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Schlagwort: England (Seite 7 von 10)

Edoardo De Angelis, Sandro Veronesi: Comandante

Der U-Boot-Krieg zwischen 1939 und 1945 war von brutaler Schlichtheit, wie das Zitat zeigt. Eigentlich, denn es gab auch Situationen, in denen die Kommandanten dramatsiche Entscheidungen zu treffen hatten. Von einer erzählt dieser Roman. Cover Zsolnay-Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Das wunderschöne Cover und der Titel haben meine Aufmerksamkeit sofort geweckt. Comandante von Edoardo De Angelis und Sandro Veronesi erzählt von einem U-Boot-Einsatz der italienischen Marine im ersten Kriegsjahr 1940, der den befehlshabenden Offizier zu einer dramatischen Entscheidung zwang. Nach der Torpedierung eines feindlichen Dampfers ließ er einige Überlebende befehlswidrig aufnehmen.

Das Autorenduo De Angelis und Veronesi schildert die Ereignisse in 45 zumeist recht kurzen Kapiteln, die jeweils eine andere Perspektive einnehmen. Den Anfang macht nicht etwa der Comandante, sondern Rina, die Ehefrau des U-Boot-Kommandanten Salvatore Todaro. Sie bringt dem Leser den Charakter der Hauptfigur ein wenig näher: Eigentlich wäre Todaro infolge eines Unfalls vor dem Kriegseintritt Italiens außer Dienst gestellt, dank einer Art Korsett und Morphium kann dieser jedoch seine Tätigkeit wiederaufnehmen.

Dieser Umstand ist für Rina erwartungsgemäß nicht leicht zu ertragen, denn sie erwartet wie alle anderen, dass Todaro in einen Krieg ziehen müsse, der »früher oder später kommen« werde. Auf ihre Frage nach dem Warum, wo doch der Versehrte schon einmal sein Leben für sein Land hingegeben habe, gibt Salvatore zunächst keine Antwort; stattdessen geht er zu einem griechischen Schneider, einer Art Orakel, der ihm einen ominösen Zettel mit altgriechischen Worten reicht.

In jenen Momenten der Rekonvaleszenz habe ich begriffen, dass mein Zustand als Versehrter von einem schwachen Geist erzwungen und eines Kriegers unwürdig ist.

Edoardo De Angelis, Sandro Veronesi: Comandante

Spuren seiner Beweggründe für seine Handlungsweise liefert Todaro in einem späteren Kapitel, etwa durch die Eigeneinschätzung als »Krieger«, die in seligen, am 24.02.2022 als blauäugig entlarvten postheroischen Zeiten sicher seltsam anmutete. Dieses ostentative Krieger-Ethos mag abschrecken oder abstoßen, es ist jedoch wichtig, um zu begreifen, welchen Schritt der U-Boot-Kommandant gemacht hat, als er später vor seiner dramatischen Entscheidung stand.

Todaro strebt nach eigenem Bekunden nicht nach Glück, Zufriedenheit hält er für »Stillstand, etwas Bürgerliches.« Bürgerliches Behagen stünde wohl auch im Widerspruch zu seinem Krieger-Dasein, das die Bereitschaft umfasst, für sein Land zu kämpfen, zu töten und zu sterben. Nach außen hin verkörpert Todaro das Ethos, denn für seine Männer ist er eine Art Zauberer, der nie schläft, ungeheuer viel weiß, das Boot beherrscht und mit kniffligsten taktischen Situationen umgehen kann.

Aber der Begriff des Kriegers umfasst eben auch den der Ehre, noch so ein Wort, das dick Staub angesetzt zu haben schien. In zivilen, nicht-kriegerischen, wenn man so will: bürgerlichen Zeiten mag es widersinnig sein, dass der Versenkung eines Dampfers die Rettung von Schiffbrüchigen folgt, denn der erste Schritt schafft erst jene, die im zweiten gerettet werden. In der Kriegssituation ist das aber alles andere als widersinnig.

Wer Krieg und auch den »Krieger« partout verdrängt, der umgeht in Gedanken eine Situation, die jene Notwendigkeit einer Rettung erst heraufbeschwört. Doch diese Abkürzung funktioniert in der Realität nicht, auch wenn sie in der Gegenwart immer wieder gern gegangen wird. Sie ist bequem, denn sie vermeidet die Notwendigkeit sich mit Widersprüchen auseinanderzusetzen. Der Abkürzende zaubert sich eine glatte, einfach zu handhabende Welt, die mit der Wirklichkeit wenig zu tun hat.

