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Schlagwort: Deutschland (Seite 18 von 19)

Friedrich Christian Delius: Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde

Das ist keine Erzählung über den Fußball, obwohl ihm eine große Rolle zukommt. Mein Lesetipp anlässlich der der schwer erträglichen WM unserer Tage. Titel Rowohlt, Bild mit Canva erstellt.

Spät erst, auf Seite 88 von knapp 120 dieser Erzählung, rollt der Ball. In Bern, Schweiz, den Nachgeborenen vielleicht nicht geläufig als jener Ort der Wiederauferstehung des durch verheerenden Vernichtungskrieg und schulderdrückte Niederlage zermalmten Deutschland. Dort ereignet sich etwas, das als Wunder von Bern in die Geschichte eingehen wird, ein banales Fußballspiel, zwar um die Weltmeisterkrone, aber eben doch ein Spiel, das überhöht wurde zu einem befreienden Akt eines ganzen Landes.

Der 2022 verstorbene Schriftsteller Friedrich Christian Delius hat mit seiner Erzählung Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde, dieses kollektive Wunder für eine einzelne Person in Anspruch genommen und eine ganz wunderbare Geschichte um eine ganz besondere Form der Emanzipation gestrickt. Denn an diesem Tag ereignet sich in einem Pastoren-Arbeitszimmer auch ein Wunder – ganz anderer Art, versteht sich.

Der Ich-Erzähler, ein Junge im dumpf-drückenden Nachkriegsdeutschland, geplagt vom Pastoren-Elternhaus, persönlichen Maleschen á la Stottern und Hautkrankheit, notorischen Schul- und Sportversagens im Stile des Hochbegabten, eingesperrt im »Vaterkäfig« und leidend unter der Gefühlskälte des Großvaters, eines ehemaligen U-Boot-Kapitäns, konvertiert von »Kaisertum zu Christentum«, vor allem aber unter der Zuchtrute des »Foltergottes«, erlebt knapp zwei Stunden der Befreiung.

Früh um sieben wurde der Sonntag eingeläutet, fünfzehn lange Minuten war ich den Glocken ausgeliefert.

Friedrich Christian Delius: Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde

Der Sonntag beginnt übergriffig. Das Gefühl, ausgeliefert zu sein, begleitet den Ich-Erzähler täglich, sonntags jedoch ganz besonders. Dem »alles überragenden, allgegenwärtigen Auge Gottes« kann er nicht entkommen. Es ist eine hoffnungslose Lage, Glaube und Kirche des frömmelnden Konvertiten-Opas, des Pastoren-Vaters und der gutmütigen Mutter lassen ihn von Lebensmitteln träumen, die »nicht von Gottes Gnade vergiftet waren«.

Delius hält für seinen Leser jedoch eine Überraschung bereit. Anders als in vielen anderen Büchern mit ähnlichem Grundansatz geht es dem Ich-Erzähler im Dorf, also außerhalb des Elternhauses, durchaus gut. Er mag die Leute, die einfachen Bauern mit ihrem derb-freundlichen Humor, hat schöne Erlebnisse und Freunde.

Als Sohn und Enkel im eigenen Haus musste ich stottern und bangen, als Kind des Dorfes litt ich nicht.

Friedrich Christian Delius: Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde

Geradezu brillant wird der Kirchgang geschildert. Hier darf ich selbst einmal einmischen, denn das Gefühl zwischen den dicken Kirchenmauern dem Schauspiel des Gottesdienstes mit gedankenfliegendem Interesse und einer gewissen inneren Wärme zu folgen, ohne selbst auch nur im Entferntesten an einen Gott zu glauben, ist mir aus meiner eigenen Kindheit vertraut. Genauso die alberne Fremdheit der Erzählungen, mit denen man im Schul- und Konfirmandenunterricht behelligt wurden.

Diese Bibelgeschichten erscheinen als eine elende, billige, schwer erträgliche und vor allem sterbenslangweilige Ausgeburt von mythengeschwängerter Einfalt, denn »anders als in Märchen siegte das Gute sofort«. Der Ich-Erzähler durchschaut die Masche, die den Religionsunterricht in jeder Form zur Tortur macht, denn man kann sich tatsächlich »nicht in den biblischen Geschichten und Deutungen verlieren wie in einem Buch, sie waren nur der sprachkräftige Ausschmuck einer Vorschrift«.

[…] wenn er das belebende Glück des Lesenden fühlte: im Text eines anderen so viel Eigenes zu finden, sogar auf der Sportseite.

