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Pécau, Mavric, Andronik, Verney: Die letzten 100 Tage Hitlers

Die letzten Wochen des so genannten »Dritten Reichs« waren ein apokalyptisches Gemetzel. Nicht nur an den Fronten wurde gestorben, sondern auch in den bombadierten Städten, den Vernichtungs-Lagern und auf den Landstraßen bei Todesmärschen. Bildgewaltig erzählt die Graphic Novel vom blutigen Aberwitz des Untergangs. Cover Knesebeck, Bild mit Canva erstellt.

Träfe eine Bombe diesen Zug, würde das drei Millionen Leben retten.

Pécau, Mavric, Andronik, Verney: Die letzten 100 Tage Hitlers

Auf der ersten Seite der  Graphic Novel Die letzten 100 Tage Hitlers steht ein spektakulärer Gedanke: Eine Bombe auf Hitlers Zug würde drei Millionen Menschen das Leben retten. Es ist 15. Januar 1945, Hitler befindet sich auf dem Weg von der Westfront nach Bayern. Doch zertrümmert der Großangriff der Roten Armee seit dem 13. Januar die deutsche Ostfront.

Hitler fährt also in jenem Zug nach Berlin, wo er erst gut drei Monate später Selbstmord begeht. Ein Bombentreffer hätte seinen Tod früher herbeigeführt. Das im Zitat angestellte Gedankenexperiment wird manchmal auch bei den Attentaten auf Hitler, etwa am 20. Juli 1944 (Stauffenberg) oder dem 8./9. November 1939 (Elser) angestellt.

Stimmt es denn, dass drei Millionen Leben gerettet worden wären? Die Zukunft ist immer offen und niemand kann genau sagen, was nach dem plötzlichen Tod Hitlers geschehen wäre. Man sollte sich jedenfalls davor hüten, den Krieg allein auf diese eine Person oder auch nur die NS-Elite zu reduzieren, der Wille den Krieg (weiter-) zu führen, war weit verbreitet. Das zeigt auch die Graphic Novel, denn immer wieder werden Untaten begangen, ausgeführt und getan, bei denen kein »Befehlsnotstand« herrschte.

Insofern wäre der Krieg möglicherweise nicht so viel schneller und erst recht nicht unblutiger zu Ende gegangen. Bestenfalls hätten die Armeen im Westen und Italien den Widerstand eingestellt oder den Alliierten den Weg ins Reich geöffnet; im Osten wäre eine zusammenbrechende Front wohl einem Blutbad an Soldaten und Zivilisten gleichgekommen, wie es auch in der historischen Realität der Fall war. Gestorben sind in diesem Zeitraum jedenfalls sehr viel mehr als drei Millionen Menschen.

Allein die Wehrmacht hatte rund 1,2 Millionen blutige Verluste zu beklagen . Auf sowjetischer Seite dürfte die Zahl der Toten mindestens in ähnlicher Größenordnung gelegen haben, hinzu kommen noch Millionen Zivilisten, Flüchtlinge, (Kriegs-)Gefangene und Lagerinsassen. Das Gedankenspiel ist dennoch sinnvoll, denn es führt dem Leser vor Augen, wie ungeheuerlich diese recht kurze Zeitspanne von Mitte Januar bis Ende April 1945 war. Der Tod wütete ungehemmt. Die allermeisten Dinge, die im Kreis um Hitler und von ihm selbst besprochen wurden, erscheinen aberwitzig. 

Ich erinnere mich noch an den Hungerwinter von 1917. So hat die Revolution begonnen …
Kein Sorge. Dieses Mal wird es keine Revolution geben.
Und warum nicht?
Weil hier bald nur noch Ruinen stehen … in Ruinen denkt niemand an Revolution, man denkt nur ans Überleben.

Pécau, Mavric, Andronik, Verney: Die letzten 100 Tage Hitlers

Die Graphic Novel lebt vom Kontrast, der bisweilen überwältigt. Hitlers Schwadronieren in der realitätsfernen Welt seines Hauptquartiers wird als unmenschliches Geschwätz entlarvt, wenn lange Bildsequenzen über die Realität in der Außenwelt folgen: harsche Frontimpressionen; von fliegenden Standgerichten verhängte Todesstrafen gegen Soldaten; Bilder von Luftangriffen, die direkt aus der Hölle zu kommen scheinen; das Wüten der SS gegen Zivilisten, Lagerinsassen und Deserteure; irrsinnige »Verhandlungen« mit ausländischen Diplomaten; Flüchtlingskolonnen.

