Alexander Preuße

Schriftsteller - Buchblogger

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Camilla Townsend: Fünfte Sonne

Ein lesenswertes Buch über die Azteken, die nicht auf die Opferrolle reduziert werden. Sie waren unterlegen, haben den Kampf gegen die Eroberer aber angenommen, nach ihren Mitteln klug geführt und letztlich dennoch verloren. Cover C.H. Beck, Bild mit Canva erstellt.

Wenn man einen modernen Atlas der Geschichte aufschlägt und nach dem Reich der Azteken sucht, findet man das Bild einer farbig markierten Fläche im heutigen Mexiko, das jenes „Azteken-Reich“ im Jahr 1521 zeigen soll. Das Beispiel ist dem Atlas von Christian Grataloup entnommen, es deutet durch schraffierte Gebiete auch eine Art Herrschaftshierarchie an, ein kleiner Kasten gibt einige weitere Informationen preis, die eine kurze geschichtliche Einordnung erlauben.

Atlanten wie Christian Grataloups Geschichte der Welt erlauben einen schnellen Zugriff auf Kartenmaterial und knappe Informationen. So erhält man eine Vorstellung davon, wo zum Beispiel die Azteken lebten, wie groß ihre Herrschaftsgebiet war oder ihr Einfluss reichte, was sich während der Lektüre eines Sachbuchs vom Format Fünfte Sonne als kritikwürdig herausstellt. Das ist kein Nachteil, den kein Atlas vermag eine Form von Wirklichkeit oder gar Wahrheit abbilden, es ist immer eine spezielle, autorgebundene Sichtweise.

Nach der Lektüre von Fünfte Sonne erweisen sich mehr oder weniger alle Aussagen als problematisch, wenigstens verkürzt oder zweifelhaft. Das liegt unter anderem daran, dass die Geschichte der Azteken auf der Basis von Quellen verfasst wurde und wird, die niemals für die europäische Geschichte des Mittelalters Verwendung finden, sondern von der Quellenkritik aussortiert werden würden. Für die Geschichte der Azteken wurden sie dennoch verwendet.

Das führt zu Zuschreibungen und Erfindungen, die dem jeweiligen Urheber und seinem Weltbild gelegen kamen bzw. kommen. Bei der Geschichtsschreibung wird also mit zweierlei Maß gemessen, wie es laut Camilla Townsend sonst nicht vorkommen würde. Man könnte hier aber durchaus auf auf die Karthager verweisen, insbesondere der von den Römern gegenüber ihren tödlichsten Gegnern immer wieder beschworene Menschenopferkult erinnert direkt an das, was über die Indios erzählt wird.

In dem kleinen Kasten aus Die Geschichte der Welt wird die Problematik im letzten Satz deutlich: Nach der Lektüre von Fünfte Sonne würde man wenigstens eine andere Formulierung gebrauchen. Da Filme wie Apocalypto eine viel größere Reichweite haben und das Bild von Millionen Zuschauern prägen, die niemals ein Geschichtsbuch oder einen Atlas in die Hand nehmen würden, ist das Bild in der breiten Öffentlichkeit noch schräger. Wer das schaut, erhält ein gruselig verzerrtes Bild der Welt Altamerikas.

Für die Indios wurden andere Standards angewendet.

Camilla Townsend: Fünfte Sonne

Die Azteken waren eine Hochkultur. In ihrem Welt- und Selbstbild, das sich dramatisch von dem unterscheidet, was heute noch immer kursiert, lebten sie unter der fünften Sonne – vier Universen waren zuvor bereits zusammengebrochen. Schon diese Bemerkung macht klar, dass man den Barbaren-Topos getrost in die Rumpeltruhe verbannen kann.

Dorthin gehört auch das vielfach beschworene Opfer-Motiv: Die Azteken waren tatsächlich Opfer des spanischen Expansions- und Eroberungsstrebens, ihrer Beutegier und der von Europa eingeschleppten Erreger, die verheerende Epidemien auslösten. Es wäre jedoch grundfalsch, sie auf diese Rolle zu reduzieren oder gar festzulegen, gar nicht zu reden davon, dass die Azteken ein Ende gefunden hätten.

Camilla Townsend verfolgt das erklärte Ziel, die Kontinuitäten, die Anpassung an die neuen Umstände, die Adaption kultureller und technischer Aspekte (Lateinisches Alphabet, Segelschifffahrt) und die kluge sowie geschickte Nutzung für eigene Zwecke darzustellen. Zum Beispiel erkannten die Indios sehr schnell die Vorzüge des Alphabets gegenüber ihrer eigenen Form der Aufzeichnung und verwendeten sie, um ihre eigene Geschichte zu überliefern. Es gibt also indigene Quellen – sie stellen die Rezipienten allerdings vor einige Hürden.

König Moctezuma war den Ankömmlingen einfach unterlegen, und das wusste er.

Camilla Townsend: Fünfte Sonne

Dieser kurze Satz aus Fünfte Sonne bietet eine Menge Sprengstoff, vor allem die letzten drei Worte. Moctezuma wird so zu einem klar denkenden, handelnden Machtmenschen, der seine Optionen wägt und auf dieser Basis Einschätzungen und Entscheidungen trifft – genau wie die Europäer! Es kann keine Rede sein von jenem Geschwurbel, nach dem die Aztekenherrscher vor allem aus religiösen Motiven entschieden und handelten, gar nicht zu reden von der Behauptung, Cortés wäre als Gott angesehen worden.