Friedrich Christian Delius: Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde

Es geht auch anders, selbst in einer Zeitung – im Grunde genommen ein vernichtendes Urteil über die Bibel und ihre textauslegenden Apologeten. In diesem Motiv fängt Delius jeden Leser, möchte ich jedenfalls behaupten, denn diese Erzählung bietet mit ziemlicher Sicherheit jedem eine Möglichkeit zur Identifikation. Dieser kleine Satz reicht weit über die konkrete Situation hinaus ins Allgemeingültige.

Der Ich-Erzähler pöbelt dabei nicht gegen den »Foltergott«, sondern stellt ihn bloß, seine frommen Eltern und den frömmelnden Großvater gleich mit. Er attestiert Gott eine »Quällust« und fußt dieses dramatische Urteil auf der Geschichte von Abraham, dem dumpf-gehorsamen Erfüllungsgehilfen göttlichen Willens, und seines Sohnes Isaak, der geopfert werden soll – ein blutiges Treue-Spektakel des angeblich gütigen Gottes.

An dieser Stelle bleibt der gedankliche Sprung neun Jahre von der Handlungszeit zurück nicht aus, als der blutigste Krieg der Menschheitsgeschichte endete, ausgetragen von Heerscharen treuer Erfüllungsgehilfen, die weite Teile Europa in Bloodlands verwandelten. Delius spart diesen Part keineswegs aus, lässt jedoch bei der Gelegenheit seinen bissigen Humor von der Leine.

In vielen guten Stuben nistete etwas Dunkles und Dumpfes, […] immer stand da ein gefallener Sohn oder Vater oder Bruder in einer peinlich gewordenen Uniform gerahmt auf einem Häkeldeckchen und schaute den Hinterbliebenen, Besuchern vorwurfsvoll auf den Streuselkuchen.

Friedrich Christian Delius: Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde

Und dann – endlich – rollt der Ball. Der Ich-Erzähler verfolgt das Endspiel vor dem Radio. Auch hier erhöht eigenes Erleben den Lesegenuss, denn wer einmal gegen Saisonende, als die Bayern der sterbenslangweiligen Dauermeisterschaft noch fern und letzte Spieltage hochspannend waren, die Konferenzschaltung im Radio verfolgen durfte, in andächtig stiller Gemeinschaft kaffeetrinkender Mitleidender, weiß um die Macht des Wortes ohne Bild.

Es ist ein Sog, der auch den Ich-Erzähler erfasst und mitten in das Spiel hineinzieht, mit ihm verschmelzen lässt. Das Geniale an Delius Erzählung ist die sprachlich-erzählerische Umsetzung, die bei einem im TV erlebten Spiel unmöglich wäre (bei einem Buch aber nicht). Originale Brocken, Sätze aus der Radio-Übertragung montiert der Autor mit dem Erleben des Hörers, seinen Assoziationen, Gedanken, Bildern, Hoffnungen, Ängsten usw.

Aus! Aus! Aus! – Aus! – Das Spiel ist aus! – Deutschland ist Weltmeister

Friedrich Christian Delius: Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde

Die Intensität ist ungeheuerlich, gerade weil man vor dem Radio nichts sieht, sondern die Gedanken unter dem Druck der Ereignisse ihre eigenen Bilder malen müssen.

Man erlebt hautnah mit, wie der Ich-Erzähler aus seiner Situation fortgetragen wird, hinaus aus dem Pfarrer-Arbeitszimmer, in dem die Bibel »schwarz wie ein Kindergrabstein« liegt und alles an den alltäglichen, unentrinnbaren Schrecken gemahnt, aus dem es kein Entkommen zu geben scheint. Bis der Foltergott Konkurrenz bekommt, von einem Götzen, der – sprachlich, rhetorisch – Teufel(-skerl) und (Fußball-)Gott zugleich ist und die Tür weit aufreißt für den großen Schritt der Emanzipation.

Ich fand von Minute zu Minute mehr Gefallen daran, einen heimlichen Gott, einen Fußballgott neben dem Herrgott zu haben. […] In diesen Minuten rückte ich ab von der dreieinigen Besatzungsmacht Gott, Jesus und Heiliger Geist […]

Friedrich Christian Delius: Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde

Die Erzählung spielt mit den christlichen und von der Alltagswelt gnadenlos übertragenen Begriffen. Das Wunder von Bern ist eben auch eine ganz wundervolle Gotteslästerung, in diesem Fall für die Lossagung einer gequälten Seele von seinen Peinigern. Von wegen: nur ein Spiel. Wer in der Gegenwart lebt, kann auf so ein Wunder lange warten, der FIFA-Fußball hat sich nicht erst mit der Vergabe der WM an den Wüstenstaat ins Abseits verdribbelt.

