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Schlagwort: Historischer Roman (Seite 6 von 18)

Thomas Willmann: Der eiserne Marquis

Historisches Gemälde einer belebten Platzszene mit Kutschen und Menschen im 18. Jahrhundert, kombiniert mit dem Buchcover von Thomas Willmanns ‚Der eiserne Marquis‘, das eine Gruppe maskierter Personen zeigt. Daneben ein Zitat auf schwarzem Hintergrund: ‚Ich hatte wohl geglaubt, es möge mich das Erzählte erreten, erlösen.‘
Ein historisches Epos mit einer barocken Sprache. Man sollte sich Zeit nehmen, um es langsam und voller Genuss zu lesen. Cover Liebeskind-Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Der britische Comedian, Schauspieler, Autor und damit noch lange nicht erschöpfend beschriebene Ricky Gervais hat sich einmal über jene Menschen lustig gemacht, die angesichts von mehr als dreitausend Göttern in der Geschichte der Menschheit ausgerechnet jenen einen, an den sie glauben, als den einzig Wahren ansähen. Alle anderen wären nur Auswüchse von Nonsens. Müll.  Er macht sich also weder über Gott noch über den Glauben, sondern den kuriosen Absolutheitsanspruch angesichts der überwältigenden Konkurrenz lustig.

Für den Tod gilt das nicht. Es gibt nur einen einzigen Tod, vor dem tatsächlich alle Menschen gleich sind, denn alle Menschen müssen sterben. Manchem gilt diese wahrhaft göttliche Absolutheit des Todes als eigentlicher Grund für die Neigung des Menschen, sich Götter zu suchen: Ein Versuch, dem Tod in seiner Allmacht entgegenzutreten, ein Placebo gegen die Angst vor dem Sterben. Aber es gibt eben auch das Streben nach Unsterblichkeit, das in vielfältiger Weise Einzug in menschliches Leben gehalten hat.

Damit betreten wir das Erzählreich von Thomas Willmann, der sich in seinem Roman Der eiserne Marquis dem Bestreben mehrerer Zeitgenossen des 18. Jahrhunderts widmet, das Geheimnis des Lebens zu ergründen und den Tod zu besiegen. Schon im Prolog erfährt der Leser, dass die Sache schrecklich schiefgegangen ist, die Hauptfigur sitzt fest, mutmaßlich ein Kerker, und bezichtigt sich gegenüber seinem Publikum, einigen Ratten, mehrerer schwerer Vergehen.

Mit jenen Sätzen, glaube ich heute, setzte er mich erst recht auf die Bahn meiner fatalen Suche nach der treibenden, lebenden Kraft unserer Welt.

Thomas Willmann: Der eiserne Marquis

Bis alle Gründe für die missliche Lage offenbart sind und die letzte aller Schuld offengelegt ist, vergehen neunhunder opulent gefüllte Seiten. Die Erzählung beginnt in der Provinz, eine klassisch anmutende Begabten-Geschichte, in der jener vom Schicksal mit einigen Talenten ausgestattete Held mit seinem eher schlichten Umfeld kollidiert. Dank einer hilfreichen Hand gelingt es ihm nach Wien zu gelangen und Lehrbub beim angesehenen Uhrmacher Servasius Weisz zu werden.

Die Fein-Mechanik ist das Gebiet, in dem die Talente der Hauptfigur liegen. Die Uhrmacher-Zunft bietet ihm ein interessantes Betätigungsfeld, zumindest wenn die Uhren die nötige Qualität und Komplexität aufweisen. Darüber hinaus eröffnet die Kaiserstadt noch zahlreiche andere Möglichkeiten der Bildung, vor allem mit einem kundigen Führer wie Ferdinand, der ebenfalls für Weisz arbeitet.

Der Leser ist zu diesem Zeitpunkt längst im üppigen, bildstrotzenden Erzählstil Willmanns versunken, dessen Sprache vom einem geradezu märchenhaften Reichtum ist. Die Welt, in der sich die Figuren tummeln, wird so lebendig. Aber auch die Innenwelten der Personen, insbesondere der Hauptperson, die sich dank der Rückschau immer wieder selbst durchleuchtet und bestimmte Charakterzüge hervorhebt, meist verbunden mit Selbstbezichtigungen.