Dann gibt es aber auch Szenen, die zeigen, wie weit die Verrohung und ideologische Indoktrination in die Bevölkerung hineinreicht. Eine aufgegriffene Jüdin, die einem Todesmarsch entkommen konnte, wird von Jugendlichen totgeprügelt. Ärzte töten – ohne Befehl – psychisch Kranke, als die Front heranrückt. Die Auswahl und Gestaltung der Bilder zeigt  die Totalität des Kriegsgeschehens, das von Historikern als »Krieg führen bis fünf nach Zwölf« treffend beschrieben wird. Zugleich gab es aber auch für den Einzelnen Spielräume, die auch für brutalste Gewalttaten genutzt wurden.

Welche Armeen meint er?
Ja, genau das ist das Problem. Welche Armeen meint er?

Pécau, Mavric, Andronik, Verney: Die letzten 100 Tage Hitlers

Wer sich einem monströsen Thema wie der apokalyptischen Agonie des Hitlerregimes befasst, muss auswählen, muss ungeheuer viel mehr weglassen als in ein Buch gleich welchen Umfanges hineinpasst. Das ist außerordentlich gut gelungen, die Dichte der Bild-Erzählung ist beeindruckend und auch die verkürzte Gestaltung lobenswert. Wenn in einem Bild ein Zug Königstiger zum Angriff antritt und den Eindruck einer noch immer bedrohlichen Wehrmacht vermittelt, zeigt ein späteres Bild von einem Schlachtfeld, wie sämtliche deutschen Gegenangriffe in Blut ertranken. Das eine sind die Propaganda-Bilder, das andere die Bilder, die tunlichst weggelassen wurden.

Durch Kontraste dieser Art entwickelt die Graphic Novel eine große Wucht. Die Erzählung des »Untergangs« vermittelt dem Leser die völlige Hilflosigkeit des Einzelnen in diesem Mahlstrom der Vernichtung, Leben oder Tod hingen an Zufällen. Die Partisanen-Aktion »Werwolf« spielte faktisch keine Rolle über den psychologischen Effekt hinaus. Es ist trotzdem wichtig, dass in diesem Band ein, zwei Beispiele aufgeführt werden. Für das einzelne Opfer war der Tod auf der Schwelle zum Kriegsende mehr als tragisch, zugleich unterstreicht das, wie wenig der Vernichtungskrieg nur Hitlers Krieg war.

Wenn es neben einzelnen Fehlern (an einer Stelle ist von Goebbels statt Göring die Rede) etwas zu bemäkeln gäbe, dann das Schweigen über die unmenschliche Behandlung der deutschen Zivilbevölkerung durch die Soldaten der Roten Armee. Die sexuelle Gewalt an Frauen lässt sich nicht einmal mit dem Begriff der Massenvergewaltigung angemessen beschreiben, die wahllosen Tötungen, umfangreichen mutwilligen Zerstörungen, Plünderungen und Deportationen hätten ihren Platz finden sollen. Etwa anstelle des Todes von Hermann Fegelein. Hier fehlen leider ein, zwei Bilder zu dessen barbarischen Handlungen im Ostfeldzug. Der Untergang kam nicht aus heiterem Himmel, ihm ging ein Vernichtungskrieg voraus, der keine der genannten Gewalttaten rechtfertigt, aber einordnet.

Im Nachwort von Robert Lüdecke von der Amadeu Antonio Stiftung wird die Bedeutung der Erinnerungskultur beschworen. Es ist völlig richtig, dass Angriffe der Rechten in Form von Verharmlosungen, Relativierungen abgewehrt werden müssen. Die Verpflichtung zum richtigen Erinnern und den nötigen Schlussfolgerungen gilt jedoch auch für andere. Die Gaspipelines Nordstream 1+2 etwa wurden gegen den Willen osteuropäischer Verbündeter (und Opfern von Hitlers Vernichtungskrieg) errichtet, begleitet von einem unsäglichen, unhistorischen Gleichsetzen von (Putins) Russland mit der überfallenen Sowjetunion 1941. Das sind Schlaglichter einer Erinnerungskultur, die sich in phrasengeschwängerten Sonntagsreden erschöpft und sich selbst negiert. Man muss genau hinsehen, sich dem aussetzen, wie in dieser vorzüglichen Graphic Novel.