Wer wissen will, wohin das führt, kann Die Göttliche Komödie von Dante, insbesondere den ersten Teil, Inferno, zu Rate ziehen – da findet sich bestimmt ein passendes Plätzchen.

Man kann aber auch Delius Erzählung lesen und den Gedanken freien Lauf lassen, Erinnern oder Erträumen, einen Götterfunken-Moment im Stadion, etwa auf der Südtribüne des Westfalenstadions, wenn ganz am Ende, jenseits aller Hoffnung, wie aus dem Nichts zwei Treffer erzielt werden – und man emporgeschleudert wird inmitten eines gewaltigen Bebens, ein einziger wogender, donnernder, tobender Rausch.  

Friedrich Christian Delius: Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde
Erzählung
Taschenbuch 120 Seiten
rororo 9. Auflage 2011
ISBN 978 3 499 23659 4

Steffen Kopetzky: Monschau

Der Roman Monschau spielt im gleichnamigen Ort während einer Pocken-Epidemie Anfang der 1960er Jahre. Vom Cover (Rowohlt) sollte man sich nicht abschrecken lassen, vom Thema auch nicht. Bild mit Canva erstellt.

Zu Beginn ein kleines Geständnis: Fast hätte ich diesen Roman nicht gehört, obwohl ich den Autor ebenso schätze wie den Vortag Johann von Bülows, denn das Cover finde ich einigermaßen schrecklich. Da Monschau auch von einer Epidemie in den frühen 1960er Jahren erzählt, war die Motivation noch einmal getrübt: Corona sei dank.

Dennoch hat Monschau Qualitäten, die den Roman lesenswert machen. Steffen Kopetzky hat die Geschichte eben nicht auf den reinen Umgang mit einer Epidemie beschränkt, sondern fröhlich mäandern lassen. Wie könnte es bei einem Anfang der 1960er Jahre spielenden Roman anders sein – es geht auch um den Zweiten Weltkrieg.

Der Ort Monschau liegt passenderweise nahe des Hürtgenwaldes, der in Kopetzkys Roman Propaganda eine ganz besondere Rolle spielt – mehrere Echos davon grollen auch durch diesen Roman. Aufgegriffen wird aber auch die Rolle großer Konzerne gegenüber Zwangsarbeitern oder die Besatzung Kretas.

Kopetzky berührt eine ganze Reihe von Themen, an manchen Stellen sind es für meinen Geschmack  zu viele. Ein weiterer Kritikpunkt ist die bisweilen etwas zu blumige Sprache, die gemeinsam mit der Vielfalt der Motive hemmend auf den Erzählfluss wirkt und anstrengt.

Positiv bleibt bei mir definitiv die Behandlung einer Epidemie, dem zentralen Thema des Romans – trotz Corona. Vieles entspricht dem, was seit 2020 über die ganze Welt hereingebrochen ist, mit seinen menschlichen Schattenseiten, die Kopetzky gelungen vorführt. Bei mir führte das nicht zum Überdruss, sondern zu einer unterhaltsamen Entlastung.

Steffen Kopetzky: Monschau
Taschenbuch
352 Seiten
Rowohlt
2022
ISBN: 978-3-499-00567-1

Gert Ledig: Vergeltung

Was für eine Zuschreibung ganz am Anfang des Romans von Gerd Ledig. Was folgt, ist ein Höllenritt. Cover: Suhrkamp. Bild erstellt mit Canva.

Ein radikaler Roman. Wer ihn liest, behält Bilder zurück. Jahre, Jahrzehnte habe ich sie nach der ersten Lektüre mit mir herumgetragen, sie sind beinahe unauslöschlich. Fast bin ich versucht, die martialische Sprache zu verwenden, mit der oft beschrieben wird, was Bomben mit einer Stadt anrichten, auf die sie fallen. Doch das würde diesem Roman nicht gerecht, der gerade durch seine karge, knappe und kommentarlose Sprache nachwirkt.

Am Ende von Gert Ledigs Vergeltung bleibt der Leser in gewisser Hinsicht atemlos zurück. Hinter ihm liegt ein Höllenritt. Sommer 1944. Deutschland im Bombenkrieg. Eine Stunde aus diesem Gemetzel, dem hunderttausende Zivilisten, Soldaten, Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und alliierte Luftwaffenangehörige zum Opfer gefallen sind.