Townsend beleuchtet, wie die Ankunft der Europäer im Reich der Azteken kommuniziert wurde, welche Maßnahmen ergriffen und Entscheidungen getroffen wurden: Informationen über die Ankömmlinge sammeln, ihre Ziele und Stärke einschätzen, die eigenen Möglichkeiten abwägen und auf dieser Basis taktische und strategische Optionen erdenken.

Man wage ruhig einen vergleichenden Blick in die Gegenwart, etwa auf die deutsche Russland- bzw. Nicht-Ukraine-Politik seit 2014, insbesondere aber die Handlungen der deutschen Exekutive nach dem Beginn des Angriffskrieges Russlands auf die Ukraine im Februar 2022 – die Krisensituation in Moctezumas Reich war weitaus dramatischer, die eigenen Handlungsspielräume viel geringer.

Moctezuma hat sich nicht geirrt, die Spanier waren ihm haushoch überlegen. Ein paar Gründe werden immer wieder genannt, zum Beispiel Feuerwaffen oder die stählernen Rüstungen. Pferde, die es in Amerika nicht gab, waren jedoch in den Kämpfen von großer Bedeutung, aber auch die Fähigkeit, große Segelboote zu bauen, mit Kanonen zu bestücken und auf dem See um Tenochtitlan einzusetzen. Nicht zu vergessen die militärische Organisation, das Kämpfen in Haufen, geschlossenen Formationen.

Es war fast so, als wenn das Europa der Renaissance auf das alte Sumer getroffen wäre.

Camilla Townsend: Fünfte Sonne

Noch wichtiger war, dass Moctezuma sehr genau wusste, was er seinem eigenen Reich zumuten konnte und was nicht. Um das zu berücksichtigen, ist eine genaue Kenntnis der Herrschaft, ihrer Entstehung und Entwicklung nötig – daran gebrach es in der Vergangenheit; es ist auch recht einfach und bequem, den Azteken religiöse Beweggründe statt machtpolitischer zu unterstellen.

Das Reich der Azteken hätte hohe Verluste in lang anhaltenden Kämpfen mit den Spaniern nicht ausgehalten, das war Moctezuma völlig klar; ein langer Krieg wäre der Selbstvernichtung gleichgekommen, daher hat er die Möglichkeit gesucht, mit den Konquistadoren zu verhandeln und eine Übereinkunft zu erzielen. Von Passivität oder gar „Feigheit“ kann überhaupt keine Rede sein.

An dieser Stelle macht sich der Vorzug der ausführlichen Schilderung des Aufstiegs und der Gestalt des Aztekenreichs bezahlt, denn die Fragilität ist leichter nachzuvollziehen, wenn man bereits weiß, dass ein »Dschingis Khan zu Fuß« (mangels Pferden) die Eroberung angeführt hatte, ein komplexes Gebilde verschiedener Herrschaftsabhängigkeiten entstand, das vor allem aufgrund der Bigamie zu vielschichtigen Problemen der Herrschaftsnachfolge führte.

Der Kampf um die Macht stand bei den Azteken genauso im Fokus wie etwa in Europa, nur die Mittel, Umstände und Vorgehensweisen waren verschieden. Ein Faktor war die Polygamie, was das Problem der Nachfolge ganz anders als im monogamen Europa, aber nicht weniger kompliziert gestaltet. Die Spanier konnten auch vor diesem Hintergrund die Unzufriedenheit jener Völker oder Machtgruppen ausnutzen, die mit den Azteken über Kreuz lagen und taten dies selbstverständlich auch.

Die Mexikaner von heute betrachten Marina vielfach als Verräterin an den Ureinwohnern Amerikas. […] Niemand in Marinas Welt wäre auf die Idee gekommen, das sie dem Volk Moctezumas zu Loyalität verpflichtet gewesen wäre.

Camilla Townsend: Fünfte Sonne

Für die so gewonnenen Verbündeten der Spanier bzw. Cortés war das auch eine Überlebensstrategie, weshalb das immer wieder aufkommende Verrat-Geschrei völlig fehlgreift. Niemals hätten die Azteken von ihren Gegnern irgendetwas wie Loyalität erwartet; das gilt erst recht für Marina bzw. Malitzin, eine Sklavin, die ihre Sprachfähigkeiten zum Dolmetschen und Verhandeln als Teil ihres Versuches, den Sturm zu überstehen, nutzt.

Die Erzählung dieses Versuch füllt ungeheuer spannende Seiten und Kapitel, in denen das Schicksal Marinas bzw. Malitzins und ihrer Kinder ausgebreitet wird, die wechselvollen Zeitläufte der Eroberung werden so aus einer ungewöhnlichen Perspektive nachvollzogen, ebenso die völlig unhistorischen und für politische Zwecke instrumentalisierten Ansichten und Bewertungen zu diesen Personen als »Verräter«.

Moctezuma hat alles versucht, seine Macht und das Überleben seines Volkes zu sichern. Als sich ihm die Chance bot, mit militärischen Mitteln Cortés und seine Soldaten zu teilen und zu vernichten, aus der Stadt zu treiben, hat er sie genutzt, nachdem sein anfänglicher, immer wieder modifizierter Friedensplan  fruchtlos blieb. Doch letztlich war das nur ein Pyrrhus-Sieg, denn die Ressourcen seiner Gegner waren schier unerschöpflich.