Auch Weiszens Antlitz machte erste Anstalten, sich dem Alter zu ergeben – unter Kind und Augen begann die noch gut ausgepolsterte Haut herabzusacken, feines Adergekrakel schrieb ihm die Neigung zu üppiger Speise und Trank auf die Wangen; und selbst die Fröhlichkeit hatte in seinen Zügen als Schnitzmesser für Fältlein gewirkt.

Thomas Willmann: Der eiserne Marquis

Das Beispiel zeigt schön, auf welche Reise sich der Leser dieses Romans begibt. Wer so schreiben und Bilder erschaffen kann, dem ist es möglich, die vielfältigen Zwischenwelten der menschlichen Existenz stärker auszuleuchten, als es viele andere Schriftsteller können. Das braucht Zeit, der Autor hat sie sich genommen und der Leser sollte es ihm nachtun und diese literarische Reise durchschreiten, um sie zu einem Erlebnis zu machen, das sich einem im Leseleben nicht oft bietet.

In Wien erleidet der Protagonist einen verheerenden Schicksalsschlag, den er zwar nicht ausgeführt hat, aber hätte abwenden können. Er verliebt sich in eine Grafentochter namens Amalia, es gelingt ihm sogar, sich ihr zu nähern, was Willmann in einer wirklich fabelhaften Weise erdacht hat, doch will er zu viel und beschwört durch seine kindische, dickköpfige, selbstverliebte und larmoyante Art eine Katastrophe herauf.

Ein Zwischenspiel folgt, die Hauptfigur flieht aus Wien und nimmt einen klingenden Namen an: Jacob Kainer. Er tritt der preußischen Armee bei und kämpft im Siebenjährigen Krieg, allerdings nicht mit dem Gewehr, sondern der Trommel, wenn man so will, dem Taktgeber der Armee und damit eine Art Echo des Uhrwerks. Willmann lässt den Leser an den Unbilden des Kriegsdienstes und Kriegsgeschehens mehr teilhaben, als diesem manchmal lieb ist. 

Alles, was noch geschehen sollte, war nicht Strafe oder zwingende Folge seiner bedingungslosen Hingabe an die Vernunft – sondern eben seine letztlich menschliche Fehlbarkeit darin.

Thomas Willmann: Der eiserne Marquis

Die Schlachtfelder verlässt Jacob Kainer versehrt und wird in einem Lazarett von einem Marquis entdeckt, nach Paris mitgenommen und werkelt dort gemeinsam mit seinem neuen Gönner, Freund und Schicksalsgenossen daran, dem Leben sein Geheimnis zu entlocken und dem Tod die Stirn zu bieten. Wie das Zitat zeigt, folgt das Duo, das sich ab einem gewissen Zeitpunkt durch die bezaubernde und kluge Arianne zu einem Trio erweitert und von einem stummen Diener namens Mael unterstützt wird, zunächst dem Pfad der Vernunft.

Der weitaus größte Teil des Romans widmet sich diesem Wirken, über den Inhalt will ich kein Wort mehr verlieren. Was geschieht und wie ist ganz wunderbare Literatur, die tief hineinführt in die großen menschlichen Fragen. Der Kampf gegen den Tod ist vor zweihundertfünfzig Jahren so aussichtslos wie in der Gegenwart, wer auf das »sture, bedächtige Voranschreiten der Vernunft und Verantwortlichkeit« setzt, kann angesichts der verstreichenden Lebenszeit das Ziel persönlich nur verfehlen.

Das Dilemma kann man akzeptieren, man kann sich selbst und seine Tätigkeit aufgeben oder den Pfad der Vernunft verlassen und ins Obskure, Okkulte abgleiten. Dieses Nebeneinander von Vernunft und Aberglaube prägt den Roman auf großartige Weise. Im Falle des Marquis sind beide Strömungen in einer Person enthalten, anders als bei Theodor Storms Der Schimmelreiter, in dem Moderne (neuer Deich) und Aberglaube (etwas Lebendiges muss ins Fundament des Deiches) unterschiedlichen Personengruppen zugeordnet ist.