Am Himmel schwirren die Jagdflieger der Royal Air Force wie die Schmeißfliegen umher.

Edoardo De Angelis, Sandro Veronesi: Comandante

Der Einsatz führt Todaros U-Boot Cappellini in den Atlantik, wo es auf die Jagd nach britischen Frachtern und Konvois gehen soll, um Großbritannien vom Nachschub abzuschneiden. Die Geographie hat die Meerenge von Gibraltar zwischen Boot und Ziel gesetzt, ein Motiv, das aus Lothar-Günther Buchheims Das Boot hinlänglich bekannt ist; mit dem Unterschied, dass die Cappellini und U96 in die jeweils andere Richtung die Meerenge passieren sollten.

Der Alltag an Bord eines U-Bootes, die Enge, der fürchterliche Gestank, aber auch die Vielfalt der Besatzung, die aus allen Ecken Italiens stammt und – wenn man so will – sich selbst fremd ist, wird in einigen Kapiteln auf originelle und unterhaltsame Weise geschildert. Zu den kuriosen Dingen gehören die Regionalsprachen, etwa das Sardische, das erlaubt, Funksprüche ohne Chiffrierung zu versenden, weil außer den beiden Sprechern niemand versteht, was gesagt wird.

Nach einigen Seetagen wird es dramatisch, erste Verluste durch Mienen, Wasserbomben und Fliegerangriffe sind zu beklagen, die Autoren schildern mit ebenso treffenden wie gelungenen Bildern, wie die Besatzung in der Extremsituation reagiert. Das eigentliche Drama beginnt, als die Cappellini einen Dampfer angreift und versenkt. Die Attacke geschieht nicht mit Torpedos, die Todaro wegen ihrer Zielungenauigkeit nicht mag, sondern ungewöhnlicherweise im Überwasserangriff mit Bordgeschützen.

Maschinen. Das ist ein Krieg der Maschinen.

Edoardo De Angelis, Sandro Veronesi: Comandante

Das Motto des U-Boot-Krieges lässt sich knapp zusammenfassen: »angreifen, versenken, verschwinden.« Nach kurzem Gefecht mit der Cappellini sinkt der feindliche Dampfer namens Kabalo, wie sich herausstellt, ein belgisches Schiff. Belgien ist zu diesem Zeitpunkt noch neutral, allerdings hat das Schiff britische Militärtechnik an Bord und fährt ohne Licht, wie es für ein neutrales Schiff untersagt ist.

Der Angriff ist also militärisch gerechtfertigt, ein Torpedo lässt die Kabalo in den Fluten verschwinden. Die Cappelini kommt aber nicht so einfach davon, denn Überlebende des gerade versenkten Schiffes machen sich bemerkbar, ein Rettungsboot sowie einige Schwimmer bitten um Hilfe. Der »Krieg der Maschinen«, U-Boot gegen bewaffnetes Frachtschiff, Kanonen, die auf Distanz feuern und ein Torpedo für den Todesstoß – an diesem Punkt endet er, denn der Feind bekommt ein Gesicht.

Der »Befehl 154« des deutschen Admirals Dönitz war unmissverständlich: keine Überlebenden aufnehmen. Todaro weiß das, und er weiß, dass die Befehle auf englischer Seite »von Lord Cunningham und auch von Churchill« genauso lauten. Eigentlich hat der Comandante kein Recht, die Schiffbrüchigen aufzunehmen, tut er es trotzdem, verstößt er gegen einen ausdrücklichen Befehl; eine vertrackte Lage für ihn, den Krieger, dessen Verhältnis zum Krieg eindeutig ist. 

Wir befinden uns im Krieg, Rina, und du weißt, wie sehr ich den Krieg respektiere, du weißt, wie sehr mein ganzes Sein auf den Krieg ausgerichtet ist, und du weißt, wie viel ich dem Krieg zu opfern bereit bin. […] Wir sind auf See. Und wir sind Menschen. Und auch die See hat ihre Gesetze, so wie der Mensch, ob im Krieg oder im Frieden.