Formulierungen wie diese wirken nach der Lektüre hohl. Phrasen. Auch die Zahlen scheinen nichts mehr auszusagen, sondern Fakten verbergen, wie ein Schleier vor der Wahrheit. Denn Ledig lässt den Leser mit den Opfern leiden, wenn diese verbrennen, verglühen, von herumfliegenden Splittern getroffen, unter Trümmern begraben, von Bordwaffen und Explosionen zerfetzt werden und sterben. Oft ganz beiläufig – plötzlich sind sie tot.

Fiel mit ausgebreiteten Armen vom Gehweg. Auf die Fahrbahn. In den flüssigen Asphalt.
Es zischte. Der Teer warf Blasen.
Von Schmerz gepeinigt, wälzte er sich als schwarzer Klumpen in zäher Masse.
Er schrie nicht, kämpfte nicht. Seine Bewegungen dirigierte die Hitze.
Sie krümmte ihn zusammen, warf seinen Kopf hoch. Sie breitete seine Glieder auseinander, als umarmte er die Erde. Er glich keinem Menschen mehr, er glich einem Krebs.
Er starb nicht nach einer Todesart, die bereits erfunden war. Er wurde gegrillt.

Gert Ledig: Vergeltung

Die  Schilderungen sind schwer erträglich, die völlig unberechenbare und absurde Auswahl jener, die sterben, macht fassungslos. Der Tod selbst scheint den Verstand verloren zu haben, wie die Personen in diesem Buch – die handeln, reden, Entschlüsse fassen und fallen lassen, aber auf eine zerrüttete, aus den Fugen geratene Weise. Es gibt absolut nichts Heroisches, nichts Sentimentales, nichts Verklärendes.

Gott ist da. Er wird ganz am Anfang erwähnt, durch einen Bibelvers; und auch am Ende, wenn das von Gustav Adolfs Schweden ins Reich gebrachte und von der Wehrmacht aufgegriffene Motto »Gott mit uns« genannt wird. Das wirkt angesichts dessen, was den Menschen widerfahren ist, was sie einander angetan haben, wie purer Hohn. Ganz am Ende heißt es noch, die Vergeltung, deren man Zeuge geworden ist, wäre nicht das Jüngste nicht gewesen. Dabei ist eine Steigerung schwerlich vorstellbar.

Sie rannten durch Vorhänge aus Asche, sprangen über Flammen und wateten durch Glasscherben wie durch zersplittertes Eis.

Gert Ledig: Vergeltung

Es ist nur eine Stunde, die geschildert wird. Dabei springt die Erzählung zwischen mehreren Perspektiven hin und her. Eine amerikanische Bomberbesatzung, Flakbedienungen, Feldpolizei, ein Ehepaar, ein Mann auf der Suche nach seinen Angehörigen, sowjetische Zwangsarbeiter, Zivilisten in Bunkern – manchmal kreuzen sich ihre Wege, oft verhängnisvoll, ebenso oft wirr, gespenstisch und zutiefst verstörend.

Wer vermag sich vorstellen, wie es in einem Bunker zugeht, der zusammenstürzt und die Insassen verschüttet? Und wer, dass ein überlebender Mann die Situation ausnutzt, und eine ebenfalls überlebende Frau vergewaltigt, obwohl beide in einer brenzligen, wie sich herausstellt: aussichtslosen Lage sind?

Wer sich ausmalen, dass auf einen amerikanischen Soldaten am Fallschirm gefeuert wird, viele Soldaten und Zivilisten fordern, ihn zu lynchen – stellvertretend für die Verwüstungen, die von der US-Luftwaffe angerichtet wurden? Und wer, wie sich ein Arzt gegenüber diesem schwer verwundeten Amerikaner verhält?

»Was ich jetzt brauche!« flüsterte der Arzt, »das ist eine Peitsche!«

Gert Ledig: Vergeltung

Die Menschen, Opfer und Täter, bleiben nicht gesichts- und namenlos in diesem Roman. Oft wird nur ihr Rang oder ihre Tätigkeit genannt, doch hat Ledig kurze biographische Skizzen eingefügt, die über eine Person knapp Auskunft geben. Sprachlich brechen diese Abschnitte die atemlose Hatz, sind nüchtern und sachlich gehalten, was die Schicksale noch bedrückender erscheinen lässt.