›Meine Vernunft?! Oh, die ließ mich schon lange! Mir blieb meine Verzweiflung.‹

Thomas Willmann: Der eiserne Marquis

Der Marquis ist hochgebildet, aufgeklärt, spöttisch gegenüber dem Aberglauben (und vielen anderen Dingen) und macht sich trotzdem auf den Weg des dumpfen, morastigen Geschwurbels. Der Mensch in diesem Roman, selbst der hoch veranlagte, ist eben trotzdem zum Scheitern, zum Abgleiten verurteilt, seine Stärke nur ein Schein, der in der Konfrontation mit dem Tod, mit Krankheit und Vergehen zusehens verblasst.

Willmanns Der eiserne Marquis beginnt nicht nur im Untergründigen, Dunkeln, Verlies, sondern endet dort auch, sowohl im übertragenen wie im realen Sinne. Der Weg in den Abgrund beginnt viel früher, wie der Erzähler dank der Rückschau durchaus erkennt; er führt die Personen in ihrem verzweifelten Kampf gegen den Tod in ein schauriges Reich, das bereits Mary Shelley mit Frankenstein literarisch betreten hat.

Jede Form von Horror-Literatur ist mir zutiefst zuwider, das gilt auch für ihre zahllosen Ableger und Sub-Genres, auch die viel geschätzte Mystery. Daher ist mir anlässlich des Finales ein wenig unbehaglich geworden, was viele andere Leser nicht weiter schrecken wird. Willmann hat seinen Marquis aber zu einem wirklich überzeugenden Ende geführt. So darf ich uneingeschränkt froh darüber sein, dass sich der Autor auf das Abenteuer eingelassen hat, über mehr als ein Jahrzehnt dieses Opus zu schaffen.

Thomas Willmann: Der eiserne Marquis
Liebeskind Verlag 2023
Gebunden, 928 Seiten
ISBN: 978-3-95438-165-4

Ein ganz besonderer Piratenschatz

Jeremiah ist sofort Feuer und Flamme, als er begreift, was der Fremde ihnen zeigen möchte. Doch handelt es sich weder um eine gewöhnliche Karte noch einen gewöhnlichen Schatz und die Suche danach gestaltet sich äußerst schwierig: Ein Kartenrätsel muss gelöst werden.

Keine Piraten-Buchreihe ohne Schatzsuche; keine Schatzsuche ohne Karte. Nicht umsonst habe ich meinen Roman Vinland dem Autor Louis Stevenson und seinem Roman Die Schatzinsel gewidmet und dem Text auch ein passendes Zitat aus seinem Piraten-Klassiker vorangestellt.

Stundenlang beschäftigte ich mich in Gedanken mit der Karte der Insel, deren ich mich in allen Einzelheiten erinnerte.

Robert Louis Stevenson, Die Schatzinsel

Gern wollte ich in meiner Reihe das vertraute Motiv aufgreifen und weiterentwickeln. Da ich gleich zwei völlig unterschiedliche Ideen zum Thema Schatzsuche hatte, gehen die Piratenbrüder und ihre Mitstreiter in zwei Büchern auf die Suche. Den Anfang macht Vinland – Piratenbrüder Band 4, in dem ein Unbekannter im »Blue Cove« zu Charles Town von einer geheimnisvollen Karte berichtet, die zu einem gewaltigen Schatz führen würde.

Aber nicht einer Hinterlassenschaft eines Piraten, der seine Beute auf irgendeiner ominösen Insel versteckt hat, sondern einem Wikingerschatz. Wer jetzt denkt: Was für ein Spinnerei!, der befindet sich in guter Gesellschaft. Abgesehen von Jeremiah, der sofort Feuer & Flamme ist, sind die anderen zurückhaltend, um es einmal vorsichtig auszudrücken.

