Schriftsteller - Buchblogger

Schlagwort: Antisemitismus (Seite 8 von 10)

Volker Kutscher: Märzgefallene

Der fünfte Teil der Reihe um Kriminalkommissar Gereon Rath ist äußerst stimmungsvoll um einen sehr spannenden Fall gewoben. Cover KiWi, Bild mit Canva erstellt.

Gelesen – natürlich im März. Neunzig Jahre nach den Ereignissen, die den historischen Hintergrund für den fünften Mordfall bilden, den Kommissar Gereon Rath zu lösen hat; wann passt die Lektüre schon einmal so gut? Und wann ist ein Roman so gut informiert, versteht es, den Zeitgeist, braun und gewalttätig, so mitreißend einzufangen, ohne den Zeigefinger studienrätisch zu schwingen, sondern einen wirklich spannenden Kriminal-Thriller zu erschaffen?

Das Wort »Kulisse« wäre herabwürdigend, denn Volker Kutscher hat Märzgefallene so gestaltet, dass die historischen Ereignisse den Gang der Ermittlungen massiv beeinflussen. Rath und seine Verlobte, Charlotte Ritter, werden in den Mahlstrom der Ereignisse nach der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler hineingezogen, der Brand des Reichstags, die Grausamkeiten der zur Hilfspolizei aufgewerteten SA und die Durchdringung der Behörden durch die neuen Machthaber.

Vom Zauber und Charme der Weimarer Republik ist nicht mehr viel geblieben. Hakenkreuzfahnen allüberall, Aufläufe, brutale Gewalttaten, während viele Bürger versuchen, ihren normalen Alltag inmitten des radikal antidemokratischen Umsturzes zu leben, andere den neuen Machthabern in devoter Haltung entgegenkommen, sich anpassen, Opportunisten. Standfestigkeit führt aufs Abschiebegleis oder zieht Schlimmeres nach sich.

Der geschönte Krieg, für die Familie daheim.

Volker Kutscher: Märzgefallene

In beklemmenden Szenen zeichnet Kutscher nach, wie aus den Vorbänden bekannte Figuren, etwa der bereits geschasste Polizeipräsident Bernhard Weiß, um ihr Leben bangen müssen, wenn der braune Mob heranwalzt und von der Schutzpolizei nicht gehindert die Privatwohnung stürmt. Mit den Hauptfiguren, vor allem Charlotte Ritter, fühlt man die Hilflosigkeit und Ohnmacht, mit Gereon Rath die Neigung, Wegzusehen, Abzuwiegeln und Weiterzuwurschteln.

Wer nicht entkommen kann, nimmt Schaden an Leib und Leben. Das bekommt auch die Unterwelt zu spüren, die in Gestalt von Johann Marlow auch in diesem Teil wieder mitmischt, was dem Autor vielfältige kreative Spielräume eröffnet, die dieser weidlich nutzt. Auf diesem Weg nimmt Kutscher nämlich den Leser mit hinab ins Inferno der SA-Gefängnisse, in denen schon ganz zu Beginn des so genannten »Dritten Reichs« tausende gebrochen, versehrt und getötet wurden, nach unsäglichen Qualen.

Rath muss in diesem tobenden Durcheinander mehrfach seinen geschmeidigen Umgang mit Recht, Ordnung und Regeln unter Beweis stellen, um nicht zwischen den Mühlsteinen zermahlen zu werden. Bei allen Auseinandersetzungen zwischen dem sich unpolitisch gebenden Rath und der engagierten und klarsichtigen Charlotte Ritter geben beide dem Drang zu Extratouren allzu gern nach, um der Ödnis des Dienstes zu entgehen und den Fall voranzutreiben.

Dieser berührt einen Todesfall ganz besonderer Art, der seine Wurzel – wie so oft bei Kutscher – in der noch weiter zurückliegenden Vergangenheit. Märzgefallene bezieht sich auch auf Ereignisse aus dem März 1917, als während einer Rückzugsoperation gewaltige Zerstörungen im Frontgebiet angerichtet wurden. Dabei soll es zu einer folgenschweren Tat gekommen sein, die einen Beteiligten sechszehn Jahre später zu der Veröffentlichung eines Romans animiert, mit dem Titel: Märzgefallene.