Jean-Pierre Pécau (Autor), Senad Mavric, Filip Andronik, Jean Verney (Illustrator): Die letzten 100 Tage Hitlers
Aus dem Französischen von Sarah Pasquay
Knesebeck Verlag 2025
Gebunden 125 Seiten
ISBN: 978-3-95728-934-6

Manu Larcenet: Die Strasse

Die Umsetzung des genialen Romans von Cormac McCarthy in einer Graphic Novel ist sehr gelungen. Cover Reprodukt-Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Es lohnt sich, das Titelbild der Graphic Novel Die Strasse von Manu Larcenet eine Weile zu betrachten. Vor dem Weiß des stürzenden Wassers heben sich zwei graue Gestalten ab. Eine kleiner, jünger, die andere größer, älter, hinter einem Gefährt, das mit allerlei Undefinierbarem beladen ist. Die beiden sind in Lumpen dick vermummt, vor dem Gesicht des Jüngeren ist ein Mundschutz gezogen. Markant ragen die beiden Spiegel von dem Gefährt ab.

Die beiden wirken durch die  rechts und links aufragenden, weit über ihren Köpfen sich wieder fast schließenden massiven Felsen regelrecht verloren. Es ist, als durchschritten sie gemächlich eine Art Pforte. Ein völlig zertrümmerter PKW auf der linken Seite und eine zerfetzte Leitplanke auf der rechten zeigen an, was dem Betrachter durch die Perspektive verborgen bliebe: Sie befinden sich auf einer Straße.

Im Hintergrund donnert das Wasser von den Felsen herunter, die Überreste von kahlem, toten Geäst ist zu erkennen, auf der anderen Seite eine Art halbzerstörter Leiter, die irgendwohin nach oben führt. Eine überwältigende Leere und Trostlosigkeit gehen von der Umgebung aus, die Mühsal des Gehens auf dieser Straße ist fühlbar. In dieser Welt ist nichts in Ordnung, in dieser Welt ist das, was wir als Gegenwart kennen, nur noch eine ferne, fahle Vergangenheit.

Die Rückseite der Graphic Novel ist drastischer: zwei Kräne, einer zerbrochen, der andere noch intakt, doch von dessen Ausleger hängen drei Tote herab, die dort aufgeknüpft sind. Die Welt ist nicht nur materiell zerstört, sondern auch moralisch und gesellschaftlich. Gewalt prägt den Alltag, über allem liegt die stete Drohung für Leib und Leben. Es ist eine totale Welt, in die der Leser eintritt.

Grau, krisselig wie das grobkörnige Bild eines alten Schwarz-Weiß-Fernsehers sind die Zeichnungen, quellende, unförmige Wolken, wie über schweren Bränden, Dunkelheit, alles ein schreckliches Nichts. Ein Mann liegt unter einem behelfsmäßigen Wetterschutz, dick vermummt, bärtig, abgerissen und zerlumpt. Das Gesicht eines Fliehenden, in das sich die Entbehrungen und Erschöpfung eingefressen haben. Neben dem Mann ein Junge, schwarze Ränder unter den Augen.

Schweigen über Seiten hinweg. Der Mann erhebt sich und beobachtet durch einen Feldstecher die Gegend. Was er sieht, ist eine Trümmerlandschaft nach einer vernichtenden Katastrophe, verkrüppelte Bäume, Ruinen, Reste der Zivilisation im Verfall begriffen. Leblose Stille überall, nichts rührt sich, was kein schlechtes Zeichen ist, wie man später erfährt. In dieser reglosen, toten Landschaft verschwinden die beiden Menschen regelrecht, die Umgebung ist überwältigend.

Die ersten Worte sind die einer kurzen Begrüßung, der Aufbruch geschieht wortlos, eine Routine, entstanden durch eine lange Zeit der Wanderung. Das Duo muss den Ort verlassen, man werde keinen weiteren Winter überstehen. Wenn gesprochen wird, dann nur kurz und knapp. Die Themen sind situationsbezogen oder drehen sich um Tod, Töten, Gut und Böse, manchmal in Form einer Selbstvergewisserung.

Wir würden nie jemanden essen, oder?
Aber nein, natürlich nicht.
Auch wenn wir verhungern?
Das tun wir doch schon!
Aber wir werden nie jemanden essen?
Nein, niemanden.
Egal, was passiert?
Niemals. Egal, was passiert.
Weil wir die Guten sind …
Genau.