Immerhin hat der Fremde eine Karte vorzuweisen, die zeigt, wo der Schatz aufzufinden ist. Natürlich ist die Karte nicht etwa eine genaue Wegbeschreibung á la »Sie haben Ihr Ziel erreicht!«, natürlich gibt es wenigstens ein Rätsel zu knacken, natürlich wird es eine Jagd geben – aber nicht unbedingt im Stil von Stevensons Die Schatzinsel, in der zwei Parteien darum kämpfen, die wertvollen Münzen, Barren und Schmuckstücke zu heben.

Eillirs Hand zitterte leicht, als die Feder über dem Papier
schwebte. Würde er es wirklich tun?

Alexander Preuße, Vinland – Piratenbrüder Band 4

Eine Besonderheit besteht darin, dass in einer zweiten Zeitebene berichtet wird, wie die Karte entstanden ist und warum sie so seltsam gestaltet wurde, geheimnisvoll und verworren. Von Kapitel zu Kapitel springt die Geschichte über einen Zeitraum von mehr als 700 Jahren vor und zurück, der »Schatz« ist ein verbindendes Motiv, das diese Kluft überbrückt.

Die dramatische Suche nach dem Schatz ist auch eine Suche nach der Wahrheit, eng verflochten mit dem erbitterten Zweikampf zwischen den Todfeinden Elijah O’Stone und John Black, in dem die Piratenbrüder unentrinnbar verstrickt sind.

Mein vierter Roman Vinland – Piratenbrüder Band 4 ist am 20. März 2024 erschienen und als Taschenbuch oder eBook bzw. im Rahmen von Kindle unlimited erhältlich.

Bisher erschienen (auf das Cover klicken)

»Vinland« – Piratenbrüder Band 4

Der vierte Teil meiner Abenteuer-Buchreihe um die »Piratenbrüder« Joshua und Jeremiah ist am 20. März 2024 erschienen. »Vinland« ist es als eBook (Kindle / Kindle unlimited) und als Taschenbuch erhältlich.

Wikinger? Was haben Wikinger in einer Abenteuer-Buchreihe zu suchen, die in den 1730er Jahren spielt, als die Zeit der Nordmänner schon mehrere Jahrhunderte zurücklag?

Die Antwort auf diese Frage erhält der Leser auf 600 Taschenbuchseiten (oder eBook) in meinem Roman Vinland – Piratenbrüder Band 4, der am 20. März 2024 erschienen ist.

Es ist der mittlere Band der Heptalogie und nicht nur wegen seines Umfangs etwas Besonderes. Die Hälfte des Buches spielt nicht um 1730, sondern umd 1010 nach Christus. Von Kapitel zu Kapitel springt die Geschichte zwischen beiden Zeiten hin und her.

Piraten und Wikinger hatten einiges gemeinsam, vieles trennte sie natürlich auch. Das sehen auch Wissenschaftler so, wie etwa Neil Price in einem brillanten Buch »Die wahre Geschichte der Winkinger«.

Der Leser lernt Eillir kennen, einen jungen Nordmann in einer sehr bedrohlichen Lage; er geht mit Stígandr und Ryldr auf große Fahrt in den geheimnisumwitterten Westen und weit über die Grenzen der bekannten Welt hinaus.

Doch werden nicht einfach zwei nebeneinander herlaufende Geschichten erzählt, beide hängen eng miteinander zusammen. Sie sind im Grunde genommen eine einzige Geschichte zu verschiedenen Zeiten.

Vinland – Piratenbrüder Band 4 ist natürlich in erster Linie ein Roman, ich habe mir eine ganze Reihe von Freiheiten herausgenommen, um zu erzählen, was ich erzählen wollte.

Auch über die Vergangenheit Elijah O’Stones alias Einauge erfahren die Piratenbrüder endlich die Wahrheit, eine ziemlich düstere, wie das Zitat zeigt.

Herausgekommen ist eine sehr spannende Erzählung mit vielen dramatischen Wendungen. Denn natürlich geht die erbarmungslose Auseinandersetzung zwischen den ehemaligen Kaperfahrern Elijah O’Stone und John Black weiter.

