Schriftsteller - Buchblogger

Schlagwort: Deutschland (Seite 19 von 19)

Pierre Lemaitre: Die Farben des Feuers

Der zweite Teil der Trilogie ist wie der erste von bisweilen urkomischer Boshaftigkeit, sprachlich hervorragend bietet das Buch tolle Unterhaltung. Cover Klett-Cotta, Bild mit Canva erstellt.

Les Enfants du désastre Teil 2

Dem Folgeband des Buches, für das der französische Autor Pierre Lemaitre mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet wurde, ist auf den ersten Blick weniger bitter als der Auftakt der Trilogie. In vielen Dingen bleibt sich der Autor bei Die Farben des Feuers treu, zum Glück, denn der Roman ist wie der Auftaktband ein wahres Lesevergnügen.

Der Erste Weltkrieg liegt einige Jahre zurück und wirkt nicht mehr so unmittelbar auf die handelnden Personen, über deren Köpfen sich jedoch bereits die düsteren Wolken von Wirtschaftskrise und Faschismus bzw. Nationalsozialismus zusammenziehen. Sie bilden den Rahmen für offene und lange Zeit verdeckte persönliche, famliäre Katastrophen.

Wurden die Trauerfeierlichkeiten von Marcel Péricourt auch durcheinandergebracht und endeten sie sogar auf eindeutig chaotische Weise, so begannen sie doch pünktlich.

Pierre Lemaitre: Die Farben Des Feuers

Ein Vorzug des Zeitsprungs liegt darin, dass die üblichen Probleme von Mittelbänden in Dreiteilern vermieden werden, während der Leser durch einige bekannte, aber reifere Gesichter die Vorzüge einer Fortsetzung genießen kann. Diesmal tragen Frauen die Hauptlast der Handlung, die Männer kommen insgesamt nicht allzu gut weg.

Die Erzählung setzt an einem neuralgischen Punkt ein, an dem sich die Leben der Protagonisten dramatisch verändern. Der Tod des mächtigen Bankiers Marcel Péricourt setzt eine rasante Entwicklung in Gang. Schon bei seinem Begräbnis gerät das Leben der Hauptpersonen aus den Fugen, im Nachgang sorgt eine Verschwörung dafür, dass ein völlig abgesichert erscheinendes Leben plötzlich abstürzt.

Hierin spiegelt sich viel des Zeitgefühls der damaligen (und gegenwärtigen) Zeit, eine immense Beschleunigung, eine tiefgreifende Verunsicherung und die immerwährende Neigung des Menschen, dem anderen mit Hauen und Stechen zu begegnen.

Die Menschheit war ganz entschieden keine sonderlich schöne Angelegenheit.

Pierre Lemaitre: Die Farben des Feuers

Eine Schlüsselstelle findet sich im Buch, wenn Madeleine, die Tochter des Verstorbenen begreift, dass die Zeit, in der sie lebt, geprägt ist von Gewalt. Sie zieht daraus ihre Schlüsse und setzt diese mit einer überraschenden Konsequenz um.

Nicht alles, was Lemaitre schreibt, ist ohne Stirnrunzeln hinzunehmen. Wenn es um Aktientransaktionen im Zusammenhang mit dem »Rumänischen Erdöl« geht, kann man getrost abwinken – das wirkt einigermaßen unrealistisch.

Natürlich kann man an der Börse ein Vermögen verlieren, wenn man sich verspekuliert, und Gerüchte haben eine immense Macht, wenn sie den Herdentrieb von Anlegern befeuern. Doch Lemaitre schummelt sich hier ein wenig hindurch.

Dem Desaster schließt sich ein Rachefeldzug an, der gnadenlos bis zu seinem bitteren Ende geführt wird. Hierbei spielen die östlichen Nachbarn Frankreichs auch eine Rolle, die Vertreter Hitlerdeutschlands zeichnen sich nicht eben durch besondere geistige Größe aus, um es einmal vorsichtig zu formulieren.

Niemand wusste so recht, was »Düsenflugzeug« bedeuten sollte. Man merkte sich nur eines: Bislang waren Flugzeuge mithilfe von Propellern geflogen, und ein Düsenflugzeug hatte nicht nur keine Propeller, es würde auch viel schneller fliegen.

Pierre Lemaitre: Die Farben des Feuers

Bei diesem Unterfangen spielt die Idee, ein Düsenflugzeug zu bauen, eine besondere Rolle, daher auch das Motiv des Bildes zu Beginn dieses Beitrages, das den wohl ersten Fiegers ohne Propeller-Antrieb zeigt. Lemaitre hat sich sehr frei an der geschichtlichen Realität bedient und seinen Roman mit einer Art historischem Start-Up bereichert und zugleich die Ahnungslosigkeit sowie die Unbesorgtheit gegenüber Versprechungen aufs Korn genommen.