Manu Larcenet: Die Strasse

Mit der Zivilisation ist alles zerbrochen. Kannibalismus, wie diese Textstelle andeutet, ist verbreitet. Spuren davon begegnen den beiden immer wieder, manchmal auch mehr. Wie hält ein Junge das aus? Gewöhnlich versuchen Erwachsene ihre Kinder davor zu behüten, derart grausame Dinge zu sehen, doch in der Welt, die Vater und Sohn durchziehen, geht das nicht. Tote liegen überall, grausam zugerichtet von katastrophalen Ereignissen oder anderen Menschen, den »Bösen«, von denen es »ganz schön viele« gibt.

Schutz für die Seele gibt es nur, in dem man sich gegenüber den Unholden abhebt. Lügen funktionieren nicht, denn die Wirklichkeit entlarvt diese allzu rasch und schmerzlich konsequent. Wenn der Junge fragt, ob sie sterben würden, wenn die Bösen sie fingen, kann der Vater nicht mit »Nein« antworten. Er kann ihm nur mit der Wahrheit Mut machen, dass sie Glück haben und irgendwann Nahrung finden und bis dahin lange am Leben bleiben würden, wenn ihnen Wasser zur Verfügung stehe.

Auf der Suche nach Nahrung und brauchbaren Gegenständen sind sie gezwungen, Gebäude zu betreten. Dort treffen sie auf entsetzliche Überreste menschlicher Wahnsinnstaten, manchmal entkommen sie selbst nur äußerst knapp dem sicheren, grausamen Tod. Auch auf der Straße, auf der kleine und größere Gruppen umherziehen, bewaffnet, fürchterlich ausstaffiert, wie man es aus Endzeitfilmen kennt, aber ohne jede Spur Coolness. Larcenet hat die neuen Herren der Straße als Höllenkreaturen gestaltet und derartige Szenen in einem passend rötlichen Ton gehalten, von dem Schmerz auszugehen scheint.

Manu Larcenet hat sich gegenüber dem Roman eine Reihe von Freiheiten herausgenommen. So verlegt er die Handlung, die in der Vorlage in einem hochherrschaftlichen Haus spielt, in ein Farmgebäude; etwa später finden die beiden Wanderer ein sehr ähnlich aussehendes Gebäude – die Erlebnisse in beiden Behausungen könnten unterschiedlicher nicht sein. Nichts ist kalkulierbar oder vorhersagbar, alles ist ein Vabanque-Spiel mit ungewissem, manchmal lebensbedrohlichem Ausgang. Es gibt kein Ausweichen vor dieser totalen Welt.

Zu meinen Lieblingsstellen in Roman und Graphic Novel gehört jene in einer verlassenen Tankstelle. Der Vater nimmt den Hörer eines öffentlichen Münztelefons ab und hält diesen sich ans Ohr. Der Junge fragt, was er da mache. Die Antwort ist erschüttertes und erschütterndes Schweigen. In der neuen Welt ist Kommunikations-Technik sinnlos, die Reste in den daneben liegenden Öl-Kanistern sind dagegen kostbar, denn die wenigen Tropfen ergeben zusammen ein wenig Brennstoff für eine Lampe. Alles ist auf den Kopf gestellt, an die alte Welt erinnernden Gesten sind noch nicht ganz vergessen, aber sinnentleert.

An einer Stelle gibt es eine kleine Hommage an den 2022 verstorbenen französischen Zeichner und Karikaturisten Sempé, bekannt vor allem durch die Figur des Petit Nicolas. Der Junge findet in einer Zuflucht, die Vater und Sohn für kurze Zeit eine Atempause schenkt, das Buch Enfances (auf Deutsch Kindheiten) von Sempé und schmökert darin. Das Titelbild in Die Strasse und der Realität zeigt einen Schwarm Vögel, einen Anblick, den es nach der Katastrophe nicht mehr gibt.

Der krasse Gegensatz zwischen dem relativen Frieden und der Welt, die geprägt ist von dem Krieg aller gegen alle, macht die Rückkehr auf die Straße umso düsterer und deprimierender. Das Meer, ihr Zielort, eine weitere Enttäuschung, die Gefahren nehmen nicht ab, immer wieder färben sich die Bilder rot – tiefrot, sogar. Der Tod ist nah und das Ende dieser überwältigenden Graphic Novel wie das des Romans Die Straße von Cormac McCarthy nur ein Funken im Abgrund.