Edoardo De Angelis, Sandro Veronesi: Comandante

Todaro nimmt die Überlebenden auf und behilft sich damit, dass er sie als »Schiffbrüchige« bezeichnet. Damit ist einerseits dem Befehl Dönitz’ Genüge getan, andererseits aber auch ein anderes Rechtsgebiet betreten: Das Recht des Krieges wird durch das Recht der See abgelöst, das immer gilt, unabhängig von Krieg und Frieden. Ein kluger, taktischer Kniff Todaros, um die unlösbare Situation zu bewältigen.

Wie die sehr informative Einleitung zu diesem Roman zeigt, hat Dönitz den Italiener einen »Don Quijote des Meeres« genannt, was seine Verärgerung über dessen Verhalten in einem unsinnigen sprachlichen Bild zeigt.  Der Konter Todaros, man sei Italiener, Teil einer zweitausend Jahre alten Zivilisation, man mache das einfach, wirkt bis in die Gegenwart, etwa, wenn es um die Frage geht, ob Patrouillenboot der italienischen Marine Schiffbrüchige vor der libyschen Küste retten dürften oder nicht.

Der Rest des Romans schildert die dramatischen Umstände der Rettungsaktion, die von unerwarteten Unbilden begleitet wurde. Auch das Retten hat seine Tücken, wie andere Beispiele der Zeit, etwa der berühmt Laconia-Zwischenfall zwei Jahre später zeigte. Für mich liegt hier der größte Vorzug dieses schönen, spannenden und den Leser ein wenig piesackenden Romans: eine Anregung zum Nachdenken, ohne den Weg allzu schlichter »Lösungen« einzuschlagen, wenn es um Fliehende geht oder um den wiedergekehrten Krieg.

[Rezensionsexemplar]

Edoardo De Angelis, Sandro Veronesi: Comandante
Aus dem Italienischen von Anna Leube, Wolf Heinrich Leube
Zsolnay Verlag 2024
Gebunden 160 Seiten
ISBN : 978-3-552-07389-0

Tom Hillenbrand: Der Kaffeedieb

Ein ganz wunderbarer Schmöker mit einer sehr gelungenen Mischung aus Abenteuer und Raubzug, wie er auch in modernen Filmen á la Ocean’s Eleven umgesetzt wird. Cover Kiepenheuer&Witsch-Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Als passionierter Kaffeetrinker hat mich der Titel natürlich sofort angesprochen und selbstverständlich furchte sich meine Stirn bei der Frage: Wie kann man Kaffee stehlen? Besser gesagt: Warum sollte man Kaffee stehlen, wenn man ihn doch mehr oder weniger überall erstehen kann bzw. in der Welt, in der Hillenbrands Roman Der Kaffeedieb leicht erwerben konnte? Gut, das Angebot war geringer, es handelte sich um ein Luxusgut, aber wer würde ohne Not für einen Diebstahl die grausamen Strafen dieser Zeit in Kauf nehmen?

Es ist ein richtig guter Buchtitel, das machen meine einleitenden Worte schon deutlich, denn die offenen Fragen erzeugen Neugier und damit die Motivation, ein Buch lesen zu wollen. Die Erzählung, die Der Kaffeedieb zu bieten hat, konnte alle Erwartungen deutlich übertreffen. Das beginnt schon mit der Notlage, in die sich der Held Obediah Chalon bringt. Als alter Börsianer weiß ich es sehr zu schätzen, wie er sich verspekuliert und auch noch mit gefälschten Wechseln. Herrlich!

Auch die Strafe, die er erdulden muss, ist sehr originell – sie dient als klassische Mausefalle für einen Gestrauchelten, der so vor eine Wahl gestellt wird, die gar keine ist: Obediah muss einen Auftrag annehmen, der einem Himmelfahrtskommando ohne sonderliche Aussichten auf Erfolg gleicht. Sein Auftraggeber ist zudem für seine brutale, gewissenlose Grausamkeit bekannt: die Niederländische Ostindienkompanie. Kompanie meint hier: Gesellschaft.

Obediah nimmt nolens volens an. Eine haarsträubende Geschichte voller abenteuerlicher Wendungen, Begegnungen, beinahen und tatsächlichen Katastrophen, Rückschlägen und überraschenden Fortschritten, Verfolgungen, Schleichwegen, ausufernden Plänen und Absichten, Zufällen und Gefahren in mehr oder weniger fremden, immer gefährlichen Ländern entwickelt sich. Alles, um Kaffee zu stehlen – da ich nicht gern spoilere, belasse ich es bei einer nichtssagenden Angabe: Es geht um mehr als eine Schale voll lauwarmer Kaffee-Plörre.