Lemaitre ist ein großartiger Erzähler. Seine Figuren werden vor den Augen des Lesers lebendig, weil er sie nicht bloß beschreibt, sondern auf zum Teil urkomische Weise durch Details ihrer grotesken Erscheinung charakterisiert. Die Sprache ist wunderbar, dankbar für Leser, die auf hastige, stolpernde und oft hilflose Modernismen verzichten können.

Die beiden anderen Teile der Trilogie heißen Wir sehen uns dort oben und Spiegel unseres Schmerzes.

Pierre Lemaitre: Die Farben des Feuers
Aus dem Französischen von Tobias Scheffel
Klett-Cotta 2021,
Gebunden 480 Seiten
ISBN: 978-3-608-96338-0

Antje Rávik Strubel: Blaue Frau

Ein vielschichtiger Roman, der das MeToo-Thema mit anderen sozialen und politischen Themen gekonnt verknüpft, vor allem dem der Migration. Cover S.Fischer, Bild mit Canva erstellt.

Der Autorin Antje Rávik Strubel ist mit ihrem Roman Blaue Frau das Kunststück geglückt, ein individuelles Schicksal mit dem komplexen Netz zu verweben, das die Lebenswege in der Gegenwart des 21. Jahrhunderts bestimmt. Das macht den preisgekrönten Text zu einem Glücksfall, denn Strubel hätte auch den viel leichteren Weg gehen und sich auf eine einzelne Erzähl-Linie beschränken können. Das hätte Blaue Frau allerdings um einen erheblichen Teil ihres  Wertes beraubt.

Wie an den vielen kritischen, ja wütenden Reaktionen auf den Roman zu sehen, wurden die Erwartungen von Teilen des Lesepublikums verfehlt. Ich spreche hier nicht von den Troll-Horden, die pöbelnd über Blaue Frau herfallen und aus unterschiedlichen Gründen darauf einprügeln. Es geht um jene, die das Buch auf der Suche nach eng begrenzten Motiven gelesen haben: starke Frau, MeToo-Anklage oder (justiziale) Rache.

1968 trugen Demonstranten in Frankfurt und Paris stolz jene Köpfe auf Transparenten durch die Straßen, die dafür verantwortlich waren, dass in Prag auf Demonstranten geschossen wurde.

Antje Rávik Strubel: Blaue Frau

Diese Dinge finden sich in dem Roman, allerdings eingebettet und verstrickt mit politischen, historischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und rechtlichen Aspekten. Nicht wenigen erscheint das offensichtlich als abschweifend, ihre herbeigewünschte Hauptsache von Nebensächlichkeiten erstickt. Dabei gibt es in diesem Buch keine Nebensächlichkeiten, alles hängt miteinander zusammen und beeinflusst sich gegenseitig.

Die Alternative wäre ein eindimensionaler Hollywood-Helden-Schwank gewesen, der die Hauptfigur Adina oder vielleicht Kristiina, die tapfere Aktivistin und Parlamentsabgeordnete, eine Art Rachefeldzug zu einem erfolgreichen Ende führen lässt. Zum Glück ist Strubel dieser Versuchung nicht erlegen, sondern den schwereren Weg gegangen, ihre Personen mit Schwächen, Widersprüchen und Schattenseiten auszustatten. Ihre Hauptfigur ist in vielerlei Hinsicht sperrig. Und das ist auch gut so.

Wir haben zwei Realitäten innerhalb der EU, die auf gegensätzlichen Erinnerungsregimen beruhen.

Antje Rávik Strubel: Blaue Frau

Adina kämpft nach dem traumatischen Erlebnis eines sexuellen Übergriffs und der abermaligen Begegnung mit ihrem Peiniger mit den Gespenstern ihrer Vergangenheit. Und doch will sie nicht aussagen vor Gericht, sich nicht auf das Spiel einlassen, das mit der Öffentlichkeit gespielt werden könnte, um dem Übeltäter zu schaden.

Auf  den ersten Blick könnte man annehmen, sie wolle sich nicht helfen lassen, auf den zweiten stellt sich die Frage, ob sie sich nicht einspannen lassen will in die Denk- und Handlungsweise ihrer Helfer, der dritte richtet das Augenmerk auf strukturelle Faktoren, die einen Gang vor Gericht problematisch, wenn nicht sinnlos machen.