[Rezensionsexemplar]

Manu Larcenet: Die Strasse
Nach dem Roman von Cormac McCarthy
Aus dem Französischen von Maria Berthold und Heike Drescher
Lettering: Tim Gaedke
Reprodukt 2024
ISBN: 978-3-95640-423-8

Richter / Kretschmer: Die Sieben Leben des Stefan Heym

Ein bewegtes Leben voller radikaler Wendungen und Brüche, immer politisch und historisch sowie literarisch hochproduktiv. Cover C.Bertelsmann, Bild mit Canva erstellt.

Es dürfte nicht allzu oft vorkommen, dass ein Gedicht Gegenstand einer Debatte im Landtag wird. Stefan Heym alias Helmut Flieg ist dieses Kunststück gelungen, es hat ihm allerdings weder Ruhm noch Ehre eingetragen. 1931 hat er ein Poem unter dem Titel Exportgeschäft veröffentlicht, das in der »Chemnitzer Volksstimme« abgedruckt wurde. Dafür hat er ein Honorar von dreißig Reichsmark erhalten und ist von der Schule geflogen.

Die »Sektion Chemnitz Mitte der NSDAP« forderte den Verweis des Schülers, die bedrückenden Illustrationen unterstreichen, wie sehr die Gedicht-Zeilen Empörung und Wut in bestimmten Kreisen hervorriefen: Aufgestachelte Leser, Schulpersonal und Schüler, die den »Schmierfink« körperlich traktierten, wobei es wenig hilfreich war, dass Helmut Flieg als Jude galt.

Ich benutze diese leicht gewundene Formulierung, um deutlich zu machen, dass »Jude« in den 1930er Jahren auch eine Zuschreibung von außen auf Menschen war, die gar keine Juden sein wollten bzw. im Leben nicht darauf gekommen wären, »jüdischer Abstammung« zu sein oder als »Jude« zu gelten. Die Nationalsozialisten haben viele Menschen erst zu Juden gemacht und – ganz wichtig – darauf reduziert. Helmut Fliegs Judentum ist eher weltlicher Natur gewesen.

Die Eltern bzw. der Familienrat, dem der Betroffene selbst gar nicht angehörte, beschlossen, dass der junge Dichter nicht auf der Schule und nicht in Chemnitz bleiben könne; das bildete den Auftakt zur ersten Flucht Fliegs / Heyms, diesmal noch innerhalb Deutschlands: Er zog nach Berlin. Mit dabei eine Schreibmaschine, die er für das Honorar gekauft hatte, und die ihm über viele Jahrzehnte während aller folgenden Fluchten treu blieb.

Wir exportieren! Wir exportieren!
Wir machen Export in Offizieren!
Wir machen Export! Wir machen Export!
Das Kriegsspiel ist ein gesunder Sport!

Der Anfang von Helmut Fliegs Gedicht: Exportgeschäft

Der Auslöser für das Spektakel, das Gedicht Exportgeschäft, ist in Die Sieben leben des Stefan Heym abgedruckt, wie viele andere auch. Sie sind für sich genommen nicht unbedingt Gipfelstürmer der Poesie, beeindrucken aber dennoch, weil sie großartig zu den Illustrationen passen und diese zu ihnen. Wenn Flieg einige Dutzende Seiten später Deutschland verlassen und nach Prag fliehen muss, sind die gedichteten Zeilen ganz wunderbare Spiegel seines Inneren.

Flieg / Heym ist immer politisch gewesen, so auch bei seiner literarischen Feuertaufe: Exportgeschäft befasst sich mit der militärischen Zusammenarbeit des Deutschen Reichs und Chinas, das neben Waffen, Ausrüstung und Ausbildung auch den »Export« von Offizieren vorsah. Das ist übrigens der Grund dafür, warum chinesische Soldaten auf Bilder aus dieser Zeit oder in Filmen wie John Rabe irritierenderweise Wehrmachtsstahlhelme tragen. In den 1930er Jahren hat Hitler entschieden, statt auf China lieber auf Japan zu setzen.

Chinesische Soldaten mit deutschen Stahlhelmen.