Der Kaffeedieb besticht durch die Gestaltung seiner Hauptfigur. Ein Virtuoso, weitreichend vernetzt mit anderen Gelehrten dieser Zeit, in der Newton, Leibnitz und wie sie alle hießen das Wissen der Menschheit von den Tumbheiten religöser Eiferei befreiten und auf eine rationale Grundlage stellten. Briefe wurden verfasst und empfangen, man könnte meinen, es hätte so etwas wie einen Gelehrtenstaat gegeben, basierend auf dem Wort, der Schrift und dem Gedanken.

Das gibt dem Roman die gewisse Würze und bewahrt Leser wie mich vor dem bloßen Action-Gedöns – das ich nur selten zu schätzen weiß. Manche mögen das vielleicht als geschwätzig, weitschweifig und langatmig empfinden, weil nicht alle zwei Seiten die Säbel gekreuzt werden und die Kanonen donnern, sondern nachgedacht, gestritten, debattiert und aufgeklärt wird.

Und, ja – da wäre noch der Höhepunkt der Erzählung, wenn der gewagte, gewundene Plan in die Tat umgesetzt wird und Hillenbrand einfach die Perspektive wechselt. Das Spektakel wird in der Rückschau von einem alt gewordenen Augenzeugen berichtet, der seinen Zuhörern, einer Schar Kinder, eine recht eigenwillige Auslegung der Ereignisse darbietet. Der Leser weiß genug, um das alles auf die Pläne Obediahs übertragen zu können – den Rest muss er sich halt selbst ausmalen. Chapeau!

Es gibt Motive in Romanen (und Filmen), die eine Kaminfeuerwärme bei mir erzeugen. Die Zusammenstellung einer Gefährtengruppe gehört dazu. Obediah kann das Unternehmen nicht allein bewältigen, er braucht Unterstützer, die bei so einem Unternehmen nicht gerade zu der sozialverträglichsten Sorte gehören. Der Kaffeedieb schart seinen Trupp eigenwilliger Persönlichkeiten um sich und muss mit ihnen klarkommen – bis zum bitteren Ende. Auch das ist übrigens in jeder Hinsicht sehr gelungen.

Tom Hillenbrand: Der Kaffeedieb
Kiepenheuer&Witsch 2016
Gebunden 480 Seiten
ISBN: 978-3-462-04851-3

Jonathan Coe: Bournville

Leider konnte mich der leichtfüßig und flott zu lesende Roman nicht recht überzeugen. Cover Folio-Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Einen „Roman in sieben Ereignissen“ nennt Autor Jonathan Coe sein Bournville. Sieben Kapitel zuzüglich eines Prologs bilden die Ankerpunkte im Strom der Zeit, an denen die Erzählung Halt macht und etwas aus der Geschichte einer verzweigten britischen Familie berichtet, in deren Mittelpunkt Mary Lamb steht.

Los geht es jedoch in der unmittelbaren Vergangenheit, jenem Moment, in dem sich das Virus namens Corona Bahn bricht und die Welt vermittels einer Pandemie lahmlegt. Lorna, die Enkelin Marys, befindet sich auf Europatournee, die allerdings mehr einer bangen Jagd gleicht, weil die Band mit ihren Auftritten sozusagen den musikalischen Schlusspunkt vor dem Lockdown setzt.

Nach ihrer Rückkehr auf die britische Insel ermuntert Lorna ihre schweigsame und leicht tüddelige Oma zum Reden. Zum Beispiel über jenen Carl Schmidt, ein deutscher Vorfahr, den Mary 1945 in England kennengelernt hat. An diesem Punkt setzt die Erzählung ein, der Krieg gegen Deutschland geht zu Ende, Frieden und Freudenfeuer werden jedoch durch offen ausgelebte antideutsche Ressentiments getrübt, denn Carl mag zwar formal Engländer sein, wird jedoch als Deutscher angefeindet.

Bournville lässt seine Figuren in unterschiedlicher Besetzung vor dem Radio oder Fernseher sitzen und auf diese eher distanzierte Weise an zentralen Ereignissen teilhaben, der Siegesansprache des Königs etwa oder der Krönung Elisabeths II.. Überhaupt nehmen die Royals einen bemerkenswerten Raum ein, denn allein vier der sieben Ankerpunkte werden Ereignissen um sie gewidmet. Ja, darunter auch der Tod von Lady Di.

