbieten sich direkte Rückschlüsse oder gar Gleichsetzungen für die Gegenwart. Es sind vielmehr die Fragen, die sich aus der Beschäftigung mit der überlieferten Geschichte ergeben, die einen großen Wert darstellen.
Geschichte Spaniens in der Antike von Pedro Barceló ist in der Historischen Bibliothek der Gerda Henkel Stifung bei C.H. Beck erschienen. Für das Rezensionsexemplar bedanke ich mich herzlich.
Pedro Barceló: Geschichte Spaniens in der Antike C.H.Beck 2025 Gebunden 492 Seiten ISBN: 978-3-406-82898-0
Ein Klassiker steht auf dem Lektüre-Programm. Berühmt und viel zitiert in zahlreichen Büchern und Filmen ist der Roman längst fällig. Moby Dick von Herman Melville ist Teil meines Lesevorhabens 12 für 2026. .
Piratenbrüder
Das dramatische Finale
Alexander Preuße: Opfergang – Piratenbrüder Band 7 Taschenbuch 508 Seiten, 19,99 Euro eBook: Kindle 5,99 Euro oder KindleUnlimited
Bücher begleiten mich schon mein ganzes Leben, auf dem Leseweg habe ich sehr viele großartige Romane und Sachbücher lesen dürfen, von denen ich gern erzählen möchte. Das ist ein Grund, warum ich blogge.