Kurz nach der Machtübertragung an Adolf Hitler floh Helmut Flieg nach Prag, unter dramatischen und prekären Umständen. Dort wird er zu Stefan Heym, ein Deckname zunächst, dann ein Pseudonym und wohl auch eine neue Identität. Es ist erstaunlich, wie sehr das Leben von Flieg / Heym mit den politisch-historischen Ereignissen des zwanzigsten Jahrhunderts verknüpft ist und genau darin liegt ein ganz großer Vorzug dieser wunderbaren Graphic Novel.

Didaktisch ist das Buch sehr gut aufgebaut, der Leser ist (dank erklärender Kästchen, einem Zeitstrahl mit Ortsangabe) gut orientiert. Das Buch wirkt dabei sehr ausgewogen, erfreulicherweise wird der nämliche Anteil rechtsradikaler Serben an dem Weg in den Ersten Weltkrieg, wie ihn Christopher Clark in Die Schlafwandler herausgearbeitet hat, genannt, statt nur von deutscher Kriegsschuld zu schwadronieren.

Auch die fürchterlichen Abgründe in Stalins Reich bleiben nicht unerwähnt. Das ist in vielfacher Hinsicht wichtig, weil linke Intellektuelle in Westeuropa lange an einem Phantombild der Sowjetunion festhielten, Arbeitslager (Gulag), Massentötung, Erschießungen und gezielte Hungernöte mit Millionen Toten (Holodomor, Ascharschylyq) sowie die aggressive, militärische Expansion einfach ignorierten.

Die Nase rümpfen muss ich allerdings bei der Erwähnung des späteren Korea-Krieges, hier wird der Eindruck vermittelt, der ginge allein auf die USA zurück, denen auch noch die Brutalität des Krieges und die zivilen Kriegsopfer zugeschrieben werden – was tatsächlich Unfug ist. Die Autoren haben ihren Band so gestaltet, dass sie vor allem Heyms Texte sprechen lassen – möglicherweise hätte hier deutlicher werden müssen, dass es sich um die spezifische Sicht des Autors handelt.

Nachdem die USA in Korea einen für Stefan Heym unerträglichen und brutalen Krieg mit Millionen ziviler Opfer geführt hatten […], [gab] er sein Reserveoffizierspatent und seinen  Orden mit der Begründung zurück, dass dieser durch den ungerechten Krieg gegen das koreanisch Volk entehrt worden sei.

Richter / Kretschmer: Die Sieben Leben des Stefan Heym

Konsequent ist allerdings, dass Heym trotz seiner US-Staatsbürgerschaft, der Ablehnung, die ihm in Europa, namentlich Prag, Warschau und Moskau entgegengeschlagen ist, seine militärische Auszeichnung zurückgab. Diese Unangepasstheit setzte ihn zwischen alle Stühle, mit einer bemerkenswerten Beharrlichkeit hat der Autor an jedem Ort der Welt gegen das aufbegehrt, was ihm an den Lebensverhältnissen misshagte, sei es in den USA, sei es in der DDR.

So entstand ein Lebensweg, der bereits 1945 mit derart vielen dramatischen Wendungen versehen war, dass der Titel Die sieben Leben des Stefan Heym mehr als berechtigt erscheint. Es handelt sich tatsächlich um eine Novel, denn oft kommen Teile seines Werkes zu Wort, was in Kombination mit den wirklich großartigen Illustrationen einen Einblick in das Denken des Autors erlaubt.

Mir hat das Bild auf dem Cover besonders gut gefallen. Es wirkt, als stellte es den Einzelnen im (Mahl)Strom der Geschichte dar. Das mag etwas arg pathetisch klingen, doch trifft es das Leben des Schriftstellers recht gut, denn bei allem Engagement, bei allem Aufbegehren und Kämpfen, waren die Umstände immer mächtiger.

[Rezensionsexemplar]

Richter / Kretschmer: Die Sieben Leben des Stefan Heym
C.Bertelsmann 2024
Graphic Novel
Hardcover, 280 Seiten
ISBN: 978-3-570-10471-2

Matz, Jörg Maillet: Das Verschwinden des Josef Mengele

Die Graphic Novel erzählt die Geschichte von Josef Mengeles Entkommen nach dem Krieg, nach dem gleichnamigen Roman von Olivier Guez. Cover Knesebeck-Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Manchmal sieht man sie noch, die Landmaschinen aus dem Hause Mengele. Einen Schnappschuss konnte ich vor einigen Jahren während eines Spaziergangs machen, der Namenszug prangt auf dem Anhänger: Mengele. Ich habe ihn während meines Lebens häufig gesehen, schließlich habe ich einige Jahre auf dem Land leben müssen; nie aber habe ich Mengele mit Josef Mengele in Verbindung gebracht.