»Die Operation Alberich«, sagte Roddeck. »Ich war seinerzeit mittendrin. Wir haben das Gebiet evakuiert, Straßen vermint, Schienen zerstört und in den verlassenen Dörfern Sprengfallen gelegt, Brunnen vergiftet und was sonst noch alles nötig war.«

Volker Kutscher: Märzgefallene

Volker Kutscher ist es wiederum gelungen, einen schlüssig aufgebauten, vielschichtigen Fall zu konstruieren, die unvermeidlichen Twists bei der Aufdeckung der Motive und Hintergründe erscheinen folgerichtig und logisch. Vor allem sind sie spannend und verwickelt, so dass auch Leser gewöhnlicher Krimis auf ihre Kosten kommen.

Doch ist die Atmosphäre, die Kutscher in seinen Märzgefallenen zu schaffen versteht, der heimliche Star dieses Romans. Wenn der Showdown naht, der verwickelte und komplizierte Fall gelöst ist und Rath eine Idee entwickelt, das Ganze zu einem halbwegs verträglichen Ende zu führen, wütet zeitgleich die berüchtigte Bücherverbrennung. Das ist keinesfalls nur Kulisse, aber selbst als solche wäre sie einfach großartig.

Eine Besonderheit kostet der Autor auch im fünften Band seiner Reihe voll aus: Kommissar Gereon Rath ist nicht pflegeleicht oder gar stromlinienförmig. Er hat ein gutes Händchen, Motive und Zusammenhänge aufzudecken, aber auch, sich persönlich in Schwierigkeiten zu bringen. Er ist katholisch in dem Sinne, dass Paris eine Messe wert ist – etwa durch Gefälligkeiten für und von dem Unterweltboss Johann Marlow. Diese Kooperation macht Rath faktisch zu einem bestechlichen Beamten.

Rath nickte.

Volker Kutscher: Märzgefallene

Die Ambivalenz reicht darüber hinaus in den politischen Bereich, dem die Hauptfigur mit naiver Verharmlosung und einem gehörigen Konservativismus begegnet. Das führt zu massiven Spannungen mit Charlotte Ritter, die als hehre Verteidigerin von Demokratie gezeichnet ist, Ohnmacht empfindet, Ekel und Trauer, während sie versucht, den herabstürzenden Trümmern des zerbrechenden Systems auszuweichen.

Für mich als historisch interessierten Leser sind die Verbindungen zu anderen Büchern faszinierend. Wunderbar ergänzend zu den ersten fünf Teile der Reihe ist etwa Höhenrausch von Harald Jähner, wer das Buch kennt, für den gewinnt die Handlung noch einmal beträchtlich an Tiefe. Das gilt bei der Lektüre von Märzgefallene auch für Uwe Wittstocks, Februar 33: Während Gereon Rath noch glaubt, es könne sich alles zum Guten wenden, hat ein Brain Drain durch massenhafte Intellektuellen-Flucht schon stattgefunden.

Weitere Romane der Buchreihe:
Volker Kutscher: Die Akte Vaterland.
Volker Kutscher: Lunapark.
Volker Kutscher: Marlow.
Volker Kutscher: Olympia.
Volker Kutscher: Transatlantik.

Volker Kutscher: Märzgefallene
Kiepenheuer&Witsch 2014
Gebunden 608 Seiten
ISBN: 978-3-462-04707-3

Tanja Maljartschuk: Gleich geht die Geschichte weiter, wir atmen nur aus

Essays aus den Jahren 2014 bis 2022, die dem Leser die Ukraine unter dem Eindruck der russischen Aggression näherbringen. Cover Kiwi, Bild mit Canva erstellt.

Essays gehören nicht zu meinen Lieblingstexten. Könnte ich behaupten, denn in meinem Bücherregal steht kein einziges Buch mit Essays. Dennoch ist das die Unwahrheit oder sagen wir: die halbe, denn ich lese seit Jahrzehnten mit einiger Regelmäßigkeit Versuche über irgendetwas. Überregionale Tageszeitungen und Wochenblätter haben im Feuilleton, manchmal auch im Wirtschaftsteil essayistische Texte, die ich wirklich gern und oft mit Gewinn lese.

Aber als Buch?

Der Angriffs- und Vernichtungskrieg von Putins Russland gegen die Ukraine hat dieses Land in den Fokus gerückt. Da ich schon seit zwei Jahrzehnten der Meinung bin, dieser Staat gehöre – anders als Russland – zu Europa, in die EU und Nato, und die politische Entwicklung verfolgt habe, lag es nahe, zum Jahrestag des Großangriffs etwas zu lesen. Romane aus der Ukraine kenne ich ein paar, um etwas anderes kennenzulernen, habe ich zu diesem Essay-Band (und einem Kriegs- und Fluchttagebuch) gegriffen.