Zu einer Leseprobe von »Vinland« – Piratenbrüder einfach folgenden Link klicken:
LESEPROBE

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Volker Kutscher: Olympia

Das Leben Geron Raths hat sich dramatisch gewandelt, er kämpft auf verlorenem Posten. Auch für Chary und Fritze ist im Sommer 1936 der Punkt erreicht, an dem die bisherige Überlebensstrategie nicht mehr trägt. Von ein paar kleinen Wermutstropfen abgesehen, ein großartiger Roman. Cover Piper-Verlag, Bild mit Canva erstellt.

In dem Roman Olympia von Volker Kutscher geht es zu wie in einem Spukschloss, so viele Geister der Vergangenheit treiben ihr Unwesen. Die Geister der Gegenwart, die Rath in einem schaurigen Reigen umtanzen, passen eher zu einem finsteren Horror-Schloss, Folterkeller inklusive. Sie tragen schwarze Uniformen, unterstehen Heinrich Himmler, dem Chef von Polizei und SS im »Dritten Reich«, tanzen nach der Pfeife Reinhold Heydrichs, des Herren über Unrecht und Ordnung.

Am Ende des Vorgängerromans Marlow saß Oberkommissar Gereon Rath in einer Falle, die ihm ein Geist der Vergangenheit namens Sebastian Tornow gestellt hatte. Der ehemalige Polizist, einst von Rath überführt, Mitglied der Verbrecherorganisation »Die Weiße Hand« zu sein, hatte seinen Arm verloren, war ins Ausland geflohen, ehe ihm der Machtwechsel in Deutschland 1933 das Tor zurück geöffnet hatte. Er gehört mittlerweile zum mächtigen Schwarzen Orden der SS.

Der Oberkommissar Gereon Rath ist seitdem ganz vom Wohlwollen des hasserfüllten Tornow abhängig, seine Position in den nationalsozialistischen Institutionen zunehmend unklar: Offiziell gehört er zum Landeskriminalamt, praktisch hängt er am Gängelband seiner Nemesis. Die Frage, ob sich Rath mit seinem Instrumentarium aus (Halb-)Lügen, Lavieren und Tänzeln am Abgrund wieder aus der Affäre ziehen kann, stellt sich kaum, denn schon in den Romanen Lunapark und Märzgefallene hat diese Überlebensstrategie bestenfalls Schlimmeres verhindert.

Es war nicht das Leben, das er sich ausgesucht hatte, aber wer konnte das schon, zumal in diesen Zeiten. Er konnte froh sein, dass er überhaupt noch eines hatte.

Volker Kutscher: Olympia

Da Olympia mit einem kleinen Prolog aus dem Jahr 1937, von der Handlung aus also ein Stück in der Zukunft liegend, beginnt, weiß der Leser schon, dass einiges in die Brüche geht. Die Olympischen Spiele von 1936, die dem NS-Regime einen Propaganda-Triumph bescherten, haben das Leben eines Mannes grundlegend geändert, wie es heißt. Der hat eine neue Identität angenommen, er arbeitet und lebt in bescheidenen Verhältnissen, zurückgezogen und weit weg von Berlin. Man ahnt, von wem die Rede ist.

Die Vergangenheit ruht jedoch nicht, sie ruht nie. Sie holt den Mann in seinem verdeckten Exil ein. Als er nach getaner Arbeit in seine bescheidene Unterkunft zurückkehrt, sitzt ein Toter in seinem Sessel und eine vertraute Frauenstimme begrüßt ihn. Dieser Spoiler verrät faktisch nichts, reißt vielmehr eine baugrubengroße Leerstelle auf, die der Leser unbedingt gefüllt sehen will; die Spannung schießt sogleich nach oben.

Volker Kutscher hat die Vergangenheit schon in den Romanen ab Die Akte Vaterland fabelhaft in seine Handlung integriert, den Mordfall ganz wunderbar aus zurückliegenden Ereignissen hergeleitet und motiviert. Diesmal bündeln sich die von Rath (und dem Leser) erlebte Vergangenheit in der Handlung, treiben sie voran, bremsen sie aus, lenken die Gedanken und Spurensuchen in Sackgassen und vor allem in die finsteren Abgründe des Dritten Reichs.