Aufgenommen bei einem Spaziergang im Raum Göttingen.

Das hat der Roman Das Verschwinden des Josef Mengele von Olivier Guez geändert, den ich vor einigen Jahren gelesen habe. Vorstellen möchte ich hier aber die gleichnamige Grafic Novel, die genauso lesenswert ist, wie ihre Vorlage. Sie erzählt eine Geschichte, wie sie gar nicht so selten vorgekommen ist, die Flucht eines verbrecherischen Nazis nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges.

Mit Josef Mengele verbinden sich schauderhafte Verbrechen, begangen im Konzentrationslager Auschwitz. Die werden in der Graphic Novel in wenigen eingestreuten Rückblenden angedeutet, jedoch nicht im Detail ausgeführt. Ebenfalls wird nur am Rande erwähnt, dass Mengele an der Ostfront einige Zeit in der Waffen-SS-Division „Wiking“ kämpfte und es bis zum SS-Hauptsturmführer brachte.

Der Fokus liegt auf dem Verschwinden von Kriegsverbrechern nach dem Krieg. Mit Hilfe verschiedener Netzwerke konnten Nazis aus Deutschland und Europa verschwinden, die so genannte „Rattenlinie“ ist ein geläufiger Begriff. In Argentinien fand Mengele dank des nazifreundlichen Diktator Peron wie viele andere namhafte NS-Größen Aufnahme. Verblüffend, mit welcher Offenheit das geschehen ist.

Man kennt sich, man trifft sich. Auch der Ranghöchste unter ihnen, Adolf Eichmann, tritt dort ganz offen auf, hält Hof wie ein Star und vergibt Autogramme. Mengele ist von dem Leichtsinn entsetzt, hält Eichmann für gefährlich und die ihn umgebenden Männer für Idioten.

Denn das „Verschwinden“ erweist sich nicht als Spaziergang. Statt eines neuerlichen Anlaufs zur Errichtung eines Nazi-Reiches festigt sich die Demokratie in Deutschland, in Argentinien wird der Diktator Peron gestürzt, Fritz Bauer und der israelischen Mossad heften sich auf die Spuren der geflohenen Nazis und erwischen Eichmann. Mengele jedoch nicht.

Die Graphic Novel ist nach dem gleichnamigen Roman von Olivier Guez gestaltet. Beide Bücher sind Bibliotheks-Funde, die Bedeutung von Bibliotheken für mein Leseleben ist unschätzbar.

Er kann sich über viele Jahre hinweg auf die finanzielle Unterstützung aus der Heimat verlassen, die Firma Mengele macht nach dem Krieg glänzende Geschäfte. Trotz vieler Unbilden, der stets wachen und wachsenden Angst vor Verfolgung, die in paranoider, aber durchaus berechtigter Furcht vor seinen Häschern bleibt Mengele letztlich unbehelligt.

In seinem Versteck sieht er mit Verbitterung, wie viele ehemalige Nazi-Täter in der Bundesrepublik Karriere machen, während er in einem abgelegenen Kaff in Uruguay leben muss; seine akademischen Titel wurden aberkannt, sein Mentor macht Karriere als Professor in Münster. An Auschwitz verdienten viel Personen, Firmen und Institutionen und blieben unbehelligt.

Mengele versinkt in seinem Versteck in selbstgerechte Verbitterung, doch wirft sie auch einen langen Schatten auf das Nachkriegsdeutschland, das es sich der Frage von Schuld und Verantwortung recht leichtfertig entledigte. Es weist auf den moralischen Kern von Das Verschwinden des Josef Mengele, der selbst ernannte »Exportweltmeister in Vergangenheitsbewältigung« recht dunkle Flecken auf seiner Weste.

Die Geschichte, die Guez in seinem Roman sowie Matz und Maillet in ihrer Graphic Novel erzählen ist ein schwarz leuchtendes Beispiel für eine himmelschreiende Ungerechtigkeit gegenüber den Opfern jener Nazis, die aberwitzige Verbrechen begingen und davonkamen, unterstützt und geschützt wurden. Für die Bestrafung aktuell begangener Kriegsverbrechen verheißt das nichts Gutes.