Frieden ist eine Vorahnung der Katastrophe, nichts mehr.

Tanja Maljartschuk: Gleich geht die Geschichte weiter, wir atmen nur aus

Der Essayband versammelt eine Reihe recht kurzer Beiträge aus den Jahren 2014 bis 2022. Sie sind sehr persönlich gehalten und bringen dem Leser die Ukraine und ihre Menschen nahe. Das ist keine besonders angenehme Lektüre, sie ist von Tragik umwittert. Mich erinnert das etwas an Irland und vor allem an Kurdistan, ein Volk, das einfach negiert und umgedeutet wird, um ihm die Berechtigung einer Nation zu nehmen.

Die Essays reichen oft in das zwanzigste Jahrhundert und weiter zurück; Russland hat seit jeher blutige Kriege und Vernichtungsfeldzüge geführt, den unendlichen Grausamkeiten des Holodomor folgte der deutsche Vernichtungskrieg, ein langer Partisanen-Kampf nach 1945 gegen die Sowjets und schließlich eine Republik, die formal unabhängig, strukturell und mental sowjetische war. Wen wundert es, dass die Essays wenig Sonnenlicht bieten?

»Das Schlimmste am Kommunismus war ebendieser Zwang (oder die besten Bedingungen dafür) gewissenlos, ehrlos zu sein. Wer das nicht konnte, büßte schwer.«

Tanja Maljartschuk: Gleich geht die Geschichte weiter, wir atmen nur aus

Interessant ist, dass Nahebringen in diesem Fall eine verstärkte Fremdheit bedeutet. Die Lebenswelt und -wirklichkeit, die Maljartschuk in ihren Texten zum Leben erweckt, unterscheidet sich krass von dem, was man im gemütlich-demokratisch-freien Westen erlebt hat. Manche Sätze sind wie ein Beilschlag für antikapitalistische Träumer und (un-)heimliche Schwenker des Sowjetbanners.

Danach geht es weiter – man atmet aus.

Tanja Maljartschuk: Gleich geht die Geschichte weiter, wir atmen nur aus
Kiwi 2022
HC 176 Seiten
ISBN: 978-3-462-00462-5

Volker Kutscher: Die Akte Vaterland

Ein schönes, stimmungsvolles Cover, mit dem Haus Vaterland, gelungen wie der ganze Roman. Cover Kiepenheuer und Witsch, Bild mit Canva erstellt.

Buchreihen sollten sich steigern. Volker Kutscher ist das mit seiner Reihe um Gereon Rath gelungen. Der vierte Band, Die Akte Vaterland, in der Reihe um den in Berlin tätigen Kommissar hat mir deutlich besser gefallen als die ohnehin guten Vorgänger. Das liegt an der größeren Vielschichtigkeit, sowohl der Handlungsstränge als auch der Themen. Die Handlung setzt im Sommer 1932 ein, die Weimarer Republik lauscht dem Lied vom Tod.

Rath, der Unpolitische, wird Zeuge von tiefgreifenden Veränderungen. Die Regierung Brüning ist gestürzt und ersetzt durch eine unter der Leitung von Papens. Die SA, Hitlers braungewandete Schlägerbande, terrorisiert wieder die Straßen, die Gewalt, die durch das zeitweilige Verbot unter Brüning eingedämmt wurde, schwillt wieder an. Für die Polizei eine zusätzliche Belastung – doch ist schon spürbar, wie die braune Gülle auch in deren Reihen eindringt.

Kutscher verknüpft auf ganz wunderbare Weise die veränderte Stimmungslage mit dem Fall, der Rath beschäftigt. Dieser wehrt sich nach Kräften, sich mit den politischen Verhältnissen auch nur zu beschäftigen, doch die Morde, denen er nachzugehen hat, sind mit Nationalismus, Rassismus und völkischem Gepöbel eng verwoben. Die Wurzeln und Motive der Tat, die nach und nach aufgedeckt werden, reichen in die Vergangenheit, in die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, den blutigen Wirren im Osten.