Damit beginnen die Schwierigkeiten, die ich mit diesem Roman hatte, denn das Königshaus hat mich doch sehr viel weniger angesprochen als die übrigen drei Kapitel (auch wenn ich tatsächlich die Hochzeit von Charles und Diana im TV verfolgt habe) – Kriegsende, Finale der Fußball-WM 1966 in Wembley und 75. Jahrestag des Kriegsendes. Doch auch bei diesen bleibt die Erzählung seltsam fadenscheinig, denn sie werden in den Gedanken und Gesprächen sowie Handlungen der Familienmitglieder erzählt.

Die drehen sich naturgemäß vorwiegend um eigene, persönliche Angelegenheiten, oft ist das Großereignis mehr ein ferner Lärm, ein Echo, das nicht allzu weit vordringt und an Bedeutung einbüßt. Die Frage stellt sich jedoch, warum sie dann überhaupt ausgewählt wurden? Es wirkt manchmal belanglos, beliebig und ohne zusammenhangslos nebeneinandergestellt, aber präsent genug, um dem, was aus der Familie erzählt wird, ebenfalls die Bedeutung zu rauben.

Das ist schade, denn Bournville ist munter erzählt, leicht und unterhaltsam zu lesen, es gibt eine Vielzahl einzelner Begebenheiten, die eine Menge über das verraten, was man Großbritannien nennt. Wenn etwas ein Engländer als Prince of Wales betitelt wird, stößt das bei Walisern nicht unbedingt auf Gegenliebe, woran die wenigen Brocken akzentschweren Walisisch nichts wesentlich ändern können.

Das sind die lichten Momente in dem Roman, von denen es einige gibt, die jedoch zusammenhangs- und folgenlos aufleuchten und wieder verlöschen. Viel zu selten wird es ironisch oder sarkastisch, gar nicht zu reden von schwarzem Humor, für den sich doch ein weites Spielfeld böte, nicht allein wegen der Farbe jenes Nahrungsmittels, das Anlass für einen jener hübschen, sinnlosen und mit Erbitterung ausgefochtenen europäischen Streits bietet, bei denen man sich kopfschüttelnd abwendet und ein Stoßgebet gen Himmel schickt: Schokolade.

Am Ende des Romans bleibt man seltsam irritiert zurück. Vieles wird angerissen, bleibt jedoch flüchtig, sowohl die historisch-politischen als auch die familiär-persönlichen Themen anbelangt. Da Bournville in ein ganzes Erzähluniversum eingefügt ist, mag es Lesern, die bereits die anderen Werke Coes gelesen haben, bei diesem Roman anders ergehen. Möglicherweise ist für sie das, was ich als flüchtig empfunden habe, eher ein dankbarer Weg, Wiederholungen zu vermeiden.

[Rezensionsexemplar]

Jonathan Coe: Bournville
Aus dem Englischen von Cathrine Hornung, Juliane Gräbener-Müller
Folio-Verlag 2023
Hardcover 409 Seiten
SBN 978-3-85256-885-0

C. J. Sansom: Feindesland

Ein tolles Thema mit einer großartigen Perspektive und vielen interessanten Figuren; leider überwiegen am Ende doch die Schwächen dieser historischen Dystopie. Cover Heyne-Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Das Genre lese ich selten, aber gern: eine historische Dystopie, in der das so genannte »Dritte Reich« den Zweiten Weltkrieg nicht verloren hat. Diese Formulierung ist mit Bedacht gewählt, denn Hitler wollte zwar Krieg, aber nicht unbedingt einen Sieg im Sinne eines neuen Friedens. In seinen Wahnvorstellungen sollte der Deutsche im Osten an einer stetig fechtenden Front sich stählen (sehr verkürzt dargestellt).

Der Roman von C.J. Sansom, der hierzulande unter dem Titel Feindesland vermarktet wird (im Original ein treffenderes Dominion), greift das Motiv ebenso auf wie etwa der brillante Thriller Vaterland von Robert Harris. Die Ostfront ist statt eines Stahlbads zu einer schwärenden Wunde des Reiches geworden, das zwar ganz Europa besiegt, mit England einen Frieden geschlossen und sein rassistisches Vernichtungsprogramm fast ganz durchgeführt hat, aber unter dem Dauerkrieg ächzt.