Nichts hatte sich verändert.

Volker Kutscher: Olympia

Im Sommer 1936 trifft Gereon Rath diese Feststellung im Nassen Dreieck, einer Kaschemme, deren Interieur so wirkt, wie immer schon. »Immer« meint vor allem die Zeit vor 1933, die Zeit der Weimarer Republik, der oft wankenden, stets auf das Heftigste angefeindeten Demokratie, der am Ende vor allem die Demokraten fehlten. Eine Illusion, wie der im Nassen Dreieck sitzende Gereon Rath weiß.

Dreieinhalb Jahre nach der Machtübergabe an Hitler hat sich nämlich alles verändert. Nicht nur draußen, vor den Scheiben des Nassen Dreiecks, sondern auch bei den Personen, die sich drinnen treffen. Reinhold Gräf, ehemaliger Freund, ehemaliger Polizist, ehemaliger Gestapo-Beamter und mittlerweile Untersturmführer im SD ist der Führungsoffizier des Inoffiziellen Mitarbeiters Gereon Rath, offiziell Oberkommissar im Landeskriminalamt.

Gräf ist also auch eine Art Geist der Vergangenheit, der sich in der Gegenwart zu einem Schreckgespenst gewandelt hat. Der eigentliche Unhold ist jedoch Obersturmführer Tornow, ein deutlich ranghöheres Mitglied der SS als Gräf, der Rath unbarmherzig schurigelt. Spurt der nicht, landet er im Konzentrationslager, das im Roman konsequent mit KL abgekürzt wird; das Schicksal blüht auch der unwissenden Charlotte Rath, das Leben der beiden ist das unter einem (für Charly unsichtbaren) Damoklesschwert.

›Und wenn sie nichts sagt, reichst du sie dann zur Folter an die Gestapo weiter.‹

Volker Kutscher: Olympia

Was KL für deren Insassen bedeutet, warum der Name Gestapo oder die Adresse Prinz-Albrecht-Straße bei allen Menschen in Deutschland, selbst SA- und Parteimitgliedern Angst auslösen, wird dem Leser auf recht drastische Weise vorgeführt. Rath, der ewig Lavierende, instrumentalisiert selbst ein wenig diese Angst, als er an seinem neuen Einsatzort zu verdeckten Ermittlungen eingeschleust wird und die widerspenstigen Kollegen bald glauben, er wäre selbst ein Gestapo-Mann.

Rath ermittelt im Olympischen Dorf, wo ein Todesfall geschieht, der aus politischen Gründen kein Mord sein darf. Der Tote ist ein Amerikaner, Funktionär in der Schwimmmannschaft der USA, die – bedauerlicherweise und nicht zur Nachahmung empfohlen – die Spiele nicht boykottierten. Ein Mord würde den für die Nazis so wichtigen Spiele beschmutzen, deren Propagandawert beeinträchtigen, daher sind diese »Ermittlungen« von Anfang an ein groteskes Irrspiel mit der Wahrheit, politischen Interessen, Machtkämpfen und persönlichem Hass.

Die Polizeiarbeit in Deutschland hat sich 1936 dramatisch verändert. Das »Politische« genießt Vorrang, wie in allen totalitären Regimen wird nicht nach der Wahrheit, sondern nach einer passenden Erzählung gesucht – im Falle des Dritten Reichs lautet ein Leitmotiv: kommunistische Verschwörung. Entsprechend wird nach Verdächtigen gesucht, die brutal verhört werden und in Haft bleiben, wenn sie trotz Gewaltanwendung nichts aussagen und ihre Schuld eigentlich widerlegt ist.

›Ich weiß nur, wenn wir unsere Erkenntnisse an die Behörden weitergeben, dann begehen  wir einen Mord.‹

Volker Kutscher: Olympia

Wenn zwingende Gründe auftreten, die der Grundannahme widersprechen, werden diese zurechtgebogen, bis sie mit den Interessen der SS übereinstimmen, oder aber ignoriert bzw. vertuscht, ganz wie es beliebt. So entsteht ein kurioses Hin und Her, das ganz passend den Eindruck einer überwältigenden Willkür und schmerzlicher Ungerechtigkeit erzeugt. Rath ist zu einem Spielball degradiert, obendrein persönlich in das verworrene Mordgeschehen verstrickt.