Letztlich muss man konstatieren, dass die Europäer neben ihrer militärisch-technischen und kulturell-kommunikativen Überlegenheit vor allem durch unendlichen Nachschub aus Europa nicht zu besiegen waren. Selbst wenn Cortés und seine Leute vollständig vernichtet worden wären, hätte es neue Spanier gegeben, die angetreten wären, Sieg und Herrschaft irgendwann errungen hätten.

Es ist eine Ironie der Geschichte, dass es die Bemühungen der humanitären und fortschrittsorientierten Liberalen waren, die den indigenen Völkern Mexikos einen schweren Schlag versetzten.

Camilla Townsend: Fünfte Sonne

Teil des Epiloges ist dem gewidmet, was von der indigenen Identität übrig geblieben ist. Es gehört zu den unbequemen Erkenntnissen, dass es ausgerechnet progressive Bemühungen waren, die wegen ihrer Auswirkungen auf den Sprachgebrauch in Alltag und Verwaltung die Indigenen massiv unter Druck gesetzt haben. Fünfte Sonne mahnt auch durch diesen Zusammenhang zur Vorsicht und dazu, genau hinzusehen und zuzuhören, der Anspruch von Progressivität ist nicht gleichbedeutend mit ihrer Umsetzung.

[Rezensionsexemplar]

Camilla Townsend: Fünfte Sonne
Aus dem Englischen von Anna Leube und Wolf Heinrich Leube 
C.H. Beck 2023
Gebunden 418 Seiten
ISBN: 978-3-406-798177

Jonathan Coe: Bournville

Leider konnte mich der leichtfüßig und flott zu lesende Roman nicht recht überzeugen. Cover Folio-Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Einen „Roman in sieben Ereignissen“ nennt Autor Jonathan Coe sein Bournville. Sieben Kapitel zuzüglich eines Prologs bilden die Ankerpunkte im Strom der Zeit, an denen die Erzählung Halt macht und etwas aus der Geschichte einer verzweigten britischen Familie berichtet, in deren Mittelpunkt Mary Lamb steht.

Los geht es jedoch in der unmittelbaren Vergangenheit, jenem Moment, in dem sich das Virus namens Corona Bahn bricht und die Welt vermittels einer Pandemie lahmlegt. Lorna, die Enkelin Marys, befindet sich auf Europatournee, die allerdings mehr einer bangen Jagd gleicht, weil die Band mit ihren Auftritten sozusagen den musikalischen Schlusspunkt vor dem Lockdown setzt.

Nach ihrer Rückkehr auf die britische Insel ermuntert Lorna ihre schweigsame und leicht tüddelige Oma zum Reden. Zum Beispiel über jenen Carl Schmidt, ein deutscher Vorfahr, den Mary 1945 in England kennengelernt hat. An diesem Punkt setzt die Erzählung ein, der Krieg gegen Deutschland geht zu Ende, Frieden und Freudenfeuer werden jedoch durch offen ausgelebte antideutsche Ressentiments getrübt, denn Carl mag zwar formal Engländer sein, wird jedoch als Deutscher angefeindet.

Bournville lässt seine Figuren in unterschiedlicher Besetzung vor dem Radio oder Fernseher sitzen und auf diese eher distanzierte Weise an zentralen Ereignissen teilhaben, der Siegesansprache des Königs etwa oder der Krönung Elisabeths II.. Überhaupt nehmen die Royals einen bemerkenswerten Raum ein, denn allein vier der sieben Ankerpunkte werden Ereignissen um sie gewidmet. Ja, darunter auch der Tod von Lady Di.

Damit beginnen die Schwierigkeiten, die ich mit diesem Roman hatte, denn das Königshaus hat mich doch sehr viel weniger angesprochen als die übrigen drei Kapitel (auch wenn ich tatsächlich die Hochzeit von Charles und Diana im TV verfolgt habe) – Kriegsende, Finale der Fußball-WM 1966 in Wembley und 75. Jahrestag des Kriegsendes. Doch auch bei diesen bleibt die Erzählung seltsam fadenscheinig, denn sie werden in den Gedanken und Gesprächen sowie Handlungen der Familienmitglieder erzählt.

Die drehen sich naturgemäß vorwiegend um eigene, persönliche Angelegenheiten, oft ist das Großereignis mehr ein ferner Lärm, ein Echo, das nicht allzu weit vordringt und an Bedeutung einbüßt. Die Frage stellt sich jedoch, warum sie dann überhaupt ausgewählt wurden? Es wirkt manchmal belanglos, beliebig und ohne zusammenhangslos nebeneinandergestellt, aber präsent genug, um dem, was aus der Familie erzählt wird, ebenfalls die Bedeutung zu rauben.

Das ist schade, denn Bournville ist munter erzählt, leicht und unterhaltsam zu lesen, es gibt eine Vielzahl einzelner Begebenheiten, die eine Menge über das verraten, was man Großbritannien nennt. Wenn etwas ein Engländer als Prince of Wales betitelt wird, stößt das bei Walisern nicht unbedingt auf Gegenliebe, woran die wenigen Brocken akzentschweren Walisisch nichts wesentlich ändern können.