Ganz nebenbei erfährt der Leser einiges über die – in der Rückschau – kaum fassbaren Verhältnisse dieser Zeit. Rath muss Berlin verlassen und seine Ermittlungen in Ostpreußen durchführen, genauer gesagt im Grenzbereich zu Polen. Vor Ort wird er mit der heiklen Wirklichkeit konfrontiert, die in einer unerschütterlichen Treue zu Preußen und dem Reich etwa der masurischen Bevölkerung besteht – die trotz ihrer eher dem Polnischen zuneigenden Sprache klar pro-deutsch eingestellt sind.

Sie glauben nicht, wer sich alles in diesem Land unter Preußens Krone eingefunden hat im Laufe der Jahrhunderte: Deutsche, Franzosen, Holländer, Schlesier, Litauer, Juden und natürlich Polen. Und alle verstehen sie sich als Preußen.

Volker Kutscher: Die Akte Vaterland

Politische Agitatoren nutzen dies aus, schüren den Hass auf die polnischen Nachbarn, gestützt auf braun-uniformierte Schlägertrupps wird jedem Andersdenkenden zugesetzt. Ein Verhalten, das bereits Tradition besitzt, verändert haben sich die Äußerlichkeiten und der verschärfte Revanchismus. Kutscher hat diese Dinge geschickt in die Aufdeckung des Falles eingeflochten, der Leser wird – wie Rath – damit konfrontiert, ohne das Gefühl zu haben, im Geschichtsunterricht zu sitzen.

Was mir besonders gefällt, ist die Figur des Kommissars Gereon Rath, der neben Ecken und Kanten eben auch ganz unverkennbare Schatten in seiner Persönlichkeit hat. Er mag die Braunhemden nicht, ist aber nicht unbedingt ein erklärter oder gar aktiver Demokrat; er liebt seine Charlotte Ritter, bricht jedoch sein Wort und verhält sich in einer Weise, zeitgemäß mit viel Patina bedeckt ist, etwa in seiner ritterlichen Attitüde. Kein einfach gestrickter Held, mir umso lieber. Und so freue ich mich auf den fünften Teil.

Ein kleiner Lese-Tipp noch: Harald Jähners Höhenrausch ist ein perfekter Begleiter für die ersten Teile der Krimireihe von Volker Kutscher. Das Haus Vaterland spielt dort – wie vieles andere – auch eine Rolle, vor allem aber erfährt der Leser eine Menge über Stimmungen, Mentalitäten, Rollen und deren Entwicklung während der Weimarer Republik.

Weitere Romane in der Buchreihe, die ich besprochen habe:
Volker Kutscher: Märzgefallene.
Volker Kutscher: Lunapark.
Volker Kutscher: Marlow.
Volker Kutscher: Olympia.
Volker Kutscher: Transatlantik.

Volker Kutscher: Die Akte Vaterland
Kiwi-TB 2014
576 Seiten
ISBN: 978-3-462-04646-5

Harold Nebenzahl: Café Berlin

Ein leicht lesbarer, niemals langweiliger, ungeheuer farbiger und unterhaltsamer Roman. Cover: Kein & Aber Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Ja, der Titel: Wie konnte ich daran vorbeigehen? Gar nicht, zum Glück, denn der Roman Café Berlin von Harold Nebenzahl ist ein wunderbar leicht zu lesender, äußerst unterhaltsamer, dabei keineswegs flacher Ausflug in eine Zeit, die so modern gewesen ist und es nicht blieb, sondern in die Finsternis einer unfassbaren Barbarei mündete.

Von der ersten Seite an wird die Erzählung an diesen beiden Enden aufgespannt, denn der Erzähler sitzt Ende 1943 in Berlin im Versteck in einer Dachkammer und wird durch eine treue Seele namens Lohmann am Leben gehalten. Aus dieser Lage berichtet er von seiner Vergangenheit – die es in sich hat. Denn Nebenzahl spannt seine Erzählung noch weiter auf.

Ich bin es leid, bin alles Leid. Mir tun die Knochen und auch die Seele weh.

Harold Nebenzahl: Café Berlin

Die Hauptfigur stammt aus Syrien. Ein Jude aus Syrien? Heute undenkbar. Wie wir aber im Roman erfahren, hatten jüdische Bewohner der Region unter den Briten und Franzosen nach dem Ersten Weltkrieg dank ihrer höheren Bildung wichtige Posten in der Verwaltung inne, was zum Hass durch die Araber beitrug. Sie galten als Handlanger der Ausländer.