Die Autorin geht dabei äußerst geschickt vor. Die Frage, wem das Helfen hilft, wird in anderem Zusammenhang früh im Buch aufgeworfen. Leonides, Vorkämpfer für Menschenrechte, meint, dass eine Gabe immer auch für den Gebenden hilfreich sei. Später wird dieser Zusammenhang immer wieder angedeutet, diejenigen, die sich für Adina einsetzen, tun dies immer auch in eigenem Interesse.

Das wiederum ist ihrem Weltbild, ihren Erfahrungen, ihren Zielen und den Mitteln geschuldet, die sie anwenden, um sie zu erreichen. Und es heißt nicht, dass es schlecht oder unlauter wäre. Derart differenziert und vielschichtig ist „Blaue Frau“.

Die Frage ist, welche Hände Leonides gewaschen hat, ob er zur Verteidigung der Menschenrechte die Hände derjenigen waschen muss, die diese Rechte verletzen. Auch wenn es sich um eines der elementarsten Rechte handelt, das Recht, über den eigenen Körper selbst zu bestimmen.

Antje Rávik Strubel: Blaue Frau

Adina könnte auf diese Weise selbst zu einem Mittel werden, mit dem ein Zweck erreicht werden soll, verweigert sich aber. Sie ist keineswegs passiv, sondern tritt trotz ihrer prekären Lage mit Gesten der Stärke auf. Am Ende greift zu einem eigenen, sehr persönlichen Mittel, das im Verlauf des Romans motivisch wunderbar vorbereitet und auf das Finale hingeleitet worden ist.

Auch für Helfer ist das Helfen nicht einfach, weil diejenigen, denen sie helfen wollen, sehr eigene, widersprüchliche Vorstellungen haben. Das kann für den Leser unangenehm sein, wenn er aus seinen bequemen Selbstverständlichkeiten gescheucht wird. Vor allem aber wird klar, wie wenig sich für Opfer sexualisierter Gewalt innerhalb des bestehenden Justizsystems die eigenen Rechte durchsetzen lassen. Ein Sieg vor Gericht würde den Roman zu einer romantisierenden Farce degradieren.

Dabei habe ich mehr und mehr verstanden, wie wenig Fälle überhaupt angezeigt werden, und das liegt daran, dass so wenig verurteilt werden. Aber auch, was es für eine Hürde für eine Frau ist, der so etwas passiert ist, vor Gericht auszusagen.

Antje Ravik Strubel im Interview

Zu den Stärken des Romans gehört seine Struktur. Adinas Weg wird in vielen Erzählschleifen und Rückblenden erzählt, er ist verschlungen und gewunden, die zahlreichen zeitlichen Sprünge machen die Lektüre für meinen Geschmack richtig interessant und lohnenswert, denn so können Aspekte einander gegenübergestellt oder miteinander verknüpft werden, die zeitlich oder geographisch bei einer rein linearen Erzählweise getrennt bleiben müssten.

Aus den Lesermeinungen ist deutlich abzulesen, dass das von vielen als zu komplex empfunden wird. Wie sonst ist es zu erklären, dass wesentliche inhaltliche Teile, politische-historische Aspekte wie die bleierne Besetzung Osteuropas durch die Sowjetunion oder die Ignoranz des Westens gegenüber den Verbrechen gegen die Bevölkerung als Nebensächlichkeiten wahrgenommen werden?

Es geht ums Gehörtwerden, Sichtbarmachen von Schicksalen, die allzu schnell abgetan werden mit Worten wie Wirtschaftsmigranten. Zu diesem Bedürfnis gesellt sich jenes, zur Gesellschaft dazuzugehören und respektiert zu werden. Denn Blaue Frau ist auch eine Migrationsgeschichte, mit weit in die Vergangenheit reichenden Wurzeln.

Und wenn ihr die jungen Frauen mit Schirmkappen auf Deutsch antworteten und nicht auf Englisch, nahm ihr das Glück fast die Luft. Sie merkten nicht, dass Adina keine Einheimische war. Für sie gehörte Adina dazu.

Antje Rávik Strubel: Blaue Frau

Wer den Klappentext des Romans selektiv gelesen, sich nur von Schlüsselworten wie „unsichtbar gemacht“ oder „aufwühlend“ angesprochen gefühlt oder Blaue Frau als lautes MeToo – Pamphlet gekauft hat, dürfte enttäuscht und vielleicht auch überfordert gewesen sein. Es ist auch nicht angenehm zu lesen, dass Gerichte nicht für Gerechtigkeit existieren, außer in amerikanischen Filmen, mit ihren heroischen Schlachten unter dem Schwert der Justizia. Aber nicht zuletzt das macht den Wert von Blaue Frau aus.