Matz, Jorz Maillet: Das Verschwinden des Josef Mengele
Nach Olivier Guez
Knesebeck 2022
Hardcover 192 Seiten
ISBN: 978- 3-95728 -756-4

Ken Krimstein: Die drei Leben der Hannah Arendt

Cover der Graphic-Novel-Adaption von Ken Krimsteins ‚Die drei Leben der Hannah Arendt‘ mit einer gezeichneten Porträtillustration von Hannah Arendt. Daneben der Titel ‚Die drei Leben‘ und der Hinweis ‚Kurzrezension‘ auf grünem Hintergrund
Die Graphic Novel zeichnet einige Stationen aus dem bewegten, ja dramatischen Leben Hannah Arendts nach, gibt aber auch Einblicke in ihre Geisteswelt. Cover dtv, Bild mit Canva erstellt.

Berühmte Zitate oder Wendungen sind beliebt, viele kennen sie, manche führen sie im Munde, doch sind sie oft aus dem Zusammenhang gerissen oder werden missverstanden ohne den Kontext. Das ist mit Carl von Clausewitz und seinem Diktum, Krieg sei nichts anderes als die Fortführung von Politik mit anderen Mitteln, nicht anders als mit Hannah Arendts Wort von der »Banalität des Bösen«.

Klingt gut, schlau und wertet jene auf, die das Zitat verwenden – auch wenn ihnen völlig unklar ist, was eigentlich »Banalität« in diesem Falle meint, gar nicht zu reden, welche Schlussfolgerungen daraus gezogen werden. Auf diese Fragen gibt auch Die drei Leben der Hannah Arendt keine Antwort, im Gegenteil: Es wirf sie und viele andere Fragen erst auf.

Die Graphic Novel von Ken Krimstein macht den Leser mit einer Reihe von Lebensstationen von Hannah Arendt vertraut, darunter äußerst dramatische, wie die Flucht aus Marseille vor dem Zugriff der mit den Deutschen kollaborierenden französischen Sicherheitskräfte. Die wunderbare, leicht sperrige Art der Illustration macht von der ersten Seite an deutlich, dass es hier um viel mehr geht, als um die Nacherzählung eines bewegten und bewegenden Lebens.

Immer wieder wird der Leser mit philosophischen bzw. politisch-theoretischen Begriffen, Fragen, Betrachtungen und Überlegungen konfrontiert, denn das alles macht das Leben Arendts aus. Sie sucht nach Antworten, bei Kant, in Seminaren, Bibliotheken, Gesprächen mit Gelehrten ihrer Zeit, durch das Schreiben von Essays und die Auseinandersetzung mit Kritikern.

Man macht auch Bekanntschaft mit dem, was jenen widerfahren kann, die Ruhm und Berühmtheit erlangen. Die Erwartungen anderer werden enttäuscht, wenn man nonkonform denkt und sich äußert – man eckt an, wird geschnitten, angefeindet und von Freunden im Stich gelassen. Freiheit und Offenheit hat ihren Preis, immer und überall.

Was heute so gewandt und geläufig klingt, die »Banalität des Bösen« als Beschreibung von Eichmanns Wesen, den viele Zeitgenossen lieber als Monster sehen wollten, hat massive Anfeindungen ausgelöst – kaum vorstellbar in der Rückschau. Damit entsteht eine Leerstelle in der Graphic Novel, die – hoffentlich – viele Leser dazu bringt, vielleicht einmal einen Teil der Lebens- und Lesezeit mit der Auseinandersetzung mit einem Text Hannah  Arendts zu verbringen.

Das Schaurigste in dem Buch ist jedoch etwas anderes. Arendt gehörte zu jenen, die von den Franzosen interniert und nach Südfrankreich gebracht wurden, als die Wehrmacht angriff. Das allein ist bedrückend genug, für mich noch unangenehmer ist die Reaktion der Insassen auf den Vorschlag Arendts, die kurze Phase der Unsicherheit, Anarchie nach dem Zusammenbruch des französischen Widerstands zur Flucht zu nutzen – viele blieben und wurden nach Osten deportiert. Sie haben lieber weggesehen, als dem Übel ins Auge zu schauen. Eine Warnung.

Ken  Krimstein: Die drei Leben der Hannah Arendt
Aus dem Englischen von Hanns Zischler
dtv 2018
Klappenbroschur 244 Seiten
ISBN: 978-3-423-28208-6

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