Das sind die lichten Momente in dem Roman, von denen es einige gibt, die jedoch zusammenhangs- und folgenlos aufleuchten und wieder verlöschen. Viel zu selten wird es ironisch oder sarkastisch, gar nicht zu reden von schwarzem Humor, für den sich doch ein weites Spielfeld böte, nicht allein wegen der Farbe jenes Nahrungsmittels, das Anlass für einen jener hübschen, sinnlosen und mit Erbitterung ausgefochtenen europäischen Streits bietet, bei denen man sich kopfschüttelnd abwendet und ein Stoßgebet gen Himmel schickt: Schokolade.

Am Ende des Romans bleibt man seltsam irritiert zurück. Vieles wird angerissen, bleibt jedoch flüchtig, sowohl die historisch-politischen als auch die familiär-persönlichen Themen anbelangt. Da Bournville in ein ganzes Erzähluniversum eingefügt ist, mag es Lesern, die bereits die anderen Werke Coes gelesen haben, bei diesem Roman anders ergehen. Möglicherweise ist für sie das, was ich als flüchtig empfunden habe, eher ein dankbarer Weg, Wiederholungen zu vermeiden.

[Rezensionsexemplar]

Jonathan Coe: Bournville
Aus dem Englischen von Cathrine Hornung, Juliane Gräbener-Müller
Folio-Verlag 2023
Hardcover 409 Seiten
SBN 978-3-85256-885-0

Jaroslav Rudiš: Weihnachten in Prag

Prag – das weckt Assoziationen. Einige davon finden sich in den stimmungsvollen Illustrationen diesen schönen Büchleins wieder, von anderen Begebenheiten wird der Leser überrascht. Cover Luchterhand Literaturverlag, Bild mit Canva erstellt.

Ich irrlichtere ein wenig, um nicht zu viel zu verraten aus dem Weihnachten in Prag, von dem Jaroslav Rudiš in diesem schönen Büchlein erzählt. Man sagt ja so oft, dieses oder jenes Buch gehöre unter den Weihnachtsbaum, hier aber passt es nun wirklich. Das kleine Bändchen, sehr stimmungsvoll illustriert von Jaromir 99, kann man nach der Bescherung schmökern, in einem Zug, vielfach unterbrochen durch die Wirklichkeit oder lange Gedankenflüge, ganz wie es beliebt.

Schon der Anfangssatz eröffnet, worum es sich bei dieser Erzählung dreht: Verlorengehen. In Prag wäre der Ich-Erzähler zum ersten Mal in seinem Leben verloren gegangen. Nicht irgendwo in der Stadt an der Moldau, sondern am Hauptbahnhof, wo die Geschichte ihren Anfang und – soviel darf doch verraten werden – ihr Ende findet.

Der Autor hat eine familienbedingte Affinität zur Schiene, sein Roman Winterbergs letzte Reise quert und kreuzt in Zügen das von Geschichte überquellende Zentraleuropa, Rudiš hat eine literarische Handreichung zum Zugfahren verfasst und sich so verbunden mit dieser Form des Reisens geäußert, dass man vermuten möchte, er wäre noch nie mit der Deutschen Bahn gefahren. Ist er aber, die Zumutungen des Zugfahrens empfindet er als Teil des Reisens.

Das ist direkt in die Erzählung eingeflossen, denn der Ich-Erzähler, Jára, verlässt gleich zu Beginn den Hauptbahnhof, von dem es später heißt, es wäre die schönste Kirche Prags. Wieder geht er verloren. Seine Freunde, mit denen er verabredet ist, kann er nicht erreichen – in Zeiten der Immer-und-ewigen-Erreichbarkeit eine Ausnahme, die jedoch das Tor aufstößt zu einem ausgedehnten Gang durch die weihnachtlich-winterliche Stadt.

Wer verloren geht, trifft auf andere Verlorene. Kavka, der Briefe sortiert, einen „König von Prag“, ausgestattet mit allen Schlüsseln der Stadt, und eine Italienerin, deren verstorbener Mann eine sensationelle Leidenschaft für Prag besaß. Es sind diese leichten Verschrobenheiten, die dem verirrten, verlorenen Erzählen eine besondere Note verleihen.

Jára sucht allein und mit seinen zufälligen Bekanntschaften Kneipen auf, was sonst in der Stadt des Bieres, gute Kneipen, in denen das Getränk vor dem Gast steht, bevor der überhaupt ordern muss. Die Perspektive ist für eine Schmonzette ungeeignet; sie ist aber sehr stimmungsvoll und in gewisser Hinsicht auch heimelig, allein wegen der schönen Illustrationen, aber eben aus einer Kartoffelsalat-Karpfen-Bier-Sicht verfasst.

Jaroslaw Rudiš wäre nicht er selbst, wenn er den Leser so einfach entlassen würde aus seiner Weihnachtsgeschichte, ohne noch eine Volte zu schlagen. Über die kann man dann nachdenken, Heiligabend, zufrieden und satt auf dem Sofa, in aller Ruhe mit Blick auf den Baum, vielleicht ein Glas Pils in der Hand, nicht allzu tief, nicht allzu schwermütig oder gar traurig, sondern eben weihnachtlich.