Mit dem Reich darbt auch ganz Europa, beste Voraussetzungen für das Aufkeimen von Widerstand, zumindest in der Welt, die C.J. Sansom erdacht hat. Auch in England gärt es, Botschafter Erwin Rommel wird anlässlich eines Gedenktages attackiert. Das ist der Ausgangspunkt für eine im Kern spannende und abenteuerliche Geschichte, die bevölkert ist mit vielen sehr interessanten Figuren.

Diese tummeln sich in einem England, das seine eigenen rechten Vorstellungen ebenso verwirklicht hat und in der Ideenwelt eines eigenständigen, mit Nazi-Deutschland verbündeten Großbritannien lebt: Das Empire gibt es Anfang der 1950er Jahre noch, diese Konstruktion ist ein verdeckter Kommentar zu den wirtschaftlichen Ideen eines auf den eigenen Herrschaftsbereich (Dominion!) beschränkten Landes auch in der Brexit-Gegenwart.

Diese Perspektive ist gut gewählt und bietet einen Ausblick auf eine düstere Welt, in der sich die USA dem Isolationismus verpflichtet, Japan in China in einem endlosen Krieg verbissen hat und England seine Kolonien brutal ausbeutet. Auch die durchaus vielschichtigen politischen und diplomatischen Manöver, die Teil des aktiven, d.h. auf das Geschehen einwirkenden Kulissen zählen, sind ein klarer Pluspunkt, sie verleihen dem Roman einen großen Mehrwert. Vor allem aber wird die unfassbare Monstrosität sicht- und fühlbar, die sich hinter bürokratischen Wortschleiern á la „Generalplan Ost“ verbirgt.

Weniger gelungen sind viele Kurzschlüsse in der Thriller-Handlung, allzu oft begreifen Figuren aller Seiten plötzlich etwas auf sehr kurzem Wege, wenn es gerade in den Handlungsverlauf passt; das mindert die Glaubwürdigkeit beträchtlich. Der Dynamik hätten eine konsequente Straffung gutgetan, viele Dialoge sind zu lang, redundant oder einfach unnötig. Manchmal flirren die Konturen der Figuren, wenn sie plötzlich aus der Rolle fallen oder in unangemessene Rührseligkeit ausbrechen – schade, denn die Persönlichkeiten sind grundsätzlich ansprechend.

Leider werden die Schattenseiten des Romans im Verlauf immer dichter, bis es zum Showdown kommt, schleppt sich die Handlung einige Zeit dahin wie ein Fußkranker, ehe der Leser ein groteskes Spektakel und ein fürchterlich naives Ende in Form eines Epilogs präsentiert bekommt. Das ist sehr schade, denn anfangs ist Feindesland ein großer Lesespaß, denn die Welt, die starr und dunkel zu sein scheint, gerät ganz erheblich ins Wanken.

Adolf Hitler ist schwerkrank, seine Umgebung scharrt mit den Füßen, den Machtkampf um die Nachfolge notfalls in einem selbstvernichtenden Bürgerkrieg auszufechten, eng verbunden mit der umstrittenen Frage, wie die Politik fortgeführt werden soll. Und über allem baumelt ein Alptraum namens Atombombe und eröffent eine vorzügliche Aussicht auf eine globale Selbstvernichtung.

C. J. Sansom: Feindesland
Aus dem Englischen von Christine Naegele
Heyne Verlag 2020
Taschenbuch 768 Seiten
ISBN: 978-3-453-43942-9

Andrew Miller: Die Korrektur der Vergangenheit

Buchcover von Andrew Millers Roman ‚Die Korrektur der Vergangenheit‘, das eine Frau in einem blauen Kleid vor einer stürmischen Meereslandschaft zeigt. Daneben ein Zitat auf schwarzem Hintergrund: ‚So hatte er ihn sich nicht vorgestellt, den Moment, in dem die Wahrheit herauskam.‘ Im Hintergrund ist eine Eislandschaft zu sehen.
Ein historischer Roman der ganz besonderen Art, frei von jeglichem Action- und Romance-Gedöns, aber spannend vom ersten bis zum letzten Augenblick, einschließlich der Passagen, in denen sich eine Romanze entfaltet. Cover Paul Zsolnay Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Das Cover, nein das Cover ist nicht so eines. Es kündigt nicht eines jener Bücher an, die mit einer Frau im Vordergrund, halb oder ganz abgewandt und damit zumeist einer helleren Zukunft entgegenblickend die Regale unter dem Label »Historische Romane« füllen. Wild (wie die bewegte See), ja, romantisch auch, aber nicht in abgeschmacktem  Sinne; dramatisch, auf jeden Fall, wenn auch ohne die genreübliche Action. Spannend: von ersten bis zum letzten Augenblick.