Vergeltung von Gert Ledig ist ein eindrückliches Buch über die völlige Entmenschlichung des Bombenkrieges. Wer sich diesem kritisch nähert, fragt, ob es für den Kriegsverlauf wirklich nötig gewesen ist, so viele Zivilisten gezielt zu töten, bekommt auch von Historikern sachlich fundierte Antworten, etwa im letzten Band der vorzüglichen Reihe Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg. Wer diesen Roman liest, macht sich keine Illusionen um den Preis, der von Unschuldigen gezahlt wurde.

Gert Ledig: Vergeltung
Suhrkamp
Taschenbuch
234 Seiten
ISBN 978-3518188514

Wolfgang Herrndorf: In Plüschgewittern

Ein Berlin-Roman der besonderen Art, aus der Feder des viel zu früh verstorbenen Wolfgang Herrndorf. Cover Rowohlt, Bild mit Canva erstellt.

Zwanzig Jahre sind eine lange Zeit. Der Roman In Plüschgewittern von Wolfgang Herrndorf ist also im wahrsten Sinne des Wortes in die Jahre gekommen. Trotz fortgeschrittenen Alters hat er mich auf eine beeindruckende Weise gefesselt, beschäftigt, amüsiert und letzten Endes wie alle Bücher des früh verstorbenen Autors in einem leicht bedrückten Zustand zurückgelassen.

Herrndorf hat bis zu seinem Durchbruch mit Tschick recht wenig geschrieben, was – mit Verlaub – ein Drama ist, denn danach ist ihm wenig Zeit geblieben. Während seiner unheilbaren Erkrankung hat er unter dem Leitmotiv Arbeit und Struktur gebloggt, die Blog-Beiträge sind als Buch erschienen. Sie geben Aufschluss über Tschick und vor allem über Herrndorfs Arbeit seinem besten Buch Sand.

In Stahlgewittern.

Auf Tagebuchaufzeichnungen basierender Roman von Ernst Jünger über Seine Zeit im Ersten Weltkrieg. Ihm wird attestiert, ohne politische und moralische Intention den Krieg als inneres Erlebnis geschildert zu haben, was oft in Abgrenzung zu Remarque „Im Westen nichts Neues“ geäußert wird. Wenn die Titelwahl „In Plüschgewittern“ nicht als Jux gedacht war, läge in der moralisch-politischen Intentionslosigkeit eine mögliche Verbindung.

In Plüschgewittern lässt den Leser auf einer Irrfahrt folgen. Nein, nicht Odysseus. Grantig, selbstverliebt, unsicher, in seinen sich selbst ständig überflügelnden, oft irrlichternden Handlungen mäandert die Hauptfigur durch einen kurzen Abschnitt seines Lebens. Der größte Teil davon spielt in Berlin, jener Stadt, die 2002 noch nicht den weltweiten Kult-Status innehatte, aber auf der Schwelle dazu stand.

Es ist nicht leicht, zu beschreiben, was diese Hauptfigur eigentlich macht – sie ist jedenfalls nicht woke, sondern unsympathisch und wenig für Identifikationsbemühungen seitens des Lesers geeignet. Ein Verächter. Mit haarsträubender Direktheit fällt der Ich-Erzähler über die Menschen her, die sich in seiner Nähe aufhalten. Unglaubliche Boshaftigkeit wurzelt in einer scharfen Beobachtungsgabe, die sich in erbarmungslosen Sätzen niederschlägt. Herrndorf lässt den Assoziationen seiner Hauptfigur freien Lauf.

»Am nächsten Tag waren die Pimmel-Gedichte mit der Rasierklinge rausgetrennt.«

Wolfgang Herrndorf: In Plüschgewittern

Das Zitat ist beispielhaft für Herrndorfs Schreiben. Die Hauptfigur hat einen Bruder, der ein mustergültiges Spießer-Eheleben führt. Seine Frau ist ein großer Fan eines Lyrikers, der Ich-Erzähler stößt sie gnadenlos auf schlüpfrige, mäßige Gedichte, was seine Schwägerin nicht glauben will; ein Blick in die Gesamtausgabe gibt dem unangenehmen Protagonisten recht.

Die Schwägerin passt daraufhin die Realität ihrem Weltbild an, nicht etwa umgekehrt. Mit der Rasierklinge wird die Welt chirurgisch-clean gesäubert, der unpassende Schmutz entfernt. Statt zu lernen und sich an die Wirklichkeit anzugleichen, klammert sie sich an ihre Ideologie und fälscht – in begrenztem Maße – die Realität. Bigotterie im Reinraum bürgerlicher Wohnhöllen.