Eine bemerkenswerte Parallele zu der Judenfeindlichkeit in Osteuropa, denen dort im Vorfeld des Zweiten Weltkrieges Kooperation mit den Unterdrückern aus der Sowjetunion vorgeworfen wurde. Im Nahen Osten endetet das Dasein als Minderheit jüdischen Glaubens in diesen Regionen, jene, die gern vom Apartheidsstaat Israel schwadronieren, sollte sich das vor Augen führen.

In Berlin ist er im Showgeschäft tätig. Er betreibt einen Club namens Kaukasus, der seinen Gästen exotisch-erotische Shows bietet, bis weit in den Krieg hinein. Zu diesem Zeitpunkt hat sich aber das Programm geändert, wie auch das Publikum, es ist ein Spiegel der gesellschaftlichen Entwicklung, in der Vielfalt zunächst begrüßt und dann abgelehnt wurde.

Nebenbei bekommt der Erzähler Kontakt zur SS, die nicht weiß, dass er Jude ist. Seine Tarnung als Spanier hält vergleichsweise lange, sie ermöglicht – oder sagen wir besser: zwingt ihn, sich nolens volens in Widerstandsaktionen verwicken zu lassen.

Ich vertiefte mich in das Gewirr feindseliger Frakturschriftzeichen.

Harold Nebenzahl: Café Berlin

Nebenzahl lässt seinen Helden in einer Episode eine geheime Unternehmung nach Bosnien ausführen, die nicht nur geographisch aus dem Rahmen fällt. Hier kommt tatsächlich einmal actionnahe Spannung auf, denn es geht um ein Widerstandsunternehmen in Bosnien gegen die Nazi-Pläne, eine muslimische SS-Division namens Handschar (die gab es wirklich) aufzustellen.

Es ist nur ein Nebenschauplatz in diesem weltumspannenden Gemetzel, der Protagonist ist alles mögliche, nur kein Untergrundkämpfer im eigentlichen Sinne; seine Sichtweise macht die Episode aber sehr wertvoll, denn sie unterstreicht noch einmal den blutdurchtränkten Boden, auf dem der Hass im zerfallenden Jugoslawien Anfang der 1990er Jahre blühen konnte.

Café Berlin ist vom ersten Augenblick an spannend, auch wenn die meisten Passagen des Buches fern von augenscheinlicher Action sind. Die fortlaufende Todesdrohung, der sich die Hauptperson in seinem Versteck ausgesetzt sieht, reicht völlig aus.

Lohmann hatte der Weltschmerz gepackt, eine Sonderform von teutonischer Schwermut.

Harold Nebenzahl: Café Berlin

Zwei Dinge haben mich besonders berührt. Zum einen eine Textstelle, bei der es heißt, man habe ich auf »neutralem Boden« getroffen, nämlich: »bei den Sechstagerennen, den Boxkämpfen und Fußballspielen.« Klingt gewöhnlich, ist es aber nicht – wenn man das wunderbare Buch Höhenrausch von Harald Jähner gelesen hat.

Dort erfährt man nämlich über die zarten Anfänge des Fußballs, der gesellschaftlichen Bedeutung der Sechstagerennen (und was eigentlich dahintersteckt) und vor allem die in mehrfacher Hinsicht für die gesamte Weimarer Republik bedeutsamen Boxkämpfe. Berthold Brecht hatte nicht umsonst einen Punching-Ball neben dem Schreibtisch, und er war nicht der Einzige.

Das zweite betrifft das Ende des Buches. Der Protagonist erlebt die letzte Aprilwoche 1945 in Berlin – die Rote Armee malmt durch die Stadt Richtung Reichskanzlei. Ich kenne Erzählungen über diese Tage aus einer anderen Perspektive, meinem Großvater, der in Berlin im Mai in sowjetische Kriegsgefangenschaft geriet ist. Es war sehr eindrücklich, das Gehörte abermals zu erfahren, gespiegelt in einer ganz anderen Sichtweise.

Wie bei allen Romanen dieser Art steht der Verlust im Zentrum. Als Leser habe ich ihn empfunden, den Verlust, den die Nazizeit für Deutschland und seine Einwohner, Europa und die Zukunft, die meine Vergangenheit und Gegenwart gewesen ist.

