Schriftsteller - Buchblogger

Schlagwort: Genozid (Seite 2 von 2)

Saša Stanišić: Herkunft

Autofiktionales aus der Feder von Saša Stanišić, preisgekrönt und lesenswert, weil es an Selbstverständlichkeiten rüttelt. Cover Luchterhand, Bild mit Canva erstellt.

Ein Roman im eigentlichen Sinne ist Herkunft nicht. Autofiktionales Erinnern wäre vielleicht ein passender Begriff für dieses preisgekrönte Werk, das 2019 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde. Angesichts des für die Gegenwart wichtigen Themas und der literarischen Befähigung des Autors eine gute Entscheidung, insbesondere aber weil Stanišić die Gelegenheit nutzte, um die Verleihung des Nobelpreises an Peter Handke zu kritisieren.

Wer Herkunft liest oder hört, wird mit dem konfrontiert, was Handke mit bemerkenswerter Hartnäckigkeit verschweigt, während dieser seine aus altlinkem Antiamerikanismus motivierte Serbienapologetik verbreitet. Das darf man ruhig bedenken, wenn man liest, wie Stanišić seine Herkunft ausbreitet und in manchmal bewegenden, manchmal lustigen, oft ironischen und bisweilen auch bitteren Worten von seinem Lebensweg und denen seiner Vorfahren berichtet.

Jugoslawien ist ein historisch-politisches Gespenst, wie das Römische Reich, Burgund, Indochina oder die Sowjetunion. Die jüngeren Geister haben die eigentümliche Eigenheit, für Zeitgenossen etwas sehr Reales zu sein, das ihnen etwas bedeutet, dem sie mit Stolz und Zuneigung begegnen, auch in der Erinnerung. Das Motiv kennt man, etwa aus den Romanen von Nina Haratischwili: Leicht verklärend, was für den in Deutschland sozialisierten Leser manchmal seltsam anmutet.

Doch darin liegt die Stärke von Büchern wie Herkunft. Sie lassen den tiefen, nachhaltigen und durch nichts zu kittenden Lebensbruch nachempfinden, ein hierzulande über Jahrzehnte hinweg mehr oder weniger ausgeschlossenes Szenario. Corona und der wirtschaftliche Fallout von Putins Vernichtungskrieg gegen die Ukraine haben an der behaglichen Ignoranz ein wenig gerüttelt, doch im Kern bleibt das Leben in Deutschland für die meisten das einer Gated Community, abgeschottet von den Zudringlichkeiten des Lebens.

Ein Teil davon ist der Begriff Heimat, mit dem Lumpenpatrioten so gern hausieren gehen. Diese wird bisweilen an abstruse Aspekte geknüpft, wie Blut oder zusammenphantasierte Traditionen. Stanišić sieht das anders, wenn er auf den Zufall verweist, der per Geburt oder Vertreibung für ein Zuhause sorge; und dass jener Glück habe, der “den Zufall beeinflussen kann. Wer sein Zuhause nicht verlässt, weil er muss, sondern weil er will.“

Nach der Lektüre von Herkunft, weiß der Leser sehr genau, wovon die Rede ist.

Saša Stanišić: Herkunft
Luchterhand 2019
Hardcover  368 Seiten
ISBN: 978-3-630-87473-9

Franz Werfel: Die Vierzig Tage des Musa Dagh

Historische Schwarz-Weiß-Fotografie einer Gruppe von Männern in Uniformen, kombiniert mit dem Zitat ‚Gabriel Bagradian hatte Glück. Die zweite Türkenkugel durchschmetterte ihm die Schläfe.‘ Neben dem Buchcover von Franz Werfels Roman ‚Die vierzig Tage des Musa Dagh‘, das ein Porträt eines Mannes mit Turban zeig
Ein besondere Welterfolg ist der epische Roman von Franz Werfel gewesen, mit dem er dem Genozid an den Armeniern ein literarisches Denkmal gesetzt hat. Cover Fischer, Bild mit Canva erstellt.