Natürlich ist In Plüschgewittern an Tschick gemessen worden, wie könnte es auch anders sein. Vielen fehlte noch etwas, das sie an der Road-Story geschätzt haben: Leichtigkeit, Wärme. Entsprechend bemüht fielen die Kommentare aus, die vor Jahren im Kielwasser des Tschick-Hypes verfasst wurden. Nachvollziehbar ist das, doch wenn man einen genaueren Blick auf das wirft, was Herrndorf schreibt, wird deutlich, dass sich dahinter ein Zurückzucken vor gnadenloser Entzauberung verbirgt. 

»Ein Klassenfoto, im Hintergrund die Volksschule Marienwerder, und vorne links ein reizendes BDM Mädel mit dicken goldgeflochtenen Zöpfen, dem noch keiner gesagt hat, dass es in sechzig Jahren auf einer muffigen alten Couch an Lungenkrebs sterben wird.«

Wolfgang Herrndorf: In Plüschgewittern

Eine brutale Assoziation im Angesicht eines schwarz-weißen Fotos, das die Hauptfigur gemeinsam mit der sterbenden Frau betrachtet, die er ein letztes Mal vor ihrem Tod besucht. Die Sterblichkeit des Menschen und seine Neigung, sie weit von sich zu schieben, erschüttert (nicht nur) die Hauptfigur. Es ist jenes Erlebnis, das ihn endgültig ins Taumeln geraten lässt, in jenen Strudel, der zu den irren Tagen und Nächten in Berlin führt.

Gespenstisch ist, dass Herrndorf selbst bei der Niederschrift dieses Satzes (selbstverständlich) nicht von seiner eigenen Sterblichkeit wusste, die ihn in eine ähnliche Lage bringen würde, lange vor dem Alter der Romanfigur. Der Tod spielt in Roman In Plüschgewittern eine bemerkenswerte Rolle.

Schon als Kind hat die Hauptfigur die unerbittliche Macht des Todes gespürt, aber auch die Hilflosigkeit, mit der Erwachsene auf seine Panik reagieren und abzuwiegeln versuchen. Die Mutter des Protagonisten führt Gott und Glaube ins Feld, ohne selbst daran zu glauben. Das tut das Kind auch nicht, es denkt – man wird zu Kompost.

»Wenn man Desmond in sieben oder acht Stücke hauen würde, könnte man ein paar ordentliche Geisteswissenschaftler aus ihm gewinnen, aber allein ist er praktisch nicht lebensfähig.«

Wolfgang Herrndorf: In Plüschgewittern

Oberflächlich betrachtet ist In Plüschgewittern voller böser Kommentare, wie über jenen Desmond. Herrndorf gibt seiner Hauptfigur eine scharfe Zunge mit auf den Weg, von der diese hemmungslos Gebrauch macht. Das lässt den Ich-Erzähler nicht zu einem  Sympathie-Träger werden, weder bei seinen Bekanntschaften noch beim Leser, schon gar nicht in Zeiten von Trigger-Warnungen und dauerbeleidigten Horden in den Weiten der digitalen Steppe. Womit ich selbst eine halbseiden ausgesprochen hätte.

Wolfgang Herrndorf: In Plüschgewittern
Rowohlt 2012
TB 192 Seiten
ISBN: 978-3-499-25883-1

Éric Vuillard: Die Tagesordnung

Preisgekrönt und umstritten: Éric Vuillards literarische Annäherung an den Aufgalopp zu Hitlers Rasse- und Vernichtungskrieg triggert im besten Sinne. Cover Matthes & Seitz, Bild mit Canva erstellt.

Es ist nur ein schmales Büchlein, das man in wenigen Stunden lesen kann. Und doch ist Éric Vuillard mit seinem Buch Die Tagesordnung ein Streich gelungen, für den er mit dem Prix Goncourt, dem wichtigsten französischen Literaturpreis, ausgezeichnet worden ist. Ein Roman ist es nicht, jedenfalls nicht im überkommenen Sinne der Literaturbürokratie.

Der Autor hat einen scharfen Blick für Szenen und ein Talent, diese mit anderen zu kombinieren, woraus sich ein Zugang zur Vergangenheit ergibt, der in gewöhnlichen Geschichtsbüchern fehlt. Mängel werden so gnadenlos ans Tageslicht gefördert, bloßgestellt und von Vuillard mit einer bemerkenswerten Boshaftigkeit vor dem Leser ausgebreitet.