Antje Rávik Strubel: Blaue Frau
S.Fischer Verlag 2021
TB 432 Seiten
ISBN: 978-3-10-397101-9

Franz Werfel: Die Vierzig Tage des Musa Dagh

Historische Schwarz-Weiß-Fotografie einer Gruppe von Männern in Uniformen, kombiniert mit dem Zitat ‚Gabriel Bagradian hatte Glück. Die zweite Türkenkugel durchschmetterte ihm die Schläfe.‘ Neben dem Buchcover von Franz Werfels Roman ‚Die vierzig Tage des Musa Dagh‘, das ein Porträt eines Mannes mit Turban zeig
Ein besondere Welterfolg ist der epische Roman von Franz Werfel gewesen, mit dem er dem Genozid an den Armeniern ein literarisches Denkmal gesetzt hat. Cover Fischer, Bild mit Canva erstellt.

Glück? Ja, tatsächlich steht dieser atemberaubende Satz in dem Roman des österreichischen Schriftstellers Franz Werfel, der 1933 erschien. Es ist ein geradezu mustergültiges Beispiel für die politische und gesellschaftliche Wirkkraft, die Literatur entfalten kann und auch für den Gegenwind, der ihrem Autor dann ins Gesicht weht. Werfel kam der gewaltige Erfolg zu Hilfe, den die Übersetzung von Die vierzig Tage des Musa Dagh ins Englische errang, denn auch er teilte das Exil-Schicksal so vieler deutschsprachiger Schriftsteller.

Sein Roman ist eine große, schwere und sehr lange Erzählung über eine heroische Begebenheit während des Ersten Weltkrieges. Der Verbündete des Deutschen Reiches, das Osmanische Reich, beging an der Volksgruppe der Armenier einen Genozid. Hunderttausende wurden 1915 bis 1917 auf Todesmärschen und in Todeslagern via Hunger, Krankheit oder Mord getötet. Die Schätzungen reichen laut Wikipedia von 300.000 bis 1,5 Millionen Opfer. Bis in die Gegenwart sorgt der Völkermord für hitzige Reaktionen aus der Türkei, wenn er offen als solcher bezeichnet wird.

Vor diesem Hintergrund ist es auf den ersten Blick erstaunlich, dass die Ereignisse um den Musa Dagh fast vollständig vergessen sind. Der Roman von Franz Werfel schildert äußerst geschickt nicht nur den tapferen Überlebenskampf einer recht kleinen Gruppe von Armeniern auf diesem Berg namens Musa Dagh, sondern flicht auch die Gräuel der Deportationen geschickt in den Erzählfluss ein. Der Leser bekommt ein anschauliches Bild von den grausamen Maßnahmen der türkischen Machthaber.

Dabei zeichnet Werfel ein sehr vielschichtiges und differenziertes Bild der Ereignisse. Bewundernswert ist die präzise und lebendige Schilderung der Entscheidungen und Verhaltensweisen der Beteiligten, ihrer Motive, die sie zum Handeln bewegen. So gerät der Widerstand auf dem Berg kurioserweise nicht durch die Türken in größte Bedrängnis, sondern wegen innerer Aufwühlungen.

Möglichkeiten und Grenzen des Einzelnen im Rahmen seiner sozialen Verflechtung und Persönlichkeit werden großartig aufgezeigt. Gut und Böse, die gruseligen Kategorien ideologisch bewegter Menschen, sucht man hier vergebens. Das gilt auch für die Hauptfigur des Romans, die Werfel während des Schaffensprozesses überraschend spät in die Erzählung einfügte: eine völlig fiktive Person namens Gabriel Bagradian, der wesentlichen Anteil am Musa Dagh hat.

Mich hat besonders bewegt, wie Werfel den Prozess schildert, in dem die Armenier aus ihrem Alltag herausgerissen und in einen Strudel aus Entmenschlichung und erbarmungsloser Gewalt gesogen werden. Trotz jahrzehntelanger Bedrückung haben sich viele sicher gefühlt und wie andere nach ihnen, nicht glauben können, dass man sie in Massen töten wollte. Die Menschen gehen mit einer zerbrechenden Welt auf sehr unterschiedlicher Art um und Werfel hat in seinem Roman nicht nur den Widerständlern Raum gegeben.

Wie es sich für einen großartigen Roman gehört, hat Werfel ein wunderbares Ende verfasst. Der viert- und drittletzte Satz des Werkes lauten: »Gabriel Bagradian hatte Glück. Die zweite Türkenkugel durchschmetterte ihm die Schläfe.«

Wer wissen will, warum das so ist, muss den Roman lesen.