Die Hauptfigur von Die Korrektur der Vergangenheit  ist ohnehin keine Frau, sondern ein gewisser John Lacroix, der sich in den Spanienfeldzug des Jahres 1808/09 gestürzt hat und von diesem an Körper und Geist zerschunden wieder ausgespien wurde. Sein Weg zurück aus der Dunkelheit im Vorraum des Todes zurück ans Licht, das von Erinnerungen und Scham verdüsterten Licht des Lebens.

Unter den Händen von Nell, der Haushälterin, kann Lacroix genesen, doch die inneren Verwüstungen trägt er mit sich herum; sie lassen ihn gar an Selbstmord denken. Um welche es sich handelt, erfahren wir nicht von ihm, jedenfalls nicht am Anfang. Der britische Feldzug in Spanien endete mit einem katastrophalen Rückzug, mehr als die kargen Äußerungen, über die man auch flüchtig hinweglesen könnte, gibt es nicht.

Man ahnt jedoch eine Menge. Der Offizier einer Kavallerieeinheit kommt in einem völlig abgerissenen Zustand zurück. Seine Ausrüstung, seine Waffen, die meiste Kleidung und seine Stiefel sind verschwunden, statt seiner Truhe und Taschen führt er nur einen billigen Tornister mit sich. Immerhin lebt er, sein Gehör hat gelitten, was während der gesamten Handlung immer wieder geschickt eingeflochten wird, um das Motiv des Verstehens durchzuspielen.

Der Krieg ist jedoch nicht vorbei, England schickt wieder Streitkräfte nach Spanien, plötzlich sieht sich Lacroix mit der Aussicht konfrontiert, noch einmal in die Hölle zurückkehren zu müssen. Er beschließt, seinen aktiven Dienst zu beenden und nach Norden zu fahren – mit einem Wort: Er desertiert (mehr oder weniger).

Dass auch Soldaten dagewesen wären, Rückkehrer aus Spanien, die einfach auf der Straße lagen ohne Augen und Beine.

Andrew Miller: Die Korrektur der Vergangenheit

Es hätte für Lacroix also auch schlimmer kommen können – die Versuchung, das zu sagen, liegt nahe; was dieser Krieg zwischen englischen und französischen Truppen sowie spanischen Einheiten und Freischärlern, ausgefochten auf spanischem Boden für Lacroix mit sich brachte, erfährt der Leser aus einer anderen Perspektive. Die Wechsel der Erzählsicht, von Ort und Zeit und Personen, gehören zu den herausragenden Stärken von Autor Andrew Miller.

Die so entstehenden Auslassungen, offenen Fragen, Vermutungen und leeren Stellen lassen das drängende Bedürfnis nach Antworten, Erhellung, Aufklärung entstehen – bis zum Ende des Romans und darüber hinaus. So erfährt der Leser, dass Lacroix mit einem Geschehnis in Verbindung gebracht wird, das man getrost als Kriegsverbrechen bezeichnen kann.

Ob und inwieweit das in seiner Verantwortung lag bzw. die Aussagen, die darüber in einer großartigen Passage vorgetragen und zusammengestellt werden, überhaupt eine Anschuldigung, gar nicht zu reden von einem Prozess oder Verurteilung ausreichen würden, bleibt anfangs völlig offen. Es ist aber Krieg und dessen totaler Charakter lässt in der Regel alles Recht verbleichen, wenn nicht gar verschwinden.

Im Parallelogramm der Kräfte steht England gegen Frankreich und damit gegen einen übermächtigen Feind, der gerade Preußen und Österreich militärisch zermalmt hat. England braucht Spanien und die »Spanier wollen einen Schuldigen« für ein Vorkommnis während des Feldzuges, woraus sich eine hübsche, wenn auch etwas konstruierte geopolitische Notwendigkeit für eine abseits des Rechts durchzuführende Bestrafungsaktion ergibt.