Glück? Ja, tatsächlich steht dieser atemberaubende Satz in dem Roman des österreichischen Schriftstellers Franz Werfel, der 1933 erschien. Es ist ein geradezu mustergültiges Beispiel für die politische und gesellschaftliche Wirkkraft, die Literatur entfalten kann und auch für den Gegenwind, der ihrem Autor dann ins Gesicht weht. Werfel kam der gewaltige Erfolg zu Hilfe, den die Übersetzung von Die vierzig Tage des Musa Dagh ins Englische errang, denn auch er teilte das Exil-Schicksal so vieler deutschsprachiger Schriftsteller.

Sein Roman ist eine große, schwere und sehr lange Erzählung über eine heroische Begebenheit während des Ersten Weltkrieges. Der Verbündete des Deutschen Reiches, das Osmanische Reich, beging an der Volksgruppe der Armenier einen Genozid. Hunderttausende wurden 1915 bis 1917 auf Todesmärschen und in Todeslagern via Hunger, Krankheit oder Mord getötet. Die Schätzungen reichen laut Wikipedia von 300.000 bis 1,5 Millionen Opfer. Bis in die Gegenwart sorgt der Völkermord für hitzige Reaktionen aus der Türkei, wenn er offen als solcher bezeichnet wird.

Vor diesem Hintergrund ist es auf den ersten Blick erstaunlich, dass die Ereignisse um den Musa Dagh fast vollständig vergessen sind. Der Roman von Franz Werfel schildert äußerst geschickt nicht nur den tapferen Überlebenskampf einer recht kleinen Gruppe von Armeniern auf diesem Berg namens Musa Dagh, sondern flicht auch die Gräuel der Deportationen geschickt in den Erzählfluss ein. Der Leser bekommt ein anschauliches Bild von den grausamen Maßnahmen der türkischen Machthaber.

Dabei zeichnet Werfel ein sehr vielschichtiges und differenziertes Bild der Ereignisse. Bewundernswert ist die präzise und lebendige Schilderung der Entscheidungen und Verhaltensweisen der Beteiligten, ihrer Motive, die sie zum Handeln bewegen. So gerät der Widerstand auf dem Berg kurioserweise nicht durch die Türken in größte Bedrängnis, sondern wegen innerer Aufwühlungen.

Möglichkeiten und Grenzen des Einzelnen im Rahmen seiner sozialen Verflechtung und Persönlichkeit werden großartig aufgezeigt. Gut und Böse, die gruseligen Kategorien ideologisch bewegter Menschen, sucht man hier vergebens. Das gilt auch für die Hauptfigur des Romans, die Werfel während des Schaffensprozesses überraschend spät in die Erzählung einfügte: eine völlig fiktive Person namens Gabriel Bagradian, der wesentlichen Anteil am Musa Dagh hat.

Mich hat besonders bewegt, wie Werfel den Prozess schildert, in dem die Armenier aus ihrem Alltag herausgerissen und in einen Strudel aus Entmenschlichung und erbarmungsloser Gewalt gesogen werden. Trotz jahrzehntelanger Bedrückung haben sich viele sicher gefühlt und wie andere nach ihnen, nicht glauben können, dass man sie in Massen töten wollte. Die Menschen gehen mit einer zerbrechenden Welt auf sehr unterschiedlicher Art um und Werfel hat in seinem Roman nicht nur den Widerständlern Raum gegeben.

Wie es sich für einen großartigen Roman gehört, hat Werfel ein wunderbares Ende verfasst. Der viert- und drittletzte Satz des Werkes lauten: »Gabriel Bagradian hatte Glück. Die zweite Türkenkugel durchschmetterte ihm die Schläfe.«

Wer wissen will, warum das so ist, muss den Roman lesen.

Franz Werfel: Die vierzig Tage des Musa Dagh
Fischer Verlag 2011
TB 1040 Seiten
ISBN: 978-3-596-90362-7

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