Sein ehemaliger Ziehsohn Friedrich Thormann (»Fritze«) ist als Ehrendienstler auch im Olympischen Dorf tätig. Sein Interesse gilt einem Autogramm des US-Sprint-Superstars Jesse Owens, dem vierfachen Goldmedaillengewinner bei diesen Spielen, eine Leistung, die angesichts der im Reich gepflegten Lehre von der überlegenen »weißen Rasse« der so genannten »Arier« zu obskuren Lügen und Verschwörungserzählungen zwingt.

Fritze ist Zeuge des Todes, der kein Mord sein darf, und wird in den Fall und dessen lebensgefährlichen Wirrnisse hineingezogen, hinter denen tatsächlich eine Verschwörung steht, aber eine ganz andere, als gedacht. Auch Charly steht unter Druck, sie arbeitet mit Ex-Polizist Böhm heimlich als Fluchthelferin. In Olympia kommen diese Formen des Durchwurstelns im »Dritten Reich« an ihre Grenze, Kutscher zwingt seine Helden dazu, sich den Tatsachen, so schmerzlich sie auch sind, zu stellen.

›Oberkommissar Rath ist zu einem Risiko für Deutschlands Sicherheit geworden. Er muss beseitigt werden.‹

Volker Kutscher: Olympia

Gegen Ende des Romans überspannt Volker Kutscher den Bogen für meinen Geschmack ein wenig. Sowohl die Auflösung der Todesfälle als auch der Showdown sind nicht so gelungen, wie in den anderen Romanen. Gewünscht hätte ich mir auch eine spürbare Entwicklung von Charlotte Rath, die noch immer aus einer sehr spontanen, fast naiven Haltung heraus agiert, was angesichts ihrer Klugheit und des langen Weges, den sie von der Stenotypistin zur Fluchthelferin zurückgelegt hat, nicht recht passen will.

Das ist ein kleiner Wermutstropfen angesichts der großen, sich zuspitzenden Spannung, von der die Handlung in diesem Roman getragen wird. Die vielen Wendungen, groß und klein, die meisten Entscheidungen der Personen, sind sehr gut motiviert. Das Ende oder: die Enden sind wie Türen in den folgenden Band, den man gleich im Anschluss lesen möchte.

Vor allem mochte ich das große Bild, das gezeichnet wird, die Atmosphäre, als läge Berlin unter einer Winternacht: In einem Unrechtsstaat kann niemand anständig bleiben, Wegducken, Mitlaufen, selbst williges Mitschwimmen und Mittun im Strom kann – wenn der Zufall es will – verheerende Folgen zeitigen. Vor derlei Unbill schützt nur das Recht im Rechtsstaat, ist der erst einmal geschleift worden, ist es zu spät.

Weitere Romane der Buchreihe:
Volker Kutscher: Die Akte Vaterland.
Volker Kutscher: Märzgefallene.
Volker Kutscher: Lunapark.
Volker Kutscher: Marlow.
Volker Kutscher: Transatlantik.

Volker Kutscher: Olympia
Piper 2020
Gebunden 544 Seiten,
ISBN: 9783492070591

Ein Spaziergang im Wald

Die Entscheidung ist mir schwergefallen, die Zweifel blieben, aber unter dem Strich bin ich froh, dass ich auf diesem Waldspaziergang beschlossen habe, das Wagnis einzugehen. Vinland ist ein Historischer Abenteuerroman mit zwei Zeitebenen.

Vor einigen Jahren habe ich einen Spaziergang im Wald unternommen, den ich nicht so schnell vergessen werde. Ich war nicht allein, Gespräch und Gedanken drehten sich um eine einzige Frage: Soll ich es wagen?

Es steht dabei für einen Roman auf zwei Zeitebenen. Die erste Version war bei meiner Erstleserin durchgefallen, die zweite immer noch sehr fehlerbehaftet, Zweifel dräuten von allen Seiten, würden die Leser nach drei Bänden einer Buchreihe so einen dramatischen Bruch goutieren?