›Ich bin der Krieg. Ja? Und heute ist der Krieg zu Ihnen gekommen. Er ist direkt in Ihr Haus gekommen und hat sie niedergeschlagen.‹

Andrew Miller: Die Korrektur der Vergangenheit

Der Krieg macht nicht jeden so fertig wie Lacroix, manche werden mit ihm und seinen Zudringlichkeiten fertig, werden ein Teil von ihm und machen diesen zu einem Teil von sich. Den Krieg tragen sie im Tornister ihrer Persönlichkeit, wenn sie in die Heimat zurückkehren. In diesem Fall mit einem heiklen Auftrag, bei dessen Ausführung der Beauftragte namens Calley bedenkenlos zu Gewalt greift. Das Zitat trifft das ganz wunderbar und liefert die kalte Rechtfertigung durch Selbstdistanzierung – es wäre »Der Krieg« – gleich mit.

Der politisch motivierte Auftrag erfordert wegen der nötigen Abwesenheit von Recht und Öffentlichkeit die Anwesenheit eines Zeugen, so bildet sich ein Buddy-Paar, der Engländer Calley und der Spanier Medina, die sich auf den Weg nach Großbritannien machen und ihrer Zielperson nachspüren, die bestraft werden soll. Auf dem Weg quer durch das Land werden sie – wie auch der Leser – Zeuge der unaufhörlich voranschreitenden Industrialisierung der Insel.

In beklemmenden Szenen wird geschildert, wie es innerhalb der Mauern dieser Gebäude, »groß wie eine Kaserne, in dem Arbeit vonstattenging, die die Lohnsklaverei der Massen war«. Diese Welt des »Fortschritts« entpuppt sich als menschenverachtende Stätte der Ausbeutung mit brutalsten Mitteln; Calley, »der Krieg«, hat als Kind dort seine Prägung erhalten; die Armee hat diese Anlagen verschärft, ihn zu einem erbarmungslosen und dank der in Aussicht gestellten Belohnung zielstrebigen Jäger gemacht.

Empfand Calley wie er selbst? Dass sie Narren auf einem Narrengang waren?

Andrew Miller: Die Korrektur der Vergangenheit

Sein Partner ist anders, Medina ist das Unbehagen oft anzumerken. Er denkt viel über seinen englischen Partner und ihren Auftrag nach, stellt ihn in Frage und malt sich immer wieder aus, wie er dieser Jagd, die er als »Narrengang« empfindet, entkommen könnte.

Die Verfolgung ist trotz mangelnder Action hochspannend gestaltet, die beiden Parteien wählen ganz unterschiedliche Routen. Miller gestattet seinem Helden und seinen beiden Häschern eine vorzeitige Begegnung, denn die drei Personen befinden sich einmal zufällig am gleichen Ort – sie erkennen sich dank sorgsam gestalteter Umstände nicht.

Das ist einmal hochspannend, außerdem nutzt der Autor es für eine kleine Erzählfinte: Lacroix findet auf dem Tisch in seinem Gastzimmer, das er immer mal wieder mit einem anderen Gast teilen muss, das Wort »NADA«, auf Spanisch heißt das »Nichts«. Er kann sich darauf keinen Reim machen, der Leser schon, einen ziemlich umfassenden sogar, angesichts dessen, was er bis dahin schon weiß.

Für Lacroix hingegen hat das Wort »NADA« in diesem Moment eine ganz andere Bedeutung im Sinne einer bedeutungsschwangeren Zeichens: Er hat im Norden neue Menschen kennengelernt, darunter Emily, die ein Augenleiden hat, das sie erblinden lässt. Eine durchaus gefährliche Operation könnte Abhilfe schaffen oder schwerwiegende Folgen haben.

Natürlich kommt er, der Augenblick, das sich das »NADA« in »ALGO« verwandelt, die Stunde der Wahrheit. Mehr aber werde ich hier nicht verraten, denn Die Korrektur der Vergangenheit ist bei allem anderen auch wegen der lange offengehaltenen Leerstellen ein ungeheurer Lesespaß und Genuss. Ein Fest mit einem hochdramatischen Showdown und einem Schlusskapitel, dessen Sinn sich erst mit Blick auf den Originaltitel (Now We Shall Be Entirely Free) erschließt.

Hilary Mantel kann in ihrem Lob, »Millers Schreiben sei eine Quelle des Staunens und der Freude«, nur nachdrücklich zugestimmt werden.

[Rezensionsexemplar]

Andrew Miller: Die Korrektur der Vergangenheit
Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl
Paul Zsolnay Verlag 2023
Gebunden 480 Seiten
ISBN: 978-3-552-07338-8

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