Den Anfang der Tagesordnung bildet eine Zusammenkunft von einflussreichen Industriellen und Finanzleuten mit Göring und Hitler kurz nach der Machtübergabe an den selbsternannten Führer im Februar 1933. Vuillard schildert das Eintreffen mächtiger Männer, um sie etwas später in Geister zu verwandeln, hinter denen die überdauernden Firmen stehen: Allianz, Opel, Siemens, BASF, Bayer. Die Botschaft: Es geht um die Gegenwart, die aus der Geschichte entstanden ist.

Die Herren zahlen ordentlich in die Kasse der Nazipartei, die im März 1933 einen Wahlkampf zu gewinnen hat, um Wahlen für die nächsten Jahre, Jahrzehnte zu unterbinden. Diese Ankündigung trifft auf Wohlwollen, man zahlt und – der Nachgeborene weiß es – bereitet damit auch den Weg in den Untergang von Millionen Menschen, Städten und Landstrichen. Die Firmen, die sie vertreten, überdauern. Man mag die Art der Darstellung mögen oder auch nicht. Legitim ist es.

Man musste nur ein paar belanglose Millimeter, ein kleines Stückchen Wahrheit, abschneiden, um den österreichischen Bundeskanzler seriöser und nicht so verdattert wie auf der ursprünglichen Aufnahme dreinschauen zu lassen; ganz so als verleihe die Tatsache, dass man das Bildfeld etwas eingeengt, ein paar überflüssige Elemente getilgt und die Aufmerksamkeit auf ihn konzentriert hatte, Schuschnigg mehr Substanz. Nichts ist unschuldig in der Kunst des Erzählens.

Eric Vuillard: Die Tagesordnung

Ein grundsätzliches Problem von Geschichte besteht darin, dass sie mit Geschichtsschreibung und – überlieferung gleichgesetzt wird. Wer also von historischer »Wahrheit« in welcher Form auch immer fabuliert, hat die Grenze zur Lüge bereits überschritten. Das Zitat macht das schön deutlich, Vuillard bringt weitere Beispiele sanft, aber wirkungsmächtig manipulierter »Quellen«.

Denn Historiographie ist naturgemäß rückblickend, selbst wenn man über etwas berichtet, was man selbst erlebt hat. Es schiebt sich immer etwas zwischen Erleben und Berichten, Niederschreiben und Weitergeben, erst recht, wenn es um die Darstellung vergangener Begebenheiten durch Historiker geht. 

Der Rückblickende schaut durch andere Ereignisse hindurch. Wer heute zum Beispiel etwas über das Jahr 1938 schreibt, hat immer den Verlauf des Zweiten Weltkrieges im Kopf. Es ist unmöglich, sich naiv zu stellen und so zu tun, als wüsste man nichts davon, wie zum Beispiel die Wehrmacht im Jahr 1940 Frankreich zermalmt hat, mit einem Feldzug, der »Blitzkrieg« genannt wird.

Am Vormittag des 12. März erwarten die Österreicher fieberhaft und mit unanständigem Frohlocken das Eintreffen der Nazis. […] Doch die Deutschen lassen auf sich warten.

Eric Vuillard: Die Tagesordnung

Das hat eine kuriose Vorgeschichte, die schlaglichtartig beleuchtet, wie problematisch solche Begriffe á la »Blitzkrieg« sind. Wenn es um die Kriegsdrohung des Reiches gegenüber Österreich vor dem so genannten »Anschluss« geht, wird diese Begrifflichkeit ernstgenommen. Vuillard aber zeigt, dass der Einmarsch der Wehrmacht in Österreich ein Panzerstau gewesen ist – das Gegenteil von »Blitzkrieg«.

Der »Bluff«, die mafiöse Drohung und die Skrupel der Gegner haben den Weg bereitet, nicht unbesiegbare Kampfpanzer – die zu diesem Zeitpunkt eher anfälligen Dosen als gefürchteten Panther, Tiger und Königstiger ähnelten. Von einem richtigen »Blitzkrieg« wie 1940 gegen Frankreich, Belgien, die Niederlande und Luxemburg konnte also gar keine Rede sein.

Was an diesem Krieg verblüfft, ist der unerhörte Erfolg der Frechheit, der uns eines lehren sollte: Die Welt gehorcht dem Bluff.

Eric Vuillard: Die Tagesordnung

Die Aktualität ist niederschmetternd! Wer denkt nicht an die Ukraine und Putins Spielchen? Wer denkt nicht an das unglaubliche Versagen der Westmächte, England und Frankreich, die von Vuillard genauso erbarmungslos vorgeführt werden?