[Rezensionsexemplar]

Jaroslaw Rudiš: Weihnachten in Prag
Mit Illustrationen von Jaromir 99
Luchterhand Literaturverlag 2023
Gebunden, 98 Seiten
ISBN: 978-3-630-87754-9

Angela Steidele: Aufklärung

Ein Historischer Roman aus der Sicht einer Tochter Johann Sebastian Bachs, stimmungsvoll, atmosphärisch und in besten Sinne aufklärerisch. Cover Insel-Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Ein literarisches Gegenspiel, eine Gegenbiographie, die aufklärt darüber, wie es nach Ansicht des erzählenden Ichs tatsächlich gewesen ist. Das weicht erheblich von dem ab, was aus Männerfedern auf Papier geflossen ist und die Überlieferung geprägt hat. Doch geht die Autorin noch – mindestens – einen Schritt weiter und lässt ihre Erzählstimme keineswegs unangefochten berichten – sie wird immer wieder infrage gestellt, unterbrochen, korrigiert, während sie schreibt. Kleine Sätze der Rechtfertigung sind hier und da in Klammern eingeflochten.

Im besten Sinne der Aufklärung bleibt es also am Ende beim Leser, wem und was er Glauben schenken will. Aufklärung ist ein großer Lesespaß! Man muss sich ein wenig einlesen, in den Stil, den die Autorin Angela Steidele sanft koloriert hat und etwas zeithistorisch klingen lässt, was den Lesefluss befördert sowie lustig und einfach schön ist, ohne diese träge, staubige Schwere alter Grammatik.

Die Geschichte ist in der Ich-Form präsentiert, die Erzählerin ist Dorothea Bach, eine Tochter von Johann Sebastian Bach, von der nahezu nichts überliefert ist. Ein gefundenes Fressen für eine Autorin von einem Historischen Roman, denn diese Leerstellen wollen gefüllt werden – mit Fiktion. Steidele widmet sich dieser Aufgabe mit Hingabe, Leichtigkeit, Humor, bisweilen bissigem Sarkasmus und lässt eine ganz wundervolle Welt vor den Augen der Leser entstehen.

Sie ist voller Musik, Herzenswärme, Literatur, gelehrten Gesprächen, Spott, Neid, Eifersucht, Streit – aber auch berührt von den Unbilden der Zeit. Der Macht des Todes, der Krankheit, der Armut, die Verheerungen der Kriege Friedrichs II. und die Zudringlichkeiten einer unaufgeklärten Welt. Dabei gelingt es Steidele, den leichten Tonfall beizubehalten, hier wird nicht stiefeltrampelig einer Wahrheit Bahn gebrochen, der Leser wird geradezu aufgefordert, selbst zu denken.

Ganz besonders atmosphärisch sind die kleinen Anmerkungen unten auf der Seite, die auf die Werke Johann Sebastian Bachs verweisen, von denen in der Erzählung die Rede ist. Man kann sie problemlos anhören und mit dem vergleichen, was die Erzählstimme und andere Zeitgenossen zu sagen haben. Aber auch Literatur ist aufgeführt, Dramen, Theaterstücke, Romane, Sachbücher aller Art, in die ohne große Schwierigkeiten ein Blick geworfen werden kann, denn diese zeitgenössische Literatur steht im Internet zumeist zur Verfügung.

Apropos Internet. Anlässlich einer Lesung beim Göttinger Literaturherbst hat Angela Steidele neben vielen anderen sehr aufschlussreichen Bemerkungen auch gesagt, sie habe heimlich etwas über die Gegenwart erzählen wollen. Das wollen – gute – Historische Romane ja oft. Und so darf man sich fragen, ob Lautentius Gugl nur zufällig diesen Namen trägt oder die Zwitscherblättchen, die – weil gedruckt – anonym über andere Zeitgenossen herziehen, vielleicht auf eine moderne Kommunikationserscheinung anspielen.

Angela Steidele macht sich zudem ein großes Vergnügen daraus, große Männer von ihren Sockeln zu holen. Gotthold Ephraim Lessing etwa kommt nicht gerade gut weg, Friedrich II., der so genannte „Große“, verdiente sich ganz andere Beinamen. 

Rousseau? „Ein armes Irrlicht aus Genf, der sich mit allen verkracht“, lässt sie den Leser aus dem Munde Luise Gottscheds wissen, verbunden mit einem didaktischen Hinweis für die Gegenwart: „Weil sich jeder über ihn aufregt, erhält er so viel Resonanz. Da müssen wir seine absurden Ansichten nicht auch noch ventilieren.“  Don´t feed the troll, würde man heute sagen.

Das Ende ist ganz fabelhaft gelungen. Vier Zeilen eines Gedichtes machen noch einmal deutlich, worum es in dem Roman Aufklärung eigentlich geht: Jene ins richtige Licht rücken, die bislang im Schatten standen, dorthin das Licht leuchten lassen, wo Dunkelheit, (Ver-)Schweigen und Vergessen bis heute Vieles verborgen hat, was ans Licht gehört.

Mit großem Vergnügen verweise ich auf eine ebenso vorzügliche wie ausführliche Buchvorstellung von Marius Müller, der durch seinen sehr anregenden Text verantwortlich dafür ist, dass ich diesen wunderbaren Roman gelesen habe.

Angela Steidele: Aufklärung
Insel Verlag 2022
Gebunden 602 Seiten
ISBN: 978-3-458-64340-1

Christopher Clark: Frühling der Revolution

Barrikaden wurden in vielen Städten Europas errichtet, wie hier in Wien. Los ging es allerdings in Palermo, nach einem Vorspiel in der Schweiz. Cover DVA, Bild mit Canva erstellt.