Harold Nebenzahl: Café Berlin
Aus dem Amerikanischen von Gertraude Krueger
Kein&Aber 2019
Taschenbuch 415 Seiten

Harald Jähner: Höhenrausch

Was für ein tolles Sachbuch über die Weimarer Republik! Sprachlich ein Genuss, inhaltlich bereichernd und alles in allem eine Warnung. Cover Rowohlt. Bild mit Canva erstellt.

Geschichtsbücher müssen nicht dröge sein, ganz im Gegenteil: Höhenrausch von Harald Jähner erzählt von der Weimarer Republik in einer Weise, die gerade für Nicht-Historiker einen verständlichen und vor allem perspektivisch ebenso interessanten wie neuen Zugang bietet. Statt Zahlgewitter, detaillierte Schilderungen von machtpolitischen Winkelzügen und Strategien, bietet Jähner seinen Lesern vor allem gesellschaftliche Entwicklungen.

Ich habe das Buch genossen, auch aus boshaften Motiven. Als ehemaliger Beinahe-Lehrer mit Fach Geschichte malte ich mir beim Hören aus, wie die Magensäfte meines mit ganz besonderer Hochachtung geschätzten Fachleiters die Speiseröhre hinaufsteigen würden, eine Art Fieberthermometer der Abneigung, bestünde eine realistische Möglichkeit, dass diese Person je einen Blick in dieses Buch würfe.

Die Generation Schülerquäler, die so viel Wert auf gehrocksteife Historiographie legt, wird dieses Buch hassen. Es dreht sich um schockierende Dinge wie Sex, Frauen, Drogen, Mentalitäten, gesellschaftliche Entwicklungen, das Nebeneinander bzw. die Gleichzeitigkeit von einander ausschließenden Strömungen, Architektur, Kunst, Gleichberechtigung – ja, eine Moderne, die in mancher Form ein unscharfer, grobkörniger Spiegel der Gegenwart ist.

Kleinanzeigenmärkte sind ein guter Spiegel gesellschaftlicher Chancen und Nöte.

Harald Jähner: Höhenrausch

Jähners Buch liefert ein paar Antworten auf Fragen, die ich mir bereits gestellt habe oder hätte stellen müssen. Ein ganz wichtiges, immer nur randständig betrachtetes Kapitel sind die Freikorps. Jähner widmet diesen mindestens 365 Gewalthaufen (»für jeden Tag des Jahres eines«), die einen unheimlichen und dramatisch negativen Einfluss auf die Geschichte der Weimarer Republik hatten, den nötigen Raum.

Wann immer man mit Linken zu tun hat, die etwas auf ihre literarische Bildung setzen, wird Erich Maria Remarques Im Westen nichts Neues hervorgekramt, meist ein kleines Zitat vorgetragen und dem Weltkriegsroman In Stahlgewittern von Ernst Jünger entgegengestellt. Hüben ein Antikriegsroman, drüben der Kriegsverherrlicher. Selbstverständlich zitiert auch Jähner aus beiden Werken und nennt nicht nur das Trennende, sondern auch das Gemeinsame, das im Schwarz-Weiß schnell verloren geht.

Neben der großen Zahl an deutschen Soldaten, die froh waren, als der Krieg zuende ging, gab es eben auch jene Minderheit, die mit dem abrupten Ende der Kampfhandlungen nicht einverstanden war. Die Freikorps haben nicht nur in den bürgerkriegsartigen Kämpfen im Reich selbst gefochten, sondern auch im Osten – gegen die Rote Armee, Polen, Tschechen und wer ihnen sonst noch in den Weg kam.

Niemand hat sie dazu gezwungen. Vielleicht ist das Unbehagen darüber, dass eben nicht alle den Krieg als Schrecken erlebten und Zeitgenossen wie Ernst Jünger keineswegs nur Verspinnerte waren, ein Grund dafür, warum die Freikorps oft übersehen werden. Dabei waren sie in vielfacher Hinsicht verhängnisvoll für die Weimarer Republik, wie Jähner ausführt, politisch und gesellschaftlich, etwa durch ihre groteske Frauenfeindlichkeit.

Die Maschinensäle der Bürokratie waren die modernen Galeeren des Warenverkehrs.