Sein englischer Schriftstellerkollege Robert Harris geht mit Chamberlain sehr viel zurückhaltender um, in seinem Roman Munich wird aber das Prinzip des Bluffs ebenfalls wunderbar in Szene gesetzt, wenn eine deutsche Panzerdivision durch die Straßen rollt, allein zum Zwecke der Einschüchterung; es funktionierte abermals!

Vor allem anderen aber überdauern die verlogenen Bilder vom Krieg. Vuillard findet dafür starke Worte, doch sie sind mehr als berechtigt. Denn die Filme über den Westfeldzug 1940 zeigten gar keine Bilder von der Front – das war schlechterdings nicht möglich, denn zwischen Filmen und Zeigen (in der Wochenschau im Kino) verging einige Zeit. Was also sollte man zeigen, als es losging? Aufnahmen von Manövern! Inszeniertes Kriegstheater.

Die Geschichte entrollt sich vor unseren Augen wie ein Film von Josef Goebbels.

Eric Vuillard

Goebbels Wochenschauen haben eine Illusion erzeugt, die bis heute prägend gewesen ist. Die Pannenarmee auf dem Weg nach Wien 1938 sah auf den Leinwänden aus wie eine nicht aufzuhaltende Maschine, während in Wirklichkeit die Schwächen immens waren; auch ein halbes Jahr später, anlässlich der Konferenz von München. Doch das mag keiner mehr sehen, weil die Filme eine andere Wirklichkeit in die Köpfe implantiert haben. 1940 ist die Wehrmacht selbstverständlich aufhaltbar gewesen, nur ihre Gegner haben sich maximal blamiert.

Ihren Anteil an der historischen Balkenbiegerei haben auch amerikanische Filmstudios. Vuillard überhäuft Hollywood mit schwerwiegenden Vorwürfen. Das ist etwas ungerecht, denn wer sich im Genre des Kriegsfilms umschaut, wird selten wirklich gute Streifen sehen, die dem Prinzip des Heldentums nicht huldigen und zwar unabhängig vom Entstehungsland.

Die große amerikanische Maschine schien sich bereits seines ungeheuren Aufruhrs bemächtigt zu haben. Sie sollte den Krieg ausschließlich als Heldentat darstellen.

Eric Vuillard: Die TAgesordnung

Natürlich stehen Filmemacher vor einem gewissen Dilemma. Wer mag schon die Realität abbilden, wenn die filmische Magerkost verheißt? Der amerikanische General Patton hat einmal die Artillerie als kriegsentscheidend bezeichnet. Sie wollen einen Spielfilm darüber drehen? Dann viel Vergnügen beim Finanzieren!

Zu den ohnehin nicht wenigen Treppenwitzen der Weltgeschichte gehört, dass ausgerechnet deutsche Kriegsfilme das Heldentum-Narrativ oft brechen und ein brutales Kriegserlebnis zeigen. Goebbels’ Epigonen haben sich von seiner Schilderung des Krieges gelöst und sind – noch – nicht auf das global wirkmächtige Erzählen eingeschwenkt.

Es ist schon erstaunlich, amerikanisches Filmpublikum beim Betrachten von Das Boot zu beobachten, die betroffene Stille, die sich senkt, wenn die Kamera am Ende über die Gesichter der Toten fährt. Die Erwartungen, eingepflanzt durch die schier endlose Kette an Helden-Kriegsfilmen, wird bei diesem Finale enttäuscht und erwischt den Zuschauer auf dem ungewohnten Fuß.

Ein Roman ist „Die Tagesordnung“ nicht, ein historiographisches Werk auch nicht. Es ist eine fiktionalisierte historische Montage, widerborstig in Anordnung und boshaft direkt in der Sprache, was den Leser zum Nachdenken über bequeme, falsche Gewissheiten zwingt. Die Kenntnis der historischen Vorgänge erleichtert das Lesen und das Nachvollziehen der Gedanken ungemein, ist aber keine unabdingbare Voraussetzung.

Eine sehr schöne Buchbesprechung, die einen anderen Schwerpunkt wählt, findet sich bei Literaturreich. Den Begriff »kondensierte Geschichte« finde ich sehr passend!

Éric Vuillard: Die Tagesordnung
Aus dem Französischen von Nicola Denis
Matthes & Seitz 2018
Gebunden 128 Seiten
ISBN: 978-3-95757-576-0

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