Ein eher stiefmütterliches Dasein fristet die große europäische Revolution von 1848/49 im Geschichtsunterricht, möglicherweise auch im Studium des Faches. Vor derartigen Verallgemeinerungen sollte man sich normalerweise hüten, doch in diesem Fall gibt es einen guten Grund für das relative Desinteresse: Der Zivilisationsbruch nach 1933, dessen Gespenster auch nach der Niederlage von 1945 keineswegs verschwunden sind, ja, sogar wiederzukehren scheinen, überschattet mehr oder weniger alles andere in der deutschen Geschichte.

Höchste Zeit also, dass sich etwas daran ändert, nicht um die Schreckenszeit zwischen 1933 und 1945 zu relativieren, sondern sich von einer ganzen Reihe von allzu bequemen Irrtümern und naiven Klischees verabschieden. Christopher Clark hält in seinem monumentalen Werk Frühling der Revolution eine ganze Reihe von Zumutungen parat, die Sonderwegs- und Revolutionsphantasten gleichermaßen aufstoßen werden.

Clark richtet den Blick bewusst auf Europa, von Portugal bis zur Walachei bzw. Moldau. Er verzichtete darauf, sich der herkömmlichen nationalen Sichtweise anzuschließen und ebenso, die Februarrevolution in Frankreich als alleinigen und ausschlaggebenden revolutionären Ausgangsimpuls anzusehen – wie es zum Beispiel in einer Karte des frankozentrierten Altas Die Geschichte der Welt von Christian Grataloup geschieht.

Das Bild suggeriert, die Revolutionen von 1848/49 wären einem starken Impuls von Paris ausgehend entflammt; Christopher Clark zeichnet ein ganz anderes Bild, das den Anteil von Paris berücksichtigt, aber in vielfacher Hinsicht relativiert. 1830 war das übrigens etwas anders, denn da ging wirklich alles von Paris aus. Hilfreich ist die kleinere Karte, auf die globalen Auswirkungen der Revolutionen erahnbar werden.

Los geht es in – Palermo, nach einem Vorspiel in der Schweiz, dem so genannten Sonderbundskrieg 1847. Der Aufruhr in Sizilien Anfang 1848 war der eigentliche Impuls, Clark weist nach, dass davon in vielen Regionen Europas durchaus öffentlich die Rede war und eben nicht nur von den Ereignissen in Paris. Durch die Kommunikationskanäle jener Jahre mit einer Zeitverzögerung, die heute geradezu grotesk erscheint. Danach geschieht vieles gleichzeitig und zum Teil auch gegenläufig.

Ab Anfang März 1848 ist es unmöglich, die Revolutionen als lineare Abfolge von einem Schauplatz zum nächsten zu verfolgen. Wir treten in die Phase der Spaltung ein, in der fast gleichzeitige Explosionen komplexe Rückkopplungsschleifen entstehen lassen.

Christopher Clark: Frühling der Revolution

Durch diesen Ansatz ist es nahezu unmöglich, die Ereignisse chronologisch abzubilden – möglicherweise liegt hierin auch eine der Verlockungen der späteren Nationalisierung der Revolutionsgeschichte(n), mit erheblichen Folgen: Die Komplexität der Ereignisse und – ganz wichtig – ihre Verbindungen und gegenseitigen Beeinflussungen, aber auch die gleichzeitig an verschiedenen Orten ausbrechenden Empörungen verschwanden hinter dem Wahrnehmungshorizont.

Das ist nicht nur bedauerlich, sondern für die Gegenwart und das Verständnis von welterschütternden Ereignissen nachteilig. Clark hält den Februar 1848 für einen Tahir-Moment! Er stellt den so genannten »Arabischen Frühling« in eine Bedeutungslinie mit der großen europäischen Revolution von 1848/49. Beiden ist neben vielem anderen auch gemein, dass sie die Ziele der politischen, gesellschaftlichen und religiösen Emanzipation nicht erreicht haben.

Dennoch stellt sich die Frage, ob es nicht zu kurz greift, wenn man von einem Scheitern spricht, gar nicht zu reden von jenen, die den Aufständischen oder gar den »Völkern« dieser Region mangelnde Reife attestieren. Der Vorwurf der Unreife war bereits von 175 Jahren ein Mittel, mit dem Forderungen nach Emanzipation aller Art abgebügelt wurden.

Wie also sollte man die Revolutionen von 1848/49 bewerten?

War es wirklich nur eine jämmerliche Parodie der Revolution von 1789, wie Karl Marx meinte, oder sollte man dem bärtigen Kommunismus-Gläubigen unlautere Motive bei seiner Einschätzung unterstellen? Überhaupt ist Clarks Buch eine gute Anregung zum Weiterdenken – wie steht es allgemein mit Revolutionen und (gesellschaftlichem) Fortschritt? Waren die Revolutionen 1917/18 in diesem Sinne erfolgreich? Jene von 1989? Gab es jemals eine »erfolgreiche« Revolution?

Soziale Unzufriedenheit ›verursacht‹ keine Revolution – wenn sie das täte, käme es viel häufiger zu Revolutionen.