Harald Jähner: Höhenrausch

Ganz groß ist das Kapitel über die Inflation. Mit Sicherheit ist vielen Lesern überhaupt nicht klar, was eine Inflation überhaupt ist, woher sie kommt, wie sie befeuert wird und wie sie wieder enden kann. Das war 1923 auch der Fall. Jähner lässt sich die Gelegenheit nicht entgehen, schildert die unheimliche Zunahme der Geldmenge während des Ersten Weltkrieges, als jede kämpfende Macht riesige Schulden anhäufte und davon ausging, dass der (unterlegene) Kriegsgegner die Rechnung begleichen werde.

Er spart den allzu üppigen Fortgang der Gelddruckerei nicht aus, verknüpft geschickt diese naive Geldpolitik mit politischen Entscheidungen (Verschleppung der Reparationszahlungen – Ruhrbesetzung – Generalstreik) und politischen Morden (Rathenau) und ihren verheerenden Auswirkungen auf das Ausland, und führt dem Leser vor, wie aus diesen Zutaten ein Schierlingsbecher gemixt wurde, der das Reich Richtung Abgrund steuerte.

Den Deutschen mochte dabei Hören und Sehen vergehen, nicht aber das Rechnen. Nie wieder wurde das Rechnen im Zahlenraum mit zwölf Nullen so virtuos beherrscht wie im Herbst 1923.

Harald Jähner: Höhenrausch

Nicht die Arbeiter, nicht die Arbeitslosen haben Hitler gewählt, sondern die Angehörigen der Mittelschicht; die haben die Hyperinflation 1923 als doppeltes Armageddon erlebt: Die Sparguthaben lösten sich in Luft auf, während die Mieteinnahmen (Mietpreisbremse) als zweite Einnahmequelle wegfielen und Wohlstand in wenigen Monaten in Verelendung mündete.  Für die gesamte Schuld, die der deutsche Staat bei seinen Bürgern in der Kreide stand (98 Mrd. Mark), bekam man 1923 noch einen Sack Kartoffeln.

Es gab natürlich keinen Automatismus Richtung Hitler. Der hätte auch Ende 1932 nicht Reichskanzler werden müssen, eine Alternative war da. Auch die Inflation von 1923 hat nur den Boden bereitet, die Sparpolitik danach trotz Wachstum auch, denn die hat die Kommunisten beflügelt, deren stalinhörige Verbohrtheit den Widerstand gegen Hitler massiv erschwerte.

Ganz besonders bringen aber noch andere Dinge Saiten beim Leser in Schwingen, wie etwa die ideologische Spaltung. Wenn Jähner sich – glücklicherweise – recht lange über die Streitfrage der Hausdächer (!) auslässt, die von den Zeitgenossen ohne Scham als jüdisch, afrikanisch, indianisch (flach) oder völkisch-nazistisch (spitz) diffamiert oder überhöht wurden, wird klar, dass die Gesellschaft in Teilen eine Grenze überschritten hatte, die einen Ausgleich zwischen den verfeindeten Rändern unmöglich machte.

Ebert, den im Amt Anerkennung nur als Notration gewährt worden war, erhielt sie posthum im Überschuss.

Harald Jähner: Höhenrausch

Besonders deprimierend ist der Schlussteil des Buches, das den Untergang der Weimarer Republik beschreibt. Jähner zeigt den Stimmungswandel, der den verheerenden politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fehlentscheidungen nach dem Zusammenbruch der Börsen Ende 1929 einherging. Es geht nahe, wie sich die Ansichten wandelten, Dinge, die zunächst positiv wahrgenommen wurden, plötzlich als Teufelswerk galten.

Wunderbar, wie Jähner versucht, die Gleichzeitigkeit von beeindruckenden positiven Dingen darzulegen – Nobelpreise, Erfindungen, Erfolgswellen wie das Jojo, wirtschaftliche Trendbrecher, die jedoch nicht reichten, den Ozean der Dunkelheit aufzuhellen.

Ganz kalt wird es etwa mit Blick auf George Grosz, der sich im Ersten Weltkrieg einen englisch klingenden Namen zulegte, die Nazis hasste, die Kommunisten dank einschlägiger Erfahrungen gleichermaßen und dennoch Anfang der 1930er plötzlich völkisch-deutschtümelnde Töne spuckte.

Es bleibt ein großes Fazit: Nichts ist sicher. Nichts. Nie.

Harald Jähner: Höhenrausch
Rowohlt 1922
Gebunden 560 Seiten
ISBN: 978-3-7371-0081-6

« Ältere Beiträge Neuere Beiträge »

© 2026 Alexander Preuße

Theme von Anders Norén — Hoch ↑