Vor  allem plagte mich die Frage, ob ich selbst mit der Qualität zufrieden wäre. Schreiben auf zwei Zeitebenen ist ganz anders als auf einer, komplizierter und arbeitsaufwändiger. Beide Erzählstränge liegen in diesem Fall 700 Jahre auseinander und laufen parallel, trotzdem müssen sie auf eine sinnvolle Weise miteinander verbunden sein.

Ich habe Alternativen überlegt und diskutiert. Sollte ich vielleicht die zweite, in der Vergangenheit liegende Zeitebene streichen oder möglicherweise in einem eigenen Buch veröffentlichen – eine Art Spin-Off der Abenteuerreihe um die Piratenbrüder?

Die Entscheidung ist mir sehr schwergefallen, als ich sie endlich getroffen hatte, blieben die Zweifel. Ja, nicht jeder Testleser mochte die doppelte Zeitebene, vor allem erwies sich das Schreiben eines Buches mit dieser Doppelstruktur eine echte Herausforderung.

Vinland – Piratenbrüder Band 4 umfasst 600 Seiten. Es erscheint als Taschenbuch und eBook im März 2024.

Bereut habe ich es nicht. Vinland, der vierte Teil meiner Abenteuerreihe, ist nach einer riesigen Kraftanstrengung richtig gut geworden. Die Arbeit an dem Text hat mich an meine Grenzen gebracht und diese ein gutes Stück verschoben.

Perfekt ist Vinland selbstverständlich nicht, aber erstaunlicher Sprung nach vorn. Noch mehr als zuvor ist es mir gelungen, dem Inhalt eine passende Form zu geben. Grundsätzlich gilt das auch für die ersten drei Teile der Buchreihe um die Piratenbrüder, aber für den vierten in einem bis dahin unerreichten Maß.

Die beiden Zeitebenen befeuern sich gegenseitig, obwohl zwischen ihnen mehr als 700 Jahre liegen, gibt es eine ganze Reihe von Verbindungen; direkte und indirekte, die ich hier nicht verraten möchte. Nur soviel: Während der letzten Überarbeitung habe ich das brillante Buch von Neil Price Die wahre Geschichte der Wikinger gelesen. Der Autor sieht Schnittmengen zwischen den Nordleuten und den Piraten des frühen 18. Jahrhunderts.

Nicht mehr vom Gleichen!

Auch bin ich froh über den Bruch der Erzähl-Struktur innerhalb der Buchreihe Piratenbrüder. Ich mag Buchreihen nicht, die ihre Erzählmuster arg oft wiederholen – Lockwood von Jonathan Stroud war mir eine Warnung. Trotz großartiger Ideen ging mir die ewig gleiche Erzählstruktur der Teile  so auf die Nerven, dass ich keinen weiteren Band nach dem fünften gelesen hätte.

Da Vinland in der Mitte der Piratenbrüder-Reihe liegt, wird das Problem vermieden. Es beeinflusst zudem das Lesen des nächsten  Bandes, denn nicht nur das Schreiben ist auf zwei Zeitebenen anders. Totenschiff, der fünfte Teil der Reihe, wirkt durch die Rückkehr zu der Erzählweise auf einer Zeitebene sehr viel rasanter, als es der Fall wäre, würde Vinland nicht eine etwas sperrige Form haben.

Mag sein, dass es einigen Lesern nicht gefällt, wenn ein Buch in mitten einer Reihe aus dem Rahmen fällt, das bekannte, gewohnte Muster bricht. Der Erfolg von Buchreihen (á la Lockwood), die auf eine stets wiederholte Erzählstruktur setzen, wäre ein respektabler Grund für mich gewesen, meine Piratenbrüderin der gleichen Weise umzusetzen. Aber ein Leitmotiv meines Schreibens ist: nicht mehr vom Gleichen.

Der Waldspaziergang hat letztlich die Entscheidung gebracht. Gut so.

Bisher erschienen (auf das Cover klicken)

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