Christopher Clark: Frühling der Revolution

Die europäische Revolution von 1848/49 ist nicht im luftleeren Raum entstanden. Clark zeichnet eine Reihe von Entwicklungen in den Jahrzehnten vor dem umfassenden Aufruhr nach. Der so genannte »Pauperismus« etwa gilt vielen als wichtiger Faktor oder gar der Auslöser der Revolution, dem Clark jedoch widerspricht. Während der Lektüre verfestigt sich eher der Eindruck, dass die soziale Frage vor allem bremste, Ängste bei liberalen Kräften auslöste und diese die Seiten wechseln ließ, mit verheerenden Folgen für den Verlauf der Revolution.

Schon bei diesem Zusammenhang wird klar, wie erkenntnisfördernd Clarks Vorgehen ist. Er arbeitet die großen Unterschiede heraus, die zwischen den Regionen Europas bestanden und zeigt, dass es eben keine direkte Linie zwischen den zum Teil verheerenden sozialen Auswirkungen der Hungersnöte 1847 und dem Revolutionsausbruch 1848 gegeben hat. Bedeutungslos waren sie nicht, allein der Faktor Angst beeinflusste den Revolutionsverlauf beträchtlich.

»Arme dulden« und machen keine Revolution. Wer aber dann? Eine Revolution ist politisch, also müssen politisch denkende und agierende Menschen dafür verantwortlich sein. Es gab zwischen dem Sieg über Napoleon Bonaparte und 1848 zahlreiche Aufstände, Erhebungen, Umstürze und Revolutionen, viele davon wurden wie Verschwörungen geplant und durchgeführt – der Staat wappnete sich mit Polizei und Militär geschickt dagegen. Aber 1848/49 half das wenig, denn mit den Massen, die den politischen Protestaktionen spontan in die öffentlichen Räume folgten, hatte man nicht gerechnet.

Das Militär und die Polizei in Paris – wie in vielen anderen Städten in ganz Europa – hatten sich in den vergangenen 18 Jahren auf die falsche Revolution vorbereitet.

Christopher Clark: Frühling der Revolution

Clark erklärt vor seiner Schilderung der Revolutionsereignisse zunächst einmal ausführlich jene Welt vor 175 Jahren. Bei den Ordnungskonzepten erwies sich ausgerechnet die Macht des Mannes über die Frau, insbesondere in der Ehe an, als unantastbar, während andere Bastionen zumindest ins Wanken gerieten: Feudalismus, Adelsprivilegien, Zunftrechte, Sklaverei. Die »geschlechtsbedingte Ungleichheit [wehrte] sich am hartnäckigsten gegen jede Veränderung.« Eine ebenso ernüchternde wie bittere Erkenntnis.

Bei dem Versuch, rückblickend Ordnungsprinzipien bzw. -gruppierungen zu erdenken, macht das disparate und von hoher Mobilität gekennzeichnete Verhalten Probleme. Es fällt schwer, zum Beispiel »Liberale«, »Demokraten« oder »Radikale« genau zu fassen; selbst »Konservative« unterschieden sich grundlegen. Ein Konservativer, der Revolutionäre für irregleitet hält, ist grundverschieden von einem, der in ihnen »satanische Rebellen gegen Gott« sieht.

Die französische Revolution von 1830 ist tatsächlich eine Art Initialzündung für nachahmende Aufstände in Italien, Polen und Deutschland gewesen, die massive Enttäuschung bezüglich der Ergebnisse führte zu politischen Oppositionsbewegungen in den Jahren danach. Es entspann sich ein reges Katz- und Mausspiel zwischen Opposition und Staat, das in Palermo am 12. Januar 1848 jäh endete und in einen Aufstand mündete, der zuvor per Plakat (!) angekündigt wurde.

Das ist nur die erste der an Kuriositäten reichen Geschichte der europäischen Erhebungen 1848/49, die insgesamt zeigen, wie dünn der Firnis ist, der eine scheinbar stabile Ordnung von ihrem Untergang trennt. Warum führte ausgerechnet die Revolutionen von 1848 zu einem – recht kurzen – Erfolg, nachdem so viele Anläufe zuvor scheiterten? Eine Antwort:

Liberale waren ausdrücklich keine Demokraten; sie waren überzeugte Anhänger eines begrenzten Wahlrechts.

Christopher Clark: Frühling der Revolution

Ein Blick nach England, das sich irrigerweise im Glauben wähnt(e), eine selbst angedichtete liberale Verfassung hätte einen Aufstand mehr oder weniger unnötig gemacht, offenbart die Bedeutung von umfassenden und geeigneten Sicherheitsmaßnahmen. Knüppel in großer Zahl haben auf der Insel schon den Aufruhr im Ansatz niedergehalten und hätten dank schierer Masse auch weiterreichende Ansätze erstickt, argumentiert Clark.

Das Regime in Großbritannien war besser vorbereitet als die auf dem Kontinent. Clark sagt mehrfach, dass man etwa in Frankreich auf den falschen Aufstand eingestellt war, in Deutschland waren die geheimdienstliche Gegenmaßnahmen vor 1848 sehr erfolgreich, dann aber zunächst nicht mehr. Für die Gegenwart lässt sich daraus die Lehre ziehen, dass die Erhebung 2020 in Belarus mit geringen Chancen in die Schlacht zog, stand hinter Lukaschenko doch Putin und ein ruchloses, erprobtes und ausgeklügeltes Repressionsmanagement.