Franz Werfel: Die vierzig Tage des Musa Dagh
Fischer Verlag 2011
TB 1040 Seiten
ISBN: 978-3-596-90362-7

Yassin Musharbash: Russische Botschaften

Es gab genug Warnungen, seit vielen, vielen Jahren; doch die Lügen waren bequemer. Ein spannender und informierter Roman. Cover Kiepenheuer & Witsch, Bild mit Canva erstellt.

Die Wahrheit ist kompliziert, die Lüge einfach – das macht sie so gefährlich. Noch gefährlicher allerdings ist die Lüge, die nur scheinbar einfach daherkommt und wie eine Matrjoschka-Puppe ineinandergeschachtelt in die Welt gesetzt wird. Ganz am Ende des unbedingt lesenswerten Romans von Yassin Musharbash bekommt auch der zunächst harmlos wirkende Titel seine tiefgreifende Bedeutung und die Botschaft des Buches entfaltet ihre volle Wirkung.

Der Autor widmet seinen Roman dem unlängst verstorbenen britischen Schriftsteller John le Carré, für den er als Rechercheur gearbeitet hat. Nicht nur in Spurenelementen macht sich das im Verlauf der Erzählung bemerkbar, denn obwohl es sich hier um einen Thriller handelt, gibt es glücklicherweise sehr viele Phasen, in denen es nicht actiongeladenes Gedöns, sondern fast gemächlich sich ent- und verwickelnde Fortschritte bei dem Versuch gibt, ein Rätsel zu lösen.

Die Hauptdarstellerin ist eine investigativ arbeitende Journalistin namens Merle Schwalb. Ihre Persönlichkeit lernt der Leser peu á peu kennen, Musharbash nutzt ihr familiäres Umfeld, sowie einige Begegnungen im Laufe ihrer Recherche, um die Erosion des Vertrauens gegenüber seriösen Medien eindrücklich darzustellen. Wie oben schon gesagt: Das skizzierte Bild ist bekannt, doch wird erst am Ende klar, was das für weitreichende Folgen haben könnte.

Ein plötzlicher Todesfall führt sie ausgerechnet in einem für ihr persönliches Fortkommen entscheidenden Moment auf die Spur einer Verschwörung, deren Wurzeln in Putins Russland zu suchen und finden sind. Sie steht dem – glücklicherweise – nicht allein gegenüber, aus dem eigenen Haus und einer anderen Zeitung stoßen Kollegen zu ihr.

Diese Entscheidung ist nur zu loben. Recherchenetzwerke gibt es wirklich, was die Authentizität des Buches erhöht. Auch die Schilderung der Kooperation journalistischer Alphatiere wirkt sehr wirklichkeitsnah. Das gilt auch für jene Passagen im Roman, in denen Merle (und damit auch dem Leser) die Welt erklärt wird, in diesem Falle die verwickelte, keineswegs leicht durchschaubare Welt der aggressiven russischen Operationen gegen Deutschland (und die Ideen des freien Westens).

Wie le Carré verwendet Musharbash erfreulich viel Mühe darauf, die Kulissen für die Handlung ausführlich zu kreieren. Das geht über den reinen Fall, an dem sich die Hauptperson mit ihren Kollegen abarbeitet, hinaus, wenn es etwa um die vielzitierten »Clans« in Berlin und ihre Wurzeln in einer verfehlten Einwanderungspolitik gegenüber den Bürgerkriegsflüchtlingen aus dem Libanon geht. Die selbstgefällige Bigotterie, über das Drogen- und Gang-Problem zu reden und gleichzeitig den Koks zu schnupfen, kommt nicht zu kurz.

Viele Begebenheiten und Motive des Romans wirken wie ein Echo dessen, was in den vergangenen Jahren in der seriösen Presse zu lesen war. Der vielfältige Druck, dem diese Medien ausgesetzt sind, ist nur die eine Seite. Die andere ist, dass es im Journalismus tatsächlich ein grundlegendes Problem mit der Wahrheit gibt – ganz unabhängig von den unsäglichen Anwürfen, denen sie ausgesetzt ist: »An einer Geschichte kann alles richtig sein – und die Geschichte stimmt trotzdem nicht.«

Ein strategischer Nachteil gegenüber schlichten Lügen und erst recht gegenüber den vertrackten.

Yassin Musharbash: Ruissische Botschaften
Kiepenheuer & Witsch 2021
TB 400 Seiten
ISBN: 978-3-462-00096-2

Neuere Beiträge »

© 2026 Alexander Preuße

Theme von Anders Norén — Hoch ↑