Die Revolutionen von 1848/49 sind in eine erfolgreiche Gegenrevolution übergegangen, was durchaus als »Scheitern« interpretiert werden kann. Wer Clarks Darstellung aufmerksam folgt, merkt bereits während der Phase der Etablierung der neuen Revolutionsherrschaft, dass dieses »Scheitern« bereits hier seinen Anfang nimmt. Ein Beispiel: Steuern sind unbeliebt, aber nötig, um zu regieren; sie wirken aber wie Wasser und Sand auf das revolutionäre Freudenfeuer und führen zu Streit unter den Revolutionären.

Noch problematischer war der Gegensatz zwischen Stadt und Land, der verschärft wurde, durch eine leichtfertige und hartnäckige Ignoranz gegenüber den Verhältnissen außerhalb der urbanen Zentren – dort aber wohnte, arbeitete und litt die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung. Sie ging den revolutionären Bewegungen rasch verloren, auch dort, wo die Landbevölkerung gegenüber den Erhebungen grundsätzlich positiv eingestellt war, weil ausnahmsweise von den Revolutionären auf die wenigen Einsichtsvollen gehört wurde. Aber auch in diesen Fällen ließen sich komplexe, vertrackte und von den bisherigen Privilegierten bis aufs Blut bekämpfte Strukturen nicht so einfach durch bessere ersetzen.

In Neapel zeigte sich, dass die Konterrevolution noch ein paar Asse im Ärmel hatte.

Christopher Clark: Frühling der Revolution

Ein ganz wichtiger Faktor, der bisweilen übersehen wird, ist die Stärke der Reaktion, der Konservativen, Adeligen, Monarchen und vor allem anderen: des Militärs. Einmal nur, in Baden, sind reguläre Truppen in nennenswerter Zahl auf die Gegenseite gewechselt, was 1849 zu einer ausgedehnten militärischen Kampagne mit großen Schlachten führte. Ungarn wäre vielleicht auch noch zu nennen, da waren die Verhältnisse jedoch anders und noch viel komplexer als in Süddeutschland. In beiden Fällen waren die Aufständischen der Gegenrevolution militärisch hoffnungslos unterlegen.

Die Verlässlichkeit des Militärs (und des Polizeiapparates) ist das vielleicht größte Plus gewesen, auf das sich die Gegenrevolution im Verlauf der Revolution stützen konnte. Dem hatten die Aufständischen nichts entgegenzusetzen, sie schwächten sich vielmehr selbst und spalteten sich entlang der scharf gezeichneten Bruchlinien auf. Psychologisch war die Revolution am Ende, als sie sich selbst entzauberte, indem sie ihr Angstpotential einbüßte. Das geschah wieder nicht in Paris oder Berlin, sondern in Neapel.

Zu den Kuriositäten, die auch Anfang des 21. Jahrhunderts nachdenklich machen sollten, gehört, dass es den Konterrevolutionären gelang, das Volksempfinden auf ihre Seite zu bringen. Clark zeigt wunderbar auf, wie auf das »Abflauen der Revolution« eine verblüffende »Mobilisierung des Volkes gegen sie« folgte. Das entspricht nun gar nicht den Bullerbü-Versionen von Revolutionen, wie sie in Romanen und Filmen so gern transportiert werden.

Überall in Europa waren Schaulustige und Dummköpfe entscheidend für die wechselhafte Mechanik der Machtverhältnisse.

Christopher Clark: Frühling der Revolution

Auch sind die Vorgänge um die Wahl Louis-Napoléon Bonapartes zum Präsidenten Frankreichs am 10. Dezember 1848 in höchstem Maße bedenklich. Es war ein völlig unerwarteter Erdrutschsieg, in dem Bonaparte fast drei Viertel (!) der Stimmen erhielt. Das Ergebnis wurde vorher als unwahrscheinlich erachtet, im Nachhinein als unvermeidlich dargestellt. Die Kalkulation der vorgeblich klugen, einsichtigen Konkurrenten waren offenkundig grundfalsch. Da der Mensch sich nicht ändert, dürfte derlei auch der der Gegenwart wieder vorkommen. Und wer dächte jetzt nicht an Trump?

Interessant ist auch, dass Russland während des voluminösen Buches recht wenig Raum einnimmt und wenn, dann in der Rolle der konterrevolutionären Interventionsmacht. Die konservativen und reaktionären Kreise des Landes, aber auch die Linken, Progressiven wandten sich massiv gegen »den Westen«, aus unterschiedlichen Motiven, doch mit allzu vertrauten Argumenten und der Erkenntnis, die man immer wieder berücksichtigen sollte: Russland gehört(e) nicht zu Europa.

Der Frühling der Revolution von Christopher Clark ist ein herausragendes, monumentales, vielschichtiges und hervorragend argumentierendes Werk über die Revolutionen von 1848/49 in Europa, das dem Leser allein durch seinen Umfang einiges abverlangt. Der Autor schreibt in einer fesselnden Weise, bleibt dabei differenziert und klar, was es enorm erleichtert, die Entwicklungen an so vielen Schauplätzen nachzuvollziehen. Die Zeit, die es braucht, ist gut investiert, denn man versteht die Vergangenheit und Gegenwart sehr viel besser, weil man die richtigen Fragen stellt.

[Rezensionsexemplar]

Christopher Clark: Frühling der Revolution
Aus dem Englischen von Norbert Juraschitz,Klaus-Dieter Schmidt, Andreas Wirthensohn
Hardcover 1.168 Seiten
mit 42 s/w-Abbildungen und 5 Karten
ISBN: 978-3-